IV.

IV.

Peter Miffert saß vor seiner Thür auf dem Bänkchen. Die Beine hatte er weit von sich gestreckt, die Hände hielt er in den Hosentaschen; behaglich schabte er den Rücken an der sonndurchwärmten Hauswand.

Still war die Luft, sehr heiß; zwischen den Bergwänden hatte sie sich gefangen und kochte und brütete da, wie in einem Kessel. Kein Windchen rührte sich, die Bäume regten kein Laub, lautlos schlängelte die Salm ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen Himmerod hin.

Hier herauf zur letzten Hütte, abseits von allen übrigen, drang kein Ruf, kein einziger Hall. Im Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne Leben, wie versunken in einen Märchenschlaf; seine kleinen, weißen Häuser, blendend im flimmrigen Licht, duckten sich scheu im engen Thälchen.

Peter dehnte und rekelte sich; dann saß er ganz still, die schweren Lider fielen ihm noch tiefer über die Augen, die Mütze rutschte ihm bis auf die Brauen, er gähnte, daß man seinen allerhintersten Zahn sah. Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der rechten Schulter, dann sank er ihm auf die Brust. Pittchen schlief. — — — — — — — — — —

Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender in Knöpfen, Litzen und Kleiderstoffen hatte das Dorf passiert, auf dessen Wagen war sie in aller Frühe mit dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid gefahren. Sie hatte die Gelegenheit benutzt.

Peter hatte sie vor’s Wirtshaus gebracht und abfahren sehen, hatte dann beim alten Krumscheid einen gekippt und war dann langsam nach Hause geschlendert, um die Ziege und die Hühner zu füttern. Eben wollte er sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der Hubert, der Enkel vom alten Steffes, gerannt; der Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel sollte gepflügt werden, es pressierte!

„Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als ech kann,“ sagte Pittchen wichtig und schob den kleinen Boten zur Thür hinaus. Dann lachte er in sich hinein — das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch mit Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein Tag, vielleicht war’s da kühl genug.

„Uf, dat es en Strawatz!“ Er riß das Hemd auf der Brust von einander und warf sich querüber, mit den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett. Mit schläfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die der Rauch schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben in langen Festons hingen, und dachte an seine Frau. Donnerwetter, sah die staats aus, als sie bei dem Reisenden auf dem Wagen saß. Wie ’ne Dam’! Ihr bestes Kleid hatte sie an, auf Kleider hielt sie was; wie lange lag sie ihm schon in den Ohren, um ein neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie sich zurecht gestutzt mit allen möglichen Bandschnippelchen; halbe Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen. Aber wie stand ihr der auch! Unter dem Strohrand mit den blauen und roten Schlupfen lag das dichte Haar schön wellig an den Schläfen; bis auf die Augenbrauen, die wie ein dunkler Strich über die lustigen, hellen Augen zogen, hing es in glänzenden Kräuseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im Mund zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl bemerkt.

Kotzdonner, war er nicht ein großer Esel, daß er die Zeih mit dem fremden Mannskerl allein fahren ließ?!

Er zog die Stirn kraus; in einer ärgerlichen Unruhe sprang er auf — da — es klopfte schon wieder!

Die Thür ging auf; ohne ein ‚Herein‘ abzuwarten, steckte Tina Pötsch den Kopf in die Stube. Schlau lächelnd sah sie sich um.

„Es dat Zeih net derhäm?“

„Nä!“ Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm ungelegen, er hatte so viel nachzudenken.

Wie ein Kätzchen schlich sie sich näher, ihre Augen funkelten. „Es dat Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?“

Woher wußte sie das? Er sah sie verwundert an.

Sie sagte nichts, aber ihr Lächeln verriet sie. Aha, die hatte aufgepaßt!

Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt, und blinzelte ihn an. Er konnte nicht umhin, sie hübsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr gut zu dem bräunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot wie eine Kirsche.

„Wolltste ebbes vom Zeih?“ fragte er viel freundlicher.

