Irgendwo im Walde.
Irgendwo im Walde lebte eine kleine Gesellschaft von guten Freunden ganz nahe beieinander.
Da war dieKornblume, die so stolz aussah,ohne es zu sein, und dieGlockenblume, die so blau und bescheiden war. Da war dieNelke, mild und rot und fromm wie kein andrer, und ein BüschelGrashalme, die zwar grün waren, aber recht ärmlich und dankbar, wenn man sie überhaupt beachtete. Ferner war da ein wenigMoos, das auf einem alten Baumstumpf wuchs und für sich selbst sorgte, und dann derHaselnußstrauch, der der vornehmste von allen war, weil er so groß war, und vor allem weil der Hänfling sein Nest darin gebaut hatte.
Waldpflanzen
Niemals kam es zu Streitigkeiten zwischen den Freunden.
Ein jeder kümmerte sich nur um sich und stand dem andern nicht im Wege. Am Abend, wenn das Tagewerk beendet war, lauschten sie dem Gesang des Hänflings. Oder es knarrte und knackte in den Zweigen des Nußstrauchs, was ebenso unheimlich war wie eine richtige Gespenstergeschichte. Oder die Grashalme flüsterten etwas ganz leise und ohne Sinn, aber auch das hört sich ganz schön an, wenn man müde ist und ein gutes Gewissen hat.
Erlebte einer der Freunde etwas Frohes, so freuten sich alle. Als die Knospen der Nelke und der Kornblume aufsprangen, gratulierte der Nußstrauch, der Hänfling schlug seinen längsten Triller, und die Grashalme verneigten sich ehrerbietig wie eine Deputation und vergossen jeder einen Tautropfen vor Rührung. Als die Hänflingsjungen aus dem Ei krochen, da waren alle Freunde so glücklich, als hätten sie selber Familienzuwachs bekommen.
Aus dem Walde erscholl das Rauschen der Kronen und der Gesang vieler Vögel, aber das ging dieFreunde nichts an. Es geschah, daß ein Reh gesprungen kam oder ein Fuchs heranschlich, und einmal versteckte sich ein furchtsamer Hase unter dem Nußstrauch, während ringsum die Schüsse knallten und die Hunde bellten. Von solch einem Ereignis redeten sie viele Tage lang. Aber dann beruhigten sie sich wieder, und der Sommer ging hin.
Eines Morgens fühlte die Nelke sich nicht recht wohl.
Stengel und Blätter waren schlaff, und die Wurzeln taten ihr weh. Die Blüten saßen so sonderbar lose, wie ihr schien.
„Morgen wird’s auch wieder nicht regnen,“ sagte der Förster.„Meine kleinen Bäume gehen alle ein.“❏GRÖSSERES BILD
„Morgen wird’s auch wieder nicht regnen,“ sagte der Förster.„Meine kleinen Bäume gehen alle ein.“
❏GRÖSSERES BILD
Als sie den andern ihr Leid klagte, erzählten die Kornblume und die Glockenblume, daß es ihnen genau so ginge. Auch die Grashalme sagten dasselbe; das konnte man freilich nicht recht mitrechnen, denn die waren immer derselben Meinung wie der, mit dem sie gerade sprachen. Das Moos sagte gar nichts, doch das hatte nichts zu bedeuten, denn es war auch niemand da, der es fragte.
„Wir brauchen Regen,“ sagte der Nußstrauch. „Sonst fehlt uns nichts. Mich stört es noch nicht, aber es kann noch kommen. Ihr seid so klein und zart; darum merkt ihr es zuerst.“
Die Grashalme nickten und fanden, das sei ausgezeichnet gesagt von dem Nußstrauch. Die andern ließen den Kopf hängen. Der Hänfling sang, so schön er konnte, um die kranken Freunde aufzuheitern.
Aber krank waren sie, und krank blieben sie; und mit jedem Tage wurde es schlimmer.
„Ich glaube, ich sterbe,“ sagte die Nelke.
Die Grashalme erwiderten ihr höflich, sieseienschon halb gestorben. Auch dem Nußstrauch ging es nicht gut, und dem Hänfling kam die Luft so schwül vor, daß er gar keine Lust zu singen verspürte.
Als sie sich am Abend unterhielten, hörten sie die gleiche Klage in dem Rauschen des großen Waldes, in dem Gebrüll des Hirsches, dem Bellen des Fuchses, dem Quaken des Frosches und dem Pfeifen der Maus in ihrem Loch. Auch der Förster und der Bauer, die vorübergingen, sprachen davon. Sie schauten zu dem blanken Himmel auf und schüttelten die Köpfe.
„Morgen wird’s auch wieder nicht regnen,“ sagte der Förster. „Meine kleinen Bäume gehen alle ein.“
„Und mein Korn wird versengt,“ seufzte der Bauer.
Am nächsten Morgen erschraken die Freunde ernstlich, als sie einander betrachteten.
Sie waren überhaupt nicht wiederzuerkennen, so sahen sie aus. Gelbe, hängende Blätter, welke Blüten und trockne Wurzeln. Nur das Moos sah noch aus wie sonst.
„Merkst du nichts?“ fragte der Haselstrauch.
„Gewiß merk ich was,“ erwiderte das Moos. „Aber man kann es mir nicht ansehn. Ich kann stehn und schon einen ganzen Monat tot sein und dabei aussehen, als ob ich noch ganz lebendig wäre. Ich kann nichts dafür.“
„Ich will doch mal hinauf und nach einer Wolke ausschauen,“ sagte der Hänfling.
Und er flog empor, so hoch hinauf, daß er für die andern vollkommen verschwand. Als er zurückkam, erzählte er, es stehe eine Wolke weit, weit im Westen.
„Bitt sie, daß sie herkommt!“ flehte die Glockenblume mit matter Stimme.
Und der Hänfling flog wieder fort und kehrte nach einer Weile mit dem traurigen Bescheid zurück, daß die Wolke nicht kommen könne.
„Sie möchte wohl,“ sagte der Hänfling. „Es gefällt ihr gar nicht, da oben mit all dem Regen zu hängen. Aber sie muß warten, bis der Wind sie holt.“
„Lebt wohl!“ rief die Nelke müde. „Es war eine schöne Zeit, die wir miteinander verlebt haben. Nun kann ich nicht mehr.“
Und damit starb sie. Alle die Freunde sahen einander entsetzt an.
„Wir müssen dem Wind ein gutes Wort geben,“ sagte der Nußstrauch, in dem noch am meisten Leben war. „Sonst ist es aus mit uns allen.“
Am nächsten Morgen in der Frühe kam der Wind herbeigeschlichen. Er kam ganz sacht, denn auch er war der unleidlichen trocknen Wärme müde; aber seine Runde mußte er ja machen.
„Lieber Wind,“ sagte die Kornblume. „Bring uns eine kleine Wolke, sonst sterben wir allesamt.“
„Es ist keine Wolke da,“ erwiderte der Wind.
„Du lügst, Wind,“ sagte der Hänfling. „Weit drüben im Westen steht eine wunderschöne graue Wolke.“
„So—oo!“ sagte der Wind. „Ich bin augenblicklich Ostwind, da kann ich auch nicht helfen.“
„Dreh dich, lieber Wind, und bring uns die Wolke!“ bat die Glockenblume sehr beweglich. „Dukannst ja laufen, wohin du willst, und wir werden dir dankbar sein, solange wir leben.“
„Du kannst dich um die ganze Gesellschaft verdient machen,“ fiel der Nußstrauch ein.
„Um die ganze Gesellschaft,“ flüsterten die Grashalme.
„Schon möglich,“ sagte der Wind. „Aber ich bin nicht derjenige, für den ihr mich haltet. Ihr glaubt, ich sei mein eigner Herr, weil ich gesprungen komme und mich drehe und manchmal langsam laufe und manchmal schnell und manchmal mild bin und manchmal streng. Und doch bin ich nur ein Hund, der kommt, wenn sein Herr ruft.“
„Wer ist denn dein Herr?“ fragte der Hänfling. „Ich will zu ihm gehn, und wenn er am Ende der Welt wohnt.“
„Ja... wenn das so ginge!“ antwortete der Wind. „Mein Herr ist dieSonne. Auf ihren Befehl lauf’ ich meinen Weg. Wenn sie irgendwo so richtig scheint, dann laufe ich mit der warmen Luft in die Höhe und hole anderswo kalte Luft und fliege mit ihr längs der Erde hin. Ob im Osten oder Westen, kümmert mich nicht.“
„Das versteh’ ich nicht,“ sagte der Hänfling.
„Ich versteh’ es selbst nicht,“ entgegnete der Wind. „Aber ich tu es.“
Dann legte er sich. Und die Freunde ließen ihre Köpfe hängen und wußten keinen Rat.
„Da ist nichts zu machen, wir müssen sterben,“ rief die Kornblume.
„Habe ich den Winter hindurch hier gestanden, so werd’ ich doch wohl auch das aushalten,“ sagte der Nußstrauch. „Aber streng ist es.“
Und die Glockenblume und die Kornblume, die noch keinen Winter überstanden hatten, fragten sich erstaunt, ob er denn wohl noch schlimmer sein könne als das, was sie jetzt durchzumachen hatten. Und der Hänfling träumte vom Süden, wo er sich im Winter aufhielt, und die Grashalme hatten die Sache ganz aufgegeben.
„Reichen deine Zweige nicht bis zur Sonne?“ fragte die Kornblume den Nußstrauch.
„Kannst du nicht zur Sonne fliegen?“ fragte die Glockenblume den Hänfling.
Die Sonne brennt
Aber das konnten sie nicht, und die Tage verstrichen, und das Elend wuchs. Es war ganz still im Walde. Kein Vogel piepte, der Fuchs hielt sich in seiner Höhle, der Hirsch lag im Schatten und ließ ächzend die Zunge zum Halse heraushängen; und die Zweige der Bäume hingen gleichfalls herab, wie wenn ein Begräbnis im Gange wäre.
Die Glockenblume aber läutete mit all ihren Glocken, als wollte sie den Tod einläuten im Walde.
Wer es hörte, weiß man nicht recht; und keiner der Freunde sagte etwas. Aber dann hörten alle deutlich jemanden sprechen, und alle wußten sofort, daß es die Sonne war, die der Nußstrauch mit seinen Zweigen nicht erreichen und zu der der Hänfling nicht hinfliegen konnte, die aber die Klage der Glockenblume gehört hatte:
„Ich scheine, wie ich muß, und nicht, wie ich will; und ich kann euch nicht helfen. Keinen Fußbreit kann ich von meinem Wege abweichen, keinen Strahl kann ich nach meinem eignen Willen versenden.“
„Ich versteh’ es nicht,“ sagte der Haselnußstrauch.
„Ich ebensowenig wie du,“ erklärte die Sonne. „Aber so ist es nun einmal.“
„Und ich verstehe so viel, daß es mit der armen Kornblume aus ist,“ sagte die Kornblume, und im nächsten Augenblick war sie tot.
Dann kam die Nacht, und alle glaubten, daß dies ihre letzte sein würde.
Aber plötzlich hob die Glockenblume ihr krankes Köpfchen und lauschte. Ihr war, als hörte sie einen Laut, wie wenn ein Tropfen fällt... jetzt fiel noch einer... er schlug gegen ein Blatt auf... und noch einer... und noch einer...
Alle erwachten, als der Regen herabströmte.
Die armseligen Grashalme erhoben sich, das elende Moos bekam neuen Mut. Der Hänfling begann zu singen, obschon es finstre Nacht war. Der Haselnußstrauch bebte vor Freude, daß die jungen Hänflinge beinahe aus dem Nest gefallen wären.
Rings im Walde lebte alles auf. Die Nacht war voller Glück. Der Förster und der Bauer standen aus ihren Betten auf und trafen sich im Regen und drückten einander die Hand mit frohen Augen.
Es regnete die ganze Nacht und den folgenden Tag und die folgende Nacht und noch einen Tag. Manchmal regnete es ganz sacht und manchmal heftig. Die Erde trank mit durstigem Mund all das Wasser, und die Wurzeln sogen es begierig aus der Erde auf, und Blätter und Blüten entfalteten sich und standen aufrecht und munter da auf aufrechtem Stengel.
Dann kam der dritte Tag mit Sonne am blauen Himmel und mit Leben und Lustigkeit im Walde.
„Nun?“ rief der Wind und kam gesprungen, als wäre er noch nie in seinem Leben müde gewesen. „Seht ihr, ich hab’ euch den Regen gebracht!“
„Nun,“ sagte die Wolke, die hoch oben dahintrieb in weißem leichtem Gewand. „Seht ihr, ich hab’ euch Regen verschafft!“
„Nun?“ sagte die Sonne, und sie lachte dabei so mild und rund wie noch nie zuvor. „Habt ihr nun euren Willen?“
Die Freunde sahen einander verwundert an. Aber drüben saß der rote Fuchs mit seinem garstigen klugen Gesicht.
„So sind sie!“ sagte er. „Bittet man sie um etwas, so sind sie nie zu Hause. Aber sich den Dank zu holen, das vergessen sie nicht.“
Jaulender Fuchs