VIII.
Der alte Krumscheid knallte mit seiner Peitsche, daß Krähen und Spatzen entsetzt aufflatterten und magere Häschen sich in den kotigen Ackerfurchen versteckten. Wenn die lange Peitschenschnur sich in den nackten Ebereschenzweigen, rechts und links von der Straße, verfing, fluchte er und riß und zerrte. War es ihm endlich gelungen, loszukommen, weifelte er hin und her und setzte dann in Bogen und Zickzacklinien seinen Heimweg fort.
Er kam von Spang-Dahlem, da hatte er eine trächtige Kuh verkauft; ein gut Stück Geld trug er im Lederbeutel, unter’m Mantel versteckt, auf dem Leib. Kein Wunder, daß er einen Kleinen sitzen hatte; in Oberkail war er auch noch einmal eingekehrt.
Als er zum Dorf hinaus war, stieß er auf Pittchen; fast schien es so, als hätte der da auf ihn gepaßt. Pittchen kam auch von Oberkail, hatte sich beim Maurer dort ein Säckchen Gips geholt, eine recht reichliche Portion, zum Eingipsen des Kronleuchters in der Kirche.
Sie redeten dies und das. Der Krumscheid war sehr guter Laune, und Pittchen ging ihm um den Bart, so geschmeidig, wie eine schnurrende Katze ihrem Herrn um die Füße streicht. Zuletzt wurde der Alte vertraulich; wenn er gar so sehr schwankte, stützte Peter ihn.
„Gud gelaoden,“ lallte Krumscheid und schlug sich auf den Bauch, daß es lieblich im Lederbeutel klimperte. Und dann blinzelte er, von der Seite her, dem andren dummpfiffig in’s Gesicht. „No, bei Eich werd et eweil aach bal klimpern, wat? Saot“ — er flüsterte wichtig und spitzte neugierig die Ohren — „mir könnt Ihr’t eweil dreist anverdrauen, wän — wän“ — der Schlucken stieß ihn — „wän haot Eich — ebbes — ver—vermaacht?“
„Jongfra Maria!“ Peter flüsterte auch und legte dann, sich scheu umsehend, dem Angetrunkenen die Hand auf den Mund. „Still, äwer still, dat se ’t net hört! Dat haot se net gären. Wann mer dervon babbelt, krieht mer de Krankhaat!“
„Wän haot Eich — ebbes — ver—maacht — wän?“ Der Alte riß blöd die Augen auf.
„Hei dän Däumerling,“ lachte Peter und streckte seinen Daumen in die Höhe.
„O dau Filu!“ Der Krumscheid stieß ihn kichernd in die Seite. „Ihr spillt jao Kumedi! Ihr wollt et nor net saon!“
„Kann sein, kann aach net sein!“ Peter zuckte die Achseln. „Äwer, Krumscheid, hört ehs“ — er zwinkerte vertraulich — „seid eweil e su gud, on lehnt mer e paor Dahler, Stücker aacht oder ziehn. Ihr krieht se met Zönsen widder, e su bal ech — no, Ihr waaßt jao schuns! — E su bal ech ausgezaohlt gänn!“
„Lehnen — Dahler —?!“ Trotz seiner Trunkenheit wurde der Alte argwöhnisch; er hielt die Hände vor den Bauch, als wolle er so die Thaler schützen.
Sie waren unweit Schwarzenborn, ein starker Wind blies über die kahle Höhe; der Alte torkelte, daß er sich kaum aufrecht halten konnte.
Peter packte ihn fest unter den Arm. „Met Zönsen widder,“ raunte er ihm in’s Ohr. „Anstatts ziehn, fünnefziehn Dahler! Dat es en Geschäft, gäl? Hört Ihr dän Wind? Wie dän heult! Wann ech Eich loslaoßen, eweil kullert Ihr hei dän Berg erunner, bonz onnen, bonz owen! Se können Eier Knöchelcher anzeln ufsuchen.“
„Jesses!“ Der Alte klammerte sich fest an den stützenden Arm. „Kriehn ech se dann aach widder, mein Dahlersch?“ stammelte er ängstlich.
