IX.
Allerseelen.
Die Gräber des kleinen Kirchhofs, draußen an der Straße gen Himmerod, waren geschmückt mit Tannenzweigen und Papierrosen. Hoch hatte sich schon der Schnee auf den Hügeln getürmt und sie alle weiß und gleich gemacht; nun waren sie sorgsam reingefegt und geschaufelt, zierliche Kreuze, Kränze, Herzen und Buchstaben waren von roten Beeren gelegt und Lichtchen zwischen hineingesteckt. Aus der erstarrten Erde schien es zu brennen; die da unten ruhen, sprechen zu denen oben mit ängstlich flackernden kleinen Flämmchen, die der leiseste Windhauch verlöschen kann.
Aber kein Wind wehte. Noch einmal war der Winter gewichen, über den Bergen die Sonne erschienen; bleich zwar und müde, aber doch eine Sonne. Das hängende, verschrumpfte Laub der Friedhofsrosen schien sich noch einmal zu heben; um die Mittagszeit war es lind und still im Thal, der Himmel zeigte ein blasses Blau. Allerheiligensommer.
Da haben die Toten ihren Festtag. Die längst Vergessenen kommen wieder zu ihrem Recht, rühren sich in den morschen Särgen und senden einen Gruß hinauf in’s Leben. Allerheiligen — Allerseelen.
Die Weiber von Eifelschmitt hatten ihr Bestes gethan, ihre Gräber waren so schön geschmückt, wie die im reichsten Dorf. Schon am Morgen strömte die ganze Schaar hinaus zum Kirchhof; man sprengte die geschmückten Hügel mit geweihtem Wasser, lag lange auf den Knieen und betete für die ewige Ruhe der Verstorbenen. —
Am Nachmittag, als sie alle bei Festtagskaffee und Kuchen saßen, schlich sich Pittchen hinaus; er ging gebückt wie ein Alter, und die Schale mit geweihtem Wasser in seiner Hand schwankte.
Daheim saß die Zeih bei dem kranken Josefchen und weinte sich die Augen rot; die ‚Gichter‘ plagten das Kind, warfen bald seinen kleinen Leib hoch in die Höhe und reckten ihn dann wieder lang.
Seit jenem Sonntag in Oberkail war das Josefchen krank; da waren die Eltern spät in der Nacht heimgekommen, ohne einen Blick auf die Wiege zu werfen, torkelten sie sinnlos in’s Bett. Am Morgen lag das Josefchen nackt da, steif und blaugefroren; bald kamen die Krämpfe.
„Kreischt net e su,“ sagte die Weise-Frau, die Peter in seiner Angst holte, „bal hatt ihr e schien Engelche im Himmel!“ Davon wollten die Eltern nichts wissen; Anschuldigungen flogen hin und her, es gab einen heftigen Zank. Der Schluß war, daß sich Peter finster und wortkarg in seiner Werkstatt verschloß und Zeih betend und weinend an der Wiege verblieb.
Aber bald ertönte ihr Singen, erst leise, dann schallend; die Leute sagten immer bewundernd. „Dat Zeih haot en Stimm, om de Duden ufzoerwecken.“ Sie sang:
„Hoch uf em Daach, uf em Daach,Haot sech en Könd half dud gelaach,Et fiel erunner, erunner —Rube-de-bub — Rube-de-bub!“
„Hoch uf em Daach, uf em Daach,Haot sech en Könd half dud gelaach,Et fiel erunner, erunner —Rube-de-bub — Rube-de-bub!“
„Hoch uf em Daach, uf em Daach,Haot sech en Könd half dud gelaach,Et fiel erunner, erunner —Rube-de-bub — Rube-de-bub!“
Das wiederholte sie ein paar Mal, beim Kehrreim stieß sie jedesmal an die Wiege, daß sie heftig schaukelte.
„Rube-de-bub — Ruube-de-bub!“ Und dann weinte sie wieder ein Weilchen.
