Maureske Füllung von Peter Flötner.ZWEITER ABSCHNITT.Der Lederband mit Goldverzierung.(Renaissance-Band.)
Maureske Füllung von Peter Flötner.
Maureske Füllung von Peter Flötner.
Auf dem Gebiete der Flächendekoration ist der Orient in mehr als einer Hinsicht der Lehrmeister des Abendlandes gewesen. Das Wort Arabeske, mit welchem wir gewisse Schmuckformen bezeichnen, bei denen sich verschlingende und durchkreuzende Linien ein scheinbar regelloses und doch von einem festen geometrischen Gesetze beherrschtes Spiel treiben, deutet schon den Ursprung der eigentümlichen Art von Flächenmusterung an, die vor allem in der Weberei sich geltend machte und von den Webstoffen auf andere Materialien übertragen wurde. So auch auf das Leder und die Lederdecke des Buches.
Fig. 129. Persischer Korandeckel. 17. Jahrh. Düsseldorf.
Fig. 129. Persischer Korandeckel. 17. Jahrh. Düsseldorf.
Der auffälligste Unterschied zwischen der deutschen (blindgepreßten) Decke und der orientalischen ist die bei der letzteren die Regel bildende Vergoldung des Ornaments und die teppichartige allseitig symmetrische (zentralisierte) Anordnung des letzteren bei lebhafter Betonung der Umrahmung im Gegensatz zu der umrahmten Fläche, auf der wiederum die Mitte durch ein mandel- oder kreisförmiges Feld mit reicher Musterung, auch wohl durch ein rosetten- oder sternförmiges Motiv ausgezeichnet wird. In der Regel sind auch die vier Ecken des Spiegels mit einer Arabeske ausgefüllt, die in ihrer Bewegung der Grundform des Mittelzierstücks entspricht. Ist dieses länglich, so dehnen sich die Eckstücke an den Längsseiten weiter aus als an den Querseiten, so daß bei Verbindung der Endpunkte einungleichseitiges Rechteck entsteht; ist es rund oder ein regelmäßiges Vieleck, so wird das Eckornament in eingleichseitiges Rechteck gespannt. (Vergl.Fig. 129und130.) DerselbeSinn für einen harmonischen Gesamteindruck bekundet sich auch in den mit einer Blume gefüllten kleinen Feldern, die nur als Begleitung von mandelförmigen Mittelstücken vorkommen und mit der Spitze des blattförmigen Umrisses nach oben, bez. nach unten weisen (Fig. 129). Bisweilen ist der Spiegel in seiner ganzen Ausdehnung mit einem von der Mitte ausstrahlenden geometrischen Linienspiel,in welches wieder gebogene Linien eingreifen, überzogen und der Grund durchweg gepunzt hier mit größeren, dort mit kleineren Punzen, so daß die Mitte und die Ecken minder scharf hervortreten. Diese mosaikartige Musterung, der maurischen Wanddekoration entlehnt, zeigt unsere Abbildung (Fig. 131).
Fig. 130. Arabischer Einband mit Punzen-, Stempel- und Rollendruck. Düsseldorf.
Fig. 130. Arabischer Einband mit Punzen-, Stempel- und Rollendruck. Düsseldorf.
Fig. 131. Arabischer Einband mit Rollen-Blinddruck. Handvergoldung und Punzierung. Mitte des 16. Jahrh. Düsseldorf.
Fig. 131. Arabischer Einband mit Rollen-Blinddruck. Handvergoldung und Punzierung. Mitte des 16. Jahrh. Düsseldorf.
Die Bücher haben vorwiegend schlanke Formate, so daß die Spiegel dem Buchbinder für seinen Verzierungsentwurf nicht immer bequem gestaltet waren. Er verkürzt die Fläche dann ähnlich, wie wir es bei den deutschen Einbänden gesehen, durch Einschiebung eines Frieses zwischen den Querschenkeln des Rahmens und dem Spiegel (Fig. 132) oder trennt oben und unten einen schmalen Streifen mit einer Linie ab (Fig. 131).
