Denn wo die Elfen sonst gewandelt waren,Sieht man den Bettelmönch des Weges fahren.— — — — — — — — — — — —Die Frauen gehen sicher her und hin,Im Busch und Wald, am schattenreichen Ort,Kein andrer Inkubus als er ist dort.
Denn wo die Elfen sonst gewandelt waren,Sieht man den Bettelmönch des Weges fahren.— — — — — — — — — — — —Die Frauen gehen sicher her und hin,Im Busch und Wald, am schattenreichen Ort,Kein andrer Inkubus als er ist dort.
Denn wo die Elfen sonst gewandelt waren,Sieht man den Bettelmönch des Weges fahren.— — — — — — — — — — — —Die Frauen gehen sicher her und hin,Im Busch und Wald, am schattenreichen Ort,Kein andrer Inkubus als er ist dort.
Denn wo die Elfen sonst gewandelt waren,
Sieht man den Bettelmönch des Weges fahren.
— — — — — — — — — — — —
Die Frauen gehen sicher her und hin,
Im Busch und Wald, am schattenreichen Ort,
Kein andrer Inkubus als er ist dort.
In den Berichten über die wirklichen Beispiele von Inkubus-Besuch[67]tritt eine Tatsache, die für unsere gegenwärtige Erörterung von besonderer Bedeutung ist, mit größter Klarheit hervor, nämlich, daß die Natur und Art des Inkubusjeden möglichen Grad zwischen der Erregung angenehmer Wollust einerseits und äußerstem Schrecken und Widerwillen anderseits zeigt. Diese Verschiedenheit und die Unmöglichkeit der Abgrenzung innerhalb der äußersten Grade zeigt die enge Verknüpfung zwischen Angst und Libido; es erinnert uns lebhaft an die völlig gleiche Abstufung, die wir zwischen erotischen und Alpträumen beobachten können. Simon[68]zeigt bei der Erörterung erotischer Halluzinationen, daß sich auch hier derselbe Wechsel zwischen abstoßenden und angenehmen Visionen findet: »Tantôt le spectre hallucinatoire est de forme agréable; c’est un mari, un amant, une femme aimée et, dans ces cas, la sensation éprouvée par l’halluciné est voluptueuse. Plus souvent, peutêtre, l’hallucination visuelle est repoussante: il s’agit du démon, de quelque être difforme, d’une vieille femme à l’aspect hideux dont les embrassements sont pour l’aliené un objet d’horreur; d’images dégoûtantes, qui poursuivent le malade et qui l’obsèdent. Dans ces cas, l’hallucination génitale consiste en une impression douleureuse, àtout le moins, pénible ou désagréable.«
Höflers[69]Schluß, daß der Dämonenglaube seinen Ursprung im Alptraum, der Inkubusglaube im Wollusttraum habe, mag daher als richtig angesehen werden, aber man muß dazu bemerken, daß sie beide im Grunde ein und dasselbe sind, denn ebenso, wie die beiden Traumarten ineinander übergehen, so sind auch Teufels- und Inkubusglaube unentwirrbar verschlungen.
Diese verschiedenen Arten des Inkubusbesuches werden von Goerres[70]deutlich gezeigt: »tantôt ce sont les angoissesde l’étouffement, de la paralysie, tantôt, au contraire, c’est une surexcitation violente des organes sexuels avec la sensation du dégagement du système musculaire, quelque chose comme le vertige de la vitesse.« Die Ähnlichkeit der peinlichen Abart mit einem Alptraum oder, besser gesagt, die Identität der beiden mag durch ein einziges Beispiel illustriert werden. De Nogent[71]sagt, daß seine Mutter wegen ihrer großen Schönheit die Angriffe von Inkuben auszuhalten gehabt hätte. Während einer schlaflosen Nacht erschien ihr plötzlich »der Dämon, dessen Gewohnheit es war, die von Traurigkeit zerrissenen Herzen zu überfallen,« von Angesicht und erdrückte sie, deren Augen der Schlummer nicht geschlossen hatte, fast durch sein erstickendes Gewicht. Die arme Frau konnte sich weder bewegen, noch klagen, noch atmen; ... Die Dienstboten fanden ihre Herrin bleich und zitternd, die ihnen die Gefahr schilderte, von der sie bedroht gewesen und deren deutliche Zeichen sie trug. Die Beschreibungen der entgegengesetzten, lusterregenden Art sind häufig und brauchen nicht einzeln angeführt zu werden; wie zu erwarten, nahm der verliebte Inkubus häufig die Gestalt des Liebhabers, des verlorenen Gatten u. s. w. an.[72]In den meisten Berichten finden sich lustvolle und abstoßende Züge nebeneinander. Ein ausgezeichnetes Beispiel der verborgenen Anziehung, die ein böser Inkubus ausübte, wird von Goerres[73]mit feiner psychologischer Einsicht berichtet; es erinnert uns an den Widerstand, dem man noch heute bei der Bemühung begegnet, neurotische Patienten dazu zu bewegen, ihre Symptome fahren zu lassen: »En 1643, je fus chargé par mes supérieurs d’aller exorciser une jeune fille de vingt ans qui était poursuivi par un Incube. Elle m’avoua sans détour tout ce que l’esprit impur faisait avec elle. Je jugeai, d’après ce qu’elle me dit, que malgré ses dénégations, elle prêtait audémon un consentement indirect. En effet, elle était toujours avertie de ses approches par une surexcitation violente des organes sexuels; et alors, au lieu d’avoir recours à la prière, elle courait à sa chambre et se mettait sur son lit. J’essayai d’éveiller en elle des sentiments de confiance envers Dieu; mais je n’y pus réussir, et elle semblait plutôt craindre d’être delivrée.« Denselben Wechsel zwischen ängstlichen und wollüstigen Gefühlen bei den Inkubusbesuchen zeigen die Lehren der Kirche, die sich mit dem verschiedenen Verhalten der betroffenen Personen dagegen beschäftigen, besonders bezüglich der Stärke des geleisteten Widerstandes. Die Erörterungen über diesen Punkt ähneln nämlich sehr einer modernen Untersuchung über Notzucht. Die Autoren des MalleusMaleficarum[74]z. B. scheiden die Teilnehmer in drei Klassen: »1. diejenigen, welche sich freiwillig den Inkubi unterwerfen, wie es die Hexen tun, 2. diejenigen, welche von den Hexen mit den Inkubi oder Sukkubi gegen ihren Willen zusammengebracht werden, 3. und die dritte Art ist die, zu welcher besonders gewisse Jungfrauen gehören, die durchaus gegen ihren Willen von Inkubi-Dämonen belästigt werden.«
Augenscheinlich ging die Entdeckung, daß erotische Träume natürliche Ursachen haben und nicht durch den Besuch eines fremden Wesens entstanden sind, der entsprechenden bezüglich der Angstträume voran. Träume, in denen beide Gefühle gemischt waren, wurden deshalb noch weiterhin dem Angriff von Seite eines lüsternen Dämons zugeschrieben. Im Mittelalter glaubte man, daß bis zum Jahre 1400 der Verkehr mit den Inkubi nur gegen den Willen des betreffenden Menschen stattfand, daß aber nach dieser Zeit das Aufkommen eines Geschlechts von geilen Hexen dazu führte, daß die Leute sich freiwillig den Inkubi hingaben.[75]Die Erklärung dafür kann nur darin gesucht werden, daß man begann, sich von dem Glauben an die Wirklichkeit der halluzinatorischen Objekte in erotischen Träumen freizumachen und ihn nur bezüglich der Angstträume zurückbehielt, daß aberdie theologische Ausbildung der Inkubusvorstellung ein Wiederaufleben des ursprünglichen Glaubens bewirkte, daß der Partner in einem sexuellen Traum ein wirkliches Wesen sei.
