10

Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz.

Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein . . . Wie riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer.

Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . .

Er hatte sie gesehen — nicht sie — die die Hüte schwangen! — hatte sie gesehen — die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade, Gnade in deinem Zorn! Da liegt er — Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter, in Schmerzen geboren, in Sorgen großgezogen — er ist tot — er wird sterben — er stirbt — Da liegt er wieder — — und hier, hier, Stücke, Fetzen — er ist dahin . . .

Grau war Ackermanns Gesicht.

Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen, immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie hinweg — Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht gnädig ist. Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren Augen arbeiten — und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg . . .

Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön und edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten Rasse in den Zügen. Und — was denkst du? — die schweißnassen, blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern und Bauern streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. Schön bist du! — Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. — Nun, mein Junge, dich hat es gepackt! — Liebkosten ihn — denBruder!

Den Bruder, den Bruder!

Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein flatternder Mantel flog dahin.

Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es!

Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen — einer mußte das Signal geben, selbst Signal sein — einer, einerlei, ob man ihn niederschlug, in Stücke zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr!

Einer, ja, einer —

Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns Antlitz.

„Nun wohl, ich bin bereit!“ rief er.

Bereit, bereit? Wozu bereit?

„Nun bereit, einfach bereit!“

Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren. Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen der Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott hatte ihn geprüft und auserwählt.

Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer Bruder, würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen — die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese Dinge zu denken.

„Vorwärts! Vorwärts!“ Die Glocken heulten es, die Todesschreie in der Luft, das Röcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der armen Waisen — die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die jetzt verbluteten, Freund wie Feind — alle, alle: vorwärts!

„Ackermann! Ackermann!“ riefen warnende Stimmen in der Luft.

Er blieb stehen und warf die Blicke empor zu den unbekannten Stimmen in der Luft.

„Ackermann! Ackermann!“

„Bereit — bereit!“ rief Ackermann und eilte weiter.

Im Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die Fenster geöffnet und die Rolladen hochgezogen. Es sah aus, als sei Kunze soeben von der Reise zurückgekehrt und nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in Besitz. Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern draußen, und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken.

„So, so — immer hereinspaziert!“

Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. Es mußte ja sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. — Ein Block von Licht brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie versengt, die Augen — aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den Haken über der Türe zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er — nichts sonst — diesen Haken.

Ah, ah, ah!

Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen.

„Nun, sofort, mein verehrter Herr!“ rief Kunze etwas keuchend aus. Eine Schweißperle lief über seine Stirn. Jede körperliche Tätigkeit, auch die geringste, erschöpfte ihn augenblicklich. „Die Lunge, wissen Sie. Sofort, sofort zu Ihrer Verfügung.“ Fieberhaft kletterten seine raschen Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu denn, vor wem denn? Er staunte — staunte, mit offenem Munde!

Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein ein Vermögen wert! Die Gaskrone mit Glasprismen, der rote Teppich, überall Vasen, Nippes, goldene Bilderrahmen — eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll drapiert über den Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! Und peinliche Ordnung und Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte.

Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung eines Bürgers in guten Verhältnissen — aberverlassen!

„Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne — und hier haben Sie eine prächtige Wohnung!“ rief Kunze in äußerstem Erstaunen aus.

Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten und saß zusammengekrümmt, so daß sein Gesichtnicht zu sehen war. Die schmalen Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten.

„Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!“

„Niemand“ — krächzte hier der Havelock — „kein Einbrecher würde es wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!“

Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen Überzieher und das grüne Hütchen auf einen Sessel und schnüffelte von neuem durch die Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf und dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. In Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls würde er sich in den Besitz dieser Wohnung setzen — er würde sie einfach für Dienstzwecke anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die verwöhntesten Damen empfangen — und in welch elendem Loch hauste er doch zurzeit!

In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge aus dem Munde. Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux, Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine —! Im Nu, völlig automatisch, hatte er eine Flasche entkorkt.

Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm nicht bange.

„Welche Reichtümer, Herr Herbst!“ lachte Kunze, als er mit der Flasche aus der Küche zurückkam. „Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun,ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wäre.“

Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem.

„Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!“

Herr Herbst hatte den Hut abgenommen — aufgeschreckt durch das laute Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes — und sein kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat.

„Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater — sagte ich Ihnen das schon? — ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal, sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen Scherz mehr, nein, ich bitte Sie — um Gottes willen, ernst, würdevoll, der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu mir: ‚Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche Pflicht, ziehe hinaus. Kämpfe‘, so redete er — der kategorische Imperativ — Kant — er ist Philosoph, mein Vater — ah, ah, was für ein Weinchen!“

Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, stand in einem breiten Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem, keckem Jungengesicht. Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des Bildes war mit Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen, standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er doch — Robert.

An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: eine etwas korpulente Dame mit voller Büste, vollenWangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, ein bißchen verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz trug sie um den Hals. Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, voller Würde, das volle dunkle Haar peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet. Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde — ein Beamter, der bei seinem Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die korpulente, freundlich lächelnde Dame an, so schien sie augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu plappern, zu sprudeln — der Herr aber, würdevoll, blieb stumm, schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch zur Hälfte in den schwarzen Gehrock geschoben — eine kleine Hand . . .

„. . . schlage sie aufs Haupt —“ sagte also mein Vater, er ist glühender Patriot — „diese vom Teufel Besessenen, die aus Neid und Rachsucht über unser geliebtes Vaterland herfallen — schlage ihnen die Schädel ein, zerreiße sie in Stücke — der Herr will es! Sofort packst du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach seinen Kräften, nicht wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack —“

Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des Beamten im schwarzen Gehrock versunken. Er stutzte, rückte den Kneifer zurecht — schlürfte am Glas. Hm!

War es denkbar?

Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick —?

Und diese fahlgelbe — Rübe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen — sollte sie —?

Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, das kleine Näschen und selbst das kurze Schnurrbärtchen,jetzt zwar grauer und schäbig — so unglaublich es erschien, dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock, und der Kleine, Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den entzündeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe Person!

Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines Geschwätzes. Er erhob sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch.

Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und verschwand schließlich in der Küche, um eine neue Flasche zu holen. Seine Miene hatte sich verändert, als er zurückkehrte. Sachlich und kühl betrachtete er den kleinen Herrn Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann:

„Aber genug mit dem Schwatzen jetzt“ — ruhig und geschäftsmäßig klang seine Stimme — „Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte, keine Zeit zu verlieren, der Major drängt, nun, er wird wieder von dem Oberst gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem sich nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt hat —“

„Eine hohe Persönlichkeit?“ Herr Herbst horchte plötzlich auf.

