Die Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie immer, wenn er die Kämpfe um Quatre vents in seinem Geiste vorüberziehen ließ. Aber er täuschte sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas Besseres zutun. Die Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen. Die Höhe von Quatre vents war strategisch gänzlich belanglos. Drei Kilometer rückwärts lag eine zweite, viel stärkere Höhe, durch einen Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. Die Lage von Quatre vents war sogar ungünstig. Sie konnte jederzeit abgeschnürt werden, wie es später auch geschah, sie lag offen vor den feindlichen Geschützen, und ihre Zugänge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der General aber hielt Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront.
Sonderbarerweise aber, auch der französische General gegenüber, ein französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt die Höhe für einen Angelpunkt der Westfront! Unaufhörlich schickte er seine Schwarzen vor. Tausende und Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten monatelang die Luft, bis die gütige Erde, die keinen Unterschied macht zwischen Schwarz und Weiß, sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer Verluste sappte sich der Franzose eigensinnig heran, und endlich lag man sich an einzelnen Stellen kaum fünf Meter entfernt gegenüber. Ein Räuspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der eigentliche Kampf um die Kuppe.
Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und sprengte die Gräben einfach in die Luft. Als der General eines Tages gerade badete, meldete man ihm, daß eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer Morgen! Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den finsteren Stollen unter der Erde.
Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden Generale, die fünfzehn bis zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von Stabsoffizieren, Telephonapparaten, Ordonnanzen, Köchen und bombensicheren Unterständen in ihren Schlössern hausten.
Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe aufpflanzt!
Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur überunsere Leichen, Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in derartigen Befehlen zu nennen. Von Zeit zu Zeit verteilte er mit feierlichen Ansprachen Eiserne Kreuze.
Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten tatsächlich, daß sie um den Angelpunkt der Westfront rangen.
Auf diese Weise entstand der zwölfstöckige Friedhof von Quatre vents. —
Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten sich mit Tränen. Zuerst verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die wilden erstarrten Schmutzwogen — aber das schreckliche Bild hatte sich für immer in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne auf die kostbare Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte — er kam bis jetzt nur noch nicht dazu — eine Träne getropft, aber der General hatte das Bild noch rechtzeitig fortgenommen.
Hier also — vielleicht war er durch diesen schmalen Erdgang geschritten —? War es möglich, daß er zwischen diesen fürchterlichen Erdwogen um sein Leben kämpfte? War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, diesen schrecklichen, sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie?
War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden?
Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild dieser Höhe erfüllte ihn mit schrecklichem Grauen.
Er taumelte und rang nach Luft.
„Hier also —?“ stammelte er.
„Es waren sehr schwere Kämpfe!“ sagte der General beruhigend.
„Und — sein Grab, hier —?“ Die Augen Herbsts waren plötzlich starr und entgeistert auf den General gerichtet.
„Wie beliebt?“
„Aber — vielleicht — ist er gar nicht begraben worden?“schrie er mit schriller Stimme und rang verzweifelt die Hände. Ja, nun verstand er alles . . .
Alles!
Wie sollte ein Toter Ruhe finden zwischen diesen entsetzlichen Wogenbergen? Wie sollte —!
Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit diesem alten Mann abgegeben. Nur um überhaupt ein Gesprächsthema zu schaffen, hatte er ihm die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein Sohn gekämpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So unerhört es war, daß ein ixbeliebiger Beamter aus der Provinz, ohne viele Umstände seine Karte bei ihm abgab, zu ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu skandalösen Anzug, hatte er doch den Umständen eine Konzession gemacht und Nachsicht geübt. Nun aber sah er sich veranlaßt, sich wegen seines allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe zu machen.
Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte ihn. Es war ja nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, völlig unberechenbare alte Mann —
Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das durch die Scheiben starrte, als es pickte . . .
„Es waren außerordentlich schwere Kämpfe — es ist natürlich gänzlich unmöglich für einen Laien, sich ein Bild zu machen. Zumal, da Sie ja die Verhältnisse an der Front nicht kennen.“ Einen letzten Versuch machte der General, den kleinen alten Mann zu beruhigen.
Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen dünnen Beinen.
„Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte er — da hinauf —?“ fragte er mit pfeifender Stimme.
Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging plötzlich von diesem verzerrten, kalkweißen Gesicht aus.
„Was soll diese Frage?“ rief er, und schon funkelten seineAugen. Seine Geduld war zu Ende. Genug mit diesem Burschen!
Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen Herrn Herbst, schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus ihnen, Haß, unergründlich.
Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden Bewegung, und schleuderte dem General ein fürchterliches Wort entgegen.
„Mörder!“
Der General wich zurück und erbleichte.
Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, und abermals schrie er: „Mörder! Mörder!“
Schon aber trat ihm der General mit breiter Brust entgegen. „Hinaus!“ rief er. „Hinaus — augenblicklich — oder —!“
Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie gesunken und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer Sekunde.
„Verzeihung, Exzellenz!“ stammelte er. „Verzeihung — ich — ich bin —“
„Ich bin — betrunken . . .“
Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. Sonst empfand er nichts mehr. Es war ihm klar, der Rausch war zum Durchbruch gekommen, plötzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er wollte all das gar nicht sagen, wollte — ja, was wollte er eigentlich — aber er hatte nie und nimmer beabsichtigt, so etwas zu sagen. Wie konnte er, er machte Besuch —
Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser alte Mann war vielleicht betrunken, möglich, aber er war etwas ganz anderes — er war geistesgestört. Einen Geistesgestörten hatte er vor sich! Alles erklärte sich nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestörter, das war dieser alte Mann. Es würde sich nunmehr darum handeln,ihn möglichst rasch und, ohne Aufsehen zu erregen, loszuwerden.
„Sie sind erregt — begreiflicherweise — stehen Sie auf —“ sagte er, um seinen unheimlichen Gast zu besänftigen.
„Erst wenn Sie verzeihen“, rief Herr Herbst, während die Tränen aus seinen Augen sprangen.
„Ich verzeihe Ihnen, natürlich —“
Sofort erhob sich der alte Mann.
„Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind“, fuhr der General fort. „Wir haben alle in diesen Jahren Schreckliches erlebt. Aber ich muß jetzt bitten, ich habe dringend zu arbeiten . . .“
„Bitte zu entschuldigen . . .“
Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand. „Ich bitte zu entschuldigen, Euer Exzellenz — die Störung.“
Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen glänzende Gesicht, und wieder nahmen seine entzündeten Augen einen eigentümlichen Ausdruck an. Wieder begannen sie zu glitzern.