Bemerkenswert ist bei der allseitig symmetrisch entwickelten Ornamentation der Grundsatz, die einzelnen Elemente der Musterung zu einem Ganzen zu verweben, aus dem keins derselben in scharfer Weise sich abhebt. Zwischen Mittelstück und Eckstücken herrscht stets ein gewisser Einklang. Erscheint dort die Pflanzenform in Ranken- und Blattwerk, so findet sie sich auch hier; bilden dort Bandverschlingungen (Geriemsel) die Füllung, so treten diese auch hier auf. Auch in der Borde klingt mitunter das Muster des Mittelstücks wieder an (Fig. 129). Gewöhnlich zeigt die Rahmung den Wechsel von Saum und Naht, diese als gedrehte oder geflochtene Schnur charakterisiert oder durch glatte Linien bezeichnet, jener als breitere Borde aus sich stetig wiederholenden, linearen Motiven zusammengesetzt oder zu einer Blattranke mit längeren Rapporten entwickelt.
Ehe wir uns den bei der Flächenmusterung beobachteten technischen Verfahren zuwenden, dürfte hier ein Wort über die äußere Gestalt des orientalischen Buches und Eigentümlichkeiten der Bindung desselben am Platze sein.
Von der im Orient beobachteten Heftung ist bereits die Rede gewesen (S. 32). Die Decke besteht aus Pappe (vergl.S. 88) und hat genau die Größe des Buchkörpers, steht also nicht mit den Kanten darüber hinaus, wie es im Abendlande von jeher üblich war. Da die Pappeinlage nicht sehr stark ist, so liegt auch kein Bedürfnis zur Abschrägung der Kantenränder vor, wie es bei der Holzeinlage des deutschen Einbandes der Fall ist. Um die Verbindung zwischen Buchkörper und Decke herzustellen, wird der Rücken des ersteren mit einem Stück Zeug (Baumwolle oder Leinwand) überklebt, das breit genug ist, um mit seinen überstehenden »fliegenden« Seitenteilen an die Decke festgeklebt werden zu können. Als Klebemittel wird ein Pflanzenstoff ähnlich dem Dextrin verwendet.
Der Schnitt ist in den meisten Fällen ungefärbt. Indes kommen auch farbige Schnitte vor, die mit dem Pinsel hergestellt sind und eine geflammte Musterung haben (Fig. 133).
Fig. 132. Arabischer Einband mit Fächerornament. Düsseldorf.
Fig. 132. Arabischer Einband mit Fächerornament. Düsseldorf.
Die Decke ist stets mit einer überschlagenden Klappe versehen,ähnlich wie bei Brieftaschen (Fig. 134). Diese Klappe ist beiderseits abgeschrägt, so daß sie nicht mit einer geraden Linie, sondern stumpfwinkelig abschneidet. Die Spitze der Klappe trifft immer genau auf die Mitte des Vorderdeckels und die Musterung derselben läuft bei reicheren Verzierungen häufig ununterbrochen in die Musterung des Deckels über. Unsere Abbildung (Fig. 135) zeigt etwas mehr als die Hälfte einer besonders reich verzierten Klappe, bei der der Grund des Spiegels ebenfalls vollständig ornamentiert ist.
Fig. 133. Orientalischer Buchschnitt.
Fig. 133. Orientalischer Buchschnitt.
