6. Kapitel:Der zweite Dukaten.
„Der nächste Dukaten soll erzählen!“ sagte das Eisen.
„Wart’ bis morgen, dann bin ich tot,“ rief der Schmetterling, der zwischen den spärlichen Blumen umherflog. „Ich ertrag’ es nicht, noch mehr zu hören von diesen greulichen, garstigen Dingen.“
„Ihr solltet einfach gar nicht zuhören!“ sagte der Adler. „Ich habe euch ja schon erzählt, wie die Sache sich verhält... Was wollt ihr mit all den Einzelheiten? Die Menschen sind sich in der ganzen Welt gleich, darauf könnt ihr euch verlassen! Sind sie gut, so macht das Gold sie schlecht. Sind sie schlecht, so macht es sie nur noch schlechter. Ihr hättet euch damit begnügen können, was ich euch gesagt habe und was ihr selbst in der Nacht, als der erste Goldklumpen gefunden wurde, gesehen habt. Und froh solltet ihr sein, daß wir wieder unter uns sind, und solltet bitten, daß der Regen und der Sturm und der Winter das Unglück wieder gutmachen möchten, das die Menschen in der Zeit, als sie in unserem Tale hausten, angerichtet haben!“
„Wie du schwatzest!“ rief das Blei. „Bistdudenn eigentlich so viel besser als die Menschen? Ich finde, du bist ein Räuber wie sie, wenn auch auf andre Art. Und was haben wir von den Menschen zu fürchten?Duhast allerdings allen Grund, Angst zu haben, trotz deines hohen Standorts und deiner breiten Flügel — aberwir? Laß uns in Ruhe und kümmre dich um deine Jagd und deine Fahrt durch die Luft!“
„Hat man je so etwas gehört?“ sagte der Adler. „So ein Klumpen toten Metalls will mitreden und den Adler zurechtweisen. Was ist das Blei, und was bin ich? Ich will nicht länger bei euch sein. Erzählt euch, soviel ihr Lust habt. Ich kann eure Geschichten auswendig und mag sie nicht mehr hören.“
Damit breitete er seine gewaltigen Schwingen aus und stieg empor. Aber als kurz darauf der zweite Dukaten zu erzählen anfing, saß er dennoch wieder auf seiner Felsenspitze und hörte mit den andern zu.
„Ich kann nicht so amüsant erzählen wie mein Gefährte,“ begann der zweite Dukaten. „Denn ich habe nicht so viel bunte Dinge erlebt, obwohl das meiste traurig genug ist. Eigentlich habe ich ein recht trübes Dasein geführt, denn ich habe fast die ganze Zeit über in einer Truhe gelegen.“
„Höchst sonderbar,“ warf das Eisen ein. „Ich dachte, Dukaten müßten rollen. Was für Freude kann es einem bereiten, sie daliegen zu haben, wenn man sie nicht in Gebrauch nimmt?“
„Dahinter steckt irgend etwas,“ sagte der Adler. „Glaubt mir, es wird alles an den Tag kommen.“
„Na, bist du wieder da, alter Adler?“ rief der Bleiklumpen und lachte. „Aber laß uns hören, was uns der Dukaten zu erzählen hat!“
Weinende Frau mit Familie
„Ich bin weder gestohlen noch geraubt noch durch falsches Spiel gewonnen worden. Geradeswegs bin ich von Hand zu Hand gegangen in Handel und Wandel, bis ich bei einem landete, der mich behielt. Ich wurde einem Handwerker ausbezahlt als Lohn für seine Arbeit. Aber nur einen einzigen Tag lang lag ich in seiner Schublade. Dann nahmer mich heraus, betrachtete mich lange und seufzte tief. Seine Frau stand weinend daneben, und sieben Kinder mit hungrigen Mündern waren um sie herum. Aber es half nichts. Er mußte mich forttragen zu einem alten Wucherer, der ihm Geld geliehen hatte. Die Möbel des Mannes bildeten die Bürgschaft; und wenn er nicht zahlte, so nahm der Wucherer die Möbel. Es war der letzte Termin, — und doch konnte ich die Schuld noch nicht ganz decken. Und der Mann mußte den Wucherer anbetteln, ihm zur Bezahlung des kleinen Restes, der noch übrig blieb, Aufschub zu geben. Der wurde ihm gewährt, wogegen er blutige Zinsen versprach. Die Geschichte endigte damit, daß der unglückliche Mann nicht zahlen konnte, alles verlor, was er besaß, und sich aus Kummer darüber, daß er den Seinen kein Brot schaffen konnte, erhängte. Ich hörte es ihn zu dem Wucherer sagen, daß er’s tun wollte, als er das letztemal bei ihm war. Und am nächsten Tage las der Wucherer es in der Zeitung, ohne eine Miene zu verziehen.“
„Schrecklich!“ Der Adler sagte es. „Und das nennst du nicht ein ebenso grauenhaftes Schicksal wie das deines Kollegen?“
„Ach was — Schicksal! Ein Dukaten hat kein Schicksal. Ich war ja nur ganz kurze Zeit bei dem Handwerker. Möchte man über alles gleich heulen, so würde man sich aufreiben. Aber es ist allerdings mein einziges großes Erlebnis, da ich von da an viele Jahre hindurch in der Geldtruhe des Wucherers liegen blieb. Trotzdem hab’ ich ja mancherlei vom Leben gesehen.“
„Erzähle!“ sagte das Eisen.
