Vorbemerkung.
Der Herbst 1849 sah Marx und Engels in London vereint. Marx war im August 1849, unmittelbar nach seiner Ausweisung aus Paris, nach London übersiedelt, Engels, der nach Niederwerfung des badisch-pfälzischen Aufstandes sich einige Monate in der Schweiz aufgehalten hatte, kam im Herbst über Genua zur See nach England. Im Verein mit Gesinnungsgenossen reorganisierten Marx und Engels nun den Bund der Kommunisten mit der Zentralbehörde in London und bildeten ferner mit Heinrich Bauer, Karl Pfänder und August Willich ein Flüchtlingskomitee, das sich die Aufbringung von Mitteln zur Unterstützung der immer zahlreicher Englands Hauptstadt aufsuchenden Flüchtlinge zur Aufgabe stellte und nach Möglichkeit ihnen Beschäftigung zu verschaffen suchte. Es war dies eine überaus viel Zeit und Mühen in Anspruch nehmende, mit Widrigkeiten aller Art verbundene Tätigkeit. Die einlaufenden Beiträge blieben weit hinter den Erfordernissen zurück, und bei der erregten Gemütsverfassung der Flüchtlinge gab es viel Unzufriedenheit und Reibereien. Die letzteren wurden verschärft durch politische Streitigkeiten und Gegensätze. Die Zerfahrenheit des erst im Entstehen begriffenen deutschen Parteiwesens, die einen so wesentlichen Anteil an der Wiederherstellung der Fürstengewalt gehabt hatte, fand ein Widerspiel in der Flüchtlingsschaft und mußte, weil der Rahmen ein viel engerer und die Gemüter hier viel intensiver auf die Politik gerichtet waren, zu um so heftigeren Zusammenstößen führen.
Zur literarischen Vertretung ihrer Anschauungen wurde von Marx und Engels die Zeitschrift „Neue Rheinische Zeitung, politisch-ökonomische Revue“, ins Leben gerufen, die Anfang 1850 in London und Hamburg herauskam und in der sie eine Reihe überaus wertvoller Aufsätze veröffentlichten, die aber nicht hinreichenden Absatz fand, um sich halten zu können. Die mutigen, opferwilligeren Anhänger der radikalen Demokratie waren meist ruiniert oder ins Ausland getrieben, diejenigen aber, die nur von der Strömung mitgerissen worden waren oder bloß die Radikalen hatten spielen wollen, suchten nun vor allem ihre Haut zu sichern. Andere ließen sich wohl die Revue kommen, vergaßen aber das Bezahlen, und mit dem Eintreiben der Abonnementsgelder war es angesichts der brutal dazwischenfahrenden Reaktion und der noch sehr mangelhaften und teuren Posteinrichtungen schlimm bestellt. Schon nach dem vierten Hefte, das im April 1850 herauskam, hörte die Revue auf, in Monatsfolge zu erscheinen, ein im November 1850 noch veröffentlichtes Doppelheft ward ihre letzte Nummer. In ihr gaben Marx und Engels zugleich der Ideeden Abschied, daß die Revolution in kürzerer Zeit von neuem ausbrechen werde. Erst wenn die mittlerweile eingetretene Geschäftsprosperität einer neuen Krise Platz gemacht habe, schrieben sie, werde die Revolution sich – dann aber auch mit Sicherheit wieder einstellen. Man wird aus den Briefen ersehen, daß immerhin selbst Marx-Engels die Periode des „plumpen Zwischenspiels“ sich kürzer vorstellten, als sie in Wirklichkeit dauern sollte, und daraus manches in ihrem damaligen Verhalten erklärt finden.
