Chapter 18

Kranzrollenmuster von einem Athoseinbande.2. Der bürgerliche Einband mit blinder Lederpressung.

Kranzrollenmuster von einem Athoseinbande.

Kranzrollenmuster von einem Athoseinbande.

Zweierlei Gattungen von schlichten bürgerlichen Einbänden kannte das 14. und 15. Jahrhundert in Deutschland und seinen Grenzländern. Die eine vornehmere Gattung, bei der die Lederdecke mit einerRitzarbeitgeschmückt ist, lernten wir bereits bei einer früheren Gelegenheit kennen (S. 110). Die andere, viel zahlreichere Gattung, denblindgepreßtenEinband, haben wir an dieser Stelle einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Beide Behandlungsweisen der Lederdecke kommen übrigens auch vereint vor, wiez. B.auf der inFig. 112abgebildeten Vorderdecke eines Schwabenspiegels, dessen Mittelfeld geritzte Figuren von phantastisch gestalteten Vögeln in einem S-förmig gewundenen Rankenwerk zeigt, während der äußere wie der innere Rand mit Stempeln in blinder Pressung bedruckt ist. Die Ornamentierung dieser Decke ist besonders charakteristisch für den Geschmack des ausgehenden Mittelalters, der spätgotischen Periode. Der für die äußere Ränderung benutzte Stempel zeigt eine in ein Dreiblatt ausgehende Zacke, die an gotische Giebelblumen oder an gotisches Eisenwerk erinnert. Der innere Rahmen ist durch eine mannigfaltigere Musterung ausgezeichnet. Die seitlichen Schenkel zeigen ein mit der Spitze seitwärts gewandtes blattförmiges Ornament, das die Gestalt eines Vogels (Schwans?) einschließt, während die horizontalen Schenkel je vier auf die Spitze gestellte Quadrate aufweisen, deren Füllung eine Rosette (wiederum mit dem Dreiblatt-Motiv) bildet. Die durch Überschneidung der Einfassungslinien entstandenen vier Eckfelder des inneren Rahmens sind mit einem kreisrunden Stempel bedruckt, dessen Bild das Lamm Gottes mit der Siegesfahne darstellt. Das Beschläge fehlt; die Schließen sind demgemäß von Leder.

Fig. 112. Vorderdecke eines Schwabenspiegels. 15. Jahrh. Nürnberg, Germanisches Museum.

Fig. 112. Vorderdecke eines Schwabenspiegels. 15. Jahrh. Nürnberg, Germanisches Museum.

Den Grundformen der hier durch Aneinanderreihung zur Randverzierung dienenden kleinen Stempel begegnen wir auf allen gotischenLederdecken. Außer den angegebenen geschlossenen Formen, Rosenblatt, auf der Spitze stehendem Quadrat, Ring, kommen auch noch andere vor, namentlich liegende Quadrate, Rechtecke, Rauten, meist mit einer Tierfigur von natürlicher oder phantastischer Bildung; auch Spruchbänder mit Inschriften, wie sie sich auf Gemälden und Kupferstichen des 15. Jahrhunderts finden, sind nicht selten mit Stempeln gedruckt. (Vergl.Fig. 113–118.)

Neben den mit einer Randlinie geschlossenen Stempeln waren auch solche mit freistehendem Ornament, wie die auf unserem Beispiel vorkommende Zacke, in Gebrauch; die Motive sind in diesem Falle pflanzlicher Natur, Blüten, Blätter, Rankenu. s. w.

Fig. 113.Fig. 114.Fig. 115.Fig. 116.Fig. 117.Fig. 118.

Fig. 113.

Fig. 113.

Fig. 114.

Fig. 114.

Fig. 115.

Fig. 115.

Fig. 116.

Fig. 116.

Fig. 117.

Fig. 117.

Fig. 118.

Fig. 118.

