7. Kapitel:Der dritte Dukaten.

7. Kapitel:Der dritte Dukaten.

„Lieber Gott!“ sagte der Adler. „Wollt ihr wirklich noch mehr hören?“

„Ich kann nie genug hören!“ rief das Eisen.„Ich sehne mich nach der Welt und fürchte mich nicht vor ihr. Lieber möcht’ ich heute hinaus als morgen. Auch kann ich nicht einsehen, was ich mit all der Schlechtigkeit zu tun habe.“

„Du hast ja auch nichts damit zu tun,“ sagte der Dukaten, der seine Erzählung soeben beendigt hatte. „Aber du warst doch mit dabei.“

„Wo?“ fragte das Eisen.

„Du warst überall,“ erwiderte der Dukaten.

„Erzähle, ach, erzähle!“ bat das Eisen. „Du weißt gar nicht, wie ich mich sehne.“

„Du warst überall im Hause,“ sagte der Dukaten. „Die Menschen können gar kein Haus bauen ohne Eisen, Nägel, Schlösser, Riegel und Schlüssel. Das Messer, mit dem der alte Wucherer sein Brot schnitt, war aus Eisen. Und aus Eisen waren auch die Apparate, mit denen der Schneider des Geizhalses elende Kleider zugeschnitten und genäht hatte. Eisen war unter seinen Stiefeln und an der Spitze seines Stockes. Auch die Truhe, in der er uns aufbewahrte, war mit Eisen beschlagen... Überall, wo Menschen sind, ist das Eisen im Gebrauch.“

„Da seht ihr’s! Da seht ihr’s!“ rief das Eisen vergnügt. „Ich bin ebensoviel wert wie das Gold und tue nichts Böses.“

„Nicht?“ meinte der Adler. „Nun, dann laß dir sagen, daß auch die Pistole, mit der sie einander erschießen, und die Messer, womit sie einander totstechen, aus Eisen sind. Der Dietrich, mit dem der Dieb das Schloß aufbricht, ist gleichfalls aus Eisen.“

„Was kümmert das mich?“ rief das Eisen. „Mögen sie Gutes in Böses verkehren — bleibe ich nicht, der ich bin?“

„Was kümmert es uns?“ sagten die Dukaten.

„Die Menschen sind böse und gut. Was können wir dafür, was sie mit uns anfangen? Wir sind, wie wir sind, und sie nehmen uns alle. Das Gold ist am schönsten und kostbarsten, darum stiftet es am meisten Gutes und Böses. Das kann nicht anders sein. Der verdrossenste Adler der Welt kann nichts daran ändern.“

„Hörtest du nichts über mich?“ fragte das Blei.

„Warichdenn gar nicht vorhanden?“ sagte das Kupfer.

„Und ich?“ fiel das Silber ein. „Ich glänze doch auch und bin fast ebenso schön wie das Gold.“

„Ihr wart alle da,“ erwiderte der Dukaten, „aber vom Eisen war am allermeisten vorhanden, und am angesehensten war das Gold.“

„Nun soll der nächste Dukaten uns etwas erzählen,“ schlug das Eisen vor. „Gott sei Dank, es sind noch drei übrig, da können wir uns noch auf drei ordentliche Geschichten gefaßt machen. Aber wir müssen uns sputen! Der Sommer geht zur Neige; und im Winter ist an Zuhörer nicht zu denken vor Sturm und Unwetter.“

„Ich will nichts davon wissen,“ sagte der Adler. Natürlich blieb er trotzdem und reckte den Hals, um besser hören zu können.

„Ich kann es nicht ertragen, noch mehr zu hören,“ sagte der Schmetterling, schloß seine Flügel und starb. Das hätte er allerdings auch sowieso getan, denn seine Zeit war um.

„Wie schrecklich!“ riefen die Blumen. „Gottsei Dank, daß wir bald verwelken und diese böse Welt verlassen werden!“

„Dummes Zeug!“ sagte das Eisen. „Mag verwelken, was verwelken will! Wir sind stark, und wir halten aus. Erzähle, Dukaten!“

„Was ich zu sagen habe, wird auch empfindsame Seelen nicht schrecken,“ begann nun der dritte Dukaten. „Denn das größte, was ich in meinem Leben erlebt habe, war so schön und rührend wie das schönste Gedicht.“

„Sollte man so was für möglich halten?“ unterbrach ihn der Adler. „Soweit ich die Welt durchsegelt habe, nie habe ich bemerkt, daß das Gold Gutes im Gefolge gehabt hätte.“

„Erzähle!“ sagte das Eisen zu dem Dukaten.

