XIV.
Es ist gegen zehn Uhr abend — eine schwüle, dunkle Sommernacht; auf leisen Sohlen geht sie über die Flur.
Am Himmel flimmern die Sterne, matt, bis sie ganz verschwinden hinter undurchdringlichen Wolkenschichten. Nur zu ahnen sind die Berge; in’s Ungeheuerliche vergrößert, schmelzen sie in eins zusammen mit den Wolkenballen, die auf sie niederhängen. Die einzelnen Felsnasen, die an den Berglehnen vorragen, schauen fratzenhaft verzerrt in’s Thal. Wie ein schwarzer Raubvogel mit ausgebreiteten Schwingen hängt der Wald über’m Dorf, bereit, sich niederzustürzen und die Wehrlosen mit seiner Last zu erdrücken.
Vereinzelter Lichtschein blinzelte in den Hütten von Eifelschmitt. Die faulsten der Weiber schliefen schon, die weniger faulen schafften noch im stillen. Der Tag trödelte sich so hin, da mußte der späte Abend herhalten; denn lange konnten die Männer nicht mehr ausbleiben.
Hier wusch noch eine, hinter dem mit alten Fetzen verhängten Fensterchen. Da prügelte eine ihren Kindern das ‚Artigsein‘ für den Vater ein und erstickte das Geschrei, indem sie ihnen das bleischwere Deckbett über die Köpfe zog. Dort saß eine ganz junge bei unruhig flackerndem Kerzenschein und nähte sich rote Strumpfbändel zum Tanz.
In den Fugen der bröckligen Mauern zirpten die Grillen, in den Ställen schnaufte das Vieh; die Stille trug beides weit in die Runde. Verschlafen meckerte eine Ziege, ein Säugling greinte, ein Hund knurrte — dann alles ruhig, in Lautlosigkeit begraben.
Man hörte das Schweigen der Sommernacht.
Aber jetzt regte sich etwas zwischen den Hecken, die den schmalen Pfad zu Mifferts Hütte einfaßten. Es streifte rauschend an den Büschen entlang, die wild überhängenden Zweige knackten.
Ein paar dunkle Gestalten tappten vorsichtig die Steige hinan, man hörte unterdrücktes Flüstern und dann ein warnendes: ‚Pst, pst.‘
In einiger Entfernung folgten noch zwei Gestalten, neugierig schlichen sie hinterdrein.
„Es et dann wirklich waohr?“ wisperte der Krumscheid dem neben ihm Schleichenden in’s Ohr. „On Se sein sicher, Hähr Schmitz? Jeßmarijuseb, dän Pittchen!“
„Er is et,“ antwortete ziemlich laut und bestimmt die Stimme des Schmitz. „Meint Ihr, ich wär’ umesonst stracks nach Wittlich geschäst, wat haste wat kannste, un hätt’ Alarm geblasen?! Der Kerl, der Esel —“
„Pst,“ warnten die vorderen.
Zu spät! Schon wurde Mifferts Hüttenthür von innen aufgerissen, ein Lichtschein fiel in’s Dunkel hinaus. Und mitten im Lichtschein zeigte sich eine Gestalt, Pittchen, in lauschender Stellung vorgeneigt, wie ein aufgescheuchtes Wild nach allen Seiten spähend.
Den Männern stockte der Atem, sie drückten sich dichter in den Schutz der Hecke.
„Wän es elao?“ rief Peter argwöhnisch; seine Stimme klang aufgeregt. „Kotzdunner, wän ramurt lao erum, dat mer net —“
„Im Namen des Gesetzes!“ Mit einem Satz stand der Obergendarm vor ihm.
Blitzgeschwind duckte sich Pittchen und schien an der, wie aus dem Erdboden aufgeschossnen Gestalt vorbeischlüpfen zu wollen. Vergebens! Schon hatte ihn ein zweiter fest am Kragen.
„Peter Miffert, im Namen des Gesetzes!“ wiederholte der Obergendarm noch einmal mit Würde.
Einen Schrei stieß Pittchen aus, einen einzigen, kurzen Schrei, der durch die Nacht gellte, wie ein Trompetenstoß, über das schweigende Dorf hinfuhr, hin über die Wiesen und Äcker, und von der Bergwand widerhallte. Die Kniee knickten ihm ein, in schlotternder Haltung stand er auf seiner Schwelle.