Gotische Decken mit Blindpressung zeigen im wesentlichen dieselbe Art der Flächenteilung wie die geritzten Decken. Zuerst wird ein äußerer Rand durch parallele Linien gebildet, die, sich an den Enden überschneidend, bis an die Deckelkanten gehen. Die Linien zog man am Lineal hin mit einem Falzbeine, vielleicht auch schon mit einem Streicheisen oder einem demselben ähnlichen Werkzeug mit stumpfer Schneide. So erhielt man ein mittleres Feld, dem man mitunter eine innere Umrahmung ähnlicher Art gab. Das eingerahmte Mittelfeld erhielt dann eine Rautenteilung, sei es mit glatten und geraden, sei es mit gebogenen und durch kleine, angesetzte Knorren u. dergl. rankenartig gestalteten Linien, und jedes der rautenförmigen Felder wurde mit kleinen Füllungsstempeln bedruckt, auch die Kreuzungspunkte der Linien durch kleine gedruckte Rosetten hervorgehoben. Mit Vorliebe wird von der Innenfläche ein oberesFeld abgetrennt, das zur Anbringung einer Inschrift (Buchtitel, Name des Besitzers, des Buchbinders, häufiger ein frommer Spruch) dient. (Fig. 119.) Neben dem Blinddruck kommt auch der Schwarzdruck vor, der vorzugsweise bei größeren Stempeln angewendet wurde.

Fig. 119. Gotischer Band mit Goldtitel und kleinen Goldrosetten, kl. Fol. Düsseldorf, Museum.

Fig. 119. Gotischer Band mit Goldtitel und kleinen Goldrosetten, kl. Fol. Düsseldorf, Museum.

Fig. 120. Gotische Friese mit Stempeln gedruckt, um 1500.

Fig. 120. Gotische Friese mit Stempeln gedruckt, um 1500.

Fig. 121. Gotischer Fries, aus einem mehrfach gedruckten Stempel gebildet. Ende des 15. Jahrh.

Fig. 121. Gotischer Fries, aus einem mehrfach gedruckten Stempel gebildet. Ende des 15. Jahrh.

Die Schenkel des inneren Rahmens zeigen gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts statt der vorher erwähnten Ornamentierung mit kleinen Stempeln auch eine solche mit bandartigen Motiven, die gewöhnlich einen Stab darstellen, um den sich eine Blattranke windet, ähnlich den geschnitzten Balkenfriesen an gotischen Holzbauten, die sich auch in dem typographischen Zierat aus jener Zeit wiederfinden (Fig. 120und 121). Es ist sehr begreiflich, daß die gedruckten Verzierungen des Textes einen starken Einfluß auf die Deckelornamentik übten. Vor allem zeigt sich dies im 16. Jahrhundert, wo große Meister, wie der jüngere Holbein in Basel und der ältere Cranach in Wittenberg, sich der Bücherornamentik annahmen und namentlich reiche Titelzeichnungen entwarfen, die dann den Stempelschneidern zum Vorbilde dienten.

Fig. 122. Decke von braunem Leder mit Stockdruckverzierung. Um 1530. Nach Techener.

Fig. 122. Decke von braunem Leder mit Stockdruckverzierung. Um 1530. Nach Techener.

Je mehr sich die Bücherproduktion hob und die Buchbinderei neuer Kräfte bedurfte, entwickelte sich auch eine lebhaftere Thätigkeit der Stempelschneider, die es nun nicht mehr bei dem Handstempel bewenden ließen, sondern auch größere Platten lieferten. Mit Hilfe dieser wurde das mühsame Nebeneinanderdrucken kleiner Ornamente zur Füllung der Mittelfläche überflüssig. Die frühesten dieser zweifellos mit einer hölzernen Presse (Stockpresse) eingedruckten »Stöcke« treffen wir vorzugsweise auf niederrheinischen Decken kleineren Formats von braunem Kalbleder, derenLempertzin seinen »Bilderheften zur Geschichte des Bücherhandels« mehrere veröffentlicht hat. Unser aus dem Werke von Techener entlehntes Beispiel (Fig. 122) gibt die sich mit einzelnen Abänderungen stets wiederholenden Grundzüge dieser Gruppe von Einbänden wieder. Zwei längliche Rechtecke mit einem als aufsteigende Füllung entwickelten Ornament sind nebeneinander angeordnet und bilden den Spiegel eines Rahmens, auf dem häufig eine umlaufende Inschrift angebracht ist, die in vielen Fällen den Namen des Binders mit den üblichen Zusätzen enthält. Sie lautet in unserem Beispiel:

