In der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint — ist es möglich, an einem Wochentage, in diesen Zeiten — ein Zylinder! Der Zylinder kommt näher, immer näher, er verschwindet im „Löwen von Antwerpen“.
Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen und bringt die Flasche Roten und das Schachbrett.
„Meine Hochachtung“, flüstert er, wie es seine Art ist, leise — er sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens. „Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?“
„Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt — hatte ja keine Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun, und die Visitenkarten?“
Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der Kopf um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in den letzten Tagen, trug er auch heute einen etwas verknüllten, zu langen schwarzen Gehrock,und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum Gespött der frechen Geschöpfe machte — wer war er? Ein Heruntergekommener, ein Sonderling — er behauptete, Lehrer an einem Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage nicht alles?
„Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort gegeben“, fügte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen Hände rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit blankgeputzter Messingeinfassung — sein Stammcafé in der Provinz, einst, lange war es her.
„Sie haben den Anzug, Herr Herbst!“ flüsterte der Bucklige und schob das spitze Kinn über das Schachbrett.
Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage hatte er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den gelben Zahnstumpen. Plötzlich sah er deutlich — sollte man es für möglich halten? — das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch die Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch ein Glas — und nun war er bereit.
Kraft und Mut strömten aus dem Wein.
Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht.
Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an und setzte sich zurecht.
„Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen.“ Er zog den Turmbauern.
Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das Brett.
Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern?
„Sie haben ja ein Feld zu weit gezogen.“
„Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein Feld zurück.“ So hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem Augenblick, daß er den Bauern gleich über drei Felder vorstoßen ließ.
Die Partie begann. Beide waren leidenschaftliche Spieler.
Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den Rauch in die Luft.
Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm?
Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . .
Wieder trank er ein Gläschen.
Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, die Rede floß in Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen und Anreden hatte er schon eingeübt, ganz genau. Weshalb sollte er Furcht haben? Schließlich war er doch nicht der Kaiser, wie?
Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen, jede Auskunft, die er wünschte, zu geben.
Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am 4. August griff ein Jägerbataillon an, kein Mann kehrte zurück. Weshalb also mußte am 5. August — er würde natürlich in aller Höflichkeit, in aller Bescheidenheit . . .
„Schach der Königin!“ rief er laut und warnend.
„Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten Zug nochmals zurück — es heißt überlegen. Sie gehen ja scharf vor, heute.“ Die düsteren Eulenaugen des Buckligen begannen zu glühen.
Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte sich seinem Gegner heute weit überlegen, und er hätte jede Summe gewettet, daß er gewann, obgleich der Bucklige für gewöhnlich stärker spielte — unter den jetzigen Umständen, früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können.
Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und schließlich — er würde ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein,nein, es war ganz und gar kein kleiner Dienst — bei rechtem Lichte betrachtet. Vielleicht würde er sagen: aber mein lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher gekommen? Wer weiß? Wer weiß?
Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen Leuten nebenan würde er berichten — von ihren Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten — nun ja, rascher als irgendein anderer würde der General verstehen.
Und dann würde er auf das Mädchen zu sprechen kommen —
„Vorsicht, Herr Herbst!“
„Ich sehe schon — eine richtige Falle. Ei, ei!“
„Aber was tun Sie?“
„Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurückzunehmen.“
„Aber, aber —“
„Auch Sie haben ja einen Zug zurückgenommen.“
Dieses Mädchen also, so würde er sagen, hatte er zuerst gar nicht beachtet. Wie sollte er auch? Alle diese Soldaten hatten ja ihre Mädchen, nicht wahr, es war einmal nicht anders. Nicht beachtet. An den Sonntagen kochte sie den Tee, bot Zigaretten an. Sie selbst sprach eigentlich wenig, nur hier und da warf sie ein Wort ein. Man hörte ihre Stimme kaum, so fein klang sie.
An den Wochentagen kam sie zuweilen abends, und dann war sie mit ihm allein. Nun sie waren junge Leute, was sollte da besonderes dabei sein? Er hörte nicht zu, hatte seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber, plötzlich sprechen sie über gewisse Dinge — wie interessant! Was ist das? Offenbar kennt das Mädchen genau die Familienverhältnisse einer gewissen hochgestellten Persönlichkeit. Nun, es war jedenfalls sonderbar, daß sie so genau Bescheid wußte —
Tief in seine Gedanken versunken, legte sich Herr Herbst im Sessel zurück und blies den Rauch in die Luft.
Sie plaudern also über gewisse Dinge, ganz harmlos. Sie denken wohl nicht, daß ich nebenan alles höre, denken wohl, ich sei ausgegangen.
Oben an der Türe sehe ich Licht.
Ich weiß wohl, was sich schickt und was unpassend ist — aber, aber, ich kann nicht widerstehen. Das Licht reizt mich. Ich trage den Stuhl zur Türe, vorsichtig natürlich — steige hinauf — so, so — strecke mich und blicke durch den Spalt. Ich drehe das Auge hin und her. Ah, da sitzt er also, der Soldat, und daneben — auf dem Sofa . . .
Plötzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht!
Der Schreck — glauben Sie mir — die Überraschung — ich wäre um ein Haar vom Stuhl gefallen! Denn wenn ich auch das und jenes dachte — ich glaubte es ja nicht — es schien mir unmöglich — die Stimme, hm, das Gespräch, aber es war ja unmöglich — und doch — doch!
Dieses Mädchen, Herr General, diese Dame —
„Schach und matt!“ rief der Bucklige triumphierend, und Herr Herbst prallte zurück.
Also geschlagen, abermals geschlagen!
