Grabwespe und Goldwespe.
Der alte Pfahl stand unten im Garten.
Es gab freilich viele, die oft im Garten gewesen waren und den Pfahl nie gesehen hatten. Denn erstens war der Garten sehr groß. Es war so ein richtiger Garten mit einem ganzen Wald von Stachelbeersträuchern, mit grünen Rasenflächen und knorrigen Apfelbäumen, Kartoffeln und Kohl in langen Reihen, Rhabarber mit dicken, roten Stengeln, Spargelkraut mit wehenden grünen Spitzen, mit einem Gewirr von Blumen und einem ungeheuer langen Haselnußgang. Der Haselnußgang war so lang, daß, wenn ein großer Junge an dem einenEnde gegangen kam, er von dem andern Ende aus ganz klein aussah. Und zweitens stand der alte Pfahl so gut versteckt, daß Genie dazu gehörte, ihn zu finden.
Pfahl in einer Gartenecke
Er stand nämlich in der allerhintersten Ecke des Gartens auf einer kleinen Anhöhe, dicht am Zaune des Nachbars.
Eigentlich war es allerdings gar keine Anhöhe ... Die Anhöhe lag drüben an der andern Ecke, nach dem Weg hin, und auf ihr standen ein Tisch und eine Bank und außerdem auch eine hohe weiße Flaggenstange. Aber der alte Pfahl stand auf einem Haufen von welken Blättern und Schutt und Steinen und andern Abfällen, die der Gärtner auf seiner Schiebkarre hierher gefahren hatte.
Da lagen zerbrochene Blumentöpfe und geknickte Blumenstöcke, verwelkte Pflanzen, die einmal vornehm gewesen, aber jetzt so vertrocknet und eingeschrumpft waren, daß man sie gar nicht mehr wiedererkennen konnte. Da lag ein alter Rechen, der nur noch einen Zahn hatte, und der war entzwei; und da lagen ein Spatenstiel ohne Spaten und ein Scharreisen ohne Schaft.
Und ringsum zwischen alledem wuchsen lange, dünne Grashalme, die sofort umknicken mußten, wenn der Wind über sie hinstrich. Aber das tat er nicht, denn die Büsche waren auf allen Seiten dicht miteinander verschlungen, so daß der Wind keinen Zutritt fand. Die Bäume aus dem Nachbargarten streckten ihre Zweige weit über den Zaun hin, so daß es in dem kleinen Winkel immer dunkel war. Bloß gerade in der Mitte der Anhöhe war ein Fleck, auf den die Sonne schien.
Grabwespe
Auf diesem Fleck stand der Pfahl.
Er war jetzt so häuslich, wie so ein alter Pfahl nur sein kann. Aber im übrigen trat er niemandem zu nahe. Er sonnte seinen alten, runzligen Körper und neigte sich müde nach der einen Seite. Es war ganz deutlich, daß er fromm und gottergeben auf den Tag wartete, wo er umfallen und verfaulen würde.
Aber die Sträucher und das Gras ringsum konnten ihn nicht leiden, weil er mitten in der Sonne stand, während sie selbst im Schatten wuchsen.
„Das Leben hat doch gar keinen Sinn,“ sagte das Gras, das lang und dünn und blaß in die Höhe schoß. „Hier stehe ich und wachse und wachse und bedarf der Sonne und bekomme keine, während derabgestorbene, vertrocknete Bursche es sich im lieblichsten Sonnenschein wohl sein läßt!“
„Das alte Gespenst!“ rief der Fliederstrauch, dessen unterste Zweige sämtlich verdorrt waren, weil die Sonne fehlte. „Wenn er nicht so viel Takt gehabt hat, sich hinzulegen und zu sterben, dann sollte er seinen Leichnam wenigstens nicht in der Sonne zur Schau stellen. Wozu ist er zu gebrauchen? Was tut er? Treibt er Blätter und Blüten?“
Der Goldregen nickte mit allen seinen gelben Blüten, denn er war ganz derselben Ansicht wie der Fliederstrauch. Und die Nachtigall, die im Rotdorn wohnte, setzte sich nie auf den alten Pfahl. Sie hüpfte in den Sträuchern umher und flüsterte ihnen allerlei Schönes ins Ohr. Sie erzählte dem Goldregen, wie fein und anmutig seine Blüten herabhingen. Sie sang von dem Duft des Flieders und des Jasmins und sagte zum Rotdorn, nirgends in der Welt lasse es sich so warm und herrlich wohnen wie in seinen Zweigen. Für den alten Pfahl aber hatte die Nachtigall nie ein freundliches Wort übrig, hielt ihn vielmehr immer zum besten.