Ludovicus Bloc ob laudem Christi hunc librum recte ligavi,

zu deutsch:

Ich, Ludwig Bloc, habe dies Buch zur Ehre Christi ordnungsmäßig gebunden.

Das so umrahmte Stück erscheint auf einer und derselben Decke meist zwei-, mitunter auch dreimal übereinander, ja selbst viermal paarweise angebracht, je nach Maßgabe des Formats. Bei unserem Beispiel bleibt zwischen den beiden gleichartigen Stücken ein langes Rechteck frei, dem eine figürliche Komposition, ein Bauerntanz, wahrscheinlich die Nachbildung eines Kupferstichs, als Füllung dient. Das S-förmige Rankenornament mit den Tierfiguren in jedem Bogenfelde ist rein gotisch gedacht und stammt vermutlich aus den Miniaturen gotischer Handschriften her.

Gleichwohl dürfte der Einband selber, wie aus dem Charakter der Schrift zu schließen, erst dem zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts angehören. Die Stempel und Stöcke, die ein sehr wertvolles Inventar der Buchbindereien bildeten, wurden nicht so rasch von dem Wechsel des Geschmackes beseitigt, wie dies auf anderen kunstgewerblichen Gebieten im Anschluß an die Renaissancebewegung in der Architektur der Fall war. Besonders ansprechende Muster wurden zweifellos mehrfach nachgeschnitten und dienten den verschiedensten Buchbindern, die mit einem zu dem Werte der eigenen Arbeit kaum in richtigem Verhältnis stehenden Eifer ihre Namen inschriftlich zu verewigen bemüht waren.

Unter diesen kleinen Platten kommen im Laufe der Jahre auch größere in Gebrauch, die bei kleineren Formaten oft die ganze Deckelfläche einnehmen. Die heilige Jungfrau und andere Gestalten der biblischen Erzählung und der Heiligenlegende, dann Wappen verschiedener Herrscherhäuser, Bildnisse der Reformatorenu. s. w.erscheinen inmitten einer schmaleren oder breiteren Umrahmung. In einzelnen Fällen scheinen Kupferstichplatten ohne weiteresfür die Pressung benutzt zu sein. So findet sich in der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig ein Kölnischer Einband vom Jahre 1530, zu dessen Verzierung zwei Schrotplatten aus dem zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts verwendet sind; bei einem anderen bildet das Mittelstück ein Bildnis, das auf Goldgrund gedruckt ist und in der flachen Art der Zeichnung ganz deutlich eine gestochene Platte erkennen läßt.

Die gesamte deutsche Buchbinderei bekundete bis tief ins 16. Jahrhundert hinein eine merkwürdige Gleichgültigkeit gegenüber den stilistischen Gesetzen der Flächendekoration. Ein gewisses Stilgefühl beherrscht noch die gotische Musterung der Innenfläche mit ihrem Rautennetzwerk. Mit dem Aufkommen der Rolle geht dasselbe aber mehr und mehr verloren. Die Verzierung der Innenfläche zeigt kein festes Gefüge, keine organische Gliederung. Man sucht mit den vorhandenen Stempeln, Stöcken und Rollen die Fläche zu mustern, wie es gerade paßt, unbekümmert darum, ob ein liegendes Ornament eine aufrechte, ein aufsteigendes eine horizontale Lage bekommt. Selbst bei figürlichen Motiven, wie auf unserem Beispiel, (Fig. 122) wird auf Kopf- und Fußende keine Rücksicht genommen.

