Chapter 22

Randverzierung von einem sächsischen Einbande. 16. Jahrh. Dresden.4. Der Renaissanceband in Deutschland und England.

Randverzierung von einem sächsischen Einbande. 16. Jahrh. Dresden.

Randverzierung von einem sächsischen Einbande. 16. Jahrh. Dresden.

Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts fand in Deutschland die Handvergoldung Eingang und mit ihr die im Sinne des italienischen Renaissancebandes veränderte Anordnung des Zierats. Der althergebrachte »weiße« Einband mit Blindpressung auf Pergament oder Schweinsleder (vergl.S. 170) behauptet aber nebenher seine Geltung als bürgerlicher oder Buchhändlerband und verschwindet erst im 18. Jahrhundert aus dem litterarischen Verkehr.

Kaum minder zähe hielt die deutsche Sitte an dem Holzdeckel fest, der bei großen und schweren Bänden bis tief ins 18. Jahrhundert in Übung blieb, auch in Fällen, wo statt der Blindpressung eine reiche Verzierung in Golddruck beliebt wurde. Ja selbst im 19. Jahrhundert verwandte man noch sog. Spaltendeckel.

Ebenso galt das Beschläge lange noch für einen unerläßlichen Schmuck an Bänden vornehmer Art und fand sich auch auf den mit Pappeinlage versehenen Deckeln ein, obwohl an seine ursprüngliche Bedeutung als Schutzmittel gegen Stoß und Reibung kaum noch gedacht wurde.

Auch an den hohen Bünden und der durch die Bundwülste gegebenen Einteilung des Rückens hielt der deutsche Einband mit Ausdauer fest, als in Frankreich und Italien schon längst der glatte Rücken an der Tagesordnung war.

Unter den deutschen Renaissancebänden mit Handvergoldung lassen sich zwei Typen deutlich unterscheiden; der eine ist durch die aus einer Platte hergestellten Eckstücke und durch das ebenfalls als Platte erscheinende Mittelstück charakterisiert, der andere durch die nach italienisch-französischer Art aus kleinen Stempeln »komponierten« Muster für Mitte und Ecken oder auch für die ganze Fläche der Decke.

Die Platten- oder Stockdruckverzierung kommt meistens in Verbindung mit dem Rollendruck vor und nur ungern scheinen die deutschen Buchbinder das zur Bordenbildung bequeme Werkzeug beiseite gelegt zu haben. (Fig. 176.) Die gemusterte Borde, die bei der Blindpressung fortdauernd die Hauptrolle spielt, treffen wir daher noch oft auf deutschen Renaissancebänden, wenn auch nicht mehr in der Breite, die ihr ehedem eingeräumt war.

Fig. 176. Dresdener Einbanddecke nebst gemustertem Schnitt. Um 1600. Oktav. Buchgewerbemuseum zu Leipzig.

Fig. 176. Dresdener Einbanddecke nebst gemustertem Schnitt. Um 1600. Oktav. Buchgewerbemuseum zu Leipzig.

Fig. 177. Aus der herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel. Bezeichnet F. D. H. Z. S. Nach Stockbauer.

Fig. 177. Aus der herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel. Bezeichnet F. D. H. Z. S. Nach Stockbauer.

Bemerkenswert ist noch der Umstand, daß der Plattendruck mitunter ganz nach orientalischer Weise ausgeübt wurde, insofern das Ornament in Lederfarbe, der Grund aber golden erscheint.

Unsere Abbildung (Fig. 178) zeigt eine Decke, die mit drei Platten, zwei für die Ecken, eine für die Mitte, bedruckt ist. DieEckstücke sind aber nicht nach einem Muster geschnitten und der Buchbinder hat aus der Not eine Tugend gemacht, indem er das ihm fehlende linksseitige Eckstück durch ein anderes, formverwandtesaus seinem Vorrat ersetzte. Der zwischen Eckstücken und Mittelstücken frei bleibende Grund ist mit Sternen besät. Diese Art der Musterung des unverzierten Grundes — statt der Sterne kommen auch kleine Blüten, Blätteru. s. w.vor — war allgemein beliebt; die Scheu vor leeren Stellen, der horror vacui, den der Blinddruckband erkennen läßt, übertrug sich auch auf den Golddruckeinband.

