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„Bimmel, bimmel, bimmel“ tönt das Glöckchen der Kirche. Sein dünner heller Klang fliegt durch’s Dorf und steigt an den Thalwänden in die Höhe; oben von Schwarzenborn antwortet ein anderes Glöckchen. „Bimmel, bimmel, bimmel“ — Vesper.

Aus den Steinfliesen der Kirche lag Bäbbi. Ihr Gesicht war blaß, ihre Augen rot, vom Weinen dick verschwollen. Sie hob die Hände zu dem Marienbild, das in der Nische des Seitenaltares stand; weiße und rote Papierrosen umkränzten die Heilige, ein paar dünne Kerzchen flackerten ihr zu Füßen.

Kein Mensch war sonst mehr in der Kirche. Die braunen Holzbänke standen leer; hie und da war ein Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes Heiligenbildchen steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten vom Kot der Dorfstraße mit herein geschleppt; die ausgetretenen Fliesen vor dem Marienbild waren am meisten beschmutzt, da hatten die Weiber vorhin gekniet, die Stirn tief gesenkt, unablässig die Lippen bewegend.

Ein Gewitter war am Nachmittag aufgezogen, rasch kam es, ungeahnt, ohne vorherige Anzeichen; schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Er drohte mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus — sollte das schon die himmlische Strafe sein für den heutigen Zank?

Sie glichen heute alle blessierten Kriegern nach der Schlacht; einen Kratz, einen Stoß, einen Schlag, einen Tritt hat jede wegbekommen. Mit funkelnden Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte, Verwünschungen auf den Lippen. Die Hüttenthüren wurden zugeschmettert, die Kinder verkrochen sich scheu, die Schüsseln klapperten — manch eine ging heut in Scherben; mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte man ein sehr verspätetes Mittagbrot, es schmeckte wie Galle.

Da — krach — der erste Donner!

Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein böses Tier im Käfig, das keinen Ausweg findet, so grollte er zwischen den Bergwänden. Krach, krach — Hall und Widerhall. Und der Himmel so drohend, und die Blitze niedersausende Schwerter.

„Jeßmarijusep!“ Wie eine Herde Schafe, vom Wolf gescheucht, flüchteten sie in die Kirche. Da lagen sie auf den Fliesen und schlugen die Brust und beteten und seufzten zum Steinerweichen. Sie waren ganz zerknirscht.

„Maria, Jongfra voller Gnaden, bewaohr ons!“

„Heiliger Donatus, sänftig dat Ongewieder, dau kannst et! Heiliger Donatus, ech flehen dech an, laoß meine Gerscht net zu Schannen gänn — se stieht als in Mandeln!“

„Heilige Maria, Moddergotts, ech haon et net e su bees gemaant, wie ech dem frech Mensch eins appliciert haon. Dau wirst en Einsiehn haon — o liew Moddergöttesche, rechen et mir net an!“

Draußen kracht der Donner. Kanonenschüsse feuert er durch’s Thal, von einem Ende zum andren.

„Gegrüßet seist du, Maria — hilf, hilf, heiliger Donatus!“

„Meerstern, ich dich grüße,Gottes Mutter süße — —“

„Meerstern, ich dich grüße,Gottes Mutter süße — —“

„Meerstern, ich dich grüße,Gottes Mutter süße — —“

Der Tag ist schwarz wie die Nacht, in den Winkeln der Kirche hockt grauliche Dämmerung. Jetzt bebt der alte Bau — jetzt loht ein feuriger Blitz durch die Dunkelheit, noch feuriger durch das bunte Glas des Fensters, darauf das Bildnis des heiligen Donatus steht, mitten zwischen Blitzen. Ein gellendes Aufkreischen drinnen antwortet der dröhnenden Stimme draußen, immer lauter wird das Murmeln, immer rascher bewegen sich die Lippen.

„Heiliger Donatus, ech grüßen dech, gelowt seist du!“

„Maria, Moddergotts, bitt for ons!“

„O Maria, ech grüßen dech, dreiunddreißigtausendmal!“

Die Stirnen neigen sich bis auf die Fliesen; Gelöbnisse, Versprechungen werden den Wunderthätigen gemacht.

Sie brauchten nicht allzulange mehr zu beten; so rasch wie es gekommen, so rasch ließ das Unwetter nach, es zog über die Berge ab in einem Hui. Vor der Kirchthür gackerten schon wieder die Hühner und scharrten nach Würmern, Spatzen schirpten vergnügt und lupften das nasse Gefieder. Die Jauche floß, durch den Regen von den Misthaufen weggespült, quer über die Gasse; aber am blauen Himmel stand schon wieder die Sonne und lachte.

Sie knixten und bekreuzten sich noch einmal an der Kirchthür und tunkten den Finger in’s steinerne Weihwasserbecken.

„Dunnerknippchen, waor dat en Wäder,“ sagte die eine. Und die andre: „Deiwel aach, dat konnt en bees Onverlegenhaat gänn!“

Sie waren alle guter Dinge, lachten und schwatzten. Die Feindinnen sprachen wieder miteinander; mit Geschäker machte man sich selbander auf, aus dem Wald das abgeschlagne Dürrholz zu holen.

Bäbbi war allein zurückgeblieben. Ihr Murmeln hallte wider im einsamen Raum; sie hatte nicht beten können zwischen den andren, jetzt betete sie. Sie wußte selbst nicht, was sie sprach; Worte waren es kaum, nur ein Gestammel, ein schmerzvolles Lallen.