Selbst im Mittelalter[76]aber und mehr noch in den folgenden Jahrhunderten wurden die natürlichen Quellen der Erscheinung aufgedeckt, vor allem von den Ärzten. Der sexuelle Ursprung des ganzen Phänomens war also in weitem Umkreis anerkannt, insbesondere von Seite der Ärzte, aber als die Zeit fortschritt, wurde diese Ansicht mehr und mehr in den Hintergrund geschoben. Wenn aber sowohl angenehme Träume vom Verkehr mit einem Liebhaber als auch unangenehme von dem mit einem bösen Geist ihren Ursprung einer erotischen Erregung verdanken, so folgt daraus, daß beide Traumtypen miteinander verwandt sein müssen.
Bei einer der Versammlungen des Bureau d’adresse[77]wurde von verschiedenen Ärzten die Ansicht ausgesprochen, daß der Inkubusglaube ausschließlich das Produkt der »Macht einer lüsternen Einbildungskraft« sei. Nach der Ansicht eines dieser Ärzte seien solche Vorstellungen »produites par l’abondance ou la qualité de la semence, laquelle, envoyant son espèce dans la phantaisie, elle se forme un objet agréable, remue la puissance metrice, et celle-ci la faculté expulstrice des vaisseaux spermatiques.« De Saint André[78], der Arzt Ludwig XV. meinte, daß »L’incube est le plus souvent une chimère, qui n’a pour fondement que le rêve, l’imagination blessée, et très souvent l’imagination des femmes ...... L’artifice n’a pas moins de part à l’histoire des incubes. Une femme, une fille, une dévote de nom, etc., débauchée, qui affecte de parâitre virtueuse, pour cacher son crime fait passer son amant pour un esprit incube qui l’obsède.« Dalyell[79]bemerkt ebenfalls, daß »die Gegenwart der Inkubiund Sukkubi nur verliebte Phantasien anzeige.« Delassus[80], der auf dem sexuellen Charakter des ganzen Gegenstandes besteht, sagt, daß die krankhafte Erscheinung des Inkubus anzeige: »la victoire de Lilith et de Nahemah, les reines des Stryges, sur les imprudents qui ont voulu rester chastes, qui ont voulu mépriser les vérités éternelles du lingam.«
Spätere Autoren haben auf die krankhafte Natur der Erscheinung Nachdruck gelegt. Macario[81]sagt: »les succubes et les incubes sont des malades atteints d’hallucinations de la sensibilité génitale.« Leuret[82]erkannte bereits vor achtzig Jahren deutlich die Analogie zwischen diesen Glaubensformen des Mittelalters und den Halluzinationen Wahnsinniger. Er illustriert dies durch einen detaillierten Vergleich einer seiner Patientinnen mit einer Frau, der der heilige Bernhard die bösen Geister austrieb. »Les hallucinations ont entre elles une si grande analogie, que les êtres crées par elles différent seulement dans les accessoires; les descriptions qu’en donnent actuellement nos alienés ressemblent aux descriptions que donnaient autrefois les saints et les possédés; les noms seuls différent. Ainsi, pour savoir tout ce qui concerne les incubes, il suffit d’écouter un de ces malades qui se plaignent de les recevoir pendant la nuit. Les incubes sont et font encore tout ce qu’ils étaient et faisent jadis.«
Man wird bemerken, daß im Gegensatz zu den anderen abergläubischen Vorstellungen dieser Gruppe die Idee der Transformation keinen Bestandteil der Inkubusanschauung bildet. Die Ursache dafür ist sehr einfach und zeigt sehr wohl die künstliche Natur der ganzen Anschauung. Die Idee dieser Transformation fand sich im Mittelalter immer sowohl in der theologischen Vorstellung vom Teufel als auch in der vom Volk verbreiteten vom Alp, aber die Kirchedefiniert auf künstliche Weiseden Inkubus als Dämon inmenschlicherGestalt. Wenn er als Tier kam, so war er eine andere Art des Teufels und nicht länger ein Inkubus.
Wie ich im letzten Kapitel erwähnte, war und ist der Glaube an das Vorkommen eines geschlechtlichen Verkehrs zwischen menschlichen und übermenschlichen Wesen einer der verbreitetsten Aberglauben der ganzen Welt.[83]Im Mittelalter fand er sich tatsächlich überall. Verschiedene berühmte Leute, darunter Alexander der Große, Cäsar, Martin Luther, Plato, außerdem die ganze Rasse der Hunnen wurden für Sprößlinge solcher Vereinigungen gehalten und die Insel Zypern war nach dem allgemeinen Glauben von den Nachkommen der Inkubi bevölkert. Erotische und Angstträume wurden immer auf diese Weise erklärt. Gener[84]z. B. sagt: »presque tous les peuples de l’Orient ont recouru aux incubes etauxsuccubes dans l’explication qu’ils ont données des rêves d’amour et des pollutions nocturnes.« Bei den heutigen europäischen Nationen findet sich der Glaube noch hie und da im Volk; anderseits scheint er in gewissen mystischen[85]und spiritistischen[86]Kreisen besonders in Frankreich und Amerika neue Lebensfrist erhalten zu haben. Hier glaubt man an die Möglichkeit einer Empfängnis aus der vierten Dimension.
