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In den Vereinigten Staaten von Nordamerika leben heutzutage noch viele Indianer. Die meisten derselben wohnen auf sogenannten Reservationen. Eine Reservation ist ein großes, großes Stück Land, das die Regierung den Indianern gibt. Hier müssen sie wohnen und das Land bebauen. Auf diesen Reservationen hat die Regierung Beamte, die dafür sorgen müssen, daß die Leute arbeiten lernen und auch wirklich arbeiten. Auf jeder Reservation ist auch eine Anzahl Schulen, dahin die Kinder gehen müssen, um Lesen und Schreiben zu lernen und vor allem die englische Sprache, die Landessprache in den Vereinigten Staaten. Außerdem arbeiten dort von der Regierung angestellte Damen, die man Feldmatronen nennt. Diese reiten alle Tage zu den Hütten der Indianer, um die Frauen zu unterweisen, wie man seinen Haushalt zu führen hat. Die meisten Indianer haben noch keine Häuser, wie die weißen Leute sie haben. Sie bauen sich Hütten aus Sträuchern, die sie mit Fellen oder mit Leinwand überspannen. In solch einer Hütte ist nicht Raum für Bett und Tisch, für Stuhl oder Schrank. Die Indianer sitzen, essen, trinken, schlafen auf dem Erdboden. Auf der Erde liegen ihre Bettdecken, auf der Erde steht ihr Koch- und Eßgeschirr umher — kurz, es geschieht alles auf der Erde.
Nun ist da aber eine sehr schlimme Sache. Die Indianer und besonders die Indianerfrauen sind in der Regel sehr faul und sehr unsauber. Sie haben keine Lust, ihre Kleider zu waschen und zu flicken. Sie tragen sie bei Tag und Nacht, bis sie so schmutzig und zerrissen sind, daß sie ihnen vom Leibe fallen und sie dieselben einfach nicht mehr tragen können. Dann kaufen sie sich neue Sachen. Männer, Frauen und Kinder treten den Tag über auf den Decken herum, unter denen sie bei Nacht schlafen. Die Frauen haben keine Lust, dieselben am Morgen zusammenzurollen und beiseite zu schaffen. Sie sind zu träge, die Decken einmal ins Freie zu bringen, um sie auszuklopfen und zu reinigen. Das Koch- und Eßgeschirr wird, wenn es hoch kommt, ein bißchen mit kaltem Wasser ausgespült, aber meistens nach dem Gebrauch einfach in einen Winkel gestellt und bei der nächsten Mahlzeit ungereinigt wieder benutzt. Die Indianerfrauen sind sehr geschickt im Nähen. Die meisten nähen mit der Hand, man findet aber auch etliche, die mit einer Nähmaschine nähen. Es gibt einige große Kaffeegeschäfte, die in jedes Paket Kaffee, das sie auf den Markt bringen, einen Schein legen. Wer diese Scheine sammelt und an die Firma einsendet, erhält je nach der Anzahl der gesandten Scheine ein bestimmte Geschenk. Etliche Hundert solcher Scheine bringen eine gute Handnähmaschine. Nun trinken die Indianer sehr vielen und sehr starken Kaffee. Sie trinken Kaffee zu jeder Mahlzeit und verbrauchen infolgedessen sehr viel Kaffee. Diemeisten Indianerfrauen lassen sich für ihre gesammelten Scheine Ringe oder Armbänder kommen, denn sie lieben es, sich mit Gold und Perlen zu schmücken, aber gelegentlich findet sich einmal eine Frau, die so lange Scheine sammelt, bis sie sich dafür eine Nähmaschine bestellen kann. So kommen Nähmaschinen in die armseligen Indianerhütten.
Wie gesagt, die Indianerfrauen sind fast ohne Ausnahme sehr geschickte Näherinnen. Haben sie ein Kleid für sich oder ihre Tochter, ein Hemd für ihren Mann oder Jungen fertig gestellt, so ist an der Arbeit nichts auszusetzen, aber sie halten die Sachen nicht in stand. Die Frauen waschen, flicken und stopfen nicht.
So sieht es im Haushalt der Indianer aus. Da stellt nun die Regierung die vorher erwähnten Feldmatronen an. Diese haben die Aufgabe, die Indianerfrauen anzuleiten und anzuhalten, ihren Haushalt in ordentlicher Weise zu führen. Sie zeigen ihnen auch und helfen ihnen, wie man eine gesunde und schmackhafte Mahlzeit bereitet und dergleichen andere nützliche Dinge mehr. Diese Feldmatronen, meistens unverheiratete Damen im Alter von dreißig bis vierzig Jahren, sind ohne Zweifel die den größten Segen stiftenden Angestellten in dem großen Heer von Beamten, das die Regierung der Vereinigten Staaten unterhält, um Kultur unter die Rothäute zu bringen. Dies ist ganz besonders der Fall, wenn diese Betreffenden christliche Persönlichkeiten sind, die zugleich das Wort Gottes und die Kunde von demErlöser der Welt in die Hütten der armen Heiden bringen.
Leider ist die Zahl der Feldmatronen, die die Regierung anstellt, nur eine sehr geringe, darum ist von einem eigentlichen Erfolg ihrer Arbeit noch nicht viel zu sehen. Der christlichen Feldmatronen sind noch weniger, denn häufig wird es ihnen noch von den sogenannten Agenten, den obersten Herrschern auf den Indianerreservationen, verboten, den Indianern etwas aus Gottes Wort zu erzählen.
Von einer frommen, christlichen Feldmatrone, die sich um solches Verbot einfach nicht kümmerte und etwas von dem Sinn der Apostel hatte, die erklärten, daß sie sich das Reden von Christo nicht verbieten ließen, soll hier erzählt werden.
Die Indianer nannten diese Feldmatrone Ina. So wollen auch wir sie nennen, obgleich Ina nicht ihr eigentlicher Name ist. Ina war dreißig Jahre alt, als sie auf die Reservation kam und ist dort viele Jahre geblieben. Sie stammte aus einem reichen, vornehmen Hause in Neuyork, wo ihr Vater Besitzer einer Bank war. Sie hatte eine sehr gute Erziehung genossen und viel von den Indianern gehört und gelesen. So war eine besondere Liebe zu den armen Leuten in ihrem Herzen entstanden und sie meldete sich bei der Regierung zum Eintritt in die Erziehungsarbeit unter den Indianern auf einer Reservation in Arizona.
Ina wohnte in einem kleinen aus Lehm gebauten Hause. Dasselbe hatte nur zwei Zimmer.In dem einen kochte und aß Ina, in dem andern schlief und wohnte sie. Ina war aber eigentlich nur am Morgen früh und am Abend in ihrem Hause zu finden. Den Tag über hielt sie sich unter den Indianern auf. Ihre Hauptmahlzeit bereitete und aß sie am Abend, für den Mittag nahm sie sich etwas in ihrer Satteltasche mit auf den Weg.
In der ersten Nacht, die Ina nach ihrer Ankunft auf der Reservation in ihrem kleinen Hause zubrachte, konnte sie nicht viel schlafen. Sie war noch nicht an das Geheul der Wölfe gewöhnt, die bei Nacht meistens in die Nähe der Wohnungen der Menschen kommen. Auch sangen und trommelten die ganze Nacht hindurch nicht weit von ihrem Hause in einer Indianerhütte etliche Medizinmänner. Dort lag ein krankes Weib, das nach dem Aberglauben der Indianer durch diesen wüsten, eintönigen, nächtlichen Gesang gesund gemacht werden sollte.
Ina stand am Morgen früh auf, kleidete sich an und trat hinaus vor ihre Haustüre. Etwa siebenzig Schritt weit von dem Hause entfernt befand sich ein Ziehbrunnen. Ina hatte denselben schon am Tage zuvor gesehen, auch Wasser dort geholt und etlichen Indianerfrauen zugeschaut, die gekommen waren, um Wasser zu holen. Heute morgen stand da am Brunnen ein kleines Indianermädchen, struppig und schmutzig, in zerrissenen Kleidern. Die Kleine mochte etwa sechs Jahre alt sein. Sie wollte gerade den Eimer in den Brunnen hinablassen, als sie die aus dem Hause tretende weiße Frau erblickte. Schnellstellte sie den Eimer wieder an seinen Platz, ergriff ihren Krug, hängte sich denselben an einem Riemen über den Kopf, warf noch einen scheuen, bösen Blick auf die unbekannte, neu angekommene Weiße und lief, so schnell sie konnte, davon.
Ina rief hinter ihr her: „Ich tue dir nichts, ich tue dir nichts,“ aber das Kind verstand ihre Sprache nicht, und hätte sie dieselbe verstanden, so wäre sie doch nicht stehen geblieben. Das kleine Mädchen hatte oft von seiner Mutter gehört, daß alle weißen Leute böse seien, daß man ihnen immer aus dem Wege gehen und nie mit ihnen reden müsse. Es wohnten Furcht und Haß in dem Herzen des Kindes, sie wollte gleich ihrer Mutter von den Weißen nichts wissen und nichts mit ihnen zu tun haben.