„Erzähl’! Erzähl’!“ riefen auch das Blei und das Kupfer und das Silber.
„Ja... seht ihr... jeden Abend und im übrigen auch sonst oft am Tage schloß er die Truhe auf .... sobald er allein war, versteht ihr, und sicher war, daß niemand ihn belauern konnte. Dann nahm er uns alle heraus und breitete uns auf seinem Tische aus. Viele, viele Dukaten waren es, und Scheine und Papiere, die ebensoviel wert waren wie rotes Gold.“
„Was?“ unterbrach das Blei den Dukaten. „Kann Papier ebensoviel wert sein wie Gold?“
„Und ob!“ erklärte der Adler. „Das wollt’ ich meinen. Ein kleines viereckiges Stück Papier kann ebensoviel wert sein wie tausend Dukaten. Man geht einfach zur Bank damit, und die tausend Dukaten werden einem sofort ausbezahlt. Das haben sich die Menschen so ausgedacht, damit sie nicht immer so viele schwere Goldstücke mit sich herumzuschleppen brauchen. Und wie behutsam gehen sie mit den Scheinen um! Gott gnade dem, der sie nachzumachen versucht. Er wird streng bestraft.“
„Erzähle weiter, Dukaten!“ sagte das Eisen. „Kann denn niemand dem Adler den Mund verbieten? Er muß fortwährend seinen Senf dazu geben, obwohl niemand ihn nach seiner Meinung fragt.“
Und der Dukaten fuhr fort: „Es war ja ganz nett, so auf dem Tisch liegen und sich ein wenig umsehen zu können. In guter Gesellschaft waren wir ja; denn was der Adler von dem Papiergeld erzählt, das ist ganz richtig. Es lag in Bündeln zusammengebunden, und wir Dukaten lagen ordentlich abgezählt in Rollen. Aber denkt euch: immer wiederlöste der Wucherer uns auf und zählte uns nach. Es war ganz unglaublich, wie oft er es tat. Er hatte nämlich Angst, es könne einer von uns abhanden gekommen oder gestohlen worden sein. Und dann machte es ihm auch Spaß, sich davon zu überzeugen, wie viele wir waren. Ihr hättet bloß sehen sollen, wie seine Augen vor Freude strahlten, wenn er uns ansah. Und seine Hände zitterten, wenn er uns anrührte; sein ganzer Körper bebte wie im Fieber.“
Der Wucherer
„Hat er nie einen von euch ausgegeben?“ fragte das Silber.
„Nie,“ erwiderte der Dukaten. „Es kamen nur immer neue hinzu; aber kein einziger von uns gelangte wieder in die Welt hinaus, wenn wir erst einmal in seiner Truhe gelandet waren. Mochte es draußen noch so kalt sein, nie hatte er ein Scheit Brennholz im Ofen. Seine Kleider waren zerlumpt und fettig, seine Stiefel durchlöchert, sein Hemd schmutzig. Haar und Bart blieben ungeschoren und ungekämmt. Er gönnte sich kaum mehr als trocknes Brot und Wasser. Im tollsten Schneesturm ging er in seinem verschlissenen Rock bis ans andre Ende der Stadt, um einen Schilling zu verdienen.“
„Welche Freude hatte er denn nun von all seinem Gold?“ fragte das Eisen.