Jedenfalls — — er blieb stehen — obschon ihn der General mit einer kleinen stummen Verbeugung entlassen hatte. Der Ausdruck seiner Augen war unerklärlich. Spott lag darin — oder — war es nicht Spott?
Er wartete auf irgend etwas.
Der General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am Schreibtisch niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas auf dem Herzen, und er würde nicht gehen, bevor er von dieser Last befreit war.
Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen Andeutungen in seinem Brief! Diese anfangs völlig unverständliche Anspielung, die plötzlich einen gewissen Sinn zu bekommen schien. Es war ja sogar möglich, daß dieser Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines Geheimnisses war.
„Sie wollten mir —“ begann der General erneut, etwas betreten, indem er sich voll gegen Herrn Herbst wandte — „Sie schrieben seinerzeit etwas von meiner Tochter — irgend etwas, ich erinnere mich nicht mehr —?“ Der General stockte.
„Das gnädige Fräulein —?“ Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem Brief anwandte.
Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte tatsächlich auf diese Frage gewartet — aber nicht um sie zu beantworten!
Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich zum Hohn. Er legte den Kopf auf die Schulter, lächelte . . . höhnisch, triumphierend, wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing sogar an, leise zu lachen.
„Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .“
„Guten Abend!“ sagte der General kurz. Und mit einer spöttischen Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst.
Kaum hatte er das Haus verlassen, so fegte ein Donnerwetter durch die Diele.
Wie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote Glutkegel, die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten düster, und düster brannte das Schloß am Ende der Linden. In den Schaufenstern der Luxusgeschäfte flammten die Brillanten, Perlen, Diademe, Orchideen, goldenen Schalen und Prunkgefäße.
In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der Student, die Linden entlang, dicht an den Läden vorüber mit den Orchideen, Perlen und Prunkgefäßen. Er sah sie nicht.
Sein Mund zuckte.
Dies ist die Stunde, dachte er — ja, dies ist die Stunde, da die Sterbenden noch einmal die Augen aufschlagen, um den hohen Himmel zu grüßen. Erinnerst du dich — dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies ist die Stunde, da die Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick später kommt schon die Nacht mit ihren Ungewißheiten, dem Gewimmer, Stöhnen und Miauen im Krankensaal.
Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, vonMenschenerrichtet, umMenschengefangenzuhalten, noch einmal an den Stacheldrähten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die Stunde des schrecklichen Sterbens — in Flandern und Frankreich, in Italien, Mazedonien und der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten Welt.
Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht — da das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengroß über der Erde erhebt . . .
Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den Schlachtfeldern hereinströmt in diese Stadt und täglich steigt wie ein Meer. Er roch das Blut, er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte — und dann, ja, als sein eigenes Blut über ihn strömte. Es rann über die Scheiben der Schaufenster, es quoll aus den Haustüren, überschwemmte die Straßen, das Schloß — dort unten — schon feuchteten sich die dicken Steinmauern —
Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in der roten Flut bis an die Brust, sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis an ihre Lippensteigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände färbte es rot.
Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder — das sind die Völker Europas geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . .
„Und du, Herr, über den Finsternissen?“
„Weshalb zögerst du?“
Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein Hirn blutete, sein Hirn zersprang.
„Ja, weshalb?“
Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gespürt, wie er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug . . .
„Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!“
„Wann wirst du das Signal geben?“
„Sprich!“
„Wer wird es rufen — das erste Wort?“
„Mut! Mut!“
Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er schwebte dahin. Durch unendliche gleißende Helle brauste er, über blendende Ebenen, hingegeben einer unbekannten Wollust . . .
Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn.
„Sie werden doch nicht fallen?“ sagte die Stimme eines Mannes.
Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz in der Nähe des Schloßplatzes.
Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung litt er an Schwindelanfällen. Zuweilen war er auch schon bewußtlos zu Boden gestürzt.
Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. Bleich und fahl trieb die Viktoria auf dem Brandenburger Tor ihr Triumphgespann vorwärts. Schon schobsich die schwarze drohende Finsternis herauf über die Riesenstadt, um sie zu vernichten. Die Nacht war nahe.
Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht strömten von ihm aus, Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, die finstern Reiter aus Erz mit ihren Marschallstäben standen wie Schatten.
Wo immer sie ihre Hufe hinsetzen auf Erden, diese Rosse aus Erz mit ihren finstern Reitern, entweichen die freundlichen Geister!
Aber auch sie werden dahinschmelzen im Blicke seines Zorns. —
Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten wurden dichter und krochen näher.
Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke und wanderte der finstern Vorstadt zu.
1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: „Deutschland, Deutschland über alles.“ Man hatte sie in die englischen Maschinengewehre gejagt. Wie viele waren zurückgekommen? Einer der wenigen war er. Wieviel war seitdem geschehen!
Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt — wie Hunderttausende in dem Wahn, sein überfallenes Vaterland zu schützen.
Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, wie Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie Hunderttausende der armen Teufel aller Nationen hatte er in dem Wahne gelebt, einer heiligen Sache zu dienen.
Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, daß Deutschland nicht überfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane den Krieg provozierte. Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr später hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, die sich heute zerfleischten, gleichermaßen schuldig waren.
Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan — er erinnerte sich noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht voller Stöhnen und Gejammer — sah er Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa!
Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske — Lüge, Lüge, Lüge! Jede Linie Lüge!
Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das war Europa, nichts sonst. Die europäischen Großstaaten hatten das Raubritterwesen ins Gigantische gesteigert. Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten sie die Erde, versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune, schwarze — um sich endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig selbst zu zerfleischen. Diese weiße Rasse war die verruchteste aller Rassen, die den Planeten bewohnte. Ganze Rassen hatten sie ausgerottet — aber in ihren zoologischen Gärten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr als das: sie versklavten die eigenen Völker! In Schulen, Kasernen, Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In Schulen, Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den europäischen Menschen, täglich, stündlich, seit Hunderten von Jahren.
Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: Was nützte es dir, wenn du die ganze Welt gewännest und nähmest Schaden an deiner Seele? War es möglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu gewinnen, und die Seele mochte zur Hölle fahren.
Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? Wer zog Nutzen aus ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen.
Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt durch kunstvolle teuflische Systeme.