„Na, du alter, steifer Kerl!“ schrie sie. „Willst du nicht ein bißchen mit deinen Blättern fächeln — was? Oder sind deine Knospen vielleicht noch nicht aufgesprungen? Oder feierst du schon Herbst?“
Da lachten die Sträucher, daß alle ihre Blätter sich bewegten. Denn sie fanden die Nachtigall ungemein witzig. Und sie war auch der einzige Vogel, der hier im Winkel sein Nest baute.
Aber der alte Pfahl machte sich nicht viel aus all dem Spektakel. Er hörte jetzt auch nicht mehr besonders gut, so daß ihm vielleicht manches entging. Außerdem war er ja in dem Alter, wo man sich um das Gerede der Leute nicht bekümmert, wenn man nur seine behagliche Ruhe hat. Wenn sie alle durcheinander schrien, so daß man in dem Winkel kein Wort verstehen konnte, dann machte er ja allerdings eine bescheidene kleine Bemerkung zu seiner Entschuldigung. Aber gewöhnlich hörte das niemand außer dem Moos, das auf dem alten Pfahl wuchs.
Goldwespe
„Herr Gott!“ murmelte er dann. „Laßt mich doch in Frieden hier stehen, bis ich falle. Ich tue ja keiner Katze was zuleide.“
Und kurz darauf sagte er, aber noch leiser:
„Unsereins ist ja auch einmal jung gewesen. Ein richtiger, schöner Baum war ich, jawohl! Damals hab’ ich Blätter und Blüten gehabt, und zwei Buchfinkenfamilien haben in meinem Wipfel gewohnt. Aber dann sollte ein Weg dahin, wo ich stand. Ich wurde gefällt, zugehauen und angestrichen — rot und weiß — und um die Beine herum geteert. Acht lange Jahre stand ich so im Zaune da. Das strengt an, jawohl!“
Eines Morgens im Sommer hing der alte Pfahl seinen Gedanken nach.
Es hatte zwei Tage lang geregnet, und am Fuße des Pfahls hatte sich eine kleine Pfütze gebildet. Große, schwere Tropfen fielen von den Sträuchern auf die welken Blätter hinab. Jeder von den langen, dünnen Grashalmen schleppte einen Tropfen und zerbrach fast vor Anstrengung. Aber nun war in der Frühe die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen und schien mild und warm gerade auf den Pfahl.
„Gott sei Dank!“ sagte der alte Pfahl. „Das war zu viel Feuchtigkeit für so einen alten Herrn wie ich, der die Gicht und das Podagra hat.“
Im selben Augenblick spürte er etwas, das auf seinem Kopfe herumkrabbelte, und gewahrte einen behenden kleinen Gesellen, der auf ihm saß und in ein Loch hineinguckte, das der alte Pfahl noch aus der Zeit hatte, als er im Zaune stand.
Der Kleine hatte vier durchsichtige Flügel und sechs dünne Beine. Auf dem Kopfe hatte er zwei Fühler, mit denen schnupperte er an dem Loch, während er es umsprang und an allen Ecken und Kanten untersuchte.
Grabwespe auf dem Pfahl
„Mit Verlaub,“ sagte der Pfahl, „wonach gucken Sie?“
Der kleine Bursche antwortete nicht, sondern schnupperte weiter an dem Loch.