„Ja, ja. Ich kann Ihnen nichtmehrsagen. Es ist einer der sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten hatte.“

„Eine hohe Persönlichkeit?“

„Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter Weise Bericht — nein, auch von anderer Seite werden gleichzeitig, hören Sie,gleichzeitig, Informationen verlangt — aber, erlauben Sie, daß ich abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, zur Abrundung meiner Nachforschungen über Ihre werte Persönlichkeit, eine Frage an Sie zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich aber diese Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück lesen zu wollen.“

Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige einen auf Leinwand aufgezogenen Ausweis.

Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten Augen, las, verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß war hier zu lesen, daß Herr Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen . . .

„Sie haben Kenntnis genommen —?“

„Ja, ja — Kenntnis —“

„Nun, und so richte ich also die Frage an Sie —“

Der Havelock erhob sich erbleichend.

Zwei scharfe, messerscharfe Augen richteten sich auf ihn. Der Kneifer funkelte.

„Herr Herbst — ich scherze jetzt nicht mehr!“

„Nein, nein!“ stotterte der alte Mann.

Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte jetzt den Kneifer abgenommen.

„Weshalb haben Sie —?“

„Nein, nein — ah, Gott im Himmel!“

„Weshalb haben Sie Ihre Wohnung verlassen?“

Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. Er bedeckte das Gesicht mit den kleinen Händen und sank in den Sessel.

„Herr Herbst!“

Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich zurück. „Ich kann nicht — ich kann nicht — so wahr Gott lebt —“ rief er und richtete die Augen flehend auf Kunze.

„Herr Herbst!“ Eine Hand erhob sich.

Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und faßte nach dem Fensterkreuz.

Die Hand griff nach den Rockschößen.

„Aber, Sie werden doch nicht —? Kommen Sie!“

Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann von Kunze zum Sessel zurückführen.

„Beruhigen Sie sich“, sagte die kalte, dienstliche Stimme. „Haben Sie Vertrauen. Berichten Sie. Ich selbst werdeIhr Anwalt sein, die Sache so darstellen . . . einerlei, was es auch sei — bitte, trinken Sie, so, so! Auch ich bin ja ein Mensch. Aber die Pflicht, Sie verstehen —“

Der kleine alte Mann nickte.

Kunze selbst war totenbleich geworden vor Erregung. Sein Spitzelgehirn arbeitete — sensationelle Enthüllungen, ein Staatsverbrechen, Vorgesetzte, Beförderung, das Eiserne Kreuz . . .

„Sie waren ja selbst Beamter und wissen, was es bedeutet, dienstlich —“

Der kleine alte Mann rang die Hände und schluchzte. Dann setzte er sich aufrecht, gab sich Haltung — ganz wie auf dem Bilde an der Wand, ein Schatten der früheren Erscheinung.

„Ich weiß, weiß, auch ich war Beamter. Nun gut, da Sie dienstlich Auskunft verlangen — ich werde versuchen, Ihnen eine Erklärung zu geben. Es fällt mir schwer, meine Gedanken, meine Worte — alles ist nicht mehr wie früher — Gott im Himmel, es ist ja unmöglich, es zu sagen —“

„Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, können den Abend in aller Ruhe zusammen verbringen.“

„Wir hatten also einen Kanarienvogel —“ begann der kleine alte Mann stammelnd.

„Kanarienvogel? Fahren Sie getrost fort.“

„Einen Kanarienvogel — namens Hansi. Dieses Tierchen flog immer in der Stube umher, in allen Stuben, machte etwas Schmutz, aber wir liebten das Tierchen — und meine Frau liebte Hansi ganz besonders . . .“

„Ich verstehe, die Damen —“

„Ja, aber was wollte ich eigentlich? Hansi? Was hat Hansi damit zu tun? Sie können noch den Käfig in der Küche finden. Ja, aber was sollte er —?“

„Überstürzen Sie nichts — eines um das andere.“

„Hm. Sie wurde immer merkwürdiger, ja, das war es. Sie sprach eigentlich nur noch mit dem Vögelchen.“

„Ihre Frau?“

„Ja, sie. Immer stiller und merkwürdiger. Ich selbst, ich ging ja aus, ging in eine Kneipe, trank — Sie verstehen, es ist nicht nötig zu sagen, weshalb ich trank.“

„Unser Junge war ja unser ganzer Lebensinhalt geworden. Ich war in Pension gegangen, und wir waren seiner Studien halber nach Berlin gezogen. Da kam der Krieg, er wurde Soldat, Jäger, und schließlich kam er ins Feld. Eines Tages aber, da kam die furchtbare Nachricht — eines Tages . . .“

„Er war gefallen.“

„Gefallen?“

„Ja, natürlich, Sie sagten —“

Der kleine alte Mann schüttelte den Kopf.

„Nicht gefallen, Herr,“ flüsterte er, „in den Tod gehetzt — ich habe Unterlagen, Briefe — geschlachtet, nutzlos —“

„Sie sollten nicht derartig schwere Anschuldigungen erheben gegen gewisse Persönlichkeiten“, warf Kunze nicht ohne Strenge ein.

„Nun gut, gefallen, ganz wie Sie wollen. Es wurde immer stiller hier, immer stiller — meine Frau verließ nicht mehr die Wohnung, keinen Schritt tat sie über die Schwelle. Sie saß immer hier. Aber plötzlich saß sie nicht mehr, sondern sie stand — hören Sie — zuerst mitten im Zimmer, dann nur noch in den Ecken.“

„Sie war wohl schwermütig geworden?“

„Ja, schwermütig. Sie ertrug es nicht, nein, es war zuviel für sie! Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends komme ich spät nach Hause. Es war Mondschein. Ich sah also ziemlich gut. Und da steht sie also hier — unter der Türe. Hier, sehen Sie.“

„Ja!“

„Aber sehen Sie — sie stand sohoch!Nun, denke ich — da ist wieder mal Hansi auf den Schrank geflogen, wie häufig, und sie will ihn einfangen — aber plötzlich, dasehe ich . . . Da kommt es mir eigentümlich vor, ei . . ., ei . . . sie antwortet nicht. Aber sie antwortete häufig nicht mehr in dieser Zeit. Nun aber, da denke ich — da sehe ich — worauf stand sie eigentlich? Sie stand auf nichts! Ihre Füße waren abwärts gerichtet — und darunter war nichts — nur Mondlicht — nichts sonst — ich sah es ganz klar und deutlich . . . sie schwebte in der Luft . . . und da begriff ich es . . . dieser Augenblick — —“

Enttäuschung in den Zügen des schmächtigen jungen Mannes! Er hatte etwas ganz Besonderes erwartet — und nun eine alltägliche Geschichte, wie sie sich während des Krieges hundertmal in Berlin ereignete.