„Nä, von Eich,“ sagte sie keck, hob ihren Rock auf und krabbelte lange in der Tasche ihres Unterrocks. Dabei wandte sie keinen Blick von ihm und lächelte ihn an mit ihrem Kirschenmund.

Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum Vorschein, mit spitzen Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen auseinander. Ein Schmuckstück war darin, ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi als winziges Püppchen hing daran.

„Kuckt!“ Sie legte es vor ihn hin und beugte sich zugleich über seine Schulter.

Er nahm es prüfend in die Hand; das Kreuzchen war verbogen, unten ein Stück abgebrochen. „Wat sollen ech dermit?“

„Heil maachen!“

„Dat kann ech net.“

„Ojeh“ — sie lehnte sich von hinten her fest an ihn — „wän dat zweifelt! Se saon, Ihr seid e su gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr könnt ales maachen!“

„Laoß mech gewärden[22],“ brummte er.

„Dat Pittche haot heit kei gud Schur[23],“ lachte sie. „Schnauzt mech doch net e su ahf!“ Sie griff über seine Schulter nach dem Kreuzchen und streifte dabei zart seine Wange. „Kuckt, lao maacht Ihr ebbes Neies dran — wupptich, su schnell wie gespauzt[24]— ons Hährgöttche es färdig!“

„Dau Fladdiererin,“ schmunzelte er und strich ihr die Wange. „Saog ehs, Mädche, von wem haste dat Hährgöttche? Von deim Schatz?“

„Nä, nä.“ Sie that sehr verschämt. „Ech haon ken Schatz. Ech sein eweil noch vill zo jong!“

„Hm, hm.“ Er betrachtete sie interessiert. „On dän Thomas Laufeld — no?!“ Er kniff sie augenzwinkernd in den Arm.

Sie schlug ihn auf die Finger. „Autsch! Bah, dän domme Jong.“ Sie warf die Lippen auf. „Eweil es dän weit weg, waaß Gott, wat dän micht! Et gitt’r aach noch annere — haha!“ Sie lachte hell und neigte sich ganz zu ihm hinüber.

„Dao haste rächt in,“ stimmte er zu.

Sie gefiel ihm immer besser, er begriff nicht, daß er nicht längst mit der Tina angebändelt hatte; so jung wie die, war keine von den andren — und Augen hatte sie! Da kam selbst die Zeih nicht gegen an. Die hier hatte brennende Zündhölzchen im Kopf, mit denen flackerte sie ihm in’s Gesicht, als wollte sie sagen: ‚Brenn dich an; ich brenn’ schon lichterloh!‘

„Dau Racker,“ sagte er, zog sie an sich und küßte sie mitten auf den Mund.

Sie erwiderte seinen Kuß, und dann kicherte sie: „De Katz es net zo Haus, eweil haon de Mäus frei danzen! Dat Zeih —“

„Dat Zeih,“ unterbrach er sie rauh; es schien, als wolle er das Mädchen von sich drängen.

„Ojeh,“ kicherte sie, „dat Zeih werd sech aach schuns amesieren, dän Hähr waor e su onöwel net!“ Sie sah ihn von der Seite an. „Puh, maacht ken e su garschtig Visasch — köß mech, sons kössen ech dech!“

Sie warf sich ihm so stürmisch an den Hals, daß er hintenüber auf einen Schemel fiel. Ihre brennenden Augen sahen ihm gierig in’s Gesicht, ihre Lippen schimmerten blutrot über den spitzigen Zähnchen — das war die junge Katze, die erst kürzlich das Rauben gelernt, auf deren Zungenspitze noch der Blutgeschmack des ersten Fraßes schwebt und sie lüstern auf neuen macht.

Sie saß auf seinem Schoß, ihre Arme umstrickten ihn fester, fester. Er dachte nicht daran, sich zu wehren. Junger Most berauscht am meisten; und dazu kam die geschmeichelte Eitelkeit.

