S. 48.„Dies ist meine Frau“, sagte Majull zu Ina.
S. 48.
„Dies ist meine Frau“, sagte Majull zu Ina.
Klaschimba, eine noch junge hübsche Frau, glitt anmutig vom Pferde. Sie näherte sich ohne Scheu der weißen Frau und zeigte ihr das Armband an ihrem Arm. Majull hatte ihr so viel Gutes von der Frau erzählt, daß sie ihr mit vollem Vertrauen entgegentrat. Sie bedankte sich aber nicht. Das verstand sie nicht. Sie war nicht in der Schule gewesen wie Majull, der das Dankesagen gelernt hatte. Das heißt nun aber nicht, daß Klaschimba kein Gefühl der Dankbarkeit in ihrem Herzen hatte. Sie sprach es nach Indianerart nur nicht aus, daß sie dankbar war, sie zeigte es aber der weißen Frau durch ihren Besuch. Ina empfand das und freute sich. Sie lud die beiden ein, ehe Majull zu den Pferden gehe, ins Haus zu kommen und eine Tasse Kaffee mit ihr zu trinken. Sie taten es, und während nachher Majull seine Arbeit im Stall verrichtete, saß Klaschimba wie eine alte Bekannte bei Ina, die ihr Bilder zeigte und sich ihr mit Zeichen verständlich zu machen suchte. Klaschimba ritt nicht mit den beiden. Sie ging zu Fuß wieder nach Hause, als Ina und Majull fortritten.
Sie waren eine kleine Strecke Weges schweigend dahingeritten, als Majull fragte: „Ina, hast du gestern abend den Brief an deine Freundin geschrieben?“
„Ja,“ sagte Ina, „das habe ich getan, und es steht auch „nilchnscho“ darin, „ich liebe dich“, denn du mußt wissen, ich habe diese Freundin sehr lieb.“ Als Ina das Wortnilchnschoaussprach, fiel ihr die kleine Elinontis ein. Elinontis war heute morgen nicht am Brunnen gewesen und sie hatte doch Majull gleich nach dem Kinde fragen wollen und es über dem so ganz unerwarteten Besuch der Klaschimba vergessen.
„Majull, Elinontis war heute morgen nicht am Brunnen, um Wasser zu holen. Weißt du etwas von dem Kinde?“
„Ja, sie ist gestern abend von einem Baum heruntergefallen und hat sich den linken Arm verletzt. Das wird wohl die Ursache sein, weshalb sie nicht gekommen ist.“
„Und das sagst du mir jetzt erst?“ erwiderte Ina tadelnd.
„Das ist doch nichts Besonderes,“ meinte Majull, „so etwas ereignet sich alle Tage. Wo Kinder sind und herumspielen, fallen sie auch hin und verletzen sich.“
„Aber es war Elinontis.“
„Ja, ja,“ sagte Majull, „es war Elinontis, ich habe garnicht daran gedacht, Elinontisnilchnscho.“
Ina schaute den Indianer vorwurfsvoll an. Dann sagte sie: „Majull, wir müssen heute sehr schnell reiten,“ und sie trieb ihr Pferd zu schnellerer Gangart an. Majull folgte ohne ein Wort der Erwiderung ihrem Beispiel. Im Galopp ritten die beiden dahin bis sie zu der Hütte der kleinen Elinontis und ihrer Mutter kamen.
Elinontis kauerte am Fußende des Lagers ihrer kranken Mutter. Mit der rechten Hand hielt sie den linken Arm an die kleine Brust gepreßt. Als Ina und Majull eintraten blickte das Kind auf. Ina meinte den Schmerz, den die Kleine fühlte, in ihren Augen lesen zu können. Langsam näherte sie sich dem Kinde. Heute würde und konnte es ja nicht vor ihr davonlaufen. Elinontis machte auch gar keinen Versuch, aufzustehen und das Weite zu suchen. Sie blieb ruhig sitzen und duldete, daß Ina vorsichtig den verletzten Arm anfaßte und anfing, denselben zu untersuchen. Zu den Kenntnissen, die eine Feldmatrone haben muß, die Anstellung auf einer Indianerreservation habenwill, gehört auch, daß sie in Unglücksfällen die erste Handreichung tun kann. So hatte Ina bei ihrer Ausbildung für ihre Arbeit hierin Unterweisung erhalten. Obwohl der Arm des Kindes bereits etwas angeschwollen war, fühlte Ina doch bald mit ihren feinen Fingern, daß der eine Knochen des Unterarms gebrochen war.