Indes hatte schon die Erkenntnis, daß der Wiederausbruch der Revolution nicht vom bloßen Willen der Revolutionspartei abhänge, im Verein mit Zwistigkeiten über taktische Fragen untergeordneter Natur, über Personenfragen und ähnliches genügt, Marx-Engels und einen kleinen Kreis von Anhängern in Gegensatz zur großen Mehrheit der Londoner Flüchtlingsschaft zu bringen. Von Anfang an hatten Marx-Engels die Idee eines die ganze Londoner Emigration umfassenden Flüchtlingskomitees von sich abgewiesen und bekämpft. Sie hatten sogar noch schroffer gegen die kleinbürgerlich-sozialistischen Radikaldemokraten als gegen die im wesentlichen nur liberalen Oppositionsleute vom Schlage der Lothar Bucher und Genossen Stellung genommen, in den ersteren gefährlichere Gegner der aufkommenden Arbeiterpartei bekämpft als in den letzteren, eine Politik, die in dem von ihnen verfaßten Rundschreiben der Zentralbehörde des Kommunistenbundes vom März 1850 näher entwickelt ist. Wenn sie dabei manche Persönlichkeiten irrig beurteilt haben und in bezug auf die Kritik politischer Reformen teilweise von Auffassungen ausgingen, die sie später selbst berichtigt haben, so waren jedoch ihre Warnungen vor den verschwommenen sozialistischen Phrasen, mit denen die Radikaldemokraten um sich warfen, grundsätzlich gewiß am Platze. Ebenso war die scharfe Kritik, die Marx-Engels im Aprilheft 1850 der Revue Neue Rheinische Zeitung an der Verteidigungsrede übten, die der im badischen Feldzug gefangen genommene Gottfried Kinkel vor dem Rastatter Kriegsgericht gehalten hatte, sachlich durchaus berechtigt. Die Rede enthielt Stellen, die ein Mann von Überzeugung niemals hätte äußern dürfen, ein Mann von festem Charakter nicht hätte äußern können. Immerhin wäre angesichts der Tatsache, daß Kinkel von Friedrich Wilhelm IV., nach der Absicht dieses rachsüchtigen Monarchen „von Gottes Gnaden“, auf lebenslänglich ins Zuchthaus gesteckt worden war, während das Kriegsgericht nur auf Festung erkannt hatte, die Kritik seiner Rede in der Form vielleicht etwas weniger heftig ausgefallen, wenn nicht Kinkel, mittlerweile der Heros des radikalisierenden Kleinbürgertums geworden, seine Jammerrede obendrein noch einem Organ dieser Richtung zur Veröffentlichung hätte übergeben lassen. Auch ist der Artikel noch in der Auffassung geschrieben, daß die Revolution in Kürze sich von neuem erheben werde, was für Kinkel ohnehin die Befreiung geheißen hätte. Er ist im Hinblick auf diese Annahme zu beurteilen.
Seine nächste Wirkung war jedoch ein Sturm der Entrüstung in den Reihen der Radikaldemokraten gegen seine Verfasser, die auch von einem Teile der Mitglieder des Kommunistenbundes und selbst von Mitgliedern der Zentralbehörde des Bundes geteilt wurde. Insbesondere scheint August Willich starken Anstoß an dem Artikel genommen zu haben, wie denn Willich, nachdem der von Karl Schurz befreite Kinkel im November 1850 nach London gekommen war, auf längere Zeit dessen Kollege in der Leitung des Komitees für die Vorbereitung der erwarteten neuen Revolution wird. Auf Willich-Kinkel und ihre Unternehmungen bezieht sich ein großer Teil des Briefwechsels zwischen Marx und Engels aus den Jahren 1850/51 und 1852, und die Sprache, die in bezug auf jene beiden dort geführt wird, kann geringschätziger kaum gedacht werden. Indes hat, was Willich anbetrifft, Marx später wiederholt Gelegenheit genommen, dessen Tüchtigkeit in seinem eigentlichen Beruf, als Militär, ausdrücklich anzuerkennen, und aus der Denkweise seines Berufs werden wir Willichs Irrtümer und Mißgriffe uns zu erklären haben. Er war der radikale Offizier des Vormärz gewesen, durch die Revolution, in der er sich mutig und als umsichtiger Truppenführer gezeigt hatte, aus seiner Sphäre geworfen, und konnte sich nun schwer in die neue politische Situation hineindenken, nur schwer begreifen, daß die Revolution die Geister in Deutschland anders zurückgelassen hatte, als sie sie in den Märztagen vorgefunden. Daß er politisch ein unkritischer Kopf war, hebt Engels schon in dem Briefe vom 29. Juli 1849 hervor, wo er sonst so freundschaftlich von ihm spricht. Er charakterisiert ihn dort als Gefühlssozialisten, der der Auffassungsweise nach in die Kategorie der sogenannten wahren Sozialisten gehöre, und so war es im Grunde fast eine innere Notwendigkeit, daß Willich bei der ersten Gelegenheit sich wieder von Marx-Engels trennen und der breiten Allerweltsdemokratie zuwenden sollte. Daß er obendrein noch etwas spießbürgerlich sentimental war, zur Anstandsdame neigte und dann doch den kleinen Menschlichkeiten seinen Tribut abstattete, wird man nachträglich nicht allzu pharisäisch beurteilen. Aber man wird darum nicht minder vergessen, daß in der eingeengten Welt, in der sich das Leben der Flüchtlinge abspielte, wo Zwischenträgerei hinüber und herüber lief, sich manches davon sehr unangenehm empfindbar machte und darin den bitteren Hohn erklärt finden, mit dem Marx in seinen Briefen an Engels den Gegensatz von Phrase und Wirklicher bei Willich schildert.
