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„Und hier, das ist Thea — sie ist etwas üppig — aber Thea, er sieht doch nicht! — sie hat ganz große blaue Augen und filmt. Du würdest dich in sie verliebt haben, weil sie so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist ein so lieber Junge!“

„Und das hier — Rolli — come along! — Rolli — ein kleiner Teufel! Siehst du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre alt, aber schon völlig verdorben. Pfui, Rolli — beherrsche dich doch! Aber sie ist sehr süß. Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine kleine Schwäche für Frauen und kennt die Damen der höchsten Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt an derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen, wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte Rinaldo — nun entstellt ihn ja diese häßliche Brille etwas, aber man gewöhnt sich ja rasch!“

„Und das hier — Reh — sie heißt Rebekka — Reh, komm hierher. Siehst du, sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den Augen. Aber sie ist auch ein bißchen angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse ihn, so, so, küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.“

„Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt dir ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet übermorgen, und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie heiratet einen Sattler, der im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja, reizend wird es bei ihr werden. Fühle nur ihre Ringe. Fühle doch. Alles echte Steine, aber er ist so verschossen insie. Fühle doch ihre Wangen. Hast du je so etwas Sanftes gefühlt? Ihr Teint ist herrlich. Fühle ihre Hüften — was sagst du? — Ah, siehst du, Rinaldo —“

Allmählich wurden die Donnerschläge schwächer, das Gewitter zog langsam ab.

Erst nachdem der General ungeduldig wurde und seinen Titel nannte, erhielt er telephonischen Anschluß. Augenblicklich meldete sich Major Wolff, der Nachtdienst hatte.

Der General ließ sich Vortrag halten. Wolff las die wichtigsten Telegramme vor, die wichtigsten Eingänge — eine volle Stunde sprach der General am Telephon. Das Gewitter sog an den Drähten, zuweilen klang die Stimme Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kümmerte sich der General. Er gab mit kühler, klarer Stimme Anordnungen — schließlich aber war alles erledigt. Bitte morgen um einhalb acht um telephonischen Anruf. Schluß und gute Nacht!

Augenblicklich vertiefte sich der General wieder in die Aktenstücke, ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. Nochmals breitete er die große Karte über den Schreibtisch. Staubecken, Überschwemmungsgelände, natürliche Hindernisse — es mußte schließlich noch in letzter Stunde gelingen, den Riesenkörper der Armee rückwärts zu leiten. Vielleicht verführte ihn der gegenwärtige Zustand seiner Nerven zu einer allzu pessimistischen Beurteilung der Lage.

Der General war noch in voller Uniform, er hatte sich nicht umgekleidet. Und immer noch rauschte draußen der Regen.

Auch die strategische Betrachtung war nun abgeschlossen. Er warf noch eine Anzahl Notizen auf den Block, für morgen. Ja, nun war alles Dienstliche erledigt.

Ohne jede Unterbrechung, voller Hast, begann der General plötzlich einen Brief aufs Papier zu werfen.

Während des einstündigen Telephongespräches, während er die strategische Lage analysierte — immer hatte er nur an diesen Brief gedacht, um die Wahrheit zu sagen. Er hatte ihn völlig im Kopfe entworfen, und nun rasch, rasch, um die Sache zu Ende zu bringen.

Ein Vermögen . . .

Nun — das war ja schließlich das wenigste!

Aber schon fühlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, Stimmen, die von innen heraus kamen, nicht von außen her, und absurde Worte raunten. Sein Herz schlug, es pochte in der Brust, im Kopf, in den Armen, im Schenkel. Die Wände klafften, das starre Auge blickte durch die Spalten in die schwarze Finsternis, leer, tot, kalt und unendlich wie der Raum zwischen den Sternen. Erschauernd schob er den Schreibtisch weit von sich und sprang auf.

Licht!

Lauten Schrittes, absichtlich ging er ganz laut, wanderte er durch die Zimmer. Er sprach abgerissene Worte vor sich hin, lachte mit geschlossenen Zähnen.

„Wie? Wie? Freundschaft — Treue — Glauben — wie?“

Grau sein Gesicht. Er vermied es, in die Spiegel zu blicken — aber doch, ohne es zu wollen, sah er immer wieder ein graues Gesicht durch die Spiegel wandern. Er schlich dahin, gebeugt, scheu, verfolgt. Geflüster kroch über die Wände, die toten Dinge begannen sich zu winden, das Licht blinzelte.

Im Salon hing sein Porträt, gemalt kurz vor dem Kriege. Von einem Schützling von — ihr! Aus Gefälligkeit hatte er sich malen lassen, er gab sonst nichts auf moderne Malerei. Früher war er jahrelang Mitglied eines Kunstvereins gewesen, dem hoher Adel und Grundbesitz angehörte, man zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür jedesJahr irgendein Kunstblatt. Längst war er ausgetreten, aber da sie es gewünscht hatte —

Die Hände auf das Schwert gestützt, hatte ihn der Künstler dargestellt. Das Gesicht war kantig, hart, entschlossen. Trotz der angegrauten Schläfen blühend von Gesundheit und Kraft. Der Blick voller Festigkeit und Ziel. Vielleicht ein bißchen geschmeichelt das ganze Bild.

Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt.

Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel gleiten, obgleich er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, die Linie seines Rückens — sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den Blick abwandte.

Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf dem Schwertknauf ruhten, sie waren heute die Hände eines alten Mannes. Die Haut hatte eine fahle Färbung, die Adern auf den Handrücken waren geschwollen.

Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen — und schon war er alt! Und doch sah er sich noch als Leutnant vor sich! Seine für damalige Verhältnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und der altmodischen hohen Mütze.

Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das farbige Tuch. Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, vielleicht einmal einen Jagdanzug auf dem Lande.

Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann, dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt hatte er alle Ränge durchlaufen — aber es schien ihm, als sei er eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, Religion, Vaterland — sie hatten sich nicht geändert. Der Leutnant der gleiche wie der General.

Er war eigentlich nie jung gewesen, auch als Kadett nicht, nein. Nie jung, und schon wurde er alt!

Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den Ordenssternen sehen zu müssen — jugendlich trotz der angegrauten Schläfen.

Ja, ja, ja — keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn — ein Ehrloser! Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als diese Geschichte mit der Hand passierte, sofort gewußt, ja, gewußt, augenblicklich und instinktiv, worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu glauben. Offizier — ein Hecht-Babenberg — und doch! Ja, nun wußte er alles . . .

Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück.

Ja, ein Vermögen, diese Frau — in der Tat, Rothwasser . . . Ihre Augen strahlten Reinheit, Treue, Unschuld. Es gab niemand, dessen Lachen und Stimme allein ein solches Maß von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit, ihre kindliche Naivität, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit, unmöglich, gänzlich unmöglich — er hätte die Hand für sie ins Feuer gelegt.

Daß ihn seine Menschenkenntnis so trügen konnte!

Nein! Er legte die Feder weg. Schweigen, Schweigen — nichts sonst . . .

Plötzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme!

Diese Stimme?

Langsam und heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Die Adern an den Schläfen zuckten.

Ottos Stimme! Er rief nach dem Burschen.

Wollte er ihn herausfordern, der — Infame? Der General sprang auf. Mit zuckenden Schläfen stürzte er zur Türe . . .

In der Tat, Otto war gekommen, wie er zuweilen kam, seitdem er im Westen wohnte, um irgend etwas abzuholen, Bücher, Wäsche. Er kam zu jeder Tages- und Nachtzeit, wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne Rücksichtmit den Türen. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel zu holen. Er brauchte ihn, da es noch immer in Strömen regnete.

Dies war der eigentliche Grund seines Besuches. Der zweite Grund aber war, ganz offen gestanden, daß er dem General seine Furchtlosigkeit beweisen wollte. Nein, er hatte keine Furcht vor einer Begegnung, nicht die geringste. Aus diesem zweiten Grunde schrie er auch etwas lauter, als es eigentlich nötig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich offen gelassen. Jeden Augenblick konnte die Türe gegenüber aufspringen — nun, er war gewappnet. Seine hellen verwegenen Augen waren auf eben diese Türe geheftet, die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Er war bereit, die Konsequenzen zu ziehen — zu allem war er bereit. Papa sollte nie und nimmer auf den Gedanken kommen, daß er sich feige in eine Ecke verkrieche.

Aber nichts regte sich hinter dieser Türe, die zu den Zimmern Papas führte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen gar nicht wahrgenommen.

Der General — er war nicht weiter als bis zu eben dieser Türe gekommen. Sein Herz pochte so stark, daß er sich festhalten mußte. Keuchend und bebend stand er im dunkeln Zimmer, seine Beine zitterten.

Ein Schritt noch — und etwas ganz Furchtbares, etwas unsäglich Grauenhaftes würde geschehen . . .

Sein eigenes Blut hatte sich gegen ihn erhoben!

Die Türe öffnen — und schon, schon würde es geschehen, das Gräßliche — Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater — bis zur Vernichtung — das Grauen noch der Ururenkel, ewige Schändung des Namens, Schändung des Geschlechtes, Schändung der Schöpfung. Schon begann die Finsternis des Zimmers zu flammen.

„Wo sind meine Handschuhe, Jakob?“ rief Otto.

Dann pochte er an Ruths Türe, und der General hörte die beiden plaudern, ohne zu verstehen, was sie sagten.

Fünf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und seinen Kindern, der Korridor. Aber dieser Korridor war ein Abgrund, unergründlich wie die Mysterien des Blutes.

„Dann gute Reise, Ruth!“ rief Otto und schloß Ruths Türe.

Ja, in der Tat, ein Abgrund, schauerlich und bodenlos wie das tausendfach unergründliche Schicksal selbst.

Die Haustüre krachte ins Schloß. Otto war gegangen.

Dank dem Himmel! dachte der General, während er heftig zitterte.

Immer noch stand er, die Dunkelheit lohte, immer noch keuchte er, und das Zittern seiner Beine wurde stärker mit jeder Minute.

Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wäre geschehen. Das unsagbar Gräßliche. Das keine Macht der Welt hätte wieder auslöschen können, selbst die Allmacht Gottes nicht.

Eswargeschehen, das unsagbar Grauenhafte!

Der General sah seinen Sohn erwürgt auf der Diele liegen.

Zitternd am ganzen Körper sank er in einen Sessel; der Schweiß brach aus seiner Stirn.

Otto aber eilte im strömenden Regen quer durch den stockfinstern Tiergarten. Zu Ströbel!

Lustige Kumpane, ein Fest heute, Wein, Spiel. Wie albern, diese kleinlichen Bedenken, die ihn bisher von Ströbels Haus ferngehalten hatten!

In förmlichen Wasserhosen verschwand die Straße, wo Ströbels Haus lag, aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie der Schein eines Leuchtfeuers, zeigte den Weg.

Otto pfiff, den vereinbarten Pfiff, er klatschte in die Hände. Das erleuchtete Fenster öffnete sich, und ein Schatten neigte sich heraus.

„Wer ist da?“ Es war Hedis Stimme.

„Ich bin es“, antwortete Otto mit heller und lauter Stimme. „Ihr habt doch Gesellschaft heute?“

Der Schatten trat zurück. Erst nach einer Weile wurde Hedis Stimme wieder hörbar.

„Sie sind es?“ sagte sie stockend. „Nein, die Gesellschaft wurde abgesagt, Ströbel ist verreist!“

„Sie? Seit wann sagen wir Sie zueinander?“ sagte Otto lachend. Er konnte Hedi nur undeutlich erkennen, durch Büsche hindurch, an denen das Wasser herabrann. Das erleuchtete Fenster ging auf einen kleinen, dichtbewachsenen Garten hinaus.

Wieder zögerte Hedis Stimme. „Es ist völlig nebensächlich,“ sagte sie, „aber lassen wir es dabei. Er mußte unerwartet in Geschäften fort, und der Abend wurde verschoben.“

„Schade! Sehr fatal!“

Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Ströme von Wasser wirbelten um seine Füße. Selbst aus dem Boden sprangen Bäche.

„Ja, leider“, sagte Hedi und schickte sich an, das Fenster zu schließen. „Gute Nacht.“ Der Regen verschluckte ihre Stimme.

„Einen Augenblick —“ beeilte sich Otto, und die Fensterflügel blieben halb offen stehen. „Ich bin durch diese Sintflut gewatet, in der Erwartung, fröhliche Menschen zu finden —“

„Das ist sehr bedauerlich“, sagte Hedi spöttisch.

Otto lachte belustigt auf. „Sehr bedauerlich? Hören Sie, Hedi — oder höre, Hedi — ich finde es töricht, Sie zu dir zu sagen — halte du es ganz wie du willst — ich hatte gerade heute das Bedürfnis, Freunde zu sehen — sei nett und lieb, öffne und koche etwas Kaffee. Ich bin völlig durchnäßt.“

„Ich bin ganz allein.“

„Ist das ein Grund —?“ Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage.

Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick.

„Gehe doch zu ihr!“ sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht.

Otto stockte.

„Ich komme soeben von ihr!“ sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr kühn, und er wußte genau, daß er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte seiner Stimme einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben.

Schweigen. Der Regen rauschte.

„Lebst du glücklich mit Ströbel?“ begann Otto von neuem, in völlig geändertem, vertraulichem Tone.

„Was für eine Frage? Was kümmert es dich?“

„So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.“

Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: „— Ich öffne!“

Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich und vergrub seine Lippen in ihren Hals.

Sie stammelte.

Mehre den Schatz!

Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die Geschlechter, die nach dir kommen — —

Friedlich säuselt der Morgenwind.

— — — — — — — —

„Lieber Junge,“ — schrieb Hauptmann Falk an Otto — „mit dem Urlaub war es diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in seinem Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in Alarmbereitschaft, kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in jeder Nacht Verluste. Die Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute abend wieder in Stellung. Wollte Dir gerne mehr schreiben — aber ich kann nicht. Es gibt gewisseDinge. Nun, wir kämpfen, tun unsere Pflicht. Herrliche Leute! Das Feuer wächst von Tag zu Tag —“

Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer!

Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der Kanonen zu hören. Es stand sogar in den Zeitungen.

Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende —

„Trinke, Kamerad!“

„Erlöser!“

„Trinke! Stütze dich auf mich!“

„Erlöser!“

„Komm, komm, ich trage dich!“

„Erlöser! Erlöser!“

Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in einer Breite von zehn bis fünfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Kähnen, Flößen, Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von keuchenden Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen, endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im Schweiße ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die Geschosse, mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den Geschützen gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur Reklame in Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden aufgestapelt. Die Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne folgten, berechneten die Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den blauen Äther hineinstürzten. Tausende, Zehntausende von Geschützen spien Tod Tag und Nacht.

Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub — die zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der zermalmte Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa, die Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa, auf die ganze Erde nieder.

Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchstenGipfel des Wahnsinns zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefüllte Bombe, die durch den Weltraum raste.

Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewühlt, Menschen und Tiere keuchten — mit dem gleichen Aufwand an Energie hätten die Wüsten sich in Gärten verwandeln lassen — noch aber wurde um das Weltmonopol des Plünderns gekämpft.

Erlöser! —

„Lieber Junge,“ — schrieb Hauptmann Falk an Otto — „ich weiß nicht, ob diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir nicht geschlafen und kaum gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde ich wohl hinter Stacheldrähten spazierengehen. Aber sage allen, daß wir kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel —“

Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder kam er durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege getötet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf die Rückseite des Briefes geschrieben.

Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . .

Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt, Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub und auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippenhaben den Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und stößt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben hat die Leiche gebrochen.

Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der letzte, der kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurück. Fünf Schritte zur Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der Erde, mit gebrochenen Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom Luftzug fast völlig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das Gesicht ins Genick verdreht. Und noch schwelt das versengte Gras von den giftigen Dämpfen der Granate, die ihn kreuzigte. Es riecht nach verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren.

Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die Zähne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten kommen, nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch nicht zu dem Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch einen Balken sind ihre Beine festgeklemmt.

Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken und schreien — aber man hört nichts.

Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen — und Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben, wirbeln. Dort im Nebel — Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein. Und die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie? Nichts, nichts, kaum zuweilen ein Einschlag drüben — völlig außer Gefecht, vergast.

Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, muß er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhüte verschwinden, versinken.

Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein schweres Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, schwitzenden Kanadiern in Hemdärmeln bedient. Das Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen. Die Mannschaft stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt.

Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate — —

Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das Erdloch. Flache Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die Gewehre umgehängt und trotten durch den Sandsturm dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile.

Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger amerikanischer Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. Man hat ihm gesagt, daß die deutschen Soldaten den Kindern die Hände abschneiden. Er hat es in den Zeitungen gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen. Und nun ist er gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden zu vertilgen.

Pünktlich auf die Minute erhob sich der General am nächsten Morgen. Er hatte fast nicht geschlafen in dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen Augen, er sah schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut war trocken und heiß, er hatte Fieber.

Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, gönnte er heute einen Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, automatisch bewegte er sich, wie im Halbschlaf.

Punkt einhalb acht klingelte das Telephon, das Amt, wie befohlen.

Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in seiner Hand. Er war genötigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen wollte.

Schlechte Nachrichten, offenbar. Ja, schlechte, sehr schlechte!

Und niemand, dachte der General, niemand — das Reich wankt — und niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und Verblendung!

Schlimmer noch — schlimmer! Ein Verbrechen . . .

Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und verlassen.

Ein Brief?

Seht an!

Man schrieb Briefe!

Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken ihn niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. Auf dem Frühstückstisch lag dieser Brief. „An Papa!“

An Papa! Man schreibt Briefe!

Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was sollte Ruth zu schreiben haben? Er ließ den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen zuckten. Nun, es mochte recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden hatte, seine Fürsorge falsch deutete — sie war jung und konnte nicht begreifen, daß ein Vater sich sorgte, daß er nur aus Liebe für sein Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt —

Plötzlich erhob sich der General.

Er war erbleicht.

„Therese?“

Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war in die hinteren Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte.

„Meine Tochter ist verreist?“

„Ja. Ruth ist abgereist.“

„Wohin? Sie wissen es nicht?“

„Nein — aber ein Brief —“

„Ich weiß —“

Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam kletterte er in den Wagen.

„Ah! Ah!“ stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und bedeckte die Augen.

Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche.

— — — — — — — —

Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm auf. Was wollten sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden ist das Feldgeschütz —

Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die Kanonen knackten, als würden Knochen in der Luft zerbrochen.

Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung mehr. Schon klafften breite Risse.

Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, hundertfach in Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten sich neue Menschenleiber, ja, nun wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus menschlichen Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten — siestürzte.

Die Karte war ausgespielt, die letzte Karte, ausgespielt gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren.

Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag neben Einschlag. Die Hochöfen der Welt sind gegen dich im Kampf. Die erschöpften, verbluteten Truppen sahen sich nach Unterstützung um. Die Kameraden, wo sind sie? In Finnland, Livland, Polen, Rumänien, Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im Kaukasus — weit, weit, sie können nicht helfen.

Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, wohlgenährte Männer dem Ozean.

Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen . . .

Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, Städte verschlingt die krachende Erde — das Trommelfell birst, Blut sickert aus den Ohren . . .

Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden Mauer zu hören.

Von heute auf morgen . . .

Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . .

Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle Gesichter, flatternde Hände, erbleichende Augen.

Wie?!

Ist es möglich?!

Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und preßt beide Hände gegen den Brustkorb. Er befürchtet, sich übergeben zu müssen.