„Majull, du mußt mir helfen,“ wandte Ina sich an den Indianer, „hole mir ein Stück Pappe.“
„Hier ist keine Pappe.“
Ina sann eine Weile nach. Dann sagte sie: „Ich sah gestern abend einen Indianer an meinem Hause vorbeireiten. Ich weiß nicht, wer er war, er war zu weit fort, und es dunkelte bereits. Aber ich habe deutlich gesehen, daß er eine Pappschachtel unter seinem Arm hatte.“
„Das war Kodaggo,“ unterbrach Majull sie, „er hat sich gestern ein paar neue Schuhe gekauft, die hatte er in der Schachtel.“
„Wo wohnt Kodaggo?“ fragte Ina.
„Er wohnt hier auf dem Hügel.“
„Dann geh zu ihm und bitte ihn um die Schachtel. Sage ihm nur, ich wolle sie haben. Ich kenne Kodaggo und er kennt mich.“
„So?“ fragte Majull, „seit wann kennst du Kodaggo?“
„Das sage ich dir ein andermal. Jetzt ist dazu keine Zeit. Eile und bringe mir die Schachtel.“
Nach einigen Minuten kehrte Majull zurück und brachte das Gewünschte. Ina nahm die SchachtelSie war schwer. Als sie dieselbe öffnete, sah sie, daß die Schuhe noch in der Schachtel lagen.
„Majull,“ rief Ina, „ich will doch nur die Schachtel, nicht auch die Schuhe.“
„Das habe ich Kodaggo gesagt. Kodaggo aber meinte, du wollest die Schuhe, die Schachtel sei doch nichts wert, mit der könnest du nichts anfangen. Er sagte aber, du könntest die Schuhe haben, weil du ihn darum gebeten hättest. Er war gleich bereit, sie herzugeben.“
Ina lächelte gerührt. „Hier,“ sagte sie und reichte Majull die Schuhe hin, „bringe sie dem guten Kodaggo zurück und sage ihm, ich brauche nur die Schachtel und ließe ihm schön dafür danken. Dann aber komm gleich zurück und hilf mir.“
Als Majull zurückkehrte, hatte Ina bereits mit ihrem Taschenmesser zwei Streifen aus der Schachtel herausgeschnitten. Mit Hilfe derselben wurde nun der Arm geschient, und als alles fertig war, in eine Schlinge gelegt. Majull hielt das kranke Glied. Ina besorgte das weitere. Elinontis verzog keine Miene, ihre Augen hingen an der Frau, die ihr diente; sie schaute mit keinem Blick auf die an ihrem Arm arbeitenden Hände. Die kranke Mutter, die sich heute, wie schon seit etlichen Tagen etwas wohler fühlte, saß aufrecht in ihrem Bett und schaute ebenfalls aufmerksam zu. Aus ihren Augen sprach Befriedigung.
Als alles fertig war, ließ Ina der Mutter undihrem Kinde durch Majull sagen, der Arm werde nur noch kurze Zeit weh tun, dann werde sich der Schmerz legen und in etwa zwei oder drei Wochen werde alles wieder gut sein. Sie dürften aber nicht an dem Verbande rühren und Elinontis solle den Arm nicht aus der Schlinge nehmen. Hierauf wurde die kranke Frau besorgt. Als Ina an den Wasserkrug trat, fand sie ihn gefüllt.
„Wer hat heute das Wasser geholt?“ fragte sie.
„Kodaggo,“ entgegnete Majull.
„Ist Kodaggo ein Verwandter dieser Frau?“
„Noch nicht,“ erwiderte Majull, „aber er will eines Tages die kleine Elinontis heiraten.“
„Elinontis heiraten?“ fragte Ina ganz entsetzt „sie ist ja ein kleines Kind.“
„Aber sie wird größer und älter werden,“ sagte Majull, „Kodaggo sagt, er sei noch jung, er könne warten. Es sei hier kein zweites so gutes Mädchen wie Elinontis, er warte noch etliche Jahre, dann werde er sie heiraten. Seine Eltern und die Mutter der Elinontis sind damit zufrieden. Das ist schon alles ausgemacht. Wäre Elinontis älter und stärker, so könnte sie jetzt schon seine Frau werden. Sie hat Verstand genug dazu. So sagen alle Indianer.“
Ina war entsetzt; sie sagte aber nichts, sondern nahm sich nur vor, das Kind umsomehr im Auge zu behalten.