1914, im Spätherbst — deutlich erinnerte er sich dessen — begannen die Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen — plauderte, tauschte Kleinigkeiten, diese armseligen Kleinigkeiten des europäischen Sklaven — ganzvon selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die Kameradschaft und Liebe empor. Eine Versammlung einfacher Feldsoldaten hätte in drei Tagen Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es — aber sobald Nachschub und Munition wieder gesichert waren, befahlen sie den europäischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen.
Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack — frech wehten die Standarten der Raubritter, und die weißen Sklaven beteten sie an.
Dunkelheit — Verfinsterung, kein Ausweg . . .
Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? Ackermann hatte Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten — wohin war es gekommen?
Er verhüllte vor Scham sein Gesicht.
Schreckliche Jahre, schreckliche Tage — ein Tag fürchterlicher als der andere!
Und kein Ausweg! Nein!
Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von Gehirnen, die längst in der Erde modern. Weiter rollt sie, zerschmettert Länder, Städte, Generationen.
Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. Oft schien es Ackermann, als habe Gott sein Antlitz abgewandt: das einzige, was euch gebührt, vollzieht es: schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen, Mörser, Gase, Fliegerbomben — geht unter — rasch, rasch, verschwindet . . .
Da begann — unerwartet — aus dem Osten ein Licht zu strahlen . . .
Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr für den Felddienst geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. Er wurde in ein Gefangenenlager zur Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden aufzuklären. Er wurde wegen „pazifistischer Umtriebe“ angeklagt und entging mit knapper Not dem Gefängnis.Und zwar nur aus dem Grunde, weil die Gefängnisse zu dieser Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn kurzerhand zum Regiment ab, und das Regiment kommandierte ihn nach Berlin, wo man Schreiber und Ordonnanzen zu Tausenden in den unzähligen Kriegsämtern brauchte.
Hier traf er in einer Speiseanstalt — — Ruth!
Wie? Wer war es? Wo hatte er sie schon gesehen? Wann?
Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn abends dahin gebracht, und in der Nacht erwachte er — zu seinem großen Erstaunen — in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod gesucht — besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine Handgranate zu Boden geworfen.
Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, Engländer, Kanadier, Farbige, hier waren sie nun alle vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im Bett, dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem blutigen Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes Lallen. Wie über alle Lazarette, war auch über diesen Saal jene unbegreifliche Ergebenheit gebreitet. Sie alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr Schicksal war, gegen das es keine Auflehnung gab. Die Schlacht war gekommen, weil es so sein mußte, sie waren verwundet worden, weil es so sein mußte, und sie würden sterben, wenn es beschlossen — war.
Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit gekommen, die jeder Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte.
Da — plötzlich — sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine Schwester. Sie stand mit dem Gesicht gegen die Wand, der Lichtschein streifte sie — sie preßte das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre Schultern bebten — sie weinte. Lange beobachtete er sie. Sie weinte . . .
Auch Ruth erkannte ihn wieder.
Ruth sagte: „Sie schrien im Fieber immerzu — füsiliert mich! Die einzige Ehrung, die Europa bieten kann, ist füsiliert zu werden!“
„Sagte ich das?“
„Ja, Sie sagten noch ganz andere Dinge. Sie sagten viele Dinge, die schon lange in mir schlummerten.“
„Sie —?? Aber Sie sind doch die Tochter eines Generals?“
„Ja! — Was hat das zu sagen?“
So wurden sie Freunde.
Seht, ein Mensch! Er steht gegen ein Haus gelehnt und weint!
Plötzlich aber weicht das Haus zurück — sollte man es für möglich halten — ein vierstöckiges Haus weicht dem Druck eines schmalen Rückens? Es weicht zurück, und der Mensch stürzt der Länge nach zu Boden. Sein Zylinder rollt, rollt in unendliche Fernen.
Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen Fußball damit. Welches Gelächter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit dem kleinen alten Mann, sondern mit dem Zylinder.
Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann kramt in der Tasche, sucht einen Groschen — aber plötzlich läuft er in einer unverständlichen Kurve über den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer Droschke, das selbst Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die Peitsche flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergnügen.
Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. Nacht, Finsternis, er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs gewesen, wo hatte er getrunken, wie lange hatte er geschlafen? Er wußte es nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach, Schmach, nichts als Schmach, sobald er erwachte.
Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. Wie in jeder Nacht wanderte Hähnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden sie es noch ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr lange! Er lauschte auf die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich an dem fremden Elend, um nicht an seine eigene Verzweiflung denken zu müssen.
Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben selbst ein Hund nicht länger ertragen würde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei Jahren, zweimal verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind. Und seine Frau hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und während er Dienst machte, verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf Zeitungen entbunden, verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel. Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das Gerechtigkeit? War das möglich überhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie gehabt, aber keine Milch, so war es! Und die Kinder, drei und vier Jahre alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die Knochen waren krumm gebogen, die Schädel ganz weich. Was für eine Welt war das? Aber die kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst hätte man sie eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man? War man noch auf der Erde oder schon in der Hölle?
Nein, nicht mehr lange!
Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer röchelte Herr Herbst, gleichmäßiger, der Schlaf wollte wieder zurückkehren.
Da sah er — in verschwommenen Umrissen — die entsetzlichen Wogenberge aus erstarrtem Schmutz wieder, mit den zersplitterten Baumstrunken und dem schmalen Laufgraben, der sich zwischen den Wogenbergen verlor.
Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite.
Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge.Nur — siehe da! — sie waren nicht mehr starr, sie regten sich, bewegten sich. Erdschollen schoben sich in die Höhe — Rücken, Arme, Hände, Beine wurden sichtbar — in verschwommenen Umrissen — was war das? Sieh nur schärfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich zu sehen, lehmbeschmierte Menschen, Soldaten, die von den Lehmbergen verschüttet waren und sich stumm und verzweifelt abmühten, sich aus der Erde zu wühlen.
Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich, und Robert trug einen solchen zerfetzten Lehmberg auf dem Rücken, und der Lehmberg preßte ihn zu Boden.
„Ich ertrage es nicht mehr!“ schrie in diesem Augenblick Hähnlein. „Um Christi willen!“ wimmerte die Frau und hustete.
Robert war verschwunden. Dunkelheit, Nacht, dort das Fenster, das Zimmer war leer.
Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne.
„Schmach, nichts als Schmach . . .“
Er kroch unter die Decke, und nun kam der tiefe Schlaf über ihn. — —
Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, kehrte der General von Dora zurück. Er brummte gutgelaunt vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte Doras Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht hatte ihm gutgetan.
Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein erfrischendes Bad! Wunderbar — ihr Lachen — nichts nimmt sie tragisch, eine Künstlernatur, eine Philosophin! Wir Männer dagegen . . .
Ja, Dora, sie allein verstand es, das Leben zu nehmen, man konnte lernen von ihr — obschon sie nur eine Frau war, ja —
Kaum aber flammte das Licht in seinem Arbeitszimmerauf, so erinnerte er sich wieder an die peinliche Szene von heute nachmittag, und augenblicklich war seine gute Laune wieder verschwunden.
Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen geistesgestörten Mannes schwebten noch irgendwo in der Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte das höhnische Lächeln auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche nicht. Wie heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur Seite, das eine Auge wurde größer als das andere, das Lid zog sich in die Höhe, und dieses größere Auge blinkte von Spott und Hohn.
Unruhe erfüllte den General.
Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im Besitze eines Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck seiner Augen war nicht mißzuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie kompromittierte? Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine Tochter, rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in seinem Leben gesehen.
Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit verriet einen bedauerlichen Mangel an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem Geschlechte der Hecht-Babenberg, gegenüber. Es gab schwerlich eine Verbindung, die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte, gesellschaftlich und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine blendende Laufbahn vor sich hatte. War es nicht auffallend, der Krieg schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebäudes zu erschüttern? — Allenthalben ähnliche Symptome — Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen — der Oberst Schulendorf, zum Beispiel, kommt nach Hause und findet — Skandal! Bredows Sohn hat sich im geheimen trauen lassen, er fällt, plötzlich meldet sich die Witwe — eine völlig unbekannte Person, frühere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im Rheinsbergschen Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit.
Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm plötzlich ein — allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der Zersetzung. War die Generation der Größe der Zeit nicht gewachsen?
Keine Nachsicht mehr, nein, nein, morgen, sobald sich die Gelegenheit bietet, werde ich mit ihr sprechen.
Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. Nichts wird ja leichter sein, als Aufklärung zu erhalten, jede gewünschte Aufklärung.
Schon einmal hatte er — früher . . .
Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich musterte er Hände und Gesicht, jede Falte.
Mehr Bewegung — und alles war in Ordnung!
Schon schlief er.
„Schwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!“ Mitten in der Nacht setzte sich Herr Herbst plötzlich im Bett auf und knarrte mit breiter, selbstgefälliger Stimme: Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!
Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich — ein alter Mann — aber hüte dich —!
Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, zusammengerollt zu einem kleinen Kleiderbündel.
Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber immer noch lag das kleine Kleiderbündel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es an, sich unruhig zu bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie dicht um den Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte hauchte von dem Gebirge aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht, Winter, wie? Und er kniete vor dem Gebirge und erstarrte, während er die Hände ausstreckte. Nun schien es heller zu werden, es tagte, die Sonne schien aufzugehen. Das Gebirge begann allmählich zu erglühen, es glühte rot, nur Stein, zerrissen, verwittert.
Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten — das Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht.
Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald aus der Bewußtlosigkeit auftauchen würde. Nur noch eine Idee brauchte er höher zu tauchen, und schon würde er an die schwarze, schwere Schicht von Schmach stoßen, die auf ihm lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die schwere Schicht von Schmach, berührte ihn, drückte ihn zu Boden.
Da! Er war wach. Der barmherzige Rausch war verflogen. Und da war sie wieder . . .
Betäubt saß er da. Es dunkelte schon.
Schmach, nichts als Schmach!
Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen und mit den Füßen getreten. Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe — Tausende, Hunderttausende — — ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein Bild gezeigt — trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich, wie?
Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus mit Ihnen, oder ich lasse Sie abführen.
Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen.
Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten.
Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute — bei ihm! Und da, da — hörst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan.
Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an.
Ja, auch sie war da!
Hoffärtiger — nichts als ein alter Mann — vielleicht bereust du noch, wer weiß es? — Und du — Sanfte, Bleiche — deine sanften Augen werden weinen müssen — es muß sein —
Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme gellte durch das Haus. Hilfe! Hilfe! Es war Frau Hähnlein.
Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. Eine Türe schlug, Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen Hähnleins Türe, und Ackermanns Stimme fragte: „Was gibt es?“
„Nichts, nichts, Ackermann!“ antwortete Hähnlein mit einem keuchenden, verlegenen Auflachen. „Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte — nichts, nichts —“
Ali Baba und die vierzig Räuber!
Endlich war Doras berühmter Abend gekommen. Dumpf lockte die Trommel —
Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter Neger, mit dem Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug den Vorhang auseinander und fletschte ihr die Zähne entgegen: „Ali Baba heißt dich willkommen!“
„Er tut dir doch nichts“, lachte Klara und schob Hedi vorwärts.
Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot waren seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet. Ein zweiter Neger half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller von Farbe, sein Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß und trug nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Röckchen.
Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen.
Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein zottiger Bär schob sich an Hedi vorüber, und daraus schälte sich eine zierliche, halbnackte, nilgrüne Türkin. Gräfin Heller. Abendmäntel aus kostbaren alten Brokaten, antiken Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen Kirchengewändern — und Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen, Haremsdamen,Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, mit goldenen, roten, grünen Schuhen, Schuhen mit langen Silberschnäbeln und blitzenden Steinen. Wohlgerüche und der Duft gepflegter Frauenkörper gingen von ihnen aus.
Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte sie das Gesicht mit dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt begierig blitzten nun ihre Augen.
Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt.Ihre jungen Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen dem silbernen Jäckchen und den faltigen Pluderhosen aber war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll. Das war Hedis höchsteigene Erfindung.
Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute nachmittag — schon am Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette — zwischen den beiden Schwestern nahezu zu Tätlichkeiten gekommen.
Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß siesonicht mit Hedi gehe! Wie?
„Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!“
Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben Jahres verschlang! Hedi war tödlich verletzt.
„Das ist ja gerade das Orientalische“, schrie sie aufgebracht. „Was versteht ein Kind von solchen Dingen? Und du — was soll das werden, du meine Güte?“
Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das ihr Gesicht bis zu den Augen verbarg.
„Ich bin eine türkische Witwe!“
„Eine Witwe?“
„Ja!“
„Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich machen! Zum ersten Male höre ich, daß man als Witwe auf einen Ball geht.“
„Aber ich gehe so!“
„Blamiere dich ruhig!“ Empörend war Hedis Lachen.
„Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste Lust!“ schrie Klara und begann sich wieder auszukleiden. Sie warf die Schuhe wütend unter das Bett.