Ina wußte, daß die Indianer so zu den Weißen standen. Heute machte sie die erste Erfahrung davon und, das tat ihr weh. Sie grollte aber dem kleinen Mädchen nicht, im Gegenteil nahm sie sich vor, alles zu versuchen, um mit Gottes Hilfe das Herz des kleinen Mädchens zu gewinnen.
Während Ina noch mit ihrem Frühstück beschäftigt war, klopfte jemand an ihre Haustür. Sie stand auf und öffnete. Vor der Tür stand ein großer stattlicher Indianer. Er war in eine blaue, mit gelben Streifen besetzte Uniform gekleidet. Auf der linken Brust trug er einen großen silbernen Stern. Ina erkannte sofort, daß sie einenIndianerpolizisten vor sich hatte. Der Mann nahm seinen Hut ab und sagte, er sei vom Agenten gesandt, um sie auf ihren Ritten zu den Indianerhütten zu begleiten. Er würde jeden Tag kommen außer Sonnabends und Sonntags. Die beiden Tage seien Ruhetage. Er werde jetzt in den Stall gehen, das Pferd reinigen, füttern und satteln und in etwa einer kleinen Stunde alles fertig haben, um mit dem Fräulein fortzureiten.
„Es freut mich, daß du alle Tage kommen willst,“ sagte Ina. „Ich hoffe, wir werden gute Freunde werden.“ Sie reichte dem Indianer die Hand.
Der Mann schaute verwundert drein; er schien nicht gewohnt zu sein, daß Regierungsbeamte ihm die Hand reichten, ergriff aber Inas Rechte und drückte sie herzlich.
„Ich sehe, daß du ein Polizist bist,“ sagte Ina, „das ist ja recht schön, aber wenn du mit mir gehst, darfst du nicht als ein Polizist mit mir gehen.“
„Das muß sein,“ fiel ihr der Indianer in die Rede, „die Indianerfrauen tun sonst nicht, was du ihnen sagst.“
„Ich denke anders darüber,“ sagte Ina, „ich will nicht, daß die Frauen tun, was ich ihnen sage, weil sie denken, siemüssen. Ich möchte nicht, daß sie gezwungenermaßen gehorchen, sondern daß sie tun, was ich ihnen sage, weil sie es tunwollen.“
„Sie werden nie tun wollen, was du ihnen sagst, wenn man sie nicht zwingt,“ meinte der Polizist.
„Das laß meine Sorge sein,“ sagte Ina, „sie werden es lernen und gerne tun. Ich bringe Ihnen etwas, was sie willig macht.“
„Was ist das?“ fragte scheinbar sehr interessiert der Indianer.
„Das wirst du schon ausfindig machen, wenn du erst eine Weile mit mir zusammen gewesen bist. Aber nun nimm deinen Polizistenstern ab. Du kannst ihn unter deinem Rock tragen, so daß ihn niemand sieht, aber nicht auf dem Rock. Du gehst mit mir, um mir mit deiner Kenntnis der englischen Sprache zu dienen, um mir zu zeigen, wo die Indianer alle wohnen, um mir zu helfen, wo ich Männerhilfe brauche, aber nicht als Polizist.“
„Du gefällst mir,“ sagte der Indianer, „ich will jetzt an meine Arbeit gehen.“ Aber zuvor löste er den großen silbernen Polizistenstern von seinem Rock, knüpfte letzteren auf und befestigte den Stern an seinem Hemde. Dann knöpfte er den Rock wieder zu.
„So gefällst du mir auch,“ sagte Ina. Der Indianer lachte und ging. Er drehte sich aber noch einmal um und rief Ina zu: „Wie heißt du?“
Ina nannte ihren Namen und setzte hinzu: „Aber du mußt mir auch deinen Namen sagen, denn Herr ‚Polizist‘ werde ich dich nicht nennen.“
„Ich heiße Majull,“ sagte der Indianer und ging in den hinter dem Hause gelegenen Stall.
Ina kehrte in ihr Zimmer zurück und machte sich reitfertig. Einen für den Westen, wo die Frauen nach Art der Männer reiten, passenden Reitrock hatte sie sich schon im Osten herstellen lassen, einen großen Sombrero hatte sie sich in El Paso gekauft, wo sie etliche Stunden Aufenthalt gehabt hatte, — eine leichte seidene Bluse und ein buntes Band um den Hals vervollständigten den anmutigen Anzug der Dame.
Als Majull mit den beiden Pferden zurückkam, betrachtete er Ina mit Wohlgefallen, und sagte wieder: „Du gefällst mir, du siehst auch hübsch aus, wenngleich du ein weißes Gesicht und blaue Augen hast. Alle andern weißen Frauen hier sind häßlich. Sie gleichen den Gänsen, die hier im Herbst vom Süden her durchkommen, sich in unserem Flusse baden und von uns geschossen und verspeist werden. Dabei denken wir der alten Zeiten, wo der rote Mann noch den weißen Mann und dessen Frauen niederschießen konnte. Heute können wir das nicht mehr; unsere Kraft ist gebrochen, des weißen Mannes Gewalt ist über uns.“
„Warum sagst du mir das?“ fragte Ina.
„Damit du dich nicht vor uns fürchten sollst.“
„Ich fürchte mich nicht vor euch.“
„Aber die andern fürchten sich.“
„Wenn ich mich vor euch fürchtete, wäre ich nicht zu euch gekommen. Ich habe euch lieb. Aber ihr fürchtet euch vor mir.“
„Wieso?“ fragte Majull.
„Heute morgen war ein kleines Mädchen am Brunnen. Sobald sie mich sah, lief sie davon. Sie hat nicht mal erst Wasser geschöpft. Da ist sie wieder,“ rief Ina hastig und sichtbar freudig überrascht. Sie wies auf ein kleines Mädchen, das aus einer Hütte gekommen war, der sie sich näherten. Sobald die Kleine Ina erblickte, lief sie schnurstracks davon und war schnell zwischen dem Gestrüpp, das dort reichlich wuchs, verschwunden.
„Wer ist die Kleine?“ fragte Ina ihren Begleiter.
„Sie ist das einzige Kind einer kranken Frau, einer Witwe, zu der ich dich eben führen will.“
„O das freut mich,“ sagte Ina. „Nicht daß die Frau krank und eine Witwe ist, sondern daß du mich zu ihr führen willst und daß ich dann gewiß auch die Kleine kennen lernen werde.“
„Was liegt dir an dem Kinde?“
„Viel. Besonders da sie von mir wegläuft, muß ich ihr doch zeigen, daß ich sie lieb habe und ihr nichts Böses tun will. Wie heißt das Kind?“
„Ihr Name ist Elinontis.“
„Elinontis,“ wiederholte Ina, „ein sehr schöner Name! Majull gefällt mir auch. Mir gefallen die Indianernamen. Sie klingen fast alle als wäre schon in dem Namen eine Seele.“
Die beiden waren an der Hütte angelangt, stiegen von ihren Pferden und Ina betrat zum ersten Male in ihrem Leben eine Indianerhütte. Eigentlichwar es kein Betreten. Die kleine, durch ein Stück Leinwand verhängte Öffnung war so niedrig, daß man nur auf den Knieen hindurchrutschen konnte. In dem engen runden Raum lag auf schmutzigen zerrissenen Decken eine kranke, sehr abgemagerte Frau. Sie mußte schon lange krank gewesen sein und keinerlei Pflege gehabt haben. Ringsherum auf dem Erdboden lagen Lumpen, leere Blechkannen, schmutzige Papierstücke, Knochen usw. Ina hatte noch nie solchen Schmutz in einer menschlichen Behausung gesehen.
„Zuerst müssen wir aufräumen und alles rein machen,“ sagte Ina, „du mußt mir helfen, Majull.“
Majull war bereit. „Sie hat niemand als das Kind, die Elinontis,“ sagte Majull, „und dasselbe ist noch zu klein, um viel Arbeit tun zu können.“ Nun wurde all der Unrat hinausgeschafft. Dann wurde das Geschirr und darnach die kranke Frau gewaschen. Die Bettdecken wurden hinausgetragen und ausgeschüttelt. „Das ist nur für heute,“ sagte Ina, „später machen wir es besser; es geht nicht alles mit einem Male.“
Ina untersuchte hierauf die Kranke, gab ihr Medizin und bereitete ihr etwas zu essen und zu trinken. Als sie damit fertig war, schaute sie nach ihrer Uhr. Es war bereits elf Uhr.
„Unsere Morgenarbeitszeit ist jetzt vorüber,“ sagte Ina zu Majull, „aber willst du mir noch ein paar Minuten helfen?“
„Gewiß,“ antwortete Majull.