Aber jetzt raffte er sich schon wieder auf. Sein erblaßtes Gesicht rötete sich, mit Kraft entwand er sich der haltenden Faust, und, den Oberkailer zurückstoßend, schimpfte er:
„Zackerloot noch ehs, wat soll dat haaßen?! Es dat en Manier, de Leit zo erschrecken! Ech haon gemaant, de Räuwer fielen öwer mech här. Wat wollt Ihr dann? Ha—o—uh“ — er zwang sich zu einem unterdrückten Gähnen — „mir wollten justement schlaofe giehn; ons Josefche es eweil widder onpaß[54]. Ha—o—uh — wat sein ech müd!“
„Laßt die Fisematenten,“ sagte streng der Obergendarm. „Voran, zeigt uns Eure Wohnung!“
„Die es bal gezeigt — haha!“ Pittchen brach in ein kurzes, krampfhaftes Lachen aus. „En anzige Stuw, on neist mieh. Äwer Scherz bei Seit, Ihr Hähren, wat wollt Ihr eweil in meiner Stuw, dat Zeih es justement beim Ausduhn[55]!“
„Schadt nischt,“ sagte der Oberkailer. „Voran, marsch!“
Peter zögerte, seine Blicke flogen nach allen Seiten.
„Voran!“ Der Gendarm hielt ihm den sechsläufigen Revolver unter die Nase. „Voran, im Namen des Gesetzes!“
Ein verächtlicher Blick Peters traf diesen; dann machte er, mit der Energie der Verzweiflung sich bezwingend, eine einladende Handbewegung: „Angtré!“
Miffert voran, traten sie alle in die Stube. Da war nicht viel zu sehen; ein elendes Licht beleuchtete die kahlen Wände. Aufgeschreckt vom Lärm draußen, stand die Zeih, halbentkleidet, im Zimmer und starrte mit aufgerissenen Augen die Eintretenden an.
Schmitz, als letzter, fuhr ordentlich zurück — Donnerwetter, was hatte die für ein paar Arme! Und was für einen Busen! Er genierte sich und konnte doch nicht wegsehen.
„Jesses,“ rief die Zeih, halb erschrocken, halb amüsiert. „Pittchen, biste gäck, wat führste de Hähren heihin?! Ech —.“ Mit einer verschämten Gebärde raffte sie ihr Kleid vom Boden auf und warf dabei einen raschen Blick auf den Oberkailer.
Der hatte jetzt kein Auge für sie, sondern hing nur an den Lippen des Vorgesetzten.
Der Obergendarm verzog keine Miene. Mochten da alle Frauenzimmer der Welt im Hemde stehen; er hatte eisgraue Haare, was ging’s ihn an?! Er sprach nur das eine Wort: „Haussuchung!“ Und wie ein Spürhund stürzte sich der Oberkailer in alle Ecken.
Er riß die Kleider von der Wand und schüttelte sie um und um, guckte in den Herd und stöberte die Asche auf, legte sich platt auf den Boden und bohrte seine Blicke in jeden Winkel, stürzte sich auf’s Bett, riß es auseinander, wühlte in den Kissen und durchstocherte den Strohsack mit seinem Seitengewehr.
Ein Hohnlächeln auf den, doch vor geheimer Angst verzerrten Lippen, sah Peter ihm zu. Er stand mitten im Zimmer, die Arme ließ er schlaff herunterhängen; den Oberkörper etwas vorgeneigt, mit aus dem Kopf gequollnen Augen, schien er eine Gelegenheit zum Entwischen zu erspähen.
Aber vor die Thür hatte sich die vierschrötige Gestalt des Schmitz gepflanzt. Neben dem stand der Krumscheid; zitternd vor Aufregung schrie er Peter an: „Elf Dahler! Elf falsche Dahler! O dau Schubjack, dau Filu! Dech mössen se hänken, su hoch dän Mosenkoap es! Dau Bedröger, dau Befauteler, dau —“
„Ruhe,“ gebot der Obergendarm. „Krumscheid, keine Schimpfereien!“ Er wandte sich an den Oberkailer: „Sie haften mir für den Miffert. Die zwei Herren da bewachen das Frauenzimmer. Ich will derweil emal selber dadrinnen Nachsuchung halten!“ Er deutete auf die Kammerthür, die, durch einen alten Schrank halb verstellt, ganz im Schatten lag.