„Uf Ehr on Säligkaat,“ sagte Pittchen feierlich. „Hopp! Maacht, gieft Obacht, eweil kunnt Ihr dat Genick brächen, wann ech net derbei waor!“
„Jeßmarijusep!“ Der Alte knöpfte schon seinen Mantel auf; Pittchen half ihm dabei, allein konnte der Krumscheid nicht mehr damit zu stande kommen.
Auf einem Stein am Weg kramten sie den Beutel aus; die Papierscheine schob Pittchen mit Verachtung zurück, aber die harten Thaler, die darin waren — grade acht — packte er mit Gier. Er betrachtete sie scharf — lauter Thaler verschiedener Prägung, schon durch viele Hände gegangene; die Bildnisse verwischt, die Schrift nicht mehr leicht leserlich, das fein Gekerbte des Randes etwas abgegriffen. Er klopfte sie prüfend an den Stein. Waren sie auch echt? Sie gaben keinen sonderlich hellen Silberklang mehr.
Mit einem tiefen Aufatmen, sehr befriedigt, steckte er sie in die Tasche. Dann führte er, sorgsam wie eine Mutter, den jetzt völlig Sinnlosen den abschüssigen Weg in’s Thal, leitete ihn gutmütig bis in die Schenkstube und half ihm sogar selber noch in’s Bett.
Es war ganz dunkel, als er nach Hause ging.
Zeih hatte ein Talglicht brennen; eine leere Flasche diente als Leuchter. Sie hatte es auf den nun einzigen Schemel der Stube gestellt und kauerte davor am Boden, wie ein Türke, mit untergeschlagenen Beinen.
Josefchen schlief fest in seinem Weidenkorb; sein Gesichtchen, mit dem unkindlich spitzen Näschen und den wachsgelben Wänglein, sah aus wie das eines toten Kindes.
Das armselige Licht flackerte mit langer Schnuppe und stank abscheulich nach ranzigem Fett; auf dem Herd schwehlte Reisig, warf ab und zu einen aufzuckenden Schein über die Wände und sank dann jäh wieder zusammen. Das gab dem öden Raum etwas Leeres, Ausgestorbenes. Die nackten Mauern glichen Grabmauern in der gespenstischen Beleuchtung.
Nur Zeih atmete volles Leben. Über ihrer üppigen Brust straffte sich die bunt-baumwollene Nachtjacke, der oberste Knopf war nicht geschlossen, man sah die weiße Kehle schimmern. Aus den Flechten hatte sie die Haarnadeln gezogen, nun hingen sie ihr halbgelöst herunter, und das flackernde Licht warf einen goldenrötlichen Glanz auf ihr Braun. So sah sie fast mädchenhaft aus, trotz ihrer Fülle von einer keuschen Lieblichkeit.
Mit flinken Fingern kramte sie in dem bunten Gelappe auf ihrem Schoß — hier ein Bandflickchen, da ein Spitzenendchen — es war rätselhaft, wo sie das alles aufgetrieben hatte. Nun langte sie neben sich und hielt die Taille des roten Sonntagskleides gegen’s Licht — an der Brust ganz speckig gerieben, alle Nähte blank, der Stoff so fadenscheinig abgetragen, daß das Licht durchschimmerte, wie durch ein Spinngewebe.
Sie seufzte. Schade, daß das neue Kleid nicht schon fertig war! Der Stoff war noch nicht einmal angekommen; was hätte sie sonst für einen Staat machen können, morgen zu Oberkail! Jammerschade!
Ein paar Augenblicke ließ sie die Lippen hängen, aber gleich darauf hoben sich die Mundwinkel wieder in einem vergnügten Lächeln. Ei was, amüsieren würde sie sich auch in dem alten Kleid, war nicht der schöne Gendarm da?! Und wenn der nicht, dann doch andre!
Es wurde ihr heiß, wenn sie an die Lustbarkeit dachte; sie öffnete die Nachtjacke weiter über der Brust. Pittchen mußte mit ihr hingehn, er mußte; hei, das würde fidel werden! Sie hielt den hübschen Kopf schief über ihre Arbeit geneigt und summte sich halblaut eins.
Da knarrte die Thür; Peter trat ein.
Mit einem unterdrückten freudigen ‚Jesses‘ sprang sie ihm an den Hals.