„Ja, wie die andern bin ich aus der Münze gekommen,“ fuhr der dritte Dukaten fort. „Wo ich früher, als ich noch Teil eines Goldklumpens war, gelegen habe, weiß ich nicht mehr, denn ich bin ungewöhnlich viel in der Welt umhergeworfen worden. Und wenn einem das passiert und man erlebt nichts Rechtes dabei, dann verliert man leicht das Gedächtnis. Jeden Tag sieht man neue Gesichter und bekommt einen neuen Herrn; und bevor man sich an ihn gewöhnt und Zeit gefunden hat, auf sein Leben und seine Gewohnheiten zu achten, ist man schon wieder weg und in der Tasche eines neuen. So ist es mir mehrere Jahre hindurch gegangen. Ich wanderte von Schublade zu Schublade und von Tasche zu Tasche. Gar nichts Merkwürdiges widerfuhr mir, bis das große Erlebnis meines Lebens kam.“

„Und das war?“ fragte das Eisen. „Handelte es sich um blutigen Mord?“

„Von all den Geschichten bist du schon ganz demoralisiert und denkst nur noch an Mord und Totschlag!“ salbaderte der Adler.

„In meiner Geschichte kommt kein Mord und auch sonst kein andres Verbrechen vor,“ sagte der dritte Dukaten. „Und die Tränen, die darin geweint werden, sind von anderer Art als die, die die Tochter des alten Wucherers weinte. Aber ihr könnt ja selber urteilen.“

Und alle hörten zu. Der Adler setzte sein mißtrauischstes Gesicht auf, und die Blumen hörten für eine Weile auf zu welken. Aber keiner war so interessiert wie das Eisen, das seine Neugier kaum bezähmen konnte.

„Auf meinem Wege aus einer Hand in die andere,“ erzählte der Dukaten, „war ich auch aufs Land gelangt, zu einem.... einem Pächter... ja, nun entsinn’ ich mich: der Geflügelhändler gab mich dem Pächter als Kaufgeld für mehrere fette Enten, die ganz grauenhaft schnatterten, als sie auf seinen Wagen geladen wurden. Der Pächter legte mich in seine Schublade, wo schon vierundzwanzig andre Dukaten lagen. Er zählte uns nach, und dann sagte er zu seiner Frau:

‚Nun sind die fünfundzwanzig beisammen. Da kann ich ja gleich in die Stadt fahren und dem alten Grafen meinen Zins entrichten. Morgen früh fahre ich zur Stadt.‘

Beim Grafen

Das tat er auch. Und in der Stadt ging er in ein vornehmes Haus zu einem vornehmen alten Herrn. Er verbeugte sich tief vor ihm, und der Herrgab ihm freundlich die Hand. Es war ein überaus schöner alter Mann mit weißem Haupt- und Barthaar; das Stehen fiel ihm schwer, darum saß er meist in seinem Lehnstuhl. Der Pächter zählte uns fünfundzwanzig Dukaten auf den Tisch, gab dem Herrn auf seine freundliche Frage Antwort, verbeugte sich wieder und verließ das Zimmer.

Sobald er draußen war, las der alte Herr weiter in dem Buche, das er vor sich liegen hatte; und erst als es Abend wurde, nahm er uns und legte uns in eine alte große Truhe, in der er sein Geld und seine Papiere aufbewahrte, und zwar in ein geheimes Fach. Während aber die andern gleich auf den Boden fielen, wurde ich in eine Spalte eingeklemmt, so daß ich fast ganz versteckt war. Und nun beginnt eigentlich erst meine Geschichte.“

„Du kamst wohl bald wieder heraus aus deinem Versteck?“ fragte das Eisen.

