8. Kapitel:Menschen.

8. Kapitel:Menschen.

So ungeduldig sie auch alle darauf waren, zu hören, was die beiden letzten Dukaten zu berichten hatten, mußten sie doch lange warten.

Denn jetzt war der Winter in das öde Land eingezogen.

Es kamen Stürme und Schnee und Eis, und zwar diesmal ärger als je zuvor. Fuchs und Bär fror es in ihrem Winterversteck, die Vorräte der Maus gingen zur Neige, und auch der Adler litt unter der Kälte. Der Frost ging so tief in die Erde hinab, daß die Wurzeln der Gräser erfroren; und die Samen, die dalagen und auf den nächsten Sommer warteten, nahmen Schaden an ihren Keimen. Eisen, Blei, Silber und Kupfer lagen tief versteckt unter fußhohem Schnee... Die fünf Dukaten waren ganz verschwunden. Man hätte glauben sollen, daß sie nie wieder zum Vorschein kommen würden. Denn wenn der Sturm wütete, lösten sich oft große Felsblöcke, die auf das Tal herabstürzten, so daß mehr unter ihnen begraben werden konnte als fünf kleine Goldstücke. Aber eine Geschichte mag so lang sein, wie sie will, sie nimmtschließlich doch ein Ende. Und der Winter mag noch so streng sein, es folgt doch ein Sommer darauf.

Die Sonne kam wieder hervor, der Schnee schmolz, die Bäche tauten auf; und die Keime, die der Frost in der armseligen Erde verschont hatte, schossen auf und grünten, so gut sie konnten. Die Metalle kamen wieder zum Vorschein, rostig und mit Kies und Sand bedeckt. Und auch die fünf Dukaten lagen wieder da; und man konnte ihnen nicht ansehen, was über ihre Köpfe dahingegangen war. Ihr Glanz war unvermindert.

„Gold bleibt Gold!“ sagte der Adler. „Alles Echte hat Bestand. Darum ist das Gold das vornehmste von allen Metallen, weil es nie rostet und sich nicht abnutzt.“

„Das tue ich auch nicht,“ sagte das Silber.

„Du bist ja an den Kanten ganz angelaufen. Schlecht bist du nicht, aber vor dem Golde mußt du zurückstehen.“

„Ich bin der stärkste von uns allen,“ sagte das Eisen.

„Du Ärmster!“ rief der Adler. „Du bist schwächer als alle andern. Keinen beißt der Rost so wie dich. Im Handumdrehen bist du weg.“

„Warum zanken wir uns?“ warf das Blei ein. „Wie im vorigen Jahre liegen wir hier immer noch nutzlos da, während sich draußen die Welt schön und reich entfaltet. Laßt uns hören, was die Dukaten uns zu erzählen haben. Zwei sind noch übrig, die uns nichts berichtet haben. Schaut uns an, wie mitgenommen und mit Grünspan überzogen wir sind. Und dann schaut die Dukaten an, die draußen in der Welt gewesen sind, die der Adler schlecht nennt. Sie glänzen aufs schönste.“

„Ja ja, erzählt!“ rief das Eisen.

„Meine Geschichte will ich euch gern berichten,“ sagte der vierte Dukaten. „Obwohl ich mein Geschick mit vielen andern gemein habe.“

„Ist die Geschichte schön?“ fragte ein kleines, kümmerliches Stiefmütterchen, das sich gerade geöffnet hatte. „Sonst fürchte ich mich. Wißt ihr: als ich im vorigen Jahr als winziger Samen im Kopfe meiner Mutter lag, da habe ich den zweiten Dukaten so etwas Greuliches erzählen hören. Das habe ich nie verwinden können. Darum sind meine Stengel so dünn und meine Blätter so klein.“

„Ja, die Geschichten der Dukaten eignen sich nicht für Kinder,“ sagte der Adler.

„Verschont uns doch um des Himmels willen mit dem dummen Geschwätz!“ rief das Eisen ungeduldig. „Wir wollen die Dukaten erzählen hören. Wenn hier einer diese Geschichten aus der Welt und dem Leben nicht vertragen kann, so mag er gefälligst weggehen. Wir sind doch Männer, sollt’ ich meinen.“

„Ich rechne mich allerdings zu den Damen,“ erwiderte das Stiefmütterchen. „Aber ich werde den Herren Metallen nicht zur Last fallen.“

„Danke, sehr freundlich!“ sagte das Eisen spöttisch. „Dann kann der Dukaten also beginnen.“

„Wenn ich nur wüßte, was ich erzählen soll!“ sagte der Dukaten.

„Wir sind hier im Tale nicht verwöhnt,“ meinte das Eisen. „Hier geschieht nie etwas Besonderes. Erzähl’ nur darauf los!“

„Auch ich,“ begann der vierte Dukaten, „habe natürlich viele Besitzer gehabt. Es ist nun mal unser Los, von Hand zu Hand zu gehen, wie schon meine verehrten Kollegen ganz richtig bemerkten. Wir können keinen Widerstand leisten; und wir können natürlich nicht im geringsten die Verantwortung übernehmen für das, was unsre Besitzer mit uns beginnen. Heute können wir in der Tasche eines ehrlichen Mannes liegen, und morgen in der eines Diebes. Das einemal kauft man Branntwein für uns, das andremal Rosen. Man fügt sich in sein Schicksal, ohne darum schlechter zu sein. Der Dukaten verliert seinen Wert nie, durch wessen Hände er auch gehen mag. Aber wenn sich das auch so verhält, so müßt ihr darum nicht glauben, daß ich ohne Gefühl bin. Auch ein Dukaten hat ein Herz wie andere Leute, und nicht alle unsre Herren sind uns gleich lieb. Von dem einen trennen wir uns betrübt, von dem andern mit Freuden. Die einen vergessen wir nie, die andern beachten wir kaum.“

„Das wäre also die Einleitung,“ rief das Silber. „Nun laß uns die Geschichte hören!“

„Unter allen meinen Besitzern,“ begann der vierte Dukaten, „war mir der liebste —“. Weiter aber sollte er nicht kommen in seiner Geschichte, denn der Adler unterbrach ihn von seiner Zinne mit dem Rufe:

„Da kommen Menschen!“

Ein Beben ging durch das öde Land.