Hedi erbleichte. „Nun gut, mein Liebling. Papa wird außer sich sein, wenn er dich nicht dort findet. Ich werde ihm aber dann die Geschichte erzählen, die du mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!“
Sie hatte Klara ins Herz getroffen. „Und du?“ schrie Klara und funkelte die Schwester mit drohenden Augen an.
„Und ich? Was soll mit mir sein?“
„Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. Ich weiß mehr, als du glaubst.“
„Was weißt du, nichts weißt du.“
„Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring bekommen hast. Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den Kaiserhof?“
Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein.
„Das ist doch unerhört!“ schrie sie rasend. „Du weißt so gut wie ich, daß man mir den Ring anonym mit der Post geschickt hat. Ich schwöre —“
Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu Tätlichkeiten gekommen.
Nun aber waren sie doch hier. Dumpf lockte die Trommel, und Hedis Herz pochte.
Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es regnete etwas.
Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst von einem Auto, das auf eisernen Rädern wie ein Tank rasselte und die ganze Straße mit Qualm und Gestank erfüllte.
Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der Lessingallee magisch beleuchteten. Und — viel später noch — fuhr eine zweite Limousine vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur in Livree, das gänzlich lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des Generals weit in den Schatten stellte.
„Ali Baba heißt dich willkommen!“
Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn anzusprechen.
Drollige Einfälle hatte diese Dora!
Hedis Herz pochte vor wilder Erregung.
„Die Liebe, meine süßeste Prinzessin —.“
Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grüne, gelbe Riesenlampen, Zelte, Diwane. Die Musiker trugen scharlachrote Turbane und grünspanfarbene Gesichtslarven mit langen Fransen. Sie hockten auf einem Diwan in der Ecke.
Schon jetzt herrschte in Ali Babas Räuberhöhle Gedränge.
Ein sonderbares Holzinstrument dudelte, und aus einem bronzenen Dreifuß stieg eine betäubende Wolke von Wohlgerüchen empor. Die beiden halbnackten Schwarzen kredenzten Erfrischungen.
„Die Liebe, meine Prinzessin — so banal es klingt, ist eine Bauernfängerei der Natur, eine Illusion zweier Narren —“
„Ah!“
„Genau wie die Ehe eine Bauernfängerei der Gesellschaft ist, eine Illusion einer Masse von Narren.“
„Also du glaubst nicht an die Liebe?“
„Nein, nein, ich glaube nur . . .“
„Nun?“
„Darf ich es dir ins Ohr sagen?“
Diese geistvolle Unterhaltung führten Hedi, die Prinzessin in Silber, und ein wild aussehender Räuber mit vermummtem Gesicht, in billardgrünem, durchlöchertem Burnus. Sie kauerten dicht nebeneinander mit angezogenen Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin näherte nun dem Räuber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Räuber ihr sein Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterte.
„Pfui, wie häßlich!“
„Auch du nicht stark genug für die Wahrheit?“ Enttäuscht schüttelte sich das vermummte Gesicht.
Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmönch vor Hediund hielt ihr eine Schale hin, eine ausgehöhlte Kokosnußschale, die er an einer dünnen Kette am Handgelenk trug. Der Bettelmönch war völlig in Tuchlappen von einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehüllt, wie eine Mumie. Sogar die Arme. Er trug einen orangeroten Turban, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Seine Augen blendeten.
„Wer bist du?“ fragte Hedi und warf eine Zigarette in die Schale. Ihr Herz stockte.
Der Bettelmönch hob die Schale zur Stirn und verneigte sich. Wieder blendeten seine Augen.
„Wer ist es?“
„Ich kenne ihn nicht. Gottlob sind alle Gesichter vermummt. Welch eine herrliche Idee! Um wieviel gewänne dadurch das Leben!“
Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Räubers, blitzende Pechtropfen. Wer war es, der sich an ihre Fersen heftete und sie nicht mehr losließ? Seine Keckheit gefiel ihr, auch der Unsinn, den er sagte. Ein großer Diamant gelblichen Feuers sprühte an seiner kurzfingrigen, gepflegten Hand.
Schon jetzt glühte Hedi am ganzen Körper. Ja, heute, heute, in dieser Nacht, mußte es geschehen, in dieser Nacht mußte es sein! Was mußte geschehen, was mußte sein? Das wußte sie selbst nicht.
Betörend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis kleines Ohr.
— — — — — — — —
„Halt, einen Augenblick, Verehrtester!“
Professor Salomon zwängte sich blitzschnell zwischen zwei nackten Rücken hindurch, einem heißen, rosafarbenen, mit großen Poren, und einem kühlen, glatten, kantiggeschnittenen, elfenbeingelben, mit verwirrenden, rabenschwarzen Kräuselhärchen im Nacken, blitzschnell und vorsichtig, um seinen Frack nicht mit Puder einzufetten. Der Professor wartrotz Doras Verbot im Frack. Er fand es entwürdigend, sich mit bunten Lappen zu behängen. Aber er trug die Rosette des Eisernen Kreuzes im Knopfloch.
Soeben hatte er einen Bekannten erspäht, der sich gerade das Auge mit dem Taschentuchzipfel auswischte. Die Feder eines Kopfputzes war ihm ins Auge gefahren. Es war ein ganz besonderer Glücksfall, denn der Bekannte war ein gewaltiger Schürzenjäger, so aber war er gezwungen stillzuhalten.
Das fette Kürbisgesicht des Professors strahlte. Es muß leider gesagt werden, daß der Schädel des Professors einem halbausgewachsenen, etwas gelblichen Kürbis mit großen, abstehenden Ohren glich. Professor Salomon, Gründungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung der englischen Welttyrannei, Vorstand des Bundes Barbarossa, vorher fast unbekannt, hatte es während des Krieges zu einer Art von Berühmtheit gebracht. In diesem Kürbisschädel waren die wirtschaftlichen Gutachten entstanden, die die Marine als Unterlage für den unbeschränkten U-Boot-Krieg benötigte. Professor Salomon hatte seine Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit der Admiralität gelöst. Nunmehr bekleidete er einen einflußreichen Posten im Auswärtigen Amt.
„Wichtige Neuigkeiten“, rief der glänzende Kürbis. „Die Wissenschaft triumphiert — trotz aller Zweifel unserer Anglomanen.“
Der mit Diamanten übersäte Perser, in Ali Babas Gefangenschaft geraten, schielte ihn hilflos mit seinem tränenden Auge an. Er war ihm vollkommen ausgeliefert.
„Wir haben Meldungen, daß in ganz Schottland schon kein Pfund Mehl mehr aufzutreiben ist, und in Südwales gab es eine Hungerrevolte“, zischelte der Kürbis.
„So?“ Der impertinente Ton wandelte den gelblichen Teint des Kürbis augenblicklich in tiefes Scharlachrot.
„Und Sie haben immer gezweifelt, gerade Sie warenimmer derjenige! Auf Grund genauester wissenschaftlicher Unterlagen, völlig einwandfreier Statistiken —“
Der Perser wischte sich die Tränen von den Wangen. „Ich pfeife auf Statistiken, mein Lieber. Das Konversationslexikon genügt mir. Völlig abgesehen davon —“
„Völlig abgesehen?“
Der Professor verfolgte den fliehenden Perser.
„Völlig abgesehen davon —“
„Hören Sie —“ Der Professor versuchte den fliehenden Bekannten festzuhalten. „Die Engländer haben kein Grubenholz mehr. Die englischen Bergwerke versacken — Sie entfliehen —?“
Der Perser stürzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom der Tänzer.
„Ah, ah, so sind sie, so sind sie alle“, murmelte verzweifelt der Kürbis.
Schon hatte er einen neuen Bekannten erspäht. Aber gerade, als er sich ihm nähern wollte, geriet er in einen Wirbel von Foxtrottänzern.
In demütiger Haltung, sich ohne Aufhören verbeugend, ging der zerlumpte Bettelmönch von Raum zu Raum und rasselte mit der Schale. Seine Brust keuchte erregt, und seine Augen blinkten in jedes Frauengesicht.
Wer bist du?
Er ging weiter. Seine Augen drangen hinter die Schleier, glitten über Hände, Ohren, Hüften, Füße.
Wer bist du?
Plötzlich zuckte er zusammen. Eine Hüfte — nichts als das Wiegen einer Hüfte beim Tanze . . . Ohne jede Rücksicht stürzte er sich zwischen die Tänzer. Laut rasselte er mit der Schale vor einer etwas üppigen Haremsdame, die wie ein Kolibri in allen Farben schillerte.
Die Haremsdame blieb — unwillkürlich — stehen und sah ihm in die Augen.
„Wer bist du?“
Aber stumm verbeugte sich der Bettelmönch. Bis zur Erde. Seine breite Brust wogte unter den Lumpen.
Die Haremsdame lachte — nur Dora konnte eine derartige Fontäne von Gelächter hervorsprudeln.
„Du bist wohl stumm?“
Der Bettelmönch nickte. Aber so oft Dora vorüberkam, verbeugte er sich und rasselte mit der Schale, seine blinkenden Augen folgten ihr überall hin.
Schon war es ihm gelungen, Doras Neugierde zu wecken.
Über dem Dunst des Räucherwerks, den wirbelnden Turbanen, Federn und Schleiern, auf der kleinen Empore, gerade über den Musikanten mit ihren grünspanfarbenen Gesichtsmasken, bewegte sich plötzlich ein massiger, breiter Schatten, der sich düster über die Decke reckte. Dann schrumpfte der Schatten zusammen, und über der Brüstung erschien ein breites, erdfarbenes, glanzloses Gesicht und blickte herab. Alle Blicke wandten sich nach oben. Der General war gekommen.
Der Räuber im durchlöcherten, billardgrünen Burnus deutete mit dem vermummten Gesicht zur Empore und raunte Hedi eine Bemerkung ins Ohr, die bei seiner Dame unbändige Heiterkeit auslöste. Sie fand ihren Kavalier schnurrig über alle Maßen. Und so etwas Keckes und Unverschämtes hatte sie überhaupt noch nicht erlebt!
„Fort, fort, er sieht her! Wie herrlich du doch lachen kannst!“
In der Tat, das erdfarbene Gesicht auf der Empore hatte die Brauen hochgezogen.
Der Räuber hielt die linke Hand mit dem gelblichen Brillanten wie zum Schwure in die Höhe, seine Rechte berührte Hedis Schulterblatt, schon tanzten sie. Obschon er sie kaum berührte, hielt er sie fest wie ein Schraubstock,unentrinnbar. Und bei gewissen Figuren zog er sie unvermittelt dicht an sich — wie nur Räuber es vermögen.
Unterdessen irrte Klara mutterseelenallein und tief unglücklich in der labyrinthischen, farbenlohenden Höhle Ali Babas umher. Jeder Schlag der dumpfen Trommel traf ihr Herz, die Pfeifen schrillten Verzweiflung. Sobald aber das sonderbare Holzinstrument zu dudeln anfing, hielt sie sich die Ohren zu und entfloh in die fernsten Winkel. Aber überall waren diese verrückten Vermummten, in den entlegensten Winkeln. Aus allen Ecken und Dunkelheiten winkten weiße Arme und Hände, blendeten heiße Augen. In einem rotglühenden niedern Raum — Ali Babas Opiumhöhle — kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. Das Herz der kleinen türkischen Witwe pochte gegen den Brief, den sie im Mieder trug — heute morgen war er gekommen.
Plötzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf sich gerichtet, unendlich sanfte Augen voller Trauer, und sie versank angezogen in ihre Betrachtung. Sie hob die Hände, auch die Erscheinung in der Nische hob die Hände. Sie berührte Glas.
„Du bist es — Klara?“ fragte sie, und die Erscheinung stellte die gleiche Frage.
Da aber griff plötzlich eine gespenstische, grüne Hand nach dem Spiegelbild, und sie schrak zusammen. Doch niemand war da. Eine Heiligenfigur, die ein Buch schwang, stand dem Spiegel gegenüber, und durch den wehenden Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grüne Hand des Heiligen gefallen.
Wunderbar . . . Heinz hatte oben in der Luft ihr Gesicht im Äther dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, genau so schnell wie die „Schwalbe“. So hieß seine Maschine.
Der Brief brannte auf ihrem Herzen.
„Wir sind ja jung! Vor uns liegt das Leben, vor uns liegt die Zukunft. Ich liebe dich, du Teuerster!“
Und der Brief glühte.
Schon taumelte sie wieder erschrocken zurück. Durch die Luft kam kopfüber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwürdigerweise in Uniform, mit staubgrauem Gesicht und fiebrisch glänzenden Augen. „Feuerwalze, Feuerwalze!“ schrie erschrocken ein Chor von Stimmen. „Er hat sich das Genick gebrochen!“
Die fiebrischen Augen wandten sich der kleinen, grauen Witwe zu. „Du weinst ja —“ sagte der Uniformierte verwundert, und schon zuckte eine Hand nach ihr.