„Ja, sag’ es mir, wenn du kannst,“ entgegnete der Dukaten. „Ich weiß es nicht. Aber noch nie hab’ ich einen froheren Menschen als den alten Geizhals und Wucherer gesehn. Ich habe viele Menschen gesehn, die verzweifelt und unglücklich waren vor Hunger, Krankheit, Liebeskummer oder aus andern Gründen. Aber dieser alte Mann wußte nichts vonHunger; er hatte niemanden lieb, und er hatte keine Wünsche und keine Sehnsucht. Wenn er nur über seinem Golde saß, dann war alles gut.“
„Geschah ihm nie etwas?“ sagte der Adler. „Er starb wohl schließlich, da du ja doch von ihm fortkamst?“
„Ich erinnere mich, als ob es heute wäre, an etwas, was er erlebte,“ antwortete der Dukaten. „Allen andern Menschen wäre es nahe gegangen, aber er machte sich nichts daraus. Er schloß sich einfach ein, nahm seine lieben Dukaten vor und war gleich wieder froh wie immer.“
„Erzähle!“ sagte das Eisen.
„Seine Tochter kam häufig zu ihm — einmal wöchentlich wohl.“
„Also er hatte eine Tochter!“ rief der Adler. „Dann muß er doch einmal Mensch gewesen sein.“
„Davon weiß ich nichts. Das war vor meiner Zeit. Aber, wie gesagt, die Tochter besuchte ihn; und dann zankten sie sich, daß es grauenhaft anzuhören war. Manchmal schrien sie beide, manchmal war nur der eine von ihnen heftig, während der andere stöhnte und jammerte.“
„Hast du das mitangesehen?“ fragte der Adler.
„Das hab’ ich schön bleiben lassen. Ich habe niemanden gesehn, denn niemand durfte mich ja sehn. Sobald das geringste Geräusch auf der Treppe ertönte, wurden wir verwahrt, der Deckel wurde zugeschlagen und der Schlüssel aus dem schloß gezogen. Aber ich hörte sie alle, hörte sie klagen und um Aufschub bitten; und ich hörte auch drohen und schelten; aber das half alles nichts. Und ich vernahm die dünne, scharfe Stimme meines Herrn— ich hörte ihr immer gleich an, was der, mit dem er sprach, zu erwarten hatte.“
Die arme Witwe
„Ich denke, du wolltest von der Tochter erzählen,“ sagte das Eisen.
„Ganz recht. Sie hatte sich gegen den Willen ihres Vaters mit einem armen Manne verheiratet. Er war im Elend gestorben, und nun war sie Witwe und hatte einen kleinen Sohn zu ernähren. Sie selber war auch nicht gesund — ich hörte sie oft hohl und heftig husten. Arbeiten konnte sie nicht recht, und so kam sie also zum Vater. Aber da kam sie an den rechten. Wenn sie bettelte und bat, schalt er sie in den ärgsten Worten, weil sie einen solchen Bettlerprinzen geheiratet habe; nun müsse sie selber sehen, wie sie fertig werde. Sie könne jeden Sonnabend kommen und die Zimmer fegen und wischen, wenn sie Lust habe, und zwar für denselben Lohn wie die Frau, die jetzt die Arbeit besorge, obwohl sie’s ja eigentlich für die Hälfte tun müsse, da er ihr Vater sei und sie ihm ihr Leben verdanke. Aber von dem Jungen wolle er nichts wissen. Vergebens bat sie, ob er ihn denn nicht wenigstens sehen wolle; und einmal brachte sie ihr Söhnchen auch mit, aber da wurde ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen. Und sobald sie fort waren, schloß der Alte seine Truhe auf und nahm uns hervor. Seine Greisenaugen glänzten vor Gier; und niemand hätte ihm angesehen, was soeben geschehen war.“
„Ist das nicht grauenhaft?“ rief der Adler. „Hab’ ich es nicht gesagt? Überall, wo das Gold ist, entsteht Sünde und Verbrechen.“
„Weiter, weiter!“ rief das Eisen.
Der böse Enkel
„Zuweilen war es auch anders,“ fuhr der Dukaten fort. „Dann war sie ganz verzweifelt und drohte und schalt so sehr, daß der Alte Angst bekam oder sich wenigstens den Anschein gab, als fürchte er sich. Dann wurde seine Stimme ganz wehleidig, er schwur einen heiligen Eid, daß er ein armer alter Mann sei, der kaum trocknes Brot zu essen habe, und forderte sie auf, für ihn zu sorgen, sie, die jung und stark sei. Mochte es sich nun aber so oder so abspielen, das Resultat war immer das gleiche, daß sie nämlich nichts bekam. Und wenn sie dann schließlich fortging, nachdem sie mit der Faust auf den Tisch geschlagen und ihn verflucht hatte, dann war er außer sich vor Freude darüber, daß er sie genarrt hatte. Er sprang im Zimmer umher, lachte wie toll und schlug sich auf die Schenkel; und wenn er uns dann aus der Truhe nahm und uns klirren und leuchten ließ, so wollte seine Lustigkeit gar kein Ende nehmen.“
„Was ist denn schließlich aus ihm geworden?“ fragte der Adler.
