Zierleiste2. Die Corvinen.
Zierleiste
Ein höchst eigentümliches Intermezzo in der Geschichte der Buchdecke bilden die Einbände, welche aus der Bibliothek des Königs Matthias Corvinus von Ungarn herrühren und von denen sich noch eine kleine Anzahl in öffentlichen Bibliotheken erhalten hat. Die Echtheit einzelner Stücke dieser nach dem ursprünglichen Besitzer benannten Gruppe von Einbänden wird von Einzelnen angezweifelt. Unzweifelhaft echt sind indes die Bände, welche erst vor kurzem von dem Sultan Abdul Aziz der ungarischen Regierung zum Geschenk gemacht worden sind und vermutlich unter Soliman II. bei der Eroberung von Budapest (1627) als Kriegsbeute nach Konstantinopel gekommen waren. Matthias Corvinus (1458–1490) war ein vollkommener Renaissancemensch, groß als Heerführer wie als Freund und Förderer der Künste und Wissenschaften. Er suchte es den italienischen Fürsten damaliger Zeit, die ihre Gewaltherrschaft mit dem Nimbus des geistigen Adels zu umkleiden wußten, in dieser Hinsicht gleichzuthun, zog Gelehrte und Künstler an seinen Hof und legte eine großartige Bibliothek an, die an 50,000 Bände umfaßt haben soll.
Die Einbände, an dem ungarischen Wappen oder dem Wahrzeichen des Königs, einem Raben (corvus) im Mittelfelde, kenntlich, zeigen nun eine merkwürdige Mischung orientalischer und abendländischer Elemente. Die Bindung und äußere Gestaltung des Buches ist die in Deutschland und Italien zu damaliger Zeit übliche. Der Rücken zeigt breite Wülste entsprechend der Heftung über Doppelbunde, die Kanten der Deckel überragen die Buchkörper und sind am Vorderschnitt mit ledernen Riemen oder Bändern versehen; das Beschläge fehlt wie auch an den italienischen Bänden jener Zeit. Den Überzug bildet gefärbtes Kalbleder dessen Verzierung, teils blind, teils vergoldet, auch wohl unter Hinzutritt von Bemalung den Bänden in ihrem ursprünglichen Zustande ein prächtiges Aussehen verliehen haben muß.
Fig. 143. Einband aus der Corvina. Stempelvergoldung. Um 1480. Budapest. (Nach Luthmer.)
Fig. 143. Einband aus der Corvina. Stempelvergoldung. Um 1480. Budapest. (Nach Luthmer.)
Einer Beschreibung der Ornamentierung, welche Luthmer in der»Geschichte der technischen Künste« an einem Beispiele gibt, entlehnen wir die nachfolgenden Angaben. »Auf gelbrotes Kalbleder ist eine Mittelverzierung in Vergoldung und ein Randornament in blau gemalten Stempeln angewendet, welch letzteren einige Goldpunkte eingestreut sind. Man erkennt nur zwei Stempel, welche überhauptbei diesen Bänden die Hauptrolle gespielt haben: ein gerades und ein im Halbkreise gebogenes Band zwischen zwei glatten Rändern, mit schräg aufsteigenden Strichelchen (wie eine gewundene Schnur) versehen. Die Länge des Stempels, ebenso wie der Durchmesser des gebogenen beträgt 5 mm. Mit diesen zwei Stempeln ist in erstaunlichem Reichtum der Phantasie ein Flachornament geschaffen, das den Rahmen der Deckel bildet. Der obere und untere Schenkel ist dabei erheblich breiter als die Seitenteile. Die Dekoration des in diesem Rahmen eingeschlossenen Feldes ist eine äußerst mannigfaltige. Immer bleibt sie jedoch dem Prinzip des orientalischen Einbandes treu: der schrägen Ausfüllung der Ecken und der Anordnung eines Mittelfeldes. Dies letztere ist von verschiedener Form, bald dem gotischen Vierpaß ähnlich, bald ein Kreis mit vier heraustretenden rechten Winkeln, bald aus einer Verbindung von Kreissegmenten und geraden Linien, bald aus dem maurischen zweimal geschwungenen Bogen gebildet. Die Mitte scheint immer das Wappen Ungarns, ausnahmsweise dasjenige des Königs (ein Rabe) einzunehmen. Die übrige Fläche ist ausgefüllt mit einem ziemlich dichten, aus Stempeln und Fileten gebildeten Rankenornament. Einen charakteristischen Eindruck bringen dann noch neben den genannten Stempeln kreisrunde Punzen verschiedener Größe hervor, sowohl einzelne Punkte als auch kleine Kreise, in deren Mitte sich ein Punkt befindet. Diese Punzenschläge durchsetzen sowohl das Flechtwerk an geeigneten Stellen, wie sie auch, zwischen Linien eingeschlossen, zur Bildung von Rändern und Einfassungen benutzt werden. Am meisten erinnern sie an die reichliche Verwendung der Silberperlen bei gewissen Filigranarbeiten.« (Fig. 143.)
Ein Vergleich mit der von uns unterFig. 127(Seite 184) vorgeführten italienischen Decke läßt eine gewisse Verwandtschaft derselben mit der eben beschriebenen wenigstens in Bezug auf die aus Flechtwerk gebildete Umrahmung des Mittelfeldes erkennen. Das Flechtwerk erscheint hier freilich nur wie eine schüchterne Nachahmung orientalischer Muster. Das Crefelder Museum besitzt einen in ähnlicher Weise ornamentierten Band.