1848
Paris, 14. Januar 1848.
Lieber Marx!
Wenn ich Dir nicht geschrieben habe, so lag das daran, daß ich bis heute den verfluchten Louis Blanc noch immer nicht zu fassen kriegen konnte.Décidément il y met de la mauvaise volonté.[1]Aber ich packe ihn doch – ich gehe alle Tage hin oder laure ihm im Café auf. Mitpère[2]Flocon dagegen ist was zu machen. Er ist entzückt über die Manier, wie die Brüsseler Zeitung und der Northern Star die Réforme gegen den National verteidigt haben. Selbst dieblâme[3]gegen Louis Blanc und Ledru-Rollin haben ihn nicht irre gemacht; ebensowenig meine Erklärung, wir hätten uns jetzt in London entschieden, öffentlich als Kommunisten aufzutreten. Er machte natürlich schöne Sachen geltend:Vous tendez au despotisme, vous tuerez la révolution en France, nous avons onze millions de petits paysans qui sont en même temps les propriétaires les plus enragés etc. etc.,[4]obwohl er auch auf die Bauern schimpfte, aberenfin, dit-il, nos principes sont trop rapprochés les uns des autres pour que nous ne devions pas marcher ensemble; quant à nous nous vous appuierons autant que sera dans notre pouvior etc.[5]
Heine ist am Kaputtgehen. Vor vierzehn Tagen war ich bei ihm, da lag er im Bett und hatte einen Nervenanfall gehabt, gestern war er auf, aber höchst elend. Er kann kaum drei Schritte mehr gehen, er schleicht, an den Mauern sich stützend, vom Fauteuil bis ans Bett undvice versa.[6]Dazu Lärm in seinem Hause, der ihn verrückt macht, Schreinern, Hämmern usw. Geistig ist er auch etwas ermattet. Heinzen wollte zu ihm, wurde aber nicht vorgelassen.
Bei Herwegh war ich auch gestern. Hat nebst Familie die Grippe und viel Besuch von alten Weibern. Er sagte mir, daß der zweite Band von Louis Blanc ganz verdunkelt werde durch den enormen Sukzeß vonMichelets zweitem Band. Ich habe beide noch nicht gelesen, weil ich wegen Geldmangel mich nicht im Lesekabinett abonnieren konnte. Übrigens ist der Micheletsche Sukzeß nur durch seine Suspension und seine Bürgerlichkeit zu erklären.
Mit dem B[und] geht’s hier miserabel. Solche Schlafmützigkeit und kleinliche Eifersucht der Kerls untereinander ist mir nie vorgekommen. Die Weitlingerei und Proudhonisterei sind wirklich der kompletteste Ausdruck der Lebensverhältnisse dieser Esel, und daher ist nichts zu machen. Die einen sind echte Straubinger, alternde Knoten, die anderen angehende Kleinbürger. Eine Klasse, die davon lebt, daß sie wie Irländer den Franzosen den Lohn drückt, ist total unbrauchbar. Ich mache jetzt noch einen letzten Versuch,si cela ne réussit pas, je me retire de cette espèce de propagande[7]. Hoffentlich kommen die Londoner Papiere bald und werden die Geschichte wieder etwas beleben; ich werde dann den Moment benutzen. Da die Kerle bis jetzt gar kein Resultat des Kongresses sehen, werden sie natürlich vollends schlapp. Ich bin mit einigen neuen Arbeitern, die mir Stumpf und Neubeck zugeführt, in Verbindung, es ist aber nicht zu sagen, was daraus zu machen ist.
Sage dem Bornstedt: 1. Er soll mit seinen Abonnements bei den hiesigen Arbeitern nicht mit so geschäftsmäßiger Strenge auftreten, sonst verliert er sie alle; 2. der Agent, den ihm der Moses verschafft, ist ein lamentierender Schlappschwanz und sehr eitel, aber der einzige, der sich noch damit befassen will und kann, er soll ihn also nicht froissieren [abstoßen], der Kerl hat sich auch geplagt, aber er kann kein Geld zusetzen, was er übrigensschon getanhat. Er muß aus dem Geld, das ihm einkommt, doch die Kosten decken, die ihm die Korrespondenz usw. machte; 3. wenn er einzelne Nummern herschickt, nie mehr als 10 bis 15 von einer Nummer höchstens, und zwardurch Gelegenheit. Die Pakete [Lücke] ... das Ministerium Duchâtel, wo sie mit Zeitverlust geholt werden müssen, und wo das Ministerium einen furchtbaren Portoaufschlag erhebt, um diesen Commerce zu ruinieren. So ein Paket kostet 6 bis 8 Franken, und was ist da zu machen, wenn es gefordert wird? Esselenz in Lüttich wollte einengarde de convoi[8]stellen, der das besorgte; schreib doch nach Lüttich, daß das eingerichtet wird; 4. die Nummern, die noch hier waren, sind durch Gelegenheit nach Süddeutschland geschickt.Wenn sich Gelegenheit bietet, so soll Bornstedt noch einige neue Nummern herschicken, um Propaganda in Cafés usw. zu machen. 5. Wird Bornstedt dieser Tage einen Artikel und die Geschichte über die preußischen Finanzen erhalten. Du mußt aber das wegen der Ausschüsse von 1843 nochmals durchsehen und das Nötige ändern, da es aus sehr wüster Erinnerung aufgeschrieben ist.