Peter war nicht so leicht getröstet; wenn er nicht in der Werkstatt steckte, stand er bei der Wiege und starrte finster brütend, mit zusammengekniffenen Lippen auf das kranke Kind.
Heute schlich er wie ein armer Sünder auf den Kirchhof; auf den Gräbern seiner Eltern warf er sich nieder und krallte die Finger in die kalte Erde. Er suchte eine Zuflucht bei ihnen vor den eigenen Gedanken.
Lange war er nicht hier gewesen, wohl das ganze Jahr nicht; aber nun sollte es besser werden, er versprach es denen da unten hoch und heilig. Und einen Marmorstein sollten sie kriegen mit goldner Inschrift; koste es, was es wolle, er konnte es ja zahlen. Zahlen —!
Er fuhr auf und sah sich scheu um. Wenn er nur Mut gehabt hätte! Er knirschte mit den Zähnen und ballte die kalten Finger zu Fäusten — den Mut, den Mut! Da lag was in seiner Werkstatt verborgen, nicht Sonne noch Mond hatten es beschienen, niemand hatte es gesehn, und doch ängstigte es ihn Tag und Nacht. Es konnte ihn reich und glücklich machen, und doch —
Mit einem unterdrückten Fluch sprang er empor, sein Fuß trat in die Schale geweihten Wassers, daß sie umstürzte und ihr Naß in den aufgetauten Pfad ergoß.
Nur Mut! Er fuhr sich in die Tasche — klapperte es nicht schon darin? Nein, nein — leer, ganz leer! Und zu Hause weinte die Zeih, wimmerte das Josefchen; kalt war die Hütte, der Tod stand auf der Schwelle — — — — — — — — — — — —
Der Angstschweiß brach ihm aus, mit der verkehrten Hand wischte er sich über die Stirn; die Hand zitterte.
„Feiges Luder,“ murmelte er zwischen den Zähnen. Nur ein bißchen Courage brauchte er zu haben, dann wurde alles wieder gut. Dann lachte die Zeih, dann kam der Doktor und heilte das kranke Kind — er sah es schon mit roten Bäckchen, auf flinken Füßchen durch die Hütte trippeln, ein großes Butterbrot in der Hand, — und die Zeih küßte ihn, heiß fühlte er den Kuß. Und am Kirchhof vorüber zog eine ganze Schar — nickende, winkende Weibergestalten. Verjubelte Tage, verjubelte Nächte — immer fidel —!
Die Hütte würde er ausbauen lassen, nein, eine neue kaufen, einen Bauernhof! Vielleicht gar die Eichelhütte, drüben gen Himmerod zu, deren schloßähnlicher Bau über die Eichenwipfel ragte.
Da hatte ihn sein Vater vorbeigeführt, als er noch ein Knabe war; da hatten sie am Gitter gestanden und neugierig in den Park gelugt. Ein reicher Herr hatte im Schlößchen gewohnt, der war längst tot, und der jetzige Besitzer wollte verkaufen. Wenn er nun der Herr Besitzer würde —?!
Wie die Zeih sich freuen würde! Was die da unten im Grab wohl dazu sagen würden?!
Er kniete nieder, legte sein Ohr an den Hügel und horchte.
Tief, tief innen in der Erde glaubte er was zu hören, ein Summen und Rauschen, ein Flüstern und Raunen; hohl, wie aus einem Gewölbe, drang’s an sein Ohr. Ein Schauder überlief ihn, — das kam aus der Ewigkeit! — — — — — — —
‚Wie mer sech bett’, su schläft mer,‘ — hatte so sein Vater nicht immer gesagt?
Zitternd flüsterte Peter: „Sollen ech et duhn? Sollen ech et net duhn?“
Und die Stimme aus der Tiefe antwortete: „Du sollst!“
Da sprang er auf. Der Kirchhof war leer. Hinter den Bergen verkroch sich schon die Sonne, und im Säuseln eines Lüftchens flackerten die Gräberkerzen höher.
Von Schauern überrieselt ging Peter, die Füße waren ihm wie gelähmt; langsam, ungewiß machte er Schritt für Schritt. Auf dem großen Kreuz, das sich mit der Gestalt des Heilands inmitten des Kirchhofs erhebt, lag ein blendender Schein; gerade auf die Inschrift fiel er, die sich in goldenen Buchstaben über den breiten Sockel zieht.
‚Amor me cruci affixit‘
Was hieß das? Nie hatte Peter darüber nachgedacht, nun stand er in Sinnen verloren. Er buchstabierte, und dann starrte er hinauf zu dem dornengekrönten Leidensantlitz, bis ihm die Augen übergingen.
Plötzlich schreckte er zusammen, eine Hand legte sich auf seine Schulter. Ah, der Herr Pastor! Er riß die Mütze vom Kopf.
„Seh einer, der Miffert!“ sagte der Geistliche wohlgelaunt und schlug ihm mit dem Brevierbüchlein, das er stets bei dem täglichen Spaziergang mit sich führte, leicht auf den Rücken. „Na, wie steht’s mit dem Kronleuchter? Seid Ihr bald fertig?“
„Nä, nä,“ stotterte Peter erschrocken; die gutmütige Stimme klang ihm wie die Posaune des jüngsten Gerichts. „Eweil sein ech noch net e su weit, ech — eweil — äwer bal — ech —“
„Ich glaube es wohl, das ist kniffelige Arbeit!“ Der Geistliche legte ihm selber die Entschuldigung in den Mund, Peter schnappte danach, wie ein Fisch nach dem Köder.
„Dat es et, dat es et,“ beeilte er sich zu versichern. „Ech arweiden Dag on Naacht, äwer —“
„Ich habe es gehört,“ unterbrach ihn der Pfarrherr freundlich. „Das ist brav, mein Sohn. Deine Arbeit wird schon wohlgelingen; Mariä Sohn selber“ — er wies hinauf zum Kreuz, das sie hoch und breit überragte — „wird dich in seine Fürbitte aufnehmen!“
Ein Stich ging Peter durch und durch, er fühlte, wie eine heiße Blutwelle ihm in’s Gesicht schoß; scheu sah er hinauf zu dem verzerrten Leidensantlitz.
Der goldne Glanz vom Himmel hatte sich gewandelt, rot wie Blut war er geworden und umspielte mit flammendem Schein die eingemeißelte Schrift. Sie flimmerte vor seinen Augen.
„Lao stieht wat,“ stammelte er und zeigte mit dem Finger hinauf. „Wat heißt dat?“
„Amor me cruci affixit— Liebe hat mich an’s Kreuz geschlagen,“ sprach der geistliche Herr und wandte sich zum Gehen. Er nickte noch einmal zurück: „Guten Abend, guten Abend, ich komme in den nächsten Tagen selber zu Euch, Miffert, und sehe nach Eurer Arbeit.“ Mit segnendem Gruß hob er die Hand. Sein Brevier murmelnd, tauchte er hinter den Hügeln unter.
Einsam war wieder der Kirchhof; so still war’s um Pittchen, daß er das eigne Atmen als lautes Geräusch hörte.
Schwerfällig ließ er sich auf dem Sockel des Kreuzes nieder.
‚Liebe hat mich an’s Kreuz geschlagen‘ — ja, die Liebe! Seine Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer — die war’s! Eine große Erleichterung kam über ihn. Was er that, that er ja auch nicht für sich, nur aus Liebe zu andren! Da waren die Zeih, das Josefchen und die andren alle — aus purer Liebe!
Sein unsteter Blick wurde ruhiger, er heftete ihn fest auf das Bild des Gekreuzigten. Der da oben litt, und er selbst litt auch — ja, leicht war’s nicht, am Kreuz zu hängen! Aber die Angst, die Angst, die er hatte, war die nicht noch schrecklicher?!