Diese ästhetische Rücksichtslosigkeit hat zum großen Teile die gemusterte Rolle verschuldet. Sie gewährte der Druckarbeit eine wesentliche Erleichterung, indem sie für leisten- oder bandartige Ornamente (Borden) mit sich wiederholendem Motiv (Rapport) das Nebeneinanderdrucken einzelner Stempel überflüssig machte. Die Arbeit konnte also rascher gefördert werden, weshalb man sich so viel als möglich der Rolle bediente und damit auf das System der ineinander gesetzten rechteckigen Rahmen verfiel. Das Ornament bricht dabei nicht selten bei dem Zusammenstoß der seitlichen mit den oberen und unteren Schenkeln stumpf ab (läuft sich tot, wie der technische Ausdruck lautet); es fehlen die den Übergang vermittelnden Eckstücke, für welche die mit einem Blumenornament diagonal bedruckten Eckfelder (vergl.Fig. 123) nur einen mangelhaften Ersatz bieten.

Fig. 123. Decke von einem braunen Lederbande in der Ratsbibliothek zu Ochsenfurt.

Fig. 123. Decke von einem braunen Lederbande in der Ratsbibliothek zu Ochsenfurt.

Fig. 124. Teil der Decke des Gerichtsbuchs der Stadt Ochsenfurt.

Fig. 124. Teil der Decke des Gerichtsbuchs der Stadt Ochsenfurt.

Das System der ineinander gesetzten Rahmen führte dahin, daß die in der Mitte übrigbleibende Fläche sich als ein schmales rechteckiges Feld darstellte, das nun entweder der ganzen Länge nach mit einem Stock bedruckt oder ein- oder mehrfach der Breite nach geteilt wurde, um für den zu benutzenden Stock oder für ein aus Stempeln zusammengesetztes Ornament ein passendes Feld zu erhalten. Um diesem unschönen langen Mittelfelde aus dem Wege zu gehen, ordnete man die Querteilung auch wohl schon nach der ersten oder zweiten Rahmung an (Fig. 124), verwendete die Querleisten zur Anbringung von Inschriften und suchte die übriggebliebene Fläche mit kleinen Handstempeln zu beleben. Noch ein anderes Mittel gab es, um der übermäßigen Schlankheit des Mittelfeldes zu steuern: es bestand darin, daß man die Querschenkel des ersten oder zweiten Rahmens mit einem breiteren Ornamente füllte als die Längsschenkel. Man verdoppelte dabei gern das Ornament derersteren, indem man es in umgekehrter Stellung wiederholte. Vorzugsweise wurde in dieser Weise die an Posamentierarbeit erinnernde Kranzrolle verwendet, die aus zwei sich durcheinander schlingenden Schnüren gebildet ist und nach oben zu eine büschelartige Blume treibt. (Ursprünglich ein romanisches Friesornament mit Palmettenund noch bis tief ins 18. Jahrhundert hinein im Gebrauch.) Eine solche Verdoppelung weist unsere Abbildung (Fig. 125) in dem zweiten Rahmen auf. Auf dieser Decke gibt sich, nebenbei bemerkt, bereits der Einfluß der italienischen Zierweise in der Anordnung des Mittelfeldes kund (Eckstücke und frei schwebendes Mittelstück), von der später die Rede sein wird.

Fig. 125. Meßbuch aus dem Dom zu Bamberg.

Fig. 125. Meßbuch aus dem Dom zu Bamberg.

Während die Renaissancebewegung so gut wie gar keinen Einfluß auf das für die Decke übliche Dekorationssystem ausübte und vorerst nur eine spärliche Verwendung des Goldstempeldrucks, der inzwischen in Italien zur Herrschaft gelangt war, herbeiführte, zeigt sich derselbe bisweilen sehr entschieden in dem abgerollten Rankenwerk der Borden, das durch seine feinere, flüssigere Zeichnung, seine klaren Formen und anmutig bewegten Linien auf italienische Vorbilder hinweist (Fig. 125, äußerer Rahmen). Im übrigen hielt man mit großer Zähigkeit an den überlieferten Motiven fest. Eine besondere Vorliebe bekundet der deutsche Geschmack für die mit Brustbildern, halben und ganzen Figuren durchsetzten Borden. Sie behielten noch bis ins 17. Jahrh. hinein ihre Geltung; die Renaissance änderte nichts an dem formalen Wesen derselben, sondern nur an dem Sinne der Figurenbilder, indem an die Stelle der Mutter Gottes und Heiligen die Helden des Altertums und der nordischen Sage, auch Bildnisse von Kaisern und Königen, von Reformatoren (auf Bibeln)u. s. w.traten. (Vergl.Fig. 123u.124.)

Es erübrigt noch, der farbig bemalten Einbände zu gedenken, welche ungefähr gleichzeitig mit dem Aufkommen der Handvergoldung hauptsächlich in den sächsischen Landesteilen, namentlich in Wittenberg, aber auch am Niederrhein angefertigt wurden. Die von dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen 1502 gegründete Universität nahm zur Zeit der Reformation einen hohen Aufschwung und führte eine lebhafte litterarische Thätigkeit herbei, die zahlreiche Pressen beschäftigte. Wie schon erwähnt, übte der Maler Lucas Cranachd. Ä., ebenso wie sein gleichnamiger Sohn, keinen geringen Einfluß auf die innere Ausstattung der Wittenberger Drucke aus, indem er Titelblätter und Illustrationen für Holzschnitt und auch sonstiges typographisches Schmuckwerk zeichnete. Er war selbst Besitzer einer Druckerei und hielt vermutlich auch eine eigene Buchbinderwerkstatt. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß von ihm der Versuch herrührt, dem Lederbande durch farbige Bemalung ein schmuckeres Ansehen zu geben. Diese bunten Einbände, bei denen sowohl das Rahmenwerk als auch das von ihm eingeschlossene Bildnis ziemlich grellfarbig erscheint, sind indes schwerlich für den täglichen Bedarf, sondern nur zu besonderen Zwecken angefertigt worden, da sie nur sehr vereinzelt (zwei in der Bibliothek des Börsenvereins zu Leipzig, zwei in Darmstadt, zwei in der Lempertz’schen Sammlung) anzutreffen sind. Sie haben daher auch nur die Bedeutung einerAbsonderlichkeit, die keinerlei Nachfolge erweckte und auf die fernere Entwickelung des Bucheinbandes ohne Einfluß blieb.

Fig. 126. Italienischer Einband. gr. 4o. Ende des 15. Jahrh. Museum zu Crefeld.

Fig. 126. Italienischer Einband. gr. 4o. Ende des 15. Jahrh. Museum zu Crefeld.

Technisch betrachtet, war der deutsche Lederband des 15. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine musterhafte Leistung, ausgezeichnet durch tüchtige Arbeit. Die Holzdecke mit dem farblosen Überzuge gab ihm einen gediegenen, aber schwerfälligen Charakter, die Blindpressung bot dem Auge meist kleinliche in schmalen Streifen sich aneinander reihende Formen von dürftiger Erfindung. Es darf daher nicht Wunder nehmen, daß die romanischen Völker, als sie sich nach und nach die Erfindung Gutenbergs zu eigen machten, das äußere Gewand des gedruckten Buches anders gestalteten. Immerhin lassen frühitalienische Lederbände doch einen vorbildlichen Einfluß der deutschen Blindpressung erkennen, der sich auf der zur Erneuerung der schönen Künste berufenen Halbinsel im 15. Jahrhundert mit der vom Orient ausgehenden dekorativen Strömung begegnete. Das viereckige Wesen der deutschen Deckenornamentierung, das Einsetzen der kleineren in die größeren Rahmen (Fig. 126,127), die steife Füllung des übrigbleibenden Mittelfeldes treffen wir auch hier; aber grundverschieden sind die Einzelmotive des Ornaments. Die durch Bandverschlingungen hervorgebrachte Musterung inFig. 127weist auf orientalische Vorbilder, der Stempel mit der Lotosblume, mit dem der innere Rahmen beiFig. 126gebildet ist, mahnt an die Dekoration antiker Thongefäße, der Stempel mit der stilisierten (heraldischen) Lilie und der mit dem Rautenmuster inFig. 127mutet uns noch gotisch an.

Den Übergang von der Blindpressung zur Vergoldung bezeichnet eine Gruppe von venetianischen Einbänden mit gestrichenen äußeren Rahmen, innerhalb dessen ein Bandornament, mit der Rolle in Gold gedruckt, den inneren Rahmen bildet und die Gehrungsstellen mit einem Lilienstempel oder einem einfachen Blattmotiv ebenfalls goldig bedruckt sind. Das Mittelstück dieser ziemlich schlichten Decken, in deren Spiegel meist eine Raute in Blindpressung eingedruckt ist, bildet mitunter eine Nachahmung antiker Kameen durch Prägung und Malerei, weshalb man diese Gattung alsKameenbändezu bezeichnen pflegt.

Noch an einer anderen, dem Osten näher liegenden Stelle begegnen sich Morgenland und Abendland auf dem Gebiete der Buchbinderkunst, in der uraltenMönchskolonieimAthosgebirgeauf der chalkidischen Halbinsel. Die Klöster am Athos waren stets von Mönchen verschiedener nationaler Herkunft bevölkert, und es ist leicht möglich, daß zuerst deutsche Mönche die deutsche Technik und zugleich die Dekorationsweise der Lederdecke dort eingeführt haben. Charakteristisch für diese, von Dr. Bock zuerst aufgefundenen Einbände ist der Umstand, daß die Holzdecken nicht wie in Deutschland abgeschrägt, sondern auf der hohen Kante rinnenartig ausgehobelt sind. Dieselbe Eigentümlichkeit zeigen auch die vorerwähnten italienischen Einbände des 15. Jahrhunderts. Auf einzelne Verschiedenheiten in der Art, wie die Decke und der Buchkörper verbunden zu sein pflegen, auf die Behandlung des Kapitals und der aus drei geflochtenen Schnüren bestehenden ledernen Zuhaltung(Schließen) gehen wir nicht näher ein, da sie für die historische Entwickelung der Deckendekoration keine Bedeutung haben. Von Interesse in dieser Hinsicht sind dagegen die zur Bordenbildung verwendeten Stempel, in denen hin und wieder sich ein Nachklang der Antike und ein Anklang an morgenländische Bandmotive neben entschieden deutschen Motiven (wiez. B.der Kranzrolle aufS. 162) erkennen läßt. Von einer dritten besonders merkwürdigen Begegnung der abendländischen und morgenländischen Lederzierkunst, die sich auf ungarischem Boden vollzog, wird weiter unten die Rede sein, nachdem wir uns von der Deckenverzierung mohamedanischer (persisch-türkischer und arabisch-maurischer) Handschriften ein deutliches Bild verschafft haben.

Fig. 127. Italienischer Einband. gr. 4o. Ende des 15. Jahrh. Museum zu Crefeld.

Fig. 127. Italienischer Einband. gr. 4o. Ende des 15. Jahrh. Museum zu Crefeld.

Fig. 128. Borden- und Füllstempel von Athos-Buchdecken. Sammlung Bock.

Fig. 128. Borden- und Füllstempel von Athos-Buchdecken. Sammlung Bock.


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