VI.Geschichtliches.

§. Abb. 53. Corvey. (Zu Seite80.)

§. Abb. 53. Corvey. (Zu Seite80.)

Abb. 54. Eingang zur Abtei Corvey.Photographie und Verlag von Otto Buchholtz' Buchhandlung (Ernst Ummen) in Höxter. (Zu Seite80.)

Abb. 54. Eingang zur Abtei Corvey.Photographie und Verlag von Otto Buchholtz' Buchhandlung (Ernst Ummen) in Höxter. (Zu Seite80.)

Sicher ist, daß das Anbringen von Inschriften erst mitdem Fortfallen des Strohwalms möglich oder doch üblich wurde. Über der Türe nennen der Erbauer und die Erbauerin des Hauses ihre Namen nebst der Jahreszahl der Errichtung. Begnügt man sich hiermit in der Regel an der Oberweser, so lassen die Bauherren im Norden und Westen es sich nicht nehmen, einen Segenswunsch oder frommen Spruch hinzuzufügen. Sehr verbreitet ist z. B. der Vers: »Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut«, auch mit dem Zusatz: »im Himmel und auf Erden«. Was zu dem Bau Veranlassung gegeben, berichtet folgende Inschrift, die Wolf aus dem Kreise Halle mitteilt: »Durch Feuersgluht und strenger Hand, das vorige Haus ist abgebrannt, bewahr, O Gott, dieses Haus, vor Feuer, Schaden, Sturm und Braus, zieh du mit deinem Segen ein, und laß es dir befohlen sein.« Mit mißverstandener Gelehrsamkeit prahlt ein »lateinischer Bauer«, indem er das schöne Wort »Ora Edla Bora« über seine Haustür setzt, wogegen die natürliche Weisheit des folgenden Spruches angenehmer berührt: »Man öffnet schnell die Thür, wenn einer klopfet an; wie oft klopft Gott ans Herz, und wird nicht aufgethan.« Den Kampf zwischen Hochdeutsch und Plattdeutsch verewigt folgende Inschrift aus dem Jahre 1609: »Nach Dir Her verlanget mir min Gott Ich hafve Dir Las mir nicht to Skanden werden Dat sik mine Vien nicht frowen werden.« Im Mindenschen herrschen Bibelsprüche vor.

Abb. 55. Höxter, vom Felsenkeller aus gesehen. Photographie und Verlag von Otto Buchholtz' Buchhandlung (Ernst Ummen) in Höxter. (Zu Seite79bis 81.)

Abb. 55. Höxter, vom Felsenkeller aus gesehen. Photographie und Verlag von Otto Buchholtz' Buchhandlung (Ernst Ummen) in Höxter. (Zu Seite79bis 81.)

Weit einschneidender als diese Ausgestaltungen des alten Typus sind gewisse Änderungen im Grundriß. Hatte man einmal das Gezimmer des Hauses zu einem festen Kasten gemacht, der in allen seinen Teilen das Dach gleichmäßig trug, so konnte man dieses auch im rechten Winkel umdrehen, oder mit anderen Worten, man konnte aus der Längsdiele eine Querdiele machen. Dies ist östlich von den Wesergegenden in Ostfalen vielfach geschehen. Vereinzelte Beispiele findet man aber auch in allen Teilen unseres Gebietes.

§. Abb. 56. Schloß Bevern. (Zu Seite82.)

§. Abb. 56. Schloß Bevern. (Zu Seite82.)

Eine weitere Änderung ist die, daß man Wohnende und Viehstall miteinander vertauschte (Abb. 28). Hierbei war wohl der Wunsch maßgebend, der Straße näher zu wohnen, vom Zimmer aus das Leben im Dorfe überblicken zu können. Wenn wir aber diese eigentümliche Hausform besonders an der Oberweser, und zwar hier als herrschende, vorfinden, so werden wir sie wohl auch auf den Einfluß des Nachbargebietes mit seinem mitteldeutschen Hause zurückführen müssen. Daß die Diele hierbei möglichst schmal wird, um die ohnehin übermäßig getrennten Wohnzimmer nicht noch mehr voneinander zu reißen, versteht sich von selbst (Abb. 25u.27).

Abb. 57. Schichtung der Muschelkalk-Formation bei Bodenwerder.Nach einer Photographie von W. Wehrhahn in Hannover. (Zu Seite82.)

Abb. 57. Schichtung der Muschelkalk-Formation bei Bodenwerder.Nach einer Photographie von W. Wehrhahn in Hannover. (Zu Seite82.)

Auch die Zweistöckigkeit ist eine solche Abweichung von der Grundform, die wir besonders im Süden beobachten (Abb. 62).

Noch tiefer aber als alle diese bisher erwähnten Veränderungen an dem alten Hause sind die, welche ihm die neuen Wirtschaftsformen des neunzehnten Jahrhunderts aufgezwungen haben. Verkoppelung und Gemeinheitsteilung — Stallfütterung — künstlicher Dünger — Vermehrung des Viehstandes — größere Ernteerträge — Dreschmaschinen — jedes dieser Worte erklärt Änderungen an der Behausung des Landwirts. Mehr Ställe, mehr Scheuern müssen geschaffen werden, erstere zunächst in Anbauten rechts und links von der Diele, jene unter besonderem Dach. Die Dreschtenne ist als solche nicht mehr nötig; sie wird zum Hausflur, also schmaler und mit vollständigen Wänden an den Seiten. Anderseits hört das patriarchalische Zusammenleben von Herr und Knecht mehr und mehr auf; daher werden weitere Wohnräume nötig, und so verbreitert sich der hintere Wohnteil. Ferner ist das Eichenholz nicht mehr zu erschwingen. Dafür liefern Eisen, Beton, Zementpfannen, schließlich sogar gepreßtes Blech und Dachpappe billiges Baumaterial. Was Wunder, wenn das neue, massive Bauernhaus mit seiner nüchternen Außenseite nur noch in der breiten Haustür an der Giebelwand eine gewisse Erinnerung an seine Vorgänger bewahrt. »Es ist der Geist, der sich den Körper baut,« und jener ist eben ein anderer geworden. Der Gedanke des Zusammenlebens der sämtlichen Familien- und Wirtschaftsgenossen nebst ihrem Viehstand und ihren Vorräten unter demselben Dache hat nun einmal aufgegeben werden müssen, und eine neue ästhetisch wirkende Hausform fehlt noch.