„Wann se mech atrappieren, gänn ech villeicht aach ufgehang,“ murmelte er finster. „Nä, dat duhn se eweil net mieh, äwer se sperren mech ein, wuh Sonn on Mond net scheinen, wuh mer kein Luft krieht, wuh mer — ha —!“ Er holte tief und zitternd Atem, der Kopf sank ihm auf die Brust. Aber gleich darauf hob er ihn wieder.
Die Gestalt des Heilands verschwamm schon im Grau des rasch sinkenden Abends, nur um das Haupt wob sich noch ein flüchtiger Schimmer wie eine Glorie. Es schien sich zu neigen.
Mit unterdrücktem Schrei streckte Peter die Hände aus. Ja, der da oben, der verstand ihn! ‚Amor me cruci affixit‘ — der würde ihn nicht zu Schanden werden lassen!
Er warf sich am Fuß des Kreuzes nieder und betete, wie er es noch nie gethan. Getröstet stand er auf; einen vertraulichen Gruß sandte er noch hinauf, ein verständnisvolles Nicken.
Festen Fußes schritt er an den Gräbern entlang. Es war fast dunkel, die Lichtchen niedergebrannt, nur hie und da flackerte noch eins wie ein Irrwisch mit aufzuckendem Schein.
Als er das Gatter des Friedhofs schloß, pfiff er. Er fühlte sich so leicht, so vergnügt; nun wußte er, was er zu thun hatte, nun wurde nicht länger gefackelt.
Von der Eichelhütte her kam ein Wägelchen über die Chaussee, es rollte dicht an ihm vorüber. Er erkannte den Besitzer der Eichelhütte, den Herrn van Beuren, darauf, der immer nur zweimal im Jahre ein paar Tage zur Jagd herkam; der neben ihm sitzende dicke Mann, mit einem Wollenshawl vermummelt und mit Ohrenklappen an der Mütze, war ihm fremd. Wer war denn das? Neugierig sah Peter dem Gefährt nach.
Dicht vor’m Dorf stieß er auf Krumscheid. Donnerwetter, der kam ja von seiner Hütte heruntergestelzt, was wollte denn der da oben? Aha — Peter lachte in sich hinein — der hatte wohl Angst um sein Geld?!
Geschmeidig grüßte er den Alten: „’n Aowend, Vadder Krumscheid!“
Dieser hielt ihn fest. „Saot, Pittchen, wie stieht et eweil met mein Dahlersch, hä?“ Man merkte es dem Alten an, er wollte es nicht gern mit dem Pittchen verderben; er suchte einen Vorwand. „Et duht mer laad, dat ech ebbes dervon saon moß, äwer ech — ech sein sälwer in Onverläjenhaat, ech haon ebbes zo zaohlen; et pressiert!“
Pittchen lächelte.
Krumscheid deutete dies Lächeln falsch, die Angst überkam ihn. „Ech moß mein Gäld haon,“ stieß er grob heraus.
„Tutswit,“ sagte Peter gelassen. „Ihr könnt et jeden Momang haon, wann Ihr wollt. Kommt bei mech eruf, lao könnt Ihr se metholen, de Dahlersch!“
„Nä, nä!“ Der Alte traute nicht recht, er fürchtete Prügel. „Kommt liewer bei mech, dann drinke mir e Schöppche.“
„Nä!“ Jetzt, wo es zur That ging, bebte Peter doch plötzlich zurück; eine jähe Angst überfiel ihn, sein Herz hämmerte, daß er’s bis in den Hals spürte. „Eweil kann ech net,“ sagte er hastig. „Heit net. Morjen — morjen.“
„Morjen, gewiß on waohrhaftig?“ Der Alte packte ihn am Rockschoß.
„Morjen,“ sagte Pittchen gepreßt und entwand seinen Rock den knöchernen Fingern.