Flehend richtete sie den trüben Blick auf das Marienbild; das lächelte.

Sie nickte traurig — ja, die war rein und heilig, darum lächelte sie auch so stumm; die verstand so viel Sündhaftigkeit nicht!

„Erbarm dech!“

Mit einem Stöhnen schlug Bäbbi die Stirn auf den kalten Stein. Sie hatte die Hand erhoben gegen die, die den Lorenz geboren hatte, sie hatte seine Mutter geschlagen! Was würde der Lorenz sagen?!

Wenn sie das Schreckliche, das ihr Gewissen bedrückte, doch nur einem Menschenohr anvertrauen könnte! Wenn ein reinerer Mund für sie bei der da oben den Fürsprecher machte, dann würde auch der Lorenz ihr verzeihn!

Eine furchtbare Angst erfaßte sie. Wenn er sich von ihr wendete, wenn er nicht wiederkehrte!

Halb irr vor Furcht, wand und krümmte sie sich und rang die Hände.

„Maria, Moddergotts, verzeih mer! Lorenz, komm widder! Lorenz! Ech will dein Modder uf Händen dragen, se soll mech schlaon, half dud schlaon, ech mucksen net! Komm widder, komm widder!“

Es raschelte in den Papierrosen um’s Marienbild, ein Zugwind hatte sie gestreift; oben am Orgelchor klappte ein Fenster — die Sakristeithür hatte sich geöffnet.

Bäbbi hörte nicht, inbrünstig flehte sie.

Der geistliche Herr war eingetreten, sein gutes bäuerliches Gesicht glänzte rot und zufrieden. In der Sakristei hatte es nicht eingeregnet, im Pfarrgarten war auch nicht eine von den kostbaren Speckbirnen abgeschlagen! Gelobt sei der heilige Servatius, der Schutzpatron von Eifelschmitt!

„Ei, Lenzen Bäbb,“ sagte er freundlich und tupfte die Zusammengekauerte auf die Schulter. „Was machst du hier?“

Sie hob den Kopf und sah ihn verstört an. „Hähr Pastor — Hähr!“ Sie stotterte, verlangend glitt ihr Blick hinüber zum Beichtstuhl an der jenseitigen Wand, in dem das grüne, verschleiernde Gardinchen so hoffnungsvoll schimmerte. „O Hähr Pastor“ — sie stieß es heraus mit einer Art Gier — „wann ech eweil zor Beicht giehn dörft!“ Ihre Hände haschten nach dem Zipfel seines speckig glänzenden, langen Rockes; sie drückte die Lippen darauf. „Hähr Pastor, zor Beicht!“

„Jetzt nicht, meine Tochter,“ sagte er etwas verwundert, „nächsten Freitag! Du weißt doch, nach der Messe morgens, und nachmittags von fünf bis sieben. Heut ist Montag. Warst du denn gestern nicht im Hochamt? Es ist doch abgekündigt worden. Nächsten Freitag“ — er betonte nachdrücklich jedes Wort — „von fünf bis sieben ist Beichte. Behalte, nächsten Freitag!“

„Oh,“ wimmerte sie, „Hähr Pastor!“

„Also am Freitag, meine Tochter!“ Er hob mit einer segnenden Bewegung die Hand zum Abschiedsgruß.

Sie sah ihn an, wie ein verhungerndes Tier.

Lächelnd fuhr er in die abgegriffene Tasche der Soutane und brachte ein Bildchen heraus, ein weißes Cartonkärtchen mit Spitzenpapierrand; ein rotes, flammendes Herz war darauf gemalt, von einem Pfeil durchbohrt — ‚das süße Herz Jesu‘.

„Hier, meine Tochter!“ Er machte das Zeichen des Kreuzes über sie.

Sie küßte das Bildchen, sie küßte seine Hand; und dann war sie wieder allein. Der Herr Pastor ging, um sein Brevier zu beten; das that er, wie täglich, auf seinem Spaziergang gen Himmerod zu, da führte der Weg lieblich im Bergschatten und wanderte sich sacht und eben.

Lange noch lag Bäbbi vor dem Altar; süßlächelnd blickte das Marienbild nieder, kein Zug in dem Wachsgesicht veränderte sich. Ein grenzenloses Gefühl der Verlassenheit überkam die Einsame; da war niemand, der ihr helfen konnte! Zerschlagen an allen Gliedern schlich sie sich endlich fort.

Als sie bald darauf, die Hotte auf dem Rücken, den andren Weibern nach, zum Kunowald hinaufwanderte, schloß sich ihr Peter Miffert an. Er wollte der Zeih entgegengehen. Seinen zerlumpten Werktagsanzug hatte er mit dem Sonntagsstaat vertauscht; viel war an dem auch nicht dran, aber die Hosen, die ihm sonst schlotterten, hatte er stramm heraufgezogen, die Mütze mit dem blanken Wachstuchschild saß ihm verwegen auf den dunklen Ringelhaaren.

Er pfiff und sang, aber sein Singen war mißtönend wie das Gekrächz des Hähers, der, aufgeschreckt, in den Baumwipfeln flatterte und argwöhnisch von dort niederäugte. Die Zeih mochte sich heut schön ‚veramesiert‘ haben! Pittchen hatte sich eine Haselgerte abgeschnitten, mit der hieb er rechts und links, daß die Blätter der Büsche flogen.