Wenn die Geschichte mit Mosi dahin führt, daß Du ihn in der Brüsseler Zeitung attackierst, so soll sie mich sehr freuen. Wie der Kerl noch in Brüssel bleibt, ist mir unbegreiflich.En voilà encore une occasion pour l’exiler à Verviers.[9]Das mit der Réforme soll besorgt werden.
Dein E.
Nach dem Ausbruch der Februarrevolution glaubte die belgische Regierung im Interesse der öffentlichen Ordnung Marx und Wilhelm Wolff aus Belgien ausweisen zu müssen. Bei dieser Gelegenheit wurden Marx und seine Frau widerrechtlich verhaftet und für eine Nacht ins Gefängnis gesperrt. Die Entrüstung darüber war in Brüssel sehr groß, so daß der Munizipalrat den Polizeikommissar, der die Verhaftung angeordnet hatte, absetzte. Im Briefe Nr. 25 berichtet Engels über den Verlauf der Affäre. Marx ging nach Paris, Engels von Paris nach Brüssel.
[1]Entschieden, er handelt da mit bösem Willen.
[2]Vater.
[3]Tadel.
[4]Ihr neigt zum Despotismus, ihr werdet die Revolution in Frankreich töten; wir haben elf Millionen Kleinbauern, die zugleich die fanatischsten Eigentümer sind usw. usw.
[5]Schließlich, sagt er, sind unsere Prinzipien einander zu nahe verwandt, als daß wir nicht zusammengehen sollten. Was uns anbetrifft, so werden wir euch soviel in unseren Kräften steht unterstützen.
[6]Umgekehrt, wieder zurück.
[7]Wenn das nicht glückt, ziehe ich mich von dieser Art Propaganda zurück.
[8]Zugführer (im Eisenbahndienst).
[9]Das ist noch ein Anlaß, ihn nach Verviers zu exilieren.
[Aus Brüssel]
13 Rue neuve, Chaussée du Louvain, 9. März 1848.
Lieber Marx!
Ich hoffe morgen einen Brief von Dir zu haben.
Hier ist alles ruhig. Sonntag abend hat Jottrand die Geschichte mit Dir und Deiner Frau in der Association Démocratique erzählt. Ich kam zu spät, um sie anzuhören, und hörte bloß noch einige wütende flämische Bemerkungen von Pellering. Auch Gigot sprach und kam darauf zurück. In die Emancipation brachte Lubliner einen Artikel deswegen. Die Advokaten hier sind wütend, Maynz will, man soll die Sache gerichtlich verfolgen und Du sollst Dich alsPartie civile[1]konstituieren, wegen der Domizilverletzung usw. usw. Auch Gigot soll klagen. Es wäre sehr gut, wenn man’s täte, obwohl die Regierung hat sagen lassen, man würde den Kerl absetzen. Castiau ist gestern von Maynz mit den nötigen Akten versehen worden, um deswegen zu interpellieren, ich denke morgenoder übermorgen kommt’s vor. Die Sache hat große Sensation gemacht und sehr geholfen, den Deutschenhaß zu besänftigen.
Lupus ist vorigen Sonntag 11 Uhr morgens auf die Eisenbahn gebracht und nach Valenciennes besorgt, von wo aus er geschrieben und wo er noch sein wird. Er war vor keinem Tribunal. Man hat ihn nicht einmal zu [am] Hause vorbeigeführt, um seine Sachen zu nehmen! – Mir hat man nichts getan. Nach Redensarten, die die Kerls haben fallen lassen, scheuen sie sich, mich auszuweisen, weil sie mir damals einen Paß gegeben haben, was man gegen sie geltend machen könnte.
Die Geschichte in Köln ist unangenehm. Die drei besten Leute sitzen. Ich habe einen aktiven Teilnehmer an der Geschichte gesprochen. Sie wollten losschlagen, aber statt sich mit Waffen zu versehen, die leicht zu haben waren, gingen sie vors Rathaus, unbewaffnet, und ließen sich zernieren. Es wird behauptet, daß der größte Teil der Truppen für sie war. Die Sache war unvernünftig dumm angefangen; wenn die Berichte des Kerls richtig sind, so hätten sie ruhig losschlagen können und wären in zwei Stunden fertig gewesen. Aber schrecklich dumm war alles angelegt.