Herr Herbst zog die Uhr — er besaß eine goldene Uhr, sonderbar! — und wurde plötzlich von Unruhe ergriffen.
„Ja, nun wird es aber Zeit für mich — höchste Zeit!“ sagte er und stülpte hastig den Zylinder über den Schädel. Ganz wie der steife schwarze Hut war auch der Zylinder um eine Nummer zu groß und sank auf die abstehenden grünlichen Ohren herab.
In höchster Eile verließ er die Kneipe.
Schon dunkelte es. Lautlos und unaufhörlich sank der schwarze Aschenregen auf die sterbende Stadt.
Eine Stunde später, und Berlin war völlig finster. Undurchdringliche Finsternis lag über den deutschen Landen, undurchdringliche schwarze Nacht lag über Europa, zuckend vor Schmerzen, gebadet in Blut und Tränen.
Wann endlich?
Horch! Hunderttausend Geschütze wiehern wollüstig durch Europas undurchdringliche schwarze Nacht.
Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlöser, und eile, wenn du kommen willst!
Schon sind Europas Augen blind vom Weinen, schon stockt der Schlag seines Herzens.
Dampfwolken quollen aus der Halle, Rauchfetzen flatterten zwischen den Eisenträgern. Alles wehte. Die Vorortzüge liefen kreischend ein, keuchten kreischend hinaus. Mäntel, Hüte, Röcke wirbelten im Rauch und weißen Wasserdampf. Auch Klaras Kleider wirbelten. Sie fror an den dünnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht gekleidet zu gehen.
Der nach der Westfront abgehende Frühzug hatte Verspätung. Mochte er! Wie gerne wartete sie! Schon seit einer Stunde ging sie hier am Charlottenburger Bahnhof auf und ab. Drüben am Bahnhof Zoologischer Garten standen sie nun, die Damen Sterne-Dönhoff, Mutter und Schwestern, und plauderten noch mit ihm. Der Wind pfiff von allen Seiten in die Halle, und blendende Helligkeiten fegten draußen über die Dächer.
Plötzlich blieb Klaras Herz stehen:
Um die Ecke schnob ein pechschwarzes Ungeheuer, qualmend aus Schlot und Zylindern. Blitzschnell kam es auf Rauch herangewirbelt. Der Fernzug . . .
Der Kurfürstendamm, wimmelnde Menschen — sie und Heinz. Der Tiergarten, brausende Bäume — sie und Heinz. Die Stufen der Untergrundbahn, ein Menschenstrom, das kleine Café in der Kantstraße — sie und Heinz. Wie durch ein scharfes Glas sah sie sich neben ihm, immer neben seinem weiten grauen Feldmantel — nur die Szenerien änderten sich, blitzschnell, alle Straßen, Plätze, die sie zusammen besucht hatten. Der Tiergarten — gestern nachmittag, als sie Abschied nahmen, es dämmerte schon — sie gab ihm das Medaillon mit der Locke, das sie so oft und tausendfach küßte, bis sie einen Weinkrampf bekam — als Talisman sollte er es tragen — und plötzlich verschwindet allesin einem Wirbel, nichts ist mehr vorhanden als ein leerer Raum, durch den die schwarze Lokomotive dahinstürmt.
Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrüne Mütze mit der grünen Seidenquaste, in der Rechten wehte das Taschentuch. Sie dachte an nichts, ihre Augen glitten erregt an dem fliegenden Zug entlang, und sie verging vor Angst, daß sie Heinz nicht mehr sehen würde.
Da, da, da, da war er! Seine Hand, sie erkannte sie sofort, winkte ihr zu. Ein Lachen in seinem geröteten Gesicht, ein Blitzen der Zähne, und die blonden Haare leuchten. Auf seiner Brust aber glänzte — wie ein heller Stern — durch den Mantel hindurch — das Medaillon aus Kristall: deutlich sah sie es. Groß und mächtig wie ein Stern, obgleich es ganz klein war.
Hunderttausende und abermals Hunderttausende waren schon auf diesen zwei Schienen fortgefahren, und alle trugen einen Talisman auf der Brust.
Fort war Heinz.
Der Zug war rasend schnell gefahren, aber die letzten Wagen rollten ganz langsam an Klara vorüber.
Der Wind riß ihre Kleider bis zu den schmalen Knien empor, aber sie bemerkte es nicht. Soldaten, die aus den letzten Wagen blickten, schnitten ihr Gesichter.
Da aber fing sie an zu laufen, und weinend stürzte sie die Treppe hinab. Wie ein Messer zerschneidet das Lebewohl ein junges Herz.
Alles war ja noch Geheimnis, niemand wußte etwas, niemand wußte von ihren Schwüren, ihren Versprechungen, ihren Plänen, ihren Träumen, niemand.
Schon war Klara zu Hause, und schon war die grüne Mütze mit der grünen Seidenquaste in ein Paketchen eingeschnürt, fertig zum Absenden. Er sollte sie haben.Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grüne Mütze mit Küssen und Tränen.
Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, und Klara steckte die kleine Flagge auf der Karte um. Man muß wissen, daß Klara sich ein Kursbuch gekauft hatte, um den Zug verfolgen zu können.
Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte in Sonne und Wind, während auf ihrem Herzen noch die Tränen brannten. Auf zierlichen, raschen Beinchen schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die Joachimsthaler Straße hinab. Sie war glücklich.
Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz wie Millionen andere Frauen. Kam sie zurück, so konnte sie die Flagge schon bis Hannover vorstecken.
Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken würde — wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam.
Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des Paradieses. Blendend von Träumen, Plänen, Visionen, Ahnungen und Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und mutig geht ihm der Schritt entgegen.
Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die Joachimsthaler Straße hinabwanderte.
Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rückwärts. Es war der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht. Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten Brief bringen mußte. Aber er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz schlug imHalse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett.
Endlich, am sechsten Tage, kam er.
„Hier ist ein Brief, kleine Braut“, sagte Hedi, und Klara errötete. Hedi hatte ein überlegenes, aber gutmütiges Lächeln für die Schwester. Dieselbe Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang auf den Briefträger warten . . . Es ist immer das gleiche.
„Gib, bitte!“ sagte Klara, und ihr Atem stockte.
„Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball mitzukommen?“ (Allein würde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!)
„Ich verspreche! Feierlich!“ —
Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, dieser Brief . . .
„— wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. Daneben liegt unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht. Wir haben eine Enten- und eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen sogar ein kleines Wildschwein.“ Ja, was ging sie das an?
Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara!
Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder Stunde knallen die Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, Schwärme von feindlichen Fliegern kommen herüber. In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein balkendicker Feuerschein fährt dann aus dem Walde.
Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich mich mit dem kleinen frechen Meerheim — Du kennst ihn ja — etwas in der Nachbarschaft herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen trotzdem ganz gut miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt und Asche! Furchtbar anzusehen! Die Kathedrale wurde von französischen und englischen Geschützen in Trümmer geschossen und geriet zuletzt in Brand. Ein Symbol desSchreckens und des Krieges. Am Abend speisten wir in der Etappe, wo mich der kleine Meerheim bei Bekannten einführte. Sie führen ein herrliches Leben, essen und trinken und feiern ein Fest nach dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein Rittmeister sein Eisernes Erster. Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es böse her. Wie ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, denn ich halte das Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege begegneten wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig zugenagelt. Sie wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle wunderbaren Eigenschaften des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung, Kameradschaft!
Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef, Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert von Offizieren und Mannschaften. Es ist rührend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja hineingehoben. Aber alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein bißchen behilflich wären und er aus eigener Kraft hineinklettere.
Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null. Nur einmal machten wir einen Geschwaderflug, und das war wunderbar für mich, das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der Luft.
Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er schreibt ja kein Wort — keine Silbe . . .
Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle Seiten einnahm, überflog sie. Mit Tränen in den Augen las sie, daß Heinz den Spitznamen „Kücken“ bekommen hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: „Wo ist das Kücken? Kücken, kommen Sie mal her!“
Und von ihr, von ihrer Liebe . . .?
„Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich meine. Er besuchte uns. Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr elegant gekleidet, und seine Offiziere trugen phantastische Mäntel aus wunderbarem weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren sie tipptopp. P. P. hatte die Tasche voller Zigaretten, die er mit vollen Händen an die Mannschaften verteilte. Ich mußte vorfliegen, und ich machte fünfmal Looping in tausend Meter Höhe —“
Das alles interessierte Klara nicht.
Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten bayrischen Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen kleinen Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von Ordensauszeichnungen die Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub fahren, bevor er nicht die beiden Kreuze besaß. Und dann kam der Pour le mérite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, gewiß würde sie stolz auf ihn sein, aber . . .
„Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein Vaterland, das große und herrliche Deutschland, zu kämpfen, das ich über alles liebe, und dem ich meine ganze Kraft weihen will. Der schönste Moment meines Lebens wird es sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da oben messe! Ich werde nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. Über alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!“
Dann, kamen noch ein paar Redensarten. „Wie geht es Dir? Hoffentlich gut. Hast Du meine Cousine, Frau v. Dönhoff, schon besucht? Was macht Berlin? Eben fängt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er spielt sehr schön, aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände nach seiner Decke werfen.
Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine schreiben. Sie ist ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe senkrecht in die Höhe. Hauptmann Wunderlich ist sehrzufrieden, und die Kameraden haben für meine Fliegerei sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!“
Klara weinte.
Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. Sie wußte genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie hätte Klara warnen sollen, sich mit einem Offizier einzulassen. Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und oberflächlich, nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz über Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, waren sie gänzlich wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht.
Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer zu stricken. Sollte man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen Strang Wolle? Und früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie sollte man auf den Gedanken kommen, daß es einmal damit zu Ende gehen könne?
Früher — Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zöpfe — als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es nichts mehr, gar nichts. Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein ausgeplündert schien diese Stadt!
Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz einkaufte — und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat. Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das Medaillon hatte eine große Summe verschlungen.
„Es ist für meinen Mann, er ist im Felde“, sagte sie, wenn sie einkaufte und errötete bei der süßen Lüge.
„So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?“
„Ja, wir sind kriegsgetraut.“
Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies.
Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoffwohnte. Nur um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur hatte sie Glück. Die Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders! Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht anliegende Wollkleider, flache, schmucklose Hüte, spitze Schuhe. Die Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie.
— — — — — — — —
„Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an mein Herz. Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei überhaupt vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen erhältst, aber ich liebe Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich war in der Kirche und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß ich mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste, versprich es mir! Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt nicht mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich.
Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschütten. Ich lege sie bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß ich immer an Dich gedacht habe.
Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten. Er nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rührend ist das!
Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig und niedergeschlagen. Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest.
Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Sternbetrachtest. Zwischen zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich mußte so schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so rasend glücklich.
Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint, als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschätzig von ihm, und das finde ich nicht schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn nicht mehr. Aber das ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß selbst, was Du glaubst.
Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono, und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei! Sonst lebe ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater. Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, während andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen hätte, so würde ich alle Theater schließen. Übrigens hat sich eine schreckliche Unsitte bei uns eingebürgert. Die Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier zu rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, Heinz, daß wir davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon träume ich. Fräulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte, die Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt werden. Überhaupt — sie hat Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei die Tochter eines Generals! Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert, so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie anziehend.Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen ein weites Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich sie lieben könnte, wenn sie nur nicht diese schrecklichen Ansichten hätte.
Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, daß er schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurück kann. Vielleicht sehe ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie will sich nun unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen.
Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in seinen Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott glaubt und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden.
Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. Möchtest Du bald wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete zu Gott! Mein Herz ist gequält.
Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit. Er sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? Aber ich habe ihn mit tausend Küssen bedeckt, und die soll er Dir überbringen.
Deine kleine Frau Klara.
Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. Ich habe mich mit ihm angefreundet. Er spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der Wind bewegt — rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.“
Ein Fingernagel pickte an das Fenster der Portierloge.
Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille.
„Herr Portier! — Herr Portier?“
Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah — natürlich nur eine flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen — der Portier schlief.
Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde eine schneeweiße Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben — da erwachte der Portier.
Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, und auch, sonderbar genug, der kleine Herr mit dem zu tief sitzenden Zylinder hob sofort beschwörend die Hände.
„Um, Gottes willen — Sie — wieder?“
„Ich bitte um Verzeihung.“
„Und heute dazu!“
„Weshalb — heute —?“
„Exzellenz ist heute — horchen Sie nur: das ganze Haus — totenstill! Exzellenz sind heute schlecht gelaunt, mit einem Wort. Und Sie — ich sagte Ihnen doch — ach, ach!“
„Gestatten Sie —“
„Ach! Ach!“
Das Aluminiumetui blinkte.
„Nein, nein, danke. Sie bringen mich noch in Ungelegenheiten.“
Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es war nur der Zylinder des Herrn Herbst, der auf die Steinfliesen gefallen war, als er sich bemühte, den Kopf durch das Fenster zu stecken.
„Ich bitte Sie — ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie dringend auf —!“ Geifer stand zwischen den Zähnen des alternden Moltke.
„Sie mißverstehen mich —“ Herr Herbst hatte den Zylinder wieder aufgesetzt.
„Ich verstehe Sie recht wohl. Ungelegenheiten —“ Das Fenster klappte zu.
Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig.
Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster wieder und sagte in dienstlichem Tone: „Sie wünschen?“
„Ich wollte nur fragen —“, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene augenblicklich in Verwirrung brachte, — „nur fragen — es ist wichtig für mich, weil ich entschlossen bin —“
„Entschlossen?“ Ach, wie kalt die Stimme klang, ohne Teilnahme.
„Ja, entschlossen.“
„Bitte?“
„Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?“
„Nein!“ Das Fenster flog wütend zu.
Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier die weißen Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach einer Weile kehrte er zurück und legte, ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen Fensters. —
In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen öden Korridoren lag heute noch stiller als sonst, totenstill.
Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. Die Türen waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel schlichen auf den Zehenspitzen über die Korridore, jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf drohend aus der Türe. Die Offiziere, die zusammengedrängt an ihren Schreibtischen arbeiteten, wagten nicht aufzublicken. Jeden Augenblick konnte das graue Steingesicht im Türrahmen erscheinen. Major Wolff paffte eine dicke Zigarre und vergrub den Kopf in die Akten. Es war Windstärke 12, ohne jede Übertreibung.
„Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?“
„Meine Herren —!“
„Oder die schöne Dora —?“
„Ich bitte doch dringend!“
Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte nur beschwörend die Hand gehoben. „Windstärke 12.“ Damit pflegte er einen bestimmten Zustand zu bezeichnen. Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam.
„Aber erklären Sie doch!“
„Pst!“ Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an die gepolsterte Doppeltüre.
Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern eines Menschen, der keine Rücksichten zu nehmen braucht und auch keine Rücksichten nimmt, drang aus dem Saal, der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war.
Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, einmal, ein schwächeres Donnerrollen, zweimal — wiederum Stille. Der Adjutant wechselte die Farbe. War jemand in das Zimmer des Generals gekommen? Unmöglich! An der gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das Schild „Vortrag“. Und daneben das Schild: „Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!“ Ganz unmöglich. Aber trotzdem: es klang, als spräche er mit jemand —?
Halt, Unglückseliger! Es war zu spät . . .
An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor führte, knackte es plötzlich höchst eigentümlich, und der goldene Kneifer glitt von der Nase des Generals.
Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . .
Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er einen höheren Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er hätte es, offen gesagt, für unmöglich gehalten.
In der Doppeltüre erschien — unter Umgehung des Schreibzimmers, der Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften „Vortrag“ und „Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!“ — erschien, ganz als ob es eine selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein gewöhnlicher Soldat! Wie von einer höllischen Versenkung emporgehoben, tauchte er plötzlich auf.
Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen gelben Brief in der Hand. Dieser Mann — ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig, namens Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im Laufe der Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte — hatte sich einfach in der Türe getäuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er wollte nach Nummer 6.
Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu nennen, bei der Lorettohöhe gekämpft, er war einer der wenigen, die noch in der berühmten Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die Rede war. Bei Souchez hatte eine schwere französische Mörsergranate dicht neben ihm den Kompanieführer und drei Kameraden mit in die Höhe genommen, gewiß kein geringer Schreck — er hatte sich am Roten-Turm-Paß und in Polen geschlagen, also manches erlebt — nun aber stand er wie vom Schrecken gelähmt: Vor seinen Augen schwebte urplötzlich in einer lichtgesättigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im ersten Moment glaubte er sich einer überirdischen, verwirrend funkelnden Erscheinung gegenüber, die zwei weiße Stichflammen auf ihn richtete.
Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. Er hatte ja auch gehandelt, als die schwere Mörsergranate bei Souchez dicht neben ihm einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und fortgerollt, mit solcher Eile, daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn nicht mehr erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompanieführers klatschte neben ihm in den Boden.
Also handelte er auch hier.
Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der hohen Dressur aus, die man ihm beigebracht hatte. Soweit sein schwindendes Bewußtsein es zuließ, schätzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen Entfernung begann er sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung aufzubauen. Er schlug die Absätze seiner schweren Kommißstiefelzusammen, schwang die Ellbogen nach außen, führte die Hände an die Hosennaht und fing an, so klein und krummbeinig er auch war, zu wachsen. Seine Gelenke streckten sich, die krummen Beine bogen sich gerade, der Oberkörper hob sich aus den Hüften, der Brustkorb wölbte sich, der Kopf stieg zwischen den schmächtigen Schultern empor, und endlich erstarrte er, den Blick in die weißen Stichflammen gerichtet.
Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war er mit dem Trillern der Pfeife dem Tod in den Rachen gesprungen — aber er fühlte deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche Gefahr begeben hatte.
Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang.
Der Schneider Hanuschke wuchs abermals.
Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig. Und dieser Drillichkittel! Aber in der armseligen, der Kleidung eines Zuchthäuslers ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock nannte, stand der kleine Schneider wie eine Statue.
Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück zur Türe und wieder zurück zur Erscheinung. (Das war das Donnern, das der Adjutant Weißbach nebenan hörte.)
Zweiundzwanzig Sturmangriffe — lieber die französische Mörsergranate — meinetwegen . . .
Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den dünnen Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder und Lazarette von ihm übriggelassen hatten, stellte er möglichst vorteilhaft zur Schau. Sein winzig kleines und unendliches Ich war konzentriert im Blick der ängstlichen Mausaugen, deren Pupillen der Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht, und zwischen den Augen glänzte violett eine fingerlangeNarbe, die von einem Querschläger herrührte, der ihm in Rumänien die Stirn zerschmettert hatte.
Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein geflickter Hosenboden schaukelte durch die Doppeltüre. Auf dem Gang wischte er sich aufatmend mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der plötzlich aus allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam.
Ohne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in den Berg von Akten, den man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte.
Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die Poren der Steine und Fasern der Türen, verbreitete sich durch Zimmer und Korridore und erfüllte zuletzt das ganze Gebäude.
Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um sie hierauf in einen Korb zur rechten Hand zu legen. Der Berg der Schriftstücke zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs er in die Höhe. Umfangreiche Schriftsätze maß der General mit einem rügenden Blick und warf sie — je nach ihrem Umfang mit größerem oder kleinerem Schwung — in einen besonderen Korb, der die Aufschrift trug: Wolff, Vortrag! Wolff, der Major, der Hüne, hatte Zeit für alles. Er war eines jener beklagenswerten bürgerlichen Arbeitstiere, wie sie in allen Ressorts saßen, die sich im Schweiße ihres Angesichts, ohne jede andere Empfehlung als die Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere vorwärtskämpften. Wolff arbeitete oft die ganze Nacht hindurch.
Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges Aussehen ihn seit geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhaftergefärbt seien. Offenbar, die Erregung vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem Kopfe gestaut hatte — wie immer nach großen seelischen Erregungen — war durch die Adern gepreßt worden und hatte die Gefäße wohltuend erweitert. Eine gleichmäßige Hitze überzog seinen Körper, und die Hände schwitzten plötzlich etwas. Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war.
Bewegung fehlte ihm!
Wenn er wenigstens hätte ausreiten können!
Aber der Dienst — und dann, welch jämmerliche Pferde hatten sie doch gegenwärtig in Berlin! Er würde sich schämen, sich auf solch einer Schindmähre sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front gewesen! Wenn er in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschütze brummten nah und fern. Herrliche Morgen, unvergeßlich!
Der Blick des Generals verlor sich in die Weite.
Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten pflegte, die Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der Soldaten stiegen, die Kolonnen, die über den Hügel krochen, nein, er erblickte: Ruth! Ruth und den Frühstückstisch von heute morgen.
„— also gelöst?“
„Ja, Papa“
„Und er, Dietz — also mit seinem Einverständnis? Hm — so, so . . .“ Er schlürfte den heißen Kaffee.
„Hier ist sein Brief, Papa, lies ihn.“
„Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst schließlich tun und lassen, was du willst. Na — schön!“
Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich?
Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer — wie peinlich! Er brachte geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot war nachgerade nicht mehr zu genießen.
„Soso, hm.“ Aber weshalb küßte sie ihm die Hand?Es war völlig unnötig. Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche Sentimentalitäten.
So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre Lippen auf seiner kalten Hand gefühlt — er konnte ihr nicht zürnen in diesem Augenblick. Ruth hatte also das Verlöbnis mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft hätte ihr niemand bieten können. Natürlich war es eine Überraschung für ihn, keine angenehme Überraschung, unnötig es zu sagen.
Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. Eine Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur ein einziges Mal legte er sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz war mit Randbemerkungen von Allerhöchster Hand versehen — frisch, lapidar, ganz im Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck der Ehrerbietung legte er den Schriftsatz zur Seite.
Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, bis auf ein leises Singen der Sporen, trat Weißbach ein. Es war Zeit für die Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr.
Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte —
Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch im Bogen und zögernden Schritts, um nicht zu plötzlich die Netzhaut des hohen Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift des Generals, während er die Tinte mit dem Löscher trocknete.
Dann erhob sich der General und ging zu seinem Mantel.
Jeden Tag, seit Monaten, spielte sich bei dieser Gelegenheit, zweimal am Tage, vormittags und nachmittags, die gleiche Szene ab.
Der Adjutant näherte sich dem General.
„Herr General gestatten?“
„Danke, es geht noch allein, Gott sei Dank.“
Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren der Sporen.
Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und gerade dabei, den linken Ärmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten.
„Herr General gestatten doch?“
Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht. Und der General dankt mit einem Blick, gerade so lange, als seine hohe Stellung es zuläßt.
Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt er gewöhnlich noch kleine Aufträge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen.
„Es treibt sich hier eine Ordonnanz herum, ein kleiner Bursche mit einer Narbe zwischen den Augen. Ich lege keinen Wert auf ihn.“ Schon schwoll die Stimme des Generals wieder drohend an.
Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, das ging ihn an! Augenblicklich wollte er nachforschen —
Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre hinter dem hohen Chef — bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine Weile, leicht gebeugt, bereit zum Sprung, und lauschte, denn es war möglich, daß dem General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein Auftrag in den Sinn kam. Der Schritt seines Herrn hallte über den Gang, ferner und ferner. Nun erst schloß der Hauptmann mit einer leichten Verbeugung die Türe vollständig.
„Donnerwetter!“ flüsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit in Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen!
Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider Hanuschke schon wieder beim Regiment und achtundvierzig Stunden später schon wieder auf der Fahrt zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Voneinem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden — etwas Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren.
Selbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters Diele fand der General sein seelisches Gleichgewicht nicht völlig zurück.
Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, gebackene Flundern und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten des Hauses, das Menü schien ihm heute mäßig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen, sonderbar. Eine rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus.
Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das gleiche . . .
Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag und bei Nacht in Anspruch nahm — diese Ärzte sind Narren! Sie trinken sich, zum Beispiel, zu Tod, buchstäblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift, hundertprozentiges Gift für den Organismus, für Sie besonders — und trinken sich unter die Erde, ohne zu erröten.
Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller Gala, sie konnten ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere Ausdrücke, vollends den Appetit verderben.
Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General herab, dessen Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur selten, ein- bis zweimal im Jahre, beschäftigte er sich eingehender mit Zahlen.
Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- und Wechselbank um hundert Mille geschrieben hatte. Sie würden den Kredit gewiß anstandslos gewähren, und für einige Zeit würde es wohl wieder genügen.
Alles kostete heutzutage Unsummen!
Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage im Kopfe. Das Konto war ein Kaleidoskop, unaufhörlich wechselnd, verwirrend, unübersichtlich. Aber er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab —
Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als Oberst abgegangen war, auf Babenberg die Augen schloß, hatte er sich im Besitze von einigen Millionen und zwölftausend Morgen Land befunden. Aber einige Millionen, was war das, wenn das Kapital sich nicht automatisch vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens verschlang Summen, Unsummen! Seine verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht übel, im Gegenteil, diesen Zug liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt man doch, wirtschaftliches Genie. Das Organ dafür fehlte ihr.
Bergab — nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg war Fideikommiß, unantastbar — Rothwasser, fünftausend Morgen, immerhin außerordentlich stark belastet.
Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, Unsummen! Es war letzten Endes ganz unerklärlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt hier — Unsummen, Diners, Gesellschaften — Unsummen, seine Privatangelegenheiten, die niemand etwas angingen — Unsummen. Ein Paar bescheidene Ohrringe, zum Beispiel, ein paar Perlen in Platinfassung, die früher keine dreitausend Mark gekostet hatten, kosteten heute, sage und schreibe, fünfundzwanzigtausend Mark. Seine Bezüge während des Krieges, obgleich nicht unbeträchtlich, was waren sie schließlich? Ein Tropfen auf einem heißen Stein.
Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, nun, weshalb sollte man nicht den Tatsachen ins Auge sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr, daß diese Verlobung zurückgegangen war.
Zahlen, Lawinen von Zahlen.
Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich zur tiefen Glut.
„Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz?“ raunte der Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten.
„Die Zigarren werden immer schlechter, mein Freund.“
„Leider, Exzellenz. Es wird immer schwerer . . .“
Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich,er hatte die Annäherung begünstigt, offen zugestanden — schließlich war er ja der Vater — und es kam ja auch einmal der Moment, da er die Augen schloß, und seine Kinder sehen mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut erfüllte den General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal würde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in der Hand, vorseinen Herrgott treten mußte.
Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt der Tatsachen verlassen zu müssen — ins Ungewisse hinein . . .
Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. Er brachte die Liköre.
Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. Es war eine Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern verblutete, Blut und Gut opferte, füllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese zweifelhaften Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien war schon gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz abzustoßen. Was aber würde aus dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle sog, wenn er erst einmal entwurzelt war?
Trotz alledem — es würde ja jedenfalls Babenberg bleiben, wenn es so weit kommen sollte, daß er Rothwasser verkaufen mußte.
Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, gebildet, von seltener Noblesse und Großzügigkeit — unverständlich . . .
Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel.
Den ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr Herbst in seinem Zylinder in der Tiergartenstraße auf und ab. Immer wieder zog er die Uhr, immerwieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch von den Stiefeln.
Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon nach Frühling, und zuweilen hauchte es feucht und warm, aber Herr Herbst hüllte sich fest in den rostfarbenen Havelock.
Er fror.
In der verflossenen Nacht hatte er nicht geschlafen. Er hatte getrunken, in einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die Einbrecherwerkzeuge bei sich hatten — richtigen Spitzbuben, seht an. Deshalb also fror er. Auch war dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich nicht wie sein anderer Hut dicht an den Schädel, es gab Spalten, durch die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen Schädel in die Höhe stieg.
„Ja, so ist es, so ist es!“ flüsterte Herr Herbst und träumte vor sich hin. „Er würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. Er war mir ja so ähnlich! Er würde sogar die gleiche Art zu sprechen haben. Bei manchen Worten fällt es mit ja etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen, zum Beispiel: Sell — nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen Sprachfehler, schon in der Schule. Er würde mit einem Wort ganz wie ich sein. Wenn ich nun einmal unter der Erde liege, so würde er leben und gehen und sprechen — und eigentlich wäre ich es! Eigentlich, bei rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben, obschon ich tot bin. Auch er würde Kinder gehabt haben — und so würde ich immer weiter leben.“
„Aber so?“
„Wie ist es so?“
„Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt mich, und alles ist zu Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.“
Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer Zeit fügten sich die Gedanken nicht so spielend aneinander.Ausgezeichnet war das! Herrlich! Es gab ja so viele Tage, da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich fortwährend verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht.
Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. Jakob, der immer noch den Messingknopf der Haustüre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also noch nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten — und zehn weitere Zigarren sollte er bekommen — danach!
Ja, das also ist die Wahrheit: von der Erde verschwunden!
Der Zylinder verlor sich in der Tiefe des Parkes. Schon war Herr Herbst wieder in seine alten Gedanken versunken.
„Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege unter der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich — oder ich eigentlich er — —! So aber — bin ich wie eine Pflanze, die man ausgerissen hat und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende — zu Ende für immer . . .“
Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte.
„Ja — trotz allem — unfaßbar!“
„Ich lebe, obschon ich alt bin, und er, jung, kaum neunzehn — ist tot. Ich gehe hier — und er, liegt unter der Erde. In unbekanntem Land, vielleicht nicht einmal eingesegnet, vielleicht nicht einmal ordentlich begraben. Ohne Ruhe —!“
„Ohne Ruhe —“
Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen. Voller Schrecken, voller Verwirrung schlug er die Hände vors Gesicht.
Die Marspfeife der Limousine trillerte. Er kannte sie ganz genau.
Das Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General aus dem Wagen. Noch immer war die Ziegelröte nicht völlig verflogen. —
Auch dieser Brief — er lag noch in demselben grüngebundenen Buch — auch dieser Brief gab keinen Aufschluß. Er bestärkte wohl gewisse Vermutungen, lüftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete:
„Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen Verfinsterung an das persönliche Glück zu denken. Immerhin, ich unterliege der Versuchung.
Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und Vermächtnis der Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, der Seher und Weisen, es scheint in seinen Grundmauern erschüttert.
Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der Menschen glauben.
Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wünsche, leichtfertiger Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet — sie haben diese entsetzliche Verfinsterung herbeigeführt.
Ich glaube — glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich glaube, daß dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich unaufhörlich mehren muß — sollen nicht Verfinsterungen wie diese eintreten. Die letzten Generationen und vor allem jene Völker, die sich zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und — wie immer, wenn sie sank — kam die Katastrophe.
Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen!
Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!
Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und Schönen, oder er ist ein — Dieb! Hüten wir uns, die Mörder der kommenden Generation zu werden, wie die vergangene unser Mörder wurde . . .“
Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine Aufklärung also —
In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre.
Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in der Brust fühlte. Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht erachtete — es wäre ihm peinlich . . .
Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths Zimmer — wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grüngebundene Buch zurück — ein Werk Lassalles — und rasch, scheu, als habe man ihn auf verbotenen Wegen ertappt, eilte er über den Gang.
Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm.
Jakob übergab eine Karte.
„In dringender Angelegenheit. Herr General sind unterrichtet —“
Ein völlig unbekannter Name — Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden.
Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten — zu Jakobs maßlosem Erstaunen.
Der General wartete, aber nichts regte sich. Schon in dieser Verzögerung witterte er etwas Ungewöhnliches. Jeder Mann von Erziehung mußte längst eingetreten sein. (Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst sich im letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) Übrigens — hieß dieser Hausverwalter nicht anders?
Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe — und im gleichen Moment erbleichte der General . . .
Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt!
Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe des Foyers spähte — nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte, als er am Schreibtisch eingenickt war, als es so eigentümlich an die Scheiben pickte — das Drohungund Kälte ausstrahlte . . . Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es war ja erst vor wenigen Tagen.
Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz langsam und zögernd kam es näher. Nicht Drohung, nicht Kälte — Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung.
Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. Die leichte Lähmung wich aus seinen Händen.
Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen Gehrock ins Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller Ehrerbietung.
In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. Er erwartete irgendein Wort. Dann richtete er sich verlegen auf und blickte dem General mit seinen entzündeten tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend etwas zu sehen.
Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete dieses Räuspern mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung.
„Bitte“, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch und deutete auf einen Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer.
Herr Herbst nahm auf der Kante des Sessels Platz, hielt den Zylinder in der Hand und begann zu zittern . . .
Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der Sessel schwankte, er fürchtete auf den Boden zu stürzen. Feuer blies aus der Wand.
Rot wie ein Gebirge bei Sonnenuntergang leuchtete das breite Gesicht des Generals im Schein der sinkenden Sonne. Riesenhaft wie ein Gebirge erschien der General Herrn Herbst in diesen Sekunden schrecklichster Angst.
Der — „Blut-Hecht!“ Wie? Ja, er — so nannten ihn seine Soldaten . . .
Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt hatte,wemer sich gegenüber befand.
Der . . .
Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder auf der Straße wäre.
Der General schnitt behutsam die Spitze einer Zigarre mit dem Federmesser ab.
„Ich bitte —?“ sagte er leichthin, während er die Zigarre zwischen den Fingern rollte. „Was wünschen Sie?“ Er hatte das Gleichgewicht völlig wiedergefunden.
Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen Hilflosigkeit in dem abgetragenen schwarzen Rock. Ohne sich dessen bewußt zu werden, genoß er die Angst, die er seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch, er sei denn von seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne sich augenblicklich erhoben zu fühlen. Oben und Unten, Herren und Knechte, nie hatte der General eine andere Gesellschaftsordnung auch nur in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze, von Gott gegeben, die man hinnahm, ohne darüber weiter nachzudenken. Bis zum jüngsten Tage wird es Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere als dieser hatten vor ihm gezittert — Soldaten und Offiziere — und sie hatten gezittert wenige Minuten, bevor sie in den Tod gingen.
Herr Herbst bewegte die Lippen — aber in diesem Augenblick zwitscherte ein Vogel irgendwo, und erschrocken wartete er.
Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, Worte, irgendein Wort, es war höchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere — dieser hier — schon sank die Sonne, dämmerte es im Zimmer — nur dieses breite starre Gesicht leuchtete noch.
Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark über die Worte, die von seinen Lippen kamen — keineswegs die Worte, die er sich zurecht legte und einübte, in den Nächten, auf der Straße, wenn er so dahinging.
Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar:
„Geben Sie mir meinen Sohn wieder!“
Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte zurückzuhalten.
Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, kaum, daß sie bis in seine eigenen Ohren drangen.
Das Gesicht des Generals wurde fahl und erdig. Die Sonne war fort. Starr stand er vor ihm, unerbittlich, schweigend, und die Augen forschten — kalt, ohne Erbarmen.
Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine bestimmte Redewendung, die mit „Bitte gehorsamst“ begann, auf den Lippen formte, flüsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen furchtbaren Worte wie vorher:
„Geben Sie mir meinen Sohn wieder!“
Diesmal schon etwas vernehmbarer.
Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch.
Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht — mit jener doppelten Ruhe und Überlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen Menschen von nicht seltener Güte einem zitternden Menschen gegenüber einstellt.
„Sie haben mir neulich geschrieben?“ sagte die ruhige und überlegene Stimme.
„Bitte gehorsamst, Exzellenz!“
„Sie haben mir geschrieben — Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere —?“
„Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!“ Prächtig ging es nun. Röte huschte über das bleiche, kleine Gesicht. Der Sessel hörte auf zu schwanken, die Gestalt des Generals nahm natürliche Maße an.
„Er ist —?“
„Gefallen. Am 5. August.“
„Fünften, sagten Sie?“
„Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf Quatre vents. Am vierten hatte bereits ein Jägerbataillon gestürmt, vergeblich, am fünften . . . da fiel er.“
Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht kritische „vergeblich“, wahrscheinlich ohne besondere Absicht geäußert, mißfiel ihm.
„Er fiel für Kaiser und Reich!“ sagte er mit etwas salbungsvoller, tieftönender Stimme.
Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die schmalen Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen Augenblick schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von satanischem Hohn verzerren wolle.
„Wie Tausende und Hunderttausende, wie Millionen —!“ fuhr der General fort, und seine Stimme hob sich.
Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber zog er das Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. Der Schmerz überfiel ihn. Er wimmerte leise.
Plötzlich aber knallte es — ganz wie heute vormittag im Foyer, als er mit dem Portier sprach — der Zylinder war auf den Boden gefallen.
„Bitte gehorsamst —“ stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er sich wieder setzte und die Tränen abwischte. Das Zimmer drehte sich im Kreise, eine Faust preßte seinen Magen zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre eine Sache! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch getrunken, und plötzlich fühlte er die Betrunkenheit. Beschütze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte er getrunken, richtigen Spitzbuben, die Werkzeuge in einem Brotbeutel bei sich führten — in einer Kneipe, im Hof, die die ganze Nacht offen war. Wenn der General nun bemerkte —
Aber der General war zum Schreibtisch gegangen und hatte ein Schubfach aufgezogen. Er drehte das Licht an.
„Verstehen Sie Karten zu lesen — Herr —?“
„Herbst.“
„Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären können, was ich beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und6. August gekämpft und die Höhe leider räumen müssen, weil man uns die Reserven versagte . . .“ Versöhnlich klang plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja einen Sohn im Kriege verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der Krieg hatte alle gesellschaftlichen Bande gelockert. Über manches mußte man in dieser Zeit hinwegsehen. „Hier ist die Höhe,“ fügte er hinzu, „wo Ihr Sohn für die Größe und Ehre des Vaterlandes . . .“
Taumelnd erhob sich Herr Herbst. Ja, der Rausch kam, ohne Zweifel.
„Sie sind nicht von hier?“
„Aus der Provinz, Euer Exzellenz!“
„Beruf?“
„Früher Lehrer an einem Gymnasium.“
„Bitte, treten Sie ruhig näher.“
Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie sah Herr Herbst zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus diesen furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen Erdgang der mitten in die Wogenberge aus erstarrtem Schmutz hineinführte — es war die Kuppe der Höhe selbst, von den Minen zerrissen.
Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit pflegte der General diese erschreckend realistische AufnahmeBesuchern zu zeigen.
„Das also ist Quatre vents!“ sagte er.
Herr Herbst atmete schwer.