Die zweite Begegnung.
Die hunderttausend Jahr’ verklangen,wie wenn ein Freudentag vergangen,und niemand weiß es: wie.
Die hunderttausend Jahr’ verklangen,wie wenn ein Freudentag vergangen,und niemand weiß es: wie.
Die hunderttausend Jahr’ verklangen,
wie wenn ein Freudentag vergangen,
und niemand weiß es: wie.
Es vergingen hunderttausend Jahre, und der Tag kam, da die Fürsten nach ihrer Verabredung wieder zusammentreffen sollten, um voneinander zu hören, wie es ihnen ergangen war.
Im Dunkel der Nacht begaben sie sich jeder für sich zum Treffpunkt und setzten sich ganz wie das letztemal im Kreise nieder, ein jeder auf seinen Berg. Als die Sonne aufging, schien sie auf die vier hohen Herren in all ihrer Pracht und Macht.
Des Sommers Purpurmantel erstrahlte, und der goldne Gürtel um seine Lende und die rote Rose im Gürtel leuchteten. Der Lenz saß in seinem grünen Gewande da, spielte auf den Saiten der Laute und summte dazu. Der bunte Mantel des Herbstes flatterte im Winde, und der Schnee auf dem Berg des Winters glitzerte wie von Millionen Diamanten.
Des Sommers und des Winters Augen trafen einander zum erstenmal wieder nach den vielen Jahren. Der Schweiß sprang auf der Stirn des Winters hervor, und der Sommer hüllte sich schaudernd in seinen Mantel. Sie waren gleich stark und gleich stolz, aber die Augen des einen waren mild, die des andern kalt und streng. Zornig blickten sie einander an, als bittre, unversöhnliche Feinde.
Und auch der Frühling und der Herbst saßen einander gegenüber wie damals vor langer, langerZeit, und auch ihre Augen trafen sich. Der Blick des Frühlings war betaut, träumerisch und jung wie immer, und der des Herbstes wehmütig und ernst.
Eine Weile saßen die Fürsten so da. Dann erhoben sie sich alle und verneigten sich tief, der Frühling und der Herbst aber am tiefsten, wie es dem Geringeren geziemt. Und als sie wieder saßen, ein jeder auf seinem Berge, und eine Weile geschwiegen hatten, da wandte der Herbst seinen ernsten Blick dem Sommer zu und fragte:
„Hab’ ich den Bund gehalten, den wir schlossen?“
„Das hast du!“ erwiderte der Sommer. „Du hast mir die Ernte geborgen. Ich danke dir.“
Und der Herbst wandte sich zum Winter und fragte:
„Hab’ ich getan, was ich versprach? Hab’ ich dir dein Bett zurechtgemacht? Hab’ ich auf der Erde Platz geschafft für deinen Sturm und deine Kälte?“
„Das hast du getan,“ antwortete der Winter verdrossen. „Aber stets hast du das Tal zu spät verlassen.“
Und der Frühling hob sein Antlitz zum Sommer auf und fragte:
„Hab’ ich nicht das Tuch für dich ausgebreitet, wie ich’s versprach? Hab’ ich nicht das Wasser vom Joch des Eises befreit und die Erde vom Frost? Hab’ ich nicht das grüne Waldzelt aufgeschlagen für dich?“
„Ja, das hast du getan,“ erwiderte der Sommer mild. „Ich bin dafür in deiner Schuld.“
Aber der Winter drohte dem grünen Frühling und schrie:
„Stets bist du zu früh gekommen, du Windbeutel! Nie konnt’ ich meinen Schnee bis auf den Grund ausschütten, nie waren meine Stürme schon müde geworden, wenn du mit deinem Leierkasten erschienst.“
„Ich habe getan, was ich tun mußte,“ erwiderte der Frühling und griff lächelnd in die Saiten der Laute.
Aber der Herbstfürst erhob sich und verneigte sich dreimal tief.
„Dann hat unsre Zusammenkunft ja der armen Erde Segen gebracht,“ meinte er. „Nun wollen wir Abschied voneinander nehmen, um uns nie wieder zu treffen. Einzeln werden wir unsern Gang über das Land fortsetzen bis ans Ende der Zeiten.“
Der Frühling erhob sich, verneigte sich dreimal, wie der Herbst es getan, und band die Laute über die Schulter. Aber der Sommer und der Winter blieben sitzen und schauten vor sich hin, als hätten sie noch etwas auf dem Herzen; und als der Frühling und der Herbst das sahen, setzten sie sich wieder, ein jeder auf seinen Berg, und warteten ehrerbietig.
Als eine Weile verstrichen war, hob der Winter sein weißes Haupt und sah vom einen zum andern.
„Nun will ich das aussprechen, was wir alle denken,“ sagte er.
Fragend wandte der Herbst sich ihm zu, und der Frühling band die Laute wieder los und spielte und summte. Aber der Sommer nickte beifällig.
„Wir sind Fürsten von Gottes Gnaden,“ sagte der Winter. „Wir haben die Erde unter uns verteilt,so daß ein jeder von uns den vierten Teil des Jahres über herrscht. Wir haben den Vertrag eingehalten, den wir miteinander geschlossen haben, aber das Land ist nicht mehrunser.“
„Das ist wahr,“ erklärte der Sommer.
„Wir sind nicht mehr Herren im Lande,“ versicherte der Winter. „DieMenschenhaben die Macht an sich gerissen.“
Am warmen Ofen
Der Sommer nickte wieder, der Herbst beugte sein Haupt ein klein wenig vor, der Frühling aber summte seine Melodien und schaute über das Land hin, als ob er gar nicht zuhörte. Aber der Winter fuhr fort:
„Ich weiß nicht, woher sie gekommen sind. Sie müssen zu dem Gewürm gehören, das der Frühling aus der Erde hervorlockt mit seinem Gesang, und das der Sommer lebendig erhält. Aber so viel weiß ich: sie sind da, sie wimmeln auf dem Lande umher, und mit jedem Jahr werden es ihrer mehr und mehr.“
„Das ist wahr,“ sagte der Sommer.
Der Herbst nickte mit dem Kopf, aber der Frühling spielte und sang.
„So ist’s,“ sagte der Winter, „und ich kann ihnen nicht zuleibe. Sie sind mir zu klug, und sie sind jedesmal klüger geworden, wenn ich sie wieder zu sehen bekomme. Vergebens schick’ ich ihnen meine bitterste Kälte, meinen heftigsten Sturm. Sie haben Häuser gebaut, worin sie warm und geschützt sitzen und den Sturm wüten lassen. Sie zünden Feuer an, um sich warm zu halten, und sie haben sich dicke, wollne Kleider verfertigt... für Leib und Glieder, Hände und Füße. Und nichtgenug damit! Die Tiere, die sie gebrauchen können, nehmen sie zu sich in die Häuser. Wälze ich meinen Schnee auf die Erde herab, so daß er bis zum Dach ihrer Häuser hinan liegt, so schieben sie ihn beiseite und bahnen sich Pfade und Wege hindurch. Verwandle ich das Wasser zu Eis, so schlagen sie das Eis in Stücke, wenn’s ihnen paßt, oder sie setzen Eisen unter ihre Füße und laufen darüber weg und machen sich obendrein ein Vergnügen daraus.“
„Es ist wahr,“ sagte der Sommer. „Die Menschen haben jetzt die Macht in Händen.“
Aber der Winterfürst hatte seine Klage noch nicht beendet.
„Die Menschen regieren über die Erde,“ sagte er. „Und sie wissen es und sind mir überall im Wege. Um mich so recht zu verhöhnen, haben sie ihr wichtigstes, vornehmstes Fest mitten in meine Regierungszeit verlegt. So frech sind sie!“
Eislaufen
„Auch ich kenne sie,“ sagte der Herbst. „Und ich kann nicht leugnen, daß sie sich zu Herren der Erde gemacht haben, wenn sie mir auch nicht viel Schaden zufügen. Aber eigenmächtig sind sie, und die Ernte bringen sie ins Haus, manchmal vor und manchmal nach der richtigen Zeit.“
„Jawohl!“ schrie der Winter. „Darum kann ich sie auch nicht aushungern, weil sie ihre Scheunen mit Vorräten füllen. Aber wenn wir zusammenhalten, können wir sie bezwingen.“
Da ergriff der Sommer das Wort:
„Die Menschen haben die Macht, und wir können nichts daran ändern. Sie sind zu zahlreich und zu klug, wie der Winter ganz richtig sagte. Anfangs hab’ ich nichts gegen sie einzuwenden gehabt. Wie meine andern Geschöpfe liefen sie im Walde umher, jagten, kämpften und brachten ihre Kinder unterm Laube zur Welt. Sie gehorchten dem Gesetz des Lebens, das ich ihnen gegeben habe. Und ich habe ihnen ebensoviel Gutes gegönnt wie dem Hirsch, dem Sperling und dem Regenwurm.“
„Alsichsie das erstemal sah, hüllten sie sich in Felle und versteckten sich in Höhlen,“ sagte der Winter zornig.
„Das war ihr Recht,“ erwiderte der Sommer ruhig. „Ein jedes Wesen, das ich geschaffen habe, sucht Schutz vor deiner Bosheit, wenn es nicht aus dem Lande fliehen kann, während du herrschest. Aber die Menschen sind nicht mehr das, was sie waren. Jetzt jagen sie nicht mehr frei und keck im Walde. Ihr Angesicht ist blaß geworden, ihr Arm schwach, und sie sind hilflos. Jammergeschöpfe sind die Menschen geworden, und sie müßten sterben. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn der Winter sie alle töten würde. Denn sie herrschen nicht, weil sie die stärksten sind, sondern weil sie alle möglichen spitzfindigen Einrichtungen ersonnen haben. Das verleiht ihnen so große Macht auf Erden.“
„Laßt uns sie ausrotten!“ schrie der Winter.
„Das können wir nicht,“ entgegnete der Sommer. „Sie haben das Land ganz nach ihren Bedürfnissen umgeschaffen. Eine Anzahl meiner Tiere und Pflanzen haben sie ausgerottet, weil sie ihnen keinen Nutzen brachten und nicht gefielen; andere wiederum haben sich unter ihrem Einfluß vermehrt. Und alle, die in die Dienste der Menschen treten, werden krank und schwach wie sie. Sie werdenabhängig von den Menschen, damit diese Nutzen von ihnen haben können; aber mit dem freien Leben, zu dem sie geschaffen wurden, ist es aus. Ich hasse die Menschen, wie der Winter sie haßt. Aber es gibt keinen Rat gegen ihre Herrschaft.“
Er schwieg. Mißmutig starrten die drei Fürsten vor sich hin. Nur der Frühling spielte glücklich auf den Saiten seiner Laute.
Da wandte der Winter sich ihm zu und sagte barsch:
„Du allein hast kein Wort gesagt. Was haben die Menschen dir Böses getan?“
„Sag’ es uns!“ erklärte der Herbst dringlich.
„Du hassest sie doch wohl wie wir?“ fragte der Sommer.
Der Frühling hob sein junges Antlitz und blickte sie an, als weilten seine Gedanken in weiter, weiter Ferne.
Blumen pflücken
„Die Menschen?“ sagte er dann. „Sie tun mir nicht weh!“
„Ich halte das für eine deiner üblichen grünen Lügen!“ sagte der Winter spöttisch.
Aber der Frühling blickte vor sich hin mit seinen betauten, verträumten Augen, griff stärker in die Saiten und antwortete:
„Seht, wenn ich ins Tal komme, in die Saiten meiner Laute greife und dazu singe, wenn die Blumen dem Erdreich entsprießen, dann löst sich der Frost in den Herzen der Menschen wie in der kalten Erde. Dann singen sie und blühen und lachen, und Liebe und Wonne werden in ihren Seelen wach!“
Erstaunt blickten die drei Fürsten den Frühling an, aber er fuhr fort:
„Als ich das letztemal im Tale war, sah ich einen alten, alten Mann. Sein Haar war weiß und seine Augen matt. Seine Hände tasteten hilflos umher, und seine Beine konnten ihn kaum tragen. Aber als ich im Tale stand und in die Saiten meiner Laute griff, da richtete er auf einmal seinen krummen Rücken auf, und in seine Augen kam ein Glanz. ‚Der Wald wird grün!‘ sagte er. Und er ging hinaus und sprang auf seinen zitternden Beinen meinen Blumen nach, lauschte meinem Gesang und nahm mit den andern an meiner grünen Freude teil!“
Er schwieg. Keiner der andern Fürsten antwortete ihm. Lange saßen sie schweigend da und blickten über die Erde hin.
Und es wurde Abend und Nacht. Der Mond schien auf die Schneeberge, die Rosen des Sommers dufteten, der bunte Mantel des Herbstes flatterte im Winde, der Frühling griff in die Saiten der Laute und summte leise dazu.
*
Am nächsten Morgen erhoben sich die vier Fürsten in all ihrem Glanz und ihrer Macht, verneigten sich tief voreinander und schritten langsam über die Erde hin.
Die Fürsten schreiten über die Erde