„Dann komm und setze dich her zu mir neben die Kranke. Nachher gehen wir hinaus und essen zusammen.“
Ina zog ein Neues Testament aus der Tasche. „Was ich in meiner freien Zeit tue, geht niemand etwas an, selbst den Herrn Agenten nicht,“ sagte sie zu sich selber, „Regierungsbeamte sollen zwar keine Religion treiben, aber in meiner freien Zeit kann ich tun, was ich will. Da kann mir niemand wehren, von Christo zu zeugen.“
Ina las der Kranken einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift vor und Majull mußte die Worte in die Sprache der Indianerin übertragen.
Ehe die beiden fortgingen, ließ Ina der Kranken noch verdolmetschen, sie solle der kleinen Elinontis sagen, daß sie sich nicht vor ihr zu fürchten brauche, sie sei ihre Freundin und täte ihr nichts zuleide, sie solle nur getrost kommen und ihr Wasser holen. Die Frau antwortete nicht, sie hatte überhaupt noch kein Wort gesprochen. Sie hatte nur halb verwundert halb unwillig der weißen Unbekannten zugeschaut, die sich in ihrem Hause betrug, als ob alles was darin war, ihr gehöre.
Ina wollte ihr zum Abschied die Hand reichen. Die Indianerin tat aber, als sähe sie es nicht. Das ließ Ina sich nicht gefallen, sie nahm einfach die Hand, die ihr verweigert wurde, und drückte sie herzlich und die Indianerin ließ das geschehen.
Es war von nun an Inas erste Arbeit an jedem Morgen, wenn sie mit Majull ausritt, daß sie die kranke Mutter der kleinen Elinontis mit allem versorgte, dessen sie bedurfte. Die Zeit vor ihrem Frühstück aber widmete sie der Kleinen. Ina hatte sich ja vorgenommen, sie wolle alles tun, um das Vertrauen und die Liebe dieses Kindes zu gewinnen.
Am nächsten Morgen stand sie zeitig auf und setzte sich mit einem Buch auf die kleine Steintreppe vor der Tür ihres Lehmhauses. Ina meinte, Elinontis würde sich weniger fürchten, wenn sie sie schon dort sitzen sähe, wenn sie käme, als wenn sie plötzlich aus dem Hause träte wie gestern.
Ina brauchte nicht lange zu warten. Sie hatte noch keine Seite in ihrem Buch gelesen, da sah sie die Kleine kommen. Ina tat, als sähe sie das Kind nicht. Sie las ruhig weiter, beobachtete aber, über den Rand des Buches hinüberblickend, das Indianerkind.
Elinontis ließ die weiße Frau keinen Augenblick aus dem Auge. Sie näherte sich langsam und in einem großen Bogen dem Brunnen. So schnell sie konnte, schöpfte sie Wasser, füllte ihren Krug, hängte sich denselben über den Kopf und eilte, nachdem sie noch einen scheuen Blick auf die eifrige Leserin geworfen, davon.
Das wiederholte sich eine Zeitlang jeden Morgen.Dann aber dachte Ina, sie wolle es nun doch einmal versuchen, sich der Kleinen zu nähern. Sie meinte, dieselbe müsse sich nun doch allmählich an sie gewöhnt haben und könne sich nicht mehr fürchten, daß sie, Ina, ihr etwas zuleide tun werde. Elinontis hatte ihren Krug auf den Boden gestellt und griff gerade nach dem Eimer, als Ina sich langsam erhob und dem Brunnen zuwendete. Da aber stieß das Kind einen leisen Schrei aus und sprang davon, garnicht daran denkend, ihren Krug zu füllen oder denselben doch wenigstens wieder mit sich zu nehmen.
Ina sagte nichts, sie rief dem Kinde auch nichts zu, ging aber zum Brunnen. Sie hatte einen Plan, den sie ausführen wollte. Elinontis lief nicht nach Hause, sondern sie lief nur eine Strecke weit fort, dann blieb sie stehen, um zu sehen, wohin Ina ging und was sie vorhatte.
Wie gesagt, Ina ging zum Brunnen. Dort angelangt, nahm sie den Eimer, ließ ihn in den Brunnen hinab und füllte den Krug der kleinen Elinontis mit Wasser. Dann ging sie wieder an ihren Platz vor dem Hause zurück. Zuvor aber winkte sie dem Kinde zu kommen und seinen Krug zu holen.
Elinontis rührte sich nicht vom Fleck. Sie schaute nur starr auf die Frau. Wohl zehn Minuten mochten vergangen sein. Elinontis kam nicht, ihren Krug zu holen. Ina ging in ihr Haus zurück, beobachtete aber das Kind durch das Fenster.
Da sah sie nun, wie Elinontis langsam, immer hin und wieder stillstehend und nach der Haustür schauend, herankam. Jetzt war sie am Brunnen angelangt.
Elinontis bückte sich über ihren Krug und schaute in denselben hinein. Eine kleine Weile stand sie still, als ob sie überlege. Dann blickte sie auf, ballte und schüttelte ihre kleine Faust nach dem Hause zu, gab dem Krug einen Stoß mit dem Fuß, so daß er umfiel und alles Wasser, das Ina eingeschöpft hatte, auf den Erdboden floß. Eilig schöpfte das Kind neues Wasser und ging dann mit dem Kruge davon.
Ina stand sprachlos. Was war das für ein Gebahren von einem sechsjährigen Kinde? War es Furcht, die Weiße möchte ihr das Wasser vergiftet haben, oder war es ein solcher Haß, daß sie keinen Liebesdienst von ihr annehmen wollte? Wahrscheinlich beides. Ina wollte Majull den Vorgang erzählen und ihn fragen, was er denn wolle.
Das tat sie auch, als Majull bald darauf kam, um seine Herrin zu den Besuchen bei den Indianern abzuholen. Wie alle Tage ritten die beiden zuerst zum Hause der kranken Mutter der kleinen Elinontis.
„Majull,“ sagte Ina, „ich muß dir etwas erzählen.“
„So erzähle,“ erwiderte Majull.
Ina erzählte und als sie zum Schluß fragte, ob Majull denke, daß Elinontis aus Haß oder aus Furcht so gehandelt habe, lachte Majull laut auf.
„Die Kleine haßt dich gar nicht mehr und hat auch keine Furcht vor dir,“ sagte Majull.
„Aber sie ist doch nie da, wenn wir zu ihrer Mutter kommen,“ entgegnete Ina.
„Das kann sie nicht,“ erwiderte Majull, „sie muß jeden Morgen zur Agentur gehen und Lebensmittel holen. Kranke und Arme erhalten gratis Mehl, Kaffee, Fleisch und Zucker von der Regierung. Sie läuft nicht deinetwegen fort.“
„Aber heute morgen lief sie fort.“
„Du hast sie wahrscheinlich erschreckt.“
„Aber warum hat sie denn das Wasser ausgegossen und nach meinem Hause hin mit der Faust gedroht?“
„Ich kann mir schon denken, was die Ursache war,“ sagte Majull. „Wenn die Kinder gehen, um Wasser zu holen, nehmen sie sich gewöhnlich eine Handvoll geröstetes Welschkorn mit auf den Weg. Das tun sie in den Krug und nehmen es heraus, ehe sie letzteren mit Wasser füllen. Sie essen dann das Korn auf dem Heimwege. Das ist ihr Frühstück. Das Korn war sicherlich noch im Kruge, als du das Wasser hinein gossest. Du hast dem Kinde sein Frühstück verdorben. Darüber war die Kleine böse. Kannst du ihr das verargen?“
„Nein, gewiß nicht, wenn sich die Sache so verhält,“ erwiderte Ina. Nach einer Weile setzte sie nachdenklich hinzu: „Ich wollte, es wäre wiedu sagst, daß das Kind mich weder haßt noch fürchtet.“
„Es ist so, glaube es nur. Aber vom Nichtfürchten und Nichthassen zum Vertrauen ist noch ein großer Schritt. Du kannst nicht erwarten, daß die Kleine dir bereits vertraut. Du hast ja noch nicht einmal mit ihr geredet.“
„Sie läßt mich ja gar nicht an sich herankommen, daß ich zu ihr reden könnte,“ sagte Ina.
„Das wird sich schon finden,“ meinte Majull, und sie stiegen von ihren Pferden, um in die Hütte der kranken Frau einzutreten.
Am nächsten Morgen saß Ina wie an den vorhergehenden Tagen vor ihrer Hütte. Neben ihr lag ein großes Stück weißes Brot, dick mit Honig bestrichen. Sie wollte das nicht selber essen, sondern versuchen, es der kleinen Elinontis zu geben, um ihr das Frühstück von gestern zu ersetzen, was sie ihr verdorben hatte.
Elinontis kam. Wie gewöhnlich stellte sie ihren Krug hin und schöpfte dann Wasser. Heute aber bemerkte Ina, die ihr genau auf die Finger schaute, daß sie bevor sie den Krug füllte, in denselben hineingriff und die Hand geschlossen wieder herausnahm. Es war also wie Majull gesagte hatte. Elinontis hatte etwas in dem Kruge.
Als Elinontis gleich darauf zu Ina hinüberblickte, hob diese das schöne Stück Brot auf, zeigtees dem Kinde und winkte, es solle kommen und sich es holen.