Es war ein heißes Schäferstündchen in der schmutzigen Stube unter der rauchgeschwärzten Decke. Das Herrgöttchen lag am Boden, achtlos trat Tinas Fuß darauf; der goldne Zierrat knirschte unter dem nägelbeschlagenen Schuh. Sie achtete es nicht, sie hörte auch nicht das Huschen unter’m Fenster und das Kraspeln auf der Schwelle.

Jetzt öffnete sich die Thür spaltbreit, grade weit genug, daß Tinas Ebenbild, Schwester Billa, den Kopf hereinstecken konnte. Ihre altklugen Kinderaugen sahen alles. Mit einem Wutschrei fuhr Tina auf, Peter stand sehr betroffen.

„Dau sollst erunner kommen.“ Billa riß die Thür sperrangelbreit auf. „Äwer tutswit[25]!“

„Maach, datste weg kömmst,“ schrie die andre und ballte die Faust.

„Bäh.“ Billa streckte ihr die Zunge heraus und rannte dann fort mit Geschrei, den Weg zum Dorf hinunter. „Ech waaß ebbes! Helao, ech saon et, ech saon et!“

Tina wie eine Furie hinterdrein.

„Kreizgewieder!“ Pittchen sah ihr verdutzt nach; Hören und Sehen war ihm vergangen.

„En hongrig Laus beißt am stärksten,“ brummte er, und dann schloß er seine Thür. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, es war ihm sehr warm geworden.

Er hockte sich auf den Schemel und stützte den Kopf in die Hand. — ‚Dat Zeih werd sech aach schuns amesieren!‘ Jetzt, wo er wieder zur Besinnung gekommen, peinigte ihn der Gedanke: ‚Wo war die Zeih jetzt? Was trieb sie?‘

Da — „Kreizdunner,“ fluchte er — schon wieder Klopfen!

Ei, da kam die Mutter vom Hubertche selber, die junge Frau Steffes, die allein mit dem alten Großvater hauste; der Mann war unten in der Fabrik.

„Ech haon als ons Hubertche geschickt,“ stammelte sie atemlos und setzte sich auf einen Schemel, „wollt Ihr net kommen?“

„Gewiß, gewiß,“ versicherte er. Die Annemarie Steffes war eine hübsche Frau, keine von den großen, aber munter und wohlgeformt wie eine Wachtel.

„Et es pressant,“ sagte sie und legte die Hand auf die heftig wogende Brust; gelaufen mußte sie sein wie der Wind, sie war hochrot und keuchte.

Und doch schien es ihr jetzt nicht zu eilen; behaglich sah sie sich um und musterte die armselige Stube.

„Dat Zeih es net zo Haus?“ sagte sie dann.

„Nä.“

„Et es nao Manderscheid?“

„Jao.“

„Duh kömmt et wohl erscht diesen Awend widder?“

„Jao.“

„Jesses, on dir haot niemand, dän Eich ebbes for zo äßen kocht! Nä, su en Fra, läßt dän armen Mahn ganz allein!“ Sie schlug die Hände zusammen. „Es et menschenmiëlich?!“

Er nickte, es that ihm wohl, bemitleidet zu werden, während seine Frau mit dem Reisenden durch den einsamen Wald fuhr. Ja, die Zeih, die ließ ihn schön im Stich! Aber wart, das wollte er der eintränken!

„Su en armen Mahn,“ rief die Steffes wieder, sie konnte sich gar nicht beruhigen. „Äwer waart, ech duhn Eich ebbes schicken; oder — Pittchen, wißt Ihr wat? Kommt bei ons, mir haon heit ebbes extra Feines: Grombieren met Griewen on Kaabes! On en Flasch Bitburger spendieren ech aach derzu!“

Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, so gut hatte er lange nicht gegessen.

„Kommt nor,“ sagte sie dringend und kam auf ihn zu.

Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und dann legte er den Arm um ihre Taille und zog ihre Gestalt an sich. „Dat es net zo veraachten,“ seufzte er.

