Das Gold.

Das Gold.

Weit, weit von hier liegt ein böses Land.

Es hat keinen fruchtbaren Boden, darin Getreide wachsen könnte und Gras und grüner Wald. In diesem Lande gibt es nur Steine, Steine und wiederum Steine. Hier und da zwischen dem Gestein ein bißchen armselige Erde und in der Erde verkrüppelte Weidenbüsche, dünne Halme, Moos und dergleichen.

Sonst aber nur Steine, soweit das Auge reicht. Mächtige Felsen, die zu den Wolken aufragen, und zwischen den Felsen tiefe, steile Klüfte und öde Täler, darin Bäche zwischen den Steinen dahinrinnen.

Nur drei Monate lang ist es dort Sommer.

Dann brennt die Sonne so stark, daß die Steine glühend werden. Armselige Blumen kommen aus der armseligen Erde hervor, und jämmerliche Insekten schwirren zwischen den Blumen umher. Aber gar bald wird es wieder Winter. Schnee stürzt herab, und Eis bedeckt die Bäche. Der Sturm rast, und von der Sonne sieht man fast nichts. Blumen und Insekten sind verschwunden.

Wölfe jagen ein Rentier

Oben auf einem Felsgipfel hat der Adler sein Nest. Er fliegt weit umher, um Nahrung zu suchen; und manchesmal schreien seine Jungen wild vorHunger, wenn er ihnen gar zu lange ausbleibt. Denn in dem bösen Lande ist nicht viel zu holen. In den Bächen schwimmen nur wenige Fische, und hin und wieder springt eilends ein Hase fort, wenn er sieht, daß kaum etwas Gras für ihn vorhanden ist, geschweige denn ein Kohlblatt. Zuweilen kommt ein Fuchs herbeigeschlichen, oder ein erschrockenes Mäuslein flieht von hinnen. Dann ist da der Bär, der den größten Teil des Winters in seiner Höhle verschläft. Und im Winter fliegen wilde weiße Seevögel schreiend übers Land hin, und reißende Wölfe kommen heulend herbei, mit heraushängender Zunge, und machen Jagd auf ein Renntier, das aus Leibeskräften läuft, bis es zu Boden stürzt.

Aber wenn es dort auch keine bunten Blumen und kein muntres Tierleben wie in den guten Ländern gab, so bargen die Felsen in sich doch seltsame Dinge.

Denn durch das Gestein gingen in die Kreuz und Quere so viele Metalladern wie nur in wenigen Ländern der Welt.

Da lag das schwere, graue Blei und das starke Eisen, das weiße Silber, das rote Kupfer und das schöne gelbe Gold. An manchen Stellen reichten die Adern bis an die Oberfläche und glitzerten in der Sonne, — falls sie schien.

„Das sollten die Menschen bloß wissen!“ sagte der Adler.

„Wer ist das: die Menschen?“ fragte das Gold, das neugierigste der Metalle, und kroch ganz aus dem Gestein hervor, um besser hören zu können. „Und was sollten sie wissen?“

„Die Menschen regieren die Welt,“ erwiderteder Adler. „Sie erlegen das stärkste Tier und sprengen den höchsten Berg, wenn es ihnen Spaß macht oder Vorteil bringt. Wie die Ameisen wimmeln sie über die ganze Erde hin; überall da sind sie zu finden, wo es ihnen gefällt. Und sind sie nicht zufrieden mit der Erde, wie sie ist, so arbeiten sie sie um.“

„Was sollten denn nun die Menschen wissen?“ fragte das Gold wieder.

„Zum Beispiel, daßduhier bist, mein Schatz!“ entgegnete der Adler. „Dann kämen sie gelaufen und nähmen dich fort.“

„Meinetwegen,“ sagte das Gold. „Ich habe ja gar nichts dagegen, ein bißchen in die Welt hinauszukommen. Wenn ich so daliege und funkle, so finde ich selber, daß ich schön bin, und daß sich viel aus mir machen ließe.“

„Ganz richtig! Die Menschen lieben dich über alles in der Welt. Du bist das Schönste, das sie kennen. Mit deiner Hilfe können sie bekommen, was sie wollen. Um dich zu gewinnen, arbeiten sie sich alt und grau und begehen die größten Verbrechen. Wer dich hat, ist reich und mächtig und wird geehrt. Wer dich nicht hat, ist nur ein Haderlump.“

„Ich habe Sehnsucht nach den Menschen,“ sagte das Gold. „Das sind offenbar Wesen, die etwas von den Dingen verstehen.“

„Und ich?“ fragte das Silber.