Abb. 58. Polle. (Zu Seite83.)

Abb. 58. Polle. (Zu Seite83.)

Die Volkstracht.

Mit dem alten Hause schwindet auch die Volkstracht. Für die Männer ist sie im ganzen Gebiete nahezu ausgestorben (Abb. 35). Daß sie den Frauen vorangingen, darüber wird man sich nicht wundern, wenn man bedenkt, wie viel mehr die Männer Gelegenheit haben, die Heimat zu verlassen, als die Frauen. Aber auch weibliche Volkstrachten haben sich nur noch auf einem schmalen Landstriche längs des Bückeberges, der Weserkette und des Wiehengebirges erhalten. In einigen anderen Gegenden Westfalens und Lippes sind höchstens Reste und Andeutungen, z. B. in eigentümlichen Haubenformen, vorhanden (Abb. 28u.29).

Abb. 59. Die Steinmühle. (Zu Seite82u.83.)

Abb. 59. Die Steinmühle. (Zu Seite82u.83.)

Am bekanntesten ist die farbenprächtige sogenannte Bückeburger Tracht, die auch in einigen hessisch-schaumburgischen und westfälischen Kirchspielen rechts derWeser verbreitet ist (Abb. 30bis33u.86). Die Männer trugen früher — hie und da tun es einige alte Bauern auch noch — einen langen weißleinenen Kittel mit vielen blanken Messingknöpfen und rotem Flanellfutter und auf dem Kopfe eine Pelzmütze oder einen breitkrempigen Filzhut (Abb. 30).

Abb. 60. Bodenwerder. Rechts die Königszinne.Nach einer Photographie von Carl Thoericht in Münden. (Zu Seite78u.83.)

Abb. 60. Bodenwerder. Rechts die Königszinne.Nach einer Photographie von Carl Thoericht in Münden. (Zu Seite78u.83.)

Die Frauenkleidung zeichnet sich besonders durch den fußfreien, feuerroten Tuchrock aus, dessen Stoff — vielleicht nach seiner friesischen Herkunft — Friesat, sonst auch Büffel oder Schierlaken genannt wird. Die Frauen tragen ihn stets außer beim Abendmahl, wo ein schwarzer an seine Stelle tritt. Der Schnitt und der Farbenton des Rockes ist in den einzelnen Landesteilen verschieden; ebenso unterscheiden sich einige andere Stücke des Anzuges, wie Wams, Mütze, Nackentuch, Schürze und Mantel. Man spricht daher von einem hessischen oder Lindhorster Typus (Abb. 31), den wir z. B. in Nenndorf am Deister noch beobachten können, von einem Friller Typus, der nördlich von Minden herrscht, und von dem eigentlichen Bückeburger. Bei diesem letzten fallen uns besonders die festen Mützen mit den ungeheuren steifen Bandschleifen auf. Die letzteren sind verhältnismäßig jungen Ursprungs. Bis gegen Ende der siebziger Jahre waren die Schleifen noch klein und ungesteift (Abb. 30). Dann griff man zur Pappeinlage und hatte nun ein Mittel gefunden, sie allmählich bis ins Ungemessene zu vergrößern (Abb. 32zeigt den Übergang). Die Folge davon ist freilich gewesen, daß die Mütze jetzt schwer und lästig ist und bei der Arbeit oder zu Hause vielfach gar nicht aufgesetzt wird (Abb. 33). Ein besonders wertvolles Schmuckstück ist die »Kralle«, die Bernsteinhalskette mit silbernem Schloß, zu der in einzelnen Landesteilen noch eine silberne Halsbinde kommt. Überhaupt hat die ganze Tracht den Charakter des Prunkenden, aber auch zugleich des Soliden und Echten. Wäredas einzelne Kleidungs- oder Schmuckstück nicht für ein Menschenleben oder gar für eine Folge von Generationen gemacht, so würde gewiß die Tracht längst verschwunden sein.

Abb. 61. Schloß Hehlen. (Zu Seite83.)

Abb. 61. Schloß Hehlen. (Zu Seite83.)

Eine gewisse Abart des Schaumburger Kostüms herrscht am linken Weserufer in der Mindener Gegend. Die Hauptabweichung besteht außer in der Mützenform (Abb. 34) darin, daß die weißen Halskrausen und leider auch die roten Röcke nebst sonstigen farbigen Bestandteilen der Kleidung seit den sechziger Jahren verschwunden sind. Man nennt diese Tracht daher bezeichnenderweise die »schwarze Tracht«. Ihres Hauptreizes beraubt, fällt sie natürlich noch leichter der Gleichmacherei zur Beute und wird sicher ziemlich bald der vordringenden städtischen Kleidung den Platz räumen. Aber auch die bunte Schaumburger Tracht geht, obwohl langsamer, kirchspielweise, denselben Weg (Abb. 33) und wird wie das altsächsische Haus nach Verlauf weniger Jahrzehnte wohl nur noch als antiquarische Merkwürdigkeit bewundert werden können.

Geschichte.

Eine Geschichte des Weserlandes zu schreiben, kann nicht der Zweck dieses Buches sein; auch würde ein solches Unternehmen voraussetzen, daß der Landstrich politisch eine Einheit darstellte. Das ist nun aber fast nie der Fall gewesen, und so wird sich diese historische Skizze, die der Beschreibung der einzelnen Landschaften vorausgehen mag, die Aufgabe stellen, die Buntscheckigkeit der heutigen politischen Landkarte zu erklären und nebenbei einige Ereignisse zu berühren, die sich ausschließlich oder doch vorzugsweise im Weserland abgespielt haben.

Altertum.

Seit dem vierten Jahrhundert v. Chr. finden wir dort fast überall Germanen außer links von der Weser, von wo die letzten Kelten weit später, wenn auch sicher schon vor Cäsars Feldzügen nach Westen gedrängt worden sind. Zur Zeit der Römereinfälle wohnten an der oberen Weser die kriegerischen Cherusker, von Angrivariern, Brukterern und Chatten im Norden, Westen und Süden umgrenzt. Sie und ihr tapferer und verschlagener Häuptling Arminius hatten die Führungjener Stämme in den Freiheitskriegen gegen die römischen Feldherren Quintilius Varus und Germanikus; in ihrem Gebiete lag der Teutoburger Wald, wo die Legionen des Varus im Jahre 9 n. Chr. aufgerieben wurden, und Idistavisus, wo Germanikus einen solchen Sieg davon trug, daß ihm der Geschmack an weiteren Lorbeeren verleidet wurde. Idistavisus ist vermutlich an der Weserkette zu suchen, doch wissen wir nicht wo; und auch die Lage der Teutoburg wird sich wohl nie mit unumstößlicher Gewißheit feststellen lassen. Viel für sich hat die Annahme Clostermeiers (1822), die auch Schuchhardt neuerdings vertritt, daß die Grotenburg bei Detmold, auf der jetzt das Denkmal des Arminius steht, die alte Teutoburg sei. Jedenfalls ist sie eine der altgermanischen Volksburgen, wie sie in Kriegeszeiten zum Sammeln des Aufgebots und als Zufluchtsstätte für Menschen und Vieh benutzt wurden, und zwar in unserem Gebiet die einzige sicher festzustellende; denn die Hünenburg bei Bielefeld und die Sieburg im Dreieck zwischen Diemel und Weser bei Carlshafen können auch jünger sein.

Einige Jahrhunderte nach jenen Kämpfen ist die Erinnerung an die alten germanischen Stammesbezeichnungen verschwunden. Es leben in Norddeutschland die kühnen, freien Sachsen, abgesehen von den Nordalbingern in die Stämme der Westfalen, Engern und Ostfalen geteilt. Nehmen manche Geschichtsschreiber eine friedliche Verschmelzung der alten Völkerschaften und die allmähliche Ausdehnung des Namens Sachsen auf die geeinte Stammesfamilie an, so stellen sich andere Forscher den Vorgang weniger idyllisch vor. Gewichtige Stimmen sprechen von einer im dritten und vierten Jahrhundert schrittweise vorgehenden Unterwerfung der Länder zwischen Rhein und Elbe durch die aus Holstein kommenden Sachsen.

Abb. 62. Straße in Eschershausen.Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite49, 53 u. 86.)

Abb. 62. Straße in Eschershausen.Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite49, 53 u. 86.)

Für ihren kriegerischen Sinn zeugt die große Zahl der von ihnen errichteten Burgen. Es sind große befestigte Heerlager auf unzugänglichen Bergen, vielfach nur aus einer Mauer bestehend. Der ahnungslose Wanderer, der etwa die Amelungsenburg bei Hessisch-Oldendorf oder den Wittekindsberg bei der Porta betritt, wird die im Buchenwalde versteckt liegenden Wälle kaum beachten, wogegen der Forscher in ihnen wie in vielen anderen, z. B. der Karlsschanze bei Willebadessen, der Iburg bei Driburg, der Herlingsburg bei Schieder, der Obensburg bei Hameln, die deutlichen Züge der altsächsischen Befestigung erkennt.

Abb. 63. Adam und Eva am Ith.Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite86.)

Abb. 63. Adam und Eva am Ith.Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite86.)

Die Zeit Karls des Großen.

Trotz ihrer Tapferkeit erlagen die Sachsen den fränkischen Eroberern, die mit einem Netz von Straßen, Wirtschaftshöfen und Burgen das Land überzogen. Auch von ihren Befestigungen finden wir Reste und erkennen sie an ihrer Zweiteiligkeit. Der kleinere befriedete Raum umschloß die Wohnung des Wirtschafters oder Befehlshabers, der größere enthielt den nötigen Platz für Zelt- oder Barackenlager. Zu diesen Burgen gehören u. a. Altschieder bei Schieder, die Bennigserburg und die Heisterburg im Deister, die Babilönie bei Lübbecke und die sogenannte Wittekindsburg bei Rulle. Diese Festen bieten in ihren Überbleibseln dem nicht sachkundigen Beschauer ebensowenig des Merkwürdigen wie die Sachsenlager. Viele andere, zumeist die jüngeren, haben überhaupt keine Spuren hinterlassen, da sie in Dörfern oder Städten aufgegangen sind. Da Karl der Große längs der Straßen und Marken alles Land der Verfügung des Staates unterstellte, sächsische Bauern vielfach verpflanzte, und für sich und seine Getreuen sowie für geistliche Stiftungen bedeutende Güter aussonderte, die dann mit abhängigen Kolonisten aus dem Frankenlande besiedelt wurden, so brachte er allmählich alle wichtigen Plätze in die Hand sicherer Leute. Natürlich erbitterte die Errichtung dieser großen Grundherrschaften, diese völlige Umwälzung der Eigentumsverhältnisse die Sachsen aufs äußerste. Gleichwohl lag darin auch ein Anreiz, sich mit der neuen Herrschaft zu versöhnen und den Lohn der »Treue« in Gestalt reichen Königsguts entgegenzunehmen. So vertauschte, nachdem der Engernfürst Bruno sich bereits 775 unterworfen hatte, auch der Westfale Wittekind zehn Jahre später die Rolle des Bauerngenerals mit der des reichen Grundherrn von Königs Gnaden.

Aufs engste war unter Karl und seinen Nachfolgern mit der politischen Eroberung die kirchliche verknüpft. Bistümer erstanden wie Osnabrück, Minden, Paderborn u. a. Ihre Diözesen und derer Unterabteilungen schlossen sich ebensowie die fränkischen Gerichts- und Verwaltungsbezirke, die Gaue, an alte Stammgebiete und volkstümliche Gerichtssprengel an.

Von den drei alten Provinzen Sachsens interessiert uns zumeist Engern. Ostfalen scheidet abgesehen von einem Teil der Hilsmulde ganz aus unserer Betrachtung aus, und westfälisch ist von dem auf Seite4umgrenzten Gebiet nur der Teil, der von der Linie Bünde-Brackwede nordwestlich liegt. In Engern lag die alte Thingstätte Markloh (d. h. Grenzwald), wo die Abgesandten der Sachsen zusammenkamen. In Engern spielten sich auch die meisten Hauptereignisse des sächsisch-fränkischen Krieges, Überwinterungen, Reichstage, Belagerungen, Schlachten, ab. Man denke an die Eresburg (Marsberg), an Herstelle, Lügde, Schieder, Detmold, Paderborn, den Süntel, Lübbecke.

Das Mittelalter.

Zur Ottonenzeit war es ruhig in den Weserlanden. Das politische Schwergewicht hatte sich nach Ostfalen verschoben, wo es auch unter den Saliern blieb. Engern erfreute sich allerdings häufiger Besuche der Herrscher. Herford und Corvey sowie, ihnen nacheifernd, Paderborn und Minden wirkten kulturfördernd; aber doch hatte das Weserland kein Goslar, kein Hildesheim aufzuweisen. Auch von dem Emporblühen der westfälischen Städte Osnabrück, Münster, Soest und Dortmund hatte das Weserland, das alte Engern, wenig Vorteil.

§. Abb. 64. Am Rotenstein bei Eschershausen. (Zu Seite87.)

§. Abb. 64. Am Rotenstein bei Eschershausen. (Zu Seite87.)

Scheidung der Dialekte.

Im elften Jahrhundert verschwindet übrigens der Name Engern allmählich. Als mit dem Sturze Heinrichs des Löwen (1180) das Herzogtum Sachsen, das noch kurz zuvor dem Kaiser selber Trotz zu bieten vermochte, in Stücke geschlagen ward, da lösten sich die Bande zwischen den Ländern rechts und links der Weser. Paderborn kam an das unter dem Erzbischof von Köln stehende Herzogtum Westfalen. Auch Minden, das selbständig gewordene Bistum, wurde später zu Westfalen gerechnet; durch die Maximilianische Kreiseinteilung (1512) gelangte auch Schaumburg dazu, während die welfischen Lande denHauptbestandteil des niedersächsischen Kreises bildeten. Diese scharfe Scheidung scheint auch auf die Entwicklung der Stämme von Einfluß gewesen zu sein. Denn das niedersächsische Plattdeutsch weist von dem westfälischen bedeutende Unterschiede auf. Heißt es in Westfalen »mī« und »dī«, so sagt man in einem Teile Niedersachsens »meck« und »deck«; sagt der Westfale »ick sin«, so wird man in Niedersachsen meist »ick bin« hören. Besonders groß sind die Unterschiede des Vokalismus, insofern der einfachen niedersächsischen Länge zumeist ein westfälischer Doppellaut gegenübersteht; man vergleiche: Brôd — Bräud oder Braud (Brot), Brût — Briut (Braut), dûsent — diusent (tausend), Müse — Muüse (Mäuse), Tîd — Tëid oder Tuid (Zeit), spräken — spriäken (sprechen), brôken — bruaken (gebrochen). Auffallend ist auch das reine lange â der Westfalen, z. B. in Wâter (Wasser), während der Niedersachse dumpf Wáter sagt. Da die ehemals engrischen Teile Westfalens noch gewisse Besonderheiten im Dialekt gegenüber dem Altwestfälischen haben, so ist anzunehmen, daß das Ostengrische vom Ostfälischen (= Niedersächsischen) aufgesogen worden ist.

§. Abb. 65. Lauenstein. (Zu Seite87.)

§. Abb. 65. Lauenstein. (Zu Seite87.)

Doch kehren wir zu unserer Geschichte zurück. Nach der Zerstückelung des sächsischen Herzogtums sehen wir, wie mehr und mehr die kleinen Dynasten emporkommen und die geistlichen Herren nach Kräften rupfen. Im Welfenlande wurde ein ansehnlicher Teil des alten Besitzes 1235 als Herzogtum Braunschweig-Lüneburg zusammengefaßt, unterlag aber später mannigfachen großen und kleinen Teilungen, bis sich aus dem Wirrwarr die Fürstentümer Lüneburg, Calenberg, Göttingen, Grubenhagen und Wolfenbüttel nebst kleineren Unterteilen herauskristallisierten. Ihre Grenzen haben sich teils in den Grenzen des Herzogtums Braunschweig gegen die preußische Provinz Hannover, teils in denen der hannoverschen Regierungsbezirke gegeneinander erhalten.

Abb. 66. Bückeburg. Photographie und Verlag von F. H. Hespe in Bückeburg. (Zu Seite93.)

Abb. 66. Bückeburg. Photographie und Verlag von F. H. Hespe in Bückeburg. (Zu Seite93.)

Wohl könnte es uns reizen, die Geschicke auch einzelner geistlicher Territorien und mancher urwüchsiger Dynastengeschlechter zu verfolgen, deren Länder in dem Territorialbesitz der überlebenden Staaten aufgegangen sind; von manchem kecken Raubzug, mancher blutigen Fehde, mancher frommen Stiftung würden wir hören. Aber wir werden uns begnügen, ihre Spuren da zu erwähnen, wo wir sie finden. Für eine Geschichte der Grafen und Herren von Northeim, Dassel, Everstein, Homburg, Spiegelberg, Schwalenberg, Pyrmont, Sternberg, Schaumburg, Hallermund, Roden, Ravensberg, Tecklenburg ist hier kein Platz. Auch die ferneren Schicksale unserer Landschaften werden wir nicht verfolgen, da ihre Geschichte die Geschichte Deutschlands ist.

Abb. 67. Saukörnung am Kleinen Deister bei Springe.Nach einer Photographie von W. Wehrhahn in Hannover. (Zu Seite90.)

Abb. 67. Saukörnung am Kleinen Deister bei Springe.Nach einer Photographie von W. Wehrhahn in Hannover. (Zu Seite90.)

Die Neuzeit.

Eine Betrachtung der politischen Karte wird uns zeigen, daß unser Bergland unter fünf verschiedenen Herrschern steht. Von den alten Kleinstaaten sind Braunschweig, Waldeck-Pyrmont, Lippe und Schaumburg-Lippe erhalten. Preußen ist mit den Provinzen Hannover, Westfalen und Hessen-Nassau, den Regierungsbezirken Hannover, Hildesheim, Osnabrück, Minden, Münster und Cassel beteiligt. Unter das Zepter der Hohenzollern ist die Grafschaft Ravensberg im Jahre 1609 gekommen, dann folgte 1647 die Stadt Herford, 1648 das Bistum Minden, 1702 Ibbenbüren, 1707 Tecklenburg, 1803 die Bistümer Hildesheim (bis 1813) und Paderborn sowie das Stift Herford. Dazu kam 1815 außer den in der Franzosenzeit verlorenen und nun wieder gewonnenen Gebieten noch das Stift Corvey mit der Stadt Höxter. Endlich wurden 1866 Hessen-Nassau und Hannover nebst den von ihnen früher erworbenen Ländern, vor allem den Bistümern Hildesheim und Osnabrück, der Zollernkrone untertan.

Ehe wir von Münden aus unsere Weserfahrt antreten, sind wir hinaufgestiegen zur Tillyschanze, jenem steinernen Turm auf einem Vorsprung des Reinhardswaldes. Die geschichtliche Tatsache, die dieser Stätte ihren Namen gegeben hat, wird uns mit realistischer Treue ins Gedächtnis gerufen durch die im Inneren aufgestellten Kriegsaltertümer und das lebensvolle Relief von Prof. Gustav Eberlein: »Die Verteidigung der Stadt Münden im Dreißigjährigen Kriege.« Wie anders als in jenen schrecklichen Pfingsttagen des Jahres 1626, wo die von 3000 Leichen erfüllte Stadt der Beutegier kaiserlicher Soldateska preisgegeben war, ist der Anblick, den jetzt das entzückte Auge von der Plattform genießt!

Abb. 68. Die lutherische Kirche in Bückeburg.Nach einer Photographie von F. W. Kuhlmann in Bückeburg. (Zu Seite94.)

Abb. 68. Die lutherische Kirche in Bückeburg.Nach einer Photographie von F. W. Kuhlmann in Bückeburg. (Zu Seite94.)

O Heimat, du erscheinst mirSo jugendfrisch und schön;Ein Tempe Deutschlands[4]bist du,Wie keins ich noch gesehn,Ein Born, woraus sich immerMein durstig Herz erquickt,Wenn ich von deinen HöhenHinab ins Tal geblickt.Wie bist du schön im Maien,In Frühlingsherrlichkeit,Von weißen BlütenbäumenStehst du wie überschneit,Und schallen KirchenglockenHinein ins blühende Tal,Dann bist du aller SchönheitVollkommnes Ideal.

O Heimat, du erscheinst mirSo jugendfrisch und schön;Ein Tempe Deutschlands[4]bist du,Wie keins ich noch gesehn,Ein Born, woraus sich immerMein durstig Herz erquickt,Wenn ich von deinen HöhenHinab ins Tal geblickt.

Wie bist du schön im Maien,In Frühlingsherrlichkeit,Von weißen BlütenbäumenStehst du wie überschneit,Und schallen KirchenglockenHinein ins blühende Tal,Dann bist du aller SchönheitVollkommnes Ideal.

[4]Der Ausdruck rührt von Goethe her.

[4]Der Ausdruck rührt von Goethe her.

Gern werden wir uns dieses Urteil Eberleins zu eigen machen, der sich am Fuß des Berges, im Angesicht der Vaterstadt, sein behagliches, von einem großen steinernen Eber bewachtes Heim geschaffen hat. In engem Talkessel, umgeben rings von den lieblichen Formen buchengrüner Höhen, umkränzt von Obstgärtenmit zierlichen Landhäusern, blickt uns das freundliche Rot der ziegelgedeckten Altstadt entgegen; und darüber ragt in ehrwürdigem Grau eine Anzahl massiver Steinbauten empor, unter denen die alten, zum Zweck der Schrotfabrikation erhöhten Befestigungstürme, »die Hageltürme«, besonders auffallen (Abb. 36).

Abb. 69. Das neue Rathaus in Bückeburg.Nach einer Photographie von F. W. Kuhlmann in Bückeburg. (Zu Seite94.)

Abb. 69. Das neue Rathaus in Bückeburg.Nach einer Photographie von F. W. Kuhlmann in Bückeburg. (Zu Seite94.)

Münden und die Weserschiffahrt.

Die in ihrer ursprünglichen Gestalt dem dreizehnten Jahrhundert angehörenden Kirchen zu St. Ägidien und St. Blasien — an der ersteren befindet sich der Grabstein des liedberühmtenDr.Eisenbart —, das plumpe Schloß der Calenberger Herzöge ErichI.undII.und das der Blütezeit Niedersachsens, dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, entstammende Renaissance-Rathaus (Abb. 37), sie alle zeugen von der Bedeutung Mündens in alter Zeit. Aber auch die Privathäuser mit ihrer an hessische und thüringische Städte gemahnenden Holzarchitektur, mit ihren vielen überkragenden Geschossen, ihrem zierlichen Riegelwerk und den spitzen, wohlgegliederten Dächern erzählen uns von der Vergangenheit (Abb. 38u.39). Politisch und sprachlich zu Hannover gehörig, zeigt nämlich das Gebiet von Münden in städtischem und ländlichem Hausbau, in Dorfanlage und bäuerlicher Erbsitte mitteldeutschen Charakter (Abb. 23). Gau- und Stammesscheiden, deren Nachfolger die jetzigen Provinzialgrenzen von Hannover, Hessen-Nassau und Sachsen sind, stießen hier zusammen, erlitten aber auch gelegentlich Verschiebungen. Münden selbst wird als ursprünglich fränkischer Ort bezeugt; es war eine karolingische »villa«, zugleich wohl Brückenkopf gegen das Sachsenland. Die Burg aber ist wahrscheinlich von Otto von Northeim, einem niedersächsischen Dynasten, also als Bollwerk gegen Hessen gegründet worden. Nach dem Sturze Heinrichs des Löwen kam die Stadt an die Landgrafen von Thüringen, um gegen die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts unter die Welfenherrschaft zurückzukehren. DerUrsprung der Siedelung erklärt sich, wenn man einen Blick auf die Karte wirft, von selbst. Werra und Fulda waren für die winzigen Verhältnisse des mittelalterlichen Verkehrs bedeutende Wasserstraßen, Münden Knotenpunkt des Schiffsverkehrs, Umschlags- und Stapelort. Eifersucht und Feindschaft gegen die Hessen veranlaßte im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts nach und nach die welfischen Landesherren zur Erteilung, dann die Mündener Bürger zum Erschleichen von Privilegien, die bis ins neunzehnte Jahrhundert galten und in ihrer Gesamtheit unter dem Namen des Mündener Stapelrechts bekannt sind. Danach durften alle Waren, die stromauf und stromab die Stadt verließen, nur durch Mündener Schiffer befördert werden; auch mußte man alle Durchgangsgüter ausladen und zu Casseler Marktpreis drei Tage lang feilhalten. Daß Münden nicht bedeutender wurde, hat seinen Grund darin, daß die Ufer der drei Flüsse eine für Talstraßen wenig günstige Beschaffenheit darboten. So bevorzugte der vom Oberrhein durch die hessische Senke kommende Überlandverkehr, soweit er auf Hamburg und Lübeck hinstrebte, das Leinetal, dem auch jetzt die Eisenbahn nach Hannover folgt, soweit er Bremen zu erreichen suchte, das Esse- und Diemeltal. Die Erbauung der Eisenbahnen hat wie überall auch in Münden zunächst zertrümmernd, dann aufbauend auf die wirtschaftlichen Zustände gewirkt. Die Stadt ist mehr und mehr Industrieort geworden. Der Wald der Umgegend liefert Holz zu mannigfacher Verarbeitung (vergl. Seite35) und Lohe für die Gerberei, der Erdboden Braunkohle, Ton und Mühlsteine. Andere der dortigen Industrien (Zinnwaren, Tabak, Gummi) sindweniger abhängig von örtlicher Rohstofferzeugung. Aber auch der Schiffsverkehr hat sich mächtig gehoben, besonders in der letzten Zeit, wozu die im Jahre 1895 dem Verkehr übergebene Kanalisierung der Fulda bis Cassel besonders beigetragen hat. Zum Schluß wollen wir noch bemerken, daß Münden derzeit 11300 Einwohner zählt, eine Kgl. Forstakademie mit etwa siebzig Studierenden beherbergt und als Sommerfrische und Touristenstadt mehr und mehr aufgesucht wird.

Abb. 70. Hameln gegen den Süntel. Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite94ff.)

Abb. 70. Hameln gegen den Süntel. Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite94ff.)

Abb. 71. Das Rattenfängerhaus in Hameln.Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite98.)

Abb. 71. Das Rattenfängerhaus in Hameln.Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite98.)

§. Abb. 72. Schloß Hämelschenburg bei Hameln. (Zu Seite98.)

§. Abb. 72. Schloß Hämelschenburg bei Hameln. (Zu Seite98.)

Wir schreiten zum Tanzwerder, der wegen Hochwassergefahr unbebaut gebliebenen äußersten Ecke des Anschwemmungsdeltas zwischen Werra und Fulda, also sozusagen der Geburtsstätte der Weser. Hier steht der Weserstein, leider! War es nötig, der Weser ein Denkmal zu errichten? bedurfte es wirklich einer »Verschönerung« der Landschaft durch Verse? und mußten diese gar in Stein gemeißelt werden als ein »monumentum aere perennius«? Wir besteigen den geräumigen und bequemen Dampfer »Kaiser Wilhelm« und fahren, durch das regelmäßig einförmige Stampfen der Räder in süßes Träumen gewiegt, behaglich dahin und lassen die traulichen Bilder der grünen Ufer an unseren Blicken vorübergleiten. Wir werden gut tun, aus unserem Gedächtnis alle Erinnerungen an eine etwa früher unternommene Donau- oder Rheinfahrt zu verbannen; wir wollen nicht vergleichen, nicht die Lieblichkeit der einen Landschaft an der Großartigkeit der anderen messen, sondern unbefangen genießen. Daran wird uns auch nicht ein vielsprachiges Gewimmel von hastigen Reisenden stören. Unser Schiff trägt außer den Landleuten der Ufergegenden zumeist anspruchslose Touristen aus Nordwest- und Mitteldeutschland. Gelegentlich bemerkt man unter ihnen einige holländische Vergnügungsreisende. Weit zurück liegt die Zeit, wo auf diesen Fluten der erste Dampfer fuhr; es war der erste Dampfer überhaupt. Sein Erbauer war der gelehrte Hugenotte Dionysius Papin aus Blois, seit 1687 Professor der Physik in Marburg. Von Cassel aus fuhr er auf dem von ihm ersonnenen Beförderungsmittel die Fulda hinab, um England damit zu erreichen. Doch schon in Münden zerschlugen die neidischen Mitglieder der privilegierten Schiffergilde das Teufelsfahrzeug. Seit jenem unglückseligen Septembertage des Jahres 1707 verstrichen über 111 Jahre, bis der nächste Dampfer — er hieß »Herzog von Cambridge« — vom 9. bis zum 20. März 1819 die Fahrt von Bremen nach Münden machte; doch erwies sich die Maschine als zu schwach, das Fahrwasser als zu schwierig, und so wurden die Fahrten nicht fortgesetzt. Erst im Jahre 1843 fuhren wieder Dampfer auf der Oberweser, und seit 1844 unterhielt die »Vereinigte Weserdampfschiffahrtsgesellschaft« mit dem in Paris gebauten »Hermann« und dem bald folgenden »Wittekind« regelmäßige Fahrten. Die jetzige Personenschiffahrt betreibt zwischen Münden und Hameln die Wesermühlen-Aktiengesellschaft zu Hameln mit fünf stattlichen Schiffen, die im Jahre 1908 rund 112000 Passagiere befördert haben (im Jahre 1905 etwa 60000).

Abb. 73. Kapelle beim Armenhaus Wangelist (Hameln).Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite98.)

Abb. 73. Kapelle beim Armenhaus Wangelist (Hameln).Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite98.)

Von Münden bis Carlshafen.

Das Wesertal ist von Münden bis Carlshafen-Herstelle eng und wenig besiedelt. Der Strom fließt im Buntsandstein, einer alten Verwerfungsspalte dieses Gesteines folgend. Durch jahrtausendelanges Nagen hat sich das Flußbett derartig vertieft, daß die bewaldeten Höhen rechts und links — dort Blümer Berg (Abb. 16), Bramwald, Kiffing, hier Reinhardswald genannt — die Talsohle vielfach bis zu 230müberragen. Die Schichten dieser Berge fallen beiderseits nach der vom Strome abgewendeten Seite ein; die Wasserscheiden liegen nahe dem Fluß, die Hänge sind schroff, die Täler meist kurz und steil. Nur rechts sind Schede, Nieme und Schwülme größere Bäche, die, dem Hinterlande jener grünen Berge, nämlich der Senke zwischen Buntsandstein und Muschelkalk entsprungen, den letzteren in hübschen Tälchen durchnagt haben. Verzichten müssen wir auf die Aufzählung all der schmucken Dörfer, deren Jugend die Ankunft unseres Schiffes an und noch lieber in dem Wasser erwartet, während die überall zahlreich vorhandenen Gänse unter lautem Protestgeschnatter in vornehmem Zuge das Flußbett verlassen. Im allgemeinen bildet die Weser hier die Grenze zwischen Hannover und Hessen. Doch greift dieses auch aufs rechte Ufer über. Die Bevölkerung aber ist auf beiden Seiten niederdeutsch.

Abb. 74. Rinteln gegen den Taubenberg. Nach einer Photographie des dortigen Verschönerungs-Vereins. (Zu Seite99.)

Abb. 74. Rinteln gegen den Taubenberg. Nach einer Photographie des dortigen Verschönerungs-Vereins. (Zu Seite99.)

Links liegt der Flecken Veckerhagen (1500 Einwohner), der seine jetzt noch bestehende kleine Tonindustrie und die Fabrik von Casseler Braun (Umbra) ebenso wie die von 1666 bis 1903 betriebene Eisenhütte benachbarten tertiären Bodenschätzenverdankt. Das gegenüberliegende Hemeln ist aus einem alten karolingischen Reichshof hervorgegangen, der wie so oft unter einer alten Volksburg angelegt worden war. Den späteren Wohnsitz ihres adligen Gebieters werden wir in der Bramburg zu erkennen haben, deren Ruine rechts aus dem Walde düster emporragt; sie gehörte später den Herren von Stockhausen und wurde wegen deren Räubereien im fünfzehnten Jahrhundert zweimal von den braunschweigischen Landesherren zerstört. Die Domänen Hilwartshausen und Bursfelde sind ehemalige Klöster; letzteres liegt auf dem Geröllkegel der Nieme (Abb. 40u.41). Kirchengeschichtlich ist es bekannt als Ursprungsort der Bursfelder Kongregation, eines im fünfzehnten Jahrhundert gestifteten Verbandes von Benediktinerklöstern zur Erhaltung der kirchlichen Zucht, kunstgeschichtlich durch seine schöne im Jahre 1903 wieder hergestellte romanische Basilika. In dem erweiterten Tale beim Einfluß der Schwülme haben die Flecken Lippoldsberg (900 Einwohner) mit schönem alten Kloster und Bodenfelde mit kleinem Umschlagsplatz (vergl. Seite34) einige Bedeutung. Ein besonderes Interesse beanspruchen die Hugenottenkolonien Gottestreu und Gewissenruh. Sie sind ungefähr gleichzeitig mit Carlshafen um 1700 entstanden, als Landgraf Karl von Hessen die nach Aufhebung des Edikts von Nantes vertriebenen Glaubensgenossen der wirtschaftlichen Hebung seines Landes dienstbar zu machen suchte. In Gewissenruh wurden zwölf Familien angesiedelt, von denen jede einen Streifen Waldland zur Urbarmachung erhielt (vergl. Seite44). Französische Inschriften an den Häusern und dem kleinen Kirchlein[5], französische Familiennamen wie Jouvenal, Don, Héritier, Volle, Seguin (sprich: Zeckink) und einige schwarzäugige und dunkelhaarige Köpfe sind die einzigen Reste fremden Wesens in dem Dörflein (Abb. 42).

[5]1 Août 1799. Gen. XXVIII. V. 16. Certes, L'éternel est en ce lieu et ie nan sauoie rien.

[5]1 Août 1799. Gen. XXVIII. V. 16. Certes, L'éternel est en ce lieu et ie nan sauoie rien.

§. Abb. 75. Blick von der Bückeburger Chaussee in das Tal von Rinteln. (Zu Seite77.)

§. Abb. 75. Blick von der Bückeburger Chaussee in das Tal von Rinteln. (Zu Seite77.)

§. Abb. 76. Dankerser Mühle bei Rinteln. (Zu Seite77.)

§. Abb. 76. Dankerser Mühle bei Rinteln. (Zu Seite77.)

Abb. 77. Vlotho gegen den Amthausberg und das Wiehengebirge.Nach einer Photographie von Cramers Kunstanstalt in Dortmund. (Zu Seite100.)

Abb. 77. Vlotho gegen den Amthausberg und das Wiehengebirge.Nach einer Photographie von Cramers Kunstanstalt in Dortmund. (Zu Seite100.)

Carlshafen.

Noch mehr hat sich dieses in Carlshafen verwischt, obgleich hier noch bis 1825 von dem Pfarrer Guillaume Suchier französisch gepredigt worden ist. Carlshafen ist eine rein künstliche Gründung (Abb. 43). Freilich ist die geographische Lage am Einfluß des größten linken Nebenflusses in die Weser außerordentlich günstig und hat früh zwei Siedelungen veranlaßt. Weil aber der Baugrund an der Mündungsstelle selbst zu feucht war, ist die eine von ihnen 2kmim Diemeltale hinauf, die andere 2kmim Wesertale abwärts gerückt. Jene ist Helmarshausen (1300 Einwohner) mit der im Jahre 998 von dem frommen Freundespaar, Kaiser OttoIII.und Papst GregorV., gestifteten Benediktinerabtei, zu deren Schutze Erzbischof Engelbert von Köln 1220 die Krukenburg dort oben erbaute (Abb. 44); diese ist das von Karl dem Großen erbaute Herstelle, wo er den Winter 797/98 verbrachte und eine Kirche gründete. Herstelle war zu einem festen Lager und dauernden Stützpunkt seiner Regierung bestimmt; zeitweilig kam sogar die Errichtung eines Bistums in Frage. Jetzt ist Helmarshausen ein hauptsächlich von Steinbrucharbeitern und Zigarrenmachern bewohntes Städtchen, die Krukenburg die schönste Ruine des Wesergebiets, Herstelle ein westfälisches Dorf, überragt von einem Kloster und einem modernen Schloß. Mit der Erbauung von Carlshafen oder, wie es ursprünglich nach der alten Volksburg darüber (vergl. Seite57) genannt wurde, Sieburg, wurde am 29. September 1699 begonnen. Landgraf Karl wollte hier mit allen Mitteln des aufgeklärten Despotismus die Entstehung einer Handels- und Hafenstadt erzwingen; der Verkehr sollte den lästigen Mündener Stapel umgehen und auf der kanalisierten Diemel und Esse bis Hofgeismar und dann über Land nach Cassel gelenkt, der Kanal aber womöglich bis zur Lahn nach Marburg fortgeführt werden. Französische und deutsche Ansiedler erhielten billige Wohnungen und allerhand Vergünstigungen. Die Stadt bietet, aus der Vogelschau von den hessischen Klippen gesehen, das Bild vollendeter Symmetrie: in der Mitte der jetzt unbenutzte Hafen, daneben zwei stattliche Gebäude, dann gleiche Wohnblöcke, deren Häuser — außer den etwas größerenEckbauten — je fünf Fenster Front, zwei Stockwerke und einen einfenstrigen Dacherker haben. Die weitschauenden Pläne Karls versanken mit seinem Tode von selbst ins Nichts. Jetzt hat das 1900 Einwohner zählende Städtchen als Erwerbsquellen Stein-, Tonröhren- und Holzindustrie, dazu Zigarrenfabrikation und ein kleines Solbad; ein Invalidenhaus besteht noch seit den Tagen des edlen Landgrafen; auch lockt die entzückende Lage, neben der Mündens sicherlich die reizvollste im Wesertal, zahlreiche Sommerfrischler herbei.

Von den Landschaften an dem obersten Stück des Weserlaufs werden die links den Wanderer mehr anlocken. Rechts ist die Buntsandsteinzone schmal, und nur in ihr herrscht zusammenhängender Wald, so besonders im Bramwald (Totenberg 406m), dem man freilich stellenweise noch anmerkt, daß bis vor 40 Jahren 1700 Rinder, 7500 Schafe, 3200 Schweine und zahllose Gänse bei ihm zu Gaste gingen. Das hübsch an der Nieme gelegene Lewenhagen ist ein bescheidener Luftkurort. Das östlich dahinter liegende Dransfelder Höhenland, das meist dem Muschelkalk angehört, wird überragt von malerischen Basaltkuppen, wie dem aussichtreichen Hohen Hagen (506m) und dem Dransberg, deren Steinbrüche auch hauptsächlich den 1400 Einwohnern des alten, hochgelegenen Städtchens Dransfeld (Bahnhof 301m) Unterhalt gewähren (Abb. 45).


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