„Duht dat net!“ Bäbbi sah ihn aus ihren traurigen Augen beweglich an. „De arm Dinger! Am Busch sein se e su lostig grün, Ihr haut se ahf, duh liejen se kapot uf der Straß on gänn zertret!“

„Waorom net gaor,“ sagte er leichthin; aber er hieb doch nicht mehr.

Schweigend gingen sie beide weiter, jeder in seine Gedanken versunken. Plötzlich schluchzte Bäbbi auf, schwer ließ sie sich auf einen Stein am Weg fallen. „Glauwt Ihr, dat dän Lorenz widder kömmt?“ stieß sie hervor; ihr Blick bohrte sich mit angstvoller Frage in Pittchens Gesicht.

Er fühlte ihre Angst heraus und lachte gutmütig: „No, waorom dann net?! Waor soll hän dann annerschter giehn?!“

„Maant Ihr? Maant Ihr werklich?“ Sie preßte seine Hand. O wie gut that ihr seine Zuversicht! Schluchzend hielt sie ihn am Ärmel fest und lehnte die Stirn gegen seinen Rock.

„Äwer, Bäbb, seid doch net gäckig!“ Ob schön oder häßlich, er konnte kein Frauenzimmer weinen sehen; er war ganz gerührt von ihren Thränen, er quetschte sich neben sie auf den Stein und streichelte ihre Hand. „Bäbb, Bäbbchen, kreisch doch net e su!“

„Wann hän mech net mieh liew haot, duhn ech mer en Leid an,“ murmelte sie mit finsterer Entschlossenheit.

Das traf Pittchen wie ein Schlag. Wenn ihn die Zeih nicht mehr lieb hätte, was würde er dann thun — — —?!

Er sprang so hastig auf, daß Bäbbi ihn erschrocken ansah.

„Eweil giehn ech. Adjes!“

Das war nicht sein gewöhnlicher fauler Schlendergang, bei dem er die Füße kaum hob und nur langsam weiter schlorrte; er rannte.

Tannen rechts, Tannen links. Schwarze Riesenwände, die einen schmalen Streifen Himmel einrahmen. Keine Hütte, kein Stückchen bebautes Land mehr. Kein Mensch; keine grasende Kuh, keine meckernde Ziege, auch kein Wild, kein Vogel.

Ohne eine Nadel zu regen, in majestätischer Größe stehen die Tannen, wie aus der Urwelt stammend, mit ihren Riesenbärten von abgestorbenem, grauem Moos, ihren überhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem dunkelflüssigen Harz, das in zähem Rinnsal aus der zerklüfteten Borke sickert.

Tiefstes Schweigen. Ein Schweigen, in dem auch der leichtherzige Wanderer stumm wird; eine gebieterische Hand streckt sich aus dem Dunkel der Äste und legt sich auf seinen Mund: „Still!“

Hinter den finstren Stämmen tauchen Gedanken auf, dämmernde, ahnungsbange Gedanken; tückisch brechen sie hervor, wie Räuber aus dem Hinterhalt, und überfallen den Harmlosen. Man erschrickt vor dem eignen Fußtritt, man hält den Atem an und steht und lauscht; und dann packt einen die Angst im Genick, wie ein schwarzes Tuch fällt es einem über den Kopf — weg ist der Frohsinn. Ein grüblerischer Ernst hält den Menschen umklammert und läßt ihn nicht los in dieser Einsamkeit.

Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald. Wer hier um Hilfe schreit, wird nicht gehört; was man hier treibt, wird nicht gesehen; wer etwas verbergen will vor andrer Augen, kann’s hier dreist, ein Schutzdach wölbt sich über ihn und um ihn.

Pittchen pfiff und sang nicht, er rannte auch nicht mehr; argwöhnisch bohrte sich sein Blick rechts und links in die Tannen. — Ob die Zeih allein daher kam? Wenn sie nun hier ginge, begleitet von einem andren — — —?!

Der verfluchte Wald! Hätte der Weg über freies Feld geführt, würde er sich gar keine Gedanken machen, aber so — — —!

Grüblerisch hing er den Kopf auf die Brust. — — Da ging die Zeih von Manderscheid fort, auf der Chaussee begegnete ihr einer, es schlich ihr wohl gar einer nach von Manderscheid — hätte er’s denn nicht selber so gemacht? — Nun kam der große Wald, nun gingen die zwei mit einander hinein, immer tiefer in’s heimliche Versteck. Kein Mensch sah sie, nicht einmal die Sonne lugte verstohlen; es dämmerte bereits, Abendwolken verschleierten das Himmelsauge. Dem Mann wurde warm an der Seite der schönen Zeih, er redete verliebtes Zeug, und sie lachte dazu. — Peter hörte ihr halblautes Gekicher, so kicherte sie auch, wenn er zärtlich wurde — sie wiegte sich in den Hüften, der Dreiste faßte sie um die Taille, sie wehrte sich nicht, sie lachte nur — — — — —

„Kotzdonner noch ehs!“ Peter fluchte ingrimmig in sich hinein — jetzt fuhr er zusammen; deutlich erklang das Lachen, das verfluchte Lachen! Er stand, wie der Teckel vor’m Fuchsbau, zitternd, lauernd, aufgeregt.

Im dürren Gezweig knackte es — Rehe waren das nicht! Wieder das Lachen — und jetzt —

„Haalt,“ schrie es hell.

Ein Rudel junger Weiber setzte aus dem Dickicht und verstellte den Weg.

Peter sah verblüfft drein.