Sie spitzte den Mund und lehnte sich an ihn. „On des Dauner Käs haon ech aach noch derhäm!“

Donnerwetter, Dauner Käs! Den aß Pittchen für sein Leben gern. Dauner Käs! Er drückte ihr einen Kuß auf den Mund, daß es schallte. Sie küßte wieder. Kuß auf Kuß. Sie packte ihn beim Kopf, sie war heiß und rot, ihre Hitze steckte ihn an — da — sie schreckten auseinander.

Von der Thür her sagte jemand: „Met Verlöw,“ und die Kathrine Densborn stand mit spöttisch verzognem Mund in der Stube.

„Exkusört! Ech kommen wohl onpaß bei der schienen Onnerhaalung? Ech haon gekloppt on gekloppt!“

Sie warf einen verächtlichen Blick auf die kleine Steffes.

„Dau has wohl kein Ohren mieh?! Dein Könner kreischen, dat mer se hunnert Schritt weit hört. Dat Sußche es de Trepp erunner gefaal, dän Jakob on dän Jobann haun sech. Dat Hubertche haot met Steiner naoch ons Äppeln geschmiß, duh haot em ons Hannickel ordentlich de Bux verwixst; eweil haste ebbes zo flicken!“

„Jesses Maria!“ Die Steffes rannte zur Thür, auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um: „Komm dau mer ehs, dau ale Schatehk!“

Die Densborn lachte grimmig. „Dau denkst: ‚Besser half geleiert, als ganz gefeiert‘ — dech kennen ech nau, dau mannsdoll Mensch! Waart, ech schreiwen deim Mahn e Briefche, dat hän sech net hinner dän Spiegel sticht!“

„O dau — dau —“ Die Steffes wollte noch etwas sagen, aber die Densborn schob sie über die Schwelle und krachte die Thüre zu.

„Gemaach, gemaach,“ sagte Peter; er war ärgerlich, die junge, saubere Frau war ihm bei weitem lieber, als die starkknochige ältliche.

Entrüstet wandte sich die Kathrin gegen ihn.

„Ech moß mech siehr wonnern, dat Ihr Eich met su aner inlaoßt! Duh es dat Zeih doch en anner Persohn, su alert on freindlich on artlich im Omgang, on de Schienste weid on breid!“

Sie lobte die Zeih über alle Maßen. Peter war ganz verdutzt, er hatte nie geahnt, daß die da was von der Zeih hielt — im Gegenteil. Aber es schmeichelte ihm gewaltig, daß die angesehene Densbornin seine Frau lobte.

Er lächelte und strich sich den Schnurrbart. „Womit kann ech ufwaarten, Fra Densborn?“

Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und der zu Leder verbrannten Haut schmunzelte. „Ech wollten Eich nor fraogen, ob Ihr net e su gud sein wollt, on mer de Adreß an dän Densborn schreiwen, ech haon net e su en schien Handschriwt. On de annren hei sein e su ongebildt, se können net emaol ihren eignen Naomen schreiwen, dat mer hän läse kann. Hei!“ Sie zog ein Briefcouvert aus der Tasche, hinten sorgfältig mit Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als Petschaft gedient.

„Nä, wat Ihr geliehrt seid,“ sagte sie bewundernd, als er die Adresse schrieb und noch einen kecken Schnörkel unter das ‚Densborn‘ zog. „Ihr könnt besser, wie dän Hähr Lährer zo Oberkail; äwer dat es aach schuns e su en Alden, de Alden sein for neist mieh notz. Wat bin ech Eich schullig, Pittchen?“

„Neist, neist,“ beeilte er sich zu versichern; er war immer galant, wenn er sich dabei nicht allzusehr anzustrengen brauchte.

„Merci, merci! Kommt doch ahf on an, on drinkt e Dröppche; von meim Bruder onnen an der Musel hammer noch e Fäßche im Keller.“ Sie drückte ihm die Hand und sah ihn dabei an mit breitgezognem Mund und sanften Blicken der sonst so strengen Augen, daß ihm ganz bänglich wurde. Er war erleichtert, als sie ging.

Aber noch hatte er keine Ruh, das Gelauf nahm kein Ende.

Da waren noch mehrere gekommen, die schwarze Vrun, die blonde Leis, und zuletzt des Mathesen Martin Frau, die Traut; die hatte über ihren Mann geklagt, daß sie der schimpfe und mit Eifersucht quäle, sie hatte geweint und geschluchzt und Pittchen an ‚früher‘ erinnert.

Mit der einen lachen, die andere trösten und — alle karessieren, das war ein bißchen viel verlangt! Pittchen schwirbelte der Kopf, er war ganz abgemattet; kein Wunder, daß er nun vor seiner Hüttenthür saß und schlief. —

In der heißen Mittagsluft summten honigbeladene Bienen, ein starker, fast strenger Geruch stieg von den Wiesen um die Salm auf; sie standen hoch im Gras, längst that ihnen das Mähen not.

Auf den Äckerchen an den Hängen schimmerten weiße Kopftücher, wie hellere Flecken auf blaßgelblichem Grund — da schafften jetzt die Weiber.

Aber keine Sense blitzte und legte in langen Schwaden das Korn nieder; die Weiber rutschten auf den Knieen und schnitten den Roggen mit der Sichel, wie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart, der Schweiß rann in Strömen; das Hemd klebte, naß zum Auswinden, am Leib, die braunen Beine, von den Stoppeln zerkratzt und zerstochen, steckten nackt unter’m kurzen Rock.

Kein Mann zwischen den Arbeitenden; nur hier und da saß so ein Alter am Grasrain, als Aufseher, und stopfte sich die Pfeife, oder ein paar halbwüchsige Jungen hetzten mit ‚Hot und Hahrüh‘ eine magere Kuh, die mühsam den Pflug durch die Stoppel schleifte.

Glühend heiß der Sonnenprall an die steilen Wände; mager, mager die Erdkrume, darunter harter Fels. Erbärmlich das Getreide; in winzigen Mandeln stand es da, dünn im Stroh, gering in der Ähre.

Auch Bäbbi war bei der Arbeit. „Jesses,“ sagte sie und richtete sich, schwer atmend, aus ihrer gebückten Stellung auf.

Die alte Schneidersch, die hinter der Schwiegertochter das Korn raffte, keifte: „Voran gemaach! Sei net e su faul!“

„Ech kann net mieh!“

„Ech kann net mieh,“ äffte die Alte nach. „Hammer dech dafor in de schiene Stuw einloschiert? Hei gieft net gefaullenzt! Mir haon ke Gäld, om onnötze Mäuler zo fudern!“

Bäbbi verbiß die Thränen; es wollte sich ihr wie ein Schrei aus der Kehle ringen: ‚Wenn das der Lorenz wüßt’!‘

Aber sie schwieg, mit der Schwiegermutter war nicht gut Kirschen essen. Neulich, als der Lorenz Geld geschickt, hatte die es wie selbstverständlich an sich genommen; der jungen Frau, die schüchtern ihr Teil verlangte, wurde grob über den Mund gefahren.

Lenzen Bäbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern waren tot. Der alte schwachköpfige Lenzen-Ohm, bei dem sie halb als Tochter, halb als Magd gewohnt, hatte ihr das, was er ihr vermacht hätte, zur Hochzeit ausgezahlt; nun war das verjubiliert, kaum für die notwendigsten Anschaffungen war etwas geblieben.

‚Wenn er doch hier wäre! Wenn er bald wiederkäm’!‘ Das war der Stoßseufzer, der sich stündlich von Bäbbis Lippen rang; mit einer verzehrenden, krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner, Tag und Nacht. Schwer wie die Bürde ihres Leibes, schleppte sie ihr Leben hin. ‚Wär’ er nur wieder da!‘

In der Ecke ihrer Kammer machte sie mit Rötel jeden Abend einen Strich an die Wand — wieder ein Tag vorüber! Noch hundertzwei Tage, dann kam er!

Die Sichel in der Hand, auf den Knieen liegend, starrte das junge Weib traumverloren in den blendenden Sonnenflimmer.

Nebenan auf der Stoppel pflügte die Tina Pötsch. Sie hatte ihre beiden jüngeren Geschwister, den dreizehnjährigen Karl und die vierzehnjährige Billa in den Pflug gespannt; nur wenige im Dorf konnten sich den leisten, die meisten arbeiteten den Acker mit der Hacke um. Stolz schwang sie die Peitsche, mit einer besonderen Wollust hieb sie sausend durch die Luft. Das Schnurende traf Villa am Hals, mit einem Aufschrei drehte die sich um.

Tina lachte.

„Waart, dau frech Dingen,“ kreischte die jüngere wütend.

Tina lachte noch immer.

„Hü, hott, meine Peerdches!“

„Ech sein net dein Peerd!“ Billa warf sich in der Furche nieder.

„Hü, hott! Willste ziehn?!“

Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein Peitschenschlag trieb sie zum Aufstehen; aber als Tina hinter dem Pflug vorsprang und sie mit dem Fuß in die Weiche stieß, packte Billa zu. Ihre Finger krallten sich in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen riß sie die Überraschte zu sich nieder. Sie wälzten sich beide auf der Stoppel.

Karl, nicht faul, nahm die Partei der jüngsten Schwester; es war ihm gelungen, sich loszusträngen, nun warf er sich über die beiden Mädchen, auf Tinas Rücken mit den Fäusten trommelnd. Billa, zu unterst am Boden liegend, erstickte fast unter der doppelten Last.

Das war aber alles noch Spaß, in das Gekreisch mischte sich Lachen; jedoch nun wurde es Ernst.

Tina hatte den Bruder in’s Bein gekniffen, dafür riß er sie an den Haaren; mit der einen Hand zerrte er ihren Kopf in die Höhe, mit der andern Faust schlug er ihr in’s Gesicht. Das Blut floß ihr aus der Nase, das Wasser aus den Augen; sie schrie laut.

Verschiedene kamen herzu und umstanden die Wolke von Staub, in der sich die drei wälzten. Die Meinungen waren geteilt.

„Dat schadt dem Tina neist, wann dat ordentlich wat uf de Schnöß krieht,“ sagte eine.

„Jesses, hän haut se kappores!“

„Speck on Schwart sein von einer Art — die duhn sech neist!“

„Haal dem Jong de Bein fest, hän trampelt dat Bill zo Schannen!“

„Ä wat, Onkraut vergieht net!“

„Et blut jao!“

„Hilf! Hilf!“ kreischte Tina. Ihr Hilfeschrei gellte weit über die Äcker.

Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber herbei.

„Wat es passiert? Wän schreit e su? Kuckt elao! Jeßmarijusep!“

„Et es en Schand,“ rief die Densborn, „dat dir dat Tina half dud schlaon laoßt! Krieht hän beim Schlawittchen! Läßte los, dau infamichte Karnallij!“ Sie zerrte den Jungen am Bein.

„Laoßt hän nor,“ schrie die Steffes gegen, „kömmert Eich erscht om Eiren Jong! Dän Karl haot ganz rächt, dat Tina pisakt se Dag on Naacht. Wän onschullige Könner schlät, es sälwer Prüjel wert. Eier Hannickel soll mer nor kommen! Hän haot dat Hubertche geschlaon, dat em ale Rippen wieh duhn; ech verklaogen hän bei de Hähren vom Gericht, on Eich derzu, Eich scheinheilig Luder!“

„Wat — wat,“ zeterte die Densborn, „Ihr wollt noch räden?! Su en Mensch, su en mannsdoll Mensch, su en“ — in der Wut versagten ihr die Ausdrücke — „dat zu de Mannsleit rennt, e su bal als de Fra net derhäm es! Pfui!“ Sie spuckte aus. „Su en —“

„Et es net waohr, et es net waohr,“ kreischte die Steffes; sie war blutrot im Gesicht und wirbelte auf die große starkknochige Gegnerin zu. „Ihr seid nor neid’sch — jao, neid’sch! Haha!“ Sie lachte krampfhaft. „Ihr wollt sälwer gären, Ihr“ —

Die andre schlug ihr auf den Mund: „Liegnersch!“

„Ihr wollt sälwer gären — haha — alde Schatehk!“

„Haha! Alde Schatehk!“ Wie einen Schlachtruf nahmen die jüngeren Weiber das auf.

Die schwarze Vrun, die blonde Leis gesellten sich zur Steffes; sie hatten längst einen heimlichen Groll auf die Densborn, die allem nachschnoberte. „Annemarei, dat es rächt! Laoß der neist gefaalen, Annemarei! Dat scheel Luder maant, et könnt hei kommandieren?! Su hammer net gewett! Olau, Schatehk, alde Schatehk! Hahahaha!“ Ein nicht endenwollendes Gelächter pflanzte sich fort.

Die paar, die noch arbeiteten, erhoben sich auch von den Knieen; in großen Sprüngen stürzten sie herzu, die Sichel in der Hand schwingend, mit flatternden Röcken und Geschrei.

Da wurden Haare gelassen!

Kathrine Densborn hatte Annemarie Steffes am Schopf gepackt.

„Dau mannsdoll Mensch, dau — saog et noch ehs — dau!“

„Neid’sch, dir seid neid’sch! Alde Schatehk!“

„Liegnersch!“

„Wolltst sälwer gären!“

„Waart, ech will dech liehren!“

Der Kampf wurde ernsthaft. Die große Gegnerin schüttelte die kleine wie ein Bündel Kleider; diese schlug mit Händen und Füßen aus. Ließen sie sich einen Augenblick los, um Atem zu schöpfen, gleich stürzten sie wieder aufeinander.

Schreie, Schimpfworte, Kreischen, Lachen, ohrenbetäubendes Geschnatter.

Zwei Parteien hatten sich gebildet, Frau stand gegen Frau; so manche hatten heimlichen Groll auszufechten, es waren nicht mehr die Densborn und die Steffes allein, die aufeinander losgingen.

Die Geschwister Pötsch waren vergessen. Karl, die Hände in den Taschen seiner zerlumpten Hose, sah grinsend dem Tumult zu; Billa lag heulend am Boden. Tina wischte mit dem Handrücken das Blut von der Nase, dann schlich sie mit funkelnden Augen dem Weiberknäuel näher. Sie hatte auch ihre Feindinnen darunter — rasch der Steffes ein Bein gestellt! Warum hatte ihr die vorhin nicht beigestanden?!

Nun steckte sie mitten drin im Kampf; die blonde Leis, das Bäschen von der Steffes, und, mit ihren goldnen Zöpfen, Tinas gefährlichste Nebenbuhlerin — war sie nicht erst vorhin aus Pittchens Thür geschlichen? — versetzte ihr eins.

„Hol dech in Aacht, dau Schleckermaul,“ zischelte Tina hinter zusammengebißnen Zähnen.

„Dau Rotznaos,“ schrie die Blonde verächtlich; sie war um ein oder zwei Jahr älter.

„Dau öwerstännige Kwetsch!“[26]

„Dau unreifen Appel!“

„Ech roppen der dein rot Börschten[27]aus!“ Tina griff kräftig in die goldnen Zöpfe.

„Vrun, Vrun,“ rief Leis die Freundin zu Hilfe. „Komm ehs här! Gief dem dao eins hinnen druf, ech halen derweil der verliewten Katz de Poten.“

„Hal dau dein Schnöß! Vrun, komm bei mech,“ schrie Tina. „Ech saon der, dat Leis — Vrun, Vrun! — et es heit beim Pittchen gewest, et haot zom Pittchen gesaot: et hält dech für en Naor! Vrun, Vrun!“

„Wat?!“ In einem Augenblick hatte sich das Blättchen gewendet, die Schwarze kehrte sich gegen die Blonde. „Beim Pittchen gewest? Mech für en Naor halen? — O dau falsch Dingen!“

Mit triumphierenden Augen sah Tina zu, wie die beiden Freundinnen auf einander losfuhren.

Das war ein Spektakel! Ein Lärmen, ein Schimpfen, ein Schreien. Vom Berghang tönte es nieder zum Thal, an Pittchens Hütte vorbei — der schlief ruhig weiter — und und brach sich schallend an der jenseitigen Höhenwand.

Sie hörten alle nicht das Mittagsglöcklein; nur Bäbbi. Die stand abseits und starrte mit großen traumverlornen Augen in’s Gewühl. Früher hätte sie auch frischweg am Kampf teilgenommen, — aber jetzt?! Es war alles untergegangen in der großen Sehnsucht.

Als das Glöcklein läutete, bekreuzte sie sich; die Sichel entfiel ihr, langsam sank sie auf die Kniee und faltete die Hände. Was that der Lorenz wohl jetzt? Dachte er jetzt auch an sie? — — Wär’ er doch erst wieder hier — ach! — — — — — —

„Steh uf,“ schrie die alte Schneidersch sie an. „Schläfste?“ Die Alte hatte sich auch am Zank beteiligt, besonders mit dem Mundwerk; sie hatte aber auch bald darin ihren Meister gefunden, nun ergoß sich die ganze aufgestaute Flut von Scheltworten über die Schwiegertochter, diesen Dorn in ihrem Auge.

Mit einem wilden Ingrimm fuhr die Alte auf sie los. Es wurde Bäbbi nichts erspart; laut und gellend, vor aller Welt, wurde ihr ihr Fehltritt vorgeworfen. Kein Mädchen war je so schlecht gewesen, so lumpig, so armselig und so berechnend dazu. Was hätte der Lorenz für Partien machen können, aber sie hing ihm ja wie ein Klotz am Bein, merkte es gar nicht, daß er sie gern los geworden wäre — ja, er hatte sie satt, der Mutter hatte er’s vertraut!

Schwerfällig richtete sich Bäbbi auf, stumm, mit düstren Augen hatte sie auf den Kampf der Weiber gestarrt — Heulen, Schreien, geschwungene Fäuste, verzerrte Gesichter, ein wildes Durcheinander erregter Gestalten — jetzt schien sich auch ihr Blick langsam daran zu entzünden. Als die Schwiegermutter schloß: „Hän haot dech saat, saat bis zom Ekel, hän wünscht dech, wuh dän Peffer wächst,“ flammte er auf.

Sie kehrte sich gegen die Alte, raffte die Sichel auf; ihr Gesicht glühte, ihr Auge glitzerte unheimlich, ein irres wildes Lachen rang sich aus ihrer gequälten Brust. Sie hob drohend die Sichel — aber, da, sie ließ sie wieder fallen. Statt dessen schwang sie die Faust und schmetterte sie nieder auf den Rücken der Schwiegermutter, daß der Hören und Sehen verging.

Die Alte knickte in die Kniee, schützte den Kopf mit beiden Armen und schrie laut.

Hageldichte Schläge. Die Alte duckte sich und wand sich wie ein Wurm, Bäbbi stand über ihr gleich einer Rächerin, totenbleich, die Lippen fest aufeinander gepreßt. Sie schlug darauf los mit einer Art von Befreiung, von Erlösung.

„Hör uf,“ kreischte die Alte, „ech zeigen dech an! Ech fluchen der!“

Ununterbrochen fielen die Schläge.

„Hör uf, ech saon et dem Lorenz! —“

„Lorenz —!“

Jammernd, beschwörend, bittend zugleich schrie Bäbbi den Namen nach; der erhobne Arm fiel ihr zur Seite, sie starrte verwirrt drein, als erwache sie aus einem Traum. Ein Zittern, ein Rütteln ging durch ihren ganzen Körper; sie schwankte, die Füße schienen sie nicht länger zu tragen. Mit einem dumpfen Laut schlug sie die Hände vor’s Gesicht.


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