Kinkel hatte die Hauptfehler Willichs in verstärktem Maße. Er war, was man eine theatralische Natur nennt, ein Exemplar jener Gattung Menschen, die sich so lange am Klange tönender Deklamationen berauschen, bis ihnen die Deklamation zur Natur geworden ist. Damit ist dann schon von selbst gegeben, daß sie, wenn das Reden über sie kommt, gewöhnlich mehr sagen, als sie sagen wollten. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß selbst in seiner Rastatter Verteidigungsrede Kinkel so das Opfer seiner von ihm sehr hoch eingeschätzten Rhetorik geworden war. Seine ganze politischeLaufbahn ist ein wiederholtes überschlagen nach der einen oder anderen Seite. Freiligrath hat das zu einer Zeit, wo er wieder mit Kinkel verkehrte, in einem Briefe an Arnold Ruge etwas malitiös, aber zutreffend mit den Worten geschildert: „Der Treffliche kann nicht anders als auf Stelzen gehen, auch wenn er schreibt. Und daher sieht man dann seine Plattfüße erst recht.“ Das war im Jahre 1866. In der Zeit, um die es sich hier handelt, ging Kinkel auf ultrarevolutionären Stelzen, ohne dabei den platten Biedermann einer kleinen deutschen Universität verleugnen zu können, der nie seine materiellen Interessen vergißt. Das mußte in noch viel höherem Maße den Spott herausfordern, noch viel mehr reizen, so daß auch Revolutionäre und Flüchtlinge, die durchaus nicht auf Marx’ Seite standen, sich schließlich von Kinkel lossagten. Mit diesen Fehlern verträgt sich natürlich recht gut eine gewisse Bonhommie, und anerkannt soll werden, daß Kinkel nach Beendigung seiner überschläge sich gewöhnlich immer wieder mit leidlichem Anstand im Lager der kämpfenden Demokratie einstellte und am Abend seines Lebens mit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Fühlung hielt. Es machte auf den Schreiber dieses einen etwas komischen Eindruck, hatte aber doch auch sein Versöhnendes, wenn in den schlimmsten Tagen des Sozialistengesetztes der alte gefeierte Demokrat den jungen unbekannten deutschen Sozialdemokraten in Zürich in seiner pastosen Manier auf der Straße laut anredete: „Nun, lieber Herr Bernstein, was machenunsere Genossenim Reiche?“
Eine wesentlich geschlossenere Natur als der rheinische Lyriker Kinkel war der pommerische Philosoph Arnold Ruge, der im Sommer 1849 als Emigrant nach England gekommen war und in der Flüchtlingsschaft ebenfalls eine Rolle spielte. Die von ihm 1848 in Leipzig ins Leben gerufene und dann nach Berlin verlegte Reform war eine der besten demokratischen Tageszeitungen Berlins gewesen, und in der Zeit, von der dieser und die nächsten Abschnitte handeln, hat Ruge den Mächten des Tages keine Zugeständnisse gemacht. Dagegen hat er dem Kitzel nicht widerstehen können, mit Gleichgesinnten selbst eine Macht spielen zu wollen, ohne mehr hinter sich zu haben als Phantasieregimenter. Mit Ledru-Rollin, Mazzini und etlichen anderen bildete er einen „Zentralausschuß der europäischen Demokratie“, der die Welt von Zeit zu Zeit mit Revolutionsmanifesten und ähnlichen Kundgebungen beschenkte, die für kein Land mehr bloße Kuriosa waren als gerade für Deutschland. Dabei gab es jedoch zwischen ihm nebst Gesinnungsfreunden und Kinkel-Willich mit ihrem Anhang allerhand Rivalitäten und zeitweise heftige Kämpfe, die literarisch vorwiegend in der deutschen Presse der Vereinigten Staaten ausgefochten wurden. Darüber und über die Vereine der Streitenden geben die Briefe von Marx an Engels sehr ausführliche Einzelheiten, wobei indes bemerkt werden muß, daß Marx auf Grund mündlicher Berichterstattung von Parteifreunden schreibt, von denen einige nicht über den Verdacht erhaben sind, gelegentlich stark aufgetragen zu haben.