Die Kunst der Handvergoldung ist ohne Frage über die Alpen nach Deutschland gekommen, und zwar auf dem Wege des Handels und Meßverkehrs, namentlich der in Frankfurt blühenden Buchhändlermesse, die sowohl von italienischen wie auch von französischen Verlegern oder deren Agenten besucht zu werden pflegte. Auch sonst herrschte zwischen den Handelsstädten Norditaliens und denjenigen Süddeutschlands und Flanderns ein reger Warenaustausch, der zweifellos italienische Bände nach Augsburg, Nürnberg, Frankfurt sowohl wie auch nach Gent und Brügge brachte. Fürstliche und fürstlich gesinnte Bücherfreunde, die es freilich in Deutschland nicht in so großer Anzahl gab wie in Italien und Frankreich, von denen aber doch einige mit Auszeichnung zu nennen sind, so die Augsburger Fugger, die Grafen Mansfeld, vor allen aber der Kurfürst August von Sachsen, veranlaßten dann die Einbürgerung der neuen Art der Buchverzierung, und die deutschen Stempelschneider, deren Kunstfertigkeit auf hoher Stufe stand, sorgten dafür, daß es an den verschiedenartigsten Vergolderstempeln nicht fehlte. Die Formen dieser Stempel wurden in den Grundzügen den fremdländischen nachgebildet, dabei aber in selbständiger Weise gemodelt, so daß sie sich deutlich von jenen unterscheiden. (Vergl.Fig. 179.) Wie hätte es auch anders sein können bei der fruchtbaren Thätigkeit der zahlreichen Ornamentstecher, die unter dem Namen der Kleinmeister in der Kunstgeschichte des 16. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle spielen. Namentlich sind die Flachmuster von Peter Flötner (s.S. 186), aber auch die ornamentalen Erfindungen von Aldegrever, Hopfer, Virgil Solis häufig von den Stempelschneidern benutzt worden. Dem letztgenannten Meister wird eine in der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig befindliche große Rolle mit Bildnissen von Königen zugeschrieben, eine der wenigen, die sich aus jener Zeit erhalten haben.

Fig. 178. Deutscher Einband mit Stockdruck. Um 1600. Nürnberg, Germanisches Museum.

Fig. 178. Deutscher Einband mit Stockdruck. Um 1600. Nürnberg, Germanisches Museum.

Fig 179. Sächsischer Einband (Teil der Rückseite) in rotem Leder mit Silberbeschlag, Rollen-Handstempel und Stockdruck. Um 1589. Dresden, königl. Bibliothek.

Fig 179. Sächsischer Einband (Teil der Rückseite) in rotem Leder mit Silberbeschlag, Rollen-Handstempel und Stockdruck. Um 1589. Dresden, königl. Bibliothek.

Unter den deutschen Fürsten haben vorzugsweise die sächsischen der Buchbinderei im Sinne der italienisch-französischen Deckenverzierung Vorschub geleistet. Die Hofbibliothek zu Dresden enthält eine große Anzahl von Bänden, die entweder durch die Inschrift A. H. Z. S. C. (August, Herzog zu Sachsen, Kurfürst) oder durch den Charakter der Verzierung als zu der Bibliothek des Kurfürsten August gehörig gekennzeichnet sind. Die von dem Kurfürsten († 1586) in dem alten Kanzleigebäude auf der Schloßterrasse errichtete Buchbinderei stand seit 1566 unter der Leitung des von Augsburg berufenenJakob Krauße, dem 1578Kaspar Mauserim Amte nachfolgte. Von dem Letztgenannten dürfte daher der Einband herrühren, dessen Rückseite wir inFig. 179wiedergeben. Das Beschläge der Ecken ist mittelst