„Helao,“ lachte die wilde Tina, „hei gitt et Wegzoll bezaohlt, eweil sein mir de Sperrbarriär!“

Sie faßten sich an den Händen und bildeten eine feste Kette; die Tina, die Leis, die Vrun, das Kättchen, das Nettchen, die Billa und noch ein paar Halbwüchsige, in Röckchen, die grade bis unter’s Knie langten.

Mit ihren bloßen Füßen, die gebräunt von der Luft, beschmutzt vom nassen Moos, zerkratzt vom Reisig waren, trippelten sie ungeduldig. Sie schrieen alle:

„Sperrbarriär! Pittchen, helao, Pittchen, wat zaohlste?!“

Er suchte, sich geschwind an der Seite vorbeizustehlen.

„Hei gitt et net strawätzt[28]!“ Tina hielt ihn fest.

Sie ließen ihn nicht durch; drohend ragten die Hotten mit den quergelegten Reisigbündeln über ihren Köpfen.

„Laoßt mech dorch, ihr Mädercher!“

Ein vielstimmiges. „Nä!“

„Wat wollt ihr dann?“

„Wegzoll! Dau moßt zaohlen, zaohlen!“ Sie lachten und drängten sich um ihn her und hopsten und reckten sich an ihm in die Höhe.

Kein Durchkommen. Was sollte er machen, er konnte sich doch nicht mit Gewalt befreien?

„Wegzoll,“ lachte Tina, „dau kömmst net ehnder dorch!“

„Net ehnder, nä, nä,“ schrie der Chor.

Scherzend riß Miffert Tina an sich.

„E Küßche,“ raunte sie ihm zu.

Lachend ließ sie sich küssen, und lachend küßte Peter weiter, eine nach der andren nahm er beim Kopf; kreischend und doch willig ließen sie sich’s gefallen, der stille Wald hallte wider von den jauchzenden Mädchenstimmen.

Weg war die bange Einsamkeit. Peter schäkerte; je toller, je lieber, die warmen Lippen hatten ihn ganz berauscht. Ganz benommen torkelte er weiter — es dunkelte hier innen schon; nun fiel ihm die Zeih wieder ein.

Tina war hinter den andren zurückgeblieben, er hörte ihr leises: „Pst, pst!“ Sie winkte ihm.

Er that, als ob er’s nicht sähe. Ein andermal gern; aber jetzt hatte er Eile. Er setzte sich in Trab. — Donnerwetter, da kamen noch welche! Waren denn heut alle Weiber auf den Beinen?!

Er wollte sich seitwärts unter die tiefhängenden Äste drücken — umsonst — sie hatten ihn schon gesehen. Die Steffes, mit ihren harmlosen Augen, konnte ausschauen, scharf wie ein Falke; die Kathrine Densborn nicht minder, und die Traut erst recht. Auch noch ein paar andre waren dabei. Himmel, so viel Weiber!

Pittchen fühlte einen leisen Schauer den Rücken hinabrieseln, und doch war ein gewisses Wohlgefühl dabei. War er nicht der Herrscher über alle die da?!

Sie kamen seinem Gruß zuvor, ihre Blicke hingen an ihm.

„’n Aowend,“ nickte er herablassend und wollte weitergehen.

Sie hielten ihn an, jede hatte was mit ihm zu sprechen, eine immer dringender wie die andre.

Er kam nicht los; grob konnte er doch nicht sein! Als sie sich endlich trennten — schon war er ein paar Schritte fort — da drehte die Traut noch einmal um: „Hä, Pittchen! Hä!“

Und hinter der Traut lief wieder die Steffes drein.

„Uf ein Wort, Pittchen! Ech moß Eich ebbes saon, Pittchen!“

Da gab er Fersengeld.

„Hä! Hollah, Pittchen! Waartet ebbes — haalt!“

Da rannte er in den Wald hinein, was hast du, was kannst du. Hinter sich hörte er das Rufen der Weiber. Mischte sich nicht jetzt auch Tinas Stimme darein? — Lachen, Schreien, nun verfolgende Tritte!

Er verließ den Weg und sprang über den Graben, quer durch’s Unterholz, daß dürres Reisig knickte und krachte und überhängende Zweige ihm in’s Gesicht stachen.

Es peitschte ihn mit Ruten; er rannte, daß ihm der Schweiß ausbrach.

Immer glaubte er, rufende Stimmen zu hören; wie mit Armen griff es nach ihm, heißer Atem blies ihm in’s Genick, Röcke rauschten und raschelten — hochatmend hielt er endlich inne. Ach, das war ja nur der Buchenwald, der rauschte so!

Erleichtert sah er um sich. Das Tannendickicht hatte nun ein Ende; unter den grünen luftigen Buchen war’s weit heller, sanftes Licht floß an den glatten Stämmen nieder, und die Blätter regten sich traulich flüsternd im Abendwind.

Er suchte den Weg wieder auf, rückte sich den Rock zurecht und schlenkerte die Mütze aus, Tannennadeln und dürre Zweiglein hingen daran.

Kam die Zeih denn noch nicht?! Er hatte sich verspätet, aber sie scheinbar noch viel mehr. — Der würde er aber einen schönen Empfang machen, die Lust sollte ihr vergehen, sich so spät im Wald herumzutreiben!

Da war ja der Kaisergarten. Da zweigte der Weg nach Großlittgen ab, und da, unter dem Trupp himmelhoher Fichten, die abgegrenzt mitten im Buchengrün sich hoben, stand die Moosbank, so recht ein Versteck für Liebespaare.