Eilig rannte er heim, er fand die Zeih, in Thränen aufgelöst, an der Wiege. Das Josefchen verdrehte die Augen, ballte die Fäustchen und zog die Beinchen krampfhaft herauf an den Leib.
„Wann mer noren dän Hähr Dokter hätten! Wann ons Josefche dem sein Medezin einhole könnt, gäb et gesond! Josefche, mei Josefche, ech duhn mer e Laad an — stärw net, Josefche, mei Josefche!“ Schreiend warf sie sich über das Kind.
Peter konnte es nicht mehr mit ansehen, an allen Gliedern zitternd, stand er da. Er wollte sprechen und konnte nicht, so trocken war es ihm im Halse; er schluckte und schluckte. Leeren Blickes stierte er auf das Bettchen — da lag sein Kind, es glich ihm genau; so hatte er wohl auch einst der Mutter in der Wiege gelegen. Wie ihm, so fehlte dem Josefchen das unterste Stückchen am linken Ohrlapp, auch die Brauen waren so über der Nase zusammengeschoben und die Haare in dunklen Ringeln so tief in die Stirn gewachsen. Sein Kind — sein Ebenbild! Der heiße Wunsch stieg in ihm auf, das Kind zu behalten.
Und glühend heiß fielen ihm die Thränen der Zeih auf’s Herz, er konnte ihr Jammern nicht mehr hören; schwankenden Schritts, wie ein Trunkener, taumelte er nebenan in seine Kammer.
Als er nach einer Weile wieder herauskam, war er ruhiger. Auf seiner Stirn stand ein Entschluß; seine Lippen waren fest zusammengepreßt.
Beim Morgengrauen würde er den Doktor holen, sagte er der Zeih.
Und dann eilte er noch einmal zum Hause hinaus; er lief, wie gejagt. Durch eine Gutthat wollte er sich den Beistand des Himmels sichern.
Er wußte, wohin er zu gehen hatte. Da war die Hütte der Schneidersch; mit der Bäbbi ging’s schlecht, die konnte sich nicht erholen. Zweimal schon hatte der Kauz nachts an ihrem Fenster geschrien. Krokodilsthränen vergießend, erzählte es die Alte im Dorf herum, aber ihr Jammern galt mehr der eignen gestörten Nachtruhe, als den Leiden der Schwiegertochter; wenn sie sich auch dreidoppelt ein Tuch um die Ohren band, sie hörte doch durch die rissigen Lehmwände das Stöhnen der jungen Frau und das Schreien des halbverhungerten Säuglings. Die Bäbbi fieberte und fieberte; ein paarmal hatte sie schon versucht, aufzustehen, nach wenigen Schritten war sie mit einem schmerzlichen Schrei zusammengebrochen.
Vorsichtig tappte Peter über den Hof, bis zur Thür neben dem Stall. Drinnen hörte er ein Kind greinen und eine kranke Stimme sprechen: „Sei still — sch — sch — waart nor, bis dän Pappa kömmt! O Jeß, wann hän net bal kömmt, sein ech dud — sch — sch —!“
Der sehnsuchtsvolle Ton verzitterte in einem langen Seufzer. Die sprach ja, wie eine Sterbende! Peter erschrak. Leise schlich er an’s Fensterchen und guckte hinein.
Da saß sie im Bett, das einzige Kissen hatte sie sich in den Rücken gestopft; sie war so schwach, daß sie den Kopf nicht halten konnte, bald sank er ihr zur linken, bald zur rechten Seite.
Wie traurig hatte die sich verändert! Sie war nicht häßlich, nein, vielleicht hübscher, als sie jemals zuvor gewesen. Schmerzen und Gram hatten ihr Gesicht verfeinert, die sonst gebräunte Haut war abgeblaßt, silbrig schimmernd wie Perlmutter. Das straffe Haar bauschte sich ihr lockrer um den Kopf, und im Blick ihrer weitgeöffneten großen Augen lag etwas Überirdisches.