Wie oben erwähnt, meinte man, daß der Verkehr während des Schlafes nicht nur mit bösen Geistern, sondern auch mit göttlichen vorkam. In diesem Zusammenhange mögen ein paar Worte über die wohlbekannteIncubationgesprochen werden, denn wenn dies auch keine speziell mittelalterliche Vorstellung ist, so hielt man doch im Mittelalter daran fest und sie bildet einen lehrreichen Gegensatz zu dem Inkubusglauben. In der Tat weist, wie Wundt[87]bemerkt, schon allein die Ähnlichkeit der Ausdrücke,Inkubus und Inkubation, auf eine innere Beziehung zwischen den beiden Vorstellungen hin. Der Gegenstand hat eine erhöhte Bedeutung für unseren gegenwärtigen Zweck durch seine enge Verbindung mit Ahnenverehrung und Verwandlung in Tiergestalt.
Der Vorgang der Inkubation wurde vor allem in bezug auf Griechenland und Rom untersucht, aber er ist über die ganze Welt verbreitet und man fand ihn in Zentralamerika[88], Nordafrika[89], Australien[90], Borneo[91], China[92], Indien[93], Persien[94]u. s. w. Mehrere verschiedene Verfahren sind unter diesem Ausdruck inbegriffen; besonders typisch ist die Vereinigung eines Menschen mit dem Gott oder der Göttin im Heiligtum des Tempels während des Schlafes, ein Brauch, dessen Hauptquelle, wie es scheint, in Ägypten lag. Ferner findet sich die Vereinigung mit einem Abgeschiedenen auf dessen Grab (Gräberschlaf) oder mit verschiedenen Geistern in der Nähe heiliger Quellen, eine Sitte, die sich hauptsächlich in Griechenland entwickelte. Durch dieses Verfahren wurden mehrere Zeremonien begünstigt, die zweifellos erst später aufkamen; aus der ursprünglichen Idee der engen Verbindung mit der Gottheit entwickelte sich der Brauch, sich ihre Gunst durch die Vereinigung der Männer mit Göttinnen zu sichern, z. B. mit der Isis in Ägypten und Rom[95], mit Serapis in Ägypten, Rom und Canopaea[96], mit derDiana in Ephesus[97]und der Ino in Lakedaemon[98]oder durch die geheiligte Prostitution der Frauen den Göttern gegenüber, z. B. dem Wishnu in Indien[99], dem Bel[100]und Shamash[101]in Babylon, dem Ammon in dem ägyptischen Theben[100]u. s. w. Das bekannteste Beispiel ist der Kultus des Asklepios in Epidauros und später an zahlreichen anderen Orten; zuletzt gab es 320 solcher Stätten. Die Schwangerschaft war eine häufige Folge dieser Vereinigung, wovon ich hier nur zwei Beispiele gebe. Als Andromache von Epirus im Traumzustand in Epidauros weilte, da hob der Gott ihr Kleid und berührte ihren Körper und dieses Erlebnis war von der Geburt eines Sohnes gefolgt.[102]Andromeda von Cheos wurde unter denselben Umständen von dem Gott besucht, und zwar in Gestalt einer Schlange, die auf ihrem Körper lag; sie gebar fünf Söhne.[103]
Die Verbindung zwischen Asklepios und der Schlange war überhaupt sehr eng, da Schlangen in seinem Tempel nicht nur heilige Verehrung genossen, sondern direkt den Gott[104]bedeuteten; eine riesige Schlange wurde im Jahre 293 vor Christus nach Rom gebracht, um anzuzeigen, daß er seine Schutzherrschaft auf diese Stadt ausgedehnt habe. Zahlreiche berühmte Männer wurden von dem Schlangengott erzeugt, z. B. Aratus von Sikoun, Aristomenes, Alexander der Große, der ältere Scipio, Augustus (in diesem Fall bedeutet die Schlange den Apoll, den Vater des Asklepius) u. s. w.[105]Es ist wohl bekannt, daß der Schlangengott auf der ganzenErde[106]zu den häufigsten Objekten der Anbetung gehört. Selbst die Götter kultivierterer Verbände erscheinen häufig in dieser Gestalt, besonders wenn sie in Liebesabenteuer verwickelt sind; so verführte Apollo als Schlange die Atys (wobei er als Andenken an seinen Besuch ein entsprechendes Zeichen auf ihrem Körper zurückließ), ebenso Zeus die Persephone und Odin die Gunnlodh. Die Umstände, unter denen sie diese Gestalt annahmen, bieten uns einen Schlüssel zur Bedeutung der Schlangensymbolik, und daß diese eine phallische ist, ist so wohl bezeugt, daß es unnötig wäre, dabei zu verweilen.[107]
Besonderes Interesse bietet es, daß die Schlange nicht allein das männliche Glied symbolisiert, sondern speziell das männliche Glied desVaters. Einer der am weitesten über die ganze Welt verbreiteten Aberglauben ist es, daß Schlangen die Inkarnation toter Vorfahren[108]sind, eine Tatsache, die Schlangen- und Ahnenverehrung in enge Beziehung bringt; eine Ausbildung davon ist der Glaube an individuelle Hausschlangen, die das Haus verlassen, wenn die männlichen Mitglieder des Hauses, besonders der Vater, sterben.[109]Diese Vorstellung ist eng verbunden mit dem Glauben, daß die Seele (der Lebensgeist) den Schlafenden in Gestalt einer Schlange verläßt, die durch den Mund entschlüpft.[110]Diese Symbolik und der chthonische Ursprung solcher Götter wieAsklepios[111]überhaupt bilden das Verbindungsglied zwischen den Vorstellungen von Schlangen und Gräbern, Schlangen- und Ahnenverehrung, Tempelschlaf und Gräberschlaf.
So wurde die Inkubation ein wichtiges Heilmittel gegen die Unfruchtbarkeit und die Gabe des Asklepius, diese zu heilen, erbten später eine Reihe christlicher Heiliger, unter denen besonders der Erzengel Michael, der heilige Damien und der heilige Hubert in dieser Richtung wirksam waren[112]und zwar der Letztgenannte noch im 17. Jahrh. in den Ardennen. Die Inkubation wurde in Schottland[113]und Irland[114]sogar noch bis zu einem späteren Zeitpunkt ausgeübt und es ist interessant zu bemerken, daß die betreffende Person hier in der Haut eines geheiligten Schafes schlief, genau ebenso wie die Anbeter des Amon in Theben[115]oder die des Amphiarus in Attika.[116]In einer wallisischen Kirche in Monmouthshire nahm man noch im 19. Jahrhundert[117]dazu seine Zuflucht.