Elinontis schüttelte sehr energisch mit dem Kopf. Ina ließ sich dadurch nicht abschrecken. Sie wiederholte mit freundlichem Lächeln die Aufforderung. Elinontis schüttelte wieder mit dem schwarzen Strubbelkopf. Ina machte nun mit Geberden und Zeichen dem Kinde klar, wie gut das Brot schmecke.
Das schien Eindruck auf Elinontis zu machen. Sie steckte einen Finger in den Mund und schaute verlegen, begehrlich und nachdenklich zu Ina hinüber. Plötzlich zog sie den Finger aus dem Munde, streckte den rechten Arm aus und wies auf einen großen Stein, der weit abseits, ungefähr in gleicher Entfernung von ihr und Ina lag.
Ina wußte nicht, was Elinontis wollte. Diese aber ließ nicht nach. Sie wies auf den Stein, auf Ina, auf das Brot in ihrer Hand und machte dann eine Bewegung, die anzudeuten schien, daß Ina zum Stein gehen sollte.
Jetzt verstand Ina. Sie stand auf und ging langsam zum Stein hinüber. Dort blieb sie stehen und wartete. Aber es war noch nicht richtig. Elinontis wies wieder auf das Brot, das Ina mitgenommen hatte, dann auf den Stein und schließlich auf das Haus.
Endlich wußte Ina Bescheid. Sie sollte dasStück Brot auf den Stein legen und dann wieder zum Hause zurückgehen. Dann wollte Elinontis hingehen und sich das Brot holen. Ina war glücklich, daß sie verstand, glücklich, daß das Kind das Brot nehmen wollte, und die Art, wie sie, die Geberin dabei zu verfahren hatte, kränkte sie gar nicht. Sie legte das Brot auf den Stein, nachdem sie denselben zuvor mit der Hand von Staub gereinigt hatte und ging dann zu ihrem Sitz vor dem Hause zurück.
Kaum hatte Ina sich gesetzt, da sprang auch schon Elinontis leichtfüßig zu dem Stein hinüber, ergriff das Stück Brot, leckte gleich zweimal am Honig und lief dann zum Brunnen zurück. Schnell füllte sie ihren Wasserkrug und ging, ohne noch einmal zu Ina hinüberzusehen, ihrer Hütte zu. Ina schaute ihr glücklich nach. Siehe da, gerade an der Ecke, wo das Kind umbiegen mußte und wo es den letzten Blick auf Inas Haus werfen konnte, drehte es sich noch einmal um. Als es aber sah, daß Ina ihr mit ihren Blicken folgte, wandte es den Kopf schnell wieder ab.
„Ja, drehe deinen Kopf nur schnell um,“ sagte Ina vor sich hin und lächelte, „das wird schon noch anders werden. Jetzt haben wir einen Anfang.“ Ina war sehr glücklich über diesen Morgen. Als Majull kam, sah er sie verwundert an.
„Was ist dir begegnet?“ fragte er, „du machst ja ein so fröhliches Gesicht und in deinenAugen strahlt es, als scheine die Sonne hinein, und du stehst doch ganz im Schatten.“
„Elinontis hat mein Brot genommen,“ sagte Ina.
„Dein Brot genommen? Was du sagst!“ Er ging, um das Pferd zu besorgen. „Ein wunderliches Weib,“ murmelte er in seiner Indianersprache vor sich hin, so daß Ina ihn schon darum nicht verstand, „sie ist ganz anders wie die andern.“
Am nächsten Morgen dachte Ina: Heute bleibe ich einmal im Hause und gehe gar nicht hinaus. Ich will vom Fenster aus sehen, ob sie mich vermißt oder sie sich gar nicht um meine Abwesenheit kümmert. So machte sie es.
Elinontis kam. Wie alle Tage setzte sie ihren Krug hin, griff nach dem Eimer und fing an, Wasser aus dem Brunnen heraufzuziehen. Sie tat das alles aber heute viel langsamer als sonst, und beständig flogen die schwarzen Augen zu der Tür des Lehmhauses hinüber, in dem die weiße Frau wohnte. Ina schaute sehr aufmerksam zu. Sie hätte gar zu gern gewußt, ob das Kind wieder nach einem Stück Honigbrot verlangte oder ob sie die Frau vermißte, die sie sonst jeden Morgen vor der Tür angetroffen hatte. Endlich war Elinontis fertig, sie ging aber auch dann noch nicht gleich, sie machte sich noch an ihrem Krug und an dem Riemen zu schaffen und warf noch einen langen fragenden Blick nach dem Hause, ehe sie schließlich ihren Krug aufhob und von dannen ging.
Majull erzählte an diesem Morgen der Feldmatrone, daß seine Ehefrau, seine Klaschimba, gestern abend bei Elinontis Mutter gewesen sei. Die kranke Frau habe ihr erzählt, die Kleine sei gestern morgen mit einem großen Stück Honigbrot heimgekommen, habe ihr die größere Hälfte davon abgegeben und gesagt, die weiße Frau habe das Brot auf den Stein gelegt für sie, und sie sei nicht böse. Da leuchtete es wieder in Inas Augen, und sie stand doch wieder im Schatten. Es mußte etwas anderes sein, was das Leuchten in ihre lieben Augen brachte, als die Sonne. Majull sah nichts davon, Ina hatte sich nämlich schnell umgewandt. So konnte er auch keine Bemerkungen über das Leuchten machen.
Noch eine andere Freude hatte Ina an diesem Tage. Während sie an Elinontis Mutter Bett kniete und die kranke Frau wusch, wie sie das alle Tage tat, tupfte die Frau mit ihrem Zeigefinger auf einen schönen goldenen Ring, den Ina an einem Finger ihrer rechten Hand trug. Freudig überrascht über diese Annäherung, streckte Ina ihr die Hand hin und sagte: „Ein schöner Ring, nicht wahr?“ sagte sie, „den hat mir meine Mutter geschenkt und selbst an den Finger gesteckt, als ich ein Mädchen von sechzehn Jahren war.“
Majull übersetzte der Kranken, was Ina gesagt hatte. Diese nickte und sagte, nachdem sie ihre Pflegerin eine Weile prüfend angesehen hatte: „Du mußt eine gute Mutter gehabt haben.Nicht alle Mütter sind gut. Gute Mütter haben gute Kinder, schlechte Mütter haben schlechte Kinder. Du mußt eine gute Mutter gehabt haben,“ wiederholte sie. Es war das erstemal, daß die Frau sprach, seit Ina angefangen hatte, sie regelmäßig zu besuchen und ihr zu dienen. Was sie sagte gab Ina Gelegenheit, die Sprache auf die kleine Elinontis zu bringen. Sie sagte zu der Frau: „Du bist auch eine Mutter. Du hast ein liebes kleines Mädchen. Du willst auch eine gute Mutter sein, das weiß ich. Da will ich dir etwas sehr Gutes sagen, was eine gute Mutter für ihr Kind tun muß. Ich lese dir immer Geschichten vor, wenn ich hier bin. Diese Geschichten sollst du der kleinen Elinontis erzählen. Ich möchte sie ihr auch gern erzählen, kann aber nicht. Sie läuft vor mir fort, und wenn ich hierher komme, ist sie nicht da. Der Sohn Gottes, von dem ich dir immer vorlese, hat die Kinder sehr lieb und er will, daß alle Kinder ihn kennen lernen. Die Mütter müssen dafür sorgen, daß die Kleinen von dem Sohn Gottes hören. Du bist sehr krank, du könntest eines Tages sterben. Dann ist Elinontis ganz allein; wenn sie aber den Sohn Gottes kennt, dann ist Er immer bei ihr und sorgt, daß ihr kein Unheil zustößt und daß sie einmal in den Himmel kommt, wohin du auch gehst. Ich weiß, der Sohn Gottes bringt dich dorthin, er hat alles für dich gut gemacht.“ So sprach Ina zu der Kranken. Diese hörteaufmerksam zu. Sie sagte aber nichts, doch wandte sie sich an Majull, als Ina mit ihm fortgehen wollte und sagte etwas zu ihm. Als Ina nachher Majull fragte, während sie nebeneinander dahinritten, was die Frau gesagt habe, erwiderte er: „Sie hat gesagt, so etwas Gutes wie das, was du ihr aus dem Buch vorlesest, könne keine Mutter für sich behalten; sie erzähle jeden Tag ihrer Elinontis, was sie von dir gelernt habe.“
Ehe Ina an diesem Tage nach Hause ritt, sprach sie bei dem Kaufmann vor, bei dem die Indianer und die weißen Angestellten der Reservation ihre Waren kauften. Sie kaufte dort eine Orange, und zwar suchte sie die größte und schönste aus, die der Mann in seinem Laden hatte.
Diese Orange lag am nächsten Morgen neben Ina auf der Steintreppe vor ihrem Hause, wohin sie sich wieder mit ihrem Buche gesetzt hatte und las. Ina ließ das Kind erst seinen Krug füllen. Dann zeigte sie ihm die Orange und winkte. Elinontis schaute Ina verwundert an, als wollte sie sagen: Wie kannst du nur so etwas denken, daß ich zu dir kommen sollte! Ina winkte noch einmal. Da schüttelte Elinontis den Kopf, ging aber nicht fort, sondern blieb mit dem Krug auf dem Rücken stehen und schaute bald Ina, bald die Orange in ihrer Hand an.
Ina stand jetzt auf. Da zuckte Elinontis zusammen, es schien fast, als wolle sie davonlaufen, — sie tat es aber doch nicht, sondern zog den Fuß, den sie schon angesetzt hatte, wieder zurück.
„Es ist etwas viel verlangt, wenn das Kind gleich hierher kommen soll,“ dachte Ina, „gehe ich aber zu ihr, so läuft sie mir sicher wieder fort.“ Da kam ihr ein Gedanke. Ina wies auf die Stelle, die ungefähr mitten zwischen ihr und Elinontis war und machte mit Zeichen dem Kinde klar, daß es bis zu dieser Stelle gehen und daß sie, Ina, auch dorthin kommen wolle. Elinontis wollte aber noch nichts davon wissen. Statt aller Antwort wies sie wieder auf den Stein, auf den Ina zwei Tage vorher das Honigbrot gelegt hatte. Sie sollte es wieder so machen wie damals. Das wollte Ina aber nicht. Sie schüttelte sehr bestimmt den Kopf, so daß Elinontis sofort merken konnte, daß daraus nichts werden würde.
Ina wies wieder auf die Stelle halbwegs zwischen sich und Elinontis, winkte und zeigte die Orange. Elinontis streckte die schmutzige kleine Hand aus. Da machte Ina einen Schritt vorwärts und bedeutete Elinontis, daß sie nun das gleiche zu tun habe. Noch zögerte das Kind, da winkte Ina noch einmal und — welche Freude — Elinontis hob den rechten Fuß und machte einen kleinen Schritt vorwärts, wie Ina getan hatte. Nun ging Ina einen Schritt weiter und zeigte Elinontis, daß sie nun an der Reihe sei, wieder einen Schritt zu tun, und wirklich, Elinontis machte einen Schritt. Dieses Mal war letzterer nicht mehr so klein, es war schon ein ordentlicher, richtiger Schritt, wie ihn kleine sechsjährige Mädchen machen. Wieder machte Inaeinen Schritt. Diesmal mußte sie noch winken und locken, aber das nächste Mal folgte Elinontis ganz von selbst, und nach ein paar weiteren Schritten von beiden Seiten, da konnte Ina die schöne Orange in die Hand des kleinen Indianermädchens legen.
Aber, sobald das Kind die Orange in seinem Besitz hatte, drehte es sich auch um und lief, so schnell es laufen konnte, davon, so daß das Wasser aus ihrem Krug herausspritzte und es über und über naß wurde. Gerade kam Majull angeritten. Er sah das laufende Kind und reimte sich wohl zusammen, warum es so lief. Er sprang von seinem Pferde und hielt die kleine Elinontis auf.
„Warum läufst du so?“ sagte er, „sie kommt nicht hinter dir her, sie tut dir nichts. Schau dich doch mal um, da steht sie ganz ruhig. Du mußt nicht vor ihr weglaufen. Sie ist eine gute weiße Frau.“
Elinontis schaute sich um. Sie machte ein ganz beschämtes Gesicht. Richtig, da, ganz weit weg von ihr, stand Ina, und sie, Elinontis, hatte gedacht, sie sei hinter ihr her. Sie hatte gemeint, ihre Schritte hinter sich zu hören, zu fühlen, daß sie ihren Kleiderrock gepackt hatte. Wie dumm sie doch gewesen war.
Als Majull die Kleine wieder los ließ, ging sie ruhig und langsam nach Hause zu ihrer Mutter. Die Orange drückte sie letzterer in die abgemagerte Hand, die Mutter sollte sie ganz alleinhaben. Diese wollte aber nicht, ein Stückchen nahm sie, den Rest aber bekam die kleine Elinontis. Und dann sprach die Mutter mit ihr ganz leise, denn sie konnte nicht sehr laut mehr reden, aber Elinontis hörte es, und auch die Engel im Himmel hörten, was die Mutter ihrem Kinde sagte, und es war etwas, woran sie ihre helle Freude hatten. Es waren Worte, die dazu beitrugen, den Haß, die Furcht, die Feindschaft, die die Mutter in das Herz des Kindes gesät hatte, zu brechen, wie diese in ihrem eigenen Herzen mehr und mehr gebrochen worden waren durch die warme, selbstverleugnende Liebe, die die fremde weiße Frau ihr in ihrem Elend hatte zuteil werden lassen.
Ina legte sich an jenem Abend früh zur Ruhe. Sie war müde, denn sie hatte einen sehr weiten Ritt mit Majull machen müssen. Gegen Mitternacht aber wurde sie geweckt durch lärmenden Gesang und wüste Trommelmusik. Ina setzte sich auf in ihrem Bette und horchte. Das waren wieder Medizinmänner, wie sie solche in der ersten Nacht ihres Aufenthalts auf der Indianerreservation gehört hatte. Es waren Quacksalber und viele andere Leute, die zusammengekommen waren, um mit Singen und Trommeln eine Kranke gesund zu machen. Ina horchte wieder auf. Aus welcher Richtung kam wohl der Lärm? Kein Zweifel, er kam aus der Richtung her, wo die Hütte der kranken Mutter der kleinenElinontis stand. Die Quacksalber und andere Sänger bemühten sich um die Frau. Nein, so etwas durfte und wollte Ina sich nicht gefallen lassen. Elinontis Mutter stand jetzt unter ihrer Fürsorge und Behandlung. Die Medizinmänner hatten mit ihr nichts zu tun. Sie sollten der Kranken nicht die zu ihrer Genesung so nötige Ruhe durch Singen und Trommeln rauben. Ina war entschlossen, das nicht zu dulden.
Sie stand auf und kleidete sich an. Ein Licht brauchte sie nicht anzuzünden. Es war heller, klarer Mondschein, der es so schön hell in dem kleinen Zimmer machte.
Es war nur eine kleine halbe Meile Weges zu der Hütte. Ina ging zu Fuß, sie sattelte nicht erst ihr Pferd, obwohl sie gelernt hatte, es im Notfall selber zu tun. In der Regel kam ja Majull und besorgte alle Arbeit mit dem Pferde. Also Ina ging zu Fuß. Sie ging sehr schnell. Es war ihr um jede Minute zu tun, um der Kranken Ruhe zu schaffen. Der Gedanke, daß die Indianer ihr etwas zu Leide tun möchten, kam ihr nicht, obwohl sie wußte, daß sie bei solchen nächtlichen Gesängen auch immer berauschende Getränke zu sich nahmen. Sie trinken dann die ganze Nacht, Männer, Frauen und Kinder, und gegen Morgen sind meistens alle betrunken. Häufig gibt es auch Schlägereien und Streitereien, und zuweilen kommen auch Leute umsLeben. Ina, die wie gesagt, das alles wußte, dachte gar nicht daran, und hatte darum auch keine Furcht. Sie dachte nur wie die kranke Frau unter dem Lärm leiden mußte und wie gern sie doch ruhen und schlafen mochte, und hatte nur den einen Gedanken, der Frau zu helfen und ihr Gutes zu tun. So war keine Furcht in ihrem Herzen. Überdies wußte Ina ja, daß sie auf Gottes Wegen ging, und wer auf Gottes Wegen geht, braucht sich nicht zu fürchten; der hat immer einen allmächtigen Beschützer bei sich und die heiligen Engel zu seinem Dienst. Die Engel sind ja dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst derer, die ererben sollen die Seligkeit. Zu diesen Leuten gehörte Ina auch.
In zehn Minuten war sie an Ort und Stelle. Etwa dreißig Indianer lagen und saßen um die Hütte herum. Ganz dicht beim Eingang standen zwei große Trommeln. Diese hatten die Indianer selber gemacht. Sie bestanden aus alten eisernen Töpfen, die mit gegerbten Hirschfellen überspannt waren. Bei jeder Trommel saßen drei Indianer, ältere Männer, die mit langen dicken Stöcken dreinschlugen. Sie schlugen in schnellem Takt, immer einer nach dem anderen, während sie wie auch die übrigen anwesenden Indianer einen eintönigen lauten Gesang dazu ertönen ließen. Es war ein ohrenbetäubender Lärm.
Ina besann sich nicht lange. Sie ging zu denTrommlern, packte mit jeder Hand einen der Stöcke, hielt sie fest und ließ die Männer nicht weiter trommeln. Als die andern sahen, was vor sich ging, hörten sie auch auf zu trommeln. Und als die Männer aufhörten zu trommeln, hörten auch die Leute auf zu singen. Es wurde mit einem Male ganz still, und alle schauten überrascht und unwillig auf den Störenfried.
Ina ließ nun die Trommelstöcke los und begann so gut sie das konnte, den Leuten mit Zeichen klar zu machen, daß die Frau in der Hütte schlafen müsse und daß der Lärm, den sie machten, ihr schade. Das erstere verstanden sie bald, aber mit dem letzteren wollte es nicht so recht gehen. Ina aber ließ nicht nach in ihren Bemühungen, und schließlich merkten die Leute, daß sie ihnen sagen wollte, daß ihr Singen und Trommeln etwas Schlechtes sei. Da wurden sie böse. Das wollten sie nicht hören. Die meisten von ihnen sprangen auf; etliche näherten sich der Feldmatrone. Sie machten aber nur wenige Schritte, dann blieben sie wieder stehen, es schien, als wagten sie doch nicht recht, etwas zu tun. Ina stand unbeweglich, sie hatte ihren Blick fest und furchtlos auf die Ankömmlinge gerichtet. Freilich in ihrem Innern sah es nicht so aus, wie es nach außen hin den Anschein hatte. Da war doch ein leises Beben und Bangen, was wohl kommen mochte. Aber sie hatte den Kampf aufgenommen und mußte ihn ausfechten und mit Gottes Hilfe den Sieg davontragen.
Als die Leute wieder stillstanden, sagte Ina, mit der Rechten auf die umliegenden Hütten deutend, sie sollten nun alle nach Hause gehen. „Geht nach Hause,“ die Worte konnte sie in der Sprache der Indianer sagen. Sie hatte sich dies einmal von Majull sagen lassen, als etliche Kinder den beiden immer von einer Hütte in die andere folgten und sie nicht verlassen wollten. Damals hatte Majull ihr lehren müssen, wie man „Geht nach Hause“ in der Sprache der Indianer sagt. Diese Worte rief sie den Leuten nun zu. Die Wirkung war aber nicht die von Ina erwartete und erhoffte. Sie gingen nicht. Es entstand ein allgemeines Gemurmel und ein paar der Männer machten wieder ein paar Schritte, auf Ina zu, als wollten sie ihr zu Leibe rücken, um die lästige Friedensstörerin, wofür sie sie hielten, zu verdrängen.
Da stand plötzlich, wie aus dem Erdboden gesprungen, ein kleines Mädchen zwischen Ina und den drohenden Indianern. Ihre beiden kleinen Fäuste hatte sie geballt und redete laut und scheltend auf die Männer ein. Dabei wies sie bald auf Ina, bald auf die Hütte, wo die kranke Frau, ihre Mutter, lag — denn das kleine Mädchen war niemand anders als Elinontis.
Während sie sprach, blickten die Männer das Kind erst fragend an, dann begannen sie mit den Köpfen zu nicken, als wollten sie ihre Zustimmung zu dem Gesagten ausdrücken und schließlich wandtesich erst einer, dann ein zweiter, ein dritter und bald gingen alle langsam davon.
Ina stand allein in der mondhellen Nacht. Auch Elinontis war fort. Wie sie gekommen war, so war sie verschwunden. Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des Mädchens, es war ein Dankesseufzer, der aufstieg zu Dem, der die Seinen nie verläßt und auch jetzt in der Stunde drohender Gefahr ihr einen Engel in Gestalt dieses kleinen braunen Mädchens gesandt hatte.
Jetzt räusperte sich jemand hinter Ina. Erschrocken blickte sie sich um. Da stand ein junger Indianer, den sie schon etliche Male gesehen, wenn auch noch nicht gesprochen hatte.
„Du kannst nun wieder nach Hause gehen,“ sagte er, „die Leute sind alle in ihre Hütten gegangen und werden sich schlafen legen. Sie werden nicht wieder kommen, und die kranke Frau kann schlafen. Ich will dich nach Hause begleiten, denn ich glaube, du fürchtest dich, allein zu gehen.“
„Ich fürchte mich nicht,“ sagte Ina, „wenn ich mich fürchtete, wäre ich nicht allein hierher gekommen. Aber, wenn du mit mir gehen willst, danke ich dir. Komm.“
Und der junge Mann ging mit Ina.
„Wie heißt du?“ fragte Ina.
„Ich heiße Kodaggo.“
„Es ist lieb von dir, Kodaggo, daß du mich nachHause bringst, ich muß dir nämlich sagen, ich habe ganz die Richtung verloren, in der ich gehen müßte. Ich bin noch nie bei Nacht hier gewesen. Am Tage hätte ich mich schon zurecht gefunden.“
„Du bist eine weiße Frau,“ sagte Kodaggo und lachte, „wir Indianer verlieren nie den Weg. Einen Weg, den wir einmal gegangen sind, und wäre er noch so weit, finden wir immer wieder, wir fühlen uns wieder zurecht. Ihr weißen Leute seid anders. Ihr fragt immer nach den Wegen. Wir tun das nie.“
„Kodaggo, was hat Elinontis zu den Männern gesagt? Bitte, erzähle mir das. Ich habe ja kein Wort davon verstehen können und ich möchte doch gern wissen, was sie sagte und was die Männer bewegte, auf sie zu hören und fortzugehen. Was hat Elinontis gesagt?“
„Sie hat nicht viel gesagt,“ antwortete Kodaggo. „Zuerst hat sie die Männer gescholten und gedroht, sie würde ihnen die Augen auskratzen, wenn sie nicht fortgingen. Dann aber hat sie angefangen zu bitten und gesagt, ihre Mutter wolle nicht, daß sie noch weiter sängen, wenn die weiße Frau das nicht haben wolle, sie habe die weiße Frau lieb, ihre Mutter habe gesagt, alles, was die weiße Frau sage und tue, sei gut. So hat Elinontis gesagt, und da waren die Männer zufrieden und sind fortgegangen. Die Leute haben auch Elinontis gern. Sie ist nicht wie die andern Kinder. Sie läuft nicht den ganzen Tag in den Bergen umher. So klein und jung sie ist,arbeitet sie immer für die kranke Mutter und läßt sie nicht länger allein als sie muß. Sie ist ein sehr kluges, gutes Kind.“
Ina erzählte Kodaggo, daß sie Elinontis kenne, sie sähe sie jeden Morgen am Brunnen, wenn sie Wasser hole, das Kind habe aber noch nie mit ihr gesprochen, und sie möchte so gerne einmal mit dem Kinde reden.
„Warte nur,“ erwiderte Kodaggo, „die Zeit wird schon kommen. Heute nacht hat sie für dich geredet, es wird nicht lange dauern, dann wird sie auch mit dir reden.“
Mittlerweile waren die beiden in die Nähe von Inas Haus gekommen. Ina blieb stehen und reichte Kodaggo die Hand.
„Die letzte kleine Strecke kann ich nun allein gehen,“ sagte sie zu ihrem Begleiter, „habe Dank, daß du soweit mit mir gekommen bist. Ich hoffe, ich sehe dich bald einmal wieder. Ich freue mich über jede neue Bekanntschaft, die ich unter euch lieben Leuten mache.“
Kodaggo erwiderte nichts; er lüftete nur seinen Hut und ging eilig dahin zurück, woher er gekommen war.
Ina trat in ihr Haus, entkleidete sich und legte sich wieder zur Ruhe. Sie konnte aber nicht einschlafen. Teils war sie noch zu erregt von ihrem nächtlichen Erlebnis, teils war es so drückend heiß in dem kleinen Zimmer, daß sie meinte, kaum atmen zu können. Sie stand auf und öffnete die Haustür, aufdaß mehr Luft ins Haus dringe. Ina dachte, sie werde so bald nicht einschlafen und wollte die Tür wieder schließen, sobald sie spüren würde, daß Müdigkeit sich einstellte. Letzteres geschah aber, ohne daß Ina es merkte, und sie schlief ein, ohne dazu gekommen zu sein, die Haustür wieder zu schließen.
Als Elinontis am nächsten Morgen kam, um ihr Wasser zu holen, fand sie ihre Freundin nicht an dem gewohnten Platze, sie bemerkte aber die weit geöffnete Haustür. Das fiel der Kleinen auf. Ina hielt die Tür immer geschlossen den Tag über, damit ihr die lästigen Fliegen, von denen es in Arizona so viele gibt, nicht in das Haus kämen. Erst am späten Abend, nachdem die Fliegen sich ihre Schlafplätze gesucht, pflegte sie die Haustür zu öffnen. Elinontis kam aber nur am frühen Morgen und in der Nachmittagsstunde, so daß sie nie die Tür geöffnet gesehen hatte.
Die Kleine stand am Brunnen und überlegte. Wo mochte wohl Ina sein? Warum stand die Tür so weit geöffnet? Sie kam zu dem Schluß, daß Ina nicht im Hause sei und auch nicht in der Nähe, denn sonst müßte sie sie doch sehen können. Das Kind reckte seinen Hals und schaute umher. Ina war nirgendwo zu erblicken. Sie kletterte behende auf den Rand des Brunnens, um weiter sehen zu können. Nein, die weiße Frau war nirgendwo in weitem Umkreise. Glücklich wie einer, der eine erfreulicheEntdeckung gemacht, sprang Elinontis wieder von dem Brunnenrande auf die Erde.