Er stutzte. Ein Chaischen war quer über die Straße gefahren, der braune Gaul mit hängenden Zügeln rupfte friedlich die Gräser am Grabenrand ab. Waren das nicht Pferd und Wägelchen vom Gastwirt Pauly zu Oberkail?! War der hier?!

Leises Kinderweinen schlug an Peters Ohr. War das nicht das Josefchen? Zwischen den Stämmen blinkerte eine Uniform. Wer war da?!

Jetzt Lachen — das war die Zeih!

Mit einem Satz war er unter den Fichten. Richtig, die Zeih saß auf der Moosbank und neben ihr — traute er denn seinen Augen recht? — neben ihr saß ganz gemütlich der schöne Gendarm von Oberkail!

„Zeih!“ Er rief es so laut, daß der friedliche Gaul einen Satz machte und das Josefchen gellend aufschrie.

„Aha, der Herr Gemahl,“ sagte der Gendarm und legte höflich die Hand an den Helm. In seinem vollwangigen Milch- und Blutgesicht vertieften sich zwei Grübchen. Er hatte nicht umsonst bis zuletzt als Unteroffizier bei der Garde in Berlin gestanden, er wußte, daß man gegen die Männer hübscher Frauen artig zu sein hat, und wären es auch die größten Lumpe und Lüderjahne.

„Na, Herr Miffert,“ — er rückte in die Ecke der Bank und legte das Seitengewehr über die Kniee — „wollen Sie nicht Platz nehmen?“

„Nä,“ sagte Pittchen kurz. „Komm, Zeih!“ Er sah sie zornig an; sie schien das gar nicht zu bemerken; umständlich nahm sie von dem Gendarm Abschied und lächelte ihn an, die Lippen dabei spitzend, daß ihr Pittchen am liebsten einen Schlag drauf gegeben.

„Merci, merci, Hähr Schandarm, et waor e su freindlich, dat Sie mech metgeholt haon. Pittchen, bedank dech aach ehs. Dän Hähr Schandarm waor zo Manderscheid, hän haot mech invitiert, met uf dem Wägelche redur zo faohren. Duh haon ech et kommod gehaot!“ Sie lachte vergnügt.

Peter sagte kein Wort.

Der Gendarm erhob sich und steckte zwei Finger hinter den mittleren Brustknopf der Uniform. „Ich hab’s Ihnen schon gesagt, wenn Sie den Umweg über Großlittgen nicht scheuen, schöne Frau, können Sie auch noch weiter mitfahren. Habe da noch Wichtiges zu thun; unser einem wird zu viel aufgepackt, keine Minute Pause, strammen Dienst bis zum späten Abend. Für mein schweres Geld hab’ ich mir den Wagen vom Pauly genommen, nur um keine Zeit zu verlieren.“ Er gab sich ein sehr wichtiges Aussehen.

Lucia sah ihn mit offnem Mund bewundernd an.

Er machte eine einladende Handbewegung: „Steigen Sie nur auf, schöne Frau!“ Zu Pittchen sprach er mit Gönnermiene. „Für Sie ist auch noch Platz, Miffert!“

Peter schielte ihn von unten herauf an. „Willste met de grußen Hähren Kerschen äßen, maach, datste de Steiner net an dän Koap kriehst — nä, merci!“

„Was wollen Sie damit sagen?“ Der Gendarm verstand den Dialekt noch nicht und witterte immer gleich eine Verhöhnung der Obrigkeit. Er versuchte seinem harmlosen Knabengesicht einen martialischen Ausdruck zu verleihen und zwirbelte den Schnurrbart aufwärts. „Nanu, was wollen Sie damit sagen?“

„Neist!“ Pittchen sah ihn unbefangen, etwas blöde an, aber in seinem Innern kochte es: ‚Waart, dir spielen ech aach als en Possen!‘ „’n Aowend!“ Er zog Zeih unwiderstehlich mit sich fort.

„Tappert,“ brummte der Gendarm, als er ihnen nachsah. ‚Tappert,‘ das war ungefähr das einzig Eiflerische, was er bis jetzt gelernt; es war gleichbedeutend mit dem hochdeutschen ‚Dummes Luder‘, und wurde hier bei den ‚dämlichen Bauern‘ mit Vorliebe von ihm angewendet.

„Autsch, reiß mech doch net e su,“ schmollte Lucia, als sie ein Stück weiter weg waren. Sie blieb stehn und sah sich um. „Wat soll eweil dän Hähr Schandarm denken?! Jesses, laoß mech doch los!“

Er hatte sie unsanft am Handgelenk gefaßt, sie machte sich frei, mit Thränen in den Augen. „Autsch, ech giehn jao schuns allein! Laoß los! Ech haon e su als schuns schwer zo schleppen, et es mer net kommod!“

Schweigend nahm er ihr das Kind ab, dieses ganz in ein großes Tuch gewickelte Bündel; nun trug sie nur noch ein Packet, das war verschnürt, und sie trug es mit besondrer Sorgfalt.

„Wat haste lao?“ brummte er.

„Raot ehs!“ Ihr Gesicht hellte sich schon wieder auf, ihre Augen glänzten vor Vergnügen. „O su ebbes Schienes, su ebbes Wonnerschienes! Waart, Pittchen, ech zeigen et der!“

Lebhaft kniete sie nieder, legte das Packet sacht auf’s weiche Moos und begann es aufzuschnüren. „Dau sollst dein blao Wonner siehn,“ schwatzte sie dabei, „su ebbes Schienes! Kuck ehs hei, Pittchen! Kuck ehs!“ Sie schlug die Hände zusammen in eitel Glückseligkeit und lachte wie ein Kind.