Im Mittelalter wurden nach und nach drei Veränderungen in dieses Verfahren eingeführt. Der Schlaf verschwand und an seine Stelle trat die Wallfahrt mit Gebeten zu dem Gott oder der Göttin; mehr Gewicht wurde auf heilige Quellen und Brunnen gelegt als auf einfach geheiligte Stätten und die Heilung von Unfruchtbarkeit wurde verallgemeinert zu der schwerer Defekte überhaupt, besonders solcher, die im Unbewußten mit der Idee der Impotenz oder Sterilität verknüpft sind (Lahmheit, Blindheit etc.). Der Wechsel des Schauplatzes wurde zweifellos durch die enge Verbindung von Wasser und Kindesgeburt[118]bestimmt. Bis heute werden in ganz Schottland[119]und manchen anderen Teilen von Europaheilige Quellen verehrt. Die heutigen Pilger von Lourdes wissen wenig davon, daß ihr Zug dorthin durch alte griechische, von Inzestwünschen stammende Vorstellungen bestimmt wird.
Schließlich wurde die Inkubation ausgeübt als Mittel, die Zukunft zu erraten oder eine Inspiration herbeizuführen. Ein wohlbekanntes Beispiel für letzteres ist die Inspiration zu einer Tragödie, die Aeschylos im Traum von Bacchos erhielt; in Irland hing die Wahl der Könige von den Eingebungen ab, die man durch die Inkubation[120]erhielt.
Die Beziehung zwischen der Inkubation besonders in ihrer ursprünglichen Form und dem Alptraum ist zu klar, um einer längeren Ausführung zu bedürfen. Wundt[121]schreibt: »In der Tat lassen sich alle diese, der Inkubation im weitesten Sinne zugehörigen Tatsachen auf zwei einander in mancher Beziehung verwandte Ausgangspunkte zurückverfolgen: auf denAngsttraumund auf denKrankheitsanfall.« Es ist aber klar, daß die Träume, die in dieser Richtung den größten Einfluß nahmen, in der Mitte zwischen reinem Alptraum und reinem erotischen Traum gestanden haben müssen, es waren nämlich solche, in denen sich ängstliche und Lustgefühle mischten.
Die hervorragende Rolle, die die Schlange bei der ursprünglichen Inkubation spielte, kann zu Gunsten dieses Schlusses angeführt werden, denn die Schlangensymbolik ist ein ausgezeichnetes Beispiel des für den Traum charakteristischen Typus. Artemidorus hatte offenbar eine dunkle Ahnung davon, wie sein Ausspruch zeigt: »Wenn eine Schlange jemanden im Schlaf verfolgt, so möge er gegen böse Frauen auf der Hut sein.«[122]Damit möge das brandenburgische Sprichwort verglichen werden: »Wenn man eine Schlange mit ins Bett nimmt, hat man viel Glück« — oder die oldenburgische Redensart[123]: »Wenn Schlangen in den Leib eines Menschenhineingehext werden, so drücken sie das Herz.« Die Inkubation ist keineswegs das einzige Beispiel für einen Glauben, der von der Schlangenerscheinung des Angsttraums herstammt. Laistner[124]z. B. hat in einem der »Alpschlange« gewidmeten Kapitel genau die Rolle erklärt, die die Schlange in germanischen Mythen und abergläubischen Vorstellungen spielt, deren Ursprung im Alpdruck liegt.
Zum Schluß können wir wohl sagen, daß wir in der Inkubus-Inkubationsvorstellung ein ausgezeichnetes Beispiel für einen Glauben haben, der nicht allein seine äußere Gestalt von den Erfahrungen des Alptraums empfangen hat, sondern dessen latenter Inhalt ebenfalls identisch ist mit dem des Alptraumes; er besteht nämlich in einer eingebildeten Erfüllung gewisser zurückgedrängter Wünsche nach sexuellem Verkehr, besonders mit den Eltern.
Der Vampirglaube ist keineswegs so scharf abgegrenzt wie der an den Inkubus und ist mehr mit anderen Arten von Aberglauben verschlungen, doch sollen hier nur die typischen Formen in Betracht gezogen werden. Ferner ist auch die zu Grunde liegende psychologische Bedeutung hier verwickelter als beim Inkubusglauben und wir werden unsere Analyse nur auf die Hauptzüge zu beschränken haben. Soviel möge gesagt werden, daß der latente Inhalt deutliche Anzeichen für die meisten Arten von sexuellen Perversionen enthält und daß die Vorstellung verschiedene Formen annimmt, je nachdem, ob diese oder jene Perversion mehr hervortritt.
Die zwei wesentlichen Charakteristika eines richtigen Vampirs sind: Erstens sein Ursprung aus einem Toten und zweitens seine Gewohnheit, aus einem Lebenden Blut zu saugen, gewöhnlich mit tödlichem Effekt. Es wird praktischersein, diese beiden Charakteristika zuerst getrennt voneinander zu betrachten.
Das Interesse des Lebenden an dem Toten, sei es an seinem Körper oder an seinem Geist, ist ein unerschöpfliches Thema; nur ein Teil davon kann hier behandelt werden und auch dieser nur in möglichst kurzer Fassung. Die Vereinigung der beiden kann entweder dadurch zu stande kommen, daß der Tote zu dem Lebenden zurückkehrt, oder dadurch, daß der Lebende sich jenem im Tode vereinigt. In dem Ghulglauben besucht eine lebende Person den Toten, und zwar nur den Körper des Toten; weiter ausgebildet ist der Vampirglaube, denn hier besucht zuerst der Tote den Lebenden und dann wird infolgedessen der Lebende in den Tod gezogen. Der Wunsch nach oder die Furcht vor Wiedervereinigung, die selbstverständlich ihren Ursprung im Lebenden hat, wird hier teilweise auf den Toten projiziert.
Eine fortgesetzte Beziehung zwischen einem Lebenden und einem Toten kann entweder gewünscht oder gefürchtet werden und jedes dieser Gefühle kann die Wirkung haben, den Lebenden in den Tod zu ziehen oder den Toten zum Leben zu erwecken. Wir haben infolgedessen vier Arten von Aberglauben zu unterscheiden. Wie zu erwarten, sind die Wirkungen von Angst und Liebe hier wie anderswo nicht scharf zu trennen.