Sie stand noch eine Weile und überlegte. Ob sie es wohl wagen konnte? Sie hätte gar zu gern einmal aus nächster Nähe in das Haus hineingeblickt, um sich Rechenschaft zu geben, wie es darinnen aussehe und was die weiße Frau alles darin habe.
Ein schelmisches, verschmitztes Lächeln stahl sich über die sonst so ernsten Züge des Kindes. Sie ließ ihren Krug am Brunnen stehen. Sie schien ganz und gar zu vergessen, daß die Schritte, die die kleinen, bloßen Füße in dem weichen Sande machten, kein Geräusch verursachten. Auf den Zehenspitzen, die anmutig gekrümmten Ärmchen bei jedem Schritt hebend, schlich sie vorsichtig an das Haus der weißen Frau heran. Zuweilen blieb sie stehen, lauschte und schaute umher. Nein, es war niemand zu hören oder zu sehen. Jetzt war sie an der Ecke des Hauses angelangt. Noch ein paar Schritte, und das Kind stand an der breiten hohen Steinstufe, der einzigen, die vor der Tür war, und auf der Ina sonst immer am Morgen saß.
Elinontis stützte sich mit den Armen auf die Stufe, bog sich weit über und blickte in das Haus hinein. Es war das erstemal, daß das Kind der Wüste, die Bewohnerin der elenden Sträucherhütte, in das Haus eines zivilisierten weißen Menschen schaute. Starr blickten die großen leuchtenden Augen. O, was sie da alles zu sehen hatten, das schönste von allem aber war doch das große, weiße Bett, in demIna lag. Sie schlief, Elinontis sah dies sofort. Nun brauchte sie ja gar keine Angst und Unruhe zu haben. Sie konnte sich ganz ruhig all die schönen Sachen, die in dem Hause waren, ansehen. Einige der Indianerkinder, die in Inas Nähe wohnten, gingen in die Schule. Die brachten zuweilen Bücher und Bilder mit heim. Elinontis hatte auf diesen Bildern gerade solche Dinge gesehen, wie Ina sie hier in ihrem Hause hatte, Stühle, Tische, Schränke, einen großen Spiegel usw., aber in Wirklichkeit sah das Kind dieselben heute zum ersten Male. Kein Wunder, daß Elinontis ganz stumm und starr war. Aber plötzlich lachte sie leise vor sich hin und hielt sich den kleinen Mund zu, damit ja kein Laut über ihre Lippen käme, der die Schläferin wecken könnte. Elinontis erblickte auf einem der Tische ein Glas, und in dem Glase stand ein großer Strauß gelber Blumen. Wie komisch das doch war! Die Blumen, die die Kühe fressen, hatte die weiße Frau sich in ihr schönes Haus geholt und auf den Tisch gestellt. Was sie wohl damit wollte? Sie konnte sie doch nicht essen, sie war doch keine Kuh. Wieder mußte sie lachen und die zweite Hand zu Hilfe nehmen, um den Mund fest zuhalten zu können.
Das Kind konnte sich garnicht satt sehen, aber immer wanderten ihre Blicke zu dem Bett und der Schläferin zurück. Das schönste in dem ganzen Hause war doch die große weiße Decke, mit der Ina sich zugedeckthatte. Wie mochte die so warm und weich sein! In dem Herzen der kleinen Elinontis regte sich der Wunsch, sie möchte einmal die schöne Decke anfassen, ein bißchen drücken und streicheln. Wie waren die Decken, die in ihrer Hütte auf der Erde lagen, unter denen sie schlief, so hart, so schmutzig, so zerrissen! O, wie ganz anders erschien die Decke, die die weiße Frau hatte!!
Der Wunsch, das Ding einmal ganz aus der Nähe zu sehen und anzufassen, war so stark in dem Herzen des Kindes, daß es alle Furcht und Scheu verlor und schon den Gedanken gefaßt hatte, in das Haus und an das Bett heranzuschleichen, als die Schläferin plötzlich eine Bewegung mit dem einen Arme machte. Hei, wie Elinontis davonflog! Hätte Ina in demselben Moment die Augen aufgeschlagen, sie hätte doch nichts mehr von der Besucherin zu sehen bekommen, die sie vor ihrer Haustür gehabt hatte. Ina wachte aber noch nicht auf. Sie schlief ruhig weiter, während Elinontis, so schnell sie konnte, ihren Krug mit Wasser füllte und damit nach Hause eilte. Sie warf noch einen Blick nach der geöffneten Tür. Ina kam nicht heraus. Wie froh war das Kind!
Majull war sehr aufgebracht, als er kam. Ina war noch beim Kaffeetrinken. Er kam zu ihr in die Küche und schalt sie gehörig aus. Die Indianer hatten ihm erzählt, daß Ina mitten in der Nacht bei den Hütten gewesen sei, und was sich da alles zugetragen habe.
„Weißt du nicht, daß es gefährlich ist, mit einem betrunkenen Indianer zusammen zu kommen?“ fragte er. „Ein solcher ist nicht wie ein betrunkener weißer Mann. Wenn ein weißer Mann betrunken ist, dann beträgt er sich wie ein Narr. Ist ein Indianer betrunken, so ist er wie ein wildes Tier. Er beißt, schlägt, sticht, schießt, und ist gefährlich für jeden, der ihm in den Weg kommt. Darum verbietet auch die Regierung, den Indianern berauschende Getränke zu verkaufen. Wenn einer unserer Leute betrunken ist, gehen wir ihm aus dem Wege, bis er wieder nüchtern geworden ist — du aber gehst ohne Schutz mitten in der Nacht zu einer Schar betrunkener Indianer. Es hätte dein Tod sein können.“
„Sie waren garnicht betrunken, wenigstens noch nicht, als ich hinkam,“ verteidigte Ina sich.
„Das konntest du nicht wissen, sie hätten es gerade so gut schon sein können. Es sind fast immer etliche betrunken, wenn sie die Nacht hindurch singen. Sie wissen sich das verbotene Getränk zu verschaffen, trotz aller Wachsamkeit der Polizei. Und wenn sie nichts kaufen können, verstehen sie es, sich selber etwas zu bereiten. Du darfst das nie wieder tun,“ sagte Majull und drohte mit dem Finger.
Ina lachte. „Du weißt ja, ich fürchte mich nicht,“ sagte sie.
„Du sollst dich auch nicht vor den Indianern fürchten,“ entgegnete Majull, „solange sie nüchternsind, aber wenn sie betrunken sind, mußt du es wohl. Wenn du es nicht tust, wirst du eines Tages dafür zu leiden haben. Und ich will nicht, daß dir etwas zuleide getan wird.“
„Du magst recht haben,“ sagte Ina und reichte dem Indianer die Hand.
In den nächsten Tagen kamen Ina und Elinontis einander nicht viel näher. Sie hatte noch kein Lächeln, kein Nicken, keinen Händegruß von dem Kinde bekommen, so reichlich sie auch dem Kind davon hatte zuteil werden lassen. Hatte Ina etwas für die Kleine, einen Apfel, ein Stück Brot, einen Kuchen oder sonst etwas Außergewöhnliches, so blieb es bei der einmal begonnenen Art der Verabreichung. Die beiden begegneten sich auf halbem Wege.
Es wäre vielleicht besser gewesen und Elinontis wäre schon zutraulicher geworden, wenn das Kind nicht ein schlechtes Gewissen gehabt hätte. Sie dachte immer daran, wie sie an jenem Morgen in das offene Haus geschaut hatte und hineingehen wollte, um die Decke anzufassen. Es kam ihr vor, als habe sie etwas Unrechtes tun wollen. Dazu war sie nicht sicher, ob Ina sie nicht vielleicht gar möchte gesehen haben. Sie mußte jeden Morgen wieder daran denken, wenn sie die weiße Frau sah. Da kam ihr bei dem Zartgefühl, das in ihrem Kinderherzen wohnte, der Gedanke, sie wolle versuchen, wieder gut zu machen, was sie getan hatte. Sie wollte der weißen Frau etwas geben. Damit wärewieder ausgeglichen, was sie ihr an jenem Morgen mit den Augen weggeguckt hatte. Das Kind machte sich dies nicht so klar, wie es hier geschrieben steht, aber es fühlte so, und aus diesem Gefühl heraus kam ihm die Frage, was sie Ina wohl geben könne.
Aber was hatte Elinontis? Was konnte sie geben? Sie dachte diesen Morgen wieder daran, als sie gerade ihr Frühstück, das geröstete Welschkorn, aus dem Kruge herausholte. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Ohne sich lange zu besinnen, lief sie zu Ina hin, die auf der Steintreppe saß und las und warf der aufs höchste Überraschten alle braunen Welschkornkörner, die sie in ihrer kleinen schmutzigen Hand hatte, in den Schoß. Ehe Ina ein Wort sagen konnte, war die Kleine schon wieder auf und davon, füllte ihren Krug und eilte nach Hause.