„Mit der Zeit wurde er älter und älter. Seine Tochter starb, und ihr Sohn wuchs zu einem bösen Jungen heran. Von Zeit zu Zeit fand er sich auch bei dem Großvater ein und sprang nicht schlecht mit ihm um. Aber er bekam nicht mehr von ihm heraus als die Mutter. Der alte Geizhals schwur, ihn enterben zu wollen; aber der junge Bursche erklärte, er werde einst doch noch in den Besitz des Geldes gelangen; und dann werde er schon dafür sorgen, daß es unter die Leute käme. Schließlich wagte der Alte es gar nicht mehr, ihn hereinzulassen, seitdem er eines Tages bemerkt hatte, wieder Bursche der großen Truhe einen verdächtigen Blick zuwarf. Er hatte wohl Angst, ermordet oder beraubt zu werden; und dem jungen Mann war eine solche Tat ja gewiß zuzutrauen. Der Wucherer hielt denn auch oft Selbstgespräche, er wolle ein Testament aufsetzen und all sein Geld einer Stiftung vermachen, damit nur der Enkel es nicht bekäme. Aber er konnte sich dennoch nicht entschließen und dachte auch immer, es eile wohl nicht; so gesund, wie er sei, könne er noch viele Jahre leben.“
„Starb er denn?“ fragte der Adler.
„Gewiß. Die Menschen sterben alle. Aber ihn überkam der Tod auf seltsame Art; er hätte sich kein glücklicheres Ende wünschen können. Denn als er gerade eines Abends in uns wühlte, uns gegen den Tisch klirren ließ, um sich an unserm guten Klange zu erfreuen, uns gegen das Licht hielt, damit wir ordentlich funkelten, uns zählte und in Häufchen aufstellte und vor Freude wie ein Kind lachte — gerade in dem Augenblick sank sein Kopf auf den Tisch, und er war sofort tot.“
„Grauenhaft!“ rief der Adler. „Er war ein schlechter Mensch!“
Die, die Glück gehabt hatten, waren fortgezogen....❏GRÖSSERES BILD
Die, die Glück gehabt hatten, waren fortgezogen....
❏GRÖSSERES BILD
„Schon möglich,“ sagte der Dukaten. „Ich halte keine Moralpredigt. Ich weiß nur, daß ich und meine Kameraden ihm Freude bereitet haben. Hätte er seiner Tochter nur ein paar von uns gegeben, so hätte er auch sie froh gemacht. Also Kummer brachten wir nur denen, die unsnichthatten.“
„Wie grauenhaft du sprichst!“ sagte der Adler. „Wieviel Unglück hat der alte Wucherer über andre Menschen gebracht, bloß um seine Goldstücke einzusammeln!“
„Erzähle weiter!“ rief das Eisen dem Dukaten zu.
„Bei seinem Tode,“ fuhr dieser fort, „war kein Testament vorhanden, darum erbte der Enkel die ganze Herrlichkeit. Er äußerte nicht den geringsten Kummer über den Tod des Großvaters; und das tat auch sonst niemand, denn alle haßten den alten Geizhals. Er wurde auf dem Armenkirchhof begraben. Das passe am besten zu seiner ganzen Lebensweise, meinte der Enkel, und dann könne er sich im Grabe wenigstens nicht über unnütze Geldausgaben ärgern. Und nun kamen wir wirklich unter die Leute. Es begann ein Leben in Saus und Braus, so daß man in der ganzen Stadt darüber sprach. Ich meinerseits wurde an einen Weinhändler ausgegeben, der mich auf die Bank brachte. Dann kam ich zu einem Schneider und ging nun von Hand zu Hand, ohne etwas Besonderes zu erleben. Jetzt bin ich hier. Und wie soll ich von hier wegkommen? Denn hier ist es noch weniger amüsant als in der Truhe des alten Wucherers. Ich will zu Menschen — Menschen — Menschen!“
„Der schlechte Umgang hat dich verdorben,“ sagte der Adler.
Aber das Blei, das Eisen, das Kupfer und das Silber seufzten und dachten ebenso wie der Dukaten.