„Nein, eben nicht!“ war die Antwort. „Ich lag gut versteckt — ich glaube, ich habe nicht weniger als hundert Jahre so gelegen.“

„I du Barmherziger!“ rief das Blei. „Wie in aller Welt hast du denn dann überhaupt etwas erleben können? Wenn du hundert Jahre lang in einer Spalte eingeklemmt warst?“

„Wenigstens konntest du währenddessen nicht sündigen,“ meinte der Adler. „Ich fange an zu verstehen, daß deine Geschichte wirklich hübsch werden wird.“

„Ja, was ich hier erzähle, hab’ ich ja eigentlich erst hinterher erfahren,“ sagte der Dukaten. „Aber ich erzähle es so, wie es wirklich passiert ist. Dennweil ich da so versteckt lag, konnte ich ja weder hören noch sehen, falls nicht gerade Geld aus der Schublade genommen oder hineingelegt wurde, und das kam oft genug vor. Und dann merkte ich es natürlich auch, wenn die Truhe von einer Stelle zur andern bewegt wurde, ohne freilich zu wissen, was es zu bedeuten hatte. Ich verstand eigentlich erst alles an dem Abend.... Na, nun will ich aber das ganze erzählen, wie es sich zugetragen hat.“

„Erzähle!“ bat das Eisen.

„Der Graf, von dem ich schon erzählt habe, war sehr reich, sehr vornehm und hochbetagt. Seit langer Zeit nahm er nicht mehr teil am Leben, sondern saß in seinem Stuhl, las und erwartete ganz ruhig den Tod, denn er hatte ja längst seine Rechnung abgeschlossen. Und schließlich suchte ihn denn der Tod auch wirklich heim, und das Begräbnis war sehr groß. Alle Vornehmen im Lande nahmen daran teil, die Pferde waren mit schwarzem Tuch behangen und trugen silbernen Schmuck. Als das Begräbnis vorüber war, wurde das Testament in Gegenwart aller Erben geöffnet. Der Haupterbe der Güter und des großen Vermögens war der einzige Sohn des Verstorbenen, ein hochmütiger junger Herr, den niemand leiden mochte. Es nahmen denn auch alle alten Dienstboten sofort ihren Abschied, als der alte Herr in der Erde lag. Aber außerdem hatte der alte Graf allen denen, die seinem Herzen nahe gestanden hatten, Geschenke und Legate vermacht.“

„Was wurde aus der alten Truhe?“ fragte der Adler.

„Sieh mal an, wie genau du aufpaßt,“ sagtedas Eisen spöttisch. „Du bist ebenso neugierig wie wir.“

„Die Truhe bekam eine junge Dame, die niemand von der Familie kannte,“ erzählte der Dukaten weiter. „Das heißt, der junge Graf kannte sie sehr gut. Sein Gesicht verfinsterte sich, als der Notar, der das Testament vorlas, ihren Namen nannte. Außerdem hatte ihr der alte Herr für jedes Jahr eine kleine Summe ausgesetzt. Der junge Graf hatte sie nämlich einmal betrogen. Er hatte ihr vorgeredet, er werde sie heiraten, und hatte sie aus dem Hause ihrer Eltern entführt, die brave, aber ganz einfache Leute weit unter seinem Stande waren. Dann hatte er sie verlassen. Der alte Graf aber hatte Wind von der Geschichte bekommen und seinen Sohn gezwungen, das Mädchen zu heiraten. Er hatte ihn auch dazu zwingen wollen, sie der Welt als Gräfin vorzustellen, doch das wollte sie nicht. Da er sie nicht mehr liebe, so sagte sie, und da er sie so schändlich betrogen habe, so wolle sie auch nicht Gräfin sein. Die Heirat wünschte sie nur um des kleinen Kindes willen, das sie erwartete. Und so wurde es auch. Gleich nach der Hochzeit trennten sie sich und sahen sich niemals wieder. Der alte Graf bot ihr Geld an, aber das wollte sie nicht nehmen. Sie werde schon für sich und ihr Kind sorgen, sagte sie. Oftmals schrieb er an sie oder ließ bei ihr fragen, ob sie etwas brauche. Einmal ließ er sich sogar, so krank und alt er war, zu ihrer Wohnung fahren. Aber sie war in eine andere Stadtgegend verzogen; und es glückte ihm nicht, sie wieder aufzuspüren. Nun bekam sie also die Truhe und etwas Geld, falls sie sie nur finden konnten.“

„Die Sache ist wirklich spannend!“ sagte das Blei. „Hat man sie gefunden? Schnell. Du siehst, wie ungeduldig wir sind.“

„Laß mich doch erst mal zu Atem kommen, es eilt doch gar nicht so. Wir werden ja wohl hundert Jahre hier liegen können, ehe ein Mensch kommt und uns findet.“

„Kann sein,“ sagte das Eisen. „Aber vielleicht kommt auch schon morgen ein Mensch hierher.“

Die Familie des Grafen

„Allerdings hat man sie gefunden,“ erzählte nun der Dukaten weiter. „Die Polizei suchte in allen Winkeln der Stadt und entdeckte sie schließlich ganz draußen in einem Vorort. Dort lebte sie mit ihrem kleinen Knaben und ernährte ihn und sich durch Musikunterricht. Der Knabe war jetzt zwölf Jahre alt und sah wie ein richtiges Grafenkind aus. Aber er kannte seine Herkunft nicht. Sie meinte, es sei früh genug, wenn er es als erwachsener Mensch erführe, wer sein Vater sei. Nun, das Geld schlug sie wiederum ab, wie sie es schon immer getan hatte. Die alte Truhe aber nahm sie an, weil der alte Graf ja immer gut zu ihr gewesen war und getan hatte, was er konnte, um das Unrecht seines Sohnes wieder gutzumachen.“

„Und in der Truhe warst du?“ fragte das Eisen.

„Allerdings,“ erwiderte der Dukaten. „Aber das wußte niemand. Ich lag ja in meiner Spalte, wo ich die ganze Zeit über gelegen hatte. Alle die andern Dukaten, die vorher in derselben Schublade gewesen waren, waren jetzt fort, draußen in der Welt, ich aber saß gut fest. Es wurden Papiere in die Schublade hineingelegt, sie wurde auf- und zugemacht, und die Klappen wurden gleichfalls geöffnet und geschlossen; doch an mich dachte niemand, weil niemand etwas von mir wußte. Manchmal dachte ich selber, daß ich nie mehr ans Tageslicht kommen werde oder wenigstens erst, wenn die alte Truhe auseinanderfallen würde. Und das hatte noch gute Weile; denn sie war aus starkem Eichenholz gemacht.“

„Du langweiltest dich also?“ fragte das Silber.

„Gewissermaßen ja. Manchmal ärgerte es mich natürlich, wenn ich daran dachte, wie meine Kameraden in der Welt herumrollten. Aber das war immer nur ein vorübergehendes Gefühl. Denn es war so gemütlich bei den beiden Menschenkindern. Alle Abend saßen sie zusammen in der Stube; und da die Klappe der Truhe immer heruntergeschlagen war, so konnte ich jedes Wort hören, das sie sagten; und durch die Spalte, in der ich lag, konnte ich ja auch ein wenig sehen. Oft, wenn das Licht auf die Truhe fiel, kam es mir wunderlich vor, daß sie mich nie an meinem Glanze entdeckten. Aber das war nicht der Fall. Jahr auf Jahr verging, der Knabe wuchs heran, und alles verlief gut.“

„Ich finde deine Geschichte sehr einförmig,“ sagte der Adler gähnend.

„Alles in allem, bist du der schlimmste von uns,“ entgegnete ihm das Silber. „Du kannst nie Spannung und Unglück genug kriegen.“

„Herrgott!“ rief das Eisen. „Laß doch den alten Adler sein, wie er will, und laß den Dukaten erzählen!“

„Jetzt kommt es,“ sagte der Dukaten. „Die Mutter des Jungen wurde nämlich krank. Sie hattewohl zu viel gearbeitet, denke ich. Ich habe sie ja so oft husten hören, besonders des Abends, wenn sie im Bett lag. Denn die Truhe, in der ich mich befand, stand in derselben Stube, wo sie auf einem kleinen alten Sofa schlief. Sie hatten natürlich nicht die Mittel, um eine große Wohnung zu mieten. Es überraschte mich daher gar nicht, als sie eines schönen Tages auf dem Sofa liegen blieb, weil sie nicht die Kraft hatte aufzustehen. Für sie selbst aber war es eine unglückliche Überraschung und ebenso für ihren Sohn, der damals sechzehn Jahre alt war und sich noch nicht zu viele Gedanken über das Leben machte. So sind ja nun mal die Kinder.“

„Ach Gott ja!“ seufzte der Adler. „Es ist wahr! Wer von seinen Kindern Dankbarkeit erwartet, sieht sich arg enttäuscht.“

„Erzähle! Erzähle!“ rief das Eisen.

„Na,“ fuhr der Dukaten fort. „Die Verzweiflung war natürlich groß. Denn Geld hatten sie ja nicht im Hause; und als der Arzt kam, machte er ein sehr bedenkliches Gesicht und sagte, sie könne sich auf den Tod gefaßt machen; ein andrer Ausgang sei nicht zu erwarten. Es war ein schlimmer Anblick für mich, wie es ihr immer schlechter und schlechter erging. Denn ich hatte sie allmählich liebgewonnen. Oft wünschte ich, daß ich die Macht besäße, mich loszumachen und hinauszurollen und ihnen zu sagen: Hier bin ich, ich kann euch für eine kleine Weile helfen. Aber wie hätte ich das anfangen sollen? Ich mußte alles aus meinem unfreiwilligen Versteck mitansehen.“

„Nun weiß ich schon den Rest der Geschichte,“ sagte der Adler. „Eines Tages kamst du los und rolltest hervor; und dann wurde Wein gekauft, und die Frau erholte sich, und die Geschichte endigte in Herrlichkeit und Freude.“

„Nicht so ganz,“ erwiderte der Dukaten. „Die Frau starb vielmehr. Das ließ sich leider nicht verhindern. Und nun stand ihr Junge ganz allein in der Welt. Aber das ärgste war, daß sie ganz plötzlich bei einem heftigen Hustenanfall verschied, noch bevor sie ihrem Sohn etwas von seiner vornehmen Geburt erzählt hatte.“

„Waren denn keine Papiere vorhanden?“ fragte der Adler.

„Nun kommt es ja,“ sagte der Dukaten. „Gewiß waren Papiere da. Sie lagen in der alten Truhe, aber in einem geheimen Fach, von dem niemand außer der Verstorbenen und dem alten Grafen, der ja doch auch tot war, etwas wußte.... Es lag ja ganz dicht bei der Stelle, wo ich eingeklemmt war. Da lag ihr Trauschein und der Taufschein des Jungen mit seinem vollen Namen und dem Grafentitel und allem. Wenn sie früher das Fach öffnete und die Papiere herausnahm, so dachte ich gar oft in meinem Sinn, sie solle sie doch lieber an einen andern Ort legen, wo die Leute sie finden könnten. Denn man konnte ja nie wissen, was geschehen würde. Und sie hat wohl etwas ähnliches gedacht, denn sie schüttelte den Kopf und legte die Papiere wieder hinein, wobei sie vor sich hinmurmelte:

‚Nein nein nein! Wenn nicht sein Vater in sich geht und ihn aus freien Stücken aufsucht, dann ist es besser, daß sie einander nie treffen. MeinJunge wird schon durchkommen, wenn ich nur aushalte und für ihn sorgen kann, bis er für sich selbst zu sorgen vermag. Geld stiftet Gutes und Böses, dem Vater meines Jungen hat es Böses gebracht. Wäre er nicht als reicher Mann geboren worden, so wäre er vielleicht ein guter, tüchtiger Mensch geworden. Nun will ich dem Schicksal seinen Lauf lassen!‘

Vielleicht war das vernünftig von ihr gedacht, darüber möchte ich mich nicht weiter auslassen. Aber ich bin überzeugt, daß sie sich zuletzt eines andern besonnen hatte. Denn als sie sterben sollte und nicht mehr sprechen konnte, hob sie den Arm und wies auf die alte Truhe hin. Da ging ihr Sohn, der in ihrer letzten Stunde allein bei ihr war, zu der Truhe hin, nahm die Klappe herunter und zog die Schubladen heraus. Er reichte ihr verschiedene Gegenstände, die darin lagen; aber sie schüttelte den Kopf; denn das war es ja nicht, was sie haben wollte. Sprechen konnte sie nicht mehr. Und dann starb sie. — Es war hart für einen ehrlichen Dukaten wie ich, ganz in der Nähe sitzen zu müssen und doch nichts tun zu können. —

Aber nun hört weiter! Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Die Frau bekam ein sehr ärmliches Begräbnis; denn es war ja kein Geld vorhanden außer dem Erlös aus dem Verkauf der Einrichtung, und der war sehr gering, außerdem waren auch noch Schulden aus der Zeit der Krankheit da. Der Arzt, der der einzige war, der die beiden etwas näher kannte, rief den jungen Mann zu sich und sagte ihm, fünfundzwanzig Goldstücke seien sein ganzer Besitz, wenn das Begräbnis und die Schuldenbezahlt seien. Und so viel war nur deshalb übrig geblieben, weil der Arzt die alte Truhe für fünfzig Dukaten gekauft hatte, obwohl das alte Möbel bei weitem nicht so viel wert war, und er eigentlich gar keine Verwendung dafür hatte. Mit diesem Bescheide ging der junge Mann in die Welt hinaus. Der Doktor fragte ihn, ob er denn gar nichts von seiner Familie und seinen Vorfahren wisse, aber er konnte nur den Kopf schütteln. So mußte er eben versuchen, sich sein Leben zu zimmern.“

„Wohin kamst du denn nun?“ fragte das Eisen.

„Ich blieb, wo ich war. Ich saß immer noch eingeklemmt in dem Geheimfach, in dem die wichtigen Papiere lagen. Die Truhe wurde jetzt in dem Arbeitszimmer des Doktors aufgestellt und mit seinen Papieren gefüllt. Da stand sie ein, zwei, fünf Jahre lang; und ich saß fest, und die wichtigen Papiere waren schon ganz vergilbt.“

Der Doktor hört den Dukaten

„Kommt denn nun nicht endlich die Hauptsache?“ rief der Adler.

„Gewiß, gewiß! Eines Abends wollte der Doktor etwas in der Truhe suchen. Er konnte es nicht finden und wurde sehr ärgerlich darüber; denn er war ein alter Hitzkopf, obwohl er ein gutes Herz hatte. Schließlich nahm er alles, was in der Truhe war, in Bausch und Bogen heraus und legte es auf Tische und Stühle rings in der Stube. Er zog alle Schubladen heraus, öffnete alle Klappen, leerte alle Fächer, und konnte trotzdem nicht finden, was er suchte.

‚Bin ich verrückt geworden? Oder blind? Oder was ist los?‘ rief er und gab im Eifer der Truhe einen tüchtigen Stoß. Hierbei aber geschah nichtsmehr und nichts weniger, als daß ich mich aus der Ritze, in der ich so viele Jahre lang gesteckt hatte, loslöste. Ich fiel auf den Boden des Geheimfaches, und zwar fiel ich ein ziemliches Stück, denn das Fach war hoch. Bei dem Klange stutzte der Doktor und starrte die Truhe an.“

„Bei Gott! Das ist eine spannende Geschichte!“ sagte der Adler. „Spute dich, und erzähle weiter!“

Und das Silber, das Kupfer und das Eisen stimmten mit ein, und auch die vier andern Dukaten spitzten die Ohren nicht schlecht.

„Er fing nun an, in allen Schubladen und Fächern nachzusuchen,“ erzählte der Dukaten weiter, „fand aber natürlich nichts. Dann versetzte er der Truhe wieder einen ordentlichen Stoß, und da klirrte ich ja wieder in meinem Versteck, so daß er es deutlich hören konnte. Er fand auch ungefähr die Stelle heraus, wo ich saß, und drückte und zog und versuchte auf alle mögliche Weise, Eingang zu dem geheimen Fache zu finden; denn daß ein solches Fach vorhanden sein müsse, verstand er ja nun. Aber er fand nichts. Er stieß immer wieder an die Truhe, und jedesmal rollte und klirrte ich, so gut ich konnte; denn, offen gestanden, hatte ich nichts dagegen, wieder einmal in die Welt hinauszukommen und in Umlauf gesetzt zu werden. Und einmal fiel ich, als ich herumgerollt war, oben auf die geheimen Papiere... Ich hatte gleich daran gedacht, denn es mußte ja von nicht geringer Bedeutung sein, wenn sie an den Tag kämen; und wenn ich zu ihrer Entdeckung beitragen konnte, so hatte ich wenigstens alles getan, was man mit Fug und Recht von einem Dukaten verlangen konnte.