Ein unartikulierter Laut rang sich von Pittchens Lippen.
„Sagtet Ihr was?“ fragte der Obergendarm, sich auf der Schwelle noch einmal umdrehend. „He, Miffert?!“
Keine Antwort.
Eine kleine Laterne, die er am Gürtel getragen und angezündet hatte, hochhaltend, verschwand er in Mifferts Werkstatt.
Totenblaß, mit Augen, die unstät umherrollten, stand Peter wie angewurzelt. Er fühlte an seinem Halse den Griff des Oberkailers, aber schlimmer war der Griff jener eisigen Angst, die ihm das Herz zusammenpreßte, daß es den Schlag aussetzte. In seinem Kopf war ein wüstes Durcheinander, aus dem sich ihm nur der eine klare Gedanke hervordrängte: ‚der durfte nichts finden, nichts!‘ In ohnmächtiger Wut knirschte er mit den Zähnen. Fand der da drinnen etwas — fand er nichts?!
Mit verzehrender Angst hing sein Blick an der Kammerthür.
Kein Wort wurde gesprochen. Mit einem dumm-leeren Ausdruck wanderten Zeihs Augen von einem zum anderen; sie hatte keine Ahnung, was eigentlich vorging, und doch wagte sie keinen Laut. Die Arme über der, durch die hastig übergezogene Taille nur notdürftig bedeckten Brust verschränkt, die Zöpfe, aus denen der Pfeil schon herausgezogen war, lang über den Rücken hängend, hockte sie auf dem Schemel. Was wollten die Männer? Was hatte ihr Pittchen gethan?! In unbestimmter, kindischer Furcht fing sie an zu weinen.
Fünf Minuten vergingen, zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine Ewigkeit.
Man hörte den Obergendarm drinnen hin und her trappsen und polternd das Gerät um und um kehren. Für Minuten wurde es wieder ruhig. Und dann hörte man sein Klopfen an den Wänden, sein Füßescharren — jetzt sein Fluchen, und jetzt — dumpfe Schläge.
Dann Stille.
Schon atmete Pittchen auf, ein erlösender Seufzer wollte sich seiner angstgepreßten Brust entringen — da — die Thür knarrte. Der Obergendarm trat aus der Kammer, beschmutzt und bestaubt; aller Blicke hingen an ihm.
Er trug etwas.
Peter wurde leichenblaß, vor seine Augen legte sich ein Schleier.
„Da,“ sagte der Wittlicher kurz und ließ mit einem Plumps einen geöffneten, schmutzigen Leinenbeutel auf den Herdrand fallen; ein paar Thaler sprangen heraus und rollten mit bleiernem Geklapper über den Fußboden. „Unter’m Estrich verstochen. Aber doch gefunden!“
„Hah!“ Ein einziger Atemzug ging durch die Stube; kein Mensch wagte ein Wort. Sie standen alle wie angenagelt, die Hälse gereckt, mit aufgerissenen Augen.
Schmitz fand zuerst die Sprache wieder. „Da hammer de Jeschicht!“ Und sich aufreckend, schrie er: „Hab’ ich et nit jesagt, hab’ ich et nit jesagt? Wat nu?!“
Ein Fauchen, wie das eines wilden Tieres, antwortete. Peter schien sich auf den Alten stürzen zu wollen, aber gleich darauf ließ er den Kopf auf die Brust sinken; ein zitterndes Stöhnen entrang sich seiner Kehle.
„In flagranti erwischt,“ sprach der Obergendarm weiter. „Werkzeuge, alle möglichen Dinger, ein Schmelztiegel, Blei, Zinn und so’n Zeugs, alles lag da unten bei den Thalern. Das richtige Hamsterloch hat sich der Kerl unter’m Estrich ausgegraben. Mehr brauchen wir wirklich nit — hier!“ Er zog eine Gipsmatrize aus der Tasche und zeigte sie herum. Und dann verschloß er die Kammerthür. „Das bleibt alles stehen und liegen, Ortsvorstand!“
Krumscheid grunzte ein: „Jaowoll!“
„Sie passen auf, daß nix wegkömmt. Hier den Thalerbeutel nehmen wir gleich mit. Und nu allons!“
„Miffert,“ wandte er sich an Peter und legte ihm die Hand schwer auf die Schulter, „Sie sind überführt. Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie!“
Peter rührte kein Glied.
„Sagt Eurer Frau adjö! Voran! Wird en Meng Wasser die Mosel erunner laufen, bis ihr euch wieder zu sehn kriegt. So’n Falschmünzer!“
„Hau,“ sagte des Krumscheid Stimme von der Thür her, „hau, eweil kömmt hän in’t Kittchen[56]!“
Peter zuckte zusammen.
‚In’t Kittchen‘ — das hatte Zeih verstanden. Sie schrie hell auf: „Jeßmarijuseb, in’t Kittchen?! Pittchen, wat haste dann pexiert? Pittchen! O die Schand! Wat werden se al saon?! Dat öwerläwen ech net. In’t Kittchen — Jesses! Josefche, Josefche!“ Sie stürzte an die Wiege und riß das Kind heraus; es mischte sein durchdringendes Jammergeschreih mit dem ihren.
„Dat arme Weib,“ murmelte Schmitz und wischte sich den Schweiß ab.
„On dat Josefche,“ flüsterte Krumscheid, „su en deierlich Worm!“
„Wat haot hän dann gedahn?“ jammerte die Zeih und packte den Obergendarm vorn an der Uniform. „O, liewer Hähr, laoßen Se ein doch giehn! Hän es e su en gude Mahn, hän duht niemand neist Onüwels!“ Sie warf sich nieder und umklammerte seine Kniee. „O liewer Hähr, sein Se doch als barmherzig, laoßen Se em doch hei! Wat sollen ech anfänken ohn dat Pittchen?! Hän es e su brav, e su ordentlich —“
„Dat könnt Ihr ja alles vor Gericht aussagen!“ Der Obergendarm machte sich ungeduldig von ihr los. „Ihr habt Euch ohnehin vom Verdacht der Beihilfe bei der Falschmünzerei zu reinigen. Ihr habt doch sicher drum gewußt! Das Gericht —“
„Gerich — wat? Ech vor’t Gerich?!“ Die Zeih fuhr auf, wie von einer Schlange gebissen. „Ech vor’t Gerich — Jesses, Jesses! Ech haon niemand neist Beeses gedahn! — O hätten ech doch uf mein Vadder sälig gehört, on dän Pitter net gefreit, eweil säßen ech net e su in der Bredullich! Nä, nä, ech sein onschullig! Onschullig, dir Hähren, wie en schnieweiß Lamm!“
„Dat is se, Herr Obergendarm,“ rief Schmitz. „Ich bürge für die Lucia Miffert!“
„Ich kann ihr auch nur das beste Zeugnis geben,“ sagte etwas schüchtern der Oberkailer.
„Huh, vor’t Gerich, vor’t Gerich! Ech sein onschullig,“ kreischte Zeih ohne Unterlaß, ihre Zähne schlugen aufeinander, in sinnloser Angst klammerte sie sich an Herrn Schmitz. „Huh, vor’t Gerich, vor’t Gerich!“
Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Beschützer mußte ihr das Josefchen abnehmen, das hätte sie sonst fallen lassen.
Der Obergendarm beruhigte sie: „Es geschieht Euch ja nichts, nur ruhig, Frau! Ihr braucht nur Euer Aussag’ zu machen!“
„Jao, dat will ech, dat will ech aach,“ schrie sie heulend. „Hän haot mech bedrogen, dän Lomp! Bedrogen, Dag on Naacht — fraot noren dat Tina on de annren Fraleider! Ech moßten hongren on derhäm sitzen, on eweil haot hän de Ärwschaft verjuchheht! On wann hän besoff waor, haot hän mech geschlaon. — Kucktelhei!“ Sie riß das Kleid von ihrem weißen Nacken und zeigte Striemen, die darüber hinliefen. „Duh haot hän mech geschlaon, derlätzt met der Haselgert. Ihr könnt et glauwen, dir Hähren, ech kann dat Läwen bal net mieh mantenören — o ech onglöcklich Persohn, ech miserabel Framensch! Wän soll for ons sorgen, wann hän im Bulles[57]sitzt?!“
„Ich!“ sagte der Junggesell, trat heran, das Kind auf dem Arm, und schnäuzte sich krampfhaft.