Nach der erfolgten Spaltung in der Zentralbehörde des Kommunistenbundes und dem Austritt von Marx-Engels und ihrem Kreis aus dem Londoner Kommunistischen Arbeiterbildungsverein zogen sich die beiden Freunde selbst vollständig von der Agitation in London zurück. Engels hatte nach dem Willen seines Vaters, der ihn möglichst weit vom heißen Boden der Londoner Emigration zu wissen wünschte, eine Stelle in Kalkutta annehmen sollen, sie aber entrüstet zurückgewiesen. Jetzt jedoch übersiedelte er nach Manchester, um dort eine kaufmännische Stelle im Bureau der Großspinnerei Ermen & Engels anzunehmen, zu deren Teilhabern sein Vater gehörte. In welcher Absicht er es tat, geht aus seinen Briefen hervor. Bei seiner fabelhaften Arbeitskraft wäre es dem ledigen, in der Blüte seiner Jahre stehenden Manne nicht schwer gefallen, sich als Schriftsteller sein Brot zu erwerben. Aber es war ihm Bedürfnis, so viel als möglich Marx beistehen zu können, dessen materielle Lage sich immer drückender gestaltete. Marx hatte sich, wie man unter anderem aus dem Briefe seiner Frau an Joseph Weydemeyer vom 20. Mai 1851 (abgedruckt in der Neuen Zeit, XXV, 2, S. 18 ff.) ersieht, durch Übernahme und Deckung der Schulden der Neuen Rheinischen Zeitung des größten Teiles des kleinen Vermögens entäußert, über das er verfügte, und saß, da die Revue Neue Rheinische Zeitung nur Arbeit kostete, aber kaum ihre Kosten einbrachte, bald mit Frau, drei unerwachsenen Kindern und der treuen Helene Demuth ohne alle Barmittel in London da. Die Möbel und fast ihr ganzes Silberzeug hatten Marx und Frau veräußert; was ihnen vom letzteren verblieben, war ins Pfandhaus gewandert und hatte lange Zeit für sie nur die Bedeutung, daß sie durch die Pflicht erneuter Zinszahlung aus das geliehene Geld an es erinnert wurden. Aus der ersten Wohnung, die sie in London genommen hatten (in Chelsea), wurden sie in brutalster Weise exmittiert; die zweite war eine Interimswohnung, dicht am Leicestersquare, und dann zieht die Familie nach Deanstreet im Sohoviertel, wo sie sich in engen Räumen behelfen muß und auch für diese oft die Miete fehlt. Die Versuche Marxens, sich durch schriftstellerische Arbeit zu ernähren, begegnen allen möglichen Schwierigkeiten. In Deutschland scheuen die Verleger ängstlich davor zurück, größere Arbeiten von Marx in Verlag zu nehmen, und diejenigen deutschen Zeitungen, die regelmäßig Korrespondenten zahlen können, sind Marx verschlossen oder werden von ihm als Blätter betrachtet, mit denen man sich nicht einläßt. Auch in den Vereinigten Staaten, wo es damals eine radikale deutsche Presse gab, die mit den Revolutionären sympathisierte, war gerade für Marx keines der größeren dieser Blätter zugängig. Es wäre zudem in den Augen von Engels eine Sünde gewesen, wenn ein Mann von der Bedeutung Marx’ sich für kleine Tagesschriftstellerei hätte abarbeiten sollen, statt in erster Reihe wissenschaftlichen Arbeiten nachzugeben. So veranlaßt er Marx, sich vor allem an die Vorarbeiten für das große ökonomische Werk zu machen, das Marx damals plante, und den unmittelbaren Broterwerb in zweite Liniezu stellen. Es ist nicht nur der Freund, der dem Freunde hilft, es ist derParteimann, der derParteieine erste geistige Kraft erhalten und dafür sorgen will, daß diese Kraft sich in der ihren Neigungen und den Interessen der Partei dienlichsten Weise entfalten kann. Es spricht alles dafür, daß unter solcher Begründung Engels seinem Freunde Marx seine dauernde Hilfe angeboten und Marx sich entschlossen hat, sie anzunehmen.