Ein Jeu — hm — Poker? Aber wir sind schließlich ja nicht in Monte Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg doch kein Manöver, wo der steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt?

Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz zuletzt — es gelingt ihm gerade noch im letzten Moment ein Glas Wasser zu ergreifen, sonst wäre ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm nun aus der Stirn.

Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen schwingen die Wellen durch den Äther. Es wanken die Empfangsstationen, die Beamten, die Hörmuschel am Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen.

Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den Augen entzündet sich ein Leuchten —

Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock mit den roten Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also — nicht! Nicht diesmal! Rollen wir die Fahnen zusammen — das nächstemal! Blutiger noch und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirinund hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt — er sieht nichts, die Gedanken sind stehengeblieben, vor dem Abgrund haben sie haltgemacht.

Krachend stürzt die Front, die Erde hört es — und noch immer kämpft die Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß von drei Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden Geschlechtern — alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen Schoßes — dahin, Millionen von Säuglingen — eine Beute des Hungers. Alles — dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der Schlaf der Nächte — dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit — und noch immer kämpft die Armee.

Die Angebeteten und Vergötterten — bis zum letzten Einsatz! — und dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.

Auf Gnade und Ungnade.

Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen, Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde. Er wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen — nein, es ist Ihnen nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. —

In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein, die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die vierzig Räuber — ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen könnte!Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen und sie durch eiserne ersetzt.

Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester herausbitten.

„In großer Eile, Adele!“ sagte der hohe Herr — auf englisch, die Geschwister sprachen nur englisch zusammen — „Ich komme, um zu gehen. Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, bitte, nicht die geringste — sehr wichtige Geschäfte — fahre mit dem Mittagszug wieder zurück . . .“ Trocken und hastig klang seine Stimme.

Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein ungebärdiger Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512 geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna — ungebärdig, er hatte das Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber — größtes Ereignis aller Sitzungen des Jahres! — hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen, Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich das Protokoll?

Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen — ganz im Gegenteil. So schnell ihn die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu seinen Gemächern empor.

Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: „Ich bitte Durchlaucht, unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .“

Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber erwachte er. „Die Koffer?“

„In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.“

„Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück“ — und er verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen waren.

Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen, Skulpturen, herrliche alte Möbel — die Wohnung war ein Museum! Selbst in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten sich rasch über den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die kleinen wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen, steifen Schrittchen ratlos über das gleißende Parkett des Museums, immer hin und her. Er schlürfte eine Tasse Tee, dann flüsterte er: „Und nun wollen wir anfangen!“ Und seine steile Glatze verschwand zwischen den Portieren des Arbeitszimmers.

Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel, den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er einen Mahagonisekretär auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch, schwarze Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen auf, Schubladen öffneten sich.

Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen.

„Anfangen, ja anfangen —!“ Aber wie, wo? „Richelieu sagt einmal —“

Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im letzten Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr.

Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa — in den Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden, gänzlich unscheinbar — in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in den Koffer. Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die Zerstörung Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem Kruzifix, Gold und Email — in den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis zum Rand gefüllt mit Ordenssternen — in den Koffer. Die Mappe mit Handzeichnungen, drei kleine Niederländer — herrlich eigneten sich die alten Brokate zum Einhüllen — wieder ein Schluck Tee. Eine Börse voller Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben — weshalb nicht? Sie nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das Prunkstück an die Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch — außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, eingehüllt, in den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen — wie?

Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie fettig, aber das war der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt verschwand sie in das Ankleidezimmer — kam zurück, entstellt, fast doppelt so lang, die Wangen eingefallen, die Lippen faltig — das Gebiß hatte geschmerzt.

Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin, als ob er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem Empiresekretär. Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfacheingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus — in den kleinen Koffer.

Briefe, Schriftstücke — das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand einzuschlagen, zu umschnüren — prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte im Feuerschein, als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände . . .

Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen geschlossen — nichts zu sehen, auch nicht eine Spur!

Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der eine Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die kleine Exzellenz schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem Gesäß gegen den Deckel — so, siehst du, alles geht.

Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil — mit einem unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch von der Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer — das solid verschnürte, große, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen — die Augen und schlief ein . . .

Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons! Der Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und rauchender Nebel.

Da! Ei, ei — was ist das?

Schüsse?

Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte — oder?

Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete die Türe des reservierten Abteils.

„Ich bitte — Schaffner?“

Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in Pumphosen.

„Ich bitte sehr — wir halten?“

„Ja, der Bahnhof ist besetzt.“

„Besetzt —?“

„Ja, besetzt.“

„Aber — von wem besetzt?“

„Von den Aufständigen.“

„— von den Aufständigen?“

„Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.“

„— übergegangen, so, so.“

„Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.“

„— Waffen ab.“

„In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.“

„Danke, liebe Frau — ich bitte!“ Und der vornehme Reisende drückt der Schaffnerin ein Goldstück in die Hand — ohne Übertreibung, ein Goldstück! — und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück.

„So, so!“ Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zuschmelzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes Batisttaschentuch tastet nach ihnen.

Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße Teller fort.

„Aber diese vierzehn Punkte —?“ fragte der General mit einem mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von einem dicken Umschlag umwickelt.

Wunderlichs Gesicht zuckte.

„Der Präsident ist ein Mann von Ehre!“

„Hm. — Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen zu wollen.“,

„Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!“

„Hm. — Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja verboten.“

„Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen sollen unter allen Umständen angenommen werden — unter allen Umständen?“

„Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!“

„Also bedingungslose Kapitulation?“

„Bedingungslose!“

„Hm.“ Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. „Hm, aber —.“ Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch —

Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren geschlagen.

Nacht.

Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt. Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel aus dem Osten.

Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer und Türme.

„Auf, auf, der Tag ist gekommen!“ Die Stimme schallt und die schlafende Stadt erbebt. „Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich unter denVölkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!“

Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind.

Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten, geballt, beginnen zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich die Fenster. Schritte schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt, beginnen zu wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her beginnen die Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind unterwegs.

Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen.

— — — — — — — —

Endlich — ja, Gott sei Dank! — trillerte die Marspfeife wieder und die graue Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die Fußgänger entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in Sicherheit. In einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft Schwerdtfeger die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene Karre voll Straßenschmutz herum.

Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!

Die Marspfeife schrillt — vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift — halt!

Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden zu — rot die jungen Gesichter in derMorgensonne, Stahlhelme, die Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. NichteinTadel! Er fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt — aber welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins genügt ja: einige Brücken, Kanäle, Straßen besetzt — und mit zwei Dutzend Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften — junge Burschen, kaum den Knabenjahren entwachsen — ja, obschon er die Gerüchte nicht eben tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses Jägerbataillons beruhigt.

An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich, als käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch Befehl zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation strengstens verboten.

Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun, es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen.

Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine tiefe Verbeugung drückte — soweit die Stellung des Untergebenen es zuließ — die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu sehen, sie beglückwünschte zur Genesung.

„Exzellenz!“ schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn.

Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelternst, doppelt gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr — wie früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas langsamer.

Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden — aber der General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: „Vortrag. Kein Zutritt. Anmeldung Zimmer 6.“

Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen, stehenzubleiben, seine Knie zitterten — solche Anstrengung hatten ihm die paar Treppen und Korridore bereitet.

Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine Loge zurück.

„Ganz wie Anno Siebzig!“ dachte er. „Als wir alle Angst hatten, gefangengenommen zu werden — und unser General sagte nur: Junge Hunde! Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur inseinGesicht zu sehen. Keine Besorgnis, nicht die geringste — ehek, ehek!“

Horch! Schritte.

Horch! Rufe.

Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen.

Öffnet Kameraden!

Öffnet — wir sind es . . .

Jubel!

Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem Mantel zugedeckt.

Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des 9. November über Berlin empor.

Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden!

Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß der General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft. Akten, Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen, die blauen Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar, welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General. Er versuchte es sogar mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen.

Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht zu treffen gewagt hatte.

Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl es sich, dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung der höchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese Angelegenheit aber wollte der General persönlich erledigen. Das Befinden? Ja, danke — um vieles besser, man kann wieder anfangen!

Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger Laut!

Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte.

Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln inden Schreibstuben. Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln!

Das Telephon.

„Ruhe, Kameraden!“

„Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!“

„Hurra!“

Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm.

Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen — kein Laut. Die Feder, das leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst.

Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf. Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch flattert in Weißbachs Hand.

Und der General erhebt sich.

Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das breite Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße.

Er neigt den Kopf. „Danke.“

Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe.

Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett geheftet. Auch seine Hände sind grau geworden.

„Entflohen —“

Ja, er sieht — plötzlich, merkwürdig genug! — Tribünen, schwarz von Menschen, elegante Wagen fahren heran, Damen, Orden glitzern, Federbüsche wehen. Fremdländische Uniformen, Glanz, Pracht — und die Truppen ziehen vorbei — endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und, gleichmäßig wie die Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in tadelloser Haltung vorbei. Und hinten, weit hinten stehen sie auf dem Feld, unübersehbar, anzusehen wie farbige Beete eines unendlichen Blumengartens — und alle Augen sind auf den Mann zu Pferd gerichtet —alle. Eine Frühjahrsparade.

„Entflohen —“

„Desertiert —!“

Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. Die Vorhänge flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel steht das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern sich an den Schreibtisch.

Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein Punkt im Nichts, ein Pünktchen, das immer kleiner wird, schrumpft.

Aber da — hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden, Rufe, Gesang —

Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des Generals aus dem schauerlichen Sturz in das unendliche Nichts zurück. Er lauscht. Ein Schritt mahlt, drunten, tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote Gebäude, hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu treten, es wäre seiner unwürdig. Aber sein Herz pocht in höchster Erregung. Jeden Augenblick können die Maschinengewehre hämmern — jede Sekunde — da! Rufe, Tosen, ein unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, Bretter zerbrächen. Was ist das? Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt derHunderttausend, unter dem das rote Backsteingebäude erzitterte, entfernt sich. Wieder Stille. Gott sei Dank, ohne Blutvergießen. Die Masse war vernünftig.

Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet auf den Händen wie Gewichte.

Da erschien wiederum Weißbach in der Türe. Noch weißer sein Gesicht.

Der General richtete sich auf. Breitbeinig stand er mitten im Zimmer, die Füße auf das Parkett gepreßt, um nicht zu fallen.

Mit einem Blick übersah eralles!

Die Türen standen offen — alles leer. Leer die Fluchtder Arbeitszimmer der Offiziere — keine Seele mehr. Uniformröcke auf Stühlen und Schreibtischen. Weißbachs kreidiges Gesicht — und Weißbach trug Zivil . . .

Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie über ihn —

„Es ist Zeit, Herr General!“

Unübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, Kopf an Kopf. Kopf an Kopf zwischen den hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor, schwingt den Hut — Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt.

Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. Die Türen stehen alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme, Gewehrpyramiden und Maschinengewehre. Alles leer, ausgestorben. Nur die großen Ballen sind geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes überschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner Länder, ferner Provinzen — der Peipussee, der Kongo . . .

Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer hinab. Er berührt mit der Hand das Steingeländer, zum erstenmal.

Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus dem Hof auf die Straße.

„Schnell!“ ruft er, mit einer ungeduldigen, respektlosen Kopfbewegung. Die Augen des Generals erweitern sich. Wie? Er hat noch immer nicht begriffen.

Da! Da!

Aber was ist das?

Der General taumelt zurück.

Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt — kein Wort — er schnellt in langen Sätzen über den Asphalt, wie eine startende Flugmaschine hebt er sich in die Höhe,die Funken stieben aus den Pneus. Matrosen! Und es flattert, weht — eine rote Flagge! Verschwunden.

Noch immer taumelt der massige Körper des Generals.

Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster — die Truppen haben sie aus den Fenstern auf die Straße geworfen — das war das unerklärliche Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen dünne Balken. Und der tobende Lärm in der Stadt — jetzt begriff er.

Der greise Portier schloß den Wagenschlag.

Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die Limousine abfuhr. Er hatte die Mütze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah er heute aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel, mit seinem dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, seinem hohlen Blick erschien er in diesem Augenblick wie ein alter Lämmergeier, wie man sie in den zoologischen Gärten sieht.

Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine Mauer von Menschen. Der Motor dröhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer weiter. Schwerdtfeger versucht die Tiergartenstraße zu erreichen — unmöglich. Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen.

Schon knattert es in den Straßen!

Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, auf seine beiden Krückstöcke gestützt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen ihn.

Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen stürzt ein Körper zu Boden.

„Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten haben, Herr Hauptmann!“

Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit einem langen Messer die Achselstücke ab.

Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße.

Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und unbeteiligt vor dem Kriege, ruhig und unbeteiligt während des Krieges und auch jetzt — ganz still!

Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, ein Kopf spähte — und dann eilte jemand mit einer Mappe unter dem Arm rasch die Wilhelmstraße hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den Westentaschen verschwunden. Manche gingen so rasch, daß sie über die eigenen Füße stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus den Toren, pomadisierte Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. Ein hagerer Elegant stelzte eilig über die Straße, Perücke, mikroskopisches Schnurrbärtchen unter der Hakennase, ganz kurzes Überzieherchen, er schlenkerte höchst eigentümlich mit dem rechten Knie: vor dem Kriege Botschafter . . .

Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe aus einer Türspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick in die Richtung der Linden zu werfen. Sein dünner Chinesenbart wehte. Schon war er um die Ecke verschwunden.

Hinter ihm her eilte Professor Salomon — mit dem Kürbiskopf und den abstehenden Ohren. Er hatte den steifen Hut tief über die Glatze gezogen und den Mantelkragen hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat unbekümmert. Aber fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er sogar ein paar Sprünge . . .

„Kommen Sie, Herr Geheimrat —“

„Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!“

„Ja, keine Kleinigkeit — wie?“

„Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!“

„Und ganz überraschend!“

„Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!“

„Trotz mancher Symptome — — da, da! — haben Sie gehört?“

„Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnendkomme ich heute morgen ins Amt — wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage — England soll geneigt sein, eine wohlwollende Haltung gegen uns — — da — schon wieder!“

„Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren — kommen Sie. Ob wohl noch Züge fahren?“

„Sie reisen?“

„Ja, aufs Land, auf mein Landgut . . .“

„Ah, wie schnell Sie gehen!“

„Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen entscheidend für Tod und Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .“

Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er und reißt die Türe auf: „Rasch, rasch!“ Willenlos gehorcht der General — und schon fährt Schwerdtfeger davon.

Ein Zebrakittel! „Bitte Exzellenz!“

Petersen! Schwerdtfeger hatte ihn vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee abgesetzt, weil er nicht weiter konnte.

Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen, die im Sturmschritt dahineilten.