UnserealtenFreunde in Köln scheinen sich sehr zurückgehalten zu haben, obwohl sie mit beschlossen hatten loszubrechen. Der kleine D’E[ster], D[aniels], B. [?], waren einen Augenblick da, gingen aber gleich wieder fort, obwohl der kleine Dr. im Stadtrat grade nötig war.
Die Nachrichten aus Deutschland sind sonst famos. In Nassau eine vollendete Revolution, in München die Studenten, Maler und Arbeiter in voller Insurrektion, in Kassel die Revolution vor der Tür, in Berlin grenzenlose Angst und Zaudern, in ganz Westdeutschland Preßfreiheit und Nationalgarde proklamiert; vorderhand ist das genug.
Wenn doch der F. W. IV.[2]sich starrköpfig hielte! Dann ist alles gewonnen, und wir haben in ein paar Monaten die deutsche Revolution. Wenn er nur an seinen feudalen Formen hielte! Aber der Teufel weiß, was dies launige und verrückte Individuum tun wird.
In Köln ist die ganze kleine Bourgeoisie für Anschluß an die französische Republik; die 1797er Erinnerungen herrschen augenblicklich vor.
Tedesco sitzt noch immer. Ich weiß nicht, wann er vor Gericht kommen wird.
Wegen Deiner Geschichte ist ein fulminanter Artikel an den Northern Star abgegangen.
Sonntag abend in der Sitzung der demokratischen Gesellschaft merkwürdige Ruhe. Eine Petition an die Kammern beschlossen wegen sofortiger Auflösung und neuer Wahlen nach dem neuen Zensus. Die Regierung will nicht auflösen, aber sie wird müssen. Morgen abend wird die Petition angenommen undséance tenante[3]gezeichnet werden. Die Jottrand-Petition an den Bürgermeister und Stadtrat hat eine sehr höflich ablehnende Antwort erhalten.
Von der Ruhe, die hier herrscht, hast Du keinen Begriff. Gestern abend Karneval, ganz wie sonst; von der französischen Republik ist kaum noch die Rede. Die französischen Blätter erhält man in den Cafés fast ohne Schwierigkeiten und Warten. Wenn man nicht wüßte, daß siemüssen,tant bien que mal,[4]so sollte man glauben, hier sei alles aus.
Jottrand hat Sonntag – in seiner Wut über Deine Verfolgung – eine recht gute Rede gehalten; diesévices[5]des Rogier haben ihn dahin gebracht, den Klassengegensatz anzuerkennen. Er schimpfte sehr auf die großen Bourgeois und ließ sich in – allerdings ziemlich platte und illusorische, aber doch ökonomische Detail ... [Lücke], um der kleinen Bourgeoisie zu beweisen, daß ... [Lücke] wohlbezahlte und viel konsumierende Arbeiterklasse in einer Republik bessere Kunden für sie seien als ein Hof und eine wenig zahlreiche Aristokratie. Ganzà laO’Connor. – Die Zeit ist vorbei, diesen Brief auf die Post zu geben – ich schließe morgen.
Donnerstag.Nichts Neues – Deinen Artikel habe ich in der Réforme gesehen – in England ist ja auch Krawall,tant mieux.[6]Wenn Du bei Ankunft dieses noch nicht geschrieben haben solltest, so schreibe mir doch gleich. Eben kommt aus lauter Ironie meine Bagage von Paris an – kostet mich 50 Franken mit Zoll usw. Der Polizeikommissar-Adjoint, der zu Dir kam, soll schon abgesetzt sein. Die Geschichte hat hier bei den Kleinbürgern große Entrüstung gesetzt.
Adieu!
Dein Engels.
[1]Zivilkläger.
[2]Friedrich Wilhelm IV.
[3]Während der Sitzung.
[4]Wohl oder übel.
[5]Gewalttätigkeiten des [Ministers] Rogier.
[6]Um so besser.
Paris, 10 Rue neuve Ménilmontant (Boulevard Beaumarchais). Anfang März 1848.
Lieber Engels!
Laß Dir von Breyer die 100Frankenzahlen, die er mir hoch und teuer versprach, in einer Woche wiederzugeben, von Gigot 30, vonHeß 10. Ich hoffe, daß Breyer in diesem Augenblick sein Versprechen halten wird.
Maynz wird den Wechsel bei Cassel von 114 Franken einlösen und Dir auszahlen. Diese verschiedenen Summen nimm zusammen und verbrauche sie. Auf der Réforme sprach man freundlich von Dir. Flocon ist krank, ich habe ihn noch nicht gesehen. Das von Seiler ausgebreitete Gerücht ist unter den Deutschen allgemein zirkulierend. Allard ist bis jetzt noch nicht von der Revolution beiseite geschoben. Ich rate Dir, herzukommen.
