Alton-Lyvern, den 14. Dezember.Teuerste Hetty,ich glaube nicht, daß ich Deinen Vorschlag ganz annehmen kann, da ich Weihnachten mit Mama in Chiswick verbringen muß. Aber ich brauche erst Weihnachtsabend dorthin zu gehen, und wir brechen hier schon nächste Woche, am 20., auf. Dann fahre ich gleich zu Dir hin und bringe Dich mit zu Mama, wo wir die Feiertage viel besser verbringen werden, als wenn wir uns in einem fremden Hause langweilen. Es ist noch nicht ganz sicher, ob ich dann schon die Schule verlasse. Du mußt mir versprechen, das niemand zu erzählen, ich habe nämlich einen Freund hier — einen Liebhaber. Nicht daß ich in ihn verliebt bin, obgleich ich ihn sehr hoch schätze — du weißt, ich bin keine romantische Närrin. Aber er ist sehr in mich verliebt, und ich wollte, ich könnte daserwidern, wie er es verdient. Die Franzosen sagen, die eine Person hält die Wange hin, und die andere küßt sie. Ganz so weit ist es noch nicht zwischen uns gekommen. In Wahrheit, seit er mir seine Gefühle gestanden hat, hat er kaum ein paar flüchtige Worte mit mir sprechen können, wenn ich Schlittschuh laufen oder spazieren ging. Aber es ist wenigstens jedesmal ein vielsagendes Wort oder ein Blick gewechselt worden.Und jetzt, wer glaubst Du, daß es ist? Er sagt, er kennt Dich. Kannst Du es erraten? Er sagt, Du wüßtest alle seine Geheimnisse. Er sagt, er kennt auch sehr gut Deinen Mann. Der hätte Dich sehr schlecht behandelt, und Du verdientest große Teilnahme. Errätst Du es jetzt? Er sagt, er hätte Dich geküßt — schäme Dich, Hetty! Hast Du es nun erraten? Er wollte mir grade noch mehr erzählen, als wir unterbrochen wurden, und ich habe ihn seitdem nur aus der Entfernung gesehen. Er ist der Mann, mit dem Du an jenem Tag davongelaufen bist, was uns alle solche Angst einflößte — Mr. Sidney. Ich war die erste, die seine Verstellung entdeckte, und an jenem selben Morgen hatte ich es ihm vorgeworfen, und er gestand es mir ein. Er sagte damals, er verberge sich vor einer Frau, die in ihn verliebt sei, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich das als wahr herausstellte, denn er ist ein prachtvoller Mensch — wirklich, ich kann ihn grade deswegen so gut leiden, weil er bei weitem der tüchtigste Mensch ist, den ich je getroffen habe. Und doch hält er gar nichts von sich selbst. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was er an mir Kostbares bemerkt, obgleich er offenbardurch meine Reize gefesselt ist. Hoffentlich entdeckt er nicht, wie närrisch ich bin. Er nennt mich sein goldenes Idol —
Alton-Lyvern, den 14. Dezember.
Teuerste Hetty,
ich glaube nicht, daß ich Deinen Vorschlag ganz annehmen kann, da ich Weihnachten mit Mama in Chiswick verbringen muß. Aber ich brauche erst Weihnachtsabend dorthin zu gehen, und wir brechen hier schon nächste Woche, am 20., auf. Dann fahre ich gleich zu Dir hin und bringe Dich mit zu Mama, wo wir die Feiertage viel besser verbringen werden, als wenn wir uns in einem fremden Hause langweilen. Es ist noch nicht ganz sicher, ob ich dann schon die Schule verlasse. Du mußt mir versprechen, das niemand zu erzählen, ich habe nämlich einen Freund hier — einen Liebhaber. Nicht daß ich in ihn verliebt bin, obgleich ich ihn sehr hoch schätze — du weißt, ich bin keine romantische Närrin. Aber er ist sehr in mich verliebt, und ich wollte, ich könnte daserwidern, wie er es verdient. Die Franzosen sagen, die eine Person hält die Wange hin, und die andere küßt sie. Ganz so weit ist es noch nicht zwischen uns gekommen. In Wahrheit, seit er mir seine Gefühle gestanden hat, hat er kaum ein paar flüchtige Worte mit mir sprechen können, wenn ich Schlittschuh laufen oder spazieren ging. Aber es ist wenigstens jedesmal ein vielsagendes Wort oder ein Blick gewechselt worden.
Und jetzt, wer glaubst Du, daß es ist? Er sagt, er kennt Dich. Kannst Du es erraten? Er sagt, Du wüßtest alle seine Geheimnisse. Er sagt, er kennt auch sehr gut Deinen Mann. Der hätte Dich sehr schlecht behandelt, und Du verdientest große Teilnahme. Errätst Du es jetzt? Er sagt, er hätte Dich geküßt — schäme Dich, Hetty! Hast Du es nun erraten? Er wollte mir grade noch mehr erzählen, als wir unterbrochen wurden, und ich habe ihn seitdem nur aus der Entfernung gesehen. Er ist der Mann, mit dem Du an jenem Tag davongelaufen bist, was uns alle solche Angst einflößte — Mr. Sidney. Ich war die erste, die seine Verstellung entdeckte, und an jenem selben Morgen hatte ich es ihm vorgeworfen, und er gestand es mir ein. Er sagte damals, er verberge sich vor einer Frau, die in ihn verliebt sei, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich das als wahr herausstellte, denn er ist ein prachtvoller Mensch — wirklich, ich kann ihn grade deswegen so gut leiden, weil er bei weitem der tüchtigste Mensch ist, den ich je getroffen habe. Und doch hält er gar nichts von sich selbst. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was er an mir Kostbares bemerkt, obgleich er offenbardurch meine Reize gefesselt ist. Hoffentlich entdeckt er nicht, wie närrisch ich bin. Er nennt mich sein goldenes Idol —
Henrietta riß mit einem Schrei der Wut den Brief mitten durch und trat darauf. Als der Anfall nachließ, hob sie die Stücke auf, hielt sie so genau zusammen, wie es ihre zitternden Hände erlaubten, und las weiter.
— aber er ist nicht lauter Honig und kann Dir die ernstesten Dinge sagen, wenn er glaubt, er müßte es tun. Er hat mich wegen meiner Unwissenheit so beschämt, daß ich entschlossen bin, hier noch ein Semester zu bleiben und so eifrig zu lernen, wie ich kann. Ich habe bisher noch nicht damit angefangen, weil es sich am Ende des Semesters doch nicht lohnt, aber wenn ich im Januar zurückkomme, gehe ich ernsthaft an die Arbeit. Daran kannst Du sehen, welchen guten Einfluß er auf mich ausübt. Wenn wir uns treffen, werde ich Dir alles über ihn erzählen, denn ich habe jetzt keine Zeit dazu, weil die Mädchen mich drängen, mit zum Schlittschuhlaufen zu kommen. Er gibt sich für einen Arbeiter aus und zieht uns die Schlittschuhe an, und Jane Carpenter glaubt, er sei in sie verliebt. Jane ist außerordentlich gutherzig, aber sie hat ein unbändiges Talent, sich selbst lächerlich zu machen. Das Eis ist fein und das Wetter freundlich; aus der Kälte machen wir uns gar nichts. Sie drohen mir, ohne mich zu gehen — adieu!Deine Dich treu liebendeAgatha.
— aber er ist nicht lauter Honig und kann Dir die ernstesten Dinge sagen, wenn er glaubt, er müßte es tun. Er hat mich wegen meiner Unwissenheit so beschämt, daß ich entschlossen bin, hier noch ein Semester zu bleiben und so eifrig zu lernen, wie ich kann. Ich habe bisher noch nicht damit angefangen, weil es sich am Ende des Semesters doch nicht lohnt, aber wenn ich im Januar zurückkomme, gehe ich ernsthaft an die Arbeit. Daran kannst Du sehen, welchen guten Einfluß er auf mich ausübt. Wenn wir uns treffen, werde ich Dir alles über ihn erzählen, denn ich habe jetzt keine Zeit dazu, weil die Mädchen mich drängen, mit zum Schlittschuhlaufen zu kommen. Er gibt sich für einen Arbeiter aus und zieht uns die Schlittschuhe an, und Jane Carpenter glaubt, er sei in sie verliebt. Jane ist außerordentlich gutherzig, aber sie hat ein unbändiges Talent, sich selbst lächerlich zu machen. Das Eis ist fein und das Wetter freundlich; aus der Kälte machen wir uns gar nichts. Sie drohen mir, ohne mich zu gehen — adieu!
Deine Dich treu liebende
Agatha.
Henrietta sah sich nach einem scharfen Gegenstand um. Sie griff wütend nach einer Schere und stach damit in die Luft. Dann wurde sie sich ihres mörderischen Anfalls bewußt und erschauerte darüber, aber schon einen Augenblick später ergriff sie von neuem ihre Eifersucht. Wie erstickend schrie sie: „Es ist mir gleich, ich möchte sie töten!“ Doch sie nahm die Schere nicht wieder auf.
Schließlich klingelte sie heftig und verlangte einen Eisenbahnfahrplan. Als sie hörte, daß keiner im Hause war, zankte sie das Mädchen so unvernünftig aus, daß es einfach sagte, wenn es in einer solchen Weise angeredet würde, dann möchte es lieber am Ende des Monats gehen. Diese Zurechtweisung brachte Henrietta zur Besinnung. Sie ging die Treppe hinauf und nahm den ersten Mantel, den sie fand. Es war glücklicherweise ein schwerer Pelzmantel. Dann nahm sie ihre Geldtasche, setzte den Hut auf und verließ das Haus. Die erste Droschke, die vorbeifuhr, rief sie an und ließ sich nach St. Pancrasstation fahren.
Als die Nacht hereinbrach, war die Luft in Lyvern in der schneidenden Kälte wie scharfes Eisen. Die Bäume und der Wind schienen so fest gefroren, wie es das Wasser war, und Schweigen, Stille und Sternenlicht lagen eisig über der Landschaft. Smilasch saß in seiner Schweizerhütte und hielt unbekümmert um den Preis der Kohlen ein prasselndes Feuer im Gang, das durch die vorhanglosen Fenster glühte und die Vorübergehenden quälte, die nicht wie die Viehhirten in der Nachbarschaft wußten, daß sie ruhig hereinkommen und sich wärmen konnten, ohne daß sie von dem Bewohner eineabschlägige Antwort erhielten. Smilasch war in guter Stimmung. Er hatte sich zu einem tüchtigen Schlittschuhläufer entwickelt, und Frostwetter galt ihm jetzt als Luxus. Es gab ihm Spannkraft und verjagte seine trüben Stimmungen. Es steigerte aber auch sein Mitgefühl für die Armen zu einem grimmen Humor, wenn er dachte, daß sie kein Feuer und kein Schlittschuhlaufen hatten und sich in dem ungesunden Dunst erwärmten, den eng zusammengedrängte Menschen zu jeder Jahreszeit entwickeln.
Smilasch pflegte sich jeden Abend um halb zehn einen heißen Trank aus Hafermehl und Wasser zu machen und dann um zehn zu Bett zu gehen. Er öffnete die Türe, um etwas Wasser auszugießen, das noch vom letzten Abwaschen im Kochtopf geblieben war. Es gefror, sowie es auf den Boden fiel. Er blickte in die Nacht und schüttelte sich, um das bedrückende Gefühl loszuwerden, in dieser eisigen Umklammerung der Luft verloren zu sein. Denn das Thermometer war unter den gewohnten Stand frischer und zerspringender Kälte gesunken und zeigte eine Temperatur, in der die erstarrte Luft zu einer schwarzen Masse zu gefrieren schien. Nichts rührte sich.
„Beim Henker!“ sagte er, „das ist eine Nacht, an die man als reicher Mann gar nicht denken darf!“
Er schloß die Türe und eilte zu seinem Feuer zurück. Dort machte er sich an seinen warmen Trank, den er mit einer Sorgfalt beobachtete und umrührte, die einen Berufskoch zum Lächeln gebracht hätte. Als die Brühe fertig war, goß er sie in einen großen Krug, in dem sie verlockend dampfte. Mit einem Löffel schöpfte eretwas heraus und blies es, um es abzukühlen. Plötzlich klopfte es ein paarmal an die Türe.
„Eine hübsche Nacht für einen Spaziergang,“ sagte er und legte den Löffel hin. Dann rief er: „Herein!“
Die Klinke erhob sich unsicher, und Henrietta, mit gefrorenen Tränen auf den Wangen und einem unbestimmten Ausdruck von Elend und Zorn, trat herein. Einen Augenblick sah er sie erstaunt an. Dann sprang er nach ihr hin, nahm sie in seine Arme, und sie sank gegen ihren Willen mit stummem Widerstreben an sein Herz.
„Du bist zu Tod erfroren,“ rief er und trug sie aus Feuer. „Diese Pelzjacke ist wie eine Umhüllung von Eis. Und dein Gesicht erst!“ sagte er und küßte es. „Was ist denn geschehen? Warum sträubst du dich so?“
„Laß mich gehen,“ keuchte sie heftig. „Ich — ich hasse dich.“
„Mein armes Lieb, du bist zu kalt, um jemand zu hassen — selbst deinen Mann. Ich muß dir diese schrecklichen französischen Schuhe ausziehen. Deine Füße müssen ja vollkommen tot sein.“
Ihre Stimme und ihre Tränen tauten jetzt in der Wärme der Hütte und in der Glut seiner Zärtlichkeiten auf. „Du sollst sie nicht ausziehen.“ sagte sie und weinte vor Frost und Kummer. „Laß mich in Ruhe. Rühr mich nicht an. Ich geh fort — ich gehe wieder zurück. Ich will nicht mit dir sprechen oder meine Sachen ablegen, ich rühre hier im Hause nichts an.“
„Nein, mein Lieb,“ sagte er und setzte sie in einengeräumigen, hölzernen Armstuhl. Dann knöpfte er ihr schnell die Schuhe auf. „Du sollst auch nichts tun, was du nicht willst. Deine Füße sind wie Stein. Ja, mein Schatz, ich bin ein Lump und nicht wert, daß ich lebe. Ich weiß es.“
„Laß mich in Ruhe,“ sagte sie kläglich. „Ich will deine Aufmerksamkeiten nicht. Ich bin mit dir für immer fertig.“
„Komm, du mußt etwas von diesem abscheulichen Zeug trinken. Du mußt dich stärken, damit du deinem Mann all die unangenehmen Sachen sagen kannst, mit denen du geladen bist. Nimm wenigstens einen Schluck.“
Sie wandte ihr Gesicht ab und wollte nicht antworten. Er brachte noch einen Stuhl her und setzte sich neben sie. „Mein armes, verlorenes, verratenes Lieb —“
„Das bin ich,“ schluchzte sie. „Du meinst es gar nicht so, aber ich bin es doch.“
„Du bist auch meine Liebste und die beste von allen Frauen. Wenn du mich je geliebt hast, Hetty, tu es ein einziges Mal um meinetwillen und trinke, ehe es kalt wird.“
Sie schmollte, seufzte und ergab sich schließlich seinem zärtlichen Drängen, wie ein Kind sich halb überreden, halb zwingen läßt, eine Medizin einzunehmen.
„Fühlst du dich jetzt besser und gemütlicher?“ fragte er.
„Nein,“ sagte sie und ärgerte sich, weil sie sich doch so fühlte.
„Dann werde ich noch etwas Kohlen auf das Feuer legen,“ sagte er munter, als ob sie ihm in herzlichster Weise zugestimmt hätte. „Und wir werden esso behaglich wie möglich haben. Mich ergreift eine milde Seligkeit, wenn du so neben mir am Feuer sitzt und ich weiß, daß du meine eigene Frau bist.“
„Ich wundere mich, wie du mir ins Gesicht sehen und so etwas sagen kannst,“ schrie sie.
„Ich würde mich über mich selbst wundern, wenn ich dir ins Gesicht sähe und etwas anderes sagte. Hafergrütze ist das beste Erfrischungsmittel. Die ganze Energie kommt wieder. So, jetzt sollst du einmal sehen, wie das Feuer brennt.“
„Ich glaubte nie, daß du falsch seist, Sidney, was du sonst auch für Fehler haben magst.“
„Da hast du recht, mein Lieb. Ich verstehe deine Gefühle. Mord, Diebstahl, Unmäßigkeit oder geringere Laster würdest du ertragen haben. Aber Falschheit kannst du nicht ausstehen.“
„Ich will fortgehen,“ sagte sie verzweifelt und brach von neuem in Tränen aus. „Ich will nicht verspottet und betrogen werden. Ich will barfuß gehen.“ Sie erhob sich und versuchte die Türe zu erreichen. Aber er hielt sie auf und sagte:
„Mein Lieb, da liegt etwas Ernsthaftes vor. Was ist es? Sei nicht böse über mich.“
Er brachte sie zu ihrem Stuhl zurück. Sie nahm Agathas Brief aus der Tasche ihres Pelzmantels und überreichte ihn ihm, indem sie einen schwachen Versuch machte, tragisch zu sein.
„Lies ihn,“ sagte sie. „Und sprich nie mehr ein Wort zu mir. Zwischen uns ist alles aus.“
Er nahm ihn neugierig und wandte ihn um, umdie Unterschrift zu sehen. „Aha,“ sagte er, „mein goldenes Idol hat das Unheil angerichtet.“
„Da haben wir’s!“ rief Henrietta. „Du hast es mir ins Gesicht gesagt! Du hast dich selbst durch deine eigenen Worte überführt!“
„Warte einen Augenblick, mein Lieb. Ich habe den Brief noch nicht gelesen.“
Er erhob sich und ging, während er las, im Zimmer auf und ab. Sie beobachtete ihn in dem zornigen Bewußtsein, daß er jetzt gleich seine Fassung verlieren würde. Plötzlich ließ er den Kopf sinken, als ob sein Rücken ihn nicht mehr trüge, und in seiner gekrümmten Haltung las er den Rest des Briefes. Als er damit fertig war, warf er ihn auf den Tisch, steckte seine Hände tief in die Taschen und brach in ein schallendes Gelächter aus. Dabei zog er seinen Körper noch mehr zusammen, als ob er sein Vergnügen verstärken wollte, indem er es auf einen möglichst kleinen Raum zusammendrängte. Henrietta war vor Entrüstung sprachlos und konnte ihren Gefühlen nur durch Blicke Ausdruck geben. Schließlich kam er heran und setzte sich neben sie.
„Und da bist du nun,“ sagte er, „als du den Brief bekamst, in die Kälte hinausgelaufen und hast die Reise nach Lyvern gemacht. Es scheint mir doch, du mußt mich entweder sehr lieben —“
„O nein. Ich hasse dich.“
„— oder dich selbst sehr lieben.“
„Oh!“ klagte sie und begann von neuem zu weinen. „Du bist ein selbstsüchtiges Tier, und du tust, was du willst, ohne dich um jemand anderes zu kümmern. KeinMensch gibt etwas um mich. Und jetzt willst du dir nicht einmal die Mühe machen, den schändlichen Inhalt dieses Briefes zu leugnen.“
„Warum sollte ich ihn leugnen? Es ist die Wahrheit. Siehst du denn nicht die Ironie in dem Ganzen? Ich mache mir den Spaß, einem Schulmädchen ein paar Komplimente zu sagen, obgleich ich mir nicht mehr daraus mache als aus irgendeinem andern ansprechenden und leidlich hübschen Weibe, das ich treffe. Trotzdem fühle ich manchmal leichte Gewissensbisse, weil ich denke, sie könnte mich ernsthaft lieben, obgleich ich nur mit ihr spiele. Das arme Herz, das ich leichtfertig umstrickt habe, tut mir leid. Und während der ganzen Zeit bemitleidet sie mich aus demselben Grunde! Ihr Gewissen quält sie, weil sie nur das Vergnügen genießt, ‚von dem tüchtigsten Mann, den sie je getroffen hat‘, angebetet zu werden, und sie ist grade so frei von Liebe wie ich selbst! Ha, ha! Auf so etwas baut sich die Religion der Liebe auf, deren Hohepriester die Dichter sind. Jeder Verehrer weiß, daß seine Liebe nur eine flüchtige Leidenschaft oder eine Lüge ist, die er nach seinem Lieblingsdichter nachempfunden hat, aber er glaubt getreulich, daß die anderen ihn selbst in echter Weise lieben. Ho, ho! Ist das keine verrückte Welt, mein Schatz?“
„Du hattest kein Recht, Agatha den Hof zu machen. Du hast überhaupt kein Recht, jemand den Hof zu machen außer mir, und ich ließe es mir auch nicht gefallen.“
„Du bist böse, weil Agatha dein Monopol angetastet hat. Stets ein Monopol! Glaubst du törichtesMädchen wirklich, ich gehörte dir mit Leib und Seele? — ich dürfte nur durch deine Liebe erregt werden oder nur an deine Schönheit denken?“
„Du kannst mich soviel beschimpfen wie du willst, aber du hast kein Recht, Agatha den Hof zu machen.“
„Meine Liebste, ich erinnere mich nicht, dich beschimpft zu haben. Ich glaube aber, du sagtest etwas von einem selbstsüchtigen Tier.“
„Das ist nicht wahr. Aber du nanntest mich ein törichtes Mädchen.“
„Aber, mein Lieb, das bist du doch.“
„Und bei dir hatte ich recht. Du bist durch und durch selbstsüchtig.“
„Das leugne ich nicht. Doch wir wollen zu unserem früheren Gespräch zurückkehren. Warum haben wir doch den Zank angefangen?“
„Ich zanke mich nicht, Sidney. Du tust das.“
„Nun gut, warum habe ich den Zank begonnen?“
„Wegen Agatha Wylie.“
„Oh, verzeih mir, Hetty, ihretwegen fing ich sicher nicht an, mich zu streiten. Ich habe sie sehr gern — viel mehr, als sie, wie es scheint, mich leiden kann. Einen Augenblick, Hetty, ehe du von neuem mit deinen Vorwürfen beginnst. Warum kannst du es nicht leiden, wenn ich Agatha Schmeicheleien sage?“
Henrietta überlegte und sagte: „Weil du kein Recht dazu hast. Du zeigst dadurch, wie wenig du dir aus mir machst.“
„Es hat mit dir gar nichts zu tun. Es zeigt nur, wieviel ich mir aus ihr mache.“
„Ich bleibe nicht hier, um mich beschimpfen zulassen,“ sagte Hetty, und ihr Schmerz überkam sie von neuem. „Ich will nach Hause gehen.“
„Nicht heute abend. Es fährt kein Zug mehr.“
„Dann geh ich zu Fuß.“
„Das ist zu weit.“
„Daraus mach’ ich mir nichts. Ich will nicht hierbleiben, und wenn ich vor Kälte am Straßenrand sterbe.“
„Meine Geliebte, ich habe dich absichtlich gequält, weil du mir durch deinen Ärger zeigst, daß du mich noch gern hast. Ich habe wie gewöhnlich unrecht und bin an allem schuld. Agatha weiß nicht, daß wir verheiratet sind.“
„Ich tadle nicht so sehr dich,“ sagte Henrietta und ließ ihn seinen Kopf auf ihre Schulter legen. „Aber mit Agatha werde ich nie wieder ein Wort sprechen. Sie hat sich schändlich gegen mich benommen, und ich will es ihr sagen.“
„Sie wird zweifellos glauben, Liebste, du seiest an allem schuld und ich hatte mich bewundernswert benommen. Zwischen euch werde ich dann ohne Tadel dastehen. Aber jetzt, da es zu kalt zum Gehen ist, da es schon spät ist und weit bis Lyvern und noch weiter bis London, so muß ich dir hier etwas Bequemlichkeit herrichten.“
„Aber —“
„Aber da ist nichts zu ändern. Du mußt hierbleiben.“
Am nächsten Tage erhielt Smilasch von seiner Frau ein Versprechen, daß sie sich Agatha gegenüberso benehmen würde, als hatte der Brief keine Beleidigung enthalten. Henrietta flehte so beweglich wie sie konnte, er möchte doch sofort mit ihr wieder zum häuslichen Leben zurückkehren, aber er speiste sie mit zärtlichen Worten ab, versprach nichts als ewige Zuneigung und schickte sie mit dem Zwölfuhrschnellzug nach London zurück. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und er ging nach Lyvern zurück und von da nach seiner Hütte wie ein Mann, der von Ekel und Reue geplagt wird.
Kurz darauf an einem Nachmittag nahm er seine Schlittschuhe, um sich aufzuheitern, und ging nach Wickens Teich. Da es Samstag war, war er von Altonschülerinnen und ihren Halbfeiertagsbesuchern bevölkert. Fairholme, der mit seiner gewohnten energischen Miene seine Kreise beschrieb, hielt inne und starrte mit unwilligem Staunen auf Smilasch, der hinter ihm herschwankte.
„Geschieht das mit Ihrer Erlaubnis, daß der Mann hier ist?“ fragte er den Pächter Wickens, der umherging, als beaufsichtige er eine Ernte.
„Ich denke, er ist hier, weil er Lust dazu hat,“ sagte Wickens eigensinnig. „Er ist mein Nachbar und mein Freund. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, daß ich einen Freund auf meinem eigenen Teich habe, wenn sich ungefähr zwei oder drei Tonnen von anderer Leute Freunde da herumtreiben, ohne daß sie eine besondere Zulaßkarte haben?“
„O nein,“ sagte Fairholme etwas unsicher. „Wenn Sie zufrieden sind, kann niemand etwas dagegen einwenden.“
„Das freut mich sehr. Ich dachte schon.“
„Ich darf Ihnen wohl sagen,“ bemerkte Fairholme gereizt, „daß Ihr Grundherr kaum erfreut wäre, wenn er ihn hier sähe. Smilasch hat einen von Sir Johns besten Hirten aus dem Lande geschickt, nachdem er ihm den Kopf mit Ideen angefüllt hatte, die über seinen Stand hinausgingen. Ich hörte letzten Sonntag Sir John sich sehr erregt über ihn aussprechen.“
„Möglich, Mr. Fairholme. Ich hab einen Pachtvertrag auf dieses Land und es ist ein sandiger, armer Boden — und ich bin durchaus nicht an Sir Johns Gefallen und Nichtgefallen gebunden. Es ist eine sehr gute Sache für Sir John, daß ich die Pacht habe, denn es gäbe keinen Mann in der Gegend, der jetzt das Gut übernehmen würde, wenn es morgen frei würde. Übrigens ist es noch gar nichts, daß der junge Mensch dumme Sachen über die Rechte der Landarbeiter und dergleichen Unsinn redet, Sir John müßte ihn einmal hören, wenn er seine Ansicht über Grundrente und Bodenverbesserung klarlegt und wie wir Pächter darum betrogen werden, vielleicht würde er nächsten Sonntag erregter als je über ihn sprechen.“
Und in Wickens Lächeln, als er ihm zunickte und weiterging, lag die ganze Befriedigung darüber, daß er es dem Geistlichen einmal gehörig eingetränkt hatte.
Grade jetzt hörte Agatha, die mit Jane Carpenter Hand in Hand lief, die Worte an ihr Ohr klingen: „Ich muß Ihnen etwas sehr Drolliges sagen. Sehen Sie sich nicht um.“
Sie erkannte Smilaschs Stimme und gehorchte.
„Ich weiß nicht ganz sicher, ob es Ihnen auchsoviel Spaß macht, wie es eigentlich sollte,“ fügte er hinzu und flog wieder davon, nachdem er Miß Carpenter einen vielsagenden Blick zugeworfen hatte.
Agatha machte sich von ihrer Gefährtin los, lief einen Kreisbogen und glitt nahe an Smilasch vorbei, indem sie fragte: „Was ist es?“
Smilasch schoß wie eine Schwalbe davon und umkreiste ein paarmal Fairholme. Dann kehrte er zu Agatha zurück und lief neben ihr her.
„Ich habe den Brief gelesen, den Sie Hetty geschrieben haben,“ sagte er.
Agathas Gesicht begann zu glühen. Sie vergaß, sich im Gleichgewicht zu halten, und wäre fast gefallen.
„Geben Sie acht. Dann lieben Sie mich also nicht — in der Art der Liebesgeschichten?“
Keine Antwort. Agatha war bestürzt und wagte nicht, die Augenlider zu erheben.
„Das ist ein Glück,“ fuhr er fort, „denn — guten Abend, Miß Ward. Ich habe während der letzten Stunde nichts anderes getan, als Ihr Laufen bewundert — weil Männer immer Betrüger sind. Und ich bilde keine Ausnahme, wie Sie sogleich zugeben werden.“
Agatha murmelte etwas, aber es war unverständlich in dem Lärm des Schlittschuhlaufens.
„Sie glauben es nicht? Nun, vielleicht haben Sie recht. Ich habe Ihnen nichts gesagt, was nicht in einem gewissen Sinne wahr ist. Sie haben immer einen besonderen Reiz auf mich ausgeübt. Aber ich wollte nicht, daß Sie das Hetty erzählten. Können Sie raten, warum?“
Agatha schüttelte den Kopf.
„Weil sie meine Frau ist.“
Agathas Knöchel erlahmten. Mit Mühe hielt sie sich aufrecht, bis sie Jane erreichte und sich als Stütze an sie anklammerte.
„Tu das nicht,“ schrie Jane. „Du wirfst mich um.“
„Ich muß mich setzen,“ sagte Agatha. „Ich bin müde. Ich will mich nur festhalten, bis wir zu den Stühlen kommen.“
„Unsinn! Ich kann eine Stunde laufen, ohne mich zu setzen,“ sagte Jane. Sie half aber doch Agatha, bis sie einen Stuhl gefunden hatte, und verließ sie. Dann kam Smilasch, als ob er sich auch ausruhen wollte, und setzte sich an den Rand des Weihers.
„Nun,“ fragte er und machte sich keine Sorge, ob ihre Unterhaltung auffiel oder nicht, „was halten Sie jetzt von mir?“
„Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt, Mr. Trefusis?“
„Das ist der Hauptspaß,“ antwortete er mit einem spöttischen Blick auf seine Schlittschuhe. Er hatte seine Beine vorgestreckt und balancierte seine Hacken auf dem Eise. „Ich glaubte, Sie seien in mich verliebt, und dachte, die Wahrheit würde ein zu schwerer Schlag für Sie sein. Ha, ha! Und aus demselben Grunde vermieden Sie es großmütig, mir zu sagen, daß Sie nicht mehr in mich verliebt waren als in den Mann im Mond. Jeder spielte eine Posse und täuschte dem andern vor, es sei eine Tragödie.“
„Es gibt so unwürdige, lieblose und grausame Worte,“ sagte Agatha, „daß ich nicht verstehe, wie ein Gentleman sie zu einem Mädchen sagen kann. Bitte,sprechen Sie nicht wieder mit mir. Miß Ward! Kommen Sie doch einen Augenblick her. Mir ist nicht wohl.“
Miß Ward eilte herbei. Smilasch, der Agatha einen Augenblick erstaunt und voll Teilnahme angesehen hatte, verschwand unter der Menge. Als er das entgegengesetzte Ufer erreicht hatte, zog er seine Schlittschuhe aus und bat Jane, die sich absichtlich in diese Ecke verirrt hatte, sie möchte Miß Wylie sagen, er sei fortgegangen und würde nicht wieder hier Schlittschuh laufen. Ohne ein Wort der Erklärung hinzuzufügen, verließ er sie und wandte sich nach seiner Wohnung. Als er in den Hohlweg kam, da, wo die Landstraße durch die Anpflanzung ging, an der Seite nach der Anstalt zu, entdeckte er einen Jungen in einer Postuniform, der über den gefrorenen Graben schlitterte. Ein Vorgefühl böser Nachrichten kam über ihn, wie ein plötzliches Dunkel über den Himmel jagt. Er beschleunigte seinen Schritt.
„Etwas für mich?“ fragte er.
Der Junge, der ihn kannte, kramte in einer Brieftasche herum und zog einen Lederumschlag heraus. Er enthielt ein Telegramm.
Von Jansenius, London.
An J. Smilasch, Chamounix-Villa, Lyvern.Henrietta nach der Reise gefährlich erkrankt. Verlangt Sie zu sehen. Arzt sagt, sofort kommen.
An J. Smilasch, Chamounix-Villa, Lyvern.
Henrietta nach der Reise gefährlich erkrankt. Verlangt Sie zu sehen. Arzt sagt, sofort kommen.
Er schwieg eine Weile. Dann faltete er sorgfältig das Papier und steckte es in seine Tasche, als ob es vollständig für ihn erledigt sei.
„Und so,“ sagte er, „folgt vielleicht die Tragödie doch noch auf die Posse.“
Er sah den Jungen an, der vor ihm zurückwich, weil er seinen Gesichtsausdruck fürchtete.
„Du hast den ganzen Weg von Lyvern bis hierher geschlittert?“
„Nur um schneller vorwärts zu kommen,“ sagte der Botenjunge zitternd. „Ich kam so schnell wie ich konnte.“
„Die Nachrichten, die du trugst, waren schwer genug, um das dickste Eis zu brechen, das je gefroren ist. Ich hätte Lust, dich über den Gipfel von dem Baum da zu werfen, anstatt daß ich dir diese halbe Krone gebe.“
„Sie tun mir nichts,“ wimmerte der Junge und trat noch einen Schritt zurück.
„Geh nach Lyvern zurück, so schnell du laufen oder schlittern kannst, und sage Mr. Marsch, er sollte mir den schnellsten Wagen schicken, den er hat, damit ich nach der Eisenbahnstation fahren kann. Hier ist deine halbe Krone. Und jetzt vorwärts. Wenn ich nicht zur rechten Zeit meinen Wagen habe, dann wirst du was erleben.“
Der Junge näherte sich mißtrauisch dem dargereichten Gelde und rannte davon, so schnell er konnte. Smilasch ging in seine Hütte und kam nie wieder zum Vorschein. Statt seiner kam Trefusis heraus, ein Gentleman in einem Ulster, der eine Reisedecke trug. Er verschloß die Türe und eilte die Landstraße nach Lyvern hinunter, bis ihn ein Wagen aufnahm, der ihn in schnellster Fahrt zur Eisenbahnstation brachte,grade noch zur rechten Zeit, um den Zug nach London zu erreichen.
„Abendblätter gefällig?“ rief eine Stimme durch das Fenster, als er sich in einer Ecke eines Wagens erster Klasse zurechtsetzte.
„Nein, danke sehr.“
„Fußwärmer gefällig?“ fragte ein Dienstmann, der an der Stelle des Zeitungsverkäufers erschien.
„Ah, das ist eine gute Idee. Ja, bringen Sie mir einen Fußwärmer.“
Der Fußwärmer wurde hereingebracht, und Trefusis machte es sich für seine Reise bequem. Sie verging ihm sehr schnell, und er konnte es kaum begreifen, als der Zug in London ankam, daß die Fahrt fast drei Stunden gedauert hatte.
Die Reisenden und die Leute, die sie am Bahnhof abholten, waren von einer Weihnachtsstimmung erfüllt. Der Dienstmann, der an die Wagentür kam, erinnerte Trefusis durch sein Benehmen und den Ton seiner Stimme, daß jetzt die Zeit war, in der ein Gentleman fröhlich und freigebig sein muß.
„Was für Gepäck? Hansom oder Droschke gefällig?“
Einen Augenblick überfiel Trefusis die Vagabundenlust, in der Sprache Smilaschs zu reden und dem Mann aufzubinden, er hätte Körbe voll Truthähnen und Plumpudding im Gepäckwagen. Aber er unterdrückte es und stieg in einen Hansom, der ihn nach der Belsize Avenue zum Hause seines Schwiegervaters brachte. Unterwegs beobachtete er in scharfer, bitterer Stimmung das in ihm aufsteigende Angstgefühl, dassich am Ende der Fahrt bis zum Herzklopfen steigerte. Zwei Wagen standen vor der Türe, als er ausstieg. Die schweigsamen Gesichter der Kutscher flößten ihm einen Schrecken ein.
Die Türe öffnete sich, bevor er klingelte. „Bitte, mein Herr,“ sagte das Mädchen mit leiser Stimme, „wollen Sie in die Bibliothek eintreten? Der Doktor wird sofort mit Ihnen sprechen.“
Im ersten Stock an der Treppe standen zwei Herren und sprachen mit Mr. Jansenius. Dieser zog sich schnell zurück. Aber ein flüchtiger Blick auf sein trauriges, verdrießliches Gesicht hatte Trefusis doch schon ein seltsam prickelndes Gefühl gegeben, und es war ihm, als ob er seit zwanzig Jahren ein Witwer gewesen sei. Er lächelte gleichgültig, während er dem Mädchen in die Bibliothek folgte, und fragte sie, wie es ihr ginge. Sie murmelte irgendeine Antwort und eilte davon. Dabei dachte sie, der arme junge Mann würde wohl bald seinen Ton ändern.
Gleich darauf trat ein Herr mit grauem Backenbart herein, der sorgfältig gekleidet war und sich sehr behutsam benahm. Trefusis stellte sich vor, und der Arzt sah ihn mit Interesse an. Dann sagte er:
„Sie sind zu spät gekommen, Mr. Trefusis. Es tut mir leid, daß ich Ihnen das mitteilen muß, aber es ist alles vorbei.“
„War die lange Eisenbahnfahrt, die sie in dem kalten Wetter unternahm, die Ursache ihres Todes?“
Einige bittere Worte, die der Arzt oben gehört hatte, sagten ihm, daß dies eine heikele Frage war.Aber er antwortete ruhig: „Zweifellos die unmittelbare Ursache.“
„Sie erhielt vor Ihrer Abreise eine unangenehme und ganz unerwartete Nachricht. Glauben Sie, daß das etwas mit ihrem Tode zu tun hatte?“
„Es hat vielleicht einen ungünstigen Einfluß ausgeübt,“ sagte der Arzt steif und zog seine Handschuhe an. „Die Gewohnheit, solche Ereignisse mit dergleichen Ursachen in Verbindung zu bringen, geht in der Regel zu weit.“
„Ohne Zweifel. Ich bin nur neugierig, weil dieses Ereignis etwas Neues in meinen Erfahrungen ist. In den Ihrigen wird es wohl etwas Gleichgültiges sein.“
„Verzeihen Sie. Der Tod einer Dame von solcher Jugend und solcher günstigen Lebenslage ist weder nach meiner Erfahrung noch nach meiner Ansicht etwas Gleichgültiges.“ Der Arzt erhob während dieser Worte seinen Kopf, um sich gegen jede Annahme zu verwahren, als ob sein Mitgefühl durch seinen Beruf abgestumpft worden sei.
„Hat sie gelitten?“
„Ja, einige Stunden. Wir konnten etwas ihre Schmerzen lindern — das arme Ding!“ Er vergaß ganz Trefusis Anwesenheit, als er das Nachwort hinzufügte.
„Stunden voll Schmerz! Können Sie mir irgend etwas nennen, wozu diese Stunden gut waren?“
Der Arzt schüttelte seinen Kopf, ohne daß man erkennen konnte, ob er diese Frage verneinen wollte oder nur solche Erwägungen bedauerte. Er machte dann eine Bewegung, als ob er aufbrechen wollte. Es warihm bei der Unterhaltung mit Trefusis nicht wohl zumute, denn er fühlte, daß dieser sicherlich jetzt Fragen stellen oder Bemerkungen machen würde, bei deren Besprechung er sich irgendwie bloßstellen mußte. Sein Gewissen war nicht ganz ruhig. Er wußte, daß Henriettas Schmerzen zu nichts gut gewesen waren, aber er wollte das nicht zugestehen, damit er nicht in den Ruf der Religionslosigkeit kam und seine Praxis verlor. Er war überzeugt, daß der Hausarzt, der ihn herbeigerufen hatte, als der Fall sich verschlimmerte, Henrietta verkehrt behandelt hatte, aber seine Standesehre band ihn so streng, daß er lieber seinem Kollegen erlaubt hätte, ganz London zu dezimieren, ehe er seine Unfähigkeit aufdeckte.
„Noch ein Wort,“ sagte Trefusis. „Wußte sie, daß sie sterben mußte?“
„Nein. Ich hielt es für das beste, daß man ihr das nicht mitteilte. So entschlief sie ohne Angst.“
„Dann kann man beruhigt daran denken. Das arme Kind fürchtete den Tod. Ich wundere mich, daß die Torheit hier im Hause sich nicht über Ihre Vernünftigkeit hinweggesetzt hat.“
Der Arzt verneigte sich und ging hinaus. Er schätzte sich fast glücklich, daß man ihm keine Vorwürfe gemacht hatte, weil er in seiner Menschlichkeit Henrietta hatte sterben lassen, ohne daß sie es wußte.
Einen Augenblick später trat der Hausarzt herein. Trefusis überraschte ihn, als er den andern zur Türe begleitete, wie er draußen sein Gesicht grade in lange Falten zog. Er unterdrückte ein Verlangen, ihn bei derGurgel zu fassen, setzte sich auf den Rand des Tisches und sagte freundlich:
„Nun, Doktor, wie ist es Ihnen ergangen, seit wir uns zuletzt gesehen haben?“
Der Doktor fuhr zurück, aber die ernsten Falten auf seinem Gesicht blieben unverändert, als er salbungsvoll fragte: „Hat Sir Francis Ihnen die trüben Nachrichten mitgeteilt, Mr. Trefusis?“
„Ja. Es ist schrecklich, nicht wahr? Es ist Gottes Wille. Heute leben wir, morgen sind wir dahin.“
„Ja, ja, so ist es!“
„Sir Francis hat eine hohe Meinung von Ihnen.“
Der Doktor blickte etwas verwirrt drein. „Alles, was wir tun konnten, Mr. Trefusis, das haben wir getan. Aber Mrs. Jansenius war sehr besorgt, daß nichts unversucht bleibe. Sie war so freundlich, mir zu sagen, sie wollte nur deshalb Sir Francis rufen, damit Sie keinen Grund hätten, über irgend etwas Klage zu führen.“
„Wirklich!“
„Eine ausgezeichnete Mutter! Und solch ein trauriges Ereignis für sie! Ach ja! Mein Gott! Ein sehr trauriges Ereignis!“
„Sehr unangenehm. Und dabei das kalte Wetter. Es ist vielleicht angenehmer, im Himmel zu sein, als hier unten in solchem Wetter.“
„Ach ja!“ sagte der Doktor, als ob ein rechter Trost in diesen Worten gelegen hätte. „Ich hoffe es, ich hoffe es. Ohne Zweifel ist es so. Sir Francis erlaubte uns nicht, es ihr mitzuteilen, und ich fügte mich ihm natürlich. Vielleicht war es so am besten.“
„Dann hätten Sie es ihr wohl gesagt, wenn Sir Francis keinen Einspruch erhoben hätte?“
„Ja, sehen Sie, es gibt da Erwägungen, über die wir in unserm Beruf nicht hinweggehen dürfen. Das Sterben ist eine ernsthafte Sache, woran ich Sie wohl nicht besonders zu erinnern brauche, Mr. Trefusis. Wir haben oftmals höhere Pflichten, als die natürlichen Gefühle unserer Patienten zu schonen.“
„Ganz gewiß. Die Möglichkeit ewiger Freuden und die Wahrscheinlichkeit ewiger Höllenqualen sind Tröstungen, die man natürlich einem sterbenden Mädchen nicht so leicht vorenthalten soll. Aber was vorbei ist, kann nicht wieder gutgemacht werden. Alles in allem muß ich sehr dankbar sein. Ich bin ein junger Mann und werde als Witwer keine schlechte Figur machen. Und jetzt sagen Sie mir, Doktor, man ist doch oben nicht sehr ungehalten über mich?“
„Mr. Trefusis! Mein Herr! Ich kann mich nicht in Familienangelegenheiten einmischen. Ich kenne meine Pflichten und überschreite sie nie.“ Der Doktor war schließlich doch verletzt und sprach so stolz wie er konnte.
„Dann will ich hingehen und mit Mr. Jansenius sprechen,“ sagte Trefusis und stand vom Tische auf.
„Warten Sie, mein Herr. Einen Augenblick. Ich habe noch nicht zu Ende gesprochen. Mrs. Jansenius bat mich, Sie zu fragen — ich wollte Ihnen grade sagen, daß ich jetzt nicht als ärztlicher Berater der Familie spreche, sondern als ein alter Freund — und — ach ja! Mrs. Jansenius bat mich, Sie zu fragen — ob Sie nicht Mr. Jansenius entschuldigen würden. Er ist ganz niedergeschlagen durch den Kummer und,wie ich Ihnen — als Arzt — versichern kann, nicht imstande, irgend jemand zu sehen. Sie wird mit Ihnen sprechen, sobald sie sich dazu fähig fühlt — vielleicht später, im Laufe des Abends. Inzwischen, wenn Sie natürlich irgendwelche Wünsche haben — Sie müssen durch Ihre Reise ermüdet sein, und ich empfehle immer den Leuten, nicht so lange zu fasten, es führt eine Art akuter Verdauungsschwäche herbei — also, wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, sie werden natürlich sofort ausgeführt werden.“
„Ich danke,“ sagte Trefusis nach kurzem Überlegen, „ich werde mir einen Hansom kommen lassen.“
„Es liegt natürlich kein Übelwollen vor,“ sagte der Doktor, der als langsamer Mann durch schnelle Entscheidungen stets beunruhigt wurde, wenn sie ihm auch, wie dieses Mal, ganz vernünftig erschienen. „Hoffentlich schließen Sie nicht aus dem, was ich gesagt habe —“
„Durchaus nicht. Sie sind sehr taktvoll gewesen. Aber ich halte es für das Beste, wenn ich gehe. Jansenius kann Tod und Elend mit vollkommener Seelenstärke ertragen, wenn sie in großem Maßstabe auftreten und sich in schmutzigen Hintergassen verbergen. Aber wenn sie in sein eigenes Haus einbrechen und sein Eigentum angreifen — seine Tochter war bis vor kurzem sein Eigentum — dann ist er grade der Mann dafür, seinen Kopf zu verlieren und mit mir zu streiten, weil ich meinen bewahre.“
Der Doktor war nicht imstande, auf diese Rede, die ihm versteckte schreckliche Ansichten zu enthalten schien, etwas zu erwidern. Da er aber sah, daß Trefusis gehenwollte, fragte er mit gedämpfter Stimme: „Wollen Sie nicht hinaufgehen?“
„Hinaufgehen! Warum?“
„Ich — ich dachte — Sie möchten vielleicht einen Blick —“ Er beendete den Satz nicht, aber Trefusis zuckte zusammen. Das Zaudern hatte ihm gesagt, was der andere meinte.
„Ich soll etwas sehen, was einst Henrietta war, und was wir jetzt unter abergläubischer Mummerei hinausstoßen und verbergen müssen, um den Anschein der Frömmigkeit zu bewahren. Warum haben Sie mich daran erinnert?“
„Aber, mein Herr, was auch Ihre Ansichten sind, wollen Sie denn nicht, nur der Form halber und in Rücksicht auf die Gefühle der Familie —“
„Warum sparen sie nicht ihre Gefühle für die Lebenden? Ich habe mich deswegen oft genug vergebens an sie gewandt,“ schrie Trefusis und verlor seine Geduld. „Ich pfeife auf ihre Gefühle!“ Hiermit wandte er sich zur Türe und fand sie geöffnet. Mrs. Jansenius stand lauschend davor.
Trefusis war verwirrt. Er wußte, welchen Eindruck seine Worte machen mußten, und fühlte, es sei töricht, eine Entschuldigung oder Erklärung zu versuchen. Er steckte seine Hände in die Taschen, lehnte sich gegen den Tisch und sah sie schweigend an, wobei er gespannt war, was sie jetzt wohl tun werde.
Der Doktor brach das Schweigen und sagte zitternd: „Ich habe die betrübende Nachricht Mr. Trefusis mitgeteilt.“
„Hoffentlich haben Sie ihm auch gesagt,“ bemerktesie streng, „daß, wie sehr es uns auch an Gefühl mangeln mag, wir doch für unser Kind alles taten, was in unsern Kräften lag.“
„Ich bin vollkommen befriedigt,“ sagte Trefusis.
„Ohne Zweifel sind Sie das — nämlich mit dem Resultat,“ sagte Mrs. Jansenius hart. „Ich wünsche zu wissen, ob Sie sich über etwas zu beklagen haben.“
„Über nichts.“
„Bitte, denken Sie nicht, daß etwas durch unsere Nachlässigkeit gekommen ist.“
„Worüber sollte ich mich beklagen. Sie hatte ein warmes Zimmer und ein kostbares Bett, um darin zu sterben, und die beste ärztliche Hilfe von der Welt. Eine Menge Menschen verhungert und erfriert heute, damit wir die Mittel haben, in vornehmer Weise zu sterben. Fragen Siedie, ob sie einen Grund zur Klage haben. Glauben Sie, ich will mich an Henriettas Leiche über den Betrag des Geldes zanken, den Sie für ihre Krankheit ausgegeben haben? Kann man danach abmessen, welchen Grund sie zur Klage hatte? Ich habe ihr niemals Geld vorenthalten — wie konnte ich das, da ich weiß, daß ich umsonst mehr bekommen habe, als ich je verschwenden kann? Oder wie konnten Sie das tun? Trotzdem hat sie vielen Grund, sich über mich zu beklagen. Das werden Sie wohl zugeben.“
„Das ist auch vollkommen richtig.“
„Gut, wenn ich einmal dazu gelaunt bin, werde ich mir selbst Vorwürfe machen und nicht Ihnen.“ Er hielt inne und wandte sich dann heftig nach ihr hin, indem er fortfuhr: „Warum wählen Sie grade diese Stunde, um mir solche bitteren Worte zu sagen?“
„Ich erinnere mich nicht, daß ich etwas gesagt habe, was Sie zu einer solchen Bemerkung berechtigt. HabenSie“ — sie wandte sich an den Doktor — „mich so etwas sagen gehört?“
„Mr. Trefusis will das auch sicherlich nicht von Ihnen behaupten. O nein. Mr. Trefusis’ Gefühl ist natürlich — ist erregt. Das ist alles.“
„Meine Gefühle!“ rief Trefusis ungeduldig. „Glauben Sie, meine Gefühle sind eine Raritätensammlung gesellschaftlicher Vorurteile, und sie ließen sich nach Vorschrift erregen und bei Leichenbegängnissen zur Schau stellen? Sie ist dahin, wie wir alle drei auch bald dahin gehen werden. Wenn wir unsterblich wären, hätten wir einen vernünftigen Grund, die Tote zu bemitleiden. Da wir es aber nicht sind, sollten wir lieber unsere Kräfte anspannen, um das Unrecht zu verringern, das wir sicher noch tun, ehe wir ihr folgen.“
Der Doktor war durch diese Worte tief beleidigt, denn die Feststellung, daß er eines Tages sterben müßte, schien ihm eine Bezweiflung seiner berufsmäßigen Bemeisterung des Todes zu sein. Mrs. Jansenius freute sich, daß Trefusis ihre schlechte Ansicht von ihm und ihre Schilderung über ihn durch seine eigene Aufführung und Sprache in des Doktors Gegenwart bestätigte. Es entstand eine kurze Pause, und dann verließ Trefusis das Zimmer, da seine Gefühle zu weit von den ihrigen entfernt waren, als daß er die Unterredung in eine freundlichere Stimmung hinüberführen konnte. Er wollte grade im Flur seinen Überzieher anziehen, als er es sich überlegte und ihn unentschlossen wieder hinhing. Plötzlich rannte er die Treppe hinauf. Bei demGeräusch seiner Fußtritte kam eine Frau aus einem der Zimmer und sah ihn fragend an.
„Ist es hier?“ sagte er.
„Ja, mein Herr,“ flüsterte sie.
Ein peinliches Krampfgefühl legte sich auf seine Brust, er wurde bleich und blieb mit der Hand an dem Türgriff stehen.
„Haben Sie keine Furcht, Herr,“ sagte die Frau mit ermutigendem Lächeln. „Sie sieht ganz schön aus.“
Er sah sie mit einem seltsamen Grinsen an, als ob sie einen grausigen, aber unwiderstehlichen Witz gemacht hätte. Er ging hinein, und als er das Bett erreichte, wünschte er, er wäre draußen geblieben. Er gehörte nicht zu denen, die wenig auf den Gesichtern der Lebenden sehen und wenig auf denen der Toten vermissen. Die Art, wie man ihr Haar auf das Kissen gelegt hatte, der angenehme Faltenwurf und die Blumen, die die Wärterin angebracht hatte, um den künstlerischen Eindruck zu vervollständigen, auf den sie so vertrauensvoll hingewiesen hatte, alles das war für ihn verloren. Er sah nur die leblose Maske, die das Gesicht seines Weibes gewesen war, und bei diesem Anblick versagten ihm die Knie, und er mußte sich an der Querstange, die am Fußende des Bettes war, festhalten.
Als er wieder aufblickte, schien das Gesicht sich verändert zu haben. Es war keine wachsartige Maske mehr, sondern Henrietta selbst, mädchenhaft und in ausdrucksvoller Ruhe. Der Tod schien ihre Verheiratung und alles Frauenhafte ausgelöscht zu haben, nie war sie ihm so jung erschienen. Eine Minute verging, und dann fiel eine Träne auf die Bettdecke. Er fuhr auf,ließ noch eine Träne auf seine Hand fallen und starrte sie ungläubig an.
„Das ist ein Schwindel, den ich mir nie geträumt hätte,“ sagte er. „Tränen und doch kein Kummer. Hier steh ich und weine! Ich werde immer sentimentaler! Und dabei bin ich froh, daß sie gegangen ist und mich freigemacht hat. Irgendwo steckt in mir das Triebwerk der Trauer. Bei ihrem Anblick beginnt es sich zu drehen, obgleich ich keinen Schmerz empfinde, grade so, wie sie das Getriebe der Leidenschaft in Bewegung setzte, wenn ich keine Liebe hatte. Aber das machte für sie keinen Unterschied. Wenn die Räder herumgingen, war sie zufrieden. Ich hoffe, das Getriebe des Kummers wird ebenso schnell nachlassen und stillstehen, wie es das andere Getriebe tat. Ich glaube, es steht schon still. Welch ein Unsinn! Solange es sich drehte, glaubte ich, ich sei betrübt. Und doch, würde ich sie wohl wieder zum Leben erwecken, wenn ich es könnte? Vielleicht, und darum bin ich dankbar, daß ich es nicht kann.“ Er lehnte sich mit verschränkten Armen auf das Fußende des Bettes und redete ernst auf die tote Figur ein. Sie beeinflußte ihn noch immer so stark, daß er all seinen Willen zusammennehmen mußte, um ihr mit Gemütsruhe ins Gesicht zu sehen. „Wenn du mich wirklich liebtest, ist es gut für dich, daß du tot bist — wie konnte ich Idiot auch glauben, die Leidenschaft, die du armes Kind mir einflößtest, würde von Dauer sein. Jetzt sind wir beide glücklich. Ich habe mich von dir freigemacht, und du hast dich von dir selbst befreit.“
Er atmete jetzt freier und sah sich das Zimmer an, um sich durch eine gleichgültige Handlung und denalltäglichen Anblick der Schlafzimmereinrichtung in eine nüchterne Stimmung zu bringen. Er trat an das Kissen und neigte sich darüber, um das Gesicht genau zu betrachten.
„Armes Kind!“ sagte er noch einmal in zärtlichem Tone. Dann redete er sich mit plötzlichem Stimmungswechsel statt seines Weibes selber an. „Armer Esel! Armer Idiot! Armer Affe! Hier liegt der Körper eines Weibes, das fast so alt war wie ich selbst und vielleicht vernünftiger, und ich stelle moralische Betrachtungen darüber an, als sei ich Gott der Allmächtige und sie ein kleines Kind! Je mehr man einen Mann daran erinnert, was er ist, desto eingebildeter wird er. Scheußlich! Ich werde mich sogleich für unsterblich halten.“
Mit einem schwachen Versuch, roh zu sein, berührte er ihre Wange und fühlte, wie kalt sie war. Dann berührte er seine eigene und sagte:
„Auch ich fliege auf dieses Ziel hin mit der reißenden Geschwindigkeit von sechzig Minuten in der Stunde.“ Er stand da, die Augen auf ihr Gesicht gerichtet, und genoß lange Zeit die Bitterkeit seiner düsteren Betrachtung. Endlich ermannte er sich und sagte etwas heiterer:
„Schließlich ist sie ja gar nicht tot. Jedes Wort, das sie gesagt hat — jeder Gedanke, den sie gefunden und geäußert hat, war ein unauslöschlicher und unzerstörbarer Eindruck.“ Er hielt inne, überlegte wieder eine Zeitlang und fiel in seine trübe Stimmung zurück. „Und das Dutzend anderer Namen, die morgen mit ihr in der ‚Times‘ stehen? Auch ihre Worte liegen noch in der Luft, um die ganze Ewigkeit zu überdauern. Hm!Was die Luft mit Unsinn vollgepfropft sein muß? Zwei Töne heben sich manchmal gegenseitig auf, warum sollten sie nicht auf dieselbe Art auch Ideen gegeneinander aufheben. Nein, mein Lieb, du bist tot und dahin, und alles ist vorbei. Und auch ich werde bald genug tot und dahin sein, und alles ist vorbei, ehe ich noch Muße habe, mich mit Hoffnungen auf Unsterblichkeit zu narren. Arme Hetty! Nun leb wohl, mein Liebling. Wir wollen einen Augenblick denken, du könntest mich hören; ich weiß, daß dir das gefällt.“
Alles dieses sagte er in einem halbvernehmbaren Flüstern. Dann schwieg er, neigte sich über den Körper und sah ihn aufmerksam an. Selbst als er ihn genug betrachtet hatte und sich zum Gehen wandte, änderte er noch einmal seine Absicht, um sie noch eine Weile anzusehen. Dann richtete er sich auf und ging beruhigt und erfrischt mit festem Schritt aus dem Zimmer. Die Frau wartete draußen. Als sie sah, daß er nicht mehr so betrübt war wie beim Hereintreten, sagte sie:
„Hoffentlich sind Sie zufrieden, mein Herr!“
„Entzückt! Bezaubert! Die Arrangements sind außerordentlich hübsch und geschmackvoll. Sehr tröstlich.“ Und er gab ihr einen halben Sovereign.
„Danke sehr,“ sagte sie und machte eine Verbeugung. „Die arme, junge Lady! Sie hat so nach Ihnen verlangt, mein Herr. Sie sagte immerzu, Sie wären der einzige, der sich etwas aus ihr machte! Und wie wütend sie auf ihre Mutter war. ‚Sagt ihm, daß ich gefährlich krank bin,‘ rief sie, ‚und er wird kommen.‘ Das arme Ding wußte nicht, wie wahr ihre Worte waren. Und sie starb, ohne es zu erfahren!“
„Sie machte sich und mir Hoffnung. Glückliches Mädchen!“
„Lieber Himmel, ich weiß, was sie empfand. Ich habe viele Erfahrungen.“ Hierbei trat sie ihm vertraulich näher und flüsterte: „Die Familie war gegen Sie, mein Herr, und sie wußte das. Aber sie wollte nicht auf sie hören. Wenn sie wohl genug war, um denken zu können, dann dachte sie an nichts als an Ihr Kommen. Und — still! Da ist der alte Herr.“
Trefusis blickte sich um und sah Mr. Jansenius, dessen hübsches Gesicht blaß und entstellt von Kummer und Unruhe war. Er wich vor der hingestreckten Hand seines Schwiegersohnes zurück wie ein zu sehr gequältes Kind vor einem unzeitigen Versuch, es zu liebkosen. Trefusis hatte Mitleid mit ihm. Die Wärterin hustete und zog sich zurück.
„Haben Sie mit Mrs. Jansenius gesprochen?“ fragte Trefusis.
„Ja,“ antwortete Jansenius in beleidigendem Tone.
„Ich unglücklicherweise auch. Bitte, entschuldigen Sie mich bei ihr. Ich war ungezogen. Die Umstände hatten mich aus der Fassung gebracht.“
„Sie waren nicht aus der Fassung gebracht, mein Herr,“ sagte Jansenius laut. „Sie scheren sich den Teufel darum.“
Trefusis wich zurück.
„Sie pfeifen auf meine Gefühle, und ich will auf die Ihrigen pfeifen,“ fuhr Jansenius in demselben Tone fort. Trefusis blickte unwillkürlich nach der Türe,durch die er soeben hereingekommen war. Dann faßte er sich und sagte ruhig:
„Es macht nichts. Sie kann uns nicht hören.“
Bevor Jansenius antworten konnte, kam seine Frau die Treppe heraufgelaufen, faßte ihn beim Arm und sagte: „Sprich nicht mit ihm, John. Und Sie,“ fügte sie, zu Trefusis gewandt, hinzu, „wollenSie machen, daß Sie fortkommen?“
„Was?“ rief er und sah sie spöttisch an. „Ohne meine Leiche! Ohne mein Eigentum! Nun gut, es soll so sein.“
„Was wissen Sie von den Gefühlen eines achtbaren Mannes?“ fuhr Jansenius fort und brach trotz der Anwesenheit seiner Frau von neuem in Wut aus. „Ihnen ist nichts heilig. Da sieht man, was Sozialisten für Kerle sind!“
„Und was Väter sind und was Mütter sind,“ entgegnete Trefusis und verlor seine Selbstbeherrschung. „Ich glaubte, Sie liebten Hetty, aber jetzt sehe ich, daß Sie nur Ihre Gefühle und Ihre Achtbarkeit lieben. Der Teufel hole beides! Sie hatte ganz recht. Meine Liebe zu ihr, so unvollständig sie war, war doch noch größer als die Ihrige.“ Und er verließ wütend das Haus.
Aber er blieb eine Weile auf der Straße stehen, um über sich selbst und über seinen Schwiegervater zu lachen. Dann nahm er einen Hansom und ließ sich zu seinem Rechtsbeistand fahren, denn er wollte mit ihm die Regelung der Angelegenheiten seiner Frau besprechen.
Am Tage vor dem Heiligen Abend wurden die Überreste Henrietta Trefusis’ auf dem Highgate-Friedhof beerdigt. Drei Edelleute sandten ihre Wagen zu dem Begräbnis, und die Freunde und Kunden von Mr. Jansenius kamen in großer Zahl persönlich. Die Totenbahre war mit einer Überfülle kostbarer Blumen bedeckt. Der Leichenbestatter wußte, daß keine Kosten gespart werden sollten. Er hatte langschwänzige schwarze Pferde besorgt, mit schwarzen Decken auf den Rücken und schwarzen Federn auf den Köpfen. Die Kutscher waren mit Schleifen und langen Stiefeln geschmückt, sie trugen schwarze Kutschdecken, Mäntel und Handschuhe. Viele gemietete Leidtragende gingen mit. Sie wären aber sofort entlassen worden, hätten sie es gewagt, irgendeine Gemütsbewegung zu zeigen oder irgendwie ihre Aufgabe zu überschreiten, die darin bestand, daß sie Stäbe mit Messingspitzen in den Händen trugen und neben dem Leichenwagen hergingen.
Unter den echten Leidtragenden war Mr. Jansenius, der in Tränen ausbrach, als er etwas Erde in das Grab schüttete. Ferner der Knabe Arthur, den es verwirrte, daß er zum erstenmal in einem langen Rock an der Spitze eines öffentlichen Aufzuges marschierte, und der bei dem Anblick seines weinenden Papas das Gefühl hatte, er sei nicht so traurig, wie er es sein müßte. Dann ein Vetter, der einst Henrietta einen Heiratsantrag gemacht hatte und der jetzt, voll von tragischen Betrachtungen, in dem intensiven Genuß seiner Verzweiflung schwelgte.
Die übrigen erzählten sich flüsternd, wenn sie es in schicklicher Weise tun konnten, von einem befremdlichen Mangel in der Anordnung. Der Gatte der Verstorbenen fehlte. Familienmitglieder und näher stehende Freunde erfuhren durch Daniel Jansenius, der Witwer habe wie ein Lump gehandelt, und die Jansenius’ gäben keine zwei Pfennige darum, ob er käme oder zu Hause bliebe. Trotz der Unschicklichkeit der Sache sei es ihnen sogar noch lieber, daß er sich fernhielte. Andere, die keinen Anspruch auf eine private Auskunft hatten, fragten den Vertreter des Leichenbestatters. Dieser meinte, der Gentleman wolle kein großes Leichenbegängnis haben, und auf die Frage — warum denn? — sagte er, wahrscheinlich, weil er die Ausgabe scheue. Da man aber hiergegen einwand, Mr. Trefusis sei sehr reich, so fügte der Leichenbestatter hinzu, er habe das auch gehört. Aber er glaube, das Geld stamme nicht von der Frau her, und die Leute verwendeten selten viel Geld auf ein Leichenbegängnis, außer wenn sie etwas durch den Tod erbten. Außerdem knauserten viele Menschen desto mehr, je mehr sie hätten. Bevor sich das Leichengefolge zerstreute, hatte sich der Bericht, den Mr. Jansenius’ Bruder gegeben hatte, mit den Ansichten des Leichenbestatters vermischt, und aus dem Ganzen war eine Geschichte entstanden, Trefusis hätte seiner Freude über den Tod seiner Frau mit schrecklichen Flüchen Ausdruck gegeben, und zwar im Hause ihres Vaters, während ihre Leiche noch da lag, und er hätte sich geweigert, auch nur einen Pfennig für das Leichenbegängnis zu bezahlen.
Ein paar Tage später, als das Gerede über denGegenstand schon nachließ, wurde es durch einen frischen Skandal neubelebt. Ein schriftstellernder Freund half Mr. Jansenius eine Grabschrift entwerfen und fügte ein paar hübsche und ergreifende Strophen hinzu. Von Henriettas Wesen wurde darin gerühmt, es sei von seltener Anmut und Tugendhaftigkeit gewesen, und ihre Freunde würden nie aufhören, über ihren Verlust zu trauern. Ein Geschäftsmann, der sich als Grabbildhauer bezeichnete, brachte ein Buch mit Abbildungen von Grabdenkmälern, und Mr. Jansenius wählte ein außerordentlich prächtiges heraus und erbot sich, die Hälfte der Kosten für seine Aufstellung zu bezahlen. Trefusis wandte hiergegen ein, die Grabschrift sei unwahr, und sagte, er sähe nicht ein, warum man grade auf Leichensteinen falsche Berichte veröffentlichen dürfte. Es wurde sogar berichtet, er habe seine frühere schlechte Aufführung noch übertrumpft, indem er seinen Schwiegervater einen Lügner nannte und einen ganz gewöhnlichen Grabstein in einem billigen Laden in Eastend bestellte. Er hatte tatsächlich den Monumentenhändler verächtlich einen ‚Ausbeuter‘ der Arbeit genannt und einen jungen Steinmetzgehilfen, ein Mitglied der Internationalen Vereinigung, gebeten, zur Befriedigung Jansenius’ ein Grabdenkmal zu zeichnen.
Der Steinmetz brachte auch mit vieler Angst und Mühe einen Originalentwurf zustande. Trefusis billigte ihn und beschloß, ihn durch die Hand des Zeichners ausführen zu lassen. Er mietete ein Bildhaueratelier, besorgte nach den Angaben des Steinmetzen Marmorblöcke und lud ihn ein, sich sofort ans Werk zu machen.
Trefusis stieß jetzt auf eine Schwierigkeit. Er wolltedem Gehilfen grade den Wert seiner Arbeit bezahlen, nicht mehr und nicht weniger. Aber das ließ sich nicht berechnen. Der einzige Maßstab, den er hatte, war der Marktpreis, und den lehnte er ab, weil er nur durch den Wettbewerb von Kapitalisten entstanden war. Diese konnten ja ihren Profit nur erlangen, indem sie von den Arbeitern mehr Arbeitsprodukte erhielten, als sie ihnen bezahlten — und ihre Kunden verführten sie zum Kaufen, indem sie ihnen einen Teil der unbezahlten Arbeit als Preisermäßigung überließen. Die Unternehmer gaben den Arbeitern die unentbehrlichen Mittel zum Arbeiten und Leben nur unter der Bedingung, daß sie der müßigen Unternehmerklasse den Lebensunterhalt gewährten und sich selbst mit einer viel niedrigeren Lebenshaltung begnügten. Darum war eine gerechte Bestimmung des Austauschwertes und ein ehrenhaftes Übereinkommen mit ihnen unmöglich. Trefusis mußte schließlich den Steinmetz fragen, wieviel er als anständige Bezahlung für die Ausführung des Entwurfs verlangen müßte, obgleich er wußte, daß der Mann das Problem ebensowenig lösen konnte wie er selbst. Denn wenn er auch soviel verlangte, als er zu bekommen hoffte, so wurde doch seine Forderung durch seine Armut und durch den Wettbewerb mit dem Grabsteinunternehmer begrenzt. Trefusis erledigte die Sache dadurch, daß er doppelt soviel gab, wie der andere gefragt hatte, und nur die Bedingung stellte, daß der Steinmetz die Arbeit selbst ausführen mußte und keinen Nebenverdienst hatte, indem er zum Marktpreis andere Arbeiter dafür mietete.
Der Entwurf aber sollte zum Erstaunen seinesZeichners noch besonders bezahlt werden. Der Steinmetz schwankte lange Zeit zwischen einer Forderung von zwei Pfund und zehn Schillingen und einer solchen von fünf Pfund, bis ihm ein Arbeitskollege, der ihn mit Whiskygrog traktiert hatte, Mut machte, die höhere Summe zu verlangen. Trefusis bezahlte das Geld sofort und gab sich dann daran, herauszufinden, was wohl ein ähnlicher Entwurf von der Hand eines hervorragenden Akademikers gekostet hätte. Da er zufällig einen Gentleman in dieser Stellung kannte, fragte er ihn und erhielt den Bescheid, daß er wahrscheinlich fünfhundert bis tausend Pfund gekostet hätte. Trefusis verhehlte nicht seine Ansicht, daß ihm die Forderung des Steinmetzgehilfen vernünftiger zu sein schiene, worauf ihn sein künstlerischer Freund etwas unwillig daran erinnerte, wie viele Jahre ein Akademiebildhauer darauf verwende, bis er seine Kunstfertigkeit so weit ausgebildet hätte. Trefusis entgegnete, die Lehrzeit eines Steinmetzen sei gradeso lang, doppelt so mühsam und nicht halb so angenehm. Der Künstler hatte sich bisher eingeredet, er sympathisiere mit Trefusis’ sozialistischen Ansichten, aber jetzt begann er sie sowohl häßlich als auch gefährlich zu finden. Er fragte, ob denn nichts für das Talent bezahlt würde, und Trefusis entgegnete heftig, das Talent koste seinem Besitzer nichts, es sei die Erbschaft eines ganzen Geschlechts, die zufällig einem einzelnen Menschen zugefallen sei. Wenn nun dieser Mensch sein Monopol dazu benutze, um andern das Geld abzunehmen, so verdiene er nichts Besseres, als aufgehängt zu werden. Der Künstler verlor schließlich die Geduld und meinte, wenn Trefusis auch keinGefühl dafür habe, daß die Vorrechte der Kunst göttlichen Ursprungs seien, vielleicht könne er aber doch begreifen, daß ein Maler kein solcher Narr sei, ein Grabdenkmal für fünf Pfund zu entwerfen, wenn er für ein gemaltes Porträt tausend Pfund erhalte. Trefusis erwiderte, schon diese Tatsache, daß jemand tausend Pfund für ein Porträt bezahle, bewiese, daß er das Geld nicht erarbeitet habe, und daß er daher ein Dieb oder ein Bettler sein müßte. Ein gewöhnlicher Arbeiter, der sechs Pence von seinem Wochenlohn opfere, um seinem Schatz eine billige Photographie zu schenken, oder einen Schilling für ein Paar Öldruckbilder oder Delfter Figuren, die er auf den Kamin stellen wollte, ein solcher Arbeiter lege sich, um in den Besitz eines Kunstgegenstandes zu kommen, eine größere Entbehrung auf als der Großgrundbesitzer oder Aktionär, der viel zu reich sei, um den Verlust der tausend Pfund zu spüren, die er für ein Bild wie Hogarths Jack Sheppard ausgebe, also für ein Bild, das nur Studenten der Kriminalphysiognomie interessiere. Jetzt entstand ein lebhafter Streit. Trefusis wies auf die Torheit der Künstler hin, daß sie sich einbildeten, sie seien eine priesterliche Kaste, während sie doch nur die Parasiten und begünstigten Sklaven der besitzenden Klasse seien. Sein Freund, der im Augenblick sein Feind war, spottete dagegen bitter über die Gleichmacher, die alles auf einen niedrigeren Stand bringen wollten, anstatt auf einen höheren. Schließlich waren sie des Zankens müde. Sie schämten sich ihrer scharfen Worte und speisten freundschaftlich miteinander zu Abend.
Das Grabmal wurde durch einen kleinen TruppArbeiter, die Trefusis als Arbeitslose entdeckt hatte, auf dem Highgate-Friedhof errichtet. Es trug folgende Inschrift:
Hier liegtHenrietta JanseniusGeboren am 26. Juli 1856Vermählt mit Sidney Trefusis am 23. August 1875Gestorben am 21. Dezember desselben Jahres.
Mr. Jansenius sah das für eine Beschimpfung des Andenkens seiner Tochter an, und da andere Familien, die durchaus nicht so hoch standen als die Janseniussche, noch viel größere Grabmäler hatten, so führte er es als Beweis für die Filzigkeit seines Schwiegersohnes an. Andere Leute bewunderten dagegen das Denkmal, und Trefusis hoffte, es würde seinem Schöpfer zum Wohlstand verhelfen. Doch das Gegenteil trat ein. Als der Steinmetz wieder an seine gewöhnliche Arbeit gehen wollte, teilte man ihm mit, er hätte die Handwerksgebräuche übertreten, und seine früheren Arbeitgeber wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Als er sich um Rat und Hilfe an die Gewerkschaft wandte, deren Mitglied er war, erhielt er dieselbe Antwort, und man warf ihm sogar Verrat an seinen Arbeitsgenossen vor. Er ging wieder zu Trefusis und sagte ihm, der Auftrag mit dem Grabstein hätte ihn ruiniert. Trefusis wurde wütend und schrieb einen polemischen Brief an die ‚Times‘, der aber nicht gedruckt wurde, einen spöttischen an die Gewerkschaft, der nichts erreichte, und einen groben an die Unternehmer, worauf diese mit einer Beleidigungsklage drohten. Es blieb ihm nichts übrig, als den Mann an Kaminsimsen und andern Steinarbeiten in dem Trefusisschen Landgutzu beschäftigen. Nach einem oder zwei Jahren hatte sich der Steinmetz dank seiner freigebigen Bezahlungen soviel zurückgelegt, um sich als Unternehmer selbständig zu machen. Hierbei begann er sehr schnell reich zu werden, denn er wußte durch Erfahrung ganz genau, wie viel man von den Arbeitern erzwingen konnte, und wie wenig man ihnen zu geben brauchte. Dann begann er sich für die Tugenden der Sparsamkeit, der Enthaltsamkeit und des ausdauernden Fleißes zu interessieren, und er verließ die internationale Vereinigung, deren begeisterter Anhänger er als einfacher, arbeitender Steinmetzgehilfe gewesen war.
Inzwischen ging Agathas Schulleben zu Ende. Ihren Entschluß, noch ein Semester eifrig in der Anstalt zu studieren, hatte sie nicht gefaßt, weil sie gebildet werden wollte, sondern um Smilasch mehr würdig zu sein. Und als sie die Wahrheit über ihn von seinen eigenen Lippen hörte, wurde ihr die Idee, noch einmal an den Schauplatz dieser Demütigung zurückzukehren, unerträglich. Sie verließ Alton unter dem Eindruck, ihr Herz sei gebrochen, denn ihre brennende Eitelkeit wollte natürlich nicht begreifen, daß sie selbst die Ursache dieser Kränkung war. So sagte sie denn Miß Wilson adieu, und die Biene an der Fensterscheibe wurde nicht mehr in der Altonschule gehört.
Die Nachricht von Henriettas Tod erschütterte sie um so mehr, weil sie gegen ihren Willen glücklich war, daß die einzige Person, die außer Smilasch von ihrer närrischen Liebe zu ihm wußte, nun für immer schwieg. Dies schien ihr eine schreckliche Entdeckung ihrer eigenen Verdorbenheit zu sein. Sie wurde darüber fast religiösund machte ihrer Mutter wegen ihrer Gesundheit Sorge. Die Mutter konnte ihre ungewohnte Ernsthaftigkeit nicht begreifen und besonders auch nicht ihren Entschluß, über das häßliche Benehmen Trefusis’ nicht zu reden, das jetzt den vorwiegenden Gesprächsstoff in der Familie bildete. Agatha lauschte schweigend den geschwätzigen Auseinandersetzungen über seine Flucht von seiner Frau, seine herzlose Gleichgültigkeit bei ihrem Verscheiden, seine Heftigkeit und gemeine Sprache an ihrem Totenbette, seine Geizigkeit, seinen gehässigen Widerstand gegen die Wünsche der Jansenius’, seinen billigen Grabstein mit der beleidigenden Aufschrift, seine Verbindung mit gewöhnlichen Arbeitern und niedrigen Demagogen, seine vermutliche Teilnahme an einer geheimen Gesellschaft zur Ermordung der Königlichen Familie und zu Dynamitattentaten auf die Armee, seine atheistische Glaubenslosigkeit, die er in einer Schmähschrift an die Geistlichkeit gezeigt hatte, als er sich gegen eine Darlegung des Erzbischofs von Canterbury, nur durch geistige Hilfe könnte die Lage der Armen in Eastend gebessert werden, wandte, und schließlich die Hauptschande, sein Versuch, den Gerichtshof in Old Bailey in aufrührerischer Weise zu beschimpfen, was ihm eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten eintrug. Leider befreite ihn die Genialität seines Anwalts von dieser Strafe, denn dieser entdeckte einen Schreibfehler in der Klageschrift, und es gelang ihm unter großen Kosten für Trefusis, daß das Urteil für ungültig erklärt wurde. Agatha wurde zuletzt müde, immer nur von seinen Missetaten zu hören. Sie hielt ihn zwar für herzlos, selbstsüchtig und verführt, aber sie wußte, daß er keinlärmender, roher, eingebildeter und unwissender Zänker war, wie es die meisten Klatschschwestern ihrer Mutter glaubten. Sie fühlte sogar, wenn auch widerstrebend, eine Art Dankbarkeit gegen die wenigen, die es wagten, ihn zu verteidigen.
Die Vorbereitungen zu ihrer ersten Ballsaison halfen ihr, ihr Mißgeschick zu vergessen. Sie wurde zur gehörigen Zeit in die Gesellschaft eingeführt und fand alles sehr langweilig. Manchmal wurde bei ihr dieses Gefühl so stark, daß sie sich fragte, ob sie wohl je wieder glücklich sein würde. Auf der Schule hatte es Kameradschaftlichkeit gegeben, Spaß, Regeln und Vorschriften, die den Willen stärkten, wenn man sie beobachtete, und eine entzückende Aufregung brachten, wenn man sie übertrat. Da war man frei von Förmlichkeit gewesen, konnte Zuckerzeug machen, das Geländer hinabfliegen und einer ganzen Schar Mädchen den Soldat im Kamin vorführen. In der Gesellschaft gab es lächerliche Gespräche, die eine halbe Minute dauerten, oberflächliche Bekanntschaften, die sich auf solchen halben Minuten gründeten, ein allgemeines wechselseitiges Mißtrauen, dicht gedrängte Menschenmengen, ungenügende Ventilation, schlechte Musik, die dazu schlecht gespielt wurde, langes Aufbleiben, ungesundes Essen, vergiftende Liköre, ein eifersüchtiger Wettbewerb in nutzlosen Ausgaben, Jagd nach einem Mann, Flirten, Tanzen, Theater und Konzerte. Die letzten drei Dinge liebte Agatha, und sie machten ihr den Unterschied zwischen Alton und London erträglich, aber sie hatten ihre Schattenseiten, denn gute Partner beim Tanzen und gute Aufführungen der geistlosen Opern und Musikstückewaren bedauerlich selten. Flirten konnte sie nicht ertragen. Sie trieb die Männer weg, sobald sie zärtlich wurden, denn sie sah in ihnen die Falschheit Smilaschs ohne seinen Geist. Die jüngeren Herren ihres Bekanntenkreises hielten sie für ungeschliffen. Sie unterhielten sich über Agathas schlechte Manieren und beschlossen sie dadurch zu bestrafen, daß sie sie nicht mehr zum Tanze holten. So wurde sie, ohne zu wissen auf welche Weise, die Aufmerksamkeiten los, aus denen sie sich auch nicht das geringste machte, denn sie behielt die grausame Verachtung der Schulmädchen für ‚Jungens‘ bei. Sie genoß jetzt, so gut sie es konnte, die Gesellschaft älterer oder vernünftigerer Männer, die nicht so unduldsam gegen Mädchen waren.