Er war durchfroren; das Haar hing ihm, vom Nebel genäßt, in die Stirn.
Sie ließ ihn gar nicht zu Atem kommen. „Pittchen, mir maachen morjen nao Oberkail, gäl? Dau giehst met mer danzen, gäl?“ Sie flüsterte und drückte ihn heftig an ihre weiche volle Brust.
„Watt dann?“ Er sah sie verwundert an. „Wie kömmste e su im Momang dao druf? Wän haot dir dat in dän Koap gesetzt?“
„Dat Tina waor hei,“ sagte sie hastig. „Et saot, dau hättst em versproch, dau wollst et metholen nao Oberkail. Kuckste hei?“ Sie hielt ihm die Wange hin, über deren weiches Fleisch sich ein scharfer Kratz zog. „Mir haon en ordentlichen Diskurs gehaott. Äwer ech giehn met. Jesses“ — sie machte einen kleinen Hopser — „ech hören se schuns fiedeln! Gäl, Pittchen, mir giehn daor?“ Sie blinzelte ihn mit schwimmenden Augen an.
„Dat Tina, dat frech Mensch,“ murrte Peter und kratzte sich mißmutig hinter den Ohren. „Ech giehn net nao Oberkail, ech haon ken Zeit!“
„Olau!“ Lucia lachte ihm in’s Gesicht, und dann sagte sie ernsthafter: „Dän Küster waor hei, hän wollt kucken, wie weit datste als met dem Kronleuchter wärst. Hän wollt et absolut wissen; hän saot, dän Hähr Pastor däht em schicken. Mir wollten in de Kammer kucken, mir haon versucht —“
„Onnerstieh dech noch ehs!“ Peter fuhr sie so heftig an, daß sie betroffen zurückwich. Mit großen Schritten eilte er zur Kammerthür, zog den Schlüssel aus seiner Tasche und stieß ihn in’s Schloß; dann krachte er hinter sich zu. Zeih hörte, daß er zweimal herum zuschloß.
Er blieb sehr lange in der Kammer; als sie ihn zur Abendsuppe rief, war ein dumpfes Grunzen seine einzige Antwort.
Sie klopfte und schlug gegen die Thür. „Pittchen, hörste dann net? Pittchen! Eweil sollste kommen, Pittchen!“
Urplötzlich, mit einer solchen Vehemenz trat er heraus, daß er ihr die Thür gegen den lauschend vorgeneigten Kopf stieß. Er beachtete nicht, daß ihr die Thränen in die Augen schossen; stumm und hastig schlingend, verzehrte er am Herdrand das Mus und die paar vom Mittag übrig gebliebenen kalten Schalenkartoffeln.
Als er satt war, kam eine ruhigere Stimmung über ihn; er ließ seinen heißen Kopf, wie erschöpft, an Lucias Schultern sinken und umfaßte ihren Leib. „Dat waor en Strawatz,“ stieß er unwillkürlich heraus, „hährjeh!“
„Wat dann?“ fragte sie zerstreut; sie dachte nur an den morgenden Tanz.
Ohne zu antworten, wühlte er den Kopf immer tiefer.
Sie strich mechanisch über sein Haar, vor ihren Augen drehten sich die Tänzer.
Er murmelte in sich hinein: „Mer kann jao eweil dat Läwen net mieh mantenören.“ Und dann fuhr er plötzlich auf: „Zeih, freu dech!“
„Dau giehst met mer nao Oberkail? O dau Pittchen!“ Froh überrascht drückte sie ihm einen schallenden Kuß auf die Backe. „Nao Oberkail!“
„Gieh met wäm datste willst! Laoß mir mein Ruh!“
Heftig sprang er auf und eilte in die Kammer; wieder schloß er hinter sich zu. — — —
Zum zweiten Mal schon wachte Lucia in dieser Nacht auf, und noch immer lag ihr Mann nicht neben ihr. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen. Unter der Schwelle der Kammerthür stahl sich noch ein Lichtstreif in die Stube; nun hörte sie auch drinnen noch hantieren, hastiges Hinundhergehn und unterdrücktes Fluchen.
Sie bedauerte ihren Mann; was der sich plagen mußte!