Zentralbehörde ist hier konstituiert worden, da Jones, Harney, Schapper, Bauer, Moll sich hier befinden. Man hat mich zum Präsidenten und Schapper zum Sekretär ernannt. Mitglieder sind: Wallau, Lupus, Moll, Bauer und Engels.
Jones ist gestern nach England abgereist. Harney ist krank.
Salut!
Dein K. M.
[Brüssel, erste Hälfte März 1848.]
Lieber Marx!
Ich werde Deine Sachen besorgen.
Schreibe ein paar Zeilen an M. Victor Faider,avocat, entweder direkt oder durch Einlage an Bloß: wodurch Du ihm dankst für die Schritte, die er in Deinem und Deiner Frau Interesse getan hat, und ihn autorisierst, fernere Schritte zu tun. Faider, der sich plötzlich als eifriger Republikaner herausgebissen hat, hat sich nämlich zu Deinem Verteidiger konstituiert und wird dem Moniteur Belge als solcher antworten und die Sache betreiben. Er hofft, Du werdest ihn nicht desavouieren, und damit er entschieden auftreten kann, ist es gut, daß er das Blättchen von Dir bekommt. Es ist besser, daß ein Belgier die Sache betreibt, als wenn Maynz es tut, und da er sich dazu angeboten hat, so wird er seine Sache auch wohl ordentlich machen.
DieFeuille de Route[1]schicke doch ja. Das Ding ist sehr wünschenswert; Maynz fragt mich alle Tage danach.
Tedesco ist frei und gleich nach Lüttich fort, ohne einen Menschen zu sehen. Esselenz war einige Tage hier, aber er hatte ihn nicht gesehen.
Hier herrscht eine Finanz-, Börsen-, Industrie- und Handelskrisis ohnegleichen. Der Commerce jammert arbeitslos auf dem Café Suisseherum, die Herren Kauwerz, Laufs und Konsorten schleichen umher wie bepißte Pudel, die Arbeiter haben Rassemblements[2]gemacht und petitioniert; große Brotnot allgemein. Bares Geld nirgends zu haben, und dabei einemprunt forcé[3]von 60 Millionen! Sie kriegen hier die Republik durch die Börse aufgedrängt.
Lüning findet bei seiner Rückkehr hierher die Nachricht vor, daß in Preußen auf ihn gefahndet wird; er wird seine Frau herkommen lassen und nach Paris kommen. Der Dronke war vor seiner Flucht durch Willich und Konsorten in den Bund aufgenommen worden. Ich habe ihn hier einem neuen Examen unterworfen, ihm unsere Ansichten vorgetragen, und da er sich einverstanden erklärte, ihn bestätigt. Man hätte nichts anderes tun können, selbst wenn mehr oder weniger Bedenken dagewesen wären. Indes ist der Kerl sehr bescheiden, sehr jung und scheint sehr zugänglich, so daß ich glaube, daß er mit einiger Aufsicht und einigem Studium gut werden wird. Er revozierte mir gegenüber alle seine früheren Schriften. Er wohnt leider bei Moses, der ihn einstweilen also bearbeiten wird, aber das hat bekanntlich nichts zu sagen. Bei Lüning, an den er sich schrecklich angekittet hatte, bedurfte es zweier Worte, um ihn aus dem Sattel zu heben.
Moses ist übrigens freundschaftlicher denn je – den Kerl begreife einer!
Bei Cassel kann ich nichts tun, da Maynz, nicht ich, Order hat. Breyer beruft sich aus die Finanzkrisis, auf die Unmöglichkeit, seine alten Wechselschulden jetzt prolongieren zu lassen, auf die Zahlungsweigerung seiner gesamten Klientel. Er erklärt sogar, sein einziges Roß verkaufen zu wollen. Ich werde indes sehen, was zu kriegen ist, denn mit dem Geld von Maynz komme ich kaum aus, und das von Heß, der zuerst gezahlt, ist bereits den Weg alles Fleisches. Gigot ist auch in Schwulitäten. Ich werde noch heute mal zu Breyer gehen.
In denDébat social[4]kommt morgen eine ausführliche Widerlegung,mot pour mot,[5]des Moniteurs.
Dem Faider füge noch hinzu: wenn er eine spezielle Vollmacht haben müsse, so werdest Du sie ihm schicken.
Schreibe auch ein paar Zeilen an M. Bricourt,membre de la Chambre des Représentants, der sehr gut für Dich in der Kammer aufgetreten ist und den Minister auf Maynz’ Ansuchen scharf interpelliert und die Enquete wegen der Geschichte durchgesetzt hat. Er ist Repräsentant für Charleroi und nach Castiau der beste. Castiau war gerade in Paris.
Sieh den inliegenden Wisch durch und schicke ihn an die Réforme. Die hiesigen Kerls müssen fortwährend geärgert werden.
Si c’est possible,[6]so reise ich Montag ab. Aber die Geldwirtschaft kommt mir immer in die Quere.
Von England höre ich durchaus nichts, weder durch Briefe noch Stars.
In Deutschland geht die Sache wahrhaftig sehr schön; überall Emeuten, und die Preußen geben nicht nach.Tant mieux.[7]Wir werden hoffentlich nicht lange in Paris zu bleiben haben.
Daß Ihr den Bornstedt hinauswerft, ist sehr gut. Der Kerl hat sich so unzuverlässig erwiesen, daß man ihn wirklich beseitigen muß aus dem Bund. Er und Weerth sind jetzt all ... und Weerth läuft als wütender Republikaner hier herum.
Der Lamartine wird jeden T[ag] ....rlicher. Dieser Mensch wendet sich ja in allen seinen Reden nur an die Bourgeois und sucht sie zu beruhigen. Auch die Wahlproklamation der provisorischen Regierung ist ja ganz an die Bourgeois gerichtet, um sie zureassurieren.[8]Kein Wunder, daß die Kerls dabei frech werden.
Adios, au revoir![9]
F. E.
Alle Briefe hierher unter der angegebenen Adresse; Bl[oß] wird sieen mon absence[10]an Gi[got] geben.
[1]Marschroute, beziehungsweise Zwangspaß.
[2]Aufläufe.
[3]Zwangsanleihe.
[4]Soziale Debatte. [Titel eines in Brüssel herausgegebenen sozialistischen Wochenblatts.]
[5]Wort für Wort.
[6]Wenn es möglich ist.
[7]Um so besser.
[8]Beruhigen.
[9]Auf Wiedersehen.
[10]In meiner Abwesenheit.
[Paris], 16. März 1848.
Lieber Engels!
Ich habe in diesen Tagen keinen Augenblick Zeit, um ausführlicher zu schreiben. Ich beschränke mich auf das Nötige.
Flocon ist sehr gut gegen Dich gesinnt.
Die hiesigen Straubinger widmen Dir alle mehr oder minder Wut.
Was meine Sachen angeht, nimm sie mit bis Valenciennes und laß sie dort plombieren. Ich werde alles frei bekommen. Was dasSilberangeht, so hat es schon hier in Paris den Stempel erhalten. In Valenciennes mußt Du aber jedenfalls zu dem Manne gehen, der auf einliegender Adresse steht. Meine Frau hat ihm auf Voglers Rat die Schlüssel der Koffer (die in Brüssel sind) zugeschickt, aber ohne Begleitbrief. Diese Schlüssel mußt Du bei ihm abholen, da man uns sonst alles auf der hiesigen Douane aufbricht.
Was die Gelder angeht, so erkläre demCassel, er solle Dir den Wechsel herausgeben, wenn er ihn nicht zahlen will. Baillut wird ihn dann vielleicht zahlen.
Laß den Gigot abrechnen und wenigstens den Rest geben.
Was den Breyer angeht, so mußt Du noch einmal zu ihm und ihm dieGemeinheitvorstellen, die darin liegt, wenn er mein Pech benutzt, um nicht zu zahlen. Wenigstens einen Teil muß er Dir schaffen. Die Revolution hat ihn keinenSou gekostet.
Hier wird die Bourgeoisie wieder gräßlich frech und reaktionär,mais elle verra.[1]
Bornstedt und Herwegh benehmen sich sehr töricht. Sie haben hier einen schwarzrotgoldenen Vereincontre nous[2]gestiftet. Ersterer wird heute aus dem Bunde ausgestoßen.
Dein M.
Diefeuille de route[3]finde ich in diesem Moment nicht und dieser Brief muß fort.
Setze Gigot ab, wenn er nicht Tätigkeit entwickelt. Der Kerl sollte in diesem Moment energisch sein. Grüße Maynz herzlich von mir, ebenso Jottrand. LetzterenDébat socialhabe ich empfangen. Auch einen Gruß an Vogler. Maynz und Jottrand werde ich ausführlich schreiben. Lebe wohl.
[Karl Marx.]
Die zwei Tage später ausgebrochene Märzrevolution führte Marx nach Köln, wo er sich um die Gründung einer radikal-demokratischen Zeitung bemühte, die dann den Titel Neue Rheinische Zeitung erhielt. Marx wurde hierbei von Engels, der sich in Barmen befand, aufs lebhafteste unterstützt. Siehe dieBriefe 29,30,31.
[1]Aber sie wird sehen.
[2]Gegen uns.
[3]Zwangspaß.
Köln, Apostelnstr. 7, [Mitte April 1848.]
Lieber Engels!
Es ist hier schon ziemlich viel gezeichnet [Aktien für die geplante Neue Rheinische Zeitung], und wir werden wohl bald anfangen können. Jetzt ist es aber nötig, daß Du Deinem Alten gegenüber Forderungen stellst und überhauptdefinitiverklärst, was in Barmen und Elberfeld zu machen ist.
An Hecker in Elberfeld hat man von hier einen Prospekt (von Bürgers geschrieben) usw. hingeschickt.
Hast Du keine Adresse für Dronke? Dem muß sofort geschrieben werden. Antworte umgehend. Ich würde einmal da herüberkommen, sähe es nicht zu ängstlich bei Euch aus.
Dein M.
B[armen], 25. April 1848.
Lieber Marx!
Den Prospekt erhalte ich soeben nebst Deinem Briefe. Auf Aktien von hier ist verdammt wenig zu rechnen. Der Blank, an den ich schon früher deswegen geschrieben und der noch der Beste von allen ist, ist in Praxi ein Bourgeois geworden; die anderen noch mehr, seit sie etabliert sind und mit den Arbeitern in Kollisionen gekommen. Die Leute scheuen sich alle wie die Pest vor der Diskussion der gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei. Ich habe die schönsten Redensarten verschwendet, alle mögliche Diplomatie aufgeboten, aber immer schwankende Antworten. Ich mache jetzt noch einen letzten Versuch, scheitert der, so ist alles am Ende. In zwei bis drei Tagen hast Du positive Nachricht, wie er ausgefallen, die Sache istau fond[1]die, daß auch diese radikalen Bourgeois hier in uns ihre zukünftigen Hauptfeinde sehen, und daß sie uns keine Waffen in die Hand geben wollen, die wir sehr bald gegen sie selbst kehren würden.
Ans meinem Alten ist vollends nichts herauszubeißen. Für den ist schon die Kölner Zeitung ein Ausbund von Wühlerei, und statt tausend Talern schickte er uns lieber tausend Kartätschkugeln auf den Hals.
Die avanciertesten hiesigen Bourgeois finden ihre Partei zu ihrer ziemlichen Zufriedenheit durch die Kölnische Zeitung vertreten.Que veux-tu qu’on fasse, alors?[2]
Moses’ Agent, Schnaake, war vorige Woche hier, scheint auch gegen uns verleumdet zu haben.
Von Dronke habe ich keine andere Adresse als etwa die: Kaufmann Adolf Dominicus in Koblenz (sein Onkel). Sein Alter existiert in Fulda, ich glaube als Gymnasialdirektor. Das Nest ist klein. Dr. E. Dronke junior in Fulda würde ihn wohl treffen, wenn er da ist. Es ist aber abgeschmackt, daß er nicht wenigstens schreibt, wo er ist.
Von Ewerbeck hatte ich einen Brief, er fragt, ob wir einen angeblich wichtigen, nach Mainz unter bekannter Adresse abgeschickten Brief von ihm erhalten? Hast Du ihn nicht, so schreibe deswegen nachMainz (Schullehrerkandidat Philipp Neubeck, Rentengasse, Heiliger Geist, Mainz).
Ewerbeck läßt in Paris das Manifest ins Italienische und Spanische übersetzen und will zu diesem Behuf 60 Franken eingesandt haben, die er sich zu zahlen verpflichtet. Das ist wieder so eine seiner Geschichten. Die Übersetzungen werden schön sein.
Ich bin an der englischen Übersetzung, die mehr Schwierigkeiten macht, als ich glaubte. Aber die Hälfte ist indes fertig, und bald wird das Ganze fertig sein.
Wenn ein einziges Exemplar unserer 17 Punkte[3]hier verbreitet würde, so wäre hier alles verloren für uns. Die Stimmung bei den Bourgeois ist wirklich niederträchtig. Die Arbeiter fangen an, sich etwas zu regen, noch sehr roh, aber massenhaft. Sie haben sofort Koalitionen gemacht. Das aber ist uns gerade im Wege. Der Elberfelder politische Klub erläßt Adressen an die Italiener, spricht sich für direkte Wahl aus, aber weist jede Debatte sozialer Fragen entschieden ab, obwohl unter vier Augen die Herren gestehen, diese Fragenkämenjetzt an die Tagesordnung, und dabei bemerken, wir dürften darin der Zeit nicht vorgreifen!
Adios. Laß bald Näheres hören. Ist der Brief nach Paris abgegangen, und hat er Resultate gehabt?
Dein E.
[1]Im Grunde.
[2]Was meinst Du, daß man da machen soll?
[3]Es sind die 17 Punkte gemeint, die die neue Zentralbehörde in Paris als „Forderungen der kommunistischen Partei in Deutschland“ aufgestellt hatte.