Eine ganze Weile saß Ina stumm und schaute auf die Körner in ihrem Schoß. Dann fing sie an, sie ganz behutsam, als wären es wertvolle Goldkörner, zu sammeln. Dabei flüsterte sie: „Mein erstes Geschenk aus Indianerhand und dazu noch aus der Hand dieses Kindes,“ und während sie diese Worte sprach, fielen Tränen, dicke, helle Tränen auf die kleinen Körner. Siehe, da warf die aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen in diese Tränen, und die Tränen leuchteten wie Gold, aber nicht wie irdisches sondern wie himmlisches Gold.
So vorsichtig, als trüge sie einen Schatz, einen großen Schatz — und es war auch einer — trug Ina die Welschkornkörner in ihr Haus. Sie legte sie nicht aus der Hand, sondern ging an ihre Kommode, zog eine Schublade aus derselben heraus und fing an darin zu kramen. Nach einigem Suchen schien sie gefunden zu haben, was sie wollte. Sie brachte eine kleine mit rotem Leder überzogene Schachtel zum Vorschein. Mit dieser setzte sie sich an ihren Tisch. Sie öffnete dieselbe und ein prächtiges, goldenes mit Perlen besetztes Armband lag darin. Ina nahm das Armband heraus und warf es, als sei es etwas ganz Wertloses, auf den Tisch. Dann öffnete sie die Hand, in der sie das Geschenk der kleinen Elinontis hatte, und nahm behutsam die Körner, eins nach dem andern aus der Hand und bettete sie in den weichen feinen Sammet, mit dem das Kästchen, das vor ihr stand, gefüttert war. Wie war doch Ina so glücklich und froh bei dieser Beschäftigung! Wieder kamen die dummen Tränen. Ach, hätte sie nur jemanden gehabt, zu dem sie sich hätte aussprechen, der ihre Freude hätte teilen können, aber da war niemand! Dem guten Majull konnte sie doch nichts von dem Welschkorn erzählen, der hätte kein Verständnis für die Freude der weißen Frau gehabt, er hätte jedenfalls nur ein Lachen für sie.
Ina war so ganz in Gedanken versunken gewesen, daß sie garnicht gehört hatte, daßMajull vor ihrer Tür angehalten und vom Pferde gestiegen war. Jetzt klopfte er. Ina fuhr zusammen. Schnell schloß sie die Schachtel und barg dieselbe in der Kommodenschublade. Hierauf öffnete sie die Tür und Majull trat ein. Er hatte kaum ein paar Worte geredet, da fielen seine Indianeraugen, denen nie etwas entging, auf das Armband, das auf dem Tische lag. In Indianersprache kam ein Ausruf der Bewunderung und des Erstaunens über seine Lippen. Er trat näher an den Tisch heran und betrachtete das Armband ganz genau.
„Das ist etwas sehr Schönes,“ sagte er, „woher hast du das bekommen? Wer hat es dir geschenkt?“
„Das hat mir niemand geschenkt,“ sagte Ina, „ich habe es mir vor vielen Jahren einmal gekauft, als ich noch in Neuyork lebte und noch ein junges Mädchen war.“
„Darf ich das Armband einmal anfassen?“ fragte Majull.
„Gewiß darfst du das,“ sagte Ina, „du darfst es sogar behalten und deiner Klaschimba mitnehmen; ich schenke es ihr,“ setzte Ina hinzu, glücklich, einen Weg gefunden zu haben, wie sie in ihrer Freude jemand anders eine Freude bereiten konnte.
„O, du willst dies gute, goldene Armband meiner Klaschimba schenken? Was fällt dir denn ein? Dir muß etwas sehr Freudiges begegnet sein.“
„Das ist es auch, Majull,“ sagte Ina.
„Was denn?“ fragte der Indianer.
„Das sage ich dir nicht.“
„Das willst du mir nicht sagen? Warum nicht?“
„Weil du es nicht verstehst. Aber nun geh und sattle mir mein Pferd; wir haben heute viel zu tun.“
Majull bedankte sich für das Armband und ging. Als er im Stall bei dem Pferd angelangt war, murmelte er, wie er das oft tat, vor sich hin: „Sollte mich nicht wundern, wenn es etwas mit dem Kinde zu tun hat! Sie ist anders als die andern alle. Wer von all den andern würde sich so um ein Kind bemühen, wie sie?“ Dann nahm er das Armband aus der Tasche und betrachtete es prüfenden Blickes von allen Seiten. „Es ist echtes Gold,“ sagte er, „Klaschimba wird sehr stolz darauf sein. Keine der Indianerfrauen hat ein so gutes Armband.“
Auf ihrer gewohnten Rundreise zu den verschiedenen Indianerhütten sagte Ina plötzlich zu Majull, während die beiden langsam nebeneinander ritten: „Majull, wie sagt man in deiner Sprache „ich habe dich lieb“, ich möchte das gern wissen.“
„Warum willst du es wissen?“
„Ich will das einer Freundin in einem Brief schreiben. Sie hat mich gebeten, ich solle ihr doch einmal ein paar indianische Worte schreiben.“
Es war die volle Wahrheit, die Ina sagte. Es hatte wirklich eine Freundin diese Bitte in einem Brief ausgesprochen. Daß aber Ina gerade dieWorte „Ich habe dich lieb“ übersetzt haben wollte, hatte seinen besonderen Grund.
Majull schien so etwas zu ahnen. Die Indianer fühlen fast immer richtig heraus, wie Worte gemeint sind, die jemand zu ihnen spricht. Majull sagte aber nichts, er sah seine errötende Begleiterin nur ein wenig argwöhnisch von der Seite an. Dann sagte er: „Ich liebe dich, heißt in unserer Sprachenilchnscho!“
„Das kann doch nicht recht sein,“ meinte Ina.
„Gewiß, ich werde dir doch nichts Verkehrtes sagen, wenn du mich fragst? Ich sage dir immer die Wahrheit.“
Ina meinte einen tadelnden Ton herauszuhören, als Majull die letzten Worte sprach, sie hatte nämlich den argwöhnischen Blick aufgefangen, den Majull kurz zuvor auf sie geworfen hatte. „Du hast mir aber nureinWort gegeben, und ich habe dich nach drei Worten gefragt. Ich — liebe — dich; wie übersetzt man diese drei Worte in eure Sprache?“
„Ich liebe dich, heißtnilchnscho. In diesem einen Worte sind deine drei Worte enthalten.“
Ina war noch nicht zufrieden.
„Wie heißt ich?“ fragte sie.
„Ich heißtschi.“
„Und wie heißt dich?“
„Dich heißtni.“
„Und wie heißt liebe?“
„Das kann man nicht alleine sagen. Wir denken und reden anders als ihr. Es muß doch jemand da sein, der liebt, und auch etwas, was man liebt. Darum gehören nach unserm Gefühl die drei Worte zusammen. Man darf sie nicht auseinander reißen. Ich liebe dich heißtnilchnscho. Ein Wort für deine drei Worte.“
Nun war Ina zufrieden. „Jetzt habe ich es verstanden,“ sagte sie, „es gefällt mir, wie ihr da denkt und redet.“ Hierauf versuchte sie, das Wort nachzusprechen und sich einzuprägen. Majull mußte es noch etliche Male wiederholen, dann hatte Ina es fest in ihrem Kopfe. „Nun werde ich es nicht wieder vergessen,“ sagte sie. „Ich liebe dich“ „nilchnscho.“
Als Ina sich an jenem Tage von Majull verabschiedete, sagte sie: „Majull,nilchnscho. Ich meine aber nicht dich, sondern jemand anders.“
„Das weiß ich, du meinst die Freundin, die den Brief bekommen soll.“ Er lachte. Ina merkte, daß er Nebengedanken bei diesen Worten hatte. Das wurmte sie, deshalb sagte sie: „Ja, die meine ich, ich denke aber auch noch an jemand anders, wenn du es durchaus wissen willst, du neugieriger Mann.“
Majull lachte laut auf, es lag aber nichts Kränkendes in seinem Lachen sondern nur etwas Versöhnendes, und es klang geradezu herzlich, alser sagte: „Ich weiß, wen du meinst, du brauchst mir den Namen garnicht zu nennen.“
Majull zog seinen Hut vom Kopf — er hatte in der Schule gelernt, daß man zum Gruß den Hut abnehmen müsse, wenn man mit einer Dame zu tun habe — und ritt zu seiner Klaschimba. Er hatte es mit einem Male sehr eilig. Ihm war das goldene Armband eingefallen, das er in der Tasche hatte, und die Freude war wieder wach geworden, es seiner Klaschimba bringen zu dürfen.
Am nächsten Morgen erschien Majull in Begleitung seiner Frau bei Ina. Sie saß hinter ihm auf dem Pferde.
„Das ist meine Frau,“ sagte er zu Ina, die dieselbe bisher nicht gesehen hatte, „sie will dir zeigen, wie schön das Armband an ihrem Arm aussieht.“