Er würde indes doch weniger auf sie haben zurückgreifen müssen, wenn ihn nicht unter anderem immer wieder sehr bösartige Haut-, Darm- und Lebererkrankungen heimgesucht hätten, die meist wochenlang ihn ganz oder halb invalide machten. Ungemein viel Zeit nehmen ihm im Jahre 1852 die Verhaftung der Kölner und anderer Mitglieder des Kommunistischen Bundes und der gegen die Verhafteten eingeleitete Umsturzprozeß fort. In den Bemühungen, für die Angeklagten Entlastungsmaterial herbeizuschaffen, sieht er sich oft von Parteigenossen, die mehr Zeit und weniger zu sorgen haben als er, nur ungenügend unterstützt, was ihm gelegentlich recht bittere Reflexionen entlockt. Marx war eben nicht, wie die Kinder im Märchen, ausschließlich von Engeln umschwebt, sondern hatte Parteifreunde von recht verschiedenem Temperament und Charakter um sich; die einen, darunter namentlich Wilhelm Wolff, tüchtig und zuverlässig – echtes Gold mit nur wenig Schlacken –, andere aber wenig gefestete Naturen, die ihm mehr zu schaffen machten, als sie etwa sein Leben erleichterten. Marx hat zum Beispiel dem jung verstorbenen Konrad Schramm im „Herr Vogt“ ein rühmendes Andenken als dem „Percy Heißsporn“ der Partei gesetzt. Aber in der ersten Zeit seines Londoner Exils hat ihm dieser Hitzkopf durch leichtfertiges Handeln viel Ärger bereitet und nutzlose Arbeit verursacht. Ähnlich Ernst Dronke und der Philologe Wilhelm Pieper.
Auch der Verkehr mit den nahestehenden Chartistenführern Julian Harney und Ernest Jones brachte allerhand Unangenehmes mit sich, viel Arbeit und wenig Entschädigung. Meistens waren die beiden recht schlecht aufeinander zu sprechen und griffen sich zeitweise sogar öffentlich auf das feindseligste an, und dann war es auch mit ihrem politischen Verhalten nicht immer nach Wunsch bestellt. Wir werden Harney in Phrasen machen sehen, wie keiner der von Marx-Engels bekämpften „wahren Sozialisten“ sie verschwommener formuliert hätte, und Jones – unzweifelhaft der Bedeutendere der beiden – sehr geneigt, Kompromisse irgendwelcher Art einzugehen, was sich wohl aus der schlimmen Lage des im Niedergang begriffenen englischen Chartismus erklärte, aber durchaus im Widerspruch stand mit der von Marx und Engels verfochtenen Haltung. Und dabei hatten diese noch Jones wie Harney mit Beiträgen für deren stets um Leben und Sterben ringende Blätter zu unterstützen. Auch das gehört zum Lebensbild, worüber uns nun der Meinungsaustausch unter den Freunden genauer unterrichtet.
Anfang August 1851 erhält Marx die Einladung des Charles A. Dana zur Mitarbeit an der New York Tribune und damit endlich den Ausblickauf einen auch geistig leidlich befriedigenden regelmäßigen schriftstellerischen Erwerb. Da er sich in der englischen Sprache nicht sicher fühlt, springt nun zunächst Friedrich Engels für ihn ein und teilt dann noch lange die Arbeit mit Marx. Im übrigen werden wir sehen, daß auch diese Verbindung für Marx mit allerhand Verdruß verbunden war, daß der biedere Dana mit den Korrespondenzen von Marx in der willkürlichsten Weise verfährt, sie nach Belieben verstümmelt, sie als Artikel benutzt, aber nicht als solche honoriert, sie mit Zusätzen ausstattet, die Marx’ Ansichten auf den Kopf stellen und was dergleichen Annehmlichkeiten mehr sind, die einen Schriftsteller, der auf seinen guten Namen hält, zur Verzweiflung bringen können. Immerhin war die Tribune ein Blatt, das sich neben den besten der damaligen Zeit sehen lassen konnte, und die Arbeit für sie bot Marx zu einer Zeit, wo ihm alle sonstigen Wege dazu abgeschnitten waren, die Möglichkeit, als Schriftsteller zu Zeitgenossen zu sprechen, und den Anlaß zu Studien, die im Rahmen des Gebiets seiner wissenschaftlichen Hauptbeschäftigung lagen und somit ihm auch geistige Genugtuung gewährten. Marx hat in der Tribune sehr bedeutsame Beiträge zur allgemeinen Geschichte wie zur Wirtschaftsgeschichte der neueren Zeit veröffentlicht.
Auch unter dem Gesichtspunkt des Erwerbs wurde die Mitarbeiterschaft an der New York Tribune für Marx nicht das, was er zuerst von ihr erwartete und mit gutem Grunde zu erwarten berechtigt war. Der Honorarsatz von 2 Pfund Sterling für den Brief oder Artikel war für einen Mann von der Bedeutung eines Marx mäßig genug, aber er wurde dadurch noch sehr wesentlich verringert, daß die Tribune Marx nicht die Beiträge oder Artikel bezahlte, die er lieferte, sondern nur diejenigen, welche die Redaktion abzudrucken für gut befand. Und da die Redaktion von dem ihr zukommenden Rechte der Sichtung im Laufe der Zeit Marx gegenüber zeitweise einen wahrhaft unanständigen Gebrauch machte, kam es vor, daß Marx manchmal knapp den dritten Teil der Artikel bezahlt erhielt, die er einsandte, und sein Honorar faktisch auf das unbedeutender Zeilenreißer herabsank. So gern die Redaktion der Tribune mit den Artikeln prahlte, die sie von Marx oder von Engels im Namen von Marx erhielt, hielt dies sie nicht ab, Marx die Bitterkeiten des taglöhnernden Schriftstellers gründlich auskosten zu lassen. Was Bezahlung nach dem Stücke heißt, hat Marx in der schlimmsten Form an sich selbst erfahren und furchtbare Wirklichkeit erhielten unter diesen Umständen immer wieder für ihn Freiligraths Worte:
Er auch ist ein Proletar,Ihm auch heißt es: darbe, borge!
Er auch ist ein Proletar,Ihm auch heißt es: darbe, borge!
Er auch ist ein Proletar,Ihm auch heißt es: darbe, borge!
Er auch ist ein Proletar,
Ihm auch heißt es: darbe, borge!
Es wäre übermenschlich gewesen, wenn diese Nöte seine Gemütsstimmung unberührt gelassen hätten.
Noch ein Wort über die Stellen in den Briefen, die sich auf den Kleinkrieg in der Londoner Flüchtlingsschaft beziehen. Manche der darin ausgedrückten Urteile geben nur den Eindruck der Stunde wieder. Gewißlauten sie selten erbaulich, die Geschichte aller Emigrationen ist eine Geschichte des Widerspiels von Enttäuschungen und – um mit Marx zu reden – der „Narrheiten, die aus den außerordentlichen Umständen erwachsen, worin die Emigration sich plötzlich gestellt findet“. So schrieb Marx 1860 im Herr Vogt. Und bei den scharfen Titeln, mit denen er in den Briefen die Gegner in der Emigration bedenkt, bei der bitteren Kritik, die er an ihrem Verhalten übt, darf der Leser nicht vergessen, daß Marx, so wenig er geneigt war, sich mit Kinkel, Ruge, Willich usw. wieder zusammenzutun, doch an der Stelle, wo er jenen Satz schrieb, hinzufügte, daß ein Vergleich der Geschichte der 1848er deutschen Emigration mit der gleichzeitigen Geschichte der Regierungen und der bürgerlichen Gesellschaft als die glänzendste Verherrlichung der Emigration wirken würde.
Es wird von diesem Abschnitt an Abstand davon genommen, den Briefen Erläuterungen in bezug auf Einzelheiten vorauszuschicken, es würden ihrer zu viele werden. Vielmehr wird bei den Lesern allgemeine Kenntnis der Geschichte der 1848er Revolution und der deutschen Sozialdemokratie vorausgesetzt. Informierende kurze Noten über Personen und Dinge, die weniger bekannt geworden sind, findet der Leser im Register. Doch sind auch sie auf das Nötigste beschränkt geblieben, was um so eher geschehen konnte, als die Briefe meist einander ergänzen und so in ihrem Fortgang zur Genüge erkennen lassen, um was es sich jedesmal handelt. Eine Kommentierung der Briefe, die mehr geben wollte, müßte sich zu einer ganzen Geschichte der theoretischen und unmittelbar praktischen Kämpfe auswachsen, deren Mittelpunkt Marx-Engels bildeten. Das aber gehört nicht in den Rahmen dieser Ausgabe. Noch weniger konnte es Sache der Herausgeber sein, den überaus interessanten wissenschaftlichen Inhalt der Briefe, die oft viele Seiten füllenden Auseinandersetzungen über Fragen der Ökonomie, Geschichte, Naturwissenschaft usw. mit anderen als orientierenden Noten zu begleiten. Wie die jeweiligen Äußerungen über Personen, sind auch diese sachlichen Ausführungen nie schlechthin als Endurteile ihrer Verfasser zu verstehen, sondern oft nur Merkmale ihrer geistigen Entwicklung, Skizzen und Entwürfe aus der Werkstatt ihres Schaffens.
Die Briefe dieses Abschnitts beginnen mit zwei Schreiben von Marx an Engels aus dem November 1850, die den Leser gleich in die Atmosphäre einführen, die in dieser Epoche auf Marx und den Seinen lastet. Sie handeln vom plötzlichen Tode eines Söhnchens, der die Familie schwer trifft und den Marx und Frau – sicher nicht mit Unrecht – auf die bürgerliche Notlagezurückführen, in der das Londoner Exil sie sieht. Die Bezeichnung „Pulververschwörer Föxchen“ bezieht sich darauf, daß der Knabe den Vornamen Guido mit dem Verschwörer Fawkes gemein hatte, der im Jahre 1605 das englische Parlament in die Luft zu sprengen unternahm. Von den Gesinnungsgenossen in London steht keiner der Familie so nahe wie der soeben nach Manchester übersiedelte Engels, auch sind sie, wenn nichtvon Hause aus Proletarier, doch in der Lage von solchen, Not und schwere Kämpfe ums Dasein überall, selbst bei den englischen Gesinnungsfreunden. George Julian Harney ist von einer Verurteilung wegen Umgehung des Zeitungsstempels bedroht, die sein Wochenblatt, den Roten Republikaner –Red Republican– dem Tode widmen und ihn auf unberechenbare Jahre ins Gefängnis bringen kann. Der Prozeß der treugebliebenen Arbeiter Heinrich Bauer und Karl Pfänder, von dem Marx schreibt, scheint finanzielle Auseinandersetzungen mit der Fraktion Willich-Schapper zur Grundlage gehabt haben. Wir sind noch mitten in den Kämpfen der zwei ehemaligen Flügel des Kommunistenbundes miteinander. Es sind seit dem vollzogenen Bruch nur erst wenige Wochen verstrichen, die gegenseitige Erbitterung beherrscht die Geister noch in voller Stärke. Dazu Taktlosigkeiten des jungen Konrad Schramm, der eben erst das Duell mit Willich gehabt hat und doch, wie aus dem nun folgenden Antwortbrief von Engels hervorgeht, im gegnerischen Lager Beziehungen unterhält. Nach diesem Brief zu schließen, gehörte