Wenn es wahr ist, daß alle Entwicklung zwar auch durch äußere Faktoren bedingt und bestimmt ist, aber doch in erster Linie unmittelbar von innen her erfolgt, so gilt dies nun ganz besonders für dieseelische Evolution. Dies folgt schon aus der Finalität der Psyche, aus derenGerichtetsein auf immer neu sich entfaltende Ziele. In unaufhörlicher Bewegung muß ein Seelenleben sein, desseninnerstes Triebwerkwirkliches Streben, wahre Tendenz, also „Wille“ im allgemeinsten Sinne des Wortes ist. Nur dieVerbindung von immanenter Teleologie und Voluntarismusist geeignet, uns die wachsende Zweckmäßigkeit des Psychischen ohne Berufung auf „transzendente“, von außen gesetzte Zwecke oder auf geheimnisvolle Zweckursachen verständlich zu machen. Gewiß sind nicht alle erzielten Resultate von Anfang an Objekt und Inhalt des Willens, gewiß weiß das Subjekt oft nichts oder nur wenig von dem, was es erzeugt und wozu es erwächst, aber wenn es auch wahr ist, daß nur eine Summation, ein fortlaufender Zusammenhang relativ selbständiger Zielstrebungen und Zwecksetzungen die endlich erreichten Zweckmäßigkeiten mit sich bringt, so ist es doch ebenso wahr, daß ohne diese Strebungen, in denen das Wesen des Subjekts, der Psyche zum Ausdruck gelangt, nichts von dem erreicht würde, was tatsächlich gewonnen wird. Mit außerordentlicher Genialität hat insbesondereLeibnizdieseSelbstentwicklungder Seele erfaßt und nur den Fehler begangen, die Seele als einfache Substanz, als Monade unter anderen Monaden zu fassen, statt sie als eine, eine Vielheit von „Elementen“ und Momenten einschließendeaktuale Organisationzu betrachten, wie wir es heute tun müssen. Es gibt eben nicht ein besonderes, qualitativ unbekanntes Wesen, Seele genannt, sondern die Seele istder einheitliche, sich von seinen ihn zur Erscheinung bringenden Momentenund Elementen selbst unterscheidende, abhebende Zusammenhang zielstrebiger Aktionen und Reaktionen, eine sich permanent setzende, durchsetzende, erhaltende, entfaltende „Subjekt-Einheit“ als das „Innensein“ dessen, was objektiv angesehen oder gedacht als physischer Organismus sich darstellt. Insofern diese Einheit aus sich heraus tätig, wirksam ist, Fähigkeiten zu verschiedenen Handlungen besitzt, ist sie im wahrsten Sinne des Wortes eine „Kraft“, während die objektiv-physischen Kräfte uns nur als gedankliche Ausgangspunkte von kausalen Relationen gegeben sind. Jede Seele ist ein sich selbst unmittelbar erfassendesAktionszentrum, nicht „substantiell“, sondern durch ihr Wirken und ihre Dispositionen dazu. Sie „wirkt“ aber dadurch, daß sie strebend, wollend, also auf Ziele „gerichtet“ ist;ihr Wirken ist also final bestimmt. So kann man die Seele als eine ArtApparat zur Verwirklichung von Zweckenansehen, freilich als einenlebendigen, aktiven, bewußten Apparat, nicht als einen bloßen Sitz oder ein Reservoir von Kräften.
Wir sehen aus dem Vorangehenden, wie notwendig dieteleologische Fundierung der Psychologieist. Es ist in der Tat ganz und gar unmöglich, die Gesetzlichkeit, die im Seelenleben waltet, zu verstehen, wenn man nicht denStrebungscharakterund damit die Finalität des Psychischen voll berücksichtigt. Die Zielstrebigkeit in ihren verschiedenen Abstufungen und Bewußtseinsgraden beherrscht dasgesamte Seelenleben, sie ist die Grundbedingung, dieUrvoraussetzungfür das Funktionieren desselben. Sie waltet im Wollen direkt, kommt im Gefühlsleben zum Ausdruck und durchsetzt auch dieintellektuellenProzesse, angefangen von der Empfindung und Sinneswahrnehmung bis hinauf zum Denken und Erkennen. Die Grundfunktionen des Bewußtseins und deren Wirkungen stehen alle, direkt oder indirekt, im Dienste der reaktiven Zielstrebigkeit oder der aktiven Zwecksetzung, handle es sich nun um das Gedächtnis, die Phantasie, die Abstraktion, die Übung, die Gewöhnung, die Ermüdung, die Aufmerksamkeit u. dgl. oder um die im Spiel, in der Kunst, im religiösen, sittlichen, sozialen Leben wirksamen Seelenfunktionen. Überall bestehen hierBedürfnisse, teils materialer, teils formaler Art, Tendenzen der psychischen Organisation und ihrer „Provinzen“, die triebhaft oder mittels des „Vernunftwillens“ zur Erfüllung drängen. Was oft als rein mechanische Reflextätigkeit oder als Resultat unbewußten Wissens und Planens erscheint, wie dieInstinkthandlung, ist das fixierte, durch Übung und Vererbung der psychischen Organisation fest einverleibteResultatvon zielstrebigen Reaktionen, die durch allmähliche Anpassungzu objektiv zweckmäßigen Erfolgen geführt haben. Man muß sich also vor zweierlei hüten: einerseits vor dem Fehler, da, wo schon triebhafte, impulsive, wenn auch sehr beschränkte, nur auf das Allernächste, auf die Entfernung unlustvoller und die Festhaltung lustvoller Reize gerichtete Zielstrebigkeit besteht, bloß das Resultat rein mechanisch-reflektorischer Vorgänge zu erblicken; anderseits aber auch vor dem ebenso gefährlichen Irrtum, einfach organisierten Lebewesen tierischer und pflanzlicher Art schon Denk- und Willensakte zuzuschreiben, die nur in einem komplizierten Bewußtsein möglich sind, die Fähigkeit aktiver Vergleichung, Abstraktion, Überlegung, Wahl voraussetzen oder auch durch eine große Zahl in Bereitschaft stehender Erfahrungen bedingt sind. Schon der Ausdruck „Zielstrebigkeit“ (bekanntlich vonK. E. v. Baereingeführt) ist cum grano salis zu verstehen, sonst kann er leicht Unheil anrichten. Es ist nicht so, als ob es an sich Ziele gäbe, die dem Lebewesen irgendwoher gesteckt sind und auf die es nun unbewußt oder bewußt zustrebt. Wir wissen wenigstens nichts davon, solange wir auf dem Boden der Empirie verbleiben und metaphysischen Theorien innerhalb der empirischen Forschung keinen Raum gönnen. Zielstrebigkeit ist für uns nichts anderes als einAusfluß des Lebens selbst; das Ziel ist dem Streben durchaus immanent, es ist durch das erlebende Subjekt selbst „gesetzt“, ist von ihm unabtrennbar. Dieses ist durch und durchWille zur Erhaltung, Durchsetzung, möglichst auch Steigerung und Entfaltung der eigenen Einheit, nicht aber ist es irgendwoher auf dieses Ziel eingestellt worden. Und alle die Zwecke, die von lebenden Subjekten angestrebt werden, sind nurKonsequenzen aus der primären Zielstrebigkeit, in allmählicher Entwicklung entfaltet und jeweilig modifiziert und modifizierbar durch das Milieu, in welchem das Subjekt lebt. Es muß dies wiederholt betont werden, damit die Gegner aller Teleologie einsehen lernen, daß von irgendwelchen „reaktionären“ Tendenzen in dieser Form der „Auto-Teleologie“ nicht im geringsten die Rede ist. Für eine große Strecke der Finalität ist jedwedes Vorauswissen zweckmäßiger Erfolge unbedingt ausgeschlossen, auch ist dieErreichungsolcher Erfolge keineswegs eindeutig bestimmt, nur zu oft finden Irrtümer statt, es bedarf oft einer großen Reihe von Erfahrungen, damit unter den in Bereitschaft stehenden Bedingungen dierichtigen Mittelzur Anwendung kommen. Die Kenntnis der richtigen Mittel zum Zweck ist vielfach erst das Produkt langer Entwicklung, die „Zufälligkeit der Mittel“ (Pauly) ist ein nicht genug zu beachtender Umstand, der für die neben der Zweckmäßigkeit stark hervortretende „Dysteleologie“ von hoher Bedeutungist.Zielstrebigkeit schließt also noch nicht die richtige Technik der Mittel ein, der Mangel einer solchen freilich nicht die Existenz einer Zielstrebigkeit aus.So sehen wir z. B. eine bestimmt geartete Individualität, einen bestimmt gerichteten Charakter zuweilen sich in der Wahl der diesem Charakter gemäßen Lebensbedingungen (Beruf usw.) vergreifen, weil er sich eben in seinem „dunklen Drange“ des „rechten Weges“nichtbewußt ist. Mit Recht ist gesagt worden, der Charakter eines Menschen sei dessen Schicksal. Das bedeutet psychologisch: der Grundwille, der das Wesen dieses bestimmten Subjekts ausmacht, leitet bewußt oder impulsiv dessen ganzes Tun und Lassen, wobei nicht auf die äußeren Verhältnisse und deren bestimmenden, teilweise auch zwingenden Einflüsse vergessen werden darf. Die Mittel aber, diesem Grundwillen Genüge zu tun, werden oft nicht richtig gewählt, weil Erfahrung oder Vernunfteinsicht nicht im rechten Maße vorhanden ist, so daß auch diese Faktoren das Geschick des Menschen bestimmen. Das „Dysteleologische“ ist, kurz gesagt, nicht bloß auf Rechnung äußerer Faktoren zu setzen, sondern es entspringt vielfach der Finalität, dem Teleologischen selbst, teils alsungewollter Nebenerfolg, teils infolge derBeschränktheit des Subjekts. An diese Dysteleologie ist in letzter Linie derKonfliktverschiedener oder gegensätzlicher Tendenzen und Zielstrebigkeiten, insbesondere zwischen verschiedenen Subjekten, schuld.
Wir haben bereits der verschiedenen Faktoren, welche an der Entwicklung des Seelenlebens beteiligt sind, Erwähnung getan. Nun erübrigt uns noch die zusammenfassende Darlegung des Wesens dieser Entwicklung.
Zunächst ist von einer Entwicklung der Psycheals Ganzeszu sprechen. Wir wissen, daß diese Entwicklung eine Entfaltung voninnenheraus ist. Damit wurde keineswegs bestritten, daß eine durchgängige Beeinflussung der Psyche durch das äußereMilieubesteht. Direkt und indirekt kommt dieser Einfluß zur Geltung und alle Seelenentwicklung steht, wenn sie auch innerlicher Art ist, zu jenem in Beziehung, paßt sich ihm nach Möglichkeit an und schmiegt sich den waltenden Verhältnissen an. Aber das Milieu wirkt auf die Psyche entsprechend der eigenen Natur dieser. Es wirkt als eine Summe vonReizen, welche in der psychischen OrganisationTendenzenwachruft, die zu bestimmt gerichtetenReaktionenführen, die wieder auf die psychische Organisationzurückwirken; dann erst kann auch die natürliche Auslese einsetzen, welche das Erhaltungsgemäße, Zweckmäßige begünstigt, indem sie zugleich das Untaugliche auszumerzen bestrebt ist. In jedem Falle aber ist die psychische Entwicklung „zielstrebig“, indem zum Wesen der Psyche die Tendenz zur Erhaltung und Durchsetzung der eigenen Einheit gehört, aus welcher Tendenz in Reaktion zu den äußeren Reizen die Entwicklung der Seele mit teleologischer und zugleich kausaler Notwendigkeit erfolgt. Je höher entwickelt die Seele ist, desto mehr wird die Reaktivität derselben zurAktivität, desto relativ unabhängiger wird sie vom Zwange des Milieu, desto mehr kann sie ihren ureigenen Tendenzen folgen, ihr Milieu selbsttätig modifizieren, einneues Milieu, einen neuen Wirkungskreis schaffen. Die gesamteKulturtätigkeitist nichts anderes als ein aktives Anpassen des Milieu an die Tendenzen, Bedürfnisse, Zwecke, Ideale der menschheitlichen Psyche.
In welcher Hinsicht können wir von der Psyche sagen, daß sie sich entwickelt?In extensiverundintensiv-qualitativerHinsicht, so aber, daß hier die Extension, das Quantitativesogleich auch qualitativen Charakter besitzt. Die psychische Entwicklung besteht zunächst darin, daß dieZahl der Erlebnissedes Subjekts wächst, daß derUmfang seines Bewußtseinsein immer größerer wird, sich auf eine immer größere Menge von Vorstellungen, Gefühlen usw. erstreckt. Das gilt sowohl vom Individuum als auch vom „Gesamtgeist“, von der „Kollektivseele“ eines Volkes, einer sozialen Gemeinschaft. Während das Individualsubjekt den Schatz seines Bewußtseins durch Erfahrung, Lernen, eigenes Denken vergrößert, entwickelt sich die Kollektivseele, als das Gemeinsame in einer Vielheit von Einzelseelen und zugleich als der durch Wechselwirkung bedingte einheitliche Zusammenhang dieser, durchAkkumulation von Kollektiverfahrungen und der Produkte des Gemeinschaftswirkensauf allen Gebieten geistiger Betätigung. Was beim Individuum die Vererbung bedeutet, das ist für die Kollektivseele, für den Gesamtgeist dieTradition, durch welche die folgenden Generationen von vornherein in eine Welt geistiger Werte gestellt sind, an die sie anknüpfen und die sie weiter verarbeiten können. Die Tradition stellt einen seelischen Zusammenhang in der Zeit dar, der trotz wiederholten scheinbaren Durchbruchs der geschichtlichen Kontinuität, trotz zeitweiligen Zurücktretens, Vergessenwerdens, Nichtbeachtetseins geistiger Werte zustande kommt. Die Tradition ist die sozialhistorische Art der Vererbung, die Vererbung eine Art Tradition. Das letztere ist ohne weiteres verständlich, wenn wir bedenken, daß freilich fertige Vorstellungen, Gedanken, Wertungen u. dgl. nicht vererbt werden können — weil für solche in der unentfalteten Psyche des Keimes gar kein Organ vorhanden ist, und aus anderen Ursachen — wohl aber psychischeAnlagenoder Dispositionen allgemeinster und auch spezieller Art. Vermöge solcher Anlagen, d. h. Tendenzen der primitiven Seelenorganisation zu bestimmt gerichteten Reaktionen und Aktionen, Tendenzen, die freilich erst durch Reize ausgelöst werden müssen, ist die Psychebesser ausgestattetals die früheren Generationen, sie kann sich extensiv und intensiv höher entwickeln, einen komplizierteren und feineren Habitus annehmen. Gewiß wird nicht alles und jegliches, was ein erlebendes Subjekt erlebt hat, vererbt werden. Die „direkte Vererbung erworbener Eigenschaften“ ist keineswegs durch die Neo-Darwinisten aus der SchuleWeismannswiderlegt, aber sie darf auch nicht ins Extreme gezogen werden. Vererbbar dürfte nur das sein, was infolgelang wiederholteroder sonstwienachhaltigerEindrücke die psychische Struktur erheblicher beeinflußt, modifiziert hat[40]. Insbesondere gehören hierher die Resultate psychischerÜbungnach irgendwelcher Richtung hin; diese Resultate bestehenin der größeren Leichtigkeit und Sicherheit bestimmter Funktionen, bestimmter Bewußtseinsakte oder Koordinationen solcher, die in den von den elterlichen Seelen sich abspaltenden, ablösenden „Seelenkeim“ eingehen, wobei man aber nicht an substantielle Wesenheiten und Modifikationen denken darf. Die Erlebnisse der Subjekte gehen nicht spurlos vorüber, sie wirken auf die psychische Organisation zurück und manches von diesen Wirkungen kommt in den Nachkommen scharf zum Ausdruck. Infolge bald des Zusammenwirkens, bald des einander Entgegenwirkens der Tendenzen väterlicher- und mütterlicherseits in der „Keimpsyche“, sowie des Einflusses äußerer Faktoren ist die psychische wie alle Vererbung natürlich etwas ungemein Kompliziertes, keineswegs etwas eindeutig Bestimmtes. Und da wir bei der Beurteilung dessen, was psychisch ererbt ist, den Einfluß der Nachahmung, Erziehung, des gleichen Milieu usw. nicht vergessen dürfen, so ist es kein Wunder, wenn wir über den Umfang der direkten Vererbung noch recht wenig wissen. Erfahrung und Logik sprechen aber für das Bestehen einer solchen, so sicher es auch ist, daß zur Erwerbung bestimmter psychischer (oder auch physischer) Eigenschaften schon gewissePrädispositionennötig sind....
Das extensive Wachstum psychischer Werte ist vonteleologischerBedeutung. Denn der größere Umfang von Vorstellungen usw. ermöglicht ein richtigeres, den mannigfachen Verhältnissen und Modifikationen des Daseins besser angepaßtes Verhalten des Subjekts. „Wissen ist Macht“. Die reicher ausgestattete Psyche verfügt über mehr Mittel zur Selbsterhaltung und Selbstförderung, sie ist dem Zwange von Raum und Zeit viel mehr entrückt, sie kann viel aktiver auftreten. Ohne einen gewissen Vorrat in Bereitschaft stehender Vorstellungen und Begriffe ist kein höheres Wollen, keine Überlegung, keine Planmäßigkeit des Handelns möglich. Teleologisch bedeutsam ist nun auch dasintensiveWachstum der Seele. Infolge der Übung ihrer Funktionen und infolge der daraus resultierenden Dispositionensteigert sich die psychische Energie intensiv, sie vermag bei gleichem oder geringerem Kraftaufwandemehr und Bessereszu leisten, kurz, sie gewinnt anZwecktüchtigkeit. Wir sehen denn auch in der individuellen wie in der kollektiven Evolution der Psyche die Leistungsfähigkeit dieser in vieler Beziehung durch die Vererbung der Übungsresultate sich steigern. Wir konstatieren vielfach eineSteigerungderBewußtheitdurch die Entwicklung, daneben freilich auch eineHerabsetzungder Bewußtheit gewisser Funktionen. Und auch dieses Zurücktreten der Bewußtheit ist zweckmäßig. Die „Abstumpfung“ durch Gewöhnung schützt vor derÜberzahl der die Psyche sonst leicht störenden, verwirrenden, zerrüttenden Reize, sie entlastet die Seele,erspart ihr Arbeit, ermöglicht eine um so stärkereKonzentrationin bestimmter Richtung, sie wirkt also entschiedenökonomisch. Zugleich werden durch die „Mechanisierung“ des Bewußtseins die Handlungensicherer, indem sie viel weniger dem Irrtume ausgesetzt sind. Daher die Treffsicherheit alles „Instinktiven“, die freilich nur für bestimmte, normale, typische Umstände gilt; soll das Seelenleben nicht erstarren, so muß eine Modifizierbarkeit auch der Instinkte möglich sein und tatsächlich besteht sie in großem Ausmaße. Die Verminderung der Bewußtheit ist keine absolute Verarmung des Seelenlebens, wofern sie eben die Anbildung neuer, höherer Bewußtseinsinhalte und die Steigerung der psychischen Energie mitbedingt und ermöglicht. In dem rechten Verhältnis zwischen Bewußtheitssteigerung und Bewußtheitsschwächung liegt das Maximum des für das erlebende Subjekt Zweckmäßigen; dem entspricht das rechte Verhältnis zwischen Trieb- und aktivem Willensleben.
Wundtspricht von einem „Wachstum geistiger Energie“[41]und wir müssen ebenfalls ein solches konstatieren. Zunächst sei bemerkt, daß damit dem Gesetz derErhaltung physischer Energiekein Abbruch getan wird. Denn es kann bei gleich bleibender Menge physischer Energie die Mannigfaltigkeit psychischer Qualitäten und Werte wachsen. Man muß ferner beachten, daß innerhalb gewisser Grenzen und Normen auch dieEnergie des Zentralnervensystems— natürlich auf Kosten anderer physikalisch-chemischer Energie im und außerhalb des Organismus — wächst, und zwar durch Ernährung und Übung. An die extensive und intensive Leistungsfähigkeit des Zentralnervensystems ist nun die Steigerung psychischer Energie im intensiven Sinne geknüpft, wie dies besondersJodlhervorgehoben hat („Wachstum organischer Energie“). Daß innerhalb eines Partialsystems der Vorrat verfügbarer Energie durch Aufnahme von außen und Akkumulation zunehmen kann, ist ja ohne weiteres begreiflich und mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie durchaus vereinbar; ebenso auch eine zeitweilige Abnahme an Nervenenergie. Während also ein Teil der Steigerung psychischer Leistungsfähigkeit — die durch ihre Wirkungen, den zu verarbeitenden geistigen Stoff, einigermaßen, wenn auch nicht im physikalisch-exakten Sinne meßbar ist — der Bereitschaft des ersparten Kraftaufwands und der durch die Übung erzielten besseren Richtung und Koordination der Energie zu verdanken ist, haben wir den andern Teil dem Wachstum des Innenseins dessen, was objektiv zerebrale Energie ist, zuzuschreiben. Der qualitativen und intensiven Steigerung dieserEnergie und ihres Organs entspricht das Wachstum der Intensität und der Mannigfaltigkeit von seelischen Werten in deren immer vollkommeneren, bewußteren einheitlichen Zusammenfassung. Hier erscheint — wie u. a.Münsterbergbetont — das Prinzip des psycho-physischen Parallelismus nirgends durchbrochen.
Das Wachstum geistiger Werte hängt, wie es wiederumWundtvortrefflich dargetan hat, mit der „schöpferischen Synthese“ zusammen, die das Bewußtseinswirken charakterisiert; es ist ein Prinzip, welches besagt, „daß die psychischen Elemente durch ihre kausalen Wechselwirkungen und Folgewirkungen Verbindungen erzeugen, die zwar aus ihren Komponenten psychologisch erklärt werden können, gleichwohl aber neue qualitative Eigenschaften besitzen, die in den Elementen nicht enthalten waren, wobei namentlich auch an diese neuen Eigenschaften eigentümliche, in den Elementen nicht vorgebildete Wertbestimmungen geknüpft werden“ (Philos. Studien X, 112f.). Es besteht eine Art „psychische Chemie“, vermöge deren eine Gesamtvorstellung, ein Gesamtgefühl usw. mehr ist als die bloße Summe der Elemente, in welche sich diese psychischen Gebilde zerlegen lassen. Im Verlaufe der individuellen und generellen Entwicklung entstehen so immer neue psychische Qualitäten und Werte, die wohl in den vorangehenden ihren zureichenden Grund haben, aber nicht restlos aus deren Zusammen zu erklären sind. Das Äquivalenzprinzip, welches auf dem Gebiete des Psychischen überall gilt, hat hier überall da, wo es sich um reinQualitativeshandelt, keine Bedeutung. Was diesem Prinzip schöpferischer Energie in der Natur einigermaßen entspricht, das ist die immer neue Entstehung vonFormen, insbesondere von organischen Gestaltungen, die auch nicht restlos auf die Summation von Elementen zurückzuführen sind. Die psychische Synthese ist abernicht ein selbständiges Zusammentreten von Bewußtseinselementen, sondern ein Auftreten neuer Bewußtseinsmodifikationen auf Grundlage des Zusammenhanges anderer, also eine ArtReaktion des erlebenden Subjekts auf seine eigenen Erlebnisse, welche das Material zu neuen Gestaltungen und Gliederungen darbieten; das Subjekt bereichert sich so aus und in sich selbst, esentfaltetundsteigertsich in und an seinen eigenen Zuständen, Aktionen und Gebilden[42].
Doch gibt es im seelischen Leben auch ein Analogon zur Erhaltung der Energie im Sinne des Äquivalenzprinzips, also so etwas wie eineErhaltung psychischer Energie[43]. Nämlich als Parallele zu dem intrazerebralen Verhältnis der Energien, welches derart ist, daß mit der erhöhten Energie bestimmter Partien oder Funktionen die entsprechende Verminderungder Energie anderer Partien oder Funktionen verbunden sein wird. Wir sehen in der Tat, wie eine Konzentration der Aufmerksamkeit für bestimmte Inhalte eine Schwächung der psychischen Energie für andere Inhalte bedingt, wie ferner die Steigerung gewisser Funktionen, wenn sie einseitig erfolgt, die Schwächung anderer zum Korrelat hat, kurz, wie das Zuströmen psychischer Energie nach einer bestimmten Richtung ein Abfließen solcher Energie von anderen Richtungen mit sich bringt. Die Begrenztheit der einem Subjekt zur Verfügung stehenden psychischen Leistungsfähigkeit hat diese Art von „Energie des Bewußtseins“ zur Folge. Daß damit ein Wachstum seelischer Werte durchaus vereinbar ist, liegt auf der Hand. Selbsterhaltung und Selbstentfaltung gehören beide zusammen zum Wesen der psychischen Organisation, welche eineErhaltung in der Entwicklungaufweist. Und diese Entwicklung ist eineschöpferische(„évolution créatrice“, wieBergsonsich ausdrückt), dabei aber gesetzmäßige, denn sie istdas Gesetz des Seelischen selbst, der Ausdruck des konstanten, unverlierbaren Wesens der Subjektivität. Die Seele „wächst“so von innen heraus, durch eine Art Entfaltung; sie differenziert sich selbsttätig oder in Reaktion auf die Reize der Umwelt, niemals aber kommt etwas direkt von außen in sie hinein, da psychische Modifikationen nicht direkt übertragbar sind, nicht in der Luft schweben können, nur als Modi eines Subjekts Sinn und Existenz haben. Insofern hatLeibnizdurchaus recht, wenn er sagt, die Seele (Monade) habe keine „Fenster“. Sie „spiegelt“ das Universum, konzentriert wie in einem Focus die von der Umwelt erlittenen Eindrücke, aber in derihrgemäßen Weise, in Bewußtseinszuständen, welche zu den objektiven Momenten in Korrelation stehen, aber mit ihnen nicht identisch sind und ihnen auch nicht qualitativ gleichen.
Von einerErhaltungdes Psychischen ist auch insofern zu reden, als Psychisches weder neu entstehen noch in nichts vergehen kann. Wir müssen die Ewigkeit des Psychischen als Prinzip, als eines Wirklichkeitsfaktors im allgemeinen statuieren. Erstens, weil es das „Innensein“ der Dinge ist, also ein Konstituens des Seins als solchen, und wir den Gedanken einer Entstehung oder Vernichtung des Seins logisch nicht zu konzipieren und durchzuführen vermögen. Zweitens weil das Psychische aus dem Physischen nicht hervorgegangen sein kann, was aus methodologisch-erkenntniskritischen Gründen anzunehmen ist. Ebenso, wie die physische Energie sich im beständigen Wandel der verschiedenen Energieformen ineinander konstant erhält, so bleibt auch das Psychische als solches bestehen, wenn auch dieFormen, in denen es jeweilig auftritt, beständig wechseln.Diese Formen sind äußerst mannigfaltig, keine gleicht der andern völlig, schon durch die wenigstens um ein Differenzial abweichende Stellung jedes Subjekts zur Umwelt müssen die Erlebnisse etwas anders ausfallen, abgesehen von den Komplikationen usw. Doch lassen sich psychische Formen, welche wesentlich miteinander übereinstimmen, zuTypenvereinigen und diese wieder obersten Formen des psychischen Seins unterordnen. Die Art und der Grad des Bewußtseins und des Wollens ist für sie charakteristisch. Es findet eine Entwicklung von niederen, einfacheren, weniger reichen und klaren zu höheren, differenzierteren, klareren, umfassenderen Bewußtseinsformen statt, mit welchen partiell wieder ein Herabsteigen zu niederen, einfacheren Bewußtheitsgraden verbunden ist. Zugleich ist bei den niederen Bewußtseinsformen zwar ein dumpfes „Subjektgefühl“ als vorhanden anzunehmen, nicht aber schon die Existenz eines reflektierten Selbstbewußtseins, ein Bewußtsein des eigenen Ichs in scharfer Abhebung von dessen Erlebnissen und ihren Inhalten, sowie ein Bewußtsein des eigenen Bewußtseins als solchen, welches wir eben als Reflexion, als Wissen, als Selbstbewußtsein im höheren Sinne bezeichnen. Zwar hat es keinen Sinn, vonabsolut unbewußtenpsychischen Prozessen zu reden, denn psychisch und bewußt sind eins; wohl aber gibt esrelativ unbewußteVorgänge, d. h. solche, die nicht gesondert, sondern nur als ununterscheidbare Bestandteile eines übergeordneten, allgemeineren Bewußtseinszusammenhanges auftreten, die also „unterbewußt“ sind[44]. Von den bewußten Vorgängen sind aber keineswegs alle auch als solchegewußt, d. h. beachtet und als Bewußtseinsakte auf das Subjekt als dessen Manifestationen bezogen. Das als solches gewußte, dasreflektierteBewußtsein ist eine höhere Stufe des psychischen Lebens, einBewußtsein höherer Ordnung, ein potenziertes oder ein auf sich selber sich zurückbiegendes Bewußtsein, welches schon hohe Erinnerungs-, Apperzeptions- und Abstraktionsfähigkeit voraussetzt. Seine relativ höchste Stufe erreicht dieses Bewußtsein im begrifflichen Wissen und in den Urteilen der Psychologie, in der methodisch sicheren und klaren Beurteilung des seelischen Erlebens, in der Analyse und Synthese dessen, was sonst in der Regel nicht Gegenstand, nur Funktion des erlebenden Subjekts ist. Zu diesem Wissen gehört nicht bloß die Bewußtheit des eigenen Vorstellens und Denkens, sondern auch das Wissen um das eigene Wollen und Zwecksetzen, welches dadurch dem impulsiven Triebleben scharf gegenübertritt.
In innigster Verkettung und Durchdringung spielen sich in der entwickelten Seele gewußte und einfach bewußte, unterbewußte und relativ unbewußte Vorgänge ab, einander wechselseitigbeeinflussend. Bedeutsam ist hierbei die Rolle desminder Bewußten. Es macht einen wesentlichen Teil unserer Triebfedern und Motive aus, es ist mitbestimmend für die Richtung unseres Handelns, es gibt unserer Psyche die eigenartige, scheinbar grundlos wechselnde „Stimmung“, die sich über alles ergießt, was wir erleben. Die scheinbar geringfügigsten Eindrücke, die wir gar nicht bemerken, die aber nichtsdestoweniger in uns wirken, indem sie von unserer Umwelt ausgehen, kommen für die Richtung, die Lebhaftigkeit, die Geschwindigkeit, die Frische, den Gefühlston usw. unserer psychischen Reaktionen in Betracht; dazu gehören auch dieorganischen Empfindungen, die von unserem eigenen Leibe ausgehen und durch ihren Gefühlston das übrige Seelenleben beeinflussen[45], ferner die Empfindungen, die durch die Bewegung und Haltung unseres Körpers ausgelöst werden. Bedeutsam sind insbesondere auch die unterbewußtenNachwirkungenvon Erlebnissen, welche kürzere oder längere Zeit in der Seele nachklingen, bis ein bestimmtes Erlebnis, welches zuerst die Seele in einer gewissen Spannung erhielt, sich ausgelebt hat; hierbei kommt es oft entweder zu einem Zusammenwirken zweier oder mehrerer Erlebnisse zu einer verstärkten Resultante, oder aber zu einer Interferenz und Opposition solcher Erlebnisse. Jedenfalls kann man mit Recht vonpsychischen Wellenzügen und Strömungensprechen, von einem psychischen Anklingen und Abklingen u. dgl.[46]. Dieganze Vergangenheitder Psyche ist für das jedesmalige neue Erleben in verschiedenem Grade bedeutsam, für ihr Erkennen wie für ihr Fühlen und Wollen. Das, was die Seele reaktiv und aktiv erlebt, durchgemacht hat, das ist sie, das bildet einen wesentlichenTeil ihres Seins; wie sie ist, so wirkt sie, und wie sie wirkt, so ist sie. Das Zentrum, der relativ konstante Kern der Seele, das sind dieDispositionen, die in Form von Gewohnheiten, Fertigkeiten, Neigungen auftreten und die, aus früheren Erlebnissen hervorgegangen, die neuen Erlebnisse formal mitbedingen. Weil diese Dispositionen in der Regel nicht zu klarem Bewußtsein gelangen, weil das „Unterbewußte“ mit seinen Antrieben das ganze Seelenleben trägt und durchsetzt, aus einem stetig wachsenden Ressort aufsteigend, kennt sich das Subjekt nur wenig, wenn es bloß seine klar bewußten Erlebnisse in Betracht zieht. Nur ein Teil der psychischen Vorgänge ist aus klar bewußten Erlebnissen (und auch da nicht restlos) abzuleiten. Wo dies nicht gelingt, ist das Prinzip der Kausalitätkeineswegs durchbrochen, es gibt auch keine absolut „freisteigenden“ Vorstellungen, absolut unbewußte Assoziationen u. dgl., sondern es besteht einminderbewußter, relativ unbewußter Untergrundund es gibt unterbewußte Vermittlervon Bewußtseinsprozessen und deren Verbindungen. Eine scharfe psychologische Analyse kann nachträglich solche Zwischenglieder ermitteln, und wir können wohl annehmen, daß sie auch dann vorhanden sind, wenn wir sie nicht zu unterscheiden vermögen.
DifferenzierungundIntegrierungcharakterisieren wie alle Entwicklung so auch die psychische Evolution. Das gilt wie für die Psyche als Ganzes so auch für deren Einzelerlebnisse, phylo- wie ontogenetisch. Ein dumpfes, verworrenes, chaotisches Bewußtsein ist der Ausgangspunkt dieser Entwicklung, die ihren idealen Höhepunkt in der klarsten und umfassendsten Synthese („Integration“) einer reichsten Mannigfaltigkeit scharf unterschiedener („differenzierter“) Inhalte des Bewußtseins erreicht. Ein gutes Beispiel dafür ist das Hervorgehen der mannigfachenSinneaus einem primitiven Hautsinn, der noch kaum lokalisiert ist. Durch Anpassung an die verschiedenen physikalisch-chemischen Reize verändert und verfeinert sich die psychophysische Organisation dahin, daß nun für jeden Typus des Reizes eine besondere Art des Empfindens besteht, die infolge der Arbeitsteilung auch schärfer ausgeprägt ist. Diese Mannigfaltigkeit von Empfindungsarten vermag das entwickelte Bewußtsein dadurch zu „integrieren“, daß es sie in immer klareren und deutlicheren Vorstellungen zusammenfaßt. Im gleichen Sinne entwickeln sich dann auch die gedanklichen Gebilde, Begriffe und Urteile, indem sie einerseits immer spezieller und bestimmter werden, anderseits immer zweckmäßiger zur Einheit des Denkens und Erkennens zusammengefaßt werden. Die Fähigkeit der Synthese entwickelt, steigert sich parallel damit und zwar in bestimmter „Gesetzlichkeit“, aus welcher die „apriorischen“ Erkenntniskonstanten, die „Formen“ der Erkenntnis entspringen; die Genesis dieser ist also keineswegs, wie man zuweilen geglaubt hat (Spenceru. a.) mit einem empirischen Charakter derselben identisch, was hier nur nebenbei bemerkt sei[47]. Ebenso differenziert und integriert sich dasGefühlsleben, immer speziellere und feinere Gefühlsnuancen verdrängen das anfangs noch arme, rohe Gefühlsleben, zugleich schwächt sich teilweise die ursprüngliche Heftigkeit der Affekte ab. Endlich tritt das ursprünglich äußerst einfache, armeTrieblebenin eine Mannigfaltigkeit von Willenstendenzen auseinander, welche die verschiedensten Richtungen haben und doch immer mehr zur Einheit eines obersten „Grundwillens“ verbunden werden. Während also die niedrigste Bewußtseinsstufe ein höchst einfaches, durch einzelne Reize unstetig ausgelöstes, des inneren Zusammenhanges noch entbehrendes „Momentanbewußtsein“ sein muß, finden wir auf den höchsten Stufen der Entwicklung eine allseitige Differenzierung, eine außerordentliche Fülle von Qualitäten, verbundenmit einer „zentralisierten Organisation“ des Seelischen; an Stelle bloßer Gefühls- und Strebungseinheit tritt die synthetische Einheit des wollenden und denkenden, sich in der Mannigfaltigkeit seiner Inhalte konstant zusammenschließenden Selbstbewußtseins.
Differenzierung und Integrierung sind auch für das Verhältnis desEinzelgeisteszumGesamtbewußtseincharakteristisch[48]. Ein isolierter, absolut selbständiger Individualgeist ist nirgends zu finden, von Anfang an bildet das Einzelbewußtsein ein Glied eines Zusammenhanges, der durch dieWechselwirkung gleich gearteter Individuenentsteht und sogleich auf die letzteren zurückwirkt. Erstinnerhalbdes sozialpsychischen Verbandes erfolgt die immer weiter gehende Differenzierung der Individualseelen bzw. bestimmter Gruppen von solchen, eine Differenzierung, die so weit gehen kann, daß einGegensatzzum Gesamtgeist entsteht. Aber diese psychische Differenzierung, die durch die Verschiedenheit der Lebensweise, des Berufes, des Milieu, der Erlebnisse usw. erfolgt, ist von einer Integrierung begleitet, indem der gleiche Beruf usw. einen gemeinsamen Berufs- und Korpsgeist erzeugt. Auf die Abtrennung der Individualitäten vom Gesamtbewußtsein folgt eine neue Bindung durch das letztere, einGesamtbewußtsein höherer Stufemit wachsender Bewußtheit des Zusammenhanges, mit Überwiegen des willentlichen Aneinanderschließens und Kooperierens vor dem zuerst rein triebmäßigen Zusammengehörigkeitsgefühl. Auf die, wieTönniessagt, vom „Wesenwillen“ beherrschte naturhafte „Gemeinschaft“ folgt die durch mehr äußere Interessen und durch „Willkür“ bedingte „Gesellschaft“, der aber, fügen wir hinzu, sich allmählich weitergreifend und verinnerlichend, eine von einemneuen Wesenwillenbeherrschte,kulturelle Gemeinschaftim Denken, Fühlen, Wollen und Handeln sich überlagert. Zwischen Gesamt- und Einzelbewußtsein findet eine beständigeWechselwirkungstatt. Einerseits wächst das Einzel-Ich in eine ihm als objektive Macht von Anfang an gegenüberstehende Gesamtheit hinein, durch deren Tendenzen es mehr oder weniger beeinflußt wird, abgesehen von dem Niederschlage kollektiv-psychischen Lebens, welches in Form von Dispositionen vom Individuum ererbt wird; der Gesamtgeist wirkt durch Erziehung, Zwang der Sitte, Nachahmung u. dgl. auf das Individualbewußtsein, in dem er schon partiell der Potenz nach enthalten ist, ein. Die aus dem „Gesamtgeist“ differenzierten „Individualseelen“ modifizieren ihrerseits den Gesamtgeist fortwährend, besonders die „führenden Geister“, welche einerseits der klarste und kräftigste Ausdruck von Tendenzen und Idealen des Gesamtgeistes, anderseits die relativ originellen Neugestalter des Gesamtgeistes sind. Endlich stehen die Gebildedes Gesamtgeistes: Recht, Wirtschaft, Religion usw. in Wechselwirkung miteinander, und zugleich besteht eine Entwicklung innerhalb jedes dieser Gebilde[49]....
Die Entwicklung der Einzel- wie der Gesamtpsyche ist eine „gesetzliche“. Freilich kann hier nicht von Gesetzen im Sinne der Physik, sondern eben nur vonEntwicklungsgesetzen, die hier den Charaktertypischer Sukzessionenhaben, denen die kausal-teleologische Wirksamkeit des Psychischen zugrunde liegt, die Rede sein. Differenzierung und Integrierung, Auseinandertreten des relativ homogenen Erlebens in eine Mannigfaltigkeit gesonderter Bewußtseinsvorgänge und darauf folgende Zusammenfassung zu einheitlichem Zusammenhange — das ist etwas, was die psychische mit der biologischen Entwicklung gemein hat. Ebenso finden wir das Prinzip der „Heterogonie der Zwecke“ schon in der biologischen Sphäre, wo es freilich schon mit psychischen Faktoren zusammenhängt. Charakteristisch für das Psychische ist vor allem dieEntwicklung in Gegensätzen, welche vomKontrastprinzipbeherrscht wird und mit der Natur des Gefühls- und Willenlebens zusammenhängt. Dadurch nämlich, daß sich Gefühle und Strebungen zu höchster Stärke und Wirkung ausleben, findet eine Übersättigung und Abstumpfung der Psyche statt, die nun, des Alten überdrüssig, nach Neuem, nach Veränderung ihres Zustandes strebt. Da nun das Bewußtsein des Neuen vorzüglich durch die gegensätzlichen Strebungen, die infolge des Nachlassens der älteren an Kraft gewinnen, konstituiert wird, so ist der Umschlag der Tendenzen ins gerade Gegenteil, der Übergang von einemExtremzum andern leicht verständlich[50]. Besonders zeigt sich eine solche Entwicklung imgeschichtlichenGeistesleben, im Wechsel z. B. von Moden, von künstlerischen Richtungen, von politischen oder religiösen Strömungen. Die Gegensätze folgen einander nicht bloß in der Zeit, sondern auch in einer und derselben Periode ruft das eine Extrem leicht das andere, gegensätzliche hervor, so daß z. B. nüchternste Wirklichkeitsbetrachtung auf der einen Seite mit Mystik und Aberglauben auf der andern in derselben Zeit zusammengehen können. Indem zur Thesis sich sogleich die Antithesis gesellt, fehlt es freilich auch fast nie an einer „mittleren Linie“ der Geistesstimmung, an der Synthese von Extremen, bald in eklektischer Weise, bald aber auch in organischer, schöpferischer Form, die sich dann weiter entwickelt und, wenigstens als Tendenz, den Extremen Konkurrenz macht, wie dies besonders das Beispiel philosophischer Systeme oder Theorien lehrt. Da die Synthese nie absolut, nie vollendet ist, da in den synthetischen Versuchen immer wieder neue Einseitigkeiten vorkommen, kommt das Geistesleben nie zur Ruhe,sondern mit einer gewissenPeriodizitätkommen die gleichartigen Tendenzen immer wieder, um freilich immer neue Modifikationen psychischer Gebilde zu erzeugen. Selbsterhaltung im Wechsel hier wie überall! Jene Tendenzen, welche zu ihrer Zeit durch andere verdrängt wurden, kommen wieder auf, wenn die Verhältnisse günstiger geworden, und dies wiederholt sich so lange,bis alle Potenzen der Psyche zur Entfaltung gekommen, bis alles in ihr Angelegte sich verwirklicht hat, bis alle Willensrichtungen und Ideen sich „ausgelebt“ haben. Beharrungs- und Veränderungstendenz wirken hierbei stets zusammen, indem bald mehr die eine, bald mehr die andere überwiegt.
1Den Aktualitätsstandpunkt nehmen ein:Spinoza,Hume,Fichte,Schopenhauer,Fechner,Paulsen,Wundt,Joël,J. St. Mill,Spencer,Höffding,Jodl,Jerusalem,Mach,Fouillée,Bergson,Luquetu. a. NachWundtist das geistige Leben „nicht eine Verbindung unveränderter Objekte und wechselnder Zustände, sondern in allen seinen Bestandteilen Ereignis, nicht ruhendes Sein, sondern Tätigkeit, nicht Stillstand, sondern Entwicklung“ (Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele2[C], S. 495). Die innere Erfahrung ist „ein Zusammenhang von Vorgängen“ (Grundriß der Psychol.).2Vgl. meine Schrift „Leib und Seele“, Leipzig 1906.3Die reine Zeitlichkeit des psychischen Geschehens, die Stetigkeit desselben, das wir erst zu einer Summe von Elementen veräußerlichen, betont neuerdingsH. Bergson.4Vgl.Lachelier, Psychologie und Metaphysik;Busse, Geist und Körper, u. a.5SoHuxley,Ribotu. a.6Vgl. die Kritik der Epiphänomen-Theorie beiFouillée, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen, Leipzig 1907;Busse, Geist und Körper.7Vgl.Wundt, Grundriß der Psychol.5, S. 3ff.8Vgl.L. W. Stern, Person und Sache I.9Eine parallelistische Identitätslehre vertreten in verschiedener Weise:Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung 1, § 18ff.;Fechner, Zend-Avesta II, 164f.; I, 252f.; Über die Seelenfrage, S. 9ff., 110ff., 220f.;Paulsen, Einleit. in die Philosophie, S. 115;Ebbinghaus, Grundz. der Psychologie I, 42f.;Heymans, Einführung in die Metaphysik, S. 227ff.;Ziehen, Über die allgem. Beziehungen zwischen Gehirn und Seelenleben, 1902;Wundt, Grundriß der Psychol.5, S. 2ff.; Grundzüge der physiolog. Psychologie, II4, 648;B. Kern, Das Wesen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens, 2;Höffding, Psychologie 2, C. 2;Riehl, Der philos. Kritizismus II 1, 63;Grot, Archiv f. systemat. Philos. IV;Spencer, Princ. of Psychol. I3, p. 107ff., 627;Fouillée, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen, S. 37 u. a.;Koenig, Zeitschr. f. Philosophie und philos. Kritik, Bd. 115;Paulsen, Zeitschr. f. Philosophie, Bd. 115;Heymans, Zeitschr. für Psychol. und Physiol. der Sinnesorgane, 18. Bd. 1898;Münsterberg, Grundzüge der Psychologie I, 435, 492;Riehl, Zur Einführung in die Philos. S. 156ff.;Jodl, Lehrb. d. Psychol. C. 2, § 24;Eisler, Leib und Seele, 1906;B. Erdmann, Wissensch. Hypothesen über Leib und Seele, 1908; Experimentelle Arbeiten zur Bestätigung des Energieprinzips im Organismus;Rubner, Die Quelle der tierischen Wärme, Zeitschrift für Biologie, Bd. 30, 1894;Atwater, Neue Versuche über Stoff-und Kraftwechsel im menschlichen Körper, Ergebnisse der Physiologie, Bd. III,1, 1904.Gegenden Parallel. vgl.Busse,Höfler,Wentscher,Erhardt,Bergsonu. a.10Vgl. meine Schrift „Leib und Seele“, sowie meine Abhandlung „Die Theorie des Panpsychismus“, in: Zeitschr. f. d. Ausbau der Entwicklungswissenschaft I, H. 8.11Vgl.B. Kern, Das Wesen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens, 1907.12Über den Begriff der Seele vgl.Fechner, Über die Seelenfrage, S. 9, 210ff.; Zend-Avesta I, S. XIX; II, 148;Wundt, Logik II 2, 2, S. 245ff.; Grundriß der Psychol.5, S. 386; Grundzüge der physiol. Psychol. II4, 633ff.; System d. Philos.2, S. 372ff., 606;Jodl, Lehrbuch d. Psychol. S. 31;Paulsen, Einleitung in die Philos.2, S. 136,Höffding, Psychol.2, S. 16ff.;Ebbinghaus, Grundzüge der Psychologie I, 17f.;Fouillée, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen;P. Carus, Soul of Man, S. 419, u. a. Die Seele als Subjekt-Einheit;Sigwart, Logik II 2, 207f.;A. Vannérus, Archiv f. systemat. Philos. I, 1895, S. 363ff. Die Seele als Substanz:L. Busse, Geist und Körper, S. 324ff. Vgl.W. James, Princ. of Psychol. I, 160ff., 342ff., u. a.
1Den Aktualitätsstandpunkt nehmen ein:Spinoza,Hume,Fichte,Schopenhauer,Fechner,Paulsen,Wundt,Joël,J. St. Mill,Spencer,Höffding,Jodl,Jerusalem,Mach,Fouillée,Bergson,Luquetu. a. NachWundtist das geistige Leben „nicht eine Verbindung unveränderter Objekte und wechselnder Zustände, sondern in allen seinen Bestandteilen Ereignis, nicht ruhendes Sein, sondern Tätigkeit, nicht Stillstand, sondern Entwicklung“ (Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele2[C], S. 495). Die innere Erfahrung ist „ein Zusammenhang von Vorgängen“ (Grundriß der Psychol.).
2Vgl. meine Schrift „Leib und Seele“, Leipzig 1906.
3Die reine Zeitlichkeit des psychischen Geschehens, die Stetigkeit desselben, das wir erst zu einer Summe von Elementen veräußerlichen, betont neuerdingsH. Bergson.
4Vgl.Lachelier, Psychologie und Metaphysik;Busse, Geist und Körper, u. a.
5SoHuxley,Ribotu. a.
6Vgl. die Kritik der Epiphänomen-Theorie beiFouillée, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen, Leipzig 1907;Busse, Geist und Körper.
7Vgl.Wundt, Grundriß der Psychol.5, S. 3ff.
8Vgl.L. W. Stern, Person und Sache I.
9Eine parallelistische Identitätslehre vertreten in verschiedener Weise:Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung 1, § 18ff.;Fechner, Zend-Avesta II, 164f.; I, 252f.; Über die Seelenfrage, S. 9ff., 110ff., 220f.;Paulsen, Einleit. in die Philosophie, S. 115;Ebbinghaus, Grundz. der Psychologie I, 42f.;Heymans, Einführung in die Metaphysik, S. 227ff.;Ziehen, Über die allgem. Beziehungen zwischen Gehirn und Seelenleben, 1902;Wundt, Grundriß der Psychol.5, S. 2ff.; Grundzüge der physiolog. Psychologie, II4, 648;B. Kern, Das Wesen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens, 2;Höffding, Psychologie 2, C. 2;Riehl, Der philos. Kritizismus II 1, 63;Grot, Archiv f. systemat. Philos. IV;Spencer, Princ. of Psychol. I3, p. 107ff., 627;Fouillée, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen, S. 37 u. a.;Koenig, Zeitschr. f. Philosophie und philos. Kritik, Bd. 115;Paulsen, Zeitschr. f. Philosophie, Bd. 115;Heymans, Zeitschr. für Psychol. und Physiol. der Sinnesorgane, 18. Bd. 1898;Münsterberg, Grundzüge der Psychologie I, 435, 492;Riehl, Zur Einführung in die Philos. S. 156ff.;Jodl, Lehrb. d. Psychol. C. 2, § 24;Eisler, Leib und Seele, 1906;B. Erdmann, Wissensch. Hypothesen über Leib und Seele, 1908; Experimentelle Arbeiten zur Bestätigung des Energieprinzips im Organismus;Rubner, Die Quelle der tierischen Wärme, Zeitschrift für Biologie, Bd. 30, 1894;Atwater, Neue Versuche über Stoff-und Kraftwechsel im menschlichen Körper, Ergebnisse der Physiologie, Bd. III,1, 1904.Gegenden Parallel. vgl.Busse,Höfler,Wentscher,Erhardt,Bergsonu. a.
10Vgl. meine Schrift „Leib und Seele“, sowie meine Abhandlung „Die Theorie des Panpsychismus“, in: Zeitschr. f. d. Ausbau der Entwicklungswissenschaft I, H. 8.
11Vgl.B. Kern, Das Wesen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens, 1907.
12Über den Begriff der Seele vgl.Fechner, Über die Seelenfrage, S. 9, 210ff.; Zend-Avesta I, S. XIX; II, 148;Wundt, Logik II 2, 2, S. 245ff.; Grundriß der Psychol.5, S. 386; Grundzüge der physiol. Psychol. II4, 633ff.; System d. Philos.2, S. 372ff., 606;Jodl, Lehrbuch d. Psychol. S. 31;Paulsen, Einleitung in die Philos.2, S. 136,Höffding, Psychol.2, S. 16ff.;Ebbinghaus, Grundzüge der Psychologie I, 17f.;Fouillée, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen;P. Carus, Soul of Man, S. 419, u. a. Die Seele als Subjekt-Einheit;Sigwart, Logik II 2, 207f.;A. Vannérus, Archiv f. systemat. Philos. I, 1895, S. 363ff. Die Seele als Substanz:L. Busse, Geist und Körper, S. 324ff. Vgl.W. James, Princ. of Psychol. I, 160ff., 342ff., u. a.