Die Verzierungen wurden in den arabischen Teilen Nordafrikas aufgedruckt (blind und vergoldet) und zwar mit Streicheisen, Rolle und Stempeln oder Punzen, im übrigen osmanischen Orient und in Persien mit einer aus einem Stück Kamelshaut hergestellten Matrize als erhabene Zeichnung hervorgebracht. Das letztere, nur bei Eck- und Mittelstücken angewendete Verfahren ist aber in vielen Fällen auch mit Metallmatrizen ausgeführt worden. Die Lederteile, welche gepreßt werden sollten, wurden aus dem für den Einband zugerichteten Leder herausgeschnitten und erhielten nach der Ausschärfung dadurch eine erhabene Musterung, daß man das gefeuchtete Leder mit der Vorderseite auf die Matrize auflegte und von der Rückseite in die geschnittenen Verzierungen hineinarbeitete. Um den Grund, der in der Regel ganz fein punziert wurde, zu vergolden, überging man die Oberfläche der Matrize vor der Pressung mit einem Firnis, der beim Druck auf der Fläche haften blieb und den nachher darüber gepuderten Goldstaub festhielt, während die erhabene, vom Firnis nicht berührte Zeichnung die Farbe des Leders behielt. Umgekehrt vergoldete man das Ornament und ließ den Grund in Lederfarbe, oder die ganze Fläche, Grund und Ornament, wurde vergoldet, selbst mit mehrfarbigem Golde auf einer Fläche. Statt des vom Grunde abgelösten Lederstücks setzte man auch wohl anders gefärbtes, meist rotes Leder ein, um eine lebhaftere Farbenwirkung zu erzielen. Den Zusammenstoß des eingelegten Lederstücks mit dem Grundleder wußte man mit einer Goldlinie zu decken, die aus freier Hand mit dem Pinsel gezogen wurde. Der Umriß des auf diese Weise verzierten Feldes ist stets wellenförmig bewegt und jede Einbuchtung mit einemZierstrich besetzt, so daß das Ornament wie mit einem Strahlenkranz umgeben erscheint (Fig. 136).
Fig. 134. Arabischer Buchdeckel. Stempel-, Punzen- und Rollendruck. 16. Jahrh.
Fig. 134. Arabischer Buchdeckel. Stempel-, Punzen- und Rollendruck. 16. Jahrh.
Fig. 135. Teil einer Deckelklappe von einem persischen Koran. 17. Jahrh. Düsseldorf.
Fig. 135. Teil einer Deckelklappe von einem persischen Koran. 17. Jahrh. Düsseldorf.
Fig. 136. Persischer Einband. 17. Jahrh. Düsseldorfer Museum.
Fig. 136. Persischer Einband. 17. Jahrh. Düsseldorfer Museum.
Das Aufstäuben und das Aufmalen des Goldes mit dem Pinsel findet sich stets gleichzeitig auf einer Platte angewendet, mit Matrize hergestellte Ornamente sind aufgestäubt, alle gepunzten oder gezogenen Borden mit dem Pinsel ausgemalt. Dagegen fand auch statt des Staubgoldes Blattgold hin und wieder Anwendung; so istFig. 135in dieser Weise hergestellt. Das Auftragen des Goldes mit erwärmten Werkzeugen, wie es bei den Mauren und Sarazenen in Spanien und Sizilien üblich war, scheinen die Perser und die von ihnen zur Kunst erzogenen Türken nicht gekannt zu haben.
Der Stift spielt bei der Herstellung der Deckenverzierung eine Hauptrolle. Mit ihm werden die Linien vorgerissen und die Strahlen um die ornamentierten Felder hervorgebracht, er dient auch zum Nachvergolden und Glätten der Goldlinien. Auf manchen Einbanddecken ist nur mit Stift und Punzen gearbeitet. Es ist erstaunlich, mit welcher Kunstfertigkeit und Geduld die Orientalen mit ein paar Stempeln, einer geraden und einigen gebogenen Linien die mannigfaltigsten, in der verschiedensten Weise sich verschlingenden Ornamente hervorbringen, bei denen Anfang und Ende sich decken und keine Unregelmäßigkeit den Zug der Linien unterbricht (Fig. 130, Mittel- und Eckstück). Die gemusterte Rolle führt indeß auch bei ihnen ganz wie in Deutschland zu einer Mißbildung an den Ecken, wo Längs- mit Querborden unvermittelt zusammenstoßen.