Das verständlichste Motiv für den Wunsch nach der Rückkehr des Toten tritt ein, wenn die Beziehungen zwischen Liebenden (Mann und Frau, Kind und Eltern) unterbrochen wurden. Häufig wird dies auf den Toten projiziert, von dem man glaubt, daß er den übermächtigen Impuls hat, zu dem geliebten Wesen, das er verließ, zurückzukehren. Der Mechanismus dieser Projektion findet sich zweifellos in dem Wunsch, daß die Person, die »davongegangen« ist, uns nicht vergessen soll, ein Wunsch, der in letzter Linie aus Kindheitserinnerungen stammt, wenn wir von den geliebten Eltern allein gelassen wurden. Der Glaube, daß der Tote den Lebenden besuchen kann, besonders bei Nacht, findet sich auf derganzen Welt.[125]Er war immer ein fruchtbares Thema für Mythologie und Literatur; man denkt sogleich an die verschiedenen Versionen der Lenorensage oder an Goethes Braut von Korinth (von der Hock[126]interessanterweise angenommen hat, daß sie durch eine Kindheitserinnerung hervorgerufen wurde) und an manche andere Beispiele.[127]
Dies ist offenbar die Ursache dafür, daß Vampire immer zuerst Verwandte heimsuchen, insbesondere ihre Ehegenossen, ein Zug, bei dem alle Beschreibungen verweilen.[128]Witwen können auf diese Weise schwanger werden.[129]Dies geschah in der wohlbekannten Meduegya Epidemie[130]und man glaubt immer noch an diese Möglichkeit, z. B. in Albanien. Tatsächlich wird gewöhnlich bei einer Vampirepidemie[131]die Witwe dessen, den man für den Vampir hält, zuerst befragt. Krauß[132]schreibt: »Es hat sich der Fall schon sehr oft ereignet, daß bei einem größeren Sterben im Dorf das Weib eines kürzlich verstorbenen Mannes von den Dorfbewohnern mißhandelt wurde, bis sie eingestand, daß ihr Mann sie besuche und sie das Versprechen gab, sie werde ihn bestimmen, die Leute nicht zu morden.« Die Ähnlichkeit mit dem Inkubusglauben ist schlagend und ebenso die Auffassung, daß das Geschehnis von der Frau abhing.
In anderen Fällen wird der Wunsch nach der Rückkehr des Toten nicht wie oben nach außen projiziert, sondern direkt dem Lebenden zugeschrieben. Dies zeigt sich in den zahlreichen Totenbeschwörungen, die wir in den meistenLändern der Welt finden, und in Sagen, wie der von Orpheus, der die Eurydike aus der Unterwelt holte; in späteren Zeiten nahm der Glaube oder Wunsch eine abstraktere Form an, wie z. B. telepathische oder durch ein Medium hergestellte Verbindung mit dem Abgeschiedenen. Es ist interessant, in diesem Zusammenhang sich ins Gedächtnis zurückzurufen, daß Goerres in einem besonderen Kapitel seiner christlichen Mystik[133]den Vampirismus der Exteriorisation und Telepathie zurechnete.
Das Gegenteil geschieht noch häufiger, daß nämlich der Lebende durch seine Liebe in den Tod getrieben wird, wo die beiden Liebenden für immer vereint sind.[134]Dies findet sich in den meisten Erzählungen, Dramen und Gedichten über diesen Gegenstand.
Der Kummer über den Verlust einer geliebten Person erklärt aber nur einen Teil der sonderbaren Anziehungskraft, die die Vorstellung des Todes ausübt, was man schon daraus sieht, daß viele sie lebhaft empfinden, die niemals selbst den Verlust eines teuren Anverwandten erlitten. Bei einigen ist diese Vorstellung verknüpft mit der von einem Jenseits, dem mysteriösen Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo alle Phantasien verwirklicht und alle verborgenen Dinge enthüllt werden und neben dessen wunderbaren Schätzen selbst die höchste erreichbare irdische Seligkeit wertlos erscheint. Shelley in seinem Adonais drückt dieses Gefühl folgendermaßen aus:
Das Leben, wie des Domes buntes Glas,Befleckt das weiße Licht der Ewigkeit,Bis es der Tod in Trümmer tritt.
Das Leben, wie des Domes buntes Glas,Befleckt das weiße Licht der Ewigkeit,Bis es der Tod in Trümmer tritt.
Das Leben, wie des Domes buntes Glas,Befleckt das weiße Licht der Ewigkeit,Bis es der Tod in Trümmer tritt.
Das Leben, wie des Domes buntes Glas,
Befleckt das weiße Licht der Ewigkeit,
Bis es der Tod in Trümmer tritt.
Wie viel anziehender diese Möglichkeiten der Zukunft für die werden können, denen das Leben wenig anderes als Elend bietet, zeigt sich in dem hohen Maß, in dem religiöse Körperschaftenaller Zeiten sie auszunutzen vermochten. Ferner muß bemerkt werden, daß der Begriff des Sterbens selbst eine Anziehungskraft dadurch ausübt, daß er sich leicht mit intensiven masochistischen Wünschen verknüpft. Stekel schreibt über Traumsymbolik: »Sterben bedeutet im Traum ebensoviel als Leben und gerade die höchste Lebenslust drückt sich oft in einem Todeswunsch aus«. Das ist die Hauptursache, warum die Verbindung der beiden Motive Liebe und Tod solche Dichter, wie Heine, Shelley, Swinburne, Werner u. a., die sich so tief in das Leiden versenken, intensiv beschäftigte.
Der Wunsch nach der Vereinigung mit geliebten Personen im Tod, wenn diese selbst noch am Leben sind, hat nicht so einfache Ursachen und wir können hier nur ungenügend darüber sprechen.[135]Die klarste davon ist das sichere Gefühl von der Bestimmtheit und Dauer, die der Tod gewährt; was man tot hat, hat man für immer. Dieses heiß erstrebte Sehnsuchtsziel aller Liebenden ist nirgends herrlicher ausgedrückt als in den zahlreichen Stellen über den Liebestod in Wagners Tristan und Isolde: »So stürben wir, um ungetrennt, ewig einig, ohne End’, ohn’ Erwachen, ohn’ Erbangen, namenlos in Lieb’ umfangen, ganz uns selbst gegeben, der Liebe nur zu leben.«
Die Psychoanalyse[136]hat gezeigt, daß diese Unersättlichkeit und der Wunsch nach demausschließlichenBesitz dort besonders stark werden kann, wo in der Kindheit ausgebildete, später verdrängte Wünsche, die sich auf Inzest und Rivalität beziehen, vorhanden waren. Der Tod, der für das Kind, wie Freud[137]nachdrücklich betont hat, nichts anderes bedeutet als fortgehen, kann dann mit den Phantasien verknüpft werden, in Begleitung der Mutter von dem störenden Vater wegzugehen.
Die Vorstellung vom Tode, vielmehr von einem Toten kann sich aber auch an aktivere Impulse, besonders an sadistische wenden. Ein Toter, der liebt, liebt für immer und wird niemals müde, Zärtlichkeiten zu geben und zu empfangen. Diese Unersättlichkeit des Toten stellt Heine gut dar, wenn er in seiner Widmung zu »Der Dr. Faust« die zurückgekehrte Helena sagen läßt:
»Du hast mich beschworen aus dem GrabDurch deinen Zauberwillen,Belebtest mich mit Wollustglut —Jetzt kannst du die Glut nicht stillen.Preß deinen Mund an meinen Mund,Der Menschen Odem ist göttlich!Ich trinke deine Seele aus,Die Toten sind unersättlich.«
»Du hast mich beschworen aus dem GrabDurch deinen Zauberwillen,Belebtest mich mit Wollustglut —Jetzt kannst du die Glut nicht stillen.Preß deinen Mund an meinen Mund,Der Menschen Odem ist göttlich!Ich trinke deine Seele aus,Die Toten sind unersättlich.«
»Du hast mich beschworen aus dem GrabDurch deinen Zauberwillen,Belebtest mich mit Wollustglut —Jetzt kannst du die Glut nicht stillen.
»Du hast mich beschworen aus dem Grab
Durch deinen Zauberwillen,
Belebtest mich mit Wollustglut —
Jetzt kannst du die Glut nicht stillen.
Preß deinen Mund an meinen Mund,Der Menschen Odem ist göttlich!Ich trinke deine Seele aus,Die Toten sind unersättlich.«
Preß deinen Mund an meinen Mund,
Der Menschen Odem ist göttlich!
Ich trinke deine Seele aus,
Die Toten sind unersättlich.«
Außerdem gestattet ein Toter alles, kann keinerlei Widerstand leisten und Beziehungen zu ihm haben keine unangenehmen Folgen. Dies ist offenbar eine wichtige Quelle für die seltsame Perversion, die man als Nekrophilie kennt. Eine andere bilden die analerotischen Interessen, ferner die unbewußte Verknüpfung zwischen Zersetzung und Faeces und die infantile Vorstellung, daß Kinder aus letzteren entstehen. Die Nekrophilie war den Alten aus Wirklichkeit und Dichtung wohlbekannt. Herodot berichtet mehrere Fälle, darunter den des Tyrannen Periander, der nach dem Tode seiner Gattin Melissa weiter sexuelle Beziehungen zu ihr unterhielt. Vom König Herodes heißt es, er habe mit dem Leichnam seiner Gattin Mariamne noch sieben Jahre nach ihrem Tode geschlafen, und ähnliches wird von König Waldemar IV.[138]und Karl dem Großen[139]erzählt. Das Thema wurde in der neueren Literatur vielfach behandelt, z. B. in Kleists »Marquise von O.«, Otto Ludwigs »Maria«, Heines »Beschwörung«, Zacharias Werners »Kreuzesbruder«, Brentanos»Romanzen vom Rosenkranz« u. s. w. Es ist interessant, daß bei den beiden bekanntesten wirklichen Beispielen dieser Perversion der Ausdruck Vampirismus gebraucht wurde, nämlich für Bertrand »Le vampyre de Paris«[140]und für Ardisson »Le vampyre de Nuit«[141]; richtiger gesagt sind derartige Kranke Vertreter der arabischen Ghuls: die beiden Vorstellungen von Ghuls und Vampiren, ganz untereinander vermischt, zeigt eine orientalische Erzählung[142], wo das betreffende Wesen ein revenant ist, Leichen zerfleischt und das Blut ihres Gatten saugt.
Wenn wir uns nun zu der Kehrseite des Bildes wenden, nämlich zu derAngst, daß der Tote zurückkehren könne, so finden wir, daß diese ebenso weit verbreitet ist, wie derWunsch; so sagt Hock[143]: »Allen Menschenrassen gemeinsam ist die Furcht vor ihren Toten.« Infolgedessen entwickelte sich bei den Leichenbegängnissen eine ganz außerordentlich große Reihe von Riten, um ein solches Vorkommen zu verhindern, und viele davon sind noch heutigen Tages in Kraft.[144]Es gibt auch eine Menge prophylaktischer Riten mit dem besonderen Zweck, einen Toten daran zu verhindern, als Vampir zu erscheinen; letztere bestehen meistens darin, dem Toten Bequemlichkeit oder Beschäftigung zu geben.[145]Sonderbar ist die Art der Verhinderung, die darin besteht, daß man das Blut[146]des Vampirs trinkt und sein Fleisch[147]ißt. Nachdem die Verwandlung in einen Vampir sich vollzogen hat, kann sie dadurch entdeckt werden, daß man den Körper unbestattet findet, mit roten Wangen, gespannter Haut, gefüllten Blutgefäßen, warmem Blut, gewachsenem Haar und Nägeln und offenem linken Auge.[148]Ein Endekann dieser Tätigkeit gesetzt werden, wenn man den Kopf abschneidet und zwischen die Füße legt, das Herz in Stücke schneidet, einen Pfahl durch die Brust treibt und schließlich den Körper verbrennt.
Das Volk kennt zwei verschiedene Ursachen, um zu erklären, weshalb ein abgeschiedener Geist das Grab verläßt und zu den Lebenden zurückkehrt, je nachdem, ob er dies freiwillig oder unfreiwillig tut. Seine Motive im ersten Fall sind Liebe, Haß (um ein altes Unrecht zu rächen) oder sein Gewissen (eine unvollendete Aufgabe zu beenden, eine Schuld zu begleichen u. s. w.) Die Ursache, warum ein Geist an der Grabesruhe verhindert und gezwungen wird, gegen seinen Willen umherzuwandern, kann im Schicksal liegen, in seinen eigenen Fehlern oder in den störenden Handlungen der Hinterbliebenen. Der zuletzt erwähnte Glaube wurde von der römisch-katholischen Kirche zu einem förmlichen Dogma ausgebildet (Messen, die für die im Fegefeuer Befindlichen gelesen werden). Die unfreiwillige Betätigung des Toten gewinnt häufig das Mitgefühl der Lebenden, die dann alles unterlassen, was seine Unrast[149]etwa steigern könnte. Dieselben Züge treffen auch für den Vampirglauben zu, denn wenn jemand auch auf zahlreiche Arten[150]nach seinem Tod ein Vampir werden kann, so lassen sich doch leicht zwei Gruppen unterscheiden, je nachdem, ob die Verantwortung bei ihm liegt oder nicht. Bisweilen erhalten diese beiden Typen verschiedene Namen; so sagt Stern[151]: »Die Vampire der Dalmatiner sind in zwei Arten eingeteilt, in schuldlose und schuldbeladene. Die eine Art heißt Denac, die andere Orko.« Bei dem Vampir aus eigener Schuld liegt die Ursache in verschiedenen Sünden, die er bei seinen Lebzeiten begangen hat, darunter werden Rauchen an Feiertagen, Arbeiten an Sonntagen und geschlechtlicher Verkehr mit der Großmutter erwähnt.[152]
Bei dem unschuldigen Vampir gibt es mehrfache Ursachen; er kann von Geburt aus dazu bestimmt sein, dadurch, daß er an einem Unglückstag zur Welt kam oder aus einer Familie stammt, in der diese Veranlagung erblich ist. Nach seinem Tode kann dieses Schicksal durch einen unreinen Vogel oder ein Tier (Hund oder Katze) hervorgerufen werden, die über sein Grab setzen oder unter seinem Sarg durchschlüpfen, Vorstellungen, die mit der Idee ungenügender Sorgfalt oder Achtung gegenüber dem Toten verknüpft sind.
Die Furcht vor den Toten hat zumindest zwei tiefe Quellen, die beide der Kindheit entstammen und beide eng mit dem Traum verbunden sind; erstens kommt sie daher, daß die Vorstellung vom Tod und von abgeschiedenen Geistern mit der eines sexuellen Angriffs assoziiert wurde; der Tod selbst wird häufig einem Überfall von Seite eines persönlichen Wesens zugeschrieben, das den Menschen gegen seinen Willen überwältigt. Der abgeschiedene Geist, der den Lebenden im Traum besucht, überfällt auf ähnliche Weise den hilflosen Schläfer gegen dessen Willen und daß dies so häufig geschieht, kommt einerseits zweifellos daher, daß es sich dabei meist um den Geist eines der toten Eltern handelt, anderseits von der infantilen sadistischen Auffassung von der sexuellen Betätigung der Eltern. Die Vorstellung erklärt sich also in letzter Linie aus verdrängten Inzestwünschen. Die sexuelle Basis der Angst wird gewöhnlich verhüllt durch eine Umwandlung in eine allgemeine Furcht davor, daß der Geist uns Unheil zufügen und ersticken könnte, oder in die allgemeine Angst vor Verblödung; ebenso wie ein Mädchen Angst vor Räubern hat »weil sie ihr irgend etwas Entsetzliches antun könnten.« Wir werden so einerseits zu einer großen Gruppe von Mythen und abergläubischen Vorstellungen geführt, in denen der revenant verschiedenes Unheil anrichtet, anderseits zu einer noch größeren, in der der Überfall nicht notwendigerweise durch einen revenant geschieht, sondern durch einen Geist überhaupt. (Alp- und Lurensagen.)
Häufig ist es schwierig, das sexuelle Element vom agressiven zu trennen, wie in der wohlbekannten Apollonius-Menippus Geschichte, die Keats so schön in seiner Lamiadichtung ausgebildet hat. Ein weiterer Komplex wird in unsere Reihe von Aberglauben eingeführt, wonach der vampirartige Geist nicht einem Toten, sondern einem Lebenden angehört; ein Beispiel dafür ist die portugiesische Bruxa, die auf folgende Weise von Andrée[153]beschrieben wird: »Nachts erhebt sie sich von ihrem Lager und fliegt dann in der Gestalt irgend eines riesigen Nachtvogels weit von der Heimat weg. Die Bruxen halten Zusammenkünfte mit ihren teuflischen Liebhabern, entführen, ängstigen und peinigen die einsamen Wanderer; wenn sie von ihrer nächtlichen Lustfahrt heimkehren, saugen sie dem eigenen Kind das Blut aus.«
Die zweite Quelle für die Angst vor den Toten ist die unbewußte Erinnerung an Todeswünsche der Kindheit, daß nämlich der störende Teil der Eltern oder Geschwister »weggehen«, d. h. sterben möge. Das schuldbewußte Gewissen, das aus solchen Wünschen entsteht, bringt natürlich den Gedanken mit sich, daß die in unserer Einbildung getötete Person, wenn sie wirklich stirbt, uns nach ihrem Tode strafen wird, indem sie uns heimsucht und Unheil zufügt. Derartige Todeswünsche kommen häufig genug vor, um es ganz verständlich zu machen, daß die Furcht vor Geistern so allgemein ist, wie sie sich tatsächlich erweist.
Diese Verbindung zwischen Inzest- und Revenantglauben macht es begreiflich, daß der Vampir in irgend einer beliebigen Tiergestalt[154]erscheinen kann; von diesen sind manche in verschiedenen Ländern besonders häufig, z. B. die weibliche Katze[155]in Japan, das Schwein[156]in Serbien. Von besonderer Bedeutung ist der allgemeine Glaube, daß der Vampir in Gestalt einer Schlange, eines Schmetterlings[157]oder einer Nachteule[158]erscheinen kann, denn dies sind ursprüngliche Symbole abgeschiedener Seelen, besonders der Eltern. Die bei Nacht fliegenden Geschöpfe wird ein späteres Kapitel behandeln, das aber mancherlei Beziehungen zum Vampirglauben hat. Wenn man sich mit dem Körper des Vampirs beschäftigt, hat man sorgfältig darauf zu achten, ob ihm ein Schmetterling entfliegt; dieser muß gefangen und verbrannt werden. Was die Nachteule betrifft, ist es interessant, den Glauben zu finden, daß sie an dem Euter der Kühe und der Brust der Kinder saugen kann, genau wie ein wirklicher Vampir.[159]Laistner[160]sucht eine Beziehung zwischen Schmetterling und Eule einerseits und der gespenstischen Habergeiß anderseits auf. Henne am Rhyn[161]sieht als Stammeltern der europäischen Vampire die römischen Strigen an.
Wir wollen nun daszweitewesentliche Charakteristikum des Vampirs betrachten, nämlich dasBlutsaugen. Hier finden wir eine ganze Menge von Vorgängern des eigentlichen Vampirs. Im allgemeinen kann man sagen, daß diese Gewohnheit überall verknüpft ist mit den Motiven von dem Zerfleischen menschlicher Wesen und vom Inkubus, Sukkubus. Diese Tatsachen zeigen deutlich die sexuelle Natur der Vorstellung; die assyrischen und babylonischen Silats[162], der böhmische Mara[163], der östliche Palukan[164], der finnische Herrscher der Unterwelt[165], der deutsche Alp[166], sie alle saugen menschliches Blut. Nach Davenport[167]besuchen sowohl der malayische Molong als auch der Penangelam in Indo China Frauen und leben davon, daß sie menschliches Blutsaugen. Der Sudak der Lappländer erscheint in der Gestalt eines Käfers und saugt Blut durch eine eiserne Röhre.[168]
Die sexuellen Seiten der Tätigkeit zeigen sich deutlich in folgenden Beispielen: bei der Beschäftigung mit rumänischem Aberglauben berichtet Stern[169]vom Nosferat, »der nicht nur schlafender Menschen Blut saugt, sondern auch als Inkubus-Sukkuba Unheil stiftet ... Als schwarze Katze, als schwarzer Hund, als Käfer, Schmetterling oder auch bloß als Strohhalm besucht es nachts die Menschen; wenn es männlichen Geschlechts ist: die Frauen; wenn es weiblichen Geschlechts ist: die Männer. Mit jungen Leuten treibt es geschlechtliche Vermischung, bis sie krank werden und an Auszehrung sterben. In diesem Fall kommt es auch als schöner Jüngling oder als schönes Mädchen, während die Opfer halb wach liegen und widerstandslos sich ihm fügen. Oft geschieht es, daß Weiber von ihnen geschwängert werden.« Die Chaldäer glaubten an die Existenz von Geistern, die im Traum Umgang mit Menschen pflegen, ihr Fleisch zerfressen und das Blut[170]trinken. Die vedischen Gandharven sind blutgierige Buhlgeister, die die Frauen im Schlaf heimsuchen.[171]Ihnen ähnlich sind die indischen Pisashas, die nach Fleisch und Blut gierig sind und ihre grausame Lust an Weibern im Zustand des Schlafs, der Trunkenheit und des Wahnsinns büßen.[172]Andere Wesen derselben Art widmen ihre Aufmerksamkeit vor allem Männern; so sucht die ruthenische Upierzyca in Vollmondnächten[173]die Schlafplätze junger Männer auf, die sie langsam mit ihren Umarmungen[174]zu Grunde richtet. Freimark[175]erzählt: »diegriechisch-römischen Lamien sind zugleich Buhlteufelinnen und Vampire. Sie suchen schöne kräftige Jünglinge in sich verliebt zu machen und zur Verehelichung mit sich zu bringen. Haben sie sie so weit, so töten sie den Jüngling, indem sie ihm das Blut aussaugen.«
Blut ist nicht die einzige zum Leben nötige Flüssigkeit, die dem Opfer entzogen wird, wenn sich auch der wirkliche Vampir in der Regel darauf beschränkt. Der Alp saugt an den Brustwarzen der Männer[176]und Kinder[177]und zieht häufiger Milch aus Frauen[178]und Kühen[179]als Blut. Die Drud saugt ebenfalls an der Brust der Kinder[180], während die südslawische Mora[181]Blut und Milch trinkt. Die indische Churel saugt, nachdem sie die Nacht mit einem schönen Jüngling zugebracht, direkt sein Leben aus.[182]
Die Erklärung all dieser Phantasien ist sicher nicht schwer; ein nächtlicher Besuch von Seite eines anziehenden oder schrecklichen Wesens, das den Schläfer zuerst durch leidenschaftliche Umarmungen erschöpft und ihm dann eine vitale Flüssigkeit entzieht, kann sich nur auf einen natürlichen und häufigen Vorgang beziehen, nämlich auf die nächtlichePollution in Begleitung mehr oder minder erotischer Träume. Blut ist im Unbewußten ein sehr häufiges Äquivalent für den Samen und es ist nicht notwendig, sich, wie Hock[183], auf die Möglichkeit von »selbst zugefügten Kratzwunden während eines wollüstigen Traumes« zu berufen. Mehrere Mythen liefern ein interessantes Beispiel zur Bestätigung der Wahrheit dieses Schlusses. Nach Quelenfeldt[184]herrscht im Süden des Atlasgebirges der Aberglaube, daß es hier alte Negerinnen gäbe, die nachts aus denZehender Schläfer das Blut trinken. Der akkadische Gelal und Kiel Gelal, die assyrischen Sil und Sileth, die gleichbedeutend mit dem europäischen Inkubus und Sukkubus sind, waren Dämonen mit der speziellen Funktion, durch die Umarmung der Schläfer[185]nächtliche Pollutionen herbeizuführen. Der armenische Daschnavar trinkt auf ähnliche Weise das Blut aus denFüßender Wanderer[186], während Meyer[187]gespensterhafte Mütter erwähnt, die die Augen ihrer Kinder aussaugen. Es ist wohlbekannt, daß Zehen, Füße und Augen in Folklore und Mythologie[188]häufig wiederkehrende phallische Symbole sind. Ein weiterer Faktor, der zweifellos eine bedeutsame Rolle in der Ausbildung der oben erwähnten Vorstellungen gespielt hat, ist die häufige Assoziation zwischen Sexualität und der Tätigkeit des Saugens sowohl in der wirklichen Erfahrung als auch besonders in unbewußten Phantasien.
Das Nervensystem und vor allem das Rückenmark hat häufig ähnliche symbolische Bedeutung wie Blut (vitale Substanz) und diese Tatsache wirft ein Licht auf die folgenden Stellen, in denen der Vampir vorkommt. In Zschokkes »Die Zauberin Sidonia«, geschrieben im Jahre 1798 begegnet auf der ersten Seite folgender Satz: »Die Faulheit saugt uns mit ihrem Vampirenrüssel Mark und Blut aus.« Dies kann man mit Jaromirs Rede in Grillparzers »Ahnfrau« vergleichen: