Chapter 12

Mit Ausnahme der wenigen, hier spezifizierten Sätze ist nichts zu bemerken. Über die geschichtliche Entwicklung der verschiedenen Religionen erfährt man nichts. Höchstens werden Beispiele aus ihnen zu[ge-]geben, um die obigen Trivialitäten zu beweisen. Die Hauptmasse des Artikels besteht aus Polemik gegen Gott und die Christen, ganz in der Weise, wie er’s bisher gemacht, nur daß jetzt, wo er sich erschöpft hat, trotz aller Wiederholungen des alten Kohls die Abhängigkeit von den Materialisten viel frecher hervortritt. Wenn man über die Trivialitäten über Naturreligion, Polytheismus, Monotheismus etwas sagen wollte, müßte man die wirkliche Entwicklung dieser Religionsformen dagegenstellen, wozu man sie erst studieren müßte. Das geht uns aber für unsere Arbeit ebensowenig an, wie seine Erklärung des Christentums. Für Feuerbachs positiv-philosophischen Standpunkt gibt der Aufsatz nichts Neues. Diepaar zu kritisierenden Sätze, die ich oben exzerpiert habe, bestätigen nur, was wir schon gesagt haben. Sieh doch, wenn Dich Feuerbach weiter interessiert, daß Du von Kießling direkt oder indirekt den ersten Band seiner gesammelten Werke einmal in die Finger bekommst, da hat er noch eine Art Vorwort geschrieben, worin noch was sein könnte. Ich habe Auszüge gesehen, wo Feuerbach von „Übeln des Kopfes“ und, „Übeln des Magens“ spricht, so eine schwache Art Apologie, warum er nicht sich um wirkliche Interessen bekümmert. Gerade wie er mir vor anderthalb Jahren schrieb. –

Eben erhalte ich Deinen Brief, der wegen meines Wohnungswechsels ein paar Tage in der alten Wohnung liegen blieb. Die Versuche mit den Schweizer Buchhändlern werde ich machen. Ich glaube aber schwerlich, daß ich unterkomme. Die Kerls haben alle kein Geld, um fünfzig Bogen zu drucken. Ich bin der Ansicht, daß wir nichts gedruckt kriegen, wenn wir die Sachen nichttrennenund die Bände einzeln unterzubringen suchen. Zuerst die philosophische Geschichte, die pressiert am meisten, und dann das andere. Fünfzig Bogen auf einmal ist so gefährlich groß, daß viele Buchhändler es schon deswegen nicht nehmen, weil sie es nicht können. Da war ja auch noch der Bremer Küttmann oder wie er hieß, den uns Moses und Weitling abspenstig machten; er wollte verbietenswürdige Bücher drucken, aber nicht viel bezahlen; wir können uns mit diesem Manuskript an ihn wenden, ganz gut. Was meinst Du, wenn man die Geschichte teilte, und dem einen den ersten, dem anderen den zweiten Band anböte? Der Vogler weiß die Adresse des Küttmann in Bremen. Der List ist so gut wie fertig.

Die Geschichten im Volkstribunen habe ich gesehen, vor ungefähr drei Wochen. Mir ist so was lächerlich Dummes noch nicht vorgekommen. Die Infamie des Bruder Weitling erreicht ihre Spitze in diesem Briefe an Kriege. Was übrigens das Detail angeht, so ist es mir nicht mehr erinnerlich genug, um darüber etwas sagen zu können. Ich bin aber ebenfalls der Meinung, daß man sowohl auf Krieges wie der Straubinger Proklamation repliziert, sie mit der Nase draufstößt, wie sie leugnen gesagt zu haben, was wir ihnen vorwerfen, während sie zugleich dieselben geleugneten Dummheiten wieder in ihrer Antwort proklamieren, und daß namentlich der Kriege mit seinem hochmoralischen Pathos und seiner Entrüstung über unseren Spott gehörig was aufs Dach kriegt. Da die Nummern eben jetzt unter den hiesigen Straubingern zirkulieren, sokann ich sie mir nicht verschaffen, ohne vier bis fünf Tage warten zu müssen.