Er trat ein — beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. Petersen mußte an den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es ist — ich sehe etwas schlecht . . .

„Ich werde nicht lange stören, Petersen“, stammelte der General. „Nur einen Augenblick — wir kamen nicht weiter.“

„Gnädige Frau werden sehr bedauern —“

Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der General atmete auf.

„Gnädige Frau reiste gestern ab — nach Pommern, aufs Land, zu einer Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein Glas Wasser bringen.“

„Olsen, sagten Sie?“

„Ja, Olsen. Darf ich nun bitten — eine Sekunde — Exzellenz sind ganz blaß geworden . . .“

„Und Hauptmann v. Dönhoff?“

Petersen tat erstaunt.

„Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er verließ uns, mitten in der Nacht. Aber gnädige Frau werden sehr bedauern —“

Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla in der Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie man will, dem Äußern nach jedenfalls eine Persönlichkeit aus der Provinz, die in Berlin von der Revolution überrascht worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach Kampfer riechenden, kurzen, altmodischen Jagdrock aus braunem Tuch, mit großen Taschen, schweren Lederknöpfen, und einem schmalen, schon etwas abgeschabten Pelzkragen. Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer krummen Hahnenfeder hinten, wie Jäger ihn tragen.

Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß Petersen die Haustüre und ließ sämtliche Rolläden herab.

Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen Himmel. Der Himmel selbst strahlte Verheißung.

„Platz gemacht!“

„Platz!“

Die Autos rasen.

Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig durch die Straßen. Hier, dort, überall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut befleckt, versengt von den Granaten, von den Gasen gebleicht, durchlöchert — die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt überflutet.

Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefendenMenschen behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den Schmutzflügeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern — so rasen sie dahin.

„Platz gemacht!“

Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen Gesichter, die Kühnen und Wollenden.

„Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!“

„Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr Läufer, die dem neuen Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, Starken, Liebeglühenden, gegrüßt . . .“

Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten Flaggen, die die Linden hinabrasen. Schüsse knattern. Staub fährt aus der Stadt.

Feuer speit der Vulkan und die Erde bebt — —

Verloren — alles, in einer einzigen Stunde . . .

Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps — Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende — Millionen! Hunderttausende von Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen — die Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad, krachend, Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt — Tag und Nacht, Nacht und Tag — jetzt in dieser Minute —

Der General findet keinen Schlaf mehr.

Ersiehtdie Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, unerhört in der Geschichte, erhörtsie! Er sieht die Flugzeuge, die über den Landstraßen kreuzen und die Marschbefehle abwerfen.

Eine Stockung, und Hunderttausende sind dem Hungertode verfallen!

Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände des nachdrängenden Feindes — seine Vortrupps heben sich am Horizont ab!

Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, dieRiesenarmee zersplittert in tausend Stücke und Banden von Verzweifelten wälzen sich durch die deutschen Lande!

Ein Wunder . . . ein Wunder an Manneszucht und Ausdauer allein — Europas Schicksal hing an einem Faden!

Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals!

Ersiehtdie Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung — beispiellos und unerhört — aber er sieht auch, daß sie rückwärts wandert.

Rückwärts!

In Eilmärschen, vom Gegner diktiert!

Niemals, niemals — unfaßbar!

Irgendwo brennt eine elektrische Lampe, und zuweilen kriecht das graue Antlitz durch einen dunkeln Spiegel.

Unfaßbar, ganz unfaßbar!

Der General stottert, er findet die Worte nicht mehr — seine fahlen Lippen bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen . . .

Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen Rolläden, horch! Ja, wieder!

Da ist er wieder! Er mahlt.

Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, wie ein Volk, das aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert — ohne sonderliche Eile, denn es weiß, daß es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt ihn. Tag und Nacht wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem Fenster vorbei. Eine Armee ist aufgestanden und wandert. Eine Armee, die irgendwo verborgen lebte. Wo waren sie bis heute? Er hatte sie nie gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt? Ja, weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten — mit diesen Augen, die nicht Augen von Menschen waren, von Wölfen, Füchsen, Adlern und Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er früher nur in Träumen sah. Wo hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten?

Horch! Woher? Wohin?

Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. Selbst im kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn.

Der General nimmt den weichen Hut, und das graue Steingesicht — grau wie der Staub der Landstraße — erscheint in dem kleinen, kahlen Vorgärtchen.

Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen der Geier gleiten prüfend über das breite graue Gesicht, und ihr Blick dringt in die Dunkelheit der schwarzen Augenhöhlen. Da aber beginnt es in den Dunkelheiten dieser finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen — noch ist es nichtso weit!

Ein neues Geschlecht, ein verborgenes, unbekanntes, ungeahntes, nie gesehenes, war aus der Erde gestiegen.

Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen dahin. Der General versteht sie nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften, unverständlich. Lieder, Gesang — unverständlich.

Still steht er — ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, ein kahler Baum, und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge blicken kann. Und der Baum fröstelt, krümmt sich im Wind.


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