Seit der Kronleuchter im Hause war, war das arme Pittchen wie behext; wär’ der nur geblieben, wo der Pfeffer wächst!
Leise schlich sie sich aus dem Bett und lugte, mitleidig und neugierig zugleich, durch den Spalt, der mitten im Holz der Kammerthür klaffte. Nichts zu sehen, von innen war er verklebt.
„Pittchen,“ rief sie und klopfte.
Keine Antwort.
Innen Gemurmel, als ob einer betet oder Geister beschwört.
Draußen erhob der Nachtwind ein stöhnendes Geheul. Das pfiff und ächzte und tobte und johlte; das Wodesheer jagte im Kunowald, oder der Teufel rief die Hexen auf dem Tanzplatz bei Großlittgen zusammen. Der wilde Herbststurm riß am Strohdach, nicht viel fehlte mehr, und die Hütte wurde abgedeckt. Eine schauerliche Nacht.
Sie fror in dem dünnen Hemd, das ihr nur bis zu den Knieen reichte. Zitternd schlich sie in’s Bett zurück. — — —
Vorwurfsvoll blickte Lucia Miffert am andren Morgen in der Sonntagsmesse zur Kirchenwölbung auf, an der ein großes Loch die Stelle zeigte, wo der Kronleuchter gehangen. „Dau,“ murmelte sie drohend und ballte die Faust in den Falten ihres Kleides. „Brauchst dau erunner zo porzeln, konntste net waarten bis morjen? Eweil däht hän heit met mer nao Oberkail giehn!“
So war mit dem Peter nichts anzufangen; der bastelte den ganzen heiligen Sonntag in seiner Werkstatt und wurde unwirsch, wenn man ihn störte.
Sie betete recht angelegentlich zur Jungfrau Maria; wenn die ihr doch einen schickte, der sie mitnähme!
Am frühen Nachmittag wusch und strählte sie sich noch einmal; die Haare glänzten ihr wie Seide auf dem wohlgeformten Kopf, das Kleid sah doch noch erträglich aus, nun sie es mit einem Spitzenkrägelchen, von einer gelben Bandschleife geschlossen, ausstaffiert hatte. Mit Wohlgefallen guckte sie in den Spiegelscherben. Hei, wie die Ohrringel blitzten, wie pures Gold! ’s war zwar nur blankgeputztes Messing, ein Hausierer hatte ihr die Ringelchen einmal eingetauscht gegen alte Lumpen; freilich, ein paar handvoll Federn aus dem Bett hatte sie auch noch mit dreingeben müssen.
Mit naiver Freude besah sie sich lange, dann trat sie vor die Hausthür, stemmte die Arme in die Seiten und lugte aus.
Jesus, Maria, Josef! Wer kam denn da mit Säbelgerassel die Dorfstraße herauf?! Sie traute ihren Augen nicht; einen hellen Freudenschrei stieß sie aus — das war ja der schöne Gendarm von Oberkail!
Ihr Kleid raffend, sprang sie in großen Sätzen ihm entgegen. Daß ihr nur keine zuvorkam!
Die einsame Dorfstraße hatte sich plötzlich belebt, aus allen Fenstern fuhren Köpfe; Thüren klappten. Rufen, Laufen, Lachen. Mit Zauberschnelle war Leben, wo eben noch alles ausgestorben erschienen. Da waren schon die Tina, die Brun und die Leis! Die kleine Billa kam auch gerannt, und noch ein ganzer Schwarm andrer.
Der schöne Gendarm versandte rechts und links freundliche Blicke aus seinen blanken Augen und lachte über das ganze runde Kindergesicht, daß sich die Grübchen in seinen Backen zu zwei Löchelchen vertieften.
Wen suchte er?
Nun war Lucia bei ihm. „Hähr Schandarm, Hähr Schandarm,“ stammelte sie atemlos, mit ihrem strahlendsten Lächeln.
„Verfluchtes Schwein — pardon, wollte sagen: riesiges Jlück!“ Er legte zwei Finger an den Helm und betrachtete sie mit der Miene eines Eroberers. „Ich dachte jrade an Sie, schöne Frau!“ Er gab sich Mühe, das ein wenig von oben herab zu sagen, aber im Grunde war er so erfreut über die Begegnung, daß er schmunzelnd den Mund breit zog. Er strich sich unternehmend den Schnurrbart. „Riesig erfreut!“
„Es et waohr?“ fragte sie treuherzig. Die Häuser tanzten vor ihren Augen einen wiegenden Walzer, ihr Herz klopfte in kindischer Glückseligkeit — den hatte ihr die Jungfrau Maria geschickt!
Sie waren bald einig. Der schöne Gendarm hatte in Eifelschmitt beim Krumscheid, dem Ortsvorstand, etwas zu thun gehabt; das sagte er aber nicht, er behauptete, einzig und allein nur gekommen zu sein, um die schöne Zeih zum Tanz abzuholen. Nun wollte er auf sie warten, unten am Berg, wo das Fußfällchen[35]steht.
Vor Freuden hüpfend, eilte sie zurück in ihre Hütte; sie küßte und bekreuzte das Josefchen in der Wiege, wickelte es fest ein, daß es sich nicht rühren konnte, und steckte ihm den Zulp mit gekautem Brot in’s Mäulchen.
Jetzt rasch ein Tuch um die Schultern gehängt und dann an die Kammerthür geklopft. „Pittchen, adjes! Ech giehn derweil!“
Drinnen fuhr einer erschreckt auf, wie aus tiefem Schlaf, man hörte den Schemel umpoltern.
„Ech giehn nao Oberkail, adjes!“ Sie wartete keine Gegenrede ab, schnell war sie auf und davon; die Thür ließ sie in der Eile offen, ein starker Zugwind blies in’s Haus.
Als sie mit ihrem Begleiter die Höhe gen Schwarzenborn hinaufstieg, folgten ihr viel neidische Blicke.
Was wollte die denn mit dem? Die hatte ja zuhause einen Mann! Die Weiber standen zusammen, Enttäuschung und Ärger in den Mienen, und schimpften hinter ihr drein; heute wurde Lucia Miffert von allen gehaßt.
Tina schmählte, gegen ihre sonstige Gewohnheit, wenig; sie lahmte merklich mit dem linken Fuß. Auf den hatte ihr die Zeih gestern den Schemel geworfen; da hatte sie ordentlich Respekt bekommen.
Als es dunkelte, schlich sich Tina zu Mifferts Hütte, sie hörte ihn drinnen poltern und fluchen.
Vor einer Viertelstunde war Peter erst aus der Kammer gekommen; sein blasses Gesicht zeigte scharlachrote, abgegrenzte Flecken auf den Backenknochen, seine Augen, die tief in den Höhlen lagen, glänzten übernatürlich.
„Zeih,“ schrie er aufgeregt, „Zeih!“ Für heute war er fertig, und nun mußte er einen Menschen haben, mit dem er reden konnte, einerlei was, nur reden, reden! Eine wilde Unruhe quälte ihn.
„Zeih!“ schrie er, daß die Wände widerhallten. Sie antwortete nicht, nur das Josefchen wimmerte, halberstickt in seiner festen Umwicklung.
Die Thür stand sperrangelbreit offen, eiskalt war’s in der Stube — die Zeih nicht da, wo war sie?
Verstört fuhr er sich über die Stirn — hatte sie’s ihm denn nicht zugerufen: ‚nao Oberkail‘ —?!
Wie ein Keulenschlag traf es ihn in’s Genick; er brüllte auf: „Nao Oberkail!“
Und mit wem —?! Hatte er denn keine Ohren gehabt, keinen Verstand?! Wie ein Wahnsinniger rannte er in der Hütte umher — nach, ihr nach! Er wollte sich anziehen und fand seine Sachen nicht, wütend warf er alles durcheinander; am liebsten hätte er geweint, wie ein altes Weib.
Da kam Tina.
Erst war er grob, sie ließ sich nicht abschrecken; schlau wie ein Kätzchen umschmeichelte sie ihn. Sie küßte ihn und streichelte ihn; sie sah schön aus in dem Sonntagskleid, mit dem goldenen Kamm in den Haaren und frisiert wie ein Fräulein.
Er wurde schwach. Und hatte er denn nicht auch versprochen, sie mitzunehmen?!
Sie drängte ungeduldig zum Aufbruch. Nur so viel Zeit ließ sie ihm noch, daß er von neuem Feuer anzündete und das Kind loswickelte; die Zeih hatte es ja eingepackt, daß es ersticken mußte.
Dann gingen sie mit einander fort, aber Peter verschloß das Haus sorgfältig und legte sogar die morschen Läden vor.
Sie waren kaum zwanzig Schritt weit, da rief die Leis sie an; die hatte wohl hier auf der Lauer gelegen. Sie war vollständig zum Gehen gerüstet, nur die schönen blonden Haare trug sie unbedeckt, als goldig umstrickende Fäden wehten sie im Herbstwind. Sie sagte, sie wolle auch nach Oberkail, und schloß sich ihnen an, ohne weiter aufgefordert zu sein.
Die schwarze Brun war auch nicht weit. Wenn Tina auch ein noch so wütendes Gesicht machte, die beiden stahlen sich an Pittchens andere Seite.
Und so fanden sich ihrer noch mehrere ein. Die Steffes kam daher, ganz sittsamlich ihr Hubertche an der Hand führend; gleich darauf die Traut, die immer noch ein besonderes Anrecht auf Pittchen geltend machte, von früher her.
Als sie endlich die Chaussee gen Schwarzenborn hinaufstiegen, trabte Pittchen inmitten von zehn Weibern. Als letzte hatte sich die kleine Billa eingefunden, atemlos war sie nachgerannt in ihrem flatternden kurzen Rock. — „Tina, waart! Waart!“ Sie kreischte immerfort: „Helao, ech saon et! Dau sollst net allein giehn! Tina, Tina!“
Zuletzt hing sie sich dem Peter an den Rockschoß. —
Die letzten Lichter von Oberkail schimmerten wie vereinzelte Glühwürmchen durch die Finsternis, als die Eifelschmitter heimkehrten. Es war spät, gegen Mitternacht, und noch hatten sie eine gute Stunde Wegs.
Ihre Gesichter glühten trotz des scharfen Bergwindes, der die Haut schnitt wie mit Messern; ihre Kleider blähten sich, flatternd gleich Fledermausflügeln. Irgend jemand trug eine Laterne, aber sie löschte bald aus; nur der Mond, der für Augenblicke zwischen jagenden Wolken hervorlugte, zeigte den Weg. Er war ein sehr unsicherer Führer — jetzt verschwand er ganz; mit Gekreisch drängten sich die Weiber in der tiefen Dunkelheit um Pittchen. Wohin der tappte, weiche Leiber.
Das war ein ‚Jux‘ gewesen zu Oberkail!
Als der Peter mit seiner Eskorte angekommen war, tanzten sie schon; mitten im dicksten Knäuel drehte sich die Zeih. Sobald sie ihren Mann erblickte, ließ sie ihren Tänzer, den Gendarmen, stehen und lief lachend auf Pittchen zu. Dieser aber that patzig, sah sie gar nicht an und tanzte los mit einem herausfordernden Trotz. Und als er gar Apfelwein kommen ließ und die Eifelschmitter Damen traktierte, war er König des Tanzbodens; die dummen Bauernburschen von Oberkail trauten sich ihm nicht in’s Gehege, von denen hatte ohnehin jeder sein Mädchen mitgebracht.
Lustig, lustig! So toll hatte es der Peter noch nie getrieben; sein lahmes Bein schien vergessen, er sprang wie ein jähriges Kalb, immer gab ihm was inwendig einen Peitschenschlag: „Hü, hott, trab, trab!“ Gestachelt durch Eifersucht, geschmeichelt von der Bewunderung, gejagt von — was war es nur, das ihn so hetzte?!
Er schwang die Tina und die Leis, er schwang die Vrun und die Traut — alle. Erst gab es ihm einen schmerzhaften Stich, wenn er sah, wie der Gendarm und die Zeih sich gar nicht losließen; dann ging alles unter in einem wilden Dusel.
Der letzte Groschen von dem Vorschuß, den er vom geistlichen Herrn auf seine Arbeit erbeten, war verjubelt; was kümmerte es ihn, er schrie immer weiter nach Bier, Schnaps und Wein und ließ es auf Rechnung schreiben.
Jede drängte sich dazu, mit ihm zu tanzen; jeder mußte er zutrinken. Rechts hatte er die Tina neben sich, um den Platz an seiner Linken stritten sich Vrun und Leis erbittert mit der Traut; zuletzt wurden sie dahin einig, sie saßen nacheinander ihre Zeit ab. Sie schmeichelten ihm alle, er that mit jeder schön; zuletzt konnte er sie nicht mehr von einander unterscheiden. Keine nahm’s ihm übel, sie waren schon alle halbvoll.
Billa war zuerst abgefallen. Sie fing plötzlich, mitten im Lachen, laut an zu weinen, legte den Kopf auf den Tisch und schluchzte, daß es sie stieß. Als jemand nach einer Weile sie aufrichten wollte, sank sie wieder schwer vornüber; sie schlief fest, unbekümmert um das dröhnende Gelächter der andren und das Gedudel der Musik.
Pittchens Augen starrten trüb und glasig, wie die eines toten Schellfisches. Er sah nicht mehr, daß der schöne Gendarm drüben mit Zeih in einer Ecke saß und ihr Wein und Kuchen bestellt hatte; er merkte nicht, daß sie miteinander verschwanden.
Er riß unflätige Witze, lachte, schlug auf den Tisch, drückte jetzt die, dann die, und wurde zuletzt windelweich.
Sie hielten ihn umstellt, wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe den waidwunden Bracken; ihre Augen glänzten und glitzerten, sie maßen sich untereinander mit Raubtierblicken — wem fiel er zu? Dumpf knurrend zeigten sie sich die Zähne.
Der Kampf des Abends wurde auf der mitternächtigen Straße fortgesetzt. In der schwarzen Finsternis gab es heimliche Tritte und Püffe, alles still, ohne Laut. Jede suchte die neben sich von Pittchen weg zu drängen und allein was von ihm zu erhaschen; sie warfen ihn fast um.
Peter war schwer betrunken. Er war kein Gewohnheitssäufer, es war zu zählen, wie oft er in seinem fünfunddreißigjährigen Leben bezecht gewesen; aber in letzter Zeit warfen ihn schon ein paar Gläser um, er goß sie zu aufgeregt, zu hastig hinunter.
Willenlos ließ er sich von den Weibern schieben und zerren; wie ein unlöslicher Klumpen hingen sie dicht um ihn geballt. So kamen sie langsam voran.
Nun zeigte sich wieder einmal der Mond — da fiel’s der Tina auf, die Bill fehlte. Richtig, die hatten sie oben vergessen im Tanzsaal. Da lag sie auf der Ofenbank wie eine Tote, mit wirrem Haar, die Kleider halbgelöst um den noch kindlich hagren Körper; die Bauernburschen standen darum her, glotzten und machten ihre Scherze.
Auch das Hubertche war abhanden gekommen; das schlief wohl auch in irgend einem Winkel. Niemand beunruhigte sich wegen der zurückgebliebenen Kinder.
Ganz zurück in der Ferne zeigte sich ein wanderndes rötliches Pünktchen, das war die Laterne, die der Gendarm trug; er gab seiner Liebsten bis Schwarzenborn das Geleit. Sie verabredeten ein Stelldichein am nächsten Tage, dann ließ sich Zeih einen zärtlichen Abschied gefallen und bedankte sich vielmals ‚für alles Pläsir.‘
Noch ein Kuß. Dann rief sie laut nach ihrem Mann, daß es durch die Nacht gellte, und stolperte, so rasch sie konnte, den Vorangegangnen nach. —
Ein Ungeheuer, vielfüßig vielköpfig, schiebt sich langsam die Weiberschar bergab. Sie hat den Weg verloren.
Über Gestein und Geröll, durch Acker und Gestrüpp, ohne Pfad wälzt sie sich zu Thal, mitfortreißend, was nicht Kraft hat, sich zu wehren. Einer Lawine gleich, die verheert und zerstört; furchtbar in fühlloser Lebendigkeit, unheimlich in unerbittlichem Vorrücken, todbringend in grausamer Geschlossenheit.