Auch der Doktor hatte den sonderbar gedämpften Laut gehört, womit ich das letztemal fiel; und da er kein dummer Kerl war, kam er auf einmal auf den Gedanken, daß Papiere vorhanden sein müßten. Er versuchte von neuem, ob er nicht eine Feder finden könnte; aber es gelang ihm nicht. Da setzte er sich auf einen Stuhl und dachte nach, wobei er die Truhe unausgesetzt betrachtete.

Da ging ihr Sohn, der in ihrer letzten Stunde allein bei ihr war, zur Truhe hin,nahm die Klappe herunter und zog die Schubladen heraus❏GRÖSSERES BILD

Da ging ihr Sohn, der in ihrer letzten Stunde allein bei ihr war, zur Truhe hin,nahm die Klappe herunter und zog die Schubladen heraus

❏GRÖSSERES BILD

Der Doktor denkt nach

Es fiel ihm ein, wer sie vor ihm besessen hatte; und er kam auf den Gedanken, daß in dem Geheimfach vielleicht Dokumente lägen, die für den jungen Mann, den Sohn der ehemaligen Besitzerin, von Wichtigkeit sein konnten. Und der Doktor vergegenwärtigte sich den jungen Mann, der schon damals sein Interesse wachgerufen hatte. Stolz hatte der Jüngling des Doktors Anerbieten, eine Dienerstelle bei ihm anzunehmen, abgeschlagen; und der Doktor hatte schon damals daran gedacht, ob nicht vielleicht ein Geheimnis über der Geburt des Jünglings schwebe.

Unser Doktor fackelte nicht lange, sondern holte Hammer und Brecheisen. Und ohne sich daran zu kehren, daß er die Truhe, die er einst für fünfzig Goldstücke erstanden hatte, zerstörte, schlug er sie so weit in Stücke, bis das Geheimfach zutage kam. Da lag ich nun, und da lagen ja nun auch die Papiere.“

„Höchst interessant!“ rief der Adler. „Ich habe wirklich schon lange nichts so Spannendes gehört.“

„Nahm er dich denn nun und gab er dich wieder in die Welt hinaus?“ fragte das Eisen.

„Michbeachtete er zunächst überhaupt nicht,“ antwortete der Dukaten. „Er nahm vielmehr die Papiere, setzte sich an den Tisch und las sie durch; und dann las er sie zum zweiten und dritten Male. Ich lag inzwischen da und glänzte und freute mich, glücklich meinem Versteck entronnen zu sein. Ich hatte auch gar keine Angst, übersehen zu werden; denn das passiert einem Dukaten nie. Und ich kann auch nicht sagen, daß ich mich gelangweilt hätte. Denn der Doktor las laut aus den Papieren vor, hielt laute Selbstgespräche und machte überhaupt kein Geheimnis aus den Dingen, die er da so auf einmal entdeckt hatte. Es waren ja auch durchaus keine unwichtigen Papiere, die er in Händen hatte. Da war der Trauschein, ein Beweis dafür, daß die verstorbene Musiklehrerin eine wirkliche Gräfin war, gesetzlich getraut mit einem der reichsten Adligen des Landes. Und da war auch der Taufschein, durch den offenbar wurde, daß ihr Sohn — jener junge Mann, der das Anerbieten des Doktors, Diener bei ihm zu sein, so stolz zurückgewiesen hatte — daß dieser junge Mann der rechtmäßige Erbe dieses Adligen war. Der alte Armenarzt lachte hell auf bei dem Gedanken, daß er beinahe einen wirklichen Grafen zum Diener bekommen hätte.

Der Doktor liest

Aber es kam noch etwas ganz andres dazu, wodurch das Interesse des Doktors noch viel mehr gesteigert wurde. Es war ihm so, als hätte er gerade heute in der Zeitung etwas von jenem Grafen, also dem Vater des jungen Mannes, gelesen. Er sprang auf, um die Zeitung zu suchen. Wie eine Fliege in einer Flasche, so schwirrte er im Zimmer umher, konnte aber die Zeitungsnummer nicht finden. Da lief er, wie er ging und stand, auf die Straße hinunter und kaufte die Nummer der Zeitung. Atemlos kehrte er auf sein Zimmer zurück, faltete die Zeitung auseinander — und richtig: der Graf, der einst mit der armen Musiklehrerin vermählt gewesen war, war soeben, plötzlich und unerwartet, in Paris gestorben. Unverheiratet, so stand in der Zeitung. Und da stand auch, daß der Titel und die großen Besitzungen auf eine Nebenlinie übergingen.

Der Doktor sprang auf, lief im Zimmer umher und rieb sich vergnügt die Hände. Der Nebenlinie werden wir was pusten! dachte er. Hier ist ein rechtmäßiger Erbe. Der wird eines schönen Tages hervortreten und seine Ansprüche erheben. Aber auf einmal fiel ihm ein, daß er ja in Wirklichkeit gar nicht wußte, wo dieser Erbe steckte.

Der Doktor ist vergnügt

Als er so nachsinnend in der Stube herumlief, bemerkte er mich. ‚Bei dir kann ich mich für die Entdeckung bedanken,‘ rief er. ‚Dich werd’ ich aufbewahren und dem Erben geben, sobald wir ihn finden. Er soll dich in Ehren halten, weil er dir seinen Rang und sein Vermögen schuldet.‘ — Damit steckte er mich in seine Westentasche und fing von neuem an, darüber nachzudenken, was er tun sollte, um den jungen Grafen zu finden.“

„Hat er ihn gefunden... und hat der junge Graf dich in Ehren gehalten?“

Die Fragen regneten von allen Seiten auf den Dukaten nieder, der dann nach einer Weile fortfuhr:

„Es kam doch ein bißchen anders. Ich lag also in der Westentasche des Doktors und wartete auf die Ehre, die mir widerfahren sollte. Am nächsten Tage aber gab er mich aus Versehen einem seiner Patienten, einem armen Schreinergesellen.“

„Aach,“ rief der Adler. „Dann hören wir ja nicht das Ende der Geschichte.“

„Doch, das kriegt ihr trotzdem zu hören,“ sagte der Dukaten. „Der Schreinergeselle gab mich natürlich gleich aus, und so ging ich lange von Hand zu Hand, wie in alten Tagen, und wie es nun mal das Schicksal eines Dukaten ist. Ich erlebte nichts Besonderes bis zu dem Tage, wo der Mann, der mich gerade vor kurzem verdient hatte, am Tische saß und mit mir spielte, während seine Frau ihm etwas Merkwürdiges aus der Zeitung vorlas. Und was las sie vor? Die Geschichte des jungen Grafensohnes, die zugleich meine eigene Geschichte war. Wie die Papiere von dem alten Doktor gefunden worden waren, und wie er jahrelang die ganze Welt durchsucht hatte, bis er schließlich den Erben fand. Ausdrücklich stand dabei, daß die Entdeckung des Geheimfaches und der Papiere dadurch erfolgt sei, daß in der Truhe ein Dukaten klirrend aus einer Ritze hinabgefallen sei; dadurch sei der Doktor aufmerksam geworden, und er habe die Truhe zerschlagen. Und es stand auch da, daß man den jungen Grafen in einem fremden Lande als fleißigen, ordentlichen Mann gefunden habe, der sein Glück vollauf verdiente. Das erste, was er tat, war die Errichtung eines Grabdenkmals für seine Mutter. — Was die beiden Leutchen wohl gesagt hätten, wenn sie gewußt hätten, daß der Dukaten, der die Hauptrolle in dieser Geschichte spielte, vor ihnen auf dem Tische lag!“

„Das war eine großartige Geschichte!“ rief das Blei, und alle andern stimmten mit ein. Nur der Adler konnte sich nicht enthalten zu sagen:

„Gewiß, die Geschichte ist schön — jedenfalls schöner als die der andern Dukaten. Aber Gerechtigkeit ist selten in der Welt; sonst hättest du jetzt an der Uhrkette eines Grafen hängen müssen.“

„Man tröstet sich mit seinem guten Gewissen,“ erwiderte der Dukaten.


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