Der kleine alte Mann röchelte. Er sprang auf und schleuderte die kurzen dünnen Arme wild durch die Luft. Er ballte die kleinen gelben Fäuste und schüttelte sie in Raserei. Sein Gesicht verzerrte sich, die gelben Zahnstumpen blinkten, Schaum trat vor seine Lippen.

„Und alles daher —“ schrie er außer sich, und sein Gesicht wurde plötzlich blau, so daß Kunze erschrocken zurückwich — „alles daher, daher! Deshalb hasse ich ihn — hasse ihn, den Hoffärtigen, hasse ihn . . . mit diesen Händen werde ich — so wahr mir Gott helfe . . . hasse ihn —“

„Hasse — hasse . . .“ Seine Hände zuckten.

Und plötzlich stürzte der kleine alte Mann zu Boden. Er war ohnmächtig geworden.

Das Grammophon neben der kleinen Palme in der Ecke grölte:

Die Vöglein im Walde,Die singen ja so wunderwunderschön,In der Heimat, in der Heimat,Da gibt’s ein — ha! ha! ha!

Die Vöglein im Walde,

Die singen ja so wunderwunderschön,

In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt’s ein — ha! ha! ha!

Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schluß — beim Wiedersehn — lachte der Apparat. Und immer mußte Kunze aufspringen und die Kurbel neu andrehen.

Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, glänzend gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. Zuweilen unterbrach er sein Geschwätz und sang eine Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen auch rülpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke — dem Stolz der Freundlichen, Korpulenten an der Wand.

Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend vom Wein, und paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die Flasche an den Mund und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu.

„— und auf diese Weise, sehen Sie, Verehrtester, kam ich also zu G III.“

„G III?“

„Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz geheim — pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.“

„Viele Beamte?“

„Viele?“

Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht des kleinen Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in einem Lachkabinett. „Viele, sagen Sie?“ wiederholte er geheimnisvoll und wichtigtuerisch. „Viele? — Wir sindLegion!“

„Legion?“

Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst war vor diesem Wort zurückgeprallt und hatte erschrocken den Rauch ausgestoßen.

„Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, wo uns niemand vermutet. Ja ja, mein Verehrtester — überall. In allen Städten Deutschlands — bei allen Generalkommandos — bei allen Behörden — bei derPost, Eisenbahn — in den Ministerien — G III ist einfach überall.“

In der Heimat, in der Heimat,Da gibt’s ein — ha! ha! ha!

In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt’s ein — ha! ha! ha!

Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann der Trichter von neuem zu heulen:

Ich hatt’ einen Kameraden . . .

Ich hatt’ einen Kameraden . . .

„Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III nicht auf ihn gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich nicht selbst wieder beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben diese Einrichtung, geben Millionen dafür aus — unsere Organisation ist sogar noch klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, im Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können mir ruhig glauben.“

„Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es nicht merkt, besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. Wir überwachen die Korrespondenz von Tausenden!“

„Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es besonders interessante Fälle sind, photographische Kopien. Wir wissen alles, wir kennen die Geheimnisse der höchsten Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, da sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern unserer Verbündeten haben wir unsere Agenten. Wir bohren Löcher durch Türen und öffnen Schreibtische. Fürsten, Minister, Abgeordnete — wir kennen ihre geheimsten Gedanken.“

„Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester — er ist in guten Händen. Und auch jene hochgestellte Persönlichkeit, die sich für den Lebenswandel ihres Töchterchens interessiert — auch sie wird zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich — was glauben Sie? — wir werden einen Orden erhalten — auch Sie, hören Sie! Ich werde dafür sorgen, ich! —“

Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung still blieb, hob der Semmelblonde wiederum den Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht des kleinen Herrn Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben von einem dünnen, grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten, und ohne Laut sank er auf den Boden.

„Und noch eine Mosel — und noch eine Mosel — dreimal hoch!“ sang Kunze mit hellem Tenor und begab sich im Foxtrott hinaus in die Küche. Fürchterlich schlingerte das Haus.

„Gloria — Viktoria —“ heulte das Grammophon ganz allein für sich.

Vor dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt Ackermann den Schritt an.

Unendlich zart umschlang ihn ein Arm.

„Ich werde mir Mühe geben“, flüsterte eine weiche, unendlich geliebte Stimme.

„Ich weiß es!“

„Ich werde versuchen, stark zu sein, obschon ich wenig Mut habe.“

„Du bist tapfer.“

„Wann?“

„Bald!“

„Du wirst mir Nachricht geben?“

„Du wirst es fühlen.“

„Ja, ich werde es fühlen!“

„Lebe wohl!“

Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre ins Schloß fiel.

Der Leichnam des jungen Heinz war nach Berlin gebracht worden. An einem hellen Frühlingstag wurde er in die Erde gebettet. Die Kampfstaffel hatte den jungen Meerheim mit einem Kranz geschickt. Der Trauerzug war nur klein. Ohne eine Träne im Auge folgte die Majorin Sterne-Dönhoff dem Sarge ihres Sohnes, die Schwestern weinten leise und schüchtern. Etwas hinter dem kurzen Trauerzug, dicht verschleiert und schwarzgekleidet wie eine Witwe, ging Klara, deren schmale Schultern von einem ununterbrochenen Schluchzen geschüttelt wurden. Heinzens Freunde, Schüler, Knaben, sangen des Gefallenen Lieblingslied: Deutschland, Deutschland über alles. Die Majorin hatte es gewünscht. Sie selbst stimmte in das Lied ein, während sie mit verklärtem Lächeln in die Weite des Frühlingshimmels blickte.

Der junge Meerheim sprach einen kurzen Nachruf, mit unbewegter, soldatisch scharfer Stimme; acht Tage später wurde er selbst im Luftkampf getötet.

Noch nicht neunzehn Jahre alt, war Heinz gefallen.

Klara preßte das zusammengerollte Taschentuch zwischen die Zähne.