Kaum geringere, ja oft größere Sorgfalt als auf die Außenseite verwandte man auf dieInnenseitedes Deckels und der zugehörigen Klappe, insbesondere bei den zum gottesdienstlichen Gebrauche dienenden Handschriften. Das Lederornament ist dabei nicht geprägt, sondern aus ganz fein geschärftem Ziegenleder ausgeschnitten, eine bei den zierlichen Formen des Blattwerks unendlich mühsame Arbeit, die vermutlich mit Hilfe einer Metall- oder Fayencetafel ausgeführt wurde, auf die man das Leder mit der Fleischseite aufklebte. Das so gewonnene Netz wurde dann über die vorher blau oder rot gefärbte Stelle geklebt, für die es bestimmt war. (Fig. 137.) Sowohl Eck- und Mittelstücke als auch die Borde erhielten solche Einsätze, die in der Regel die schwarze Lederfarbe zeigen, aber auch mitunter vergoldet sind. Die Borde wurde aus einzelnen aneinander gestoßenen Stücken gebildet, wofern sie nicht gefeldert war. An Stelle der Färbung des Grundes gab man dem Ornament auch wohl eine Unterlage von farbiger Seide oder Goldpapier. Übrigens sind diese durchbrochenen Ornamente nicht immer mit der Hand geschnitten: bei Büchern jüngeren Datums ist bereits die Stanze benutzt worden, was sich an den gestauchten Schnittkanten deutlich wahrnehmen läßt.
Geringere Einbände erhielten statt des Lederspiegels gewöhnlich einen Vorsatz von orangegelbem, auch wohl marmorierten oder gesprenkelten Papier. Eine Ausnahme machen jedoch die maurischen Einbände, welche stets ein mit dem Model auf nasses Leder gepreßtes Vorsatz aufweisen; das gepreßte Ornament erscheint dadurch glänzend dunkel. In der Musterung desselben zeigt sich wiederum ein unendlicher Reichtum an ornamentalen Gedanken, wie schon aus den wenigen Proben zu ersehen ist, die wir in Abbildung beifügen. (Fig. 138–141.)
Fig. 137. Innenseite eines persisch ornamentierten Deckels mit durchbrochenem Ornament auf farbigem Grunde. Düsseldorf.
Fig. 137. Innenseite eines persisch ornamentierten Deckels mit durchbrochenem Ornament auf farbigem Grunde. Düsseldorf.
Fig. 138–141. Maurische Ledervorsätze.
Fig. 138–141. Maurische Ledervorsätze.
Fig. 142. Gravierter türkisch-egyptischer Einband in braunem Leder mit rotem Mittelfeld. 16.-17. Jahrh. Düsseldorf.
Fig. 142. Gravierter türkisch-egyptischer Einband in braunem Leder mit rotem Mittelfeld. 16.-17. Jahrh. Düsseldorf.
Die sorgfältige und mühsame Kunstarbeit begann im Orient mit dem Sinken der mohammedanischen Macht zu erlahmen. Man griff zu ärmlichen Ersatzmitteln für die frühere edle Technik. An Stelle des Ledervorsatzes trat gepreßtes Goldpapier, das noch dazu vom Golde nur den Namen geborgt hatte. Die gepreßten Einlagen beschränken sich oft auf das Mittelstück des äußeren Deckels und sind statt aus Leder aus Papier geschnitten. Gold- und Silberpapier,ja Zinnfolie bilden den Untergrund, der dann noch mit durchschimmerndem Lack in einer oder mehreren Farben überzogen wird. Besonders sind in Anatolien eine Menge solcher Einbände hergestellt worden.
Wie schon oben bemerkt, übte die Deckenverzierung orientalischer Bücher einen entscheidenden Einfluß auf die italienische Kunstarbeit aus. Es scheint indes, als ob die Berührung mit dem Kulturleben Italiens auf den Orient zurückgewirkt und in einzelnen Fällen eine Umbildung des ursprünglichen Dekorationsschemas herbeigeführt habe. Zeugnis dafür ist eine Gruppe von Decken, die, wie die hier abgebildete (Fig. 142), ein ungewöhnlich großes Mittelfeld mit einem lebhaft an die sog. Grolierbände erinnernden schraffierten Ornament aufweisen und deren Verzierung, von der gepunzten Borde abgesehen, ganz mit dem Stifte hergestellt ist.