Barmen(?), 9. Mai 1848.
Lieber Marx!
Hierbei:
1. Die Liste der bis jetzt gezeichneten Aktien, 14 an der Zahl.2. Eine Vollmacht für Dich.3. Eine für D’Ester (der B. ist ein Bekannter von ihm).4. Eine für Bürgers.
Es ließ sich nicht vermeiden, daß Bornstedt und Hecker ihre Vollmacht an persönlich Bekannte geben.
Hühnerbein wird, für sich und zwei Hiesige, selbst dort erscheinen.
Die Liste ist noch nicht geschlossen. Den Laverrière und Blank habe ich trotz xmaligem Besuch nicht getroffen. Zulauff hat den ersteren übernommen.
Zwei andere, bei denen ich nichts ausrichtete, wird Hecker bearbeiten.
Heute geht Jul. nach Ronsdorf, wo er gute Aussichten hat.
Die beiden Sorten Leute, die am meisten Schwierigkeiten machen, sind erstens die jungenrépublicains en gants jaunes,[1]die für ihr Vermögen fürchten und Kommunismus wittern, und zweitens die Lokalgrößen, die uns für Konkurrenten halten. Weder Nohl noch Bracht waren zu bewegen. Von den Juristen ist Bohnstedt der einzige, mit dem was zu machen. Überhaupt haben wir vergebliche Gänge genug gehabt.
Morgen gehe ich auf zwei Tage nach Engelskirchen. Laßt mich sogleich die Resultate der Aktionärversammlung wissen. Zu einer Bundesgemeinde ist ebenfalls der Anfang gemacht.
Dein Engels.
Der Brief Nr. 32 und die zwei folgenden Briefe sind an Engels in der Schweiz gerichtet. Anläßlich der Septemberunruhen (siehe Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, 1. Band, Seite 123 bis 126) hatte die Kommandantur den Belagerungszustand über Köln verhängt und unter anderem die Neue Rheinische Zeitung suspendiert. Um den Verhaftsbefehlen zu entgehen, waren die meisten Redakteure über die Grenze gegangen. Am 12. Oktober konnte die Zeitung wieder erscheinen, nachdem sich die versprengte Redaktion allmählich wieder gesammelt hatte. Neu eingetreten war Ferdinand Freiligrath. Engels blieb vorläufig in der Schweiz, um von dort aus an der Neuen Rheinischen Zeitung mitzuarbeiten.
[1]Republikaner in gelben Handschuhen.
[Undatiert. November 1848.]
Lieber Engels!
Da Dein Brief erst jetzt abends ankommt, ist es keine Zeit mehr, nach Wechseln sich umzutun. Es ist selbst nicht mehr Zeit, nach meinem Hause zu gehen. Ich schicke Dir Einliegendes, was gerade vorrätig ist und zudem eine Anweisung von 50 Taler von Schulz auf einen Bürger in Genf, wo Du auch sonstige Hilfe finden kannst.
Ich habe schon vor langer Zeit an Dich und Dronke nach Paris 50 Taler und zugleich nach Brüssel an Gigot Deinen Paß geschickt.
Die Zeitung erscheint seit dem 11. September wieder,tale quale.[1]Näheres Dir darüber zu schreiben, jetzt nicht der Moment, da Eile nötig. Sobald Du irgend kannst, schreibe Korrespondenzen und längere Artikel. Ich bin jetzt, da alle außer Weerth, Naut und Freiligrath erst seit einigen Tagen eingetreten, bis über die Ohren beschäftigt, komme gar nicht zuausführlicheren Arbeiten, und zudem tut das Parkett[2]alles, um mir Zeit zu stehlen.
Schreibe umgehend.Soll ich Deine Wäsche usw. schicken? Plasmann sofort dazu bereit. Dein Vater hat ihn übrigens bezahlt.
Übrigens hat Dein Alter an Gigot geschrieben, wo Du seiest. Er will Dir, wie er sagte, Geld schicken. Ich habe ihm Deine Adresse geschickt.
Dein K. Marx.
[Anschrift:]
P. S.Einliegenden Brief an F. Köhler am See oder Rue du Rhône dort, wollen Sie gefälligst öffnen und denselben abgeben, worauf Ihnen derselbe 250 Franken für meine Rechnung geben Tratte nach Sicht auf mich auszahlen wird. Freundschaftlichen Gruß
Louis Schulz.
[1]Unverändert.
[2]Strafkammer.
[Undatiert. November 1848.]
Lieber Engels!
Ich bin wahrhaft überrascht, daß Du noch kein Geld von mir erhalten hast. Ich (nicht die Expedition) habe Dir seit undenklicher Zeit 61 Taler, 11 in Papier, 50 in Wechsel, nach Genf geschickt, eingeschlagen in die angegebene Adresse. Also erkundige Dich und schreibe sogleich. Ich habe einen Postzettel und kann das Geld reklamieren.