Da lag ein schöner roter Flanellunterrock und schimmerte grell auf dem dunklen Moos. Und daneben eine Tändelschürze von schwarzem Seidenstoff, unten mit bunter Blumenguirlande bestickt.

„Haste su ebbes schuns gesiehn?“ stammelte sie entzückt; und dann griff sie mit beiden Händen zu und hielt sich das viel zu kleine Seidenläppchen vor den starken Leib. „Wat werden se saon!“ Sie jauchzte förmlich.

Er staunte auch über die Pracht, aber zugleich ergriff ihn eine plötzliche Unruhe, ein jähes Unbehagen — wie kam die Zeih dazu?

„Wuhär haste dat?“ fragte er finster.

Sie lachte fröhlich: „Geschenkt kritt!“

„Geschenkt kritt?“ wiederholte er. „Von deim Tant doch sicher net; on dein Modder haot sälwer neist!“ Er sah sie lauernd von der Seite an.

„Olau, von dänen — nä!“ Nun lachte sie, daß sie sich schüttelte. „Von dänen, su ebbes Schienes?! Hahahaha!“

„Von wäm dann?“ fuhr er sie an.

„Olau, dau domm Pittchen,“ — noch immer lachend stieß sie es heraus — „von dem Hähr Reisenden, von dem freindlichen Hähr! Von wem annerschter?!“

„Biste doll?!“ Er sprang auf sie zu wie ein Rasender und riß ihr die Schürze vom Leib. „Gief her!“

Das Lachen verging ihr, jammernd suchte sie ihm die Schürze wieder zu entreißen. „Mein Schörz, Pittchen! Mein Schörz, mein schien Schörz!“

„Dän Lappen, dän Dreck!“ Er knäulte die Seide zusammen und schmiß sie hin; auf dem roten Rock trampelte er herum. „Onnerstieh dech noch ehs — ebbes aanzonähmen von Hähren, von fremde Hähren! Ech schlaon dem Kerl ale Rippen im Leiw dorch, ech schlaon hän kapores, ech schlaon hän dud. — Dau Mensch, dau lidderlich Mensch, wat haot hän dafor gekritt? Saog!“ In seiner Wut gab er ihr einen Stoß, daß sie zu ihren mißhandelten Schätzen auf’s Moos niederfiel. „Saog de Waohrhaat — lüg net! Wat haot hän dafor gekritt?!“ Er schrie; unter den schweren Augenlidern sah er sie durchbohrend an mit stechenden, gefährlichen Blicken.

Sie suchte die Geschenke zusammenzuraffen; er schleuderte sie in weitem Bogen auf die schmutzige Straße.

„Wat haot hän dafor gekritt — willste’t nau saon?!“

„E Küßche,“ wimmerte sie, „nor en anzig Küßche. For den Rock zwaa — for de Schörz ans — nä, aach zwaa! Föhrwaohr on enklich, ech saon de Waohrhaat. — Pittchen, Pittchen!“ Sie hatte Angst bekommen.

„Neist mieh? Lüg net!“ Er knirschte mit den Zähnen. „Dau kömmst net labendig hei aus em Wald, wannste net de Waohrhaat saost. Ech raoten der!“ Er hob die Faust, jede Muskel seines hagren Körpers war angespannt; er war nicht so groß und kräftig gebaut wie seine Frau, aber in diesem Augenblick erschien er ihr wie ein Riese.

„Hän haot mech uf dän Schoß geholt,“ stotterte sie scheu. „Hän haot dat Josefche hinnen in et Chaische gelät. Hän saot, hän wollt mer noch ebbes vill Schieneres metbringen, wann hän dat nächste Maol nao Eifelschmitt käm. — O mein Schörz! Mein rot Röckche! Mein schien Schörz!“

Die Thränen liefen ihr stromweis über die blühenden Wangen, jammernd rang sie die Hände: „Ech arm Dier! Hätten ech dech nie geheiraod! Hätten ech uf mein Vadder sälig geheert! Ech konnten en annern kriehn! Duh sitzen ech eweil zo Eifelschmitt in dem dreckige Loch — ke Gäld — ken Penning — mer waaß oft net, wat mer äßen soll — dän Mahn stiehlt onsem Hährgott dän Dag ahf — im Winter friert mer sech zo Schannen — im Sommer haot mer net emaol en anstännig Kleid, om uf de Kirmes zo giehn! Hei dat Fähnche“ — sie hob ihr verschossenes, an allen Enden zu knappes Kleid in die Höhe — „dat dragen ech schuns e su lang mir verheiraod sein — zwaa Jaohr! On im Dienst zo Manderscheid haon ech et aach als drei Jaohr gehatt. Mer moß sech schämen for de Leit!“ Das Schluchzen erstickte sie fast: „Ech arm — arm Dier — ech deierlich Fra!“ Sie warf sich ihren Kleiderrock über den Kopf und saß nun ganz vermummt.

Das Kind auf Pittchens Arm fing kläglich an zu schreien; er warf es der Mutter in den Schoß: „Dao lieg, dau Bankert!“

Aber gleich darauf packte ihn die Reue; sie schluchzte so herzbrechend, so hatte er sie noch nie gesehen. Sonst war sie immer fröhlich. Die hörte wohl nie mehr zu weinen auf!

Und hatte sie nicht recht, ging’s ihnen nicht erbärmlich genug? Hatte er ihr nichts Besseres versprochen, als er die schöne, lustige Zeih freite?! Er stand betroffen.

„Zeih,“ sagte er sanfter, und dann räusperte er sich. „Zeih!“

Wenn sie ihn auch nicht sah, nun wußte sie doch, woran sie war; sie schluchzte jetzt noch jämmerlicher und krümmte sich wie in unerträglichen Schmerzen.

„Zeih,“ sagte er ganz kleinlaut und zog ihr den Rock vom Kopf.

Sie sah ihn gar nicht an, nahm das Kind in den Arm und herzte es unter Thränen: „O dau mein Josefche, mein arm Josefche.“ Sie küßte es mit stürmischer Zärtlichkeit. Der Hut war ihr vom Kopf geglitten, das Haar hing ihr lang und wellig an den Schläfen nieder, ihr lieblicher Mund zuckte wie bei einem Kind, das sich ausgeweint hat und dem nur noch stoßweise ein letztes Schluchzen kommt. Die Lider hielt sie beharrlich gesenkt, ihr Blick ruhte auf dem Kinde; die goldig-braunen Wimpern lagen auf den schwellenden Wangen, die die Sommersonne nicht verbrannt, nur mit einem pfirsichähnlichen Anhauch überzogen hatte.

Keine war doch so hübsch wie sie — und alleweil so fidel!

Peter sah unverwandt auf sie nieder. „Haste de Waohrhaat gesaot, Zeih? Schwör! Beim Josefche bei!“ Er legte die Hand auf das Kind.

Sie legte die ihre dazu. „Ech schwören!“

Nun hob sie den Blick und blinzelte ihn an: „Biste mer bees, Pittchen?“ Ein Schluchzen stieß sie noch. „Ech kann doch neist dafor!“

„Nä, nä, kreisch nor net — Kotzdonner, dau sollst net kreischen, Zeih!“ Er stieß mit dem Fuß auf. „Ech haon et jao net e su bees gemaant. Äwer dau moßt mer aach net ontreu gänn — hörste, Zeih, net ontreu. Zeih!“ Er rüttelte sie schon wieder.

„Nä, nä — o mein schien Röckche! Mein Schörz!“

Er ging schon auf die Straße und holte beides. „Dao haste dän Dreck!“

„O Pittchen!“ Sie faßte seinen Kopf und zog ihn zu sich herunter, beide Hände legte sie an seine Wangen. Ganz zart flüsterte sie — es war schon wieder was von dem früheren vergnügten Klang in der Stimme —: „Eweil biste mer widder gud, gäl? On en anner Kleid kaafste mer aach, gäl? E su bal dän Hähr Reisenden widder kömmt. Ech saon der, dän haot Kleider!“ Schmeichelnd rieb sie ihr Gesicht an dem seinen. „Gäl, dau kaafst mer ans?“ Sie wartete auf seine Antwort; als keine kam, warf sie den Kopf zurück: „Dän wollt mer ans schenken!“

Er zuckte zusammen. „Dau sollst kans geschenkt kriehn, dau därfst kans geschenkt kriehn, ech leiden dat net, ech — jao“ — er nickte und kratzte sich nachdenklich hinter den Ohren — „ech kaafen der sälwer ans!“

Mit einem Freudenschrei riß sie ihn ganz zu sich herunter, preßte seine Lippen auf ihren Mund und küßte ihn heiß.

Er lag mit seinem Kopf neben dem Kind in ihrem Schoß; sie streichelte seine Haare und wickelte sie um ihre Finger.

„Gäl, Pittchen, dau kaafst mer ans? Jesses Maria, haon ech en Freid. Pittchen, ech haon dech su liew!“

„On dän Schandarm?“ fragte er leise, noch einmal von einem düstren Argwohn beschlichen.

Sie lachte hell auf. „Dän Lappes! Waaßte, wie dän micht? Kuck hei.“ Sie drückte die Augen heraus, warf sich in die Brust und zwirbelte an ihrer rosigen Oberlippe. „Alleweil micht dän e su. O dän! Hahaha!“

Er hatte sich halb aufgerichtet; auf den Ellbogen gestützt, sah er verliebt in ihr lachendes Gesicht.

Sie strich ihm die Falten auf der Stirn glatt und kitzelte ihn mit einem Halm unter der Nase. Er mußte mit ihr lachen. Und dann tuschelte er ihr etwas zu und drückte ihren Fuß.

Das Kind schlief unbeachtet. Das Moos war weich, der Wald einsam, dunkler und dunkler wurde der Abend. So weich, so zärtlich ging die Luft, und die Blätter lispelten sacht, als hätten sie sich heimlich, ganz verschämt etwas anzuvertrauen.

Als sie gingen, hing sie an seinem Arm, und er schleppte beides, das Kind und das Packet. Sorgfältig hatte er selbst die Geschenke eingepackt und verschnürt, dann hatte er sich den Bindfaden um den Hals gehängt; das Päckchen baumelte, bei jedem Schritte spürte er’s.

Der Weg schimmerte kaum erkennbar, im Tannenforst war’s stockfinster. Zeih that furchtsam; bei jedem Knistern der Rinde, jedem Niederrieseln einer Nadel fuhr sie zusammen und schmiegte sich fester an ihn. Sie ruhte mit ihrer ganzen Schwere auf ihm, unter dem dünnen Fähnchen spürte er ihren warmen vollen Körper.