Sonderbar, und nicht die leiseste Ahnung! Am Abend vorher hatte noch ihr Stern so herrlich und verheißungsvoll gefunkelt.

Es war an dem Morgen nach Doras Fest geschehen — gerade in der Stunde, da sie einschlief. Meerheim sah die Maschine stürzen.

Einige Tage vorher — sie erinnerte sich dessen — hatte sie von Heinz geträumt. Er stand auf dem Flugplatz, die grüne Wollmütze auf dem Kopf, und auf seiner Brust glitzerte in der Sonne das Medaillon. Er spielte mit einemkleinen Dachshund, und Schwärme von furchtbar anzusehenden Flugzeugen, mit barbarischen Farben bemalt, rasten über ihn hin. Aber er sah sie gar nicht, spielte mit dem Hunde — man konnte diesen Traum wohl nicht eine Ahnung nennen?

Ohne jede Sorge, ja, mehr, mit dem Gefühl der Sicherheit, war sie nach Doras Fest schlafen gegangen, glücklich und voller Hoffnungen.

Vor wenigen Tagen aber fuhr sie in die Stadt. Nach ihrer Gewohnheit kaufte sie in einem Kiosk der Untergrundbahn wahllos einen Stoß Zeitungen. Wie viele Menschen, war sie zu einer fanatischen Zeitungsleserin geworden, es war eine förmliche Krankheit bei ihr. Plötzlich war es ihr, als ob sie seinen Namen gelesen habe! Unglaublich zwar — aber hatte er ihr nicht oft gesagt: gib acht, eines Tages wirst du plötzlich meinen Namen in den Zeitungen lesen, und wie überrascht wirst du sein! Sie blätterte, und richtig — da stand sein Name: Heinz Sterne-Dönhoff. Sie las, und sie begriff zuerst nicht. Nachdem vor knapp einem Jahre sein Vater, der Major Sterne-Dönhoff, den Heldentod . . . Sie las die Unterschriften, und plötzlich begriff sie.

Sie warf ihre Zeitungen auf den Sitz, daß sie umherflatterten, und rannte durch den Wagen.

„Er ist tot,“ schrie sie, „ich will hinaus!“

„Aber Sie sehen doch, daß der Zug fährt, Sie können doch nicht aussteigen“, sagten die Herren, die die Türe verbarrikadierten. „Sie zerschmettern sich den Kopf, liebes Fräulein.“

Da fuhr der Zug in einen Bahnhof ein, und Klara stürzte hinaus.

„Es ist schrecklich, jeden Tag erlebt man jetzt derartige Szenen. Gestern sprang eine Frau auf dem Bahnhof Spittelmarkt vor den Zug und ließ sich überfahren. Ich sage Ihnen, es war entsetzlich — dieser Schrei!“

„Hören Sie auf, ich kann von solchen Dingen schon gar nichts mehr hören —“

Arme, kleine Klara, sie begriff es noch heute nicht. —

Ja, nun wollte sie es wagen. In Gottes Namen!

Sie drückte auf die Klingel und gab ihre Karte ab. Diese Karte war schwarz umrändert. Klara war so tief und dicht verschleiert, daß man kaum noch einen Schimmer des Gesichts sah.

Das Mädchen kam nach auffallend langer Zeit zurück und forderte sie auf, einzutreten. Die Majorin Sterne-Dönhoff und die beiden Schwestern waren im Zimmer. Ach, ihre Gesichter, überall Heinz, in allen Linien. —

„Was verschafft uns die Ehre?“ fragte die Majorin Dönhoff mit einem prüfenden Blick aus ihrem gelblichen, langen Gesicht.

„Ich bin —“ stammelte Klara, „ich wollte gern —“

„Ich verstehe Sie nicht!“ sagte Frau v. Sterne-Dönhoff leise. „Wollen Sie bitte Platz nehmen!“

Die Schwestern starrten verlegen.

„Ich wollte nur,“ begann Klara wieder, „Sie besuchen“, und plötzlich fing sie an zu schluchzen.

„Was haben Sie nur, mein liebes Fräulein?“

Stille.

„Ich bin seine Verlobte!“ stammelte Klara.

Wiederum Stille.

Da niemand etwas sagte, fuhr Klara fort: „Ich war seine Geliebte.“

Die Majorin fiel ihr ins Wort. Kühl und förmlich sagte sie: „Mein Sohn hatte keinerlei Geheimnisse vor mir. — Geht hinaus!“ herrschte sie die beiden Schwestern an, und sie verließen sofort gehorsam das Zimmer.

„Wie sagten Sie? Seine Geliebte?“ Die Majorin dämpfte die Stimme.

„Ja. Ich bin seine Geliebte.“

„Aber wissen Sie auch, was Sie sagen?“

„Vollkommen.“

„Sie wollen also sagen“ — die Majorin stockte — „Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie mit Heinz in Gemeinschaft gelebt haben?“

Klara zuckte zusammen und hob den hilflosen, wunden Blick zu den graublauen Augen empor. Sie errötete. „Nein, nicht das —“ stotterte sie. „Das wollte ich nicht sagen.“

Auch über das gelbe, lange Gesicht der Majorin huschte ein dünnes Rot. Erleichtert und etwas freundlicher sagte sie: „Nun, dann danke ich Ihnen herzlich für Ihren Besuch, mein liebes Fräulein!“ Sie versuchte, ihrer Stimme sogar einen warmen und aufrichtigen Klang zu geben. Aber als Klara sie mit fassungslosen Augen ansah, fügte sie flüsternd hinzu: „Sollten Sie vielleicht irgendwelche Ansprüche zu stellen haben?“

Fassungslos waren die wunden Mädchenaugen auf sie gerichtet.

Da lächelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. „Herzlichen Dank, mein Kind. Wie heißen Sie?“

Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glühte. Sie berührte diese lange, gelbe, entsetzliche Hand nicht. Sie wich zurück, verbeugte sich tief, sehr tief, und ging hinaus. Die beiden Schwestern lugten durch die Türspalte. „Von ihr ist die Locke, die er in dem Medaillon trug“, flüsterte die eine, und die Stimme der Majorin rief: „Emma, Bertha.“ Klara befand sich wieder auf der Treppe.

Ach, und die kleine, törichte Klara hatte sich zu Hause ausgedacht, daß sie vor der Majorin und den Schwestern in die Knie fallen werde, um ihnen zu sagen, daß sie gekommen sei, den Schmerz mit ihnen zu teilen. Sie wollte ihnen die Hände küssen und mit ihnen weinen.

Sie war ein Kind und wußte nichts um die Eifersucht einer Mutter.

Betäubt und völlig fassungslos stieg sie die Treppehinab. Es war die Treppe, über die sein Schritt eilte. Sie berührte sie liebkosend mit den Fingerspitzen. Sie wollte diese Treppe auch küssen — aber in diesem Moment wurde ein Kinderwagen aus einer Türe geschoben, und sie entfloh.

Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dönhoff ausgegangen waren, und sie küßte die Treppenstufen und kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im Laufe der nächsten Wochen und schlich wie ein Dieb durch das Treppenhaus. Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr.

Das Paradies war versunken, nichts blieb als Finsternis, unendlich — und inmitten dieser finsteren Unendlichkeit stand sie, Klara, die Hände auf ihr zuckendes Herz gepreßt.

Solange Papa zu Hause war, mußte sie die Trauerkleider ablegen. Sie wollte Papas Fragen vermeiden. Zuweilen schon streifte sie bei Tische sein Blick — ihre Augen waren gerötet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne Farbe. Papa, ihr armer Papa, der ohnehin in den letzten Tagen so auffallend erregt, ja verstört war. Mehr, als er es sich merken ließ, schien ihm Hedis Rücksichtslosigkeit nahe zu gehen.

Ja, diese Hedi hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, das Haus zu verlassen. Anfangs war sie nur selten und sehr unregelmäßig gekommen, sandte immer Boten mit Briefen — Arbeit, unerwartete Vorkommnisse. Schließlich kam sie gar nicht mehr. Ganz unmöglich, dieser Weg — und Arbeit, Tag und Nacht mußte man zur Stelle sein.

Der Geheime Rat — nie hätte es Klara für denkbar gehalten, fügte sich, ohne den Versuch eines Widerstandes.

Er ging wohl etwas erregt hin und her und knackte mit den Fingern, zupfte an seinen dünnen Barthaaren. Er hatte Bedenken ohne Zweifel, schwere Bedenken! Ein Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel — ein während des Krieges reich gewordener Mann — hm! Aber schließlich: er besaß kein Vermögen, und da er kein Vermögen besaß, so warauch seine Karriere so gut wie abgeschlossen — derselbe Schreibtisch, derselbe Aktenständer, derselbe Spucknapf — bis zur Pensionierung.

Ja, was war da zu tun? Wieder knackte er mit den Fingern.

Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Töchtern nichts mehr bieten, gar nichts mehr. Sie mußten selbst sehen —

Es war gar nichts zu tun, mit einem Wort.

Und übrigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen Tagen, ganz andere Sorgen! Schlaflos verbrachte er die Nächte. Ein ungeheures Mißgeschick, wenn man so sagen darf, war ihm widerfahren: es gehörte zu seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt, die deutschen Interessen in drei fernen exotischen Ländern zu vertreten. Zu diesem Behufe veröffentlichte er mit Unterstützung eines Universitätslehrers jeden Monat ein Korrespondenzblatt, dessen sich die Presse allerdings nur wenig, ja, man kann getrost sagen, gar nicht bediente, leider. Nun aber hatte eines der exotischen Länder an Deutschland den Krieg erklärt — und ihm, ihm war es völlig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt hatte sogar noch einen lobenden, beruhigenden Aufsatz aus der Feder seines geschätzten Mitarbeiters enthalten, und doch lebte man mit jenem Lande schon seit drei Wochen im Krieg! Welches Mißgeschick! Wenn der Minister es, bemerken sollte —? Allerdings waren ja schon drei Wochen vergangen, und niemand hatte bis jetzt etwas bemerkt, vielleicht ging der Kelch noch einmal an ihm vorüber!

Das waren die Sorgen des Geheimen Rats, und es war ihm natürlich zurzeit gänzlich unmöglich, sich viel um seine Töchter zu bekümmern. Es war ja schließlich keine Schande, wenn Hedi Schreibmaschine schrieb und Briefe abfaßte — und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. — Es schien ihr gut zu gehen, hatte sie doch kürzlichsogar eine Gänsekeule in Gelee geschickt. Im übrigen war ihm der Charakter Hedis Bürgschaft genug . . .

Der wilde Schmerz trieb Klara in diesen Tagen sogar zu Hedi, obschon sie sich vorgenommen hatte, die Schwester in Zukunft zu ignorieren.

Aber Hedi hatte wenig Verständnis für ihr Leid. Sie war gerade mit dem Einrichten ihrer Wohnung beschäftigt. Im Salon sollte eine Decke eingezogen werden — mit goldenen Kassetten zwischen ultramarinblauen Balken — nein, Hedi hatte gar kein Verständnis. Sie wollte ihr einen Frühlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber Klara fühlte nur zu deutlich —

Sie kam auf den Gedanken, Ruth zu besuchen. Ruth? Weshalb Ruth? Sie hatte sie nur einigemal gesprochen — kannte sie kaum, aber instinktiv suchte sie bei ihr Zuflucht.

Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufällig in die Diele. „Meine Tochter ist nie zu Hause!“ sagte er — wie es Klara schien — mit Bitterkeit in der Stimme. Feierlich und prunkend — diese Diele. Dunkle Gemälde in breiten Rahmen, ein riesiger Spiegel und davor zwei Neger aus Bronze oder Eisenguß, die hohe Kerzen trugen. Voller Mißtrauen schien der General sie zu betrachten, sein Blick war prüfend und unbehaglich, ganz wie der Blick von Frau v. Sterne-Dönhoff. Die sie haßte und verachtete.

Ja, wohin?

Schließlich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. Sie beichtete Dora alles! Aber Dora hatte ebenfalls kein Verständnis für ihren Schmerz. Sie küßte sie, nahm sie in die Arme und drückte sie an ihr Herz. Sie versuchte sie zu trösten — sagte, es sei ein Verbrechen, Kinder, wie Heinz, in diese Metzelei zu schicken — aber sie hatte gerade die Schneiderin im Hause, und ihr Kopf war erfüllt von Frühjahrs- und Sommertoiletten, man mußte ja jetzt schon an den Sommer denken. Schließlichkam Otto dazu, und Otto betrachtete sie mit neugierigen Blicken, die Klara unangenehm waren.

Sie ging.

Allein, ganz allein mußte die kleine Witwe ihren Schmerz tragen. Sie wußte noch nicht, daß der Mensch in seinem Schmerz immer allein steht.

Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag für Tag, bis in die späte Nacht hinein, durch die Straßen. Für ihn die Flaggen — mein Geliebter, mein Held! — für ihn das feierliche Geläute der Glocken! Niemals würde sie auch nur die Hand eines andern Mannes berühren! Sie war seine Witwe.

Sie war freundlich zu den Menschen gewesen und selbst freundlich zu den Hunden auf der Straße. Nun ging sie dahin, ohne den Blick zu erheben.

Zeitungen, Extrablätter, die Menschen rannten, stürmten, rissen gierig die Blätter in Stücke — was kümmerte es sie? Selbst die Wagen der Untergrundbahn waren überschwemmt mit Zeitungen. Man hatte den Faustkampf um den Platz in diesen Tagen etwas gemildert — es war ja nicht unmöglich, daß bald alles wieder anders würde. Siege, Siege! Jeden Tag! In der Ecke des Wagens starb eine kleine Stenotypistin — still, ohne einen Laut von sich zu geben. Von der Station Kaiserhof an wurde sie bleicher und bleicher, als der Zug am Spittelmarkt einlief, war sie schon tot. Man trug sie hinaus.

Tot? Ja, vielleicht war es das beste?

Klara wurde nicht müde in diesen schrecklichen Tagen, obschon sie nachts kein Auge zutat. Denn nachts flossen die Tränen ganz von selbst und brachten Linderung. Kreuz und quer irrte sie durch die dunkeln Straßen. Schatten taumelten gegen sie, Schatten krochen vor ihr, Schatten stürzten hinter ihr her. Plötzlich erschrak Klara: ein alter, haariger Schimmel stand mitten auf dem Trottoir.

Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr völligfremden Gegend. Aus dem schwarzen Wasser blinzelte winkend ein Licht, tief unten. Die dunkeln Häuser hinter ihr begannen allmählich zu rücken und zu wandern. Leichen von Firmenschildern, Leichen von Riesenbuchstaben wanderten langsam, unendlich langsam vorüber. Kein Mensch weit und breit. Verlassene Wagen, verlassene Bretterhaufen, verlassene Kähne, die Pest hatte die Menschen mitten aus der Arbeit weggeholt.

Da erscholl über dem schweigenden, schwarzen Wasser ein fürchterliches Gelächter — ein unheimliches Lachen, das Lachen des Wahnwitzes — Klara erschauerte. Sie befand sich hinter dem alten Schloß, und es schien ihr, als käme das Gelächter aus der finstern Burg. Ein Eishauch ging von dem stillen, toten Schloß aus. Es schien verlassen, bewohnt einzig von einem Gespenst, das diese fürchterliche Kälte aushauchte. Starrte es nicht durch die schwarzen Fenster auf sie? Und da — seine eisige Hand griff durch die Mauern und berührte ihr Herz.

Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelächter scholl hinter ihr her.

Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte an den grellen Plakaten vorüber und krächzte heiser und ununterbrochen: „Zwanzigtausend Gefangene — die Schlacht geht weiter —“

Nebel.

Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel.

Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. In dieser Straße stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm entgegengestampft, in einige Lagen von Pelzen eingehüllt, eine hohe Pelzmütze auf dem dickenSchädel, aber er schrumpfte mehr und mehr zusammen, und schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an ihm vorüber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Straße und tanzende Kannibalen um das Feuer: keine Angst, es sind Straßenbahnarbeiter, die das Geleise ausbessern.

Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und schob Geröll vor sich her — Häuser, Straßen, Häuserviertel, Stadtviertel, Vorstädte, immer weiter, bis hinaus zum flachen Land, wo es nichts gibt als Kartoffeläcker und Telegraphenstangen.

Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, ganz wie die Häuser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er ging rasch, die Knie etwas eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war er, todmüde. Den ganzen Tag war er unterwegs.

Er hatte einen neuen Plan ausgedacht — teuflisch!

Ja, teuflisch!

Wo er ging und fuhr, sollte er ihn sehen — immer, zu jeder Stunde des Tages sollte er erinnert werden —daran!

Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte schmutzige Nebelwolke, und — wer hätte das gedacht? — er erblickte einen kleinen üppigen Garten in praller Sonne! Er selbst ging in diesem Garten spazieren, in einem weißen Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste, einen breiten sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die Frische des Stärkhemdes, das er trug. Bald würde Muttchen — dasselbe Muttchen, das später, viel später, wer hätte es ahnen können —? — bald würde Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die Fingerspitzen etwas fett, die Lippen etwas glänzend von Fett . . .

In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig „Achtung!“ rief. Der Garten verschwand, und der Nebel brodelte wieder. Der Zusammenstoß war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohrengetrieben wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses ärgerliche schroffe „Achtung!“ — diese trockene Stimme, wie?

Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne Plüschhütchen auf und der enge, zugeknöpfte Überzieher! Im gelben Dunst einer Laterne stand der schmächtige junge Mann im Gespräch mit zwei Männern mit Knotenstöcken. Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme gestikulierten aufgeregt — aber da verschwanden sie schon aus dem Lichtschein der Laterne, der Nebel verschlang sie.

Herbsts Herz pochte.

Also schon waren sie bis hierher gekommen, bis hierher?

Er zitterte und duckte sich zusammen.

Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht war nur das eine gleiche Fenster erleuchtet.

Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer.

Gottlob, daß er hier war! So müde —!

Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter Stimme — aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um Gottes Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe —

Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, in allen Straßen, allen Häusern. Überall Unglückliche, Verzweifelte, Weinende, Schlaflose. Aus allen Häusern glühten die Augen von Wahnsinnigen in den Nebel.

Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung war über die Welt gekommen. Die Menschen waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie das tiefe Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde gehäuft in seinem Leben! Er büßte — schon büßte er, hatte er den steinigen Pfad der Sühne betreten.

Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt vom Frost in sein Bett kroch. Sein Gesicht brannte wie Feuer, und funkensprühend kreiste die Dunkelheit um ihn.Wieder quälte ihn der Husten, und er steckte den Kopf unter die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er wieder Atem schöpfte, hörte er Stimmen in Ackermanns Zimmer.

Diese Stimmen brodelten, ganz wie der Nebel an seinem Fenster, auf und ab, eine heisere, keuchende und eine tiefe klare, die zu beruhigen suchte. Dazwischen ein belustigtes, ein etwas angeheitertes Lachen.

Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere, keuchende, die zuweilen so sonderbar belustigt lachte? Es war Hähnlein! Ja, niemand sonst — lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe anflehte, um Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens.

„Morgen schon?“ fragte Ackermann.

„Ja, morgen um zehn Uhr!“ Und wieder das angeheiterte Lachen.

Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen.

Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf rauchte, seine Hände, ja, wie gesagt, er war erkältet. Mit geneigtem Kopf saß er im Bett, wie betäubt, ohne jeden Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen lauschen, das ihn wie ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten interessierte, was die beiden zu besprechen hatten.

„Wie ist es nur denkbar?“ rief Ackermann aus.

Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: „Ja, wie ist es nur denkbar, hahaha!“

Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, begriff er bald, was Hähnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen ging der Transport zur Front. Die „Mordkommission“ war in der Kaserne gewesen. Zurück, zur Front, abermals — ja, der Granatsplitter, der ihm die Schädeldecke zertrümmert hatte, so daß er keine Treppe steigen konnte, ohne sich am Geländer festzuhalten — er zählte gar nicht. Und der Brustschuß, den er in Serbien erhielt — auch er zählte nicht. Und dreimalin Frankreich, zweimal in Rußland, in Serbien — all das zählte überhaupt nicht. Seine Frau — seine Kinder —?! Nichts zählte!

Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, er mußte wieder hinaus.

Ackermann versuchte zu beruhigen.

„Hahaha!“ lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten wenig Eindruck auf ihn.

„Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die Füße!“ schrie Ackermann laut und wütend.

„Aber, was dann, Ackermann, hörst du?“ fragt Hähnlein. „Gefängnis — frage Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den Heldentod als das Gefängnis! Hunger und Prügel.“

„Die Verruchten!“ schrie Ackermann.

Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl Herbst vom Fieber glühte, erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen.

Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen habe? Teufel von Vorgesetzten — Verbrecher — Zuchthäuslerkleidung — die ehrlichen Kameraden spucken dich an — Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel, Läuse, Krankheiten —

Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß du fort kommst!

Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn auf der Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, den Kopf gesenkt, einen Fuß in der Luft, die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden gerichtet. Er hatte es nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war umgekehrt.

So, ja, genau so hatte auch sie gestanden — seinerzeit — immer in den Ecken, zuerst mitten in den Zimmern, endlich nur noch in den Ecken und unter den Türrahmen — bevor sie, hm, bevor sie . . .

Gut, daß du aus dem Hause kommst —

Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein sprach von der Musterung, den Skeletten, Krüppeln, Krummen und Lahmen, und er, in seinem Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie humpelten, wie sie krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut stachen! Nur einer aber war frei gekommen, er fiel in Krämpfe und wurde hinausgetragen.

Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um eine Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser als in Berlin, solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß er hinaus. Fertig! Und da kam dieser andere, der eine offene Wunde am Rücken hatte, man konnte den ganzen Finger hineinstecken — aber auch das half nichts. Immer vorwärts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten heilt das rasch. Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man muß es ihm lassen. — Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser Hähnlein an die Reihe. Es half ihm alles nichts, was er vorbrachte. Sein Lungenschuß, seine Atemnot — prächtig geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist nicht gut für Sie. Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem Granatsplitter im Kopf herrührten, das Zittern — auch das half Hähnlein nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der Arzt. Hahaha! Richtig, weshalb nur gesunde?

Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es noch immer nicht begreifen.

Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein Wort zu verstehen. Dann aber lachte Hähnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren sich auf dem Korridor.

„Mut, Kamerad!“ rief Ackermanns Stimme.

Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen an der Türe vorüber und pfiff leise vor sich hin.

Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Siestellte sich schlafend, schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: „Was tust du?“

„Ich rauche eine Zigarre“, antwortete Hähnlein mit ruhiger Stimme.

Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit gekommen für ihn, Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten!

Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte in seinem Körper, heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend, rot funkelte die Finsternis. Am Fenster wallte der Nebel, auf und ab, drückte sich gegen die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte er ihren Schritt, dumpf wie der Schlag seines Herzens in der Brust. Da gingen sie auf und ab, die Männer mit den Knotenstöcken, das grüne Hütchen eilte durch den Nebel die Straße herauf, nachzusehen, zu kontrollieren.

Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, zerriß sie, klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. Sah er nicht das grüne Hütchen eilen? Nein, nein, blind war er, taub war er.

Nun rasselte er mit dem Ofen, es roch nach verbranntem Papier. Und schon gingen die Schritte auf und ab, lauter, immer lauter . . . .

Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, horch! Öffne das Fenster und sieh es eilen —!

Aber nein, nun war ja die Stunde gekommen, die wonnige, seinen Triumph auszukosten!

Heute — hoho — heute hatte er es gewagt! Den Hut gezogen, ganz dicht vor ihm, ganz dicht! Vor dem Hause in der Lessingallee hatte er gewartet, bis die graue Limousine kam. Und dann — den Hut gezogen, wie gesagt. Mitten in den Lichtschein der Automobillampen war er getreten, in den blendenden Lichtkegel der Lampen!

Und der General? Er war erschrocken — erschrocken, sollte man es glauben, vor ihm, einem alten ohnmächtigenMann, ohne Rang und Würde, einem Trinker, mit dem es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab, erschrak er — der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen waren voller Schrecken . . .

Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er vor ihm auftauchen, keinen Schritt sollte er künftig tun — er war da!

Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das breite starre Gesicht wankte, nicht Schrecken, nein Entsetzen spiegelte sich in den Zügen. Der General taumelte einen Schritt zurück — zwei — er lief! Und er, den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie schnell er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. In seinen Hosen mit den roten Streifen! Wie das Entsetzen ihn vorwärts peitschte — und doch war es spielend leicht, ihm zu folgen. Rascher, immer rascher rannten sie beide in die rotfunkelnde Finsternis hinein. Und der Nebel donnerte! Ballen von Qualm warf die schwarze Stadt aus, wie ein Vulkan, Ballen um Ballen, himmelhoch donnerten die Wolken von Qualm.

Der Nebel brodelte über Berlin. Über dem Nebel funkelten die ewigen Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben Meer von Lehm, sah sie nicht.

Schrill heulten die Züge, in düstere Glutwolken gehüllt, tasteten sie sich langsam vorwärts. Die Bogenlampen fieberten in den dunstigen Bahnhöfen, Schattenriesen stießen mit den Köpfen gegen die Glasdächer der Hallen. Die Krankenwagen krochen in das gelbe Nebelmeer hinaus, und zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgründe schienen plötzlich die Straßen zu spalten. Schlaff und schmutzig hingen Flaggen aus den Nebelwolken herab.

In nebligen Höfen wurden die Wagen entladen, und voller Erlösung starrten die Fieberaugen der Verwundeten in das Licht der Korridore, durch deren Karboldunst die Bahren schwankten.

Und die Züge heulten und winselten, wie seit mehr als tausend Nächten. Aber in dieser Zeit der großen Offensive kamen sie ohne jede Unterbrechung. Die Ärzte wechselten Blicke. — —

Zur gleichen Stunde saß der General, den der kleine Herr Herbst im Fieberwahn verfolgte, mit zufriedener Miene in dem bequemen Arbeitssessel vor seinem Schreibtisch und beugte sich über eine große Generalstabskarte.

Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische Bericht genannt hatte.

Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch 1914?

Schon wurde das strategische Bild klarer — kristallklar. Der General beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen Stelle harmoniert, zugegeben, es war ihm unmöglich gewesen, denbedingungslosen Glauben der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne, strategische Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte er sich. Ja! Ohne Vorbehalt.

Und der General starrte in die weiße Karte, während draußen der Nebel zog. Bald beugte er sich dicht darüber, den Kneifer auf der Nase, bald lehnte er sich nachdenklich in den Sessel zurück, und wieder starrte er regungslos in die weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen, Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, Divisionen, Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen auf den Straßen, die schwere Artillerie wird nachgezogen, die Fliegerschwärme in der Luft, die Stäbe, all das sah er auf der weißen Karte.

Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts — ja, schon erblickte er in der rechten Flanke das Meer — den Kanal, in der linken Flanke aber wurde die fadendünne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar.

Heute schon fielen die Granaten auf die französische Hauptstadt, furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte an die Tore von Paris — und London, bald würde die Geschichte auch an die Tore Londons pochen! Das Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer und Spanier? Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche stiegen aus der Flut empor.

Der General versank in Träumereien. Seine strengen Züge hatten sich gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen Reservearmeen aufgerieben waren. Sie hatten nichts mehr, fürchterliche Perspektive . . .

Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch ein paar dünne Mauern, saß Ruth über ihren geliebten Büchern, die das Evangelium für sie bedeuteten, und las mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb, machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, diese Broschüren, sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den rechten Weg. Untergehen mußte diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg war der fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes — welch ein Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, besser, reiner, edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth.

Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel verhüllte, ihr Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß lag die Zukunft. Lange würde sie ihn nicht sehen, vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es mußte Mutige geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sieliebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. Auf alles würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu diesem Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche gaben Helligkeit, Klarheit und Ziel!

Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre Verwandtschaft — nein, es stand unabänderlich fest! Welche Albernheit, Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher Wahn — nein, fort fort.

Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller Qual — immer hin und her, die ganze Nacht. —

Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie schlief und lächelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglückliche Klara, schlief, aber sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß.

Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, in der Bibliothek, nebenan saß eine kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören, da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten. Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der wenigen Männer in Europa, die alles vertragen könnten — und so tanzte sie Tango mit Weißbach, ganz allein, und Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr erklärt, daß er sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen schwarzen Artilleriehauptmann völlig rasend zu machen. Und dann? Nun, wer weiß —?

Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine kleine anmutige Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernthatte, auf den Knien, eine Flasche Wein neben sich. Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken der Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate einschlägt. Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte — herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Was kümmerte es ihn, daß der Nebel um das Haus wallte?

Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis.

Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht mehr, er ging langsam — und der General? Es war gar nicht der General, es war sein Zimmernachbar Hähnlein. An seinem abgenutzten Soldatenmantel, seinen abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber — ah, nun hatte er es gefunden.

Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer, funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses Geschäft umkreiste Hähnlein, er las die Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurück an den Rinnstein, einen Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat er den Laden. Aber bevor er die Türe schloß, warf er noch einen Blick auf die Straße, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah er sich um? Nach Hilfe?

Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, daß es sinnlos war, gerade hier nach Hilfe auszuspähen und schloß die Türe hinter sich. (Herbst spähtedurch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, ein schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe hinauf.

Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es plötzlich Nacht geworden, und nur Hähnleins Schatten war zu sehen, seine weißen abstehenden Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst, lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen, trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, was Hähnlein nebenan tat. Nun beugte sich Hähnleins Schatten über die schlafenden Kinder, lange Zeit, dann über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau regte sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange stand er ohne jede Bewegung.

Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden Kinder, das Messer funkelte — nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand er und atmete. Dann beugte er sich über die Frau, und abermals funkelte das Messer. Endlich richtete er sich auf. Kein Laut.

Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine glitzernden tückischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan in seinem Bett lag und schlief. Sah er ihn? Es war ja unmöglich, die Wand war dazwischen. Aber doch schien er ihn zu sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand — runzelte enttäuscht und zornig die Stirn. Da begann Herbst (weshalb eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein lächelte verächtlich, wollüstig — und tastete sich an der Wand entlang zur Türe.

Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor Entsetzen. Wild schrie er auf.

Er kam! Er sah ihn kommen, das Messer zwischen den Lippen.

Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde sichtbar — wieder schrie Herbst auf — und er trat ein.

Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es war gar nicht Hähnlein, sondern — Ackermann.

„Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie?“ fragte Ackermann und kam näher, den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand.

Herbst versuchte zu sprechen, doch die Zunge klebte am Gaumen.

Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück.

„Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!“

„Ich friere“, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. „Ich fühle mich eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.“

„Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?“

„Ich habe von Toten geträumt.“

Ackermann lächelte. „Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.“

Herbst zitterte und heftete die fiebernden Augen auf Ackermann.

„Und die Schritte,“ flüsterte er, „die ganze Nacht. Vor dem Hause. Haben Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?“

„Trinken Sie noch etwas!“

„Fliehen Sie! Sie sind da!“

Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung aus einer andern Welt. Die finsteren Mächte, die diese Erde bevölkern, konnten ihm nichts anhaben. Seine Augen glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er schien weder müde noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er lächelte heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hörte, nein, auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er schwebte auf Wolken wie ein Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm gekommen war, um ihm zu trinken zu geben.

Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel.

Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und Schrecken. Hatte er von den verschüttetenSoldaten geträumt, die sich aus den Lehmbergen auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das Blut in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen.


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