Mit Kodaggo wollte Ina am nächsten Morgenein Wort reden, wenn er kommen würde, um Wasser zu holen. Wer aber beschreibt ihr Erstaunen, als nicht Kodaggo sondern Elinontis zum Brunnen kam! Elinontis hatte, wie es ihr geheißen war, den kranken Arm in der Schlinge, den Krug trug sie wie immer an dem Riemen, den sie über die Stirn gelegt hatte. Ina sah die Kleine durchs Fenster, sie war noch mit dem Ankleiden beschäftigt. „Es ist das Blut der Wilden,“ dachte sie, „das noch in den Adern dieser Leute rollt. Welches weiße Kind würde an solche Arbeit denken, welche weiße Mutter würde ihr Kind zu solcher Arbeit aussenden, nachdem es sich am Tage zuvor den Arm gebrochen hat.“ Ina warf sich schnell ein Tuch über die Schultern und eilte hinaus. Elinontis war gerade am Brunnen angelangt, als sie kam. Heute lief das Kind nicht fort. Sie schaute aber die weiße Frau fragend an und ließ es ohne Widerstreben geschehen, daß Ina ihr den Krug von der Schulter nahm, denselben füllte und ihr dann ein Zeichen machte, sie solle ihr ins Haus folgen. Ina trug den Krug zu der Haustür und stellte ihn dort auf den Erdboden. Dann ging sie hinein und kam bald darauf mit einem Stück Brot und einem Becher Kaffee zurück. Als sie herauskam, hatte Elinontis den Krug wieder auf dem Rücken und wollte gerade fortgehen. Als Ina ihr aber den dampfenden Kaffee auf die Steintreppe stellte und das schöne Stück Brot daneben legte, folgte sie doch der mit Zeichen gegebenen Einladung, setzte sich auf die Steintreppeund fing an zu essen und zu trinken. Um das Kind nicht zu stören, zog Ina sich in ihr Haus zurück, sah aber noch, daß Elinontis die größere Hälfte ihrer Honigbrotschnitte abbrach und beiseite legte. Sie wollte sie ohne Zweifel wieder der Mutter mitnehmen.
Ina setzte sich in der Küche an ihren Tisch und verzehrte ihr Frühstück. Wie gern hätte sie das Kind neben sich sitzen gehabt! Daran durfte sie jetzt aber noch nicht denken. Es wäre noch nicht dazu zu bewegen gewesen, und hätte Ina es erreicht, daß Elinontis in die Küche gekommen wäre, so hätte die Kleine sicher nicht in ihrer Gegenwart gegessen. Ina sah aber im Geiste den Tag kommen, wo das Kind anfangen würde, neben ihr zu sitzen und mit ihr zu essen und zu trinken. Als Ina nach Beendigung ihrer Mahlzeit wieder an die Haustür ging, war Elinontis verschwunden und mit ihr der Becher, aus dem sie den Kaffee getrunken hatte. Nein, so etwas! Das Kind war also nicht ehrlich. Das wußte Elinontis, daß Ina ihr den Becher nicht hatte schenken wollen. Ina war betrübt über diese unerwartete Entdeckung! Langsam drehte sie sich um und kehrte in ihr Zimmer zurück. Sieh da, welche Überraschung! Der Becher stand auf dem Tisch. Das Kind war im Zimmer gewesen und hatte ihn auf den Tisch gestellt. Es hatte wohl befürchtet, daß irgend ein Vorübergehender den Becher möchte stehen sehen, nachdem sie fortgegangen war, und auf den Gedanken kommen könnte, denselbenzu stehlen. Anstatt zu stehlen, hatte Elinontis, gerade als ob sie die Erklärung zum siebenten Gebot gelernt hätte, daran gedacht, ihrer weißen Freundin ihr Gut und Nahrung „helfen bessern und behüten.“ Ina fühlte sich betrübt und beschämt, daß sie so arge Gedanken wider das liebe Kind in ihrem Herzen hatte haben können.
Bald darauf kam Majull. Ina hatte eine längere Unterredung mit ihm über Kodaggo. Aus diesem Gespräch lernte sie folgendes. Kodaggo war sechzehn Jahre alt. Ina hatte ihn für bedeutend älter gehalten. Er war vor einigen Monaten aus der Regierungsschule auf die Reservation entlassen worden. Bei dieser Gelegenheit hatte der Superintendent der Schule ihm geraten, er solle auf eine der höheren Indianerschulen im Osten gehen. Es solle alles von der Regierung bezahlt werden. Der Superintendent hatte gemeint, Kodaggo habe sehr gute Anlagen und könne genug lernen, wenn er fleißig wäre und genügend Zeit opfere, um eines Tages Lehrer in einer der für seine Stammesgenossen gegründeten Schulen zu werden.
„Hat Kodaggo Lust, auf eine solche Schule zu gehen?“ fragte Ina.