„Wer sind Sie?“ fragte der Pfahl wieder.
„Ich bin die Grabwespe,“ entgegnete der Kleine.
„Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ sagte der Pfahl. „Vielleicht darf ich mich auch vorstellen: Ich bin der alte Pfahl!“
„Das bist du,“ erwiderte die Grabwespe. „Und zwar ein wunderschöner alter Pfahl!“
„Tausend Dank!“ rief der Pfahl vergnügt. „Ich bekomme wirklich recht selten etwas so Angenehmes zu hören. Alle meine Nachbarn schelten mich aus von früh bis spät.“
Hierzu hatte die Grabwespe nichts zu bemerken, sie kroch vielmehr ganz in das Loch hinein.
„Was suchen Sie eigentlich?“ fragte der Pfahl.
„Ich beabsichtige, mein Ei in dir zu legen,“ antwortete die Grabwespe.
Der alte Pfahl strahlte vor Vergnügen.
„Aha!“ sagte er. „Und dann kommen Sie mit Ihrem Gemahl, und während Sie brüten, singt er..“
„Dummes Zeug!“ schrie die Grabwespe.
„Entschuldigen Sie!“ sagte der Pfahl. „Ich dachte, es wäre so wie bei der Nachtigall.“
„Ist hier eine Nachtigall?“ rief die Grabwespe erschrocken und versteckte sich tief im Loche.
„Ja... im Rotdorn drüben,“ entgegnete der Pfahl. „Aber sie geruht nie, auf mir zu sitzen, darum brauchen Sie keine Angst zu haben. — Gefällt die Wohnung sonst der gnädigen Frau?“
„Ja, ich danke. Ich nehme sie. In fünf Minuten bin ich wieder hier.“
Damit flog sie fort, und der alte Pfahl war so vergnügt wie lange nicht.
„Wenn es auch keine Nachtigall ist, so ist es dochetwas ähnliches,“ sagte er zu sich selbst. „Ei ist Ei, und ich weiß nur so viel, daß ich jetzt ebensoviel wert bin wie der Rotdorn.“
Gleich darauf kehrte die Grabwespe mit einer Marienkäferlarve zurück, die sie mit vieler Mühe auf den Pfahl hinaufschleppte und in das Loch hineinsteckte. Der alte Pfahl sah ihr verwundert zu.
„Mich geht es ja zwar nichts an,“ sagte er. „Aber ich finde, Sie möblieren die Wohnung auf eine sonderbare Art.“
„Das ist für mein Junges,“ erklärte die Grabwespe. „Ich muß dafür sorgen, daß es etwas zu fressen hat, wenn es aus dem Ei schlüpft. Wenn ich eine Marienkäferlarve gefangen habe, so steche ich sie mit meinem Stachel, so daß sie ohnmächtig wird, und trage sie in das Loch hinein.“
„Wäre es nicht schöner, Sie stächen sie ganz tot?“ fragte der Pfahl.
„Wohl möglich. Aber dann würde sie verfaulen, siehst du. Und meine Kinder sollen frisches, gutes Fleisch bekommen.“
„Ich halte mich nicht darüber auf, daß Sie für die Familie sorgen,“ sagte der Pfahl, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte. „Ich weiß ja auch, daß alle Tiere die reinen Straßenräuber und Banditen sind. Fressen sie nicht einander, dann fressen sie uns unschuldige Bäume und Pflanzen. Aber wenn Sie einem alten, einfachen Pfahl gestatten wollen, Sie noch mit einer Frage zu belästigen: Warum warten Sie nicht mit der Fütterung Ihrer Kinder, bis sie aus dem Ei kommen?“
„Dann bin ich tot und verschwunden,“ erwiderte die Grabwespe.
„Wie meinen Sie?“ fragte der Pfahl, der glaubte, falsch verstanden zu haben.