Es fröstelte Peter. Sacht klopfte er an die Thür und trat zugleich ein.
Verwundert drehte Bäbbi den Kopf nach ihm, sie erkannte ihn nicht gleich. Dann aber flog ein freudiger Schein über ihr Gesicht, sie wollte seine Hand gar nicht loslassen. „Es dat schien, dat Ihr mech besuche kommt — oh — dat es schien!“
Er beugte sich über sie und suchte hinter einem Lachen und einem Scherz seine Rührung zu verbergen. „No ruhig, Bäbbche, ruhig! Jao, wann dän Ehmahn net derhäm es, dann kömmt onser anen e su apropos wie Räjen im Mai. Gäl, Bäbb?“ Er strich ihr gutmütig über die schmale Wange. „Wanneh danzen mir zwa dann zosammen?“
Sie blieb ernst. „Ech haon de Engel schuns Hallelujah singe gehört; ech danzen net mieh!“
„Gott bewaohr, Bäbb,“ sagte er erschrocken, „Ihr werdt doch net himmeln?“[36]
Sie sah ihn wehmütig lächelnd an. „Duht mer de Liew — ech verlangern e su — schreiwt mer e paor Wörtcher an dän Lorenz! Ech haon heiwel[37]vill Däg gelauert, dat ans kömmt, wat schreiwe kann.“ Sie machte einen Versuch, sich höher aufzurichten, traurig schüttelte sie den Kopf.
„Ech kann jao net ufstiehn, ech sein innewennig wie ausenanner. Lao im Schößche[38]sticht Papier on Feder — lao es de Dint — schreiwt — schreiwt!“
Mit ängstlicher Hast trieb sie ihn an. Sie diktierte schwerfällig, ruckweise, zu jeden paar Worten machte sie eine neue Anstrengung.
Beim Schein des winzigen Lämpchens schrieb Pittchen:
‚Deurer Lorenz!Ech grüßen dech vill dausendmaol!Ons Könd leit in der Heija[39]on dräumt von seim Pappa. Ech haon e su lang neist von Dir zo hören kritt, ech verlangern e su, datste bei mech kömmst, ehnder ech —‘
‚Deurer Lorenz!
Ech grüßen dech vill dausendmaol!Ons Könd leit in der Heija[39]on dräumt von seim Pappa. Ech haon e su lang neist von Dir zo hören kritt, ech verlangern e su, datste bei mech kömmst, ehnder ech —‘
Hier stockte Bäbbi; in schmerzliche Thränen ausbrechend, schlug sie die Hände vor’s Gesicht.
„Kreischt net, Bäbb,“ tröstete Peter mit weicher Stimme.
„Nä, nä!“ Sie raffte sich schon wieder zusammen. „Streicht dat vom Verlangern on Stärwen aus, ech will em dat Herz net schwer maachen. Schreiwt nor:
‚lang neist von Dir zo hören kritt, ech hoffen, Dau bis gesond on veramesterst Dech aach. Ech beten Dag on Naacht for Dech, ech —‘“
‚lang neist von Dir zo hören kritt, ech hoffen, Dau bis gesond on veramesterst Dech aach. Ech beten Dag on Naacht for Dech, ech —‘“
Sie schöpfte zitternd tief Atem.
„‚Ech sein eweil ganz alert[40]—‘“
„‚Ech sein eweil ganz alert[40]—‘“
Peter sah sie verwundert an.
„Nä, nä, neist vom Kranksein,“ sagte sie rasch. „Schreiwt dat ‚alert‘ dick on groß, dann freut hän sech.
‚Adjes, mein villdeurer Lorenz, bis in die EwigkaatDein Bäbbchen.‘“
‚Adjes, mein villdeurer Lorenz, bis in die Ewigkaat
Dein Bäbbchen.‘“
Erschöpft sank sie zurück, Totenblässe überzog ihr Gesicht; ihre Lippen wurden weiß, sie war halb ohnmächtig.