Majull erwiderte: „Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber ich habe von anderen Indianern gehört, daß er einerseits möchte, andererseits nicht. Seine Eltern haben nichts dawider, wie mir meine Brüder gesagt haben.“
Jetzt sah Ina ihren Weg klar vor sich. Kodaggo mußte auf die hohe Schule, und zwar auf die Schule, wo ihre Freundin Lehrerin war, jene Freundin, der sie kürzlich das Wort „nilchnscho“ geschrieben hatte. In zwei Wochen war Schulanfang. Es war also Eile vonnöten; noch heute wollte Ina mit Kodaggo reden. Der junge Mann hatte ihr in jener Nacht, da sie die Sänger zur Ruhe gebracht hatte, Vertrauen bewiesen, und Ina zweifelte nicht, daß ihr Wort bei ihm etwas gelten werde. Noch an demselben Tage hatte sie eine längere Unterredung mit Kodaggo. Als der junge Mann hörte, daß er noch etwa sechs bis sieben Jahre würde lernen müssen, wurde er stutzig und wollte nichts davon wissen. Ina setzte ihm aber auseinander, daß das Lernen und Leben auf der hohen Schule ein ganz anderes sei als das auf der Reservationsschule, und daß viele junge Indianer von allen möglichen Indianerstämmen auf dieser Schule zusammenkämen und froh wären, dort sein zu können und zu lernen, schwanden nach und nach seine Bedenken und schließlich sagte er, Ina solle alles für ihn bei dem Agenten und dem Schulsuperintendenten ordnen, er wolle gehen. Am Abend schrieb Ina einen Brief an ihre Freundin und legte ihr den jungen Mann, der in nächster Zeit auf ihre Schule kommen werde, warm ans Herz, erzählte ihr auch viel von Elinontis, seiner ihm nach Indianerbrauch bereits zugesprochenen zukünftigen Ehefrau.
Am nächsten Tage ordnete Ina die Angelegenheiten bei dem Agenten. Dieser sprach ihr ein sehr freundliches Lob darüber aus, daß sie in so kurzer Zeit sich das Vertrauen der Indianer erworben habe. Es seien ihm schon allerlei Gerüchte über ihre Tätigkeit zu Ohren gekommen und besonders freue es ihn, daß sie sich auch um die jungen Leute bekümmere und sie in der rechten Weise zu beeinflussen suche. Kein Menschenherz ist unempfänglich für Lob und Anerkennung. Wer wollte es Ina verdenken, daß sie sich über die Worte ihres Vorgesetzten freute!
Mit Elinontis schien seit dem Tage, da Ina ihr den Arm verbunden hatte, eine Veränderung vorgegangen zu sein. Das Kind wurde zusehends zutraulicher und dreister. Elinontis kam nun schon unaufgefordert ins Haus, ging darin umher und beschaute sich all die schönen Dinge aus der Nähe. Sie faßte nichts an, nur wenn sie an dem Bett vorbeiging, streichelte und befühlte sie die schöne weiche Decke. Das tat sie jedesmal, wenn sie ins Haus kam. Aber eins tat das Kind nicht. Es sprach nicht. Ina hatte noch kein Wort aus seinem Munde gehört. Elinontis schaute ihre Freundin wohl zuweilen mit ihren großen schwarzen Augen an, aber nicht einmal in den Augen war etwas zu lesen, was das Kind zu sagen sich scheute. Sie nickte auch nicht mit dem Köpfchen, sie schüttelte den Kopf nicht. Es hatte fast den Anschein, als könne das Kind weder hören noch reden. Das war aber nicht so. Inawußte ganz genau, daß die Kleine sehr scharf hörte, und als sie Majull einmal fragte, ob das Kind etwa nicht reden könne, hatte er gelacht und sie daran erinnert, daß er ihr eines Tages gesagt habe, daß die Zeit schon kommen werde, da Elinontis mit ihr spreche, sie solle nur warten. So wartete denn Ina von einem Tage zum andern.
Elinontis konnte reden. Wenn das Kind, wie heute, mit seiner Mutter zusammensaß, dann waren die kleinen Lippen fast immer in Bewegung, und die süße kleine Stimme hatte der Mutter beständig etwas zu sagen. Letztere war auf dem besten Wege zu völliger Genesung. Heute saß sie mit Elinontis vor ihrer Hütte im Sonnenschein. Die Indianer lieben die Sonne, sie sitzen lieber in der Sonne als im Schatten. Die Mutter konnte bereits wieder kleine Arbeiten verrichten. Ihre Hände beschäftigten sich mit einer Perlenarbeit. Es sollte ein Halsband werden. Sie reihte Perle an Perle. Elinontis reichte ihr die Perlen aus einer kleinen irdenen Schüssel, die sie in ihrem Schoß hatte. In derselben waren Perlen von allen denkbaren Farben. Elinontis wußte ganz genau, ob jetzt eine rote oder eine blaue, eine weiße oder eine gelbe Perle kam. Neben der irdenen Schüssel in Elinontis Schoß lag ein fertiges Halsband. Auf blauem Grunde zeigte es buntfarbige Wüstenblumen und grüne Blätter. Dieses Halsband diente der Mutter zum Muster, danach sie ihre Arbeit anfertigte. Die kleine Elinontis verstand nach diesem Musterder Mutter immer die richtige Perle zuzureichen. Sie machte nie einen Fehler. Die Mutter konnte ohne Bedenken die Perle, die Elinontis ihr mit der kleinen Hand reichte, auf ihre Nadel nehmen und damit weiterarbeiten. So ging die Arbeit schnell und fröhlich voran. Die Mutter brauchte keine Zeit damit zu versäumen, die Perlen auszusuchen, und Elinontis war froh, daß sie helfen konnte und durfte, denn das Halsband sollte — Ina bekommen. Heute war Elinontis besonders froh, denn es war Aussicht vorhanden, daß das Halsband heute fertig werden würde. Es war Sonnabend. Ina hatte den freien Tag dazu benutzt, gleich nach Mittag zu der zehn Meilen weit entfernten Agentur der Regierung zu reiten. Majull war nicht bei ihr. Ina war ganz allein. Elinontis kannte weder Zeit noch Uhr, aber das Kind konnte es fühlen, wann Ina etwa wieder zurück sein könne. Wenn das Halsband bis zu der Stunde fertig sein würde, wollte Elinontis von der Höhe des Hügels aus Umschau halten und wenn sie Ina kommen sah, wollte sie hinlaufen und ihr das Geschenk der Mutter übergeben. So hatten die beiden, Elinontis und ihre Mutter, sich die Sache ausgedacht.
„Was willst du denn zu der weißen Frau sagen, wenn du ihr das Halsband gibst?“ fragte die Mutter.
„Nichts.“
„Garnichts?“
„Nein, garnichts.“
„Aber du mußt doch etwas sagen.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Sie versteht mich ja doch nicht.“
„Sie würde sich aber freuen.“
„Sie kann meine Sprache nicht verstehn.“
„Das schadet nichts.“
„Wenn ich in der Schule ihre Sprache gelernt habe, werde ich mit ihr reden.“
„Du willst in die Schule gehen?“
„Ja.“
„Die Schulen mögen gut sein für weiße Leute, aber sie sind es nicht für Indianer. Sie mögen etwa gut sein für die Knaben, aber sie sind nicht gut für die Mädchen.“
„Ich will aber so schöne Bücher haben, wie die weiße Frau.“
„Was willst du damit?“
„Das weiß ich nicht. Aber Bücher müssen etwas Gutes sein.“
„Warum?“
„Weil die weiße Frau Bücher hat.“
„Darum brauchen die Bücher nicht notwendig gut zu sein.“
„Die weiße Frau sitzt jeden Morgen früh vor ihrer Tür und schaut in die Bücher hinein. Ich habe Kodaggo gefragt, warum sie das tut. Er hat geantwortet, sie lese darin.“
„Was ist das, lesen?“
„Das weiß ich nicht. Aber man lernt es inder Schule. Kodaggo hat es gesagt. Ich will es lernen. Es ist etwas Gutes. Ich will in die Schule gehen.“
„Ach ja, du wirst wohl müssen,“ seufzte die Mutter. „Du bist jetzt schon im siebenten Jahre. Wenn die Schule wieder anfängt, wird wohl eines Tages ein Polizist kommen und dich holen.“
„Ich werde nicht warten bis der Polizist kommt. Ich lasse mich nicht von dem Polizisten in die Schule bringen. Ich gehe in die Schule, weil ich will.“
„Weil du willst?“ Die Mutter schüttelte den Kopf, während sie diese Worte sagte. „Wie töricht du redest! Kein Kind geht in die Schule, weil es will; sie gehen alle, weil sie müssen.“
„Ich aber nicht. Ich gehe, weil ich will. Kodaggo auch. Kodaggo geht ganz weit weg in eine große Schule. Und wenn er zurückkommt, bin ich schon groß und Kodaggo ist dann gerade so klug wie die weiße Frau. Er hat mir das gesagt.“
„Und du willst mich ganz allein lassen?“
„Nein, ich komme jeden Abend nach Hause, und jeden Morgen, ehe ich fortgehe, hole ich dir Wasser.“
„Es wird sich finden,“ sagte die Mutter.