Es war ihm sehr heiß, sein Atem ging unruhig; er schwitzte, trotzdem es nun bergab ging und der Nachtwind feucht und scharfkühl wehte.

Dunkel lag Eifelschmitt; nur in wenigen Häusern schwacher Lichtschein, die Straße leer. Am eintönig plätschernden Brunnen standen noch ein paar Weiber und wuschen ihre Füße in dem ausgehöhlten Baumstamm, der als Brunnentrog diente. Sie hatten ihre Röcke hochgeschürzt; in dem Mondstreif, der jetzt durch’s Nachtgewölk brach, schimmerten ihre nackten Arme und Beine lockend silberweiß.

Peter fühlte wieder das seltsame Gruseln, jenen wunderlichen Schauer, der ihm leise über den Rücken hinabrieselte, sein Blut für Augenblicke erstarren machte, um es dann desto heißer anzutreiben.

Unweit ihrer Hütte strich eine Gestalt an ihnen vorbei; Peter glaubte Tina zu erkennen an ihren glitzernden Augäpfeln und den geschmeidigen Bewegungen. Sie schlüpfte zwischen ihm und der Hecke durch; für eine Sekunde fühlte er seine Hand gestreift von heißen, feuchten Fingern — dann war’s vorbei, verschwunden wie ein Spuk. In der Ferne noch ein leis verklingendes Lachen. —

In der Nacht träumte Pittchen schwer.

Er ging denselben Weg, den er heut der Zeih entgegengegangen. Aber oben am Kaisergarten wandte er sich rechts, gen Großlittgen zu; er mochte wollen oder nicht, er mußte dahin. Es puffte ihn von hinten was in den Rücken, ein starker Wind blies ihn fort.

In der Ferne hörte er Stimmen, sie riefen und lockten: „Pittchen! Komm, Pittchen!“

Lachen klang dazwischen — jetzt hörte er die Zeih rufen, und jetzt die Tina — jetzt fielen andre bekannte Stimmen ein: „Pittchen! Pittchen!“

Wo war er denn? Erschrocken sah er sich um. Da ging er durch die öde Heide, der Wind stöhnte drüber hin mit unheimlichen Klagelauten.

Er wollte nicht weitergehen, umkehren — sein Fuß strauchelte über abgestorbne Strünke, es roch nach Pech und Schwefel. Eine glühende Luft schlug ihm entgegen wie Flammenhauch, versengte ihm Haar und Brauen und tief innen im Leibe das Herz.

Er wollte Hilfe schreien und konnte nicht. Fern, fernab tönte heisres Hundegebell — das waren die Hunde von Großlittgen. Hilfe, Hilfe, dorthin!

Er wollte laufen und konnte nicht. Er stand wie festgewurzelt.

Der Boden war heiß, als brenne unterirdisches Feuer darunter. Und da war ein Kreis seltsamer grüner Pflänzchen, wie abgezirkelt standen sie im Kranz mitten auf totem verbranntem Land; im schwefligen Licht, das die Nacht erhellte, sah er deutlich ihr giftiges Grün.

Hilfe, Hilfe! Der Hexenkranz! Hatte ihn seine Mutter nicht schon als Kind dort, sich bekreuzend, vorüber geführt und scheu geflüstert: „Hei es’t net geheuer!“ Da tanzten vormals die Hexen, und loderndes Feuer prasselte auf. Der Boden verbrannte unter ihren Füßen; nur diese Pflänzchen sproßten, grüne Stengel, ohne Blatt und Blüte, das einzig Lebendige ringsum.

„Pittchen, Pittchen!“

Wer rief?

Im Flammenschein hüpften ihm Gestalten entgegen mit raschelnden Röcken und flatternden Haaren, sie lachten und winkten und riefen und streckten die Arme nach ihm und reichten sich die Hände und wirbelten um ihn in tollem Tanz. Immer toller, toller — immer wilder, wilder — Weiber, Weiber, lauter Weiber!

Und auf einmal stand die Zeih mitten im Kreis, sie hatte die Seidenschürze wie ein Mäntelchen um die Schultern hängen und den neuen roten Unterrock an — weiter nichts. Sie schlug die andren auf die ausgestreckten Finger und lachte hell.

„Dän es mein!“ Sie warf den Unterrock und die Schürze ab — da stand sie nackt und schön im Flammenschein und sprach gebieterisch: „Kaaf mer e nei Kleid!“

Laut kreischten die andren auf, heulend sprangen sie in die Höhe, sie wurden zu Flammen, die ihm entgegenzüngelten — — —

„Jesus! Maria! Josef!“ — Da, der Boden wich ihm unter den Füßen, er that einen tiefen Fall, abgrundtief — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Mit einem Schrei erwachte Pittchen.

Der Mond schien hell durch’s unverhängte Fensterchen, mitten auf das zerlumpte Federbett. Der Kopf der Zeih lag schwer auf seiner Brust und drückte ihn.

Sie schlief mit offnem Mund und schnarchte regelmäßig.

Noch vom Grauen des Traumes erfaßt, rüttelte er sie: „Zeih, Zeih, Zeih!“

Sie wachte nicht ganz auf, schlaftrunken öffnete sie nur ein Spältchen die schwarzen Lider.

„Dat Kleid,“ lallte sie. — „Kleid — kaaf mer e schien nei Kleid!“


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