„Bäbbi, Bäbbi,“ Peter faßte sie am Arm, „wat es Eich? Ihr mößt Stärkung haon.“ Verstört sah er sich um. „Haot Ihr dann bei gaor neist for zo drinken?“
Sie schüttelte den Kopf. „Neist,“ sagte sie tonlos.
Da lag sie in dem elenden Bett, seit Tagen war es nicht gemacht; sie lag wie eine Sterbende, blutleer und hilflos.
Das Kind schrie auf, besorgt versuchte sie nach der Wiege zu blicken. Peter nahm das kleine Bündel und legte es ihr an die Brust; da suchte es wimmernd, mit gespitztem Mäulchen.
„Ech haon ken Milch mieh,“ sagte sie leise.
Ein Krampf ging über Peters Gesicht; er wurde blaß und rot, einen argwöhnischen Blick warf er in alle Winkel, und dann fuhr er rasch in die Tasche und legte drei harte Thaler vor sie auf’s Bett. „Dao,“ sagte er mit gepreßter Stimme. „Kaaft davor, wat Ihr braucht!“
Für ein paar Augenblicke sah sie ihn verständnislos an.
Er nickte. „Morjen holen ech dän Dokter, dän besten, dän zo kriehn es; ons Josefche es krank. Duh kann dän Eich aach ebbes ufschreiwen for gesond zo gänn!“
Eine jähe Röte flog über ihr Gesicht, in ihren matten Augen blitzte es auf, sie haschte nach seiner Hand; ehe er’s hindern konnte, hatte sie die geküßt.
„Merci, merci! Onsen Hährgott sei met Eich! — Pittchen — o Ihr —!“ Sie war ganz außer sich, sie lachte und schluchzte, zog ihn an sich und küßte ihn mit ihren matten blutleeren Lippen; wie Schnee fühlte er den Kuß auf seiner Stirn.
„Ech danken, ech danken Eich villdausendmaol, Pittchen! Es et denn wirklich waohr — Gäld, Gäld — drei Dahler — Dahler?!“ Sie drückte die Geldstücke liebkosend an ihre Wange. „Ech kann eweil ebbes kaafen beim Krumscheid, on Milch for dat Könd, alle Dag! On ech sälwer“ — sie faßte ihren Kopf mit beiden Händen — „dän Dokter kömmt bei mech! Ech soll gesond gänn — ech kann dän Lorenz widdersiehn! Jesus, Maria, Josef — oh Pittchen, Pittchen!“
Langsam sank er an ihrem Bett nieder; ein abergläubischer Schauer und zugleich eine freudige Wollust des Gebens zog ihn auf die Kniee.
Ihre Hände falteten sich über seinem Kopf, sie betete; mit rührender Stimme flehte sie den Segen des Himmels auf ihn herab.
Er wagte nicht, sich zu rühren. Ein himmlischer Gruß, weihrauchduftend, rein und heilig, schien ihm durch die verlassene Kammer zu wehen. Schwebten nicht Engel mit großen Flügeln gen Himmel und trugen auf goldner Schale die Dankesthränen der armen Bäbbi? Und seine Gutthat, als weiße Taube, flog voran.
Eine mächtige Erschütterung ging ihm durch den Körper, er lag wie niedergeschmettert. Die ganze Qual der letzten Wochen, die gehetzte Arbeit der Nächte, das Versuchen und Grübeln, das Sorgen um’s Gelingen, Zweifel und Furcht, wilde Freude und dann wieder kindische Angst, all das brauste und brandete auf einmal durch sein Gehirn.
Bäbbi betete, und die wilden Gedanken wurden plötzlich so glatt wie Meereswogen, auf die man Öl gießt.
Thränen brachen ihm aus den Augen, erlösende Thränen; sie liefen ihm über das hagre Gesicht und rannen nieder auf das elende Bett.