Ich hatte ferner an Gigot 20 und später an Dronke 50 Taler für Euch geschickt, immer aus meiner Kasse, in Summa 130 Taler ungefähr.
Ich werde Dir morgen wieder einiges schicken. Aber erkundige Dich nach dem Gelde. Es war in dem Wechsel zugleich eine Empfehlung drinnen an einen Lausanner Geldphilister.
Ich bin mit dem Gelde beschränkt. 1850 Taler hatte ich von der Reise mitgebracht; 1950 bekam ich von den Polen, 100 brauchte ich noch auf der Reise, 1000 Taler habe ich der Zeitung (mit dem Dir und anderen Flüchtlingen) vorgeschossen, 500 in dieser Woche noch zu zahlen für die Maschine; bleibt 350. Und dabei habe ich noch keinen Cent von der Zeitung erhalten.
Was Eure Redakteurschaft angeht, so habe ich 1. in der ersten Nummer gleich angezeigt, daß das Komitee dasselbe bleibt, 2. den blödsinnigen reaktionären Aktionären erklärt, daß es ihnen freistünde, mich als nicht mehr zum Redaktionspersonal gehörig zu betrachten, daß es mir aberfreistehe,so hohe Honorare auszuzahlen als ich will, und daß sie daher pekuniär nichts gewinnen werden.
Die große Summe für die Zeitung hätte ich rationellerweise nicht vorgeschossen, da ich drei bis vier Preßprozesse auf dem Halse haben, jeden Tag eingesperrt werden und dann nach Geld wie der Hirsch nach frischem Wasser schreien kann. Aber es galt, unter allen Umständen diesFortzu behaupten und die politische Stellung nicht aufzugeben.
Das beste – nachdem Du die Geldangelegenheiten in Lausanne geordnet – ist, nach Bern zu gehen und Deinen angegebenen Plan auszuführen. Du kannst außerdem schreiben, worüber Du willst. Deine Briefe kommen immer zeitig genug.
Daß ich einen Augenblick Dich im Stiche hätte lassen können, ist reine Phantasie. Du verbleibst stets mein Intimus, wie ich hoffentlich der Deine.
K. Marx.
Köln, 29. November 1848.
Lieber Engels!
Die Zeitungen sind Dir geschickt. Wenn es nicht früher geschah, so liegt die Schuld rein an dem Esel Korff, der bei meiner Überbeschäftigung, die noch durch beständige Erscheinungsbefehle vermehrt wird, bisher meine Orders nicht ausgeführt hatte. Einstweilen bleibe in Bern. Sobald Du kommen kannst, schreibe ich Dir. Siegle Deine Briefe besser zu. Einer war aufgebrochen, wie ich in der Zeitung (natürlich Dich nicht nennend) angezeigt.
Schreibe ausführlich überProudhon, und da Du guter Geograph bist, über die ungarische Sauce (den Völkerbienenschwarm). Vergiß mich bei Proudhon nicht, da unsere Artikel jetzt in sehr viele französische Blätter übergehen.
Schreibe auch gegen die Föderativrepublik, wozu die Schweiz beste Gelegenheit bietet.
K. Heinzen hat seinen alten Schund gegen uns veröffentlicht.
Unser Blatt bewegte sich immer auf dem Stande der Emeute, umschifft aber trotz allen Erscheinungsbefehlen dencode pénal.[1]Es ist jetzt sehren vogue.[2]Wir erlassen auch täglich Plakate.La révolution marche.[3]Schreibe fleißig.
Ich hoffe Dich bald wiederzusehen.
Dein Marx.
[1]Strafgesetzbuch [das heißt das ehemalige rheinische Strafgesetz].
[2]In Mode.
[3]Die Revolution marschiert vorwärts.
Bern, 28. Dezember 1848.
Lieber Marx!
Wie ist’s? Kann ich jetzt nach G[rüns] und A[nnekes] Freisprechung noch nicht bald zurück? Die preußischen Hunde müssen jetzt doch bald die Lust verlieren, sich mit den Geschworenen einzulassen. Wie gesagt, wenn genügender Grund vorhanden, daß kein Untersuchungsarrest zu befürchten, komm’ ich sofort. Nachher können sie meinetwegen mich vor 10 000 Jurys stellen, aber im Untersuchungsarrest kann man nicht rauchen, und da geh’ ich nicht hinein.
Die ganze Septembergeschichte zerfällt ja ohnehin in Nichts. Einer nach dem anderen kommt wieder. Also schreibe.
Apropos, gegen Mitte Januar wäre mir einiges Geld sehr erwünscht. Bis dahin kommt Euch ja eine Masse ein.
Dein E.