„O Hähr Schmitz!“ Weinend haschte sie nach seiner Hand, die das rote Taschentuch hielt, und packte sie mit ihren beiden Händen. Immer näher neigte sie sich gegen ihn; sie standen dicht beieinander.
Ein Schrei gellte.
„Maach!“
Schäumend, zitternd vor Wut, stand Pittchen plötzlich vor Schmitz. Wie ein Tiger war er gesprungen; die geballte Faust schlug er dem Alten auf den Kopf, daß dieser betäubt zurücktaumelte. „Ech schlaon Eich dud! Ech raoden Eich, laoßt Eier Fingren vom Zeih! Mein es se. Weg, weg, weg!“ Er schlug wie ein Rasender um sich, vergebens suchten ihn die Gendarmen zu bändigen. „On wann dir mech einsperrt im tiefsten Bulles, Wochen on Monat on Jaohr — on wann dir mech köppt — on wann dir mech ufhänkt — ech kommen widder!“
Wie ein Schwur klang es, der Krumscheid zitterte vor Grausen; leise stahl er sich zur Thür hinaus.
„Onnerstieh dech!“ Peter packte die Zeih und riß sie hin und her, daß sie auf die Kniee fiel. „Ech kommen widder, haste’t gehört?“ Mit furchtbarer Drohung brüllte er sie an: „Dau bis mein!“
Und dann schmolz plötzlich seine Wut, jäh wie sie gekommen, auch jäh dahin. In heiserem Schluchzen zusammenbrechend, ließ er sich willig vom Oberkailer die Handschellen anlegen. „Zeih, Zeih,“ schluchzte er, „vergeß mech net!“
„Ech vergessen dech net, nie, nie!“ Ebenfalls schluchzend hing sie an seinem Halse; sie umklammerten sich beide, als könnten sie sich nicht lassen.
„Ech vergessen dech net, e su waohr ech läwen, Pittche, mei Pittche!“
Herzzerreißend klang ihrer beider Schluchzen, und das Josefchen wimmerte dazu in schrecklichen Schmerzenstönen. — — — — — — — — — — — — —
Als sie die Hütte verließen, wankte Peter wie ein Betrunkener, er lahmte so stark, wie nie zuvor. Die Hände hatten sie ihm auf dem Rücken zusammengeschlossen; neben ihm schritt der Wittlicher, hinter ihm der Oberkailer.
Herr Schmitz war bei der Zeih zurückgeblieben, die brauchte Beistand. Sie lag, ganz zusammengefallen, in einer Ecke und schlug wie eine Rasende die Stirn gegen die Mauer. „Pittche, mei Pittche!“ Dem alten Junggesellen kamen selber die Thränen, er hob sie auf, suchte sie zu beruhigen und erschöpfte sich in Trostreden.
„Jao, ech glauwen et sälwer,“ schluchzte sie an seiner Brust, „ech moß mech eweil verdrösten. Dän Pittchen“ — sie hob den Kopf und strich sich resolut die Haare aus der Stirn — „Hähr Schmitz, ech sein sicher, dat dän net widder kömmt. Dän hänken se uf!“ —
***
Vorsichtig tappten die Gendarmen mit ihrem Arrestanten den Heckenweg hinunter; zur Sicherheit hielt ihn der Oberkailer hinten am Rock.
Noch war es dunkel, aber keine so tiefe Finsternis mehr, wie vorher; der Mond hatte sich hinter einer schweren Wolkenwand vorgestohlen und kämpfte jetzt mit zerrissenem Gewittergewölk. Über den fernen Bergen wetterleuchtete es.
Blitzähnlich erhellten ab und zu scheue Mondstrahlen den Pfad; von den nächsten Hütten fiel auch Lichtschein herüber. Das unsichre Gehen hatte bald ein Ende, schon schimmerte heller die breite Straße — da — Gemurmel! Ein dunkler Trupp nahte sich und verstopfte den Ausgang der Heckengasse.
Die Weiber!
Zu einer Kolonne geschlossen, harrten sie in trotzigem Schweigen. Im huschenden Schein des Mondlichts sah man ihre herausfordernden Gesichter und ihre funkelnden Augen.
Keine von ihnen rührte sich, als die Gendarmen nahten; sie hielten den Weg besetzt.
„Platz,“ sagte der Obergendarm und stieß die nächste mit dem Ellbogen an.
Es war Tina. „Oho,“ sagte sie und drängte sich, statt zu weichen, näher an ihn heran. „Waorum schubst Ihr mech?! Hei haot jeden dat gleiche Rächt!“
„Platz für die Obrigkeit,“ wiederholte schneidig der Oberkailer und warf sich in die Brust.
Ein allgemeines, schallendes Gelächter antwortete ihm.
„O dau Lappes,“ schrie eine Stimme aus dem Hintergrund, „gieh nor on laoß der dein Rotznaos wischen. Mir peifen uf dein ‚Platz for de Obrigkeit‘!“
„Platz, Platz!“ Sie äfften ihm alle nach.
„Seid ihr doll?“ rief der Obergendarm. „Verrückte Fraumenscher macht Platz! Wenn ihr nicht auf der Stelle geht, laß ich euch sammt und sonders einsperren — hört ihr, einsperren!“
„Können! Erscht können! Haha!“ Tina lachte gellend. „Et wär’ noch gaor e su unöwel net, met dem Pittchen zosammen im Bulles. Äwer, gäwt Obaacht!“ Ihre zehn Finger wirbelten plötzlich dem alten Mann vor’m Gesicht, ihre Stimme klang drohend: „Laoßt hän los!“
„Jao, laoßt hän los!“ kreischte der Weiberchor.
„Heihin!“ Tina packte Pittchen am Ärmel und zog ihn zu sich herüber. „Ihr, laoßt hän! Wat wollt ihr vom Pittchen? Hän haot neist gedahn!“
„Das wird sich finden!“ Wütend stieß der Obergendarm Miffert in den Rücken. „Voran!“
Ein ohrenbetäubendes Gekreisch der Weiber erhob sich, in drohender Haltung rückten sie näher und näher.
Die Gendarmen waren vollständig umzingelt. Dem Oberkailer brach der Angstschweiß aus — immer neue Weiber rückten heran, aus den Häusern kamen sie gelaufen, mit Schimpfen und Lachen, und verstärkten den Trupp. Und rückwärts knackten und raschelten die Hecken, ungestüm brach eine Bande halbwüchsiger Mädchen durch, Bill voran, und verstellten auchdenAusweg.
Mit der Linken packte der Obergendarm seinen Gefangnen fester; er hätte das nicht nötig gehabt, Peter machte keine Anstalten, zu entfliehen, mit niedergeschlagenen Augen stand er, bebend wie Espenlaub. Mit der Rechten zog der Alte das Seitengewehr, die blanke Waffe glitzerte im Mondlicht.
„Platz!“ schrie er, „oder —!“ Vielsagend fuchtelte er durch die Luft.
Der Oberkailer hielt den Revolver vor.
Die vorderen wichen zurück, die hinteren drängten vor. „Gäwt dat Pittchen eraus, ons Pittchen! Hoho — ho —!“
Das war ein furchtbares Lärmen. Drohend erhobne Arme reckten sich wild durcheinander. „Ons Pittchen! Pittchen!“
„Ruhig, Weibsbilder!“ brüllte der Wittlicher, Pittchen mit sich reißend; die blanke Waffe vorgestreckt, erzwang er sich einen Durchgang.
Kreischend wichen die Weiber zu beiden Seiten auseinander, aber gleich darauf schlossen sie sich wieder eng zusammen; der etwas zurückgebliebene Oberkailer wurde hart umdrängt. Es regnete Püffe und Stöße; da war manch eine, die ihm heimlich grollte, daß er kein Auge für sie gehabt.
Er hielt den Revolver ausgestreckt und wagte doch nicht zu schießen. Sich wie ein Kreisel drehend, um sich nach allen Seiten zu decken, schrie er: „Ich schieße — ich schieße! Platz!“
„Laoßt dän Lappes laufen,“ rief verächtlich die blonde Leis, deren Zöpfe halb gelöst flogen.
Noch ein Tritt gegen die Kehrseite — nun stolperte der Oberkailer aus dem Kreis und stürmte in mächtigen Sätzen seinem Vorgesetzten nach.
Alle Weiber hinterdrein.
Auf der stillen Straße, gen Himmerod hin, fegte die wilde Jagd. Das war ein Getrappel, ein Gekreisch, ein Johlen und grelles Schreien, ein Huschen flüchtiger Gestalten. Das quirlte durcheinander, wogte, hüpfte und sprang. An der weißen Kirchhofsmauer zeigten sich, in’s Ungeheuerliche verzerrt, flatternde Schatten; unheimlich gespenstisch tauchten sie auf und nieder, wischten vorbei und verschwanden.
Und hinter der bleichen Wand ragte das Kreuz aus dem Dunkel des Friedhofes; wie ein Wahrzeichen stieg es empor und schien endlos bis in den Himmel zu wachsen.
Peter wagte einen scheuen Blick dorthin; einen noch scheueren warf er hinter sich auf die nachdrängenden Weiber; sein Fuß zögerte. Sollte er sich wenden, jene zu Hilfe rufen?!
Ihn schauderte.
„Voran, voran!“ trieb der Obergendarm.
Und Pittchen trottete wieder weiter.
Die Jagd wurde langsamer, jetzt fehlte es ihnen allen an Atem.
Schnaufend trabte der Oberkailer an des Gefangnen andrer Seite; rechts und links hielten ihn beide Gendarmen gepackt, ab und zu wandten sie sich um und streckten den in geringer Entfernung Folgenden die Waffen entgegen.
Das laute Geschrei war verstummt, es hatte einem dumpfen Murren Platz gemacht. Gleich einer bösen Bestie schlich die Weiberkolonne hinterdrein; sie knurrte und lauerte und drohte in unheimlicher Tücke.
Näher und näher kam man dem Thalende, hoch und finster hoben sich die Ruinen von Himmerod, dahinter schwarz ragende Bäume des unendlichen Waldes.
Voll Besorgnis sahen die Männer darauf hin; schon gellten wieder einige Schreie.
„Laoßt hän los! Pittchen, ons Pittchen!“
Ein Stein wurde geschleudert — noch einer — eine dreiste Stimme schimpfte. Das Murren, das bis dahin ein halb unterdrücktes gewesen, erhob sich lauter, kecker. Es schwoll an, wuchs und wuchs, wurde stark und stärker, drohender und drohender, grollend wie Ungewitter. Fester packten die Männer ihre Waffen. — — — — — — — — — — — — — —
Da — ein Schrei!
Die Weiber stutzten.
Ein Ruf, der das Thal durchhallte von einem Ende zum anderen!
Wie versteinert standen sie alle.
Noch einmal der Ruf — ein Ruf aus kräftiger Männerkehle:
„Hallo—o—oh.“
Das Echo war erwacht, jubelnd gab es den Ruf zurück:
„Hallo—o—oh!“
Und durch die Nacht flammte es auf, dort auf der Höhe von Schwarzenborn. Erst wie ein Stern, dann rasch größer werdend, weithin leuchtend, immer heller und heller, gelb und rot — eine Sonne, eine Riesenflamme, ein Freudenfeuer.
Der einsame Busch auf dem kahlen Scheitel zeigte sich deutlich; wie bei Sonnenaufgang umlohte ihn Glanz und Glut. Aber jetzt brannte er selber. Seine vertrockneten Äste hüllten sich blitzschnell in sprühendes Geprassel, gierig züngelnd loderte es auf in feurigem Entzücken.
Eine Freudenfackel streckte sich empor zum nächtlichen Himmel.
„Se sein dao!“
Wie aus einem Mund kam’s, nur ein einziger Schrei.
Das waren nicht der Weiber viele mehr, das war nur ein Weib noch —dasWeib! Jählings wandte es sich, alles vergessend, und stürzte in rasendem Lauf dem Mann entgegen.
Verlag vonEgon Fleischel& Co., Berlin W 35