Die hiesigen Straubinger bellen fürchterlich gegen mich. Namentlich drei bis vier „gebildete“ Arbeiter, die Ewerbeck und Grün in die Geheimnisse des wahren Menschentums eingeweiht. Aber ich bin vermöge einiger Geduld und etwas Terrorismus durchgedrungen, die große Menge geht mit mir. Der Grün hat sich vom Konnex losgesagt, und diese „Gebildeten“ hatten große Lust, mitzugehen. Da habe ich gerade durchgehauen, den alten Eisermann so eingeschüchtert, daß er nicht mehr kommt, und denKomm[unismus]oderNicht-Komm[unismus]kontradiktorisch diskutieren lassen. Heute abend wird abgestimmt, ob die Versammlung kommunistisch ist oder, wie die Gebildeten sagen, „für das Wohl der Menschheit“. Die Majorität ist mir sicher. Ich habe erklärt, wenn sie nichtKomm[unisten]wären, könnten sie mir gestohlen werden, da käme ich nicht mehr. Heute abend werden die Schüler Grüns definitiv gestürzt, und dann werde ich ganz aus dem Rohen anzufangen haben. – Von den Forderungen, die diese jebildeten Straubinger an mich machten, hast Du gar keine Vorstellung. „Milde“, „Sanftmut“, „warme Brüderlichkeit“. Ich habe sie aber gehörig gerüffelt, jeden Abend brachte ich ihre ganze Opposition von fünf, sechs, sieben Kerls (denn im Anfang hatte ich die ganze Butike gegen mich) zum Schweigen. Nächstens mehr über die Historie, die allerlei Lichter auf Herrn Grün wirft.

Proudhon soll in vierzehn Tagen nach hier kommen. Das wird schön werden.

Hier ist so was im Werke von einer Zeitschrift. Das Zigarrenmännlein Mäurer behauptet, Geld dazu bekommen zu können. Ich glaube dem Kerl aber nicht, bis das Geld da ist. Wird was daraus, so ist schon alles so eingerichtet, daß das Dingunsganz in die Hände kommt. Mäurer, dem ostensiblen Redakteur, habe ich das Recht gelassen, seinen eigenen Unsinn drin zu drucken, das ging nicht anders. Alles übrige geht durch meine Hände, ich habe absolutes Veto. Was ich schreibe, natürlich pseudonym oder anonym. Jedenfalls wird das Ding, wenn es zustande kommt, weder dem Heß, noch dem Grün, noch sonst einer wüsten Richtung in die Hände geraten. Es wäre ganz gut, um etwas zufegen. Sprich aber niemanden davon, ehe es zustande ist, es muß sich noch diese Woche entscheiden.

Lebe wohl und schreibe bald.

E.

[1]Vulgärer [das heißt oberflächlicher] Materialismus.

[2]So steht’s hier.

[3]Lobredner der Gegenwart.

Anschrift von Engels an einen Brief von F. Cöl. Bernays an Marx.

2. November 1846.

Lieber Marx!

Wo bleibt denn der lange versprochene weitläufige Brief? Schicke doch dem Bernays das Manuskript, er braucht nur das, was Du hast, das Gedruckte hat er noch. Nach Amerika hat er nichts geschickt, was dort gedruckt ist, ist es ohne sein Willen und Wissen. Es sind aber viele Exemplare gedruckt worden, von denen Leske nach allen Weltgegenden verschenkt haben kann. Wir werden dem Dings nachspüren. Vielleicht durch Grün oder Börnstein. Nach der Schweiz habe ich wegen des Manuskriptes geschrieben, aber es scheint, er läßt mich ohne Antwort. Außer diesem bleibt nur noch Jenny, mit dem habe ich einen Witz gemacht und wünsche nicht an ihn zu schreiben. Schlage mir in Dein Nächstes ein paar Zeilen für ihn bei, ich will’s abschicken, aber es ist nurpro forma, er nimmt’s gewiß nicht. Der erste, an den ich schrieb, ist der Verleger einer kleinen Broschüre von Bernays, aber wenn er auch akzeptiert, so ist er doch bankrott,à ce qu’écrit Püttmann.Voilà.[1]Ich verzwe[ifle] an der Schweiz. Guter Rat ist teuer. Wir werden in [der] jetzigen Schwulität gewiß keine drei Bände zusammen los werden; höchstens zwei Bände bei zwei ganz verschiedenen Verlegern. Schreibe hierüber auch. 23 Rue de Lille.

Dein E.

Erst jetzt las ich, was der Kleine da oben über seine Flucht aus der Einsamkeit geschrieben. Es ist gut, daß wir ihn hier haben, er wird allmählich wieder fidel. Grüße die janze Butik.

[1]Wie Püttmann schreibt. So steht’s.

[Fragment. Undatiert, vor 1848, wahrscheinlich Sommer 1846.]

... 7. Sollten sie die Paragraphen wegen Dividendenteilung in Paragraphen wegen Schadenteilung verwandeln, denn wenn alles das nicht wäre, so machen sie schon wegen des famosen Prinzips bankrott, den Schaden ganz zu tragen, aber den Profit zu teilen. Sie müßten also doppelt so gute Geschäfte machen wie jeder andere Buchhändler, um sich zu halten – es ist aber ein Faktum, daß alle bisherigen ausschließlich oder nur vorzugsweise mit verbotenen Schriften handelnden Buchhändler – Fröbel, Wigand, Leske – sichauf die Dauerruiniert haben: 1. durch Konfiskation, 2. durch Ausschließung von Märkten, die plusminus doch immer stattfindet, 3. durch Bemogelung von seiten der Kommissionäre und Sortimentshändler, 4. durch Polizeidrohungen, Prozesse usw., 5. durch die Konkurrenz der Buchhändler, die nur von Zeit zu Zeit etwas Anrüchiges drucken lassen, bei denen die Polizei also seltener einspricht, und die dabei doch mehr Chance haben, Manuskripte zu bekommen, welche ziehen, während jenen stereotypen der Schund und die nicht ziehenden Bücher bleiben. Der buchhändlerische Kampf mit der Polizei kann nur mit Profit geführt werden, wenn viele Verleger sich daran beteiligen, es istessentiellement[1]ein Guerillakrieg, und man verdient nur, wenn man selten so etwas riskiert. Der Markt ist nicht groß genug, um einespécialité[2]aus dem Artikel zu machen.

Es ist übrigens wurst, ob die Gesellschaft sich ruiniert, sie ruiniert sich doch, mag sie’s anfangen wie sie will; aber bei der Garantie ruiniert sie sich zu rasch, das gibt ein hitziges Fieber mit drei Krisen, von denen die dritte gewiß tödlich ist. Für die zu erwartende Zufuhr von Manuskript, die nicht übergroß sein wird, wäre eine gelinde Schwindsucht passender. Es ist nur schlimm, daß ihr Kapital zu sehr angegriffen wird, wenn sie selbst druckt. Sie müßte so viel haben, daß sie zirka anderthalb Jahre drucken könnte. Denn gesetzt, das Kapital sei gleich 3000 Taler, das sie imersten Jahreverwendet: die Ostermesseabrechnung bringt ihr, bei erträglichen Geschäften, zirka zwei Drittel, also 2000 Taler mindestens. Sie muß also noch wenigstens 1000 Taler fürs zweite Jahr über jene 3000 Taler haben. So bleibt stets zirka ein Drittel bis ein Viertel des Kapitals engagiert, in Krebsen, schlechten Zahlern usw. Vielleicht ließe sich dies unter Vorwand von allmählich abzahlbarem Vorschuß extra von den Aktionären aufbringen. Es ist übrigens nötig, sich vorher mit einem Buchhändler zu benehmen, um genau zu wissen, wieviel vom angelegten Kapital am Ende des ersten Jahres stecken bleibt, oder in wieviel Zeit man sein Gesamtkapital einmal umschlagen kann. Ich weiß das so genau nicht, ich habe aber Gründe, zu glauben, daß ich in den obigen Rechnungen eher zuwenig als zuviel stets engagiertes Kapital angenommen.

Der Herr Gerant mit seinen 20 Prozent vom Gewinn wird reich werden. Wenn in den Reservefonds auch 10 Prozent vom etwaigen Schaden kommen, so gibt das ein hübsches Minus.

Was die Garantie für dieSchriftstellerfür Folgen hat, davon will ich gar nicht sprechen. Ich bin der Meinung, daß man sieabschlagenmuß, wenn sie für größere Werke offeriert wird. Einmal die Gesellschaft auf dieser Basis etabliert, können wir keinem anderen Buchhändler mehr was antragen, ohne daß er glaubt, die Gesellschaft habe esrefüsiert. Davon abgesehen, daß dieselben Gründe, aus denen wir sie den Westfalen abschlugen, auch hier existieren. Weder unsere Ehre noch unser Interesse raten uns, darauf einzugehen.

Im einzelnen: Sieben im Tendenzkomitee sind zuviel. Drei, höchstens fünf sind genug. Man bekommt sonst Esel hinein oder gar Intriganten. Das Tendenzkomitee muß doch plus minus in Brüssel wohnen. Wo ist da bei sieben Mitgliedern eine Wahl möglich? Ist auch gar kein Grund, daß so viele sein sollen. Wir werden doch die Arbeit tun müssen, und ich bin dabei für mein Teil, was sollen uns also all die Beisitzer? Übrigens, wenn es den Gutachten des Tendenzkomitees geht wie denen der Provinzlandtage, wie dann? Es wird eine Heidenarbeit werden, all diese schriftlichen Gutachten, indessen daß wir uns dem entziehen, daran ist kein Gedanke. Wie gesagt, ich bin dabei für mein Teil. –Query?[3]Wenn die Bourgeois einen wahrhaft-sozialistischen Aufsichtsrat ernennen, der unsere Gutachten outrepassiert,[4]wie dann?

[1]Wesentlich.

[2]Spezialität.

[3]Frage.

[4]Überschreitet, das heißt über [die Gutachten] hinweggeht.

[Undatiertes Fragment, Jahreswende 1846/47.]

Lieber Marx!

Mein neulicher kurzer Brief an Gigot hatte folgende Gründe. Bei der Untersuchung über die Unruhen im Faubourg St. Antoine im Oktober wurden auch eine Masse verhafteter Deutscher inquiriert, der ganze zweite Schub bestand aus Straubingern. Einige dieser, jetzt über die Grenze spedierter Schafsköpfe müssen großen Unsinn über den Ewerbeck und über mich ausgesagt haben;in fact, es war bei der Lumpigkeit der Straubinger gar nichts anderes zu erwarten, als daß sie Heidenangst bekamen und verrieten, was sie wußten und mehr. Dazu kam, daß die Straubinger meiner Bekanntschaft, so geheimnisvoll sie mit ihren eigenen Lumpereien sind, über meine Zusammenkünfte mit ihnen schändlich Lärm geschlagen hatten. So sind diese Jungens. An der Barriere war vom edlen Eisermann, wie ich Euch wohl schon schrieb, ein kompletteravis aux mouchards[1]gegen mich losgelassen worden. J[ung]e beging auch einige grobe Unklugheiten; er hat etwas die Großmannsucht, er will auf Kosten derfranzösischen Regierung nach Calais und London spediert werden. Genug, Monsieur Delessert schickte mir und E[werbeck], dem längst Verdächtigen und unter einem bloß suspendierten Ausweisungsbefehl Stehenden, Mouchards über Mouchards auf den Hals, denen es gelang, uns bis an denmarchand de vins[2]zu verfolgen, wo wir zuweilen mit den Faubourger Bären zusammenkamen. Damit war bewiesen, daß wir die Chefs einer gefährlichen Clique seien, und bald daraus erfuhr ich, daß Monsieur Delessert bei Monsieur Tanneguy Duchâtel um einen Ausweisungsbefehl gegen mich und Ewerbeck eingekommen sei, und daß in dieser Sache ein famoser Aktenstoß auf der Präfektur liege. Natürlich hatte ich keine Lust, mich wegen Straubingers schaffen zu lassen. Ich hatte dergleichen Geschichten schon kommen sehen, als ich merkte, mit welcher Nonchalance die Straubinger in der ganzen Welt herumposaunten und überall diskutierten, wer recht habe, Grün oder ich. Ich war den Kram leid, zu bessern waren die Jungens doch nicht, nicht einmal gerade heraus kamen sie in der Diskussion, gerade wie die Londoner, und meinen Hauptzweck, den Triumph über Grün hatte ich erreicht. Die Gelegenheit war sehr schön, die Straubinger mit Ehren loszuwerden, so ärgerlich die Geschichte sonst auch war. Ich ließ ihnen also erklären, jetzt könne ich nicht mehr bei ihnen schulmeistern, im übrigen sollten sie sich in acht nehmen. Ewerbeck entschloß sich gleich zu einer Reise und scheint auch gleich abgegangen zu sein, wenigstens habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wohin er ist, weiß ich auch nicht.

Nach dem Kleinen (Bernays) hatte sich die Polizei auch umgesehen, aber der war wegen allerlei Abenteuer (es ist merkwürdig, was der für tolle Affären hat, so wie er den Fuß in die zivilisierte Welt setzt) wieder in sein altes Lokal abgezogen. Wann er wieder nach Paris kommt, weiß ich nicht, keinesfalls aber zieht er in das Quartier, wohin er ziehen wollte;die Dir deshalb gegebene Adresse taugt also nichts. Sein Manuskript hat er glücklich erhalten. Inzwischen bin ich der edlen Polizei dankbar dafür, daß sie mich aus der Straubingerei gerissen und mir die Genüsse dieses Lebens in Erinnerung gebracht hat. Wenn die verdächtigen Individuen, die mich seit vierzehn Tagen verfolgen, wirklich Mouchards sind, wie ich es von einigen sicher weiß, so hat die Präfektur in der letzten Zeit viel Entreebilletts für diebals[3]Montesquieu, Valentino, Prado usw. usw. ausgegeben. Ich verdanke Herrn Delessert ganz hübscheGrisettenbekanntschaften und viel Pläsier,car j’ai voulu profiter des journées et des nuits qui pouvaient être mes derniers à Paris.Enfin,[4]da man mich sonst bis jetzt in Ruhe gelassen hat, scheint alles sich gelegt zu haben. Adressiert aber in Zukunft alle Briefe an Monsieur A. F. Körner,artiste-peintre,[5]29 Rue neuve Bréda, Paris. Drinnen ein Kuvert mit meinen Initialen so, daß es nicht durchscheint. – –

Eben erhalte ich Antwort von dem Schweizer Verleger. Der Brief, der inliegend erfolgt, beweist mir erst recht, daß ihm nicht zu trauen. So freundschaftlich akzeptiert kein ordinärer Verleger, nachdem er Wochen hat warten lassen. Wir können jetzt sehen, was der Bremer schreibt, und dann auch noch immer tun, was wir wollen. Da ist auch noch der Kerl in Bellevue bei Konstanz, vielleicht ist mit dem was aufzustellen; wenn der Bremer nicht will, kann ich’s bei dem nochmal versuchen. Inzwischen will ich mich nochmal nach der Herisau erkundigen – hätten wir nur einen ordentlichen Kerl in der Schweiz, dem man das Manuskript mit Order, es nur gegen bar Geld auszuliefern, schicken könnte. Aber da ist nur der durstige Kindervater Pütt[mann]!

Als unschuldiges Nebenvergnügen habe ich in der letzten schlechten Zeit außer den Mädeln noch einigen Umgang mit Dänemark und dem übrigen Norden getrieben. Das ist Dir eine Sauerei. Lieber der kleinste Deutsche als der größte Däne! So ein Klimax von Moralitäts-, Zunft- und Ständemisere existiert nirgends mehr. Der Däne hält Deutschland für ein Land, wohin man geht, um „sich Maitressen zu halten und sein Vermögen mit ihnen durchzubringen“ (imedens at han reiste i Tydskland, harde han en Maitresse, som fortärede ham den bedste del af hans médler,[6]heißt es in einem dänischen Schulbuch!) – er nennt den Deutschen einentydsk windbeutelund hält sich für den echten Repräsentanten des germanischen Wesens, der Schwede verachtet wieder den Dänen als „verdeutscht“ und ausgeartet, schwatzhaft und verweichlicht, der Norweger sieht auf den verfranzösierten Schweden und seinen Adel herab und freut sich, daß bei ihm in Norwegen noch gerade dieselbe stupide Bauernwirtschaft herrscht, wie zur Zeit des edlen Kanut, und dafür wird er wieder vom Isländeren canaillebehandelt, der noch ganz dieselbe Sprache spricht, wie die schmierigen Wikinger von Anno 900, Transäuft, in einer Erdhütte wohnt und in jeder Atmosphäre kaputt geht, die nicht nach faulen Fischen riecht. Ich bin mehrere Male in Versuchung gewesen, stolz darauf zu werden, daß ich wenigstens kein Däne oder gar Isländer, sondern nur ein Deutscher bin. Der Redakteur des avanciertesten schwedischen Blattes, des Aftonblad, ist hier zweimal in Paris gewesen, um über die Organisierung der Arbeit ins klare zu kommen, hat sich jahrelang den Bon Sens und die Démocratie pacifique gehalten, mit Louis Blanc und Considérant feierlich unterhalten, aber er hat’s nicht kapieren können und ist so klug zurückgekommen, wie er wegging. Jetzt paukt er nach wie vor hier die freie Konkurrenz, oder, wie das auf schwedisch heißt, Nahrungsfreiheit oder auchsjelfförsörjningsfrihet, Selbstversorgungsfreiheit (das ist doch noch schöner als Gewerbefreiheit). Natürlich, die sitzen noch im Zunftdreck bis über die Ohren, und auf den Reichstagen sind gerade die Bürger die wütendsten Konservativen. Im ganzen Lande nur zwei ordentliche Städte à 80 000 und 40 000 Einwohner, respektive die dritte, Norrköping, hat nur 12 000, alles übrige so 1000, 2000, 3000. Alle Poststationen wohnt ein Mensch. In Dänemark ist’s kaum besser, da haben sie nur eine einzige Stadt, wo die gottvollsten Zunftprozesse vorfallen, toller als in Basel oder Bremen, und wo man nicht ohne Einlaßkarte auf die Promenade gehen darf. Das einzige, wozu diese Länder gut sind, ist, daß man an ihnen sehen kann, was die Deutschen tun würden, wenn sie Preßfreiheit hätten, nämlich wie die Dänen wirklich getan haben, sogleich eine „Gesellschaft für den wahren Gebrauch der freien Presse“ stiften und christliche, wohlmeinende Kalender drucken lassen. Das schwedische Aftonblad ist so zahm wie die Kölner Zeitung, hält sich aber für „demokratisch im wahren Sinne des Wortes“. Dafür haben die Schweden die Romane von Fröken[7]Bremer und die Dänen Herrn Etatsraad Öhlenschläger, Commandör af Dannebrogsordenen.[8]Auch gibt es schrecklich viel Hegelianer dort, und die Sprache, in der jedes dritte Wort aus dem Deutschen gestohlen ist, paßt famos für die Spekulation.

Ein Bericht ist seit lange angefangen und folgt dieser Tage. Schreibe mir, ob Ihr Proudhons Buch habt. Wenn Du von dem Proudhonschen Buche, welches schlecht ist, für Dein Buch profitieren willst, so will ich Dir meine sehr ausführlichen Exzerpte schicken. Es ist nicht die 15 Franken wert, die es kostet.

[Fr. Engels.]

[1]Benachrichtigung der Spitzel.

[2]Weinausschänker.

[3]Bälle, beziehungsweise Ballokale.

[4]Denn ich wollte die Tage und Nächte ausnutzen, die meine letzten in Paris sein konnten. Schließlich ...

[5]Kunstmaler.

[6]Während er in Deutschland reiste, hielt er sich eine Maitresse, die den größten Teil seiner Mittel verzehrte.

[7]Fräulein.

[8]Kommandant des Danebrogsorden.


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