1850 bis 1853
1850
London, 19. November 1850.
Lieber Engels!
Ich schreibe Dir nur zwei Zeilen. Heute morgen um 10 Uhr ist unser kleiner Pulververschwörer Föxchengestorben. Plötzlich, durch einen der Krämpfe, die er oft gehabt hatte. Einige Minuten vorher lachte und schäkerte er noch. Die Sache kam ganz unverhofft. Du kannst Dir denken, wie es hier aussieht. Durch Deine Abwesenheit sind wir gerade in diesem Moment sehr vereinsamt.
In meinem nächsten Briefe werde ich Dir einiges über Harney schreiben, woraus Du sehen wirst, in welcher fatalen Lage er sich befindet.
Dein K. Marx.
Wenn Du gerade in der Stimmung bist, schreibe einige Zeilen an meine Frau. Sie ist ganz außer sich.
London, 23. November 1850.
Lieber Engels!
Dein Brief hat meiner Frau sehr wohlgetan. Sie befindet sich in einer wirklich gefährlichen Aufgeregtheit und Angegriffenheit. Sie hatte das Kind selbst gestillt und unter den schwierigsten Verhältnissen mit den größten Opfern sich seine Existenz erkauft. Dazu der Gedanke, daß das arme Kind ein Opfer der bürgerlichen Misere gewesen ist. – – –
Jones hat mir die eigentliche Lage Harneys auseinandergesetzt. Er istsous le coup de la justice.[1]Sein Blatt mußte dem ganzen Inhalt nach gestempelt sein. Die Regierung wartet nur eine große Verbreitung ab, um ihn zu fassen. Der Prozeß gegen Dickens ist bloß als Präzedenz gegen ihn eingeleitet. Wird er dann gefaßt, so kann er außer der eigentlichen Strafe zwanzig Jahre sitzen für die Unmöglichkeit, diesecurity[2]aufzubringen.
Dein K. M.
[1]Unter dem Henkerbeil der Gerichte.
[2]Kaution.
[Manchester], 25. November 1850.
Lieber Marx!
Ich schreibe Dir heute, bloß um Dir anzuzeigen, daß es mir leider heute noch unmöglich ist, Dir die in meinem Letzten auf heute versprochenen2 Pfund Sterling zu schicken. Ermen ist auf ein paar Tage verreist, und da kein Prokurist beim Bankier beglaubigt ist, so können wir keine Anweisungen ausstellen und müssen uns mit den paar kleinen Einzahlungen begnügen, die gelegentlich einkommen. Es sind im ganzen nur zirka 4 Pfund in der Kasse, und Du begreifst daher, daß ich etwas warten muß. Sobald Ermen zurückkommt, werde ich Dir das Geld sogleich schicken. Die erste Anweisung ist hoffentlich richtig eingegangen.
Die Geschichte mit Harney ist allerdings höchst fatal. Wenn sie ihn einmal fassen wollen, hilft auch das Namenändern des Blattes nichts. Ganz aufgeben kann er’s auch nicht, und wenndiesBlatt unter die Kategorie der Stempelpflichtigen fällt, so weiß ich nicht, wie es überhaupt möglich ist, ein ungestempeltes politisches Wochenblatt herauszugeben. Allerdings täte er besser, seinenLabour Record[1]von der achten Seite wegzulassen, das istNews[Nachricht] und unzweifelhaft stempelpflichtig. Aber nach dem, was Du schreibst, scheint auch der Inhalt seiner räsonnierenden Artikel, in Jones Meinung, dem Stempel zu verfallen. Und da hört alles auf.
Hoffentlich geht es Deiner Frau besser. Grüße sie und Deine ganze Familie herzlich von Deinem
F. E.
Im Lauf der Woche werde ich Deiner Frau eine Sendung vonCotton thread[2]zugehen lassen, von der ich hoffe, daß sie ihr gefallen wird.
[1]Chronik der Arbeiterbewegung.
[2]Baumwollnähgarn.
69 Deanstreet, Soho, London, 2. Dezember 1850.
Lieber Engels!
Ich war einige Tage ernstlich unwohl und so erhältst Du diesen Brief nebst Anzeige von dem Empfang der beiden Post Office Ordres später, als mein Wunsch war. Dem Seiler habe ich die 71/2Schilling zukommen lassen. Was die [Nummern der] Indépendance betrifft, so schulden wir beide ihm einstweilen nichts, da er, zu gelegener Zeit, sich von seinem Wirte hat herauswerfen lassen und ihm als Kompensation für die 10 Pfund, die er ihm schuldet, nichts hinterlassen hat als die unbezahlte Indépendance, für 18 Pence Mobiliareigentum und zwei oder drei Bücher, die er von mir und anderen geborgt hat. Er besitzt wirklichin a high degree[1]das Talent, auf amerikanische Weise den Überschuß seiner Ausgaben über seine Einnahmen zu liquidieren.
Von unserer Revue habe ich noch nichts gesehen und gehört. Ich stehe mit Köln in Unterhandlung wegen Herausgabe der Quartalschrift.
Teils aus Unwohlsein, teils aus Absicht komme ich in denPulteney storesmit den anderen nur noch an den offiziellen Tagen zusammen. Da die Herren so viel debattiert haben, ob diese Gesellschaft ennuyant ist oder nicht, überlasse ich es natürlich ihnen selbst, über die Komforts ihrer Unterhaltung sich wechselseitig zu verständigen. Mich aber mache ich rar. Wir haben beide die Erfahrung gemacht, daß man bei diesen Leuten in demselben Maße im Werte sinkt, als man sich ihnen liberal zuführt. Zudem bin ich sie müde und will meine Zeit möglichst produktiv ausnutzen. Freund Schramm, der seit mehreren Wochen den Malkontenten spielte und sich endlich überzeugt hat, wie man durchaus nicht geneigt ist, dem natürlichen Laufe seiner Gemütsstimmungen Hindernisse in den Weg zu legen, eignet sich nach und nach den mit demModel-Lodging-house[2]verträglichen Humor wieder an.
Unterdessen haben die großen Männer der Great Windmillstreet[3]einen Triumph erlebt, wie folgt [wir geben das von Marx im französischen Texte mitgeteilte Manifest gleich in Übersetzung. D. H.]:
„An die Demokraten aller Nationen. Bürger! Verbannte Flüchtlinge in England undschon allein dadurchbesser placiert, um die politischen Bewegungen des Festlandes zu beurteilen, haben wir alle Kombinationen der koalierten Mächte verfolgen und tätig überwachen können, die sich auf eine neue Besetzung Frankreichs rüsten, wo (sehr scheene!) die Kosaken des Nordens von ihren Mitverschworenen erwartet werden, um (noch einmal: erwartet,um) in seinem eigenen Heim (die Geburtsstätte von Barthélemy und Pottier) den Vulkan der Weltrevolution auszulöschen. Die Könige und die Aristokraten Europas haben begriffen, daß es Zeit sei, Dämme aufzuführen, um die Volksflut (hieße besser die Volksversumpfung) aufzuhalten, welche ihre wankenden Throne zu verschlingen droht. – Zahlreiche, in Rußland, in Österreich, in Preußen, in Bayern, in Hannover, in Württemberg, in Sachsen, kurz in allen Staaten Deutschlands aufgebotene Truppen sind bereits vereinigt. (Truppen ... sind bereits vereinigt!) In Italien bedrohen 130 000 Mann die schweizerische Grenze. Der Vorarlberg ist von 80 000 Mann besetzt. Der Oberrhein ist mit 80 000 Mann, Württemberger, Badenser und Preußen, besetzt, der Main von 80 000 Bayern und Österreichern bewacht. Während 370 000 Mann die von uns bezeichneten Punkte besetzt halten, hat Preußen 200 000 Soldaten mobil gemacht, die es bereit hält (sic!), gegen die Grenzen Belgiens und Frankreichs geworfen zu werden; Holland und Belgienwerden durch die Koalitionen gezwungen, die Einmarschierungsbewegung mit einer 150 000 Mann starken Armee zu unterstützen. In Böhmen stehen 150 000 Mann bereit und warten nur auf Order, um sich mit der Mainarmee zu vereinigen, die dann 230 000 Mann stark sein würde. Um Wien herum sind 80 000 Mann konzentriert. 300 000 Russen lagern in Polen und 80 000 in der Umgebung St. Petersburgs. Diese Armeen bilden zusammen eine Heeresmacht von einer Million dreimalhunderttausend Kämpfern, die nur auf das Signal zum Angriff warten. Hinter jenen Truppen halten sich ferner bereit 180 000 Österreicher, 200 000 Preußen, 100 000 von den Kleinstaaten Deutschlands gestellte Mannschaften und 120 000 Russen, welche Armeen zusammen eine Reservetruppe bilden von 700 000 Mann, ohne die unzählbaren (sic!) Horden von Barbaren, welche der moskowitische Attila hervorbrechen lassen würde, um sie wie einst (!) auf die europäische Zivilisation zu werfen. Deutsche Blätter (wird nämlich in einer Note ein ... Satz aus der Neuen Deutschen Zeitung zitiert, um Lüning günstig zu stimmen) und unsereeigenen Ermittlungen lassen uns die geheimen Pläne der Mächte erkennen, deren Bevollmächtigte am vergangenen 25. Oktober in Warschau versammelt waren. Es wurde in der (!) Konferenzbeschlossen, daß ein Scheinkrieg (Teufel, was für Diplomatie!) zwischen Preußen und Österreich als ein Vorwand dienen solle für die Bewegung der Soldaten, die derWilledes Zaren in blinde Werkzeuge und wilde Meuchelmörder gegen die Verteidiger der Freiheit verwandelt. (Bravo!) Im Angesicht dieser Tatsache ist kein Zweifel mehr möglich: man organisiert in diesem Augenblick die schon begonnene (!!) Niedermetzelung aller Republikaner. Die Tage des Juni 1848 mit ihren blutigen Hinrichtungen und den auf diese folgenden Ächtungen – die Verwüstung und Knechtung Ungarns durch Österreich –, die Auslieferung Italiens an den Papst und die Jesuiten nach der Erdrosselung der römischen Republik durch die Soldaten der französischen Regierung haben die Wut unserer Feinde nicht stillen können. Sie träumen von der Knechtung aller Völker, die für den Triumph der allgemeinen Freiheit kämpfen. Wenn die Demokratie nicht acht gibt, werden Polen, Ungarn, Deutschland, Italien und Frankreich bald wiederum dem Wüten der wilden Soldateska des Nikolas preisgegeben sein, der den Barbaren, um sie zum Kampfe anzustacheln, die Verwüstung und Ausplünderung Europas verspricht. – Gegenüber dieser Gefahr, die uns bedroht, auf, auf! ... französische, deutsche, italienische, polnische und ungarische Republikaner, erheben wir uns aus dieser Erstarrung (Pot Schapper und Willich!), die unsere Kräfte entnervt und unseren Unterdrücker den Sieg leicht macht. Auf! ... Lassen wir auf die Tage der Ruhe und jetzigen Schmach die Tage der Mühen und des Ruhmes folgen, die uns der heilige Krieg für die Freiheit vorbereitet! Wenn Ihr die Gefahren prüft, die wir Euch anzeigen, so werdet Ihr wie wir begreifen, daß es Wahnsinn wäre, länger den Angriff des gemeinsamen Feindes abzuwarten; wir müssen alles vorbereiten und der Gefahr, die uns umgibt, zuvorkommen. (Kommt einmal einer Gefahr zuvor, die Euchumgibt!) Bürger, Sozialdemokraten, unser Heil liegt nur bei uns selbst, wir dürfen nur auf unsere eigenen Kräfte rechnen, und aus den Beispielen der Vergangenheit belehrt, müssen wir uns gegen die Verrätereien im voraus waffnen. Vermeiden wir, vermeiden wir insbesondere die Falle, die uns von den Schlangen (!) der Diplomatie gestellt wird. Die Schüler der Metternich und Talleyrand sinnen in diesem Moment darauf, die Fackel der Revolution dadurch auszulöschen, daß sie Frankreich durch die Invasion, die sie vorbereiten, zu einem nationalen Kriege bewegen, in welchem die Völker zum Vorteil der Feinde ihrer Befreiung einander die Kehlen abschneiden würden! Nein, Bürger! KeinNationalkrieg mehr! Die Schlagbäume, welche die Despoten zwischen den Nationen, die sie unter sich geteilt, errichtet hatten, werden fortan für uns niedergerissen sein, und die in eins verschmolzenen Völker haben nur noch eine Fahne, auf welche wir mit dem fruchtbaren Blut unserer Märtyrer geschrieben haben: ‚Universelle demokratische und soziale Republik!‘ Für ihre Vereine: Die Mitglieder des Komitees der geächteten französischen Sozialdemokraten in London: Adam (Combreur), Barthélemy (Emml), Caperon (Paulin),Favon, Gouté, Thierry, Vidil (Jules). Die Delegierten der ständigen Kommission der Sektion der polnischen Demokratie in London: Sawaszkiewicz, Waßkowski. Die Mitglieder des sozialdemokratischen Komitees deutscher Flüchtlinge und des Deutschen Arbeitervereins: Dietz (Oswald), Gebert (A.), Mayer (Adolf), Schärttner (A.), Schapper (Karl), Willich (August). Die Delegierten des Ungarischen Demokratischen Vereins in London: Molihary, Simonyi. London, den 16. November 1850.“
„An die Demokraten aller Nationen. Bürger! Verbannte Flüchtlinge in England undschon allein dadurchbesser placiert, um die politischen Bewegungen des Festlandes zu beurteilen, haben wir alle Kombinationen der koalierten Mächte verfolgen und tätig überwachen können, die sich auf eine neue Besetzung Frankreichs rüsten, wo (sehr scheene!) die Kosaken des Nordens von ihren Mitverschworenen erwartet werden, um (noch einmal: erwartet,um) in seinem eigenen Heim (die Geburtsstätte von Barthélemy und Pottier) den Vulkan der Weltrevolution auszulöschen. Die Könige und die Aristokraten Europas haben begriffen, daß es Zeit sei, Dämme aufzuführen, um die Volksflut (hieße besser die Volksversumpfung) aufzuhalten, welche ihre wankenden Throne zu verschlingen droht. – Zahlreiche, in Rußland, in Österreich, in Preußen, in Bayern, in Hannover, in Württemberg, in Sachsen, kurz in allen Staaten Deutschlands aufgebotene Truppen sind bereits vereinigt. (Truppen ... sind bereits vereinigt!) In Italien bedrohen 130 000 Mann die schweizerische Grenze. Der Vorarlberg ist von 80 000 Mann besetzt. Der Oberrhein ist mit 80 000 Mann, Württemberger, Badenser und Preußen, besetzt, der Main von 80 000 Bayern und Österreichern bewacht. Während 370 000 Mann die von uns bezeichneten Punkte besetzt halten, hat Preußen 200 000 Soldaten mobil gemacht, die es bereit hält (sic!), gegen die Grenzen Belgiens und Frankreichs geworfen zu werden; Holland und Belgienwerden durch die Koalitionen gezwungen, die Einmarschierungsbewegung mit einer 150 000 Mann starken Armee zu unterstützen. In Böhmen stehen 150 000 Mann bereit und warten nur auf Order, um sich mit der Mainarmee zu vereinigen, die dann 230 000 Mann stark sein würde. Um Wien herum sind 80 000 Mann konzentriert. 300 000 Russen lagern in Polen und 80 000 in der Umgebung St. Petersburgs. Diese Armeen bilden zusammen eine Heeresmacht von einer Million dreimalhunderttausend Kämpfern, die nur auf das Signal zum Angriff warten. Hinter jenen Truppen halten sich ferner bereit 180 000 Österreicher, 200 000 Preußen, 100 000 von den Kleinstaaten Deutschlands gestellte Mannschaften und 120 000 Russen, welche Armeen zusammen eine Reservetruppe bilden von 700 000 Mann, ohne die unzählbaren (sic!) Horden von Barbaren, welche der moskowitische Attila hervorbrechen lassen würde, um sie wie einst (!) auf die europäische Zivilisation zu werfen. Deutsche Blätter (wird nämlich in einer Note ein ... Satz aus der Neuen Deutschen Zeitung zitiert, um Lüning günstig zu stimmen) und unsereeigenen Ermittlungen lassen uns die geheimen Pläne der Mächte erkennen, deren Bevollmächtigte am vergangenen 25. Oktober in Warschau versammelt waren. Es wurde in der (!) Konferenzbeschlossen, daß ein Scheinkrieg (Teufel, was für Diplomatie!) zwischen Preußen und Österreich als ein Vorwand dienen solle für die Bewegung der Soldaten, die derWilledes Zaren in blinde Werkzeuge und wilde Meuchelmörder gegen die Verteidiger der Freiheit verwandelt. (Bravo!) Im Angesicht dieser Tatsache ist kein Zweifel mehr möglich: man organisiert in diesem Augenblick die schon begonnene (!!) Niedermetzelung aller Republikaner. Die Tage des Juni 1848 mit ihren blutigen Hinrichtungen und den auf diese folgenden Ächtungen – die Verwüstung und Knechtung Ungarns durch Österreich –, die Auslieferung Italiens an den Papst und die Jesuiten nach der Erdrosselung der römischen Republik durch die Soldaten der französischen Regierung haben die Wut unserer Feinde nicht stillen können. Sie träumen von der Knechtung aller Völker, die für den Triumph der allgemeinen Freiheit kämpfen. Wenn die Demokratie nicht acht gibt, werden Polen, Ungarn, Deutschland, Italien und Frankreich bald wiederum dem Wüten der wilden Soldateska des Nikolas preisgegeben sein, der den Barbaren, um sie zum Kampfe anzustacheln, die Verwüstung und Ausplünderung Europas verspricht. – Gegenüber dieser Gefahr, die uns bedroht, auf, auf! ... französische, deutsche, italienische, polnische und ungarische Republikaner, erheben wir uns aus dieser Erstarrung (Pot Schapper und Willich!), die unsere Kräfte entnervt und unseren Unterdrücker den Sieg leicht macht. Auf! ... Lassen wir auf die Tage der Ruhe und jetzigen Schmach die Tage der Mühen und des Ruhmes folgen, die uns der heilige Krieg für die Freiheit vorbereitet! Wenn Ihr die Gefahren prüft, die wir Euch anzeigen, so werdet Ihr wie wir begreifen, daß es Wahnsinn wäre, länger den Angriff des gemeinsamen Feindes abzuwarten; wir müssen alles vorbereiten und der Gefahr, die uns umgibt, zuvorkommen. (Kommt einmal einer Gefahr zuvor, die Euchumgibt!) Bürger, Sozialdemokraten, unser Heil liegt nur bei uns selbst, wir dürfen nur auf unsere eigenen Kräfte rechnen, und aus den Beispielen der Vergangenheit belehrt, müssen wir uns gegen die Verrätereien im voraus waffnen. Vermeiden wir, vermeiden wir insbesondere die Falle, die uns von den Schlangen (!) der Diplomatie gestellt wird. Die Schüler der Metternich und Talleyrand sinnen in diesem Moment darauf, die Fackel der Revolution dadurch auszulöschen, daß sie Frankreich durch die Invasion, die sie vorbereiten, zu einem nationalen Kriege bewegen, in welchem die Völker zum Vorteil der Feinde ihrer Befreiung einander die Kehlen abschneiden würden! Nein, Bürger! KeinNationalkrieg mehr! Die Schlagbäume, welche die Despoten zwischen den Nationen, die sie unter sich geteilt, errichtet hatten, werden fortan für uns niedergerissen sein, und die in eins verschmolzenen Völker haben nur noch eine Fahne, auf welche wir mit dem fruchtbaren Blut unserer Märtyrer geschrieben haben: ‚Universelle demokratische und soziale Republik!‘ Für ihre Vereine: Die Mitglieder des Komitees der geächteten französischen Sozialdemokraten in London: Adam (Combreur), Barthélemy (Emml), Caperon (Paulin),Favon, Gouté, Thierry, Vidil (Jules). Die Delegierten der ständigen Kommission der Sektion der polnischen Demokratie in London: Sawaszkiewicz, Waßkowski. Die Mitglieder des sozialdemokratischen Komitees deutscher Flüchtlinge und des Deutschen Arbeitervereins: Dietz (Oswald), Gebert (A.), Mayer (Adolf), Schärttner (A.), Schapper (Karl), Willich (August). Die Delegierten des Ungarischen Demokratischen Vereins in London: Molihary, Simonyi. London, den 16. November 1850.“
Als ich das Manifest [Ledru-]Rollin, Mazzini, Ruge usw. an die Deutschen gelesen hatte, worin man sie auffordert, das Bardiet zu singen, [und] sie erinnert, daß ihre Vorfahren „Franken“ hießen, und worin der König von Preußen schon abgemacht hatte, sich von Österreich klopfen zu lassen, glaubte ich, etwas Dümmeres sei unmöglich.Mais non![4]Kommt das Manifest Ganon Caperon Gouté, wie die Patrie es nennt, derdii minorum gentium,[5]mit demselben Inhalt, wie sie richtig bemerkt, aber ohne Chic, ohne Stil, mit den armseligsten Rednerblumen vonserpents[6]undsicaires[7]undégorgements![8]Die Indépendance erzählt, indem sie einige Sätze aus diesem Meisterwerk mitteilt, es sei von densoldatsles plus obscursde la Démocratie[9]abgefaßt, und diese armen Teufel hätten es ihrem Korrespondenten in London zugeschickt, obgleich sie konservativ sei. So sehr sehnten sie sich nach dem Drucke. Sie nennt zur StrafekeinenNamen, wie die Patrie nur die obigen drei nennt. Zur Erfüllung der Mission geben sie von hier einem Straubinger (selbiges Subjekt hat die klägliche Geschichte gestern dem Pfänder erzählt) 50 Exemplare nach Frankreich mit. Kurz vor Boulogne schmeißt er 49 Stück ins Meer, in Boulogne wird Bruder Straubinger wegen mangelnden Passes zurückgeschickt nach London und erzählt, „daß er jetzt nach Boston gehe“.
Lebe wohl und schreibe umgehend
Deinem K. M.
Apropos. Schreibe doch einmal dem würdigen Dronke, daß er in Bundesangelegenheiten antwortet und nicht nur im Falle von Tretbriefen schreibt. Die Herren Kölner haben noch nichts hören lassen. Weydemeyer nennt „Haude“, der sein ganzes Fell in Deutschland eingebüßt hat und wieder hier ist, einen „sonst wackeren Burschen“.
Du mußt ernsthaft nachdenken, worüber Du schreiben willst. England geht nicht, da schon zwei Themata darüber, vielleicht drei mit Eccarius. Über Frankreich ist auch nicht viel zu sagen. Könntest Du nicht vielleicht, an Mazzinis neueste Sachen anknüpfend, die biederen Italiener samt ihrer Revolution einmal packen? (Sein „Republik und Monarchie usw.“ nebst seiner „Religion, der Papst usw.“)
[Anschrift von Frau Marx.]
Lieber Engels!
Ihre freundliche Teilnahme an dem Schicksal, das uns in dem Verlust unseres kleinen Lieblings, meines armen kleinen Schmerzenskindes, so schwer getroffen, hat mir sehr wohlgetan, um so mehr, als ich mich in den letzten schmerzlichen Tagen recht bitter über unseren Freund S[chramm] zu beklagen hatte. Mein Mann und wir alle haben Sie sehr vermißt und uns oft nach Ihnen gesehnt. Dennoch freue ich mich sehr, daß Sie hier fort und auf dem besten Wege sind, ein großerCotton-lord[10]zu werden. Keilen Sie sich nur recht fest ein zwischen die zwei feindlichen Brüder; dieser Kampf bringt Sie notwendig Ihrem verehrten Herrn Papa gegenüber in die Position der Unentbehrlichkeit, und ich sehe Sie schon im Geiste als Frederic Engels junior und Associé des Senior figurieren. Das Beste dabei ist, daß Sie trotzCottontrade[11]und alledem der alte Fritze bleiben und sich, um mit den drei Erzdemokraten Friedrich Wilhelm [dem Vierten], Kinkel und Mazzini zu reden, „der heiligen Sache der Freiheit“ nicht entfremden werden .... Gestern abend waren wir in der ersten Vorlesung von Ernest Jones über die päpstliche Geschichte. Sein Vortrag war wunderschön und für die Engländer avanciert; für uns Deutsche, die wir durch Hegel, Feuerbach usw. Spießruten gelaufen sind, nicht ganzà la hauteur.[12]Der arme Harney war lebensgefährlich krank an einem Geschwür an der Luftröhre. Er darf noch nicht sprechen. Ein englischer Arzt hat zweimal geschnitten und die wehe Stelle nicht getroffen. Sein Red [Republican][13]ist umgewandelt in den Friend of the People.[14]Doch nun für heute genug. Die Kinder plaudern sehr viel vom Onkel Angels, und der kleine Till singt ganz famos nach Ihrer verehrten Instruktion, lieber Herr Engels, das Lied vom „Knotenpelz und von dem flotten Besen“.
Weihnachten sehen wir Sie hoffentlich.
Ihre Jenny Marx.
[1]In hohem Grade.
[2]Wörtlich: Muster-Logierhaus, tatsächlich Name erbärmlicher Mietkasernen.
[3]In der Great Windmillstreet (Straße in London) befand sich der öffentliche, damals zu Willich-Schapper haltende kommunistische Arbeiterverein.
[4]Aber nein!
[5]Götter der niederen Gattung.
[6]Schlangen.
[7]Meuchelmörder.
[8]Kehlabschneidereien.
[9]Unbedeutendsten Soldaten der Demokratie.
[10]Baumwollbaron.
[11]Baumwollhandel.
[12]Auf der Höhe.
[13]Roter [Republikaner].
[14]Volksfreund.
Manchester, 17. Dezember 1850.
Lieber Marx!
Ich bin die letzte Zeit ausnahmsweise sehr beschäftigt gewesen und habe andere Störungen gehabt, die mich aus meinem gewöhnlichen Lebenssystem herausrissen und mich am Schreiben verhinderten. Daher meine späte Antwort.
Das Manifest Ganon Caperon Gouté ist wirklich ein Meisterstück nach Inhalt und Form. Diecrânerie[1]hat ihren vollendeten Ausdruck erreicht, und Monsieur Barthélemy hat der Welt endlich einmal ein Exempel davon gegeben,ce que c’est que de parler carrément.[2]Die militärische Aufstellung deshomme de marbre[3]ist ebenso heiter: derbonhomme[4]hat die meisten Corps der österreichischen Armee zweimal gezählt, wie die oberflächlichstereference[5]zu den Zeitungen beweist. Übrigens geht die Unverschämtheit doch zu weit, nach all den Blamagen seit 1848 und bei der gegenwärtigen gemütlichen Stimmung aller Nationen, obenan dercrapauds, von einermarée populairezu sprechen,qui menace d’engloutir des trônes.[6]Die Versammlung von Namen, die darunter steht, ist freilich die schönstefeature[7]des Ganzen. Solch ein europäischer Kongreß ist noch nie gesehen worden. Ledru-Rollin, Mazzini und Komp. erhalten ordentlich eine gewisse Wichtigkeit durch diese Kinderei. Übrigens möchte ich wissen, worin sich der Waschlappen Sawaßkiewicz, der darunter steht, von dem Polacken des Ledru-Rollin, Darasz, unterscheidet, und inwiefern die beiden Ungarn, die darunter stehen, dem Mazzini vorzuziehen sind. Schapper und Ruge stehen sich freilich ziemlich gleich, und falls nicht Dietz ein schweres Gewicht zugunsten des neuen europäischen Komitees in die Wagschale legt, so werden die Herren die Konkurrenz mit ihrem Original schwerlich bestehen können.
Neulich war ich bei John Watts, der Kerl scheint gut zu mogeln, er hat jetzt einen viel größerenshop[Laden] in Deansgate, etwas höher hinauf. Er ist vollständiger radikaler Spießbürger geworden, kümmert sich um nichts als daseducational movement,[8]schwärmt fürmoral force[9]und hat Herrn Proudhon zu seinem Herrn und Meister akzeptiert. Er hat dieContradictions économiques[10]und anderes Zeug übersetzt und viel Geld daran verloren, da die englischen Arbeiter noch nicht „Erziehung“ genug haben, um diese famosen Sachen zu verstehen. Er erzählte mir verschiedene Exempel, aus denen hervorgeht, daß er sehr gut versteht, seinen Schneidercommerce vermittels Affichierung seines bürgerlichen Liberalismus zu poussieren. In denEducational Committees[11]sitzt er mit seinen ehemaligen wütenden Gegnern, den Dissenterpfaffen, brüderlich zusammen und läßt sich von Zeit zu Zeit Banknoten von ihnen gebenfor the very able address he delivered on that evening.[12]Der Kerl scheint mir in dieser Metamorphose allen Witz verloren zu haben; ich bin seitdem noch nicht wieder bei ihm gewesen. Für Leute, die derartige Wandlungen in die bürgerliche Solidität durchmachen, ist natürlich Proudhon hierzulande ein gefundenes Fressen; scheinbar am weitesten gehend, weiter als Owen, ist er dochfully respectable.[13]
Ich habe nichts dagegen, über Herrn Mazzini und die italienische Geschichte zu schreiben. Mir fehlen nur außer dem Ding im Red [Republican] alle Mazzinischen Schriften. Vor Weihnacht komme ich indes doch zu nichts, da ich in acht Tagen doch in London bin. Ich werde mir dann das Nötige mitnehmen. Vielleicht fällt uns bis dahin auch sonst noch was ein.
Deiner Frau meinen besten Dank für ihre freundlichen Zeilen. Mit demCotton-lordist’s so arg nicht, mein Herr Alter scheint gar nicht so geneigt zu sein, mich länger hier zu halten, als absolut nötig ist.Cependant nous verrons.[14]An Dronke ist geschrieben.
Grüße Deine Frau und Kinder.
Dein F. E.
[1]Prahlerei.
[2]Was gradeheraus reden heißt.
[3]Mann von Marmor beziehungsweise Erz.
[4]Guter Mann [im Sinne von Faselhans].
[5]Das Nachschlagen beziehungsweise Nachlesen.
[6]Crapauds= Kröten, hier: die französischen Schreier.Marée populaire= Flutwelle der Volksmasse.Qui menace etc.= die die Throne zu verschlingen droht.
[7]Eigenschaft, Charakterzug.
[8]Unterrichtsbewegung.
[9]Moralische Gewalt.
[10]Ökonomische Widersprüche [Titel von Proudhons erstem größeren Werk].
[11]Komitees für das Unterrichtswesen.
[12]Für den sehr tüchtigen Vortrag, den er an jenem Abend gehalten.
[13]Durchaus respektabel.
[14]Indes werden wir sehen.