„Es wird sich finden,“ wiederholte Elinontis, sie wußte aber nicht, was diese Worte für eine Bedeutung hatten.
„Erzähle mir, was du im Hause der weißen Frau siehst, wenn du am Morgen hineingehst,“ sagte die Mutter. Das Kind erzählte ihr das alle Tage. Die Mutter wußte aber, wie gernes davon erzählte, darum ward sie nicht müde, ihm immer aufs neue zuzuhören. Dazu kam auch, daß Elinontis alle Tage neue Entdeckungen und Beobachtungen in dem Hause Inas machte.
„Sage mir, was sie alles in ihrem Hause hat,“ sagte die Mutter.
Und Elinontis hub an. Sie zeigte der Mutter ihre fünf Finger der rechten Hand und sagte: „So viele Dinge hat sie, die sie Stuhl nennt. Kodaggo hat mir gesagt, daß ein solches Ding Stuhl heißt. Wir haben kein Wort dafür, weil wir solche Dinge nicht haben. Es sieht aus wie eine Spinne, hat aber nur vier Beine, vier lange Beine. Auf diesen Dingern sitzt Ina. Heute sitzt sie auf dem einen, morgen auf einem andern. Sie müssen wohl müde oder schwach werden, wenn sie immer auf ein und demselben sitzen würde. Mitten im Hause steht so ein Ding mit vier sehr langen Beinen. Darauf liegt eine Decke. Ich weiß nicht, ob das Ding friert. Ich glaube aber nicht, denn es ist tot und ist von Holz gemacht. Auf der Decke liegen Bücher und andere Sachen, die ich nicht kenne. In dem andern Zimmer hat sie einen großen schwarzen Kasten. Darin steckt sie Holz und zündet es an. Der Kasten selbst aber brennt nicht. Auf demselben stehen viele Töpfe. Darin kocht sie Fleisch und anderes. Sie hat auch eine Kaffeekanne. Die wäscht sie jeden Morgen und sie sieht so blank aus wie das silberneArmband an deinem Arm.“ So erzählte das Kind und wurde nicht müde, von all den Herrlichkeiten zu berichten, die Ina in ihrem Besitz hatte, am meisten aber sprach sie von dem Bett und der schönen weichen Decke. Wenn sie dann fertig war, schloß sie immer mit den Worten: „So ein Haus will ich auch einmal haben, wenn ich groß bin, und lauter solche Sachen und so ein schönes Bett mit einer weichen warmen Decke.“ Dann lächelte die Mutter, als wollte sie sagen, sie wisse besser, wie das kommen werde, aber sagte nichts dagegen.
Plötzlich sprang das Kind auf, klatschte in die Hände und jubelte laut: „Fertig, fertig!“ Die Mutter hatte die letzte Perle an das Halsband gereiht. Elinontis konnte die fertige Arbeit noch diesen Abend der weißen Frau übergeben.
Mutter und Kind betrachteten das Halsband noch einmal aufmerksam von allen Seiten, dann steckte Elinontis es in ihre Tasche und verließ die Hütte. Sie ging an den Abhang des Hügels, an dessen Fuß die Landstraße sich entlang zog, auf der Ina heimgeritten kommen mußte. Während sie dahinging, hob sie hier und dort einen Stein auf, den ihr suchend und prüfend Auge gewählt hatte. Als sie am Rande des Hügelabhanges ankam, setzte sie sich und begann mit den Steinen zu spielen. Sie warf sie in die Höhe und fing sie wieder auf, gerade wie weiße kleine Mädchen es machen. Nur war Elinontis weit geschickter als jene. Es kamfast nie vor, daß sie einen der in die Höhe geworfenen Steine nicht auffing. Passierte es aber doch einmal, so murmelte sie Scheltworte über ihre Ungeschicklichkeit vor sich hin. Dabei warf sie gelegentlich einen Blick zur Sonne hinauf. Die Sonne war ihre Uhr. Mit der Zeit wurden diese Blicke häufiger, schließlich stellte sie das Spiel mit den Steinen ganz ein und ihr Auge wandte sich dem Platze auf der Landstraße zu, wo sie wußte, daß sie die heimkehrende Ina und ihr Pferd zuerst würde sehen können. Dann war es Zeit, zu der Landstraße hinabzusteigen, um der Vorüberreitenden das Halsband einzuhändigen.
Jetzt wirbelte Staub auf. Elinontis springt in die Höhe, um genau sehen zu können. Ja, es ist Inas Pferd, das sie da in der Staubwolke sieht. Was hat das aber zu bedeuten? Sie kann ja gar keine Reiterin auf dem Pferde sehen. Und wie wild kommt das Pferd dahergejagt! Doch! Jetzt sieht sie! Ina sitzt auf dem Pferde! Aber die Zügel sind ihren Händen entglitten. Sie liegt mehr auf dem Rücken des Tieres, denn daß sie darauf sitzt. Sie hat sich an den Sattelknopf angeklammert. Sie hat keinen Hut auf dem Kopf. Wild fliegt das aufgelöste Haar im Winde. Ohne Zweifel hat das Pferd gescheut und ist mit seiner Reiterin durchgegangen. Einen Moment legt sich ein lähmender Schrecken auf das Kind, aber nur einen Moment. Das Kind der Wüste und Berge, dem kein Pferd zu wild ist, daß es sich nicht auf dessen Rücken setzen und esreiten könnte, schüttelt schnell den Schrecken ab. Springend und laufend eilt Elinontis, so schnell eben nur ein Indianerkind das kann, zwischen dem Steingeröll und Dorngestrüpp den Hügelabhang hinab. Noch eher als das wild jagende Pferd ist Elinontis zur Stelle. Mit weit geöffneten Augen, ausgestreckten Armen, ausgespreizten, gekrümmten Fingern, vornüber gebeugt, schier wie ein Raubtier, das auf seine Beute lauert, steht sie da an der Hügelwand, etwa zwei Fuß über der Landstraße. Näher und näher kommt das wild dahinjagende Tier. Jetzt ist der rechte Augenblick gekommen. Lautlos, wie eine Wildkatze, wie ein junger Löwe, springt das Kind dem Pferde an den Hals und reißt seine Arme fest um des Tieres Schlund und Gurgel. Das Pferd schrickt zusammen. Es macht nur noch ein paar tanzende Schritte, dann steht es still. Elinontis läßt mit dem Druck ihrer Arme etwas nach, legt den Kopf an des Tieres Maul und bläst ihm in die Nüstern, leise und sanft. Das beruhigt das Tier. Bald läßt Elinontis den einen Arm ganz los und hängt nur noch mit dem andern an des Pferdes Hals. Sie klopft letzteren und schließlich läßt sie ihn ganz los und gleitet hinab. Das Tier stand vollkommen beruhigt. Jetzt kann Elinontis sich nach Ina umsehen.
In dem Augenblick, da Elinontis ihren Kopf wandte, um sich nach der weißen Frau umzusehen, sank diese vom Pferde. Das Kind sprang hinzu und wollte die Freundin auffangen, aber es war bereits zu spät. Ina fielbewußtlos auf den Erdboden. Elinontis löste schnell den rechten Fuß, der noch im Steigbügel steckte. O, was wäre geworden, wenn das Pferd im Laufe geblieben wäre! Es hätte Ina zu Tode geschleift. Jetzt beugte das Kind sich über die bewußtlose Frau. Das Naturkind stand nicht ratlos. Es liegt ihm im Gefühl, was in derartigen Fällen zu tun ist. Elinontis rieb Ina die Schläfen, bewegte ihre Arme, blies ihr in die Nase, wie sie es zuvor bei dem Pferde getan hatte. Und dann fing sie an, zu ihr zu sprechen, sie sprach ihr ins Ohr und rüttelte sie. Und wieder sprach sie. O, Ina mußte doch hören, was das Kind sagte, und wäre sie schon halb tot gewesen, sie hätte es hören müssen und hätte es gehört. Langsam, leise kam das Bewußtsein zurück. Gerade, als Ina die Augen aufschlug, gerade, als die Sinne zurückkehrten, gerade, als ihr Ohr wieder fähig wurde, den ersten Laut aufzunehmen, sagte die kleine Elinontis noch einmal, was sie schon etliche Male gesagt, ohne daß Ina es gehört hatte. Aber jetzt hörte Ina es ganz deutlich, und es klang ihr wie Engelsang und wie ein Lied aus höherem Chor, dieses einzige Wort, das Ina in der Indianersprache verstehen konnte, das jetzt der liebe kleine Mund sprach, der so lange verschlossen gewesen war. Ina hörte, wie Elinontis ihr ins Ohr rief: „Nilchnscho.“ „Ich habe dich lieb.“
Da war aber das Bewußtsein voll und ganz zurückgekehrt. Ina nahm das Kind in ihre Arme, herzte,drückte und küßte es. Und Elinontis? Wehrte sie sich? Nein, sie wehrte sich nicht, sie ließ es ruhig geschehen, ja schließlich schlang sie sogar ihre kleinen Arme um Inas Hals und wiederholte noch einmal: „Nilchnscho, ich habe dich lieb.“
***
Hiermit ist nun eigentlich unsere Geschichte zu Ende, denn sie heißt: „Das erste Wort der kleinen Elinontis.“ Die kleine Elinontis hat ihr erstes Wort gesprochen. Sie hatnilchnschozu Ina gesagt. Weil nun aber die kleinen Leser und Leserinnen auch Ina und Elinontis lieb gewonnen haben, so möchten sie gewiß gern wissen, was später aus ihnen geworden ist. So soll das denn hier noch kurz zum Schluß gesagt werden.
Elinontis hat nicht gewartet, bis sie in der Schule die Sprache Inas gelernt hatte. Sie hat seit jenem Abend angefangen, in ihrer Indianersprache mit der Freundin zu reden. Ina hat ihr in ihrer Sprache geantwortet, und ehe etliche Monate vergangen waren, konnten die beiden einander ganz gut verstehen. Ina lernte ein Indianerwort nach dem anderen und Elinontis behielt mit seltener Geschwindigkeit, was Ina ihr in ihrer Sprache beibrachte. Als Elinontis dann im Herbst in die Schule kam, konnte sie schon so viel Englisch verstehen, daß die Lehrerin sie bereits am zweiten Tage in die Abteilung derKinder einreihte, die eine Fibel hatten. Die Freude der kleinen Elinontis war groß. Acht Jahre lang ist Elinontis dann in die Schule gegangen. Wenn sie am Abend nach Hause kam, ging sie zuerst zu ihrer Mutter. Es verging aber kein Tag, ohne daß sie zu Ina kam. Je älter sie wurde, desto mehr lernte sie in der Schule und besonders von Ina. Bei letzterer lernte sie nähen, stricken, stopfen und flicken, kochen und waschen. Sie lernte aber auch das Beste und Wichtigste, was ein Mensch lernen kann und was man in den Regierungsschulen in Amerika nicht lernt, weil die Gesetze des Landes es verbieten. Ina unterwies ihre kleine Elinontis in allem, was die Heilige Schrift lehrt. So lernte Elinontis Jesum kennen und lieben.
Als sie nach acht Jahren aus der Schule entlassen wurde, kam auch Kodaggo aus der hohen Schule, die er im Osten besucht hatte, zurück. Er hatte die kleine Elinontis nicht vergessen. Nach einigen Wochen wurde sie seine Frau.
Kodaggo erhielt eine Anstellung als Indianerfarmer. Dies bedeutet, daß er die Indianer im Ackerbau unterweisen mußte. Kodaggo hatte auf der hohen Schule die Ackerbaukunst gründlich studiert und ein Zeugnis der Reife mitgebracht, das ihn zu einer Ackerbaulehrerstelle auf einer Indianerreservation berechtigte.
Kodaggos Stellung brachte ihm außer einem schönen monatlichen Gehalt auch ein Wohnhaus. Es war gerade so ein Haus, wie Ina es bewohnte,nur war es geräumiger, weil es für eine Familie berechnet war. Elinontis Freude war groß. Nun bekam sie Stühle und Tische, einen Kochofen, Bilder, Spiegel und lauter Sachen, wie Ina sie hatte. Kodaggo mußte das alles kaufen. Eins brauchte er aber nicht zu kaufen. Ein Bett, gerade so eins, wie sie selber hatte, mit einer eben solchen schönen, weichen weißen Decke, wie Elinontis sie so gerne hatte, schenkte Ina dem jungen Paare zur Hochzeit.
Ina blieb nach Elinontis Vermählung noch etliche Jahre auf der Reservation, dann aber zog sie in ihre ferne östliche Heimat zurück. Bis zu ihrem Lebensende machte sie jedoch jeden Sommer einen Besuch bei ihrer Elinontis.
Kodaggo und Elinontis sind keine Heiden geblieben. Eine Missionsgesellschaft sandte einen Missionar auf die Reservation. Der hat die beiden bald kennen gelernt. Sie wurden an ein und demselben Tage, samt ihrem ersten Kinde, getauft. Das Kind erhielt den Namen Ina. Deren Patin kam aus dem fernen Neuyork, um das Kind über die Taufe zu halten. Es war eine große Freude, denn Kodaggo und Elinontis waren lange Jahre ohne Kinder gewesen.
Kodaggo bekleidet noch heute die Stellung als Indianerfarmer. Er ist hoch geachtet bei den übrigen Indianern. Elinontis hat Freundschaft mit Inas Nachfolgerin geschlossen. Wenn sie Zeit hat, begleitet sie die Feldmatrone auf ihren Ritten zu denIndianerhütten und hilft ihr, das Zutrauen der Indianerfrauen zu gewinnen.
An Kodaggo und Elinontis hat sich das Wort der Schrift erfüllt: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“