„Du hast auch deinen Wert,“ erwiderte der Adler. „Aber gegen das Gold kannst du nicht an. Ihm kommt keiner gleich, weder Kupfer, noch Eisen, noch Blei. Aber für euch alle haben die Menschen Verwendung; tausenderlei Dinge können sie aus euchherstellen. Wie gesagt, sie sollten nur wissen, daß ihr hier wäret!“

„Erzähl’ es ihnen,“ bat das Gold.

„Ja, sag’ es ihnen, sag’ es ihnen!“ riefen die andern.

„So töricht bin ich nicht,“ antwortete der Adler. „Wenn die Menschen nur wüßten, daß hier halb so viel Gold wäre, wie ich von meinem Horst aus schimmern sehe, so kämen sie zu Tausenden herbeigestürzt. Bevor eine Woche um wäre, würde es hier schwarz von Menschen sein. Das ganze Land würden sie umgraben und durchwühlen. Den Bären würden sie erlegen und mich desgleichen, wenn sie uns nur treffen könnten. Wir müßten in andere Gegenden entfliehen. Warum sollte ich all das Elend über uns bringen?“

„Das, was ein Elend für dich wäre, würde ein Glück für mich sein,“ sagte das Gold. „Und ein Glück wäre es wohl auch für die Menschen, da sie mich so hoch schätzen. Möchten sie doch nur kommen! Ich würde leuchten und glänzen, daß sie ihre Freude daran hätten.“

„Schon möglich,“ meinte der Adler. „Aber die Freude, die du ihnen bereiten könntest, wöge bei weitem nicht das Unglück auf, das du anstiften würdest.“

„Ich glaube dir nicht,“ sagte das Gold.

„Tu, was du willst!“ Der Adler schlug mit seinen breiten Flügeln. „Es spielt doch keine Rolle, denn hier sind keine Menschen, und es kommen auch keine hierher. Viele Meilen weit erstreckt sich das böse Land nach allen Seiten. Die Menschen würden vor Hunger und Durst umkommen, wenn sie hierher zögen. Aber es fällt ihnen ja auch nicht ein; denn sie wissen nichts von dem Schatze, der sich hier befindet.“

Der Adler fliegt übers Tal

„Könnte man ihnen doch eine Botschaft senden!“ rief das Gold.

Der Adler antwortete nicht mehr, er war hoch in den Wolken entschwunden. —

Bald darauf stellten sich heftige Stürme und Regengüsse ein. Alle Bäche traten über ihre Ufer, alle Felsenspalten standen voll Wasser. Und als der Sturm sich legte, kam der Frost, härter als je. Das Wasser in den Spalten gefror bis auf den Grund; und an vielen Stellen wurden die Felsen gesprengt, so daß große Steine sich loslösten, ins Tal hinabrollten und zerschmettert wurden.

An einer Stelle kam auf dem Erdboden ein großer Klumpen Gold neben einen großen Klumpen Blei zu liegen. Als der Sommer anbrach, beschien die Sonne sie beide.

„Wenn doch ein Mensch kommen und mich finden möchte!“ sagte der Goldklumpen und glänzte mit der Sonne um die Wette.

„Auch ich will gefunden werden!“ rief der Bleiklumpen.

„Dich würde er nicht ansehen, wenn er hier wäre,“ sagte das Gold.

„Er sieht keinen von euch an, denn er kommt überhaupt nicht hierher,“ erklärte der Adler. „Ihr müßt euch damit begnügen, zu euerm eigenen Vergnügen zu glänzen.“

Da wurde es ganz schwarz vor den Augen des Jüngeren❏GRÖSSERES BILD

Da wurde es ganz schwarz vor den Augen des Jüngeren

❏GRÖSSERES BILD


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