Was für Menschen waren das, die da kamen? Und was wollten sie... Würde es gehen wie das letztemal, wo sie alles aufwühlten und niedertraten und dann wieder fortzogen und das Land öder und trauriger zurückließen, als es je gewesen? Oder kamen sie, um hier zu bleiben und im Landezu wohnen und bessere Zeiten zu schaffen? Die Menschen könnten ja alles, pflegte der Adler zu sagen.

Jedenfalls war es vorbei mit dem Geschichtenerzählen der Dukaten. Weder die Schicksale des vierten noch des fünften Dukaten kamen je zu Ohren der andern Metalle und des Adlers und des Stiefmütterchens. Sie hatten ja nun alle andere Dinge im Kopfe.

„Die Menschen kommen natürlich, um die fünf Dukaten zu holen,“ sagte der Adler höhnisch. „Sie laufen bis ans Ende der Welt, um ein Stück Gold zu bekommen.“

Aber diesmal irrte sich der Adler.

Die Menschen, die jetzt kamen, sahen ganz anders aus wie der ungeordnete Haufe der Goldgräber, die vor Jahren im Lande gehaust hatten. Sie waren kräftig und arbeitstüchtig und kamen in geordnetem Trupp. An ihrer Spitze stand ein junger Ingenieur, der mit ruhiger Stimme Befehle erteilte, und dem die Leute ohne Murren gehorchten. Er sah sich im Tale um, beklopfte die Steine, steckte seinen Spaten hier und da hinab, prüfte die Metalle in einem kleinen Tiegel, den er mitgebracht hatte. Mit dem Resultat seiner Untersuchungen schien er außerordentlich zufrieden zu sein. Nachdem die Leute Zelte aufgeschlagen und sich mit den mitgebrachten Gegenständen so gut wie möglich eingerichtet hatten, rief er den ganzen Trupp zusammen und sagte:

„Wir sind hier an sehr, sehr reiche Eisenminen gekommen. Früher ist hier Gold gewesen, aber das ist weg. Jetzt ist hier noch Silber, Kupfer undBlei. Doch am reichlichsten ist Eisen vorhanden, und zwar so gutes Eisen wie an wenigen Stellen in der Welt. Der Mann, der dieses Land gekauft und uns hierher gesandt hat, wird steinreich. Und auch wir können ein schönes Stück Geld mit unserer Arbeit verdienen. Wir wollen gutes Muts sein und gleichmäßigen Fleiß anwenden, dann sollt ihr sehen, welch ungeheure Menge Eisen wir gewinnen werden.“

Die Leute riefen Hurra! und gingen an die Arbeit. Nach kurzer Zeit aber stieß einer von ihnen einen lauten Schrei aus:

„Gold! Gold! Gold!“

Alle zuckten zusammen, auch der junge Ingenieur, der soeben so ruhig und vernünftig gesprochen hatte, und alle liefen herzu. Aber der Adler schlug mit den Flügeln und rief höhnisch:

„Seht ihr... es kommt, wie ich gesagt habe! Jetzt sind sie wieder ganz aus dem Häuschen.“

Das Gold, das der Mann gefunden hatte, war nichts anderes als die fünf Dukaten. Der junge Ingenieur hielt sie in der Hand und betrachtete sie:

„Es sind nur fünf. Wahrscheinlich hat sie einer der Goldgräber früher hier verloren. Wer weiß: vielleicht ist er hier gestorben oder verunglückt. Das Gold regiert die Welt, im guten wie im bösen. Wir können es nicht entbehren. Das Gold setzt unser Minenwerk in Gang. Aber glücklich der, der sein Gold durch ehrliche, redliche Arbeit erwirbt... Glücklicher ist er als der, der es auf der Erde findet. Diese fünf Dukaten sollen den Grundstock zu einer Krankenkasse für diejenigen von uns bilden, die bei der Arbeit zu Schaden kommen.“

Hiermit waren alle einverstanden, und nunwurde der Minenbetrieb in Gang gesetzt. Die Hacken erklangen, und es trafen Maschinen ein, die vom Morgen bis zum Abend stampften und arbeiteten. Ein ganzes Dorf mit hohen Schornsteinen wurde gebaut; Eisenbahnen wurden angelegt, und niemand konnte das böse Land wiedererkennen.

„Nun geht es,“ rief das Eisen. „Hurra! Nun kommen wir in die Welt hinaus!... nun sind wir ebenso gut wie das Gold!“

„Das werdet ihr nie,“ sagte der Adler. „Mit einem kleinen Stück Gold kann man einen Berg Eisen bezahlen. Die Männer, die euch aus der Erde gewinnen, werden jeden Sonnabend von dem Ingenieur mit Goldgeld bezahlt. Aber jetzt will ich fortfliegen, denn hier wird es mir zu lebhaft.“

Damit flog er auf seinen breiten Schwingen in ödere Gegenden.

Der Doktor ist vergnügt


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