Aber schon floh Klara. Zwischen Vermummten hindurch, eine kleine Treppe hinauf. Plötzlich hielt sie inne: in einem Sessel saß der General. Auch für ihn gab es weder Tanz noch Musik. Zusammengesunken saß er, den Blick in sich zurückgezogen.
Düster brannten seine Augen.
Er hatte sich früher auf Festen gelangweilt, heute bedrückten sie ihn. Musik weckte Melancholien, fröhliches Gelächter Trauer. Er war ja nur hierhergekommen, um Dora nicht zu kränken — und um womöglich einige Worte mit einer hochstehenden Persönlichkeit zu wechseln, die ihr Erscheinen zugesagt hatte. Voller Verachtung blickte er auf diese Narren herab, die sich in bunte Lappen hüllten. Die Frauen begriff er noch zur Not — es war ihre Natur — aber die Männer —? Während das Brüllen der Kanonen eine neue Epoche der Geschichte verkündete?
Durch eine schmale Tapetentür schlüpfte Klara ins Treppenhaus. Hier, zwischen alten Truhen und Schränken, atmete sie auf. Fern klangen Trommeln und Pfeifen. Plötzlich lächelte sie wieder.
Glücklicher war sie ja, als alle! Als alle!
Und plötzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, kleinen Schritten, für sich allein, zwischen den alten Truhen und Schränken. Sie hatte noch nicht das Meer gesehen und noch nicht das Hochgebirge. Zierlich hob sie die Füßchen:all das würde sie sehen — mit ihm! Venedig und Paris, London und eine Stadt in Indien — zierlich wiegte sie die Hüfte — alles mit dir, mein Geliebter . . .
„Weißbach? Sind Sie es, Weißbach? Retten Sie mich!“ rief Hauptmann Falk und wischte sich den Schweiß vom grauen Gesicht. „Helfen Sie mir — Sie sehen mich in einem schrecklichen Zustand!“
Weißbach lachte.
„Ich bin behext, ein Weib hat mich total behext. Da — da — da — das ist sie! Sehen Sie diese Schwefelgelbe. Diese Hüfte — grundgütiger Himmel!“
„Aber, das ist ja Dora!“ rief Weißbach aus.
„Dora? Wer ist Dora?“
„Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dönhoff selbst!“
„Ah, ah — gut, einerlei, wer es ist. Jedenfalls, sie sehen mich in der fürchterlichsten Aufregung. Dieses —Weib hat mich vollkommen verrückt gemacht. Sie kam zu mir und blinzelte mich an und berührte nur ein wenig meinen Arm, aber ich sage Ihnen — ein Strom! Jedenfalls — es muß etwas geschehen, und es wird etwas geschehen.“
„Halt, halt — Feuerwalze! Einen Augenblick! Nehmen Sie sich etwas in acht.“
„In acht, vor wem, vor ihr?“
„Nein, vor ihm.“
„Vor ihm? Er ist doch im Felde? In der Champagne!“
„Nein, er ist keineswegs im Felde. Er ist hier.“
„Hier? Hier —?“
Weißbach flüsterte Falk etwas ins Ohr — und Falk taumelte vor Verblüffung zurück.
„Wie sagen Sie —?“
„Pst!“
„Unmöglich!“
„Nun, Sie werden schweigen!“
„Ah, ah — aber hören Sie?“
„Sie sprechen nicht darüber? Ihr Wort!“
„Ich spreche nicht darüber. Nein, was Sie sagen? — Ich dachte, ich hörte — eine Königliche Hoheit?“
„Das war ja früher. Vor der Heirat.“
„Ah, ah! Ich verstehe! — Aber hier kommt sie wieder! Sehen Sie doch, diese Hüfte, diese Bewegung! Leben Sie wohl, Weißbach —“
„Vorsicht!“
Schon tauchte Falk zwischen den Vermummten unter. —
Der junge, schlanke Neger, der nur ein kurzes, rotgelbes Röckchen anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. Wohlgefällig folgten die Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen und Odalisken dem hübschen Sklaven.
Hedi kühlte das fiebernde Gesicht, der süßliche Duft des Räucherwerks betäubte sie. Ihre Wangen glühten durch den Schleier, ihre Augen blinkten wie geschmolzenes Blei. Sie fühlte, wie eine Schweißperle über ihre Hüfte rann, gerade wo der dünne Schleier sie bedeckte. Dieser rinnende Schweißtropfen war wie eine wollüstige Berührung.
Da hörte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme.
Ihr Kavalier, ein steifer Beduine, in einer Kadettenschule erzogen, sagte mit gelangweilter, selbstgefälliger Stimme: „In sechs, acht Reihen griffen die Russen an, und wir warteten, bis sie ganz nahe heran waren, dann erst eröffneten wir das Feuer.“
„Wie schrecklich!“ rief Klara aus.
„Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen, und wir schossen sie zusammen. Sie schrien und stöhnten vor unseren Verhauen. In der Nacht aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10 Grad, da wurden sie still.“
„Oh, wie entsetzlich!“ Und Klaras Stimme verklang.
„Also kein Freund von Generalen?“ fragte Hedi. Hier in dem kleinen, leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank etwas kühler.
„Nein.“ Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches Räuberlachen. „Das kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren Federbüschen, Ordenssternen und Ritterschwertern wirken sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.“
„Solange es Kriege gibt, meinst du —?“
„Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten und zu führen, solange werden Kriege unausbleiblich sein.“ Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er schwatzte gern, tat gerne geistreich, Hedi hatte das längst herausgefunden. Aber er gefiel ihr, und selbst sein Geschwätz über alle möglichen Dinge hörte sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch, anzunehmen, daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige, dahinrasende Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für Gespräche — nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung.
„Ja, unbedingt!“ fuhr der Räuber eifrig fort. „Während die Welt nichts Arges denkt, sitzen überall diese Generale und denken darüber nach, wie sie ihre Kanonen verbessern könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. Aber sobald sie nun glauben, die besseren Geschütze zu haben, wird ihre Sprache schon etwas kühner. Sie sammeln die große internationale Gemeinde der Kanonenanbeter um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die nicht an ihre Kanonen glauben — und schon ist das Unglück fertig. Nun aber treten die Generale, die sich bisher im Hintergrund hielten, zum großen Erstaunen der Mitwelt plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande —“
„Ich höre, du bist nicht Soldat?“
Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier an dem Diwan vorüber. Der steife Beduine sagte: „— stehe also auf der Sturmleiter, die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.“
„Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein“, sagte Klara.
„Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewöhnt sich an alles, mein gnädiges Fräulein.“
Die glänzenden Pechaugen des Räubers lachten aus dem vermummten Gesicht. „Soldat? Auch ich war Soldat“, erwiderte er.
„War?“
„Ja. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich bin tot.“
Hedi brach in lautes Gelächter aus.
„Ja, ich bin tot, meine schöne Maske,“ fuhr der Räuber fort, „ich bin gestorben im Lazarett zu Warschau. Meine Bestattung kostete mich tausend Mark. Der Feldwebel hat mich aus der Stammrolle des Regiments gestrichen, ich existiere nicht mehr. Neben meinem Namen steht: Gestorben am Typhus —“
Nein, wie Hedi doch lachen konnte!
„Wie herrlich — wie wunderbar!“ Sie konnte sich gar nicht beruhigen.
„Welch wunderbarer Einfall. Er ist tot! Wer bist du eigentlich? Kenne ich dich?“
„Wir sahen uns zuweilen im Kaiserhof.“
Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel.
Plötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen nach dem Geländer der niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei einem Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes Nichts. —
Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm die Brust zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! Aber plötzlich trieb ihn ein Verlangen, sich unter diese fremden, unverständlichen Menschen zu mischen, die sich in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte, Dora, ein paar Worte mit ihr sprechen!
Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe hinab, die unter dem Gewicht seines schweren Körpers krachte. Nunmehr war es ja auch sehr unwahrscheinlich geworden, daß jene hochgestellte Persönlichkeit, mit der er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das Fest noch mit ihrem Besuche beehren würde. Der General bedauerte es aufrichtig. Jene hochgestellte Persönlichkeit war niemand anderes, als der Bruder der Gräfin Heller, dessen Name man nur ehrfürchtig zu flüstern wagte. Der General hatte die Gelegenheit begrüßt, in den Gesichtskreis einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr des Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. Denn, nunmehr war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen.
Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick seiner hellen, grauen Augen glitt über den Saal. Das breite, erdfarbene Gesicht zuckte bei der Bemühung, die Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese sorglosen, heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in seiner Brust zu wecken, kaum daß Doras Lächeln, das ihn traf, so oft sie vorbeitanzte, eine flüchtige Wärme in seinem Herzen anfachte.
Nein, fremd, unverständlich!
Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt und zerkaute gelangweilt ein belegtes Brötchen.
Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter lehrte mit feierlichem Ernst einer Verschleierten einige schwierige Tangoschritte. Andächtig schob sich am Büfett ein befrackter Rücken entlang, von Schüssel zu Schüssel.
Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime Rat Westphal, den der Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten völlig hypnotisiert hatte. All die Kriegsjahre hindurch hatte er sämtliche Vorschriften und Gesetze, die die Ernährung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis schwand, er schlief vor Schwäche die Hälfte der Zeit in seinem Bureau im Auswärtigen Amt, schlief, schlief, aber befolgte die Vorschriften, denn schließlich gehörte er ja zur Regierung, die sie erließ. Und hier, war es möglich, hier gab es ganze Schinken, man denke sich! Es gab hier ganze Puten, ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange Braten, man denke! Das Fett troff von den Schüsseln, es gab hier Sardinen, woher denn, beim allmächtigen Gott, sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege. Es gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene Sorten von Käse. Der Geheime Rat hatte sich der Wollust des Kauens hingegeben. Er kaute, er nahm hier ein Stückchen Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein Stückchen gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen Schinken. Auch ein Scheibchen Gänsebraten, von der Brust, eine Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei Jahren hatte er nicht mehr ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen, und, wie gesagt, die ganze Reihe der Käse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andächtig schob er sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die Brille gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet.
Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen, Stickereien, das Rot des Generalstabes funkelte. Er prallte zurück.
„Herr General“, sagte er, sich verbeugend, und balancierte den Teller geschickt auf der Hand.
Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfeund knarrte irgend etwas in der Kehle. Nichts haßte er mehr als Aufdringlichkeit.
„Geheimer Rat Westphal. Ich hatte bereits die Ehre, Herr General.“
Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer eintrat, wenn Vertreter der hohen Generalität und Angehörige des Auswärtigen Amtes sich begegneten.
Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn allen Beamten des Auswärtigen Amts gegenüber, und der Geheime Rat seinerseits gebrauchte allen Militärs gegenüber — äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen, er fürchtete sie, offengestanden.
„Ich bin allerdings etwas mager geworden“, sagte der Geheime Rat mit nachsichtigem Lächeln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals. „Ich trug vor dem Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.“
„Es geht uns allen nicht besser“, antwortete der General. „Wie beurteilen Sie diese Sache?“ Und der General langte nach einem Lachsbrötchen.
Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart.
„Ich bin,“ begann er, „ich bin hoffnungsvoll. Es ist natürlich schwer zu sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in Anbetracht der militärischen Situation für, ich möchte sagen, ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken ist — England —“
„Wie, bitte?“ Der General beugte sein knorpeliges, rotes Ohr mit den kleinen Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab.
Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und wich etwas zurück. „Ich spreche natürlich nur meine Private Ansicht aus. Ich kenne keineswegs — ich weiß keineswegs, wie der Minister die Situation beurteilt. Ich habe den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.“
„Sie sprechen von der politischen Lage?“
„Ich meinte, Herrn General so verstanden zu haben.“
„Ich meinte nur, wie Sie diese Sache heute abend finden.“
„Oh — Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen vor dem Kriege, genau so, eine Art, möchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha ha!“
„Après nous le déluge!“ sagte in diesem Augenblick ein heftig schwitzender Beduine zu einer zierlichen Schleierfee.
Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser Geist war es, der am Mark des Volkes zehrte. Mit einer Art von Bewunderung mußte er in diesem Moment an den französischen Ministerpräsidenten denken, der all diese Schwätzer und Kleinmütigen ohne viel Umstände — an die Wand stellte!
Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese Hypnose des Schreckens, die unter allen Umständen nötig war, auf das Volk ausübte? Wo hier —?
In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als wolle er ihn zum Tanz engagieren. Es war indessen nur Petersen, der meldete, daß Seine Exzellenz gekommen waren.
Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht.