1846
Cercle Valois, Palais Royal, 19. August 1846.
Lieber Marx!
Freitag abend nach einer strapaziösen Reise und viel Langeweile hier endlich angekommen. Ewerbeck gleich getroffen. Der Junge ist sehr fidel, vollständig traktabel, empfänglicher wie je, kurz, ich hoffe mit ihm in allen Dingen – mit einiger Geduld – ganz gut herumzukommen. Von Jammer über Parteistreitigkeiten ist keine Rede mehr – aus dem einfachen Grunde, weil er selbst in die Notwendigkeit versetzt ist, hier einige Weitlingianer herauszubugsieren. Was er mit Grün eigentlich gehabt hat, wodurch der Bruch mit ihm eintrat, darüber ist bis jetzt wenig verlautet; gewiß ist, daß ihn Grün durch ein abwechselnd kriechendes, abwechselnd hochfahrendes Betragen in einer gewissen respektvollen Zuneigung erhielt. Ewerbeck ist über Heß vollständig im klaren,il n’a pas la moindre sympathie pour cet homme-la![1]Er hatte ohnehin noch so einen alten Privathaß gegen ihn von der Zeit her, da sie zusammenwohnten. Ewerbeck hat übrigens den Proudhon vor Grün gewarnt. Grün ist wieder hier, wohnt hinten auf dem Ménilmontant und schmiert die scheußlichsten Artikel in die Triersche. Mäurer hat dem Cabet die bezüglichen Stellen aus dem Grünschen Buche übersetzt, Du kannst Dir Cabets Wut denken. Auch beim National ist er außer allem Kredit.
Bei Cabet war ich. Der alte Knabe war recht kordial, ich ging auf all seinen Kram ein, erzählte ihm von Gott und dem Teufel usw. Ich werde öfter hingehen. Aber mit der Korrespondenz müssen wir ihm vom Halse bleiben. Er hat erstens genug zu tun und ist zweitens zu mißtrauisch.Il y verrait un piège,[2]um seinen Namen zu mißbrauchen.
Ich habe in den Epigonen „Das Wesen der Religion“ von Feuerbach etwas durchgeblättert. Abgesehen von einigen netten Aperçus ist das Ding ganz im alten Stiefel. Anfangs, wo er sich rein auf die Naturreligion beschränkt, ist er schon gezwungen, sich mehr auf empirischem Boden zu verhalten, aber später wird’s kunterbunt. Wieder lauterWesen, Mensch usw. Ich werde es genau lesen und Dir in kürzester Frist die Hauptstellen, wenn sie interessant sind, exzerpieren, damit Du es für den Feuerbach noch gebrauchen kannst. Einstweilen nur zwei Sätze. Das Ganze – zirka sechzig Seiten – beginnt mit folgender, vom menschlichen Wesen unterschiedenen Definition der Natur: „Das vom menschlichen Wesenoder Gott(!!), dessen Darstellung das ‚Wesen des Christentums‘ ist, unterschieden als unabhängige Wesen (1), das Wesenohnemenschliches Wesen (2), menschliche Eigenschaften (3), menschliche Individualität (4),istin Wahrheit nichts anderesals – die Natur.“ Dies ist doch das Meisterstück einer mit Donnerton ausposaunten Tautologie. Dazu kommt aber noch, daß er das religiöse, vorgestelltePhantomder Natur an diesem Satz vollständig hinten und vorn mit der wirklichen Natur identifiziert.Comme toujours.[3]– Ferner, etwas weiter. „Religion ist die Beherzigung und Bekennung dessen, was ich bin(!) ... Die Abhängigkeit von der Natur sich zum Bewußtsein erheben, sie sich vorstellen, beherzigen, bekennen, heißtsich zur Religion erheben.“
Der Minister Dumon wurde dieser Tage im Hemde bei der Frau eines Präsidenten ertappt. Der „Corsaire“ erzählt: Eine Dame, die bei Guizot suppliziert hatte, sagte, es ist schade, daß ein so ausgezeichneter Mann wie Guizot,est toujours si sévère et boutonné jusqu’au cou[4]. Die Frau einesemployéderTravaux publics[5]sagt:On ne peut pas dire cela de M. Dumon, on trouve généralement qu’il est un peu trop déboutonné pour un ministre.[6]–
Quelques heures après,[7]nachdem ich dem Weilchen zu Gefallen umsonst ins Café Kardinal geloffen – das Weilchen ist etwas traurig, weil ihm dieDémocratie pacifique[8]seine Honorare, zirka 1000 Franken, nicht zahlt; es scheint eine Artgreat crisis and stopping of cash payments[9]bei ihr eingetreten zu sein, und Weilchen ist zu sehr Jude, um sich mit Banknoten auf das erste Phalanstère der Zukunft abfertigen zu lassen. Übrigens werden die Herren Fourieristen alle Tage langweiliger. Die Phalange enthält nichts als Unsinn. Die Mitteilungen aus Fouriers Nachlaß beschränken sich alle auf dasmouvement aromal[10]und die Begattungder Planeten, dieplus ou moins[11]von hinten zu geschehen scheint. Aus der Begattung des Saturn und Uranus entstehen die Mistkäfer, welche jedenfalls die Fourieristen selber sind – der Hauptmistkäfer aber ist der Herr Hugh Doherty, der Irländer, der eigentlich noch nicht einmal Mistkäfer, sondern erst Mistengerling, Mistlarve ist – das arme Tier wälzt sich schon zum zehnten Male (10mearticle[12]) in derquestion religieuse[13]herum und hat noch immer nicht heraus, wie er mit Anstand seinexit[14]machen kann.
Bernays habe ich noch nicht gesehen. Wie Ewerbeck aber sagt, ist es so gar arg mit ihm nicht und sein größtes Leiden die Langeweile. Der Mann soll sehr robust und gesund geworden sein, seine Hauptbeschäftigung, die Gärtnerei, scheint in Beziehung auf seinen Kadaverzustand den Sieg über seinen Kummer davongetragen zu haben. Auch hält er,dit-on,[15]die Ziegen bei den Hörnern, wenn seine –? Gattin? –, die nur zwischen zwei Fragezeichen zu denken ist, sie melkt. Der arme Teufel fühlt sich in seiner Umgebung natürlich unbehaglich, er sieht außer Ewerbeck, der wöchentlich hinauskommt, keine Seele, läuft in einer Bauernjacke herum, geht nie aus dem Sarcelles, das das elendeste Dorf der Welt ist und nicht einmal ein Kabarett hat, heraus, kurz, er ennuyiert sich zum Sterben. Wir müssen sehen, daß wir ihn wieder nach Paris kriegen, dann ist er in vier Wochen wieder der alte. Da der Börnstein in seiner Qualität als Mouchard nicht wissen soll, daß ich hier bin, so haben wir dem Bernays erst geschrieben wegen eines Rendezvous in Montmorency oder sonst in der Nähe, nachher schleifen wir ihn nach Paris und wenden ein paar Franken daran, ihn einmal tüchtig aufzuheitern. Dann wird er schon anders werden. Übrigens laß ihn nicht merken, daß ich Dir so über ihn geschrieben habe, in seiner überspannten romantischen Stimmung könnte der gute Junge sich moralisch verletzt fühlen ....
Antworte bald.
Dein E.
Adresse:11, rue de l’Arbre sec, 17.[16]
Es versteht sich, daß, was ich Dir hier und später über Ewerbeck, Bernays und andere Bekannte schreibe, strikt konfidentiell ist.
Ich frankiere nicht, da ich knapp bei Gelde bin und vor dem 1. Oktober nichts zu erwarten habe. An selbigem Tage werde ich aber einen Wechsel schicken, um meinen Anteil an den Portoauslagen zu decken.
[1]Er hat nicht die geringste Sympathie für diesen Menschen.
[2]Er würde darin eine Falle sehen.
[3]Wie immer.
[4]immer so streng und bis und den Hals zugeknöpft ist.
[5]Beamten der öffentlichen Arbeiten.
[6]Man kann das nicht von M. Dumon sagen, man findet allgemein, daß er für einen Minister etwas zu aufgeknöpft ist.
[7]Einige Stunden später.
[8][Das Blatt] Friedfertige Demokratie.
[9]Große Krise und Einstellung der Barzahlungen.
[10]Bewegung nach Ausströmungen [in Charles Fouriers Theorie].
[11]Mehr oder weniger.
[12]Zehnter Artikel.
[13]Religiöse Frage.
[14]Ausgang.
[15]Sagt man.
[16]Arbre sec[dürrer Baum], Straße.
Poststempel Paris, 21. August 1846.
Brief an das Brüsseler Komitee. Nr. 1.
Carissimi![1]Unsere Geschichte wird hier sehr gut gehen. Ewerbeck ist ganz voll davon und wünscht nur, daß die offizielle Organisation eines Komitees nicht übereilt werde, weil eine Spaltung bevorsteht. Der Rest der Weitlingianer, eine kleine Schneiderclique, steht nämlich im Begriff, hier herausgeschmissen zu werden, und Ewerbeck hält es für besser, daß dies erst abgemacht wird. Ewerbeck glaubt indes nicht, daß mehr als vier bis fünf der Hiesigen zur Korrespondenz zugezogen werden können, was auch vollständig hinreichend ist. In meinem Nächsten hoffe ich die Konstituierung anzeigen zu können.
Diese Schneider sind wirklich gottvolle Kerls. Neulich haben sie über Messer und Gabeln, ob die nicht besser an die Kette zu legen seien, ganz ernsthaft diskutiert. Es sind ihrer aber nicht viele. Weitling selbst hat auf den letzten, durch uns ihm besorgten, sehr groben Brief nicht geantwortet. Er hatte 300 Franken für seine Erfindung zu praktischen Experimenten verlangt, ihnen aber zugleich geschrieben, das Geld sei wahrscheinlich in den Dreck geschmissen. Ihr könnt Euch denken, wie sie ihm antworteten.
Die Schreiner und Gerber dagegen sollen famose Kerls sein. Ich habe sie noch nicht gesehen, Ewerbeck betreibt das alles mit bekannter Bedächtigkeit.
Ich will Euch jetzt einiges aus französischen Blättern mitteilen, versteht sich aus solchen, die nicht nach Brüssel kommen.
Das Monatsblatt von Pierre Leroux wird fast ganz mit Artikeln über Saint-Simon und Fourier von Pierre Leroux selbst gefüllt. Er erhebt darin Saint-Simon in die Wolken und sucht Fourier möglichst schlecht zu machen und als verfälschenden und verschlechternden Nachtreter von Saint-Simon darzustellen. So plagt er sich ab, zu beweisen, daß dieQuatre Mouvements[2]nur ein vermaterialistisiertes Plagiat derLettres d’un habitant de Genève[3]seien. Der Kerl ist rein verrückt. Weil es dort einmal heißt, ein System, das alle Wissenschaft enzyklopädisch zusammenfasse, ließe sich am besten durch die Zurückführungaller Erscheinungen usw. auf diepesanteur universelle[4]durchführen, so muß Fourier darauf seine ganze Lehre von der Attraktion genommen haben. Natürlich sind alle Beweise, Zitate usw. nicht einmal hinreichend, zu beweisen, daß Fourier dieLettresauch nur gelesen hatte, als er dieQuatre Mouvementsschrieb. Dagegen wird die ganze Richtung Enfantin als in die Schule hereingeschmuggelter Fourierismus bezeichnet. Das Blatt heißt:Revue Sociale ou solution pacifique du problème du prolétariat.[5]
Das Atelier erzählt nachträglich über den reformistischen Journalkongreß: Es sei nicht dort gewesen und daher sehr erstaunt, sich auf der Liste der dort repräsentierten Journale zu finden. Man habele peuple de la presse[6]so lange ausgeschlossen, bis die Basen der Reform festgestellt waren, und als man dann den Ouvrierjournalen die Türen zum Jasagen geöffnet, habe es es unter seiner Würde gehalten, hinzugehen. Das Atelier erzählt ferner, daß 150Ouvriers[7], wahrscheinlich Buchesisten – welche Partei nach Versicherung von Franzosen zirka 1 000 Mann stark sein soll –, am 29. Juli die Julitage ohne Erlaubnis der Polizei durch ein Bankett feierten. Die Polizei mischte sich ein, und weil sie sich nicht verpflichten wollten, keine politischen Reden zu führen und keine Bérangerschen Lieder zu singen, wurden sie aufgelöst.
Die „Epigonen“ des Herrn Wigand sind hier. Herr Wigand wirft sich hier mit furchtbarem Gepolter in die aufgeblähte Brust: „An A. Ruge.“ Er hält diesem ihre beiderseitigen Pechheiten vor, die sie seit vier Jahren ausgestanden. Ruge konnte – in Paris – „mit denfanatischen Kommunisten nicht Hand in Hand gehen“. Der Kommunismus ist ein Zustand „im eigenen dünkelvollen Hirn ausgeheckt, einebeschränkte und dünkelvolle Barbarei, die der Menschheit gewaltsam aufgedrängt werden soll“. Schließlich renommiert er, was er nicht alles tun will, „solange es noch Blei zu Lettern in der Welt gibt“. Ihr seht, dercandidat de la potence[8]hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, es bis zumcandidat de la lanterne[9]zu bringen.
Ich mache Euch aufmerksam auf den Artikel im heutigen „National“ (mercredi[10]19) über die Abnahme der Wähler in Paris von über 20 000 auf 17 000 seit 1844.
11, rue de l’Arbre sec, 19. August 1846.
Euer E.
Paris ist tief gesunken. Danton verkauft Holz am Boulevard Bourdon, Barbaroux hat einen Kattunladen, Rue St. Honoré, die Réforme hat nicht die Kraft mehr, den Rhein zu verlangen, die Opposition sucht die Kapazitäten und findet sie nicht, die Herren Bourgeois legen sich so früh schlafen, daß um 12 Uhr alles zu sein muß, undla jeune France[11]läßt sich das ruhig gefallen. Die Polizei hätte das gewiß nicht durchgesetzt, aber die frühen Comptoirstunden der Herren Prinzipale, die nach dem Sprichwort leben: Morgenstunde hat usw. usw. Herrn Grüns auf Kosten der Arbeiter gedruckte Broschüre ist dieselbe, die ich einmal bei Seiler gesehen habe: „Die preußischen Landtagsabschiede, ein Wort zur Zeit“ (anonym), enthält hauptsächlich Plagiate aus Marx’ Aufsätzen (Deutsch-französische Jahrbücher) und kolossalen Unsinn. „Nationalökonomische“ und „sozialistische“ Fragen sind ihmidentisch. Folgende Entwicklung der absoluten Monarchie: „Der Fürst machte sich eineabstrakte Domäne, und diese geistige Domäne hieß der Staat. Der Staat ward die Domäne der Domänen; als Ideal der Domäne hebt er die einzelne Domäne ebensowohl auf, als er sie stehen läßt, er hebt sie immer dann auf, wenn sie absolut selbständig werden will usw.“ Diese „geistige“ Domäne „Preußen“ verwandelt sich gleich darauf in eine Domäne, „auf der gebetet wird, eine geistliche Domäne“! Resultat des Ganzen: der Liberalismus ist in Preußentheoretischbereitsüberwunden,daherwerden sich die Reichsstände gar nicht mehr mit Bourgeoisfragen, sonderndirectementmit der sozialen Frage beschäftigen. „Die Schlacht- und Mahlsteuer ist diewahre Verräterin vom Wesen der Steuer, sie verrät nämlich,daß jede Steuer eine Kopfsteuer ist. Wer aber eineKopfsteuererhebt,der sagt: Eure Köpfe und Leiber sind mein eigen, ihr seidkopf- und leibeigen. Die Schlacht- und Mahlsteuerentspricht zu sehr dem Absolutismususw.“ Der Esel hat zwei Jahre lang Oktroi bezahlt und weiß es noch nicht, er glaubt, so was existiere nur in Preußen. Schließlich ist das Broschürli, einige Plagiate und Phrasen abgerechnet, durch und durchliberal, und zwar deutsch-liberal.
[1]Teuerste [Freunde].
[2]Vier Bewegungen. [Der Titel der ersten Hauptschrift Charles Fouriers.]
[3]Briefe eines Bewohners von Genf. [Der Titel der ersten Hauptschrift Saint-Simons.]
[4]Allgemeine Schwere.
[5]Soziale Rundschau oder die friedliche Lösung der Frage des Proletariats.
[6]Das Volk der Presse.
[7]Arbeiter, beziehungsweise Handwerker.
[8]Kandidat des Galgens.
[9]Kandidat für die Laterne.
[10]Mittwoch.
[11]Das junge Frankreich.
Brief an das Brüsseler Komitee. Nr. II.
Poststempel Paris, 19. [16.] September 1846.
Liebe Freunde!
Eure Nachrichten über Belgien, London und Breslau waren mir sehr interessant. Ich habe an Ewerbeck und Bernays davon mitgeteilt, was sieinteressierte. Haltet mich zugleich etwasau fait[1]über den Sukzeß unseres Unternehmens und dieplus ou moins[2]eifrige Teilnahme der verschiedenen Lokalitäten, damit ich mich hier den Arbeitern gegenüber, soweit es politisch, auslassen kann. Was machen die Kölner? – Von hier aus ist allerlei:
1. Mit den hiesigen Arbeitern bin ich mehrere Male zusammen gewesen, das heißt mit den Hauptleuten der Schreiner aus dem Faubourg St. Antoine. Die Leute sind eigentümlich organisiert. Außer ihrer – durch eine große Dissension mit den Weitlingschen Schneidern – sehr in Konfusion geratenen Vereinsgeschichte kommen diese Kerls, das heißt zirka zwölf bis zwanzig von ihnen, jede Woche einmal zusammen, wo sie bisher diskutierten; da ihnen aber der Stoff ausging, wie das gar nicht anders möglich, so war Ewerbeck genötigt, ihnen Vorträge über deutsche Geschichte –ab ovo[3]– und eine höchst verworrene Nationalökonomie – vermenschentümlichte Deutsch-französische Jahrbücher – zu halten. Dazwischen kam ich. Zweimal hab’ ich, um mich mit ihnen in Konnex zu setzen, die deutschen Verhältnisse seit der französischen Revolution, von den ökonomischen Verhältnissen ausgehend, auseinandergesetzt. Was sie nun in diesen Wochenversammlungen loskriegen, wird Sonntags in den Barriereversammlungen, wo Krethi und Plethi hinkommt, Weib und Kind, durchgepaukt. Hier wird –abstraction faite de toute espèce de politique[4]– so etwas „soziale Fragen“ diskutiert. Das Ding ist gut, um neue Leute hinzuzuziehen, denn es ist ganz öffentlich, vor vierzehn Tagen war die Polizei da, wollte Veto einlegen, ließ sich aber beruhigen und hat nichts weiter getan. Oft sind über 200 Leute zusammen. – Wie diese Geschichte jetzt ist, kann sie unmöglich bleiben. Es ist eine gewisse Schläfrigkeit unter den Kerls eingerissen, die aus ihrer Langeweile über sich selbst hervorgeht. Was sie nämlich dem Schneiderkommunismus entgegensetzen, ist weiter nichts als Grünsche menschentümliche Phrasen und vergrünter Proudhon, den ihnen teils Herr Grün höchstselbst, teils ein alter aufgeblasener Schreinermeister und Knecht Grüns, Papa Eisermann, teils aber auch Amicus E[werbeck] mit Mühe und Not eingebleut hat. Das ist ihnen natürlich bald alle geworden, eine ewige Repetition trat ein, und um sie vor demEinschlafen(buchstäblich, dies riß furchtbar in den Sitzungen ein) zu bewahren, quälte sie Ewerbeck mit spitzfindigen Disquisitionen über den „wahren Wert“ (den ich teilweiseauf dem Gewissen habe) und ennuyiert sie mit den germanischen Urwäldern, Hermann dem Cherusker und den scheußlichsten altdeutschen Etymologien nach Adelung, die alle falsch sind.
Übrigens ist nicht Ewerbeck der eigentliche Chef dieser Leute, sondern J[unge], der in Brüssel war; der Kerl sieht sehr gut ein, was geändert werden muß, und könnte sehr viel tun, denn er hat sie alle in der Tasche und zehnmal mehr Verstand wie die ganze Clique, aber er ist zu wackelhaft und macht immer neue Projekte. Daß ich ihn seit beinahe drei Wochen nicht gesehen – er kam nie und ist nirgends zu finden –, ist die Ursache, daß noch so wenig ausgerichtet ist. Ohne ihn sind die meisten schlapp und schwankend. Man muß aber mit den Kerls Geduld haben; zuerst muß der Grün ausgetrieben werden, der wirklich direkt und indirekt einen schauderhaft erschlaffenden Einfluß ausgeübt hat, und dann, wenn man ihnen diese Phrasen aus dem Kopf gebracht, hoffe ich, mit den Kerls zu etwas zu kommen, denn sie haben alle einen großen Drang nach ökonomischer Belehrung. Da ich Ewerbeck, der bei bekannter, jetzt im höchsten Grade blühender Konfusion den besten Willen von der Welt hat, ganz in der Tasche habe, und J[unge] auch vollständig auf meiner Seite ist, so wird sich das bald machen. Wegen der Korrespondenz habe ich mit Sechsen beraten. Der Plan fand, besonders bei J[unge], sehr großen Anklang und wird von hier aus ausgeführt werden. Solange aber nicht durch Zerstörung des persönlichen Einflusses des Grün und Ausrottung seiner Phrasen wieder Energie unter die Leute gebracht ist, so lange ist bei großen materiellen Hindernissen (besonders Engagement fast aller Abende) nichts zu machen. Ich habe ihnen offeriert, dem Grün in ihrer Gegenwart seine persönlichen Schuftereien ins Gesicht zu sagen, und B[ernay]s will auch kommen – Ewerbeck hat auch ein Hühnchen mit ihm zu pflücken –. Dies wird geschehen, sobald sie ihre eigenen Sachen mit Grün abgemacht, das heißt Garantie für das zum Druck des Grünschen Landtagsmistes vorgeschossene Geld bekommen haben. Da J[unge] aber nicht kam und die übrigen sich wie Kinder benahmen gegenüber dem Grün, so ist auch das noch nicht in Ordnung, obwohl bei einiger Energie das Ding in fünf Minuten abgemacht wäre. Das Pech ist, die meisten dieser Kerls sind Schwaben.
2. Jetzt etwas Ergötzliches. Proudhon hat in dem neuen, noch ungedruckten Buche, was Grün verdolmetscht, einen großen Plan, Geld aus Nichts zu machen und allen Arbeitern das Himmelreich nahe zu rücken.Niemand wußte, was das war. Grün hielt sehr hinter dem Berge, renommierte aber sehr mit seinem Stein der Weisen. Allgemeine Spannung. Endlich vorige Woche war Papa Eisermann bei den Schreinern, ich auch, und allmählich rückt der alte Zierbengel höchst naiv-geheimnisvoll heraus. Herr Grün hat ihm den ganzen Plan vertraut. Jetzt hört die Größe dieses Welterlösungsplanes:ni plus ni moins[5]als die in England längst dagewesenen und zehnmal bankrottiertenLabour bazarsoderlabour-markets[6], Assoziationen aller Handwerker aller Zweige, großes Depot, alle von den Associés eingelieferten Arbeiten genau nach den Kosten des Rohproduktes plus der Arbeit taxiert und in anderen Assoziationsprodukten bezahlt, die ebenso taxiert werden. Was mehr geliefert, als in der Assoziation verbraucht wird, soll auf dem Weltmarkt verkauft, der Ertrag den Produzenten ausbezahlt werden. Auf diese Weise, spekuliert der pfiffige Proudhon, umgeht er und seine Mitassociés den Profit des Zwischenhändlers. Daß er dabei auch den Profit aufsein Assoziationskapitalumgeht, daß dies Kapital und dieser Profitgenau so großsein müssen wie das Kapital und der Profit der umgangenen Zwischenhändler, daß er also mit der Rechten wegwirft, was die Linke bekommt, daran hat der feine Kopf nicht gedacht. Daß seine Arbeiter nie das nötige Kapital aufbringen können, weil sie sich sonst ebensogut separat etablieren könnten, daß die etwaige, aus der Assoziation hervorgehende Kostenersparnis durch das enorme Risiko mehr als aufgewogen wird, daß die ganze Geschichte darauf hinausläuft, den Profit aus der jetzigen Welt herauszueskamotieren und alle Produzenten des Profits stehen zu lassen, daß sie eine wahre Straubingeridylle ist, die von vornherein alle große Industrie, Bauhandwerke, Ackerbau usw. ausschließt, daß sie nur dieVerlusteder Bourgeois zu tragen haben, ohne ihren Gewinn zu teilen, alles das und hundert andere auf platter Hand liegende Einwände vergißt er über dem Glück seiner plausiblen Illusion. Die Geschichte ist zum Totschießen. Familienvater Grün glaubt natürlich an die neue Erlösung und sieht sich schon im Geiste an der Spitze einer Assoziation von20 000 Ouvriers(man will gleichgroßanfangen), wobei natürlich seine Familie kostenfrei gespeist, gekleidet und logiert wird. Der Proudhon aber blamiert sich und alle französischen Sozialisten und Kommunisten auf ewig, wenn er damit herausrückt, vor denBourgeoisökonomen. Daher jene Tränen, jenes Polemisieren gegen die Revolution, weil er ein friedliches Heilmittelin pettohatte. Der Proudhon ist gerade wie der John Watts. Dieser setzt seinen Beruf darein, trotz seines disrespektablen Atheismus und Sozialismus bei den Bourgeois respektabel zu werden; Proudhon bietet alles auf, um trotz seiner Polemik gegen die Ökonomen ein großer anerkannter Ökonom zu werden.So sind die Sektierer.Dabei noch so eine alte Geschichte!
3. Jetzt wieder eine höchst kuriose Geschichte. – Augsburger Allgemeine Zeitung vom 21. Juli, Paris 16. Juli. Artikel über dierussischeGesandtschaft .... „Das ist die offizielle Gesandtschaft – aber ganz außerhalb oder vielmehr über derselben steht ein gewisser Herr vonTolstoi, der keinen Titel hat, übrigens als ‚Vertrauter des Hofes‘ bezeichnet wird. Früher im Unterrichtsministerium beschäftigt, kam er mit einerliterarischen Missionnach Paris, schrieb hier einige Memoirs für sein Ministerium, lieferte einige Übersichten der französischen Tagespresse. Dann schrieb er nichts mehr, tat aber desto mehr. Er macht ein glänzendes Haus, geht zu aller Welt, empfängt alle Welt, beschäftigt sich mit allem, weiß alles und arrangiert vieles. Er scheint mir dereigentliche russische Botschafterin Paris ... seine Verwendung bewirkt Wunder“ (alle Polen, die begnadigt sein wollen, adressierten sich an ihn), „auf der Gesandtschaftbeugt sich alles vor ihm, und in Petersburg erfreut er sich großer Rücksichten.“ – Dieser Tolstoi ist niemand anders als unser Tolstoi, der Edle, der uns vorlog, in Rußland seine Güter verkaufen zu wollen. Der Mann hatte außer seiner einen Wohnung, wo er uns hinführte, noch ein glänzendes Hotel in der Rue Mathurin, wo er die Diplomatie empfing. Die Polen undvieleFranzosen haben das längst gewußt, nur die deutschen Radikalen nicht, bei denen er es für besser hielt, sich als Radikalen zu insinuieren. Der obige Artikel ist von einem Polen geschrieben, den Bernays kennt, und sogleich in denCorsaire-SatanundNationalübergegangen. Tolstoi hat, als er den Artikel las, weiter nichts bemerkt, als sehr gelacht und Witze darüber gerissen, daß er endlich ausgefunden sei. Er ist jetzt in London und wird, da seine Rolle hier ausgespielt ist, dort sein Glück versuchen. Es ist schade, daß er nicht wiederkommt, ich würde sonst einige Witze mit ihm versucht und schließlich in der Rue Mathurin meine Karte abgegeben haben. Daß nach diesem der von ihm empfohlene Annenkow ebenfalls ein russischer Mouchard ist,c’est clair.[7]Selbst Bakunin, derdie ganze Geschichtewissen mußte, da die anderen Russen sie gewußt haben, ist sehr verdächtig. Ich werde mir gegen ihn natürlich nichts merken lassen, sondern Revanche an den Russen nehmen. So ungefährlich diese Spione für uns sind, so darf man ihnen das doch nicht passieren lassen. Sie sind gute Sujets, um an ihnen Intrigenexperimente incorpore vili[8]zu machen. Dazu sind sie sonst so übel gar nicht.
4. Vater Heß. Nachdem ich dessen ... Gattin hier glücklich der Vergessenheit, das ist dem äußersten Ende des Faubourg Saint-Antoine, wo da ist Heulen und Zähneklappern (Grün und Gesellschaft), überliefert habe, erhalte ich vor einiger Zeit vermittels eines gewissen Reinhardt ein ferneres Wiederanknüpfungsschreiben des Kommunistenpapas. Das Ding ist zum Totlachen. Natürlich als ob nichts vorgefallen wäre, ganzin dulci jubilo[9]und dazu ganz der alte Heß. Nachdem er konstatiert hat, daß er mit „der Partei“ wieder einigermaßen ausgesöhnt (das Judde-Gränzchen scheint falliert zu haben) – „auch wieder Lust am Arbeiten hat“ (welches Ereignis mit Glocken eingeläutet werden sollte), folgende historische Notiz (de dato19. August): „Hier in Köln wär’s vor einigen Wochenauf ein Haarzu einerblutigen Emeutegekommen, es waren schonsehr vielebewaffnet (wozu Moses gewiß nicht gehörte). Das Ding kam nicht zum Ausbruch, weil die Soldatensich nicht zeigten(enormer Triumph des Kölner Schöppchesphilisters) usw. usw. usw.“ – Dann von den Bürgerversammlungen, wo „wir“,id est„die Partei“ und „Herr Moses“,quaKommunisten „so vollständig siegten, daß wir usw. Wir haben zuerst die Geldaristokraten ... und dann die kleinen Bourgeoismit Glanz(da sie keine Talente unter sich haben)aus dem Feldegeschlagen. Wirhätten(!) in den Versammlungen zuletztalles durchsetzen können(zum Beispiel den Moses zum Oberbürgermeister machen); ein Programm, worauf die Versammlung ihre Kandidaten verpflichtete, ging durch, welches (hört, hört!)von den englischen und französischen Kommunisten nicht radikaler hätte abgefaßt(und von niemandem unsinniger als von Moses aufgefaßt)werden können(!!!) ... Sehe (sic!) Dich zuweilen nach meiner [Frau] um ... und teile dem Ewerbeck zur Herzensstärkung dieses mit.“ Gesegn’ Euch Gott diese „Herzensstärkung“, dies Manna aus der Wüste. Ich ignoriere das Vieh natürlich komplett – jetzt hat er auch an Ewerbeck geschrieben (und zwar bloß, um seiner weiblichen Seite einen Brief auf dessen Kostenzukommen zu lassen) und droht in zwei Monaten herzukommen. Wenn er mich besucht, denk’ ich ihm auch etwas „zur Herzensstärkung“ mitteilen zu können.
Da ich einmal im Zuge bin, so will ich Euch schließlich noch mitteilen, daß [Heinrich] Heine wieder hier ist und ich vorgestern mit Ewerbeck bei ihm war. Der arme Teufel ist scheußlich auf dem Hund. Er ist mager geworden wie ein Gerippe. Die Gehirnerweichung dehnt sich aus, die Lähmung des Gesichts desgleichen. Ewerbeck sagt, er könne sehr leicht einmal an einer Lungenlähmung oder an irgend einem plötzlichen Kopfzufall sterben, aber auch noch drei bis vier Jahre abwechselnd besser oder schlechter sich durchschleppen. Er ist natürlich etwas deprimiert, wehmütig, und was am bezeichnendsten ist, äußerst wohlwollend (und zwar ernsthaft) in seinen Urteilen – nur über Mäurer reißt er fortwährend Witze. Sonst bei voller geistiger Energie, aber sein Aussehen, durch einen ergrauenden Bart noch kurioser gemacht (er kann sich nun den Mund nicht mehr rasieren lassen), reicht hin, um jeden, der ihn sieht, höchst trauerklötig zu stimmen. Es macht einen höchst fatalen Eindruck, so einen famosen Kerl so Stück für Stück absterben zu sehen.
Auch den großen Mäurer habe ich gesehen. „Männlein, Männlein, was wiegen Sie so leicht!“ Der Mann ist wirklich sehenswert, ich habe ihm die größten Grobheiten gemacht, zum Danke nimmt mich der Esel in seine besondere Affektion und sagt mir nach, ich hätte ein sanftes Gesicht. Er sieht freilich aus wie Karl Moor sechs Wochen nach seinem Tode. Antwortet bald!
Euer E.
Mittwoch, 16. September 1846.
Amüsiert Euch an folgendem: Journal des Économistes, August dieses Jahres, enthält in einem Artikel über die Biedermännischen Artikel ... [über] den Kommunismus folgendes: Erst Heß’ ganzer Unsinn komisch französiert, dann heißt es, der nächste ist M. Marx. „M. Marx est uncordonnier, comme un autre Communiste allemand, Weitling est un tailleur. Le premier (Marx) n’a pas une grande estime pour le communisme français (!) qu’il a été assez heureux d’étudier sur les lieux. M. ne sort du reste non plus(erkennst Du an dieser Elsässer Phrasenicht Herrn Fix?)des formules abstraitesundil se garde ... bien d’aborder aucune question véritablement pratique. Selon lui(gib acht auf den Unsinn)l’émancipation du peuple allemand sera le signal de l’émancipation du genre humain; la tête de cette émancipation serait la philosophie et son coeur le prolétariat. Lorsque tout sera préparé, le coq gaulois sonnera la résurrection germanique ... Marx dit qu’il faut créer en Allemagne un prolétariat universel (!!) afin de réaliser la pensée philosophique du communisme. Signé J. F. (mort depuis).“[10]Das war sein letztes Werk. Der vorherige Band brachte eine gleich komische Kritik meines Buches. Das Septemberheft enthält eine Kritik über Julium, die ich noch nicht gelesen.
In der Fraternité ist großer Streit zwischen Materialisten und Spiritualisten gewesen. Die Materialisten, mit 23 gegen 22 überstimmt, sind ausgetreten. Das hindert aber die Fraternité nicht, sehr hübsche Artikel über die verschiedenen Zivilisationsstufen und ihre Fähigkeit, sich zum Kommunismus fortzuentwickeln, zu bringen.
[1]Auf dem laufenden.
[2]Mehr oder weniger.
[3]Wörtlich: vom Ei an, das heißt von den allerersten Anfängen an.
[4]Abgesehen von jeder Art [Tages-]Politik.
[5]Weder mehr noch weniger.
[6]Arbeitsmärkte. Hier im Sinne von: Märkte von Erzeugnissen eigener Arbeit.
[7]Das ist klar.
[8]Am wertlosen Körper.
[9]In seligem Jubel.
[10]Herr Marx ist einSchuhmacher, wie ein anderer deutscher Kommunist, Herr Weitling, ein Schneider ist. Der erstere (Marx) hat keine hohe Meinung vom französischen (!) Kommunismus, den er das Glück hatte, an Ort und Stelle zu studieren. Übrigens geht auch Herr Marx ebensowenig über abstrakte Formeln hinaus und hütet sich ... sehr, auf irgendwelche wahrhaft politische Frage einzugehen. Nach ihm wird die Befreiung des deutschen Volkes das Zeichen geben für die Befreiung des Menschengeschlechts, der Kopf dieser Befreiung werde die Philosophie und ihr Herz das Proletariat sein. Wann alles vorbereitet ist, wird der gallische Hahn die deutsche Erhebung einläuten .... Marx sagt, daß in Deutschland ein universelles (!!) Proletariat geschaffen werden muß, um den philosophischen Gedanken des Kommunismus zu verwirklichen. Gezeichnet J. F. [Seitdem verstorben.]
18. September 1846.
Lieber Marx!
Eine Masse Sachen, die ich Dir privatim schreiben wollte, sind mir in den Geschäftsbrief hereingeraten, weil ich den zuerst schrieb. Diesmal macht es nichts, daß die anderen den Dreck mitlesen. – Die Auszüge aus Feuerbach zu machen, habe ich mich aus einem gewissen Grauen bisher nicht entschließen können. Hier in Paris kommt einem das Zeug vollends lasch [matt] vor. Ich habe das Buch aber jetzt im Hause und setze mich ehestens dran. Daß Dein Geldpech noch immer anhält, ist schändlich. Ich weiß für unsere Manuskripte keinen Verleger außerLeske, den man während der Unterhandlung über die Kritik seines Verlags in Unwissenheit halten müßte. Löwenthal nimmt’s gewiß nicht, er hat dem Bernays einesehr guteSpekulation (Das Leben des hiesigen Alten, in zwei Bänden, den ersten gleich zu drucken und mit dem Tode des Alten sofort zu expedieren, den zweiten dann gleich folgen zu lassen) unter allerlei lausigen Vorwänden abgeschlagen. Er ist auch feig, er sagt, er könne aus Frankfurt geschaßt werden. Bernays hat Aussicht, bei Brockhaus unterzukommen, der natürlich glaubt, das Buch werde bourgeoismäßig abgefaßt. – Haben die Westfalen die Manuskripte an Daniels geschickt? – Hast Du von dem Kölner Projekt etwas Näheres gehört, wovon Heß schrieb? Du weißt. – Gottvoll ist aber vor allem der Lüningsche Kohl .... Wenn wir ihre ganze Lumperei kritisieren, so erklärt der Edle das für eine „Selbstkritik“. Es wird diesen Kerls aber bald widerfahren, was geschrieben steht: „Und wenn er keinen Hintern hat, wo will der Edle sitzen?“ Und Westfalen scheint allmählich zu merken, daß es keinen Hintern hat, oder, um mit Mose zu sprechen, keine „materielle Basis“ für seinen Kommunismus. –
Die Londoner Adresse habe ich gestern abend hier bei den Arbeitern bereits gedruckt gelesen. Schund. Adressieren sich an das „Volk“, das heißt die vorausgesetzten Proletarier in Schleswig-Holstein, wo nichts wie plattdeutsche Bauernlümmel und zünftige Straubinger herumstrolchen. Haben von den Engländern gerade den Unsinn, die totale Ignorierung aller wirklich vorliegenden Verhältnisse, Unfähigkeit, eine historische Entwicklung aufzufassen, gelernt. Statt die Frage zu beantworten, wollen sie, daß das in ihrem Sinne gar nicht dort existierende „Volk“ sie ignorieren, sich friedlich, passiv verhalten soll; sie denken nicht dran, daß die Bourgeois doch tun, was sie wollen. Mit Abzug der ziemlich überflüssigen und gar nicht mit ihren Schlußresultaten im Zusammenhang stehenden Schimpfereien auf die Bourgeois (die ebensogut durchfree-trade-Phrasen ersetzt werden könnten) könnte diefree-trade-pressvon London, die Schleswig-Holstein nicht im Zollverein sehen will, das Ding erlassen haben. –
Die Kölner Bourgeois haben einen Protest gegen die Herren Minister erlassen, der für deutsche Bürger das Mögliche ist. Der arme Berliner Kanzelredner! [Friedrich Wilhelm IV.] Mit allen Stadträten seines Reiches liegt er in den Haaren; erst die Berliner theologische Disputation, dann die Breslaueritem, jetzt die Kölner Geschichte. Der Bengel gleichtübrigens auf ein Haar dem Jakob dem Ersten von England, den er sich wirklich zum Muster genommen zu haben scheint. Nächstens wird er wohl, wie dieser, auch noch Hexen verbrennen lassen.
Dem Proudhon habe ich im Geschäftsbrief [sieheBrief 8] wirklich himmelschreiendes Unrecht getan. Ich muß es hier redressieren. Ich habe nämlich geglaubt, er habe einen kleinen Unsinn, einen Unsinn innerhalb der Grenzen des Sinnes gemacht. Gestern kam die Sache nochmals und ausführlich zur Diskussion, und da erfuhr ich, daß dieser neue Unsinn wirklich einganz unbegrenzter Unsinnist. Stelle Dir vor: Proletarier sollen kleine Aktiensparen. Davon wird (unter 10 000 bis 20 000 Arbeitern fängt man natürlich gar nicht an) zuerst ein oder mehrere Ateliers in einem oder mehreren Handwerken errichtet, ein Teil der Aktionäre dort beschäftigt und die Produkte 1. zum Preise des Rohmaterials plus der Arbeit an die Aktionäre (die so keinen Profit zu zahlen haben) und 2. der etwaige Überschuß zum laufenden Preise im Weltmarkt verkauft. Sowie sich das Kapital der Gesellschaft durch Neuhinzutretende oder durch neue Ersparnisse der alten Aktionäre vermehrt, wird es zur Anlage neuer Ateliers und Fabriken verwandt usf. usf., bis –alleProletarier beschäftigt undalleim Lande befindlichen Produktivkräfte aufgekauft und dadurch die in den Händen der Bourgeois befindlichen Kapitalien die Macht verloren haben, Arbeit zu kommandieren und Profit zu bringen! So hebt man dann das Kapital auf, indem man „eine Instanz findet, wo das Kapital, das heißt das Zinswesen“ (Vergrünung des einigermaßen näher ans Tageslicht gerücktendroit d’aubaine[1]von ehedem) „sozusagen verschwindet“. Du wirst in diesem von Papa Eisermann zahllose Male wiederholten, also von Grün auswendig gelernten Satze die ursprünglichen Proudhonschen Floskeln noch deutlich durchschimmern sehen. Die Leute haben nichts mehr und nichts weniger im Sinne, als einstweilenganz Frankreich, später vielleicht auch die übrige Welt vermöge proletarischer Ersparnisse und unter Verzichtung auf den Profit und die Zinsen ihres Kapitalsaufzukaufen. Ist so ein famoser Plan je erdacht worden, und ist es nicht ein viel kürzerer Weg, wenn man einmal einentour de force[2]machen will, lieber gleich aus dem Silber–schein des Mondes Fünffrankentaler zu prägen? Und die dummen Arbeiter hier, die Deutschen meine ich,glaubendaran; sie, die nicht sechs Sous in der Tasche behalten können, um am Abend ihrer Zusammenkünfte zueinemmarchand de vins[3]zu gehen, wollen mit ihren Ersparnissen das ganze schöne Frankreich aufkaufen. Rothschild und Konsorten sind wahre Stümper neben diesen kolossalen Akkapareurs. Es ist, um die Schwerenot zu kriegen. Die unsinnigste Phrase hat für sie mehr Sinn als die einfachste, zum ökonomischen Argument vernutzte Tatsache. Daß man gegen solchen barbarischen Unsinn noch pauken muß, ist doch niederträchtig.
Aber man muß Geduld haben, und ich lasse die Kerls nicht laufen, bis ich den Grün aus dem Felde geschlagen und ihnen die verduselten Schädel geöffnet habe. Der einzige klare Kerl, der auch den ganzen Unsinn einsieht, ist unser J[unge], der in Brüssel war. Der Ewerbeck hat ihnen auch den Kopf voll des tollsten Zeugs gesetzt. Er ist jetzt in einer Konfusion und grenzt von Zeit zu Zeit an Wahnsinn und kann, was er gestern mit seinen eigenen Augen gesehen, Dir heute nicht wiedererzählen. Geschweige was er gehört. Wie sehr er aber unter der Fuchtel des Grün gestanden, davon nur dies: Als der Trierer Walth. vorigen Winter über die Zensur nach allen Seiten hin jammerte, stellte Grün ihn als einen Märtyrer der Zensur dar, der den edelsten und tapfersten Kampf führe usw., und exploitierte Ewerbeck und die Arbeiter dazu, daß sie eine höchst pomphafte Adresse an diesen Esel von Walth. aufsetzten und unterzeichneten und ihm Dank sagten für seinen Heldenmut im Kampfe für die Freiheit des Wortes!!!! Ewerbeck schämt sich wie ein Mops und ärgert sich wütend über sich selbst; aber der Unsinn ist geschehen, und jetzt hat man ihm und den Arbeitern die paarWortewieder auszupauken, die er sich selbst mit saurem Schweiß in den Kopf hineinge[quält] und den Arbeitern dann mit ebenso saurem Schweiß eingebleut hat. Denn er versteht nichts, bis er’s nicht auswendig gelernt hat, und dann versteht er’s meist noch falsch. Wenn er nicht den enormen guten Willen hätte und dabei sonst so ein liebenswürdiger Kerl wäre, was er jetzt mehr als je ist, so wäre gar nicht mit ihm fertig zu werden. Es soll mich wundern, wie es mir mit ihm gerät; zuweilen macht er ganz nette Bemerkungen, gleich darauf aber wieder den größten Unsinn – so seine jetzt in Gott ruhenden deutschen Geschichtsvorträge, bei denen man sich wegen der in jedem Worte befindlichen Schnitzer und Tollheiten kaum das Lachen verbeißen konnte. Aber, wie gesagt, enormer Eifer und Eingehen auf alles, mit merkwürdiger Bereitwilligkeit, und ein unverwüstlicher guter Humor der Selbstironie. Ich mag den Kerl, trotzseines Unsinns, besser leiden als je. – Von Bernays ist nicht viel zu sagen. Ich war mehrmals draußen, er einmal hier. Kommt wahrscheinlich im Winter her, fehlt nur an Geld. Ist auch dahin gekommen, über die Parteistreitigkeiten klarere und verständigere Ansichten zu hegen; wegen seiner Meinungen über das Recht ist ihm jetzt nicht gut beizukommen, weil er mit dem Einwurf: Ökonomie, Industrie usw. sei nicht sein Fach, jedesmal abzubrechen sucht und bei den seltenen Zusammenkünften keine ordentliche Diskussion zustande kommt; ich glaube indes schon etwas Bresche geschossen zu haben, und wenn er herkommt, werde ich ihm sein Mißverständnis wohl schließlich nehmen können. – Was machen die Leute dort?
Dein E.
Query:Ist die Geschichte mit dem Tolstoi, dievollständig richtigist, nicht den Londonern mitzuteilen? Die Deutschen könnten, falls er bei ihnen seine Rolle fortspielte, einmal ein paar Polen scheußlich kompromittieren. Wenn sich der Kerlauf Dich beriefe?
Bernays hat eine Broschüre in der Rothschildschen Polemik geschrieben; kommt in der Schweiz deutsch und in einigen Tagen hier französisch heraus.
[1]Heimfallsrecht.
[2]Kraftstück.
[3]Wein- [und Spirituosen-]Ausschänker.
Oktober 1846.
Lieber Marx!
Die Geschichte gegen Kr[iege] erhalten. Ist ganz gut. Kriege wird nun zwar, da Du allein unterzeichnet, den absprechenden Ton des ersten Dokumentes auf meine Privatrechnung schreiben und gegen dies zweite zu Kreuze kriechen, aber das ist mir wurst. Er kann mich in seiner Privatmalice den amerikanischen Straubingern so schwarz wie möglich schildern, wenn ihm das Pläsier macht.
Aus dem Komiteebrief wirst Du sehen, wie ich hier bei den Straubingern durchgedrungen. Ich habe sie, hol mich der Teufel, nicht geschont, ich habe ihre ärgsten Vorurteile, sie selbst als gar keine Proletarier attackiert. Aber der Grün arbeitete mir auch zu schön in die Hände.
Frankieren tut um Gottes willen nicht an mich. Wenn mich der verdammte Leske, der mir endlich wegen der dem P[üttmann] geschickten alten Drecke einen nichtsnutzigen Wechsel zuschicken ließ, den ich retournieren mußte – wenn mich Leske nicht im Stiche ließe, schickte ich Euch sogleich 25 Franken für die Komiteekasse. Einstweilen aber übernehme ich die Kosten wenigstens der Korrespondenz mit mir. Wenn ich den vorigen Brief nicht frankierte, so geschah dies, weil es zu spät war undich ihn nur noch durch Hineinschmeißen in den Briefkasten wegbekam. Sowie der Leske mir das Geld schickt, erhaltet ihr ein Quotum.
Keiner der Straubinger kriegt die Antwort an Kriege zu sehen. Sonst wäre sie vor Grün nicht sicher. Wir müssen namentlich dem Kerl alles vom Halse halten, bis seine Bearbeitung des Proudhonschen Buches, nebst Noten von K. Grün, fertig ist. Dann ist er gefangen. Er revoziert darin vollständig eine Masse früher gesagter Geschichten und überliefert sich mit Leib und Seele dem Proudhonschen Erlösungssystem. Nachher hat es dann mit dem Exploitieren ein Ende, wenn er nicht wieder tournieren will. Ist der Weitling noch in Brüssel?
Mit den Straubingern hier denke ich durchzukommen. Die Kerle sind freilich gräßlich unwissend und durch ihre Lebenslage gar nicht präpariert. Konkurrenz unter ihnen gibt es gar nicht. Der Lohn hält sich immer auf einem und demselben Niveau, der Kampf mit dem Meister dreht sich gar nicht um Lohn, sondern um den Gesellenhochmut usw. Bei den Schneidern wirken jetzt die fertigen Kleiderläden revolutionierend. Wenn’s nur nicht so ein faules Handwerk wäre.
Der Grün hat scheußlich geschadet. Er hat bei den Kerls alles Bestimmte in bloße Duselei, Menschheitsstreben usw. verwandelt. Unter dem Scheine, den Weitlingschen und sonstigen Systemkommunismus anzugreifen, hat er ihnen den Kopf voll unbestimmter Belletristen- und Kleinbürgerphrasen gesetzt und alles andere für Systemreiterei ausgegeben. Selbst die Schreiner, die nie Weitlingianer gewesen – oder doch nur einzelne – haben eine abergläubische Gespensterfurcht vor dem „Löffelkommunismus“ und schließen sich – wenigstensvordem durchgesetzten Beschluß – lieber der größten Duselei, friedlichen Beglückungsplänen usw. an, als diesem „Löffelkommunismus“. Es herrscht eine grenzenlose Konfusion hier vor. An Harney habe ich dieser Tage einen leisen Angriff gegen die Friedlichkeit derfraternal Democrats[1]geschickt, ihm übrigens geschrieben, daß er mit Euch in Korrespondenz bleiben soll.
Dein E.
[1]Brüderliche Demokraten. [Titel einer von G. Julian Harney geführten Chartistenverbindung internationaler Tendenz.]
Paris, 23. Oktober 1846.
Brief an das Brüsseler Komitee. Nr. III.
Über die hiesigen Straubingergeschichten ist wenig zu sagen. Die Hauptsache ist, daß die verschiedenen Streitpunkte, die ich bisher mitden Jungens auszufechten hatte, jetzt entschieden sind: der Hauptanhänger und Schüler Grüns, Papa Eisermann, ist herausgeschmissen, die übrigen sind in ihrem Einfluß auf die Masse vollständig gestürzt, und ich habe einen Beschluß einstimmig gegen sie durchgesetzt.
Der kurze Verlauf ist der:
Über den Proudhonschen Assoziationsplan wurde drei Abende diskutiert. Anfangs hatte ich beinahe die ganze Clique, zuletzt nur noch Eisermann und die übrigen drei Grünianer gegen mich. Die Hauptsache dabei war, die Notwendigkeit der gewaltsamen Revolution [zu beweisen]undüberhaupt den Grünschen wahren Sozialismus, der in der Proudhonschen Panacee neue Lebenskräfte gefunden, als antiproletarisch, kleinbürgerlich, straubingerisch nachzuweisen.
Zuletzt wurde ich wütend über die ewige Wiederholung derselben Argumente von seiten meiner Gegner und attackierte die Straubinger geradezu, was bei den Grünianern große Entrüstung erregte, wodurch ich aber dem edlen Eisermann einenoffenen Angriffauf den Kommunismus entlockte. Darauf deckelte ich ihn so rücksichtslos, daß er gar nicht wiederkam.
Jetzt knüpfte ich an die mir von Eisermann gegebene Handhabe – die Attacke gegen den Kommunismus – an, um so mehr, als Grün in einem fort intrigierte, auf den Ateliers herumlief, Sonntags die Leute zu sich zitierte usw. usw., und den Sonntag nach obiger Sitzung selbst die grenzenlose Dummheit beging, vor acht bis zehn Straubingern den Kommunismus zu attackieren. Ich erklärte also, ehe ich mich auf eine Diskussion einließe, müsse abgestimmt werden, ob wir hierquaKommunisten zusammenkämen oder nicht. Im ersten Falle müsse Sorge getragen werden, daß Angriffe auf den Kommunismus, wie die von Eisermann, nicht mehr vorkämen, im anderen Falle, wenn sie bloß beliebige Individuen seien, die hier über dies und jenes Beliebige diskutierten, könnten sie mir gestohlen werden und würde ich nicht wiederkommen. Dies erregte großes Entsetzen bei den Grünianern, sie seien hier „für das Wohl der Menschheit“ zusammen, um sich aufzuklären, Männer des Fortschritts und nicht einseitige Systemfänger usw. usw., und solche Biedermänner könne man doch unmöglich „beliebige Menschen“ nennen. Übrigensmüßten sie erst wissen, was Kommunismus eigentlich sei (sie, die sich seit Jahren Kommunisten genannt haben und bloß durch die Furcht vor Grün und Eisermann abspenstig wurden, nachdem diese sich unter dem Vorwand des Kommunismus bei ihnen eingeschlichenhatten!). Ich ließ mich natürlich nicht durch ihre liebevolle Bitte fangen, ihnen, den Unwissenden, in zwei bis drei Worten zu sagen, was Kommunismus sei. Ich gab ihnen eine höchst simple Definition, die gerade so weit ging wie die vorliegenden strittigen Punkte, die die Friedlichkeit, die Zartheit und Rücksicht gegen die Bourgeois respektive das Straubingertum und endlich die Proudhonsche Aktiengesellschaft nebst beibehaltenem individuellenBesitz, und was sich daran knüpft, durch Behauptung der Gütergemeinschaftausschloß, und im übrigen nichts enthielt, was Anlaß zu Abschweifungen und Umgehung der vorgeschlagenen Abstimmung geben könnte. Ich definierte also die Absichten der Kommunisten dahin: 1. die Interessen der Proletarier im Gegensatz zu denen der Bourgeois durchzusetzen; 2. dies durch Aufhebung des Privateigentums und Ersetzung desselben durch die Gütergemeinschaft zu tun; 3. kein anderes Mittel zur Durchführung dieser Absichten anzuerkennen als die gewaltsame, demokratische Revolution. Hierüber zwei Abende diskutiert. Am zweiten ging der beste der drei Grünianer, die Stimmung der Majorität merkend, vollständig zu mir über. Die anderen beiden widersprachen sich fortwährend einer dem anderen, ohne es zu merken. Mehrere Grünianer, die noch nie gesprochen, taten auf einmal das Maul auf und erklärten sich ganz entschieden für mich. Bisher hatte dies nur Junge getan. Einige dieserhomines novi[1]sprachen, obwohl zitternd vor Todesangst, stecken zu bleiben, ganz nett und scheinen überhaupt ganz gesunden Verstand zu haben. Kurz, als es zur Abstimmung kam, wurde die Versammlung für eine kommunistische im Sinne der obigen Definition erklärt, von 13 Stimmen gegen die beiden der zwei treu gebliebenen Grünianer, von denen einer auch nachträglich erklärt hat, daß er die größte Begierde habe, sich zu bekehren.
Hiermit ist endlich einmalTabula rasagemacht und man kann jetzt anfangen, etwas aus den Kerls zu machen, soweit dies geht. Grün, der sich aus seiner Geldgeschichte leicht herausreißen konnte, weil die Hauptgläubiger eben selbige Grünianer waren, seine Hauptanhänger, ist jetzt bei der Majorität und einem Teile seiner Anhänger selbst sehr herunter und trotz aller Intrigen und Experimente (zum Beispiel in der Mütze auf die Barriereversammlungen gehen usw. usw.) mit seiner Proudhonschen Sozietät glänzend durchgefallen. Wäre ich nicht da gewesen, so hätte sich unser Freund Ewerbeck allerdingstête baissée[2]dahinein gegeben.
Was der Grün für ein schönes Stratagem hatte! An der Intelligenz seiner Kerls verzweifelnd, repetiert er ihnen seine Geschichten so oft vor, bis sie sie auswendig können. Nach jeder Sitzung – es war natürlich nichts leichter, als so eine Opposition zum Schweigen zu bringen – lief die ganze geschlagene Bande zu Grün, erzählten, was ich gesagt hatte – natürlich alles entstellt –, und ließen sich wieder wappnen. Wenn sie dann das Maul auftaten und zwei Worte gesagt, so wußte man jedesmal den ganzen Satz vorher. Natürlich nahm ich mich bei dieser Zwischenträgerei sehr in acht, den Leuten irgend etwas Allgemeines zu sagen, was Herrn Grün zu neuen Ausschmückungen seines wahren Sozialismus dienen könnte; dennoch aber hat er neulich in der Kölner mit diversen Entstellungen bei Gelegenheit der Genfer Revolution Sachen exploitiert, die ich den Straubingern sagte, während er ihnen hier das Gegenteil einpaukte. Er treibt jetzt Nationalökonomie, der Brave.
Das Buch von Proudhon werdet Ihr angezeigt gesehen haben. Ich werde es dieser Tage bekommen, es kostet 15 Franken, man kann es nicht kaufen, das ist zu teuer.
Das obige Publikum, vor dem die Geschichte aufgeführt worden, besteht aus zirka zwanzig Schreinern, die sonst nur auf der Barriere noch mit allerlei Volks sich versammeln, außer einem Sängerklub keine geschlossene Verbindung, sonst aber teilweise Rudera [Reste] des Bundes der Gerechtigkeit sind. Könnte man sich öffentlich versammeln, so würden wir bald über hundert Kerls aus den Schreinern allein haben. Von den Schneidern kenne ich nur einige, die auch in die Schreinerversammlungen kommen. Von Schmieden und Gerbern ist in ganz Paris nichts zu erfahren. Kein Mensch weiß was von ihnen.
Kriege hat dieser Tage seinen Bericht als Mann der Gerechtigkeit an die „Halle“ (Zentralverwaltung) abgestattet. Natürlich habe ich das Sendschreiben gelesen, da dies aber Eidesverletzung war, worauf Todesstrafe, Dolch, Strang und Gift stehen, so müßt Ihr das nirgends hinschreiben. Der Brief beweist, gerade wie seine Replik auf unseren Angriff, daß dieser Angriff ihm sehr genützt hat und er sich jetzt doch mehr um die Dinge dieser Welt kümmert. Er gab eine lange Erzählung ihrer Schwierigkeiten. Der erste Abschnitt dieser amerikanischen Straubingergeschichte enthielt ihr Pech – offenbar stand Kriege an der Spitze und betrieb die Geldgeschichten vom Standpunkt des weltumfassenden Herzens aus. Der „Tribun“ wurde verschenkt, nicht verkauft, Liebesgaben bildetenden Fonds, kurz, man wollte Kapitel 3 bis 6 der Apostelgeschichte wieder aufführen, Ananias und Sapphira fehlten auch nicht, und zum Schlusse fand man sich voller Schulden. Die zweite Periode, wo Kriege zum bloßen „Registrator“ wird und andere Kerle an die Verwaltung der Geldgeschäfte getreten zu sein scheinen, die des Aufkommens. Statt an die volle Brust der Menschen zu appellieren, wurde jetzt an ihre tanzlustigen Beine und überhaupt an die unkommunistischen Seiten appelliert, und man fand zu seinem Erstaunen, daß durch Bälle, Landpartien usw. das nötige Geld vollständig aufzubringen sei, und daß auch die Schlechtigkeit der Menschen für den Kommunismus exploitiert werden könne. Jetzt seien sie vollständig pekuniär auf dem Strumpf. Unter den „Hindernissen“, die sie zu überwinden hatten, zählte der tapfere Tecklenburger auch die allseitigen Verleumdungen und Verdächtigungen auf, die sie, unter anderem „zuletzt noch von den ‚kommunistischen‘ Philosophen in Brüssel“, zu erdulden hätten. Im übrigen schwatzt er einiges triviale Zeug gegen die Kolonien, empfiehlt ihnen (das heißt seinen entschiedensten Feinden) den „Bruder Weitling“, hält sich aber im ganzen ziemlich irdisch, wenn auch etwas gesalbt, und nur von Zeit zu Zeit so etwas Gestöhn von Brüderlichkeit usw.
Habt Ihr dort die Réforme? Wenn Ihr sie nicht habt, schreibt es mir, ich werde Euch dann berichten, wenn was Besonderes drin steht. Seit vier Tagen reitet sie auf dem National herum wegen seinesrefus, einer Petition, die wegen Wahlreform hier zirkuliert, seine unbedingte Adhäsion zu geben. Dies geschehe, behauptet sie, aus bloßer Hinneigung für [zu] Thiers. Vor einiger Zeit zirkulierte sie, Bastide und Thomas seien vom National ausgetreten, Marrast sei allein geblieben, und dieser habe mit Thiers Allianz gemacht. Der National widerrief. Veränderungen in seiner Redaktion sind allerdings vorgegangen, Genaueres weiß ich nicht; daß er seit einem Jahre besonders günstig für Thiers ist, ist bekannt; die Réforme setzt ihm nun auseinander, wie sehr er sich durch diese Hinneigung in Blamagen verritten hat. Übrigens hat der National, aus bloßer Opposition gegen die Réforme, in der letzten Zeit einige Dummheiten gemacht, so die von der Réforme zuerst erzählte portugiesische Konterrevolution aus bloßer Malice geleugnet, bis er nicht mehr konnte usw. Die Réforme plagt sich jetzt, eine ebenso brillante Polemik zu führen wie der National, aber es geht nicht. –
Nachdem ich bis hierher geschrieben, ging ich noch zu den Straubingern, wo sich folgendes herausstellte. Der Grün, zu ohnmächtig, mir irgendwieSchaden anzutun, läßt mich jetzt auf der Barriere denunzieren. Der Eisermann attackiert in der öffentlichen und von Mouchards besuchten Barriereversammlung den Kommunismus, wo ihm natürlich keiner antworten kann, ohne sich der Gefahr des Geschaßtwerdens auszusetzen. Der Junge hat ihm sehr wütend geantwortet, ist aber von uns gestern verwarnt. Darauf hat der Eisermann den Junge für das Sprachrohr eines Dritten erklärt (der natürlich ich bin), und der plötzlich wie eine Bombe unter die Leute gefahren sei, und er wisse wohl, wie da die Leute zu den Barrierediskussionen eingepaukt würden usw. usw. Kurz, er schwatzte da Dinge aus, die einervollständigen Denunziationbei der Polizei gleichkommen, denn der Wirt, bei dem die Geschichte sich zutrug, sagte noch vor vier Wochen:il y a toujours des mouchards parmi vous[3], und der Polizeikommissar war zu jener Zeit auch einmal da. Den Junge griff er geradezu als „Revolutionär“ an. Herr Grün war während der ganzen Zeit gegenwärtig und paukte dem Eisermann ein, was er zu sagen habe. Diese Gemeinheit übersteigt doch alles. Der Grün ist mir, wie ich die Sachen kenne, vollständig verantwortlich für alles, was der Eisermann sagt. Dagegen ist nun platterdings nichts zu machen. Der Schafskopf Eisermann kann auf der Barriere nicht attackiert werden, weil man da die Wochenversammlung nochmals denunzieren würde, der Grün ist zu feig, in eigenem Namenselbstetwas zu tun. Das einzige, was man tun kann, ist, auf der Barriere die Leute erklären zu lassen, über Kommunismus diskutierten sie nicht, weil das die ganze Versammlung bei der Polizei gefährden könne.
Schreibt endlich einmal.
Euer E.
[1]Neulinge.
[2]Mit gesenktem Kopf.
[3]Ihr habt stets unter euch Spitzel.
[Undatiert.] 23 Rue de Lille, Faubourg St. Germain, [Sommer 1846.]
Lieber Marx!
Ich habe mich endlich nach langem Widerstreben darangemacht, das Zeug von Feuerbach durchzulesen, und finde, daß wir in unserer Kritik darauf nicht eingehen können. Weshalb, wirst Du sehen, nachdem ich Dir den Hauptinhalt mitgeteilt.
Das Wesen der Religion, Epigonen, 1. Band, Seite 117 bis 178. – „DasAbhängigkeitsgefühldes Menschen ist der Grund derReligion“, Seite 117. Da der Mensch zuerst von der Natur abhängig, so „ist die Natur der erste ursprüngliche Gegenstand der Religion“, Seite 118. („Natur ist ein allgemeines Wort zur Bezeichnung der Wesen, Dinge usw. usw., die der Mensch vonsich und seinen Produktenunterscheidet.“)
Die ersten religiösen Äußerungen sind Feste, in denen Naturprozesse, Wechsel der Jahreszeiten usw. usw. dargestellt. Die speziellen Naturverhältnisse und Produkte, in deren Umgebung ein Stamm oder Volk lebt, gehen in deren Religion über. – Der Mensch wurde in seiner Entwicklung von anderen Wesen unterstützt, die aber nicht WesenhöhererArt, Engel waren, sondern Wesen niederer Art,Tiere. Daher Tierkultus (folgt eine Apologie der Heiden gegen die Angriffe der Juden und Christen, trivial). Die Natur bleibt fortwährend, auch bei den Christen, der verborgene Hintergrund der Religion. Die den Unterschied Gottes vom Menschen begründenden Eigenschaften sind Eigenschaften der Natur (ursprünglich, der Grundlage nach). So Allmacht, Ewigkeit, Universalität usw. usw. Der wirkliche Inhalt Gottes ist nur die Natur; das heißt insofern Gott nur als Urheber, nicht als politischer und moralischer Gesetzgeber vorgestellt wird. – Polemik gegen die Schöpfung der Natur durch ein verständiges Wesen, gegen die Schöpfung aus Nichts usw. – meist „vermenschlichter“, das heißt in gemütliches, „Bürgerherzen“ ergreifendes Deutsch übersetztermaterialismus vulgaris[1]. – Die Natur in der Naturreligion ist nicht Gegenstand als Natur, sondern „als persönliches, lebendiges, empfindendes Wesen ... als Gemütswesen, das ist subjektives, menschliches Wesen“, Seite 138. Daher betet man sie an, sucht sie durch menschliche Beweggründe usw. usw. zu bestimmen. Dies kommt hauptsächlich daher, daß die Natur veränderlich ist. „Das Gefühl der Abhängigkeit von der Natur in Verbindung mit der Vorstellung der Natur als eines willkürlich tätigen, persönlichen Wesens ist der Grund des Opfers, des wesentlichsten Aktes der Naturreligion,“ Seite 140. Da aber der Zweck des Opfers ein „selbstsüchtiger“ ist, so ist der Mensch doch dasEndzielder Religion, die Gottheit des Menschen ihr Endzweck. – Folgen triviale Glossen und feierliche Auseinandersetzungen darüber, daß rohes Volk, das noch Naturreligion hat, auch Dinge zu Göttern macht, die ihm unangenehm sind, Pest, Fieber usw. „So wie der Mensch aus einem nur physikalischen Wesen einpolitisches, überhaupt von der Natur sich unterscheidendes und sich auf sich selbst konzentrierendes Wesen (!!!) wird, so wird auch sein Gott zu einem politischen, von der Natur unterschiedenen Wesen. „Daher“ kommt „der Mensch zur Unterscheidung seines Wesens von der Natur und folglich zu einem von der Natur unterschiedenen Gott zunächst nur durch seine Vereinigung mit anderen Menschen zu einemGemeinwesen, wo ihm von der Natur unterschiedene,nur in Gedanken oder in der Vorstellung existierende Mächte(!!!) die Macht des Gesetzes, der Meinung, der Ehre, der Tugend Gegenstand seines Abhängigkeitsgefühls ... wird.“ (Dieser scheußlich stilisierte Satz steht Seite 149.) Die Naturmacht, die Macht über Leben und Tod, wird herabgesetzt zu einem Attribut und Werkzeug der politischen und moralischen Macht. Intermezzo Seite 151 über Orientalen-Konservative und Okzidentalen-Progressisten. „Im Orientvergißtder Menschnichtüber den Menschen die Natur .... Der König selbst ist ihm nicht als ein irdisches, sondern als ein himmlisches, göttliches Wesen Gegenstand. Neben einem Gotte aber verschwindet der Mensch, erst wo die Erde sich entgöttert ... erst da haben die Menschen Raum und Platz für sich.“ (Schöne Erklärung, weshalb die Orientalen stabil. Wegen der vielen Götzenbilder, die den Raum wegnehmen.) Der Orientale verhält sich zum Okzidentalen wie der Landmann zum Städter, jener ist abhängig von derNatur, dieser vomMenschenusw. usw., „nur die Städter machen darum Geschichte“ (hier der einzige leise, aber etwas übelriechende Anhauch von Materialismus). „Nur wer die Macht derNaturder Macht derMeinung, seinLebenseinemNamen, seine Existenz imLeibeseiner Existenz im Munde und Sinne der Nachwelt aufzuopfern vermag, nur der ist fähig zu geschichtlichen Taten.“Voilà.[2]Alles, was nicht Natur ist, ist Vorstellung, Meinung, Flause. Daher ist auch „nur die menschliche ‚Eitelkeit‘ das Prinzip der Geschichte“! – Seite 152: „Sowie der Mensch zum Bewußtsein kommt, daß ... Laster und Torheit Unglück usw. usw., Tugend und Weisheit dagegen ... Glück zur Folge haben, folglich diedas Schicksal der Menschen bestimmenden MächteVerstand und Wille sind ... so ist ihm auch die Natur ein von Verstand und Wille abhängiges Wesen.“ (Übergang zum Monotheismus – Feuerbach teilt das obige illusorische „Bewußtsein“ von der Macht des Verstandes und Willens.) Mit der Herrschaft von Verstand und Willen über die Welt kommt dann derSupernaturalismus, die Schöpfung aus Nichts, und der Monotheismus, der noch speziell aus der „Einheit des menschlichen Bewußtseins“ erklärt wird. Daß der Eine Gott ohne denEinen Könignie zustande gekommen wäre, die Einheit des die vielen Naturerscheinungen kontrollierenden, die widerstreitenden Naturkräfte zusammenhaltenden Gottes nur das Abbild des Einen, die widerstreitenden, in ihren Interessen kollidierenden Individuen scheinbar oder wirklich zusammenhaltenden orientalischen Despoten ist, hat Feuerbach für überflüssig gehalten zu sagen. – Langer Kohl gegen die Teleologie, Kopie der alten Materialisten. Dabei begeht Feuerbach denselben Schnitzer gegenüber der wirklichen Welt, den er den Theologen vorwirft, gegen die Natur zu begehen. Er reißt schlechte Witze darüber, daß die Theologen behaupten, ohne Gott müsse sich die Natur in Anarchie auflösen (das heißt ohne den Glauben an Gott fiele sie in Fetzen), GottesWille, Verstand, Meinungsei das Band der Welt; und er selbst glaubt ja, dieMeinung, die Furcht vor der öffentlichenMeinung, vorGesetzenund anderenIdeenhielte jetzt die Welt zusammen. – Bei einem Argument gegen die Teleologie tritt Feuerbach ganz alslaudator temporis praesentis[3]auf. Die enorme Sterblichkeit der Kinder in den ersten Lebensjahren kommt daher, weil „dieNaturbei ihrem Reichtum ohne Bedenken Tausende der einzelnen Glieder aufopfert; es ist eine Folge natürlicher Ursachen, daß ... zum Beispiel im ersten Jahre ein Kind von drei bis vier, im fünfteneinsvon fünfundzwanzig usw. usw. stirbt“.