ein Bruder Schramms der Gegenpartei an. Ein anderer Umgang Schramms, der Marx verdroß, war der mit dem Literat Sebastian Seiler, dem wir vor 1848 abwechselnd in Paris und Brüssel begegnet waren. Der Bamberger, an den Marx sich gelegentlich wegen Diskontierung von Wechseln wendet, war Finanzagent des famosen Ex-Herzogs Karl von Braunschweig, dem, ähnlich wie es gewissen Mitgliedern der Schwarzbrüderzunft ergeht, aus der Art, wie er sich bei seiner Verjagung aus Braunschweig die Krondiamanten „gerettet“ hatte, der Beiname Diamanten-Karl erwachsen war. Bamberger war indes nicht der Mann, für sich aus dem Herzog viel Geld herauszuschlagen; für einen Finanzmensch großen Stils war er zu stark von des Gedankens Blässe angekränkelt. In Artikeln des Marx feindlichen Literatentums der 50er und 60er Jahre stößt man unter anderem auch auf die Verdächtigung, daß Marx dem Diamanten-Karl politische Dienste geleistet und Bamberger den Vermittler dabei gemacht habe. Wenn es noch nötig wäre, so würden diese Briefe zeigen, wie sehr diese Verdächtigung selbst der scheinbaren Unterlage entbehrte.
Ein besonderes Interesse darf der Brief von Marx an Engels beanspruchen, der das Datum des 2. September 1853 trägt. Er reinigt Marx von einem Verdacht, der wiederholt und auch in jüngster Zeit wieder gegen ihn ausgestreut worden ist. Anhänger und Verehrer Michael Bakunins beschuldigen Marx, Bakunin gegenüber unehrliches Spiel getrieben zu haben, als er ihm im Jahre 1864 erklärte, an der im vorgenannten Brief behandelten Verdächtigung Bakunins als Regierungsagent durchaus unbeteiligt gewesen zu sein. Der Brief beweist, daß Marx in der Tat jener Anschuldigung durchaus fern stand. Wir erfahren ferner aus ihm, daß die im Jahre 1848 von der Neuen Rheinischen Zeitung gebrachte Meldung, Georges Sand habe Briefe, welche bewiesen, daß Bakunin Agent der russischen Regierung geworden sei, der Zeitung, außer von der Korrespondenz Havas, von HermannEwerbeckzur Veröffentlichung übersandtworden war, der zwar deutscher Sozialist, aber kein Mitglied des Kreises der engeren Freunde von Marx war. Spätere Briefe, so namentlich der Brief von Engels an Marx vom 27. November 1861 über Bakunins Flucht und der von Marx an Engels vom 4. November 1864 über des ersteren Zusammentreffen mit Bakunin, beweisen überzeugend, daß die beiden Freunde diesem bis zu der Zeit durchaus wohlgesinnt gegenüberstanden, wo Bakunin in der Internationale als Gegner des Londoner Generalrats auftrat. Den Urheber der Beschuldigung, von der der Brief vom 2. September 1853 handelt, nennt Marx im Brief an Engels vom 22. April 1854 „einen sehr stupiden Urquhartiten“. Der Mann hieß auch Marx, aber nicht Karl sondern Franz oder vielmehrFrancis, denn er war Engländer, der mit Karl Marx nichts als den Familiennamen gemein hatte. Näheres über ihn findet man in N. Rjasanoffs Aufsatz Marx als Verleumder (Neue Zeit, XXIX, 1, S. 278 ff.).
Alles weitere aus den Briefen selbst. Wie im ersten Abschnitt, wechseln auch weiterhin Briefe von Marx an Engels und solche von Engels an Marx immer wieder der Zeitfolge nach einander ab. Einige dem Briefwechsel beigelegte Briefe von Frau Marx an Engels und von Engels an Frau Marx werden selbstverständlich wie Briefe von oder an Marx behandelt.