„Ich bekomme mein Kind nie zu sehen,“ sagte die Grabwespe. „Wenn ich das Haus mit Marienkäferlarven gefüllt habe, lege ich das Ei, und dann muß ich sterben. Das ist nun mal mein Schicksal.“
„Herrje!“ rief der Pfahl.
Die Grabwespe flog davon, und die Nachtigall, die auf dem Rande ihres Nestes saß, wollte sie wegschnappen. Aber da wurde sie von einem ihrer Kinder am Bein gezwickt.
„Ach, laß sie fliegen, Mütterchen, dann bist du lieb,“ bat das Junge. „Ich habe das ganze hier mitangehört. Denke dir, das arme Wesen bekommt sein Junges nie zu sehen. Laß sie fliegen, dann dürfen die andern meine nächste Fliege kriegen.“
„Du bist ein gutmütiger kleiner Dummkopf,“ sagte die Nachtigall, „und in zehn Minuten bereust du es. Aber eine sonderbare Geschichte ist es doch.“
Dasselbe meinten die Sträucher rings um den kleinen Hügel herum. Sie beugten sich über den Pfahl und guckten in das Loch hinein, wo die ohnmächtige Marienkäferlarve auf dem Rücken lag. Die Grashalme richteten sich auf und wünschten, noch länger zu sein, damit sie auch etwas zu sehen bekämen. Am allermeisten erstaunt waren sie alle darüber, daß so etwas Merkwürdiges gerade dem alten, morschen Pfahl passieren sollte.
Aber der stand mitten auf dem Hügel und hielt sich aufrecht, so gut er konnte, und war unsäglich stolz.
„Wäre ich eine vernünftige Nachtigall, so zupfteich die Marienkäferlarve heraus und fräße sie,“ sagte die Nachtigall. „Aber es mag hingehn. Vorläufig ist ja genug Futter im Garten, und sie läuft mir nicht weg. Wollen sehen, was draus wird.“
Der Fliederstrauch nickte, und der Goldregen nickte, und der Rotdorn und der Jasmin auch. Denn sie waren alle derselben Ansicht wie die Nachtigall.
Und nun schleppte die Grabwespe noch eine ohnmächtige Marienkäferlarve herbei und steckte sie in das Loch hinein. Und so fuhr sie fort, den ganzen Nachmittag über, bis das Loch voll war.
„Jetzt flieg’ ich ein bißchen im Sonnenschein umher,“ sagte sie dann zu dem alten Pfahl. „Gleich bin ich wieder da und lege mein Ei, und dann leg’ ich mich selber hin und sterbe.“
Weg war sie, und die Sträucher flüsterten von ihr.
Doch da kam ein über die Maßen elegantes Bürschchen herbeigeflogen und setzte sich auf den alten Pfahl neben das Loch hin. Er hatte vier durchsichtige Flügel, sechs Beine und zwei Fühler, genau so wie die Grabwespe, aber sein ganzer Körper glänzte wie Gold und Silber. Der Pfahl betrachtete ihn vergnügt; er dachte, daß das nun schon der zweite vornehme Besuch an einem und demselben Tage sei, und meinte, nun seien bessere Zeiten angebrochen.
„Sie sind wohl im Sonntagsanzug?“ fragte er freundlich. „Womit kann ich Ihnen dienen?“
„Ich sehe mich nach einer Wohnung um,“ erwiderte der Fremde. „Du hast da ein nettes kleines Loch.“
„Allerdings,“ sagte der Pfahl bescheiden. „Eshat lange leer gestanden, und wenn Sie heut morgen gekommen wären, hätten Sie’s mit Vergnügen bekommen können. Aber jetzt hab’ ich es gerade vermietet, darum kann ich Ihnen leider nicht damit dienen.“
Goldwespe auf dem Pfahl
„Soso!“ erwiderte der Fremde. „Das ist ja recht ärgerlich. Wie heißt denn dein Mieter, wenn ich fragen darf?“
„Die Grabwespe ist’s.FrauGrabwespe. Den ganzen Tag über hat sie Nahrung für ihr Kind gesammelt. Wollen Sie so freundlich sein, hineinzuschauen, so werden Sie sehen, daß das Loch ganz mit ohnmächtigen Marienkäferlarven gefüllt ist.“
„Ja — wahrhaftig!“ rief der Fremde und lachte so unheimlich, daß der alte Pfahl einen Todesschreck bekam.
„Kennen Sie die Grabwespe?“ fragte er.
„Na, das ist ja einer meiner besten Freunde. Wir besuchen einander sehr oft.“
Als der Fremde das gesagt hatte, schlüpfte er ganz in das Loch hinein. Er blieb nur einen Augenblick darin; und als er wieder herauskam, glänzte er so, daß dem Pfahl die Augen ganz weh taten, und er lachte boshaft wie vorher.
„Wollen Sie nicht warten, bis die Grabwespe nach Hause kommt?“ fragte der Pfahl. „Sie erzählte, sie wolle nur ein bißchen ausfliegen, und muß gleich wieder hier sein.“
„Nein, danke,“ erwiderte der Fremde.
„Nicht? Darf ich dann fragen, von wem ich einen Gruß bestellen soll? Es wird der gnädigen Frau sicherlich leid tun, daß ihr der Besuch eines so vornehmen Herrn entgangen ist.“
„Ich bin kein Herr. Ich bin eine Frau. Und du brauchst der Grabwespe nichts zu sagen. Morgen früh komme ich wieder und werde sie dann sicherlich treffen.“
Damit flog sie weg. Und die Sträucher besprachen flüsternd all das Merkwürdige, das der alte Pfahl erlebte, und fanden ihn plötzlich interessant und nett.
„Er ist eigentlich ganz schön,“ sagte der Fliederstrauch. „Seht, wie großartig ihn das grüne Moos kleidet.“
„Ganz schön?“ unterbrach ihn der Goldregen. „Er ist wirklich hübsch, kannst du ruhig sagen.“
„Er hält sich wunderbar gerade, er sieht vornehm aus,“ sagte der Jasmin.
„Ehrwürdig ist er,“ fiel der Rotdorn ein. „Er hat gewiß eine Menge Seltsames erlebt, wovon er erzählen könnte, wenn er wollte.“
„Es sitzt sich herrlich auf ihm,“ rief die Nachtigall, die auf seiner Spitze saß und mit den Flügeln schlug. „Er ist viel, viel solider als die dünnen, schwankenden Zweige.“
Der alte Pfahl nahm sich diese Komplimente nicht weiter zu Herzen. Er dachte über den Besuch nach, den er gehabt hatte, und ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß etwas Arges im Gange sei.
Da kam die Grabwespe nach Hause.
Mit großer Mühe schleppte sie sich in das Loch hinein und legte ihr Ei. Als sie wieder herauskam, zitterte sie an allen Gliedern und konnte kaum sprechen.
„Sind Sie krank?“ fragte der Pfahl teilnehmend.
„Ich muß sterben,“ erwiderte die Grabwespe. „Und hör’ nun gut zu, was ich dir sage! Du bist ja ein guter alter Pfahl, der seinen Mitgeschöpfen kein Leid antun will. Ich habe in der ganzen Welt nur eine Feindin. Die dringt in mein Haus ein, wenn ich nicht da bin...“
„Halt!“ rief der Pfahl und zitterte vor Schreck, so daß die Hälfte seines Mooses auf die Erde hinabfiel und er auf der einen Seite einen großen Riß bekam.
Aber die Grabwespe ließ ihn nicht ausreden.
„Schweig still!“ sagte sie. „Ich hab nur noch einen winzigen Augenblick zu leben, und du mußtauf das hören, was ich dir erzähle. Die Goldwespe heißt mein Feind, und sie ist recht schön anzusehen — viel schöner als ich. Sie glänzt, als wäre sie aus Gold und Silber gemacht. Aber böse und träge ist sie. Sie selbst hat keine Lust, für ihre Jungen Nahrung zu suchen. Darum sucht sie sich das Loch, in das ich meine Eier gelegt habe, und legt die ihren daneben. Und dann fressen ihre Kinder all die Nahrung, die ich gesammelt habe, und mein Kind obendrein. — Du mußt mir versprechen, auf sie achtzugeben, wenn sie kommt. Und nun lebe wohl und vielen Dank für deine Freundlichkeit!“
Der alte Pfahl bekam noch einen Riß und konnte vor Schreck die Sprache nicht wiederfinden. In diesem Augenblick kam die Nachtigall und erwischte die Grabwespe. Die Sträucher schrien entsetzt auf, aber die Nachtigall entschuldigte sich aufs beste.
„Sie mußte ja sowieso sterben,“ meinte sie. „Siewarbereits tot. Aber ich gebe zu, es ärgert mich, daß ich den Schlingel von Goldwespe nicht erwischt habe.“
„I du mein Gott, i du mein Gott!“ jammerte der Pfahl. „Das war also die Goldwespe, die hier war. Und ich elender Pfahl habe sie hereingelassen! Dann ist das Unglück ja bereits geschehn... was soll ich nur anfangen, was soll ich nur anfangen!“
„Herr Gott!“ rief die Nachtigall, die noch an der Grabwespe schmatzte. Und „Herr Gott!“ sagten der Fliederstrauch, der Goldregen, der Jasmin und der Rotdorn, denn sie fanden alle, daß sie noch nie etwas so Fürchterliches erlebt hätten.
Der alte Pfahl war ganz gelähmt vor Kummer und neigte sich mehr und mehr. Mit jedem Tag bekam er einen neuen kleinen Riß, und es war leicht zu sehen, daß es zu Ende mit ihm ging. Die Sträucher und die Nachtigall sprachen freundlich auf ihn ein und trösteten ihn, so gut sie konnten; denn sie meinten alle, es sei ein so lieber alter Pfahl. Einer von ihnen erdachte sich einen Plan, wie man sich an der Goldwespe rächen könnte. Die Nachtigall wurde dazu auserkoren, aufzupassen, wenn die Jungen des Räubers aus dem Ei gekommen sein könnten; dann sollte sie sie mit dem Schnabel herausziehen und fressen.
„Das werd’ ich tun!“ versprach die Nachtigall feierlich. „Ihr könnt euch auf mein Wort verlassen!“
Aber am Tage darauf, nachdem dieser Beschluß gefaßt worden war, entdeckte die Nachtigall plötzlich, daß es Herbst geworden sei. Keiner der Sträucher und der andern Vögel konnte es verstehen. Sie alle fanden, daß es noch der schönste Sommer sei. Aber die Nachtigall erklärte, man habe keine Insekten mehr zur Verfügung, die zu fressen sich lohnte. Noch vor dem Abend war sie mit ihren Jungen nach Süden geflogen, und die Sträucher hatten nichts anderes zu tun, als dazustehn und den Pfahl anzustarren und von dem Fürchterlichen zu schwatzen, das sich in seinem Innern vollzog.
Im nächsten Frühjahr flogen eine Menge niedlicher kleiner Goldwespen aus dem Loch hervor. Sie tummelten sich im hellen Sonnenschein und verschwanden dann in der Luft.
Der alte Pfahl stand noch eine Weile und wartete darauf, ob nicht doch auch das Junge derGrabwespe hervorkommen würde. Aber es kam nicht.
Da stürzte der Pfahl auf den kleinen Hügel hin und zerfiel in lauter morsche Stücke. Die Sträucher ließen ihre Blüten auf ihn herabrieseln, damit er ein anständiges Begräbnis bekam.
„Ein merkwürdiger alter Pfahl!“ sagten sie zueinander.
Und als die Nachtigall von ihrer Reise ins Ausland zurückkehrte und das Ende der Geschichte erfuhr, sang sie ein Liedchen auf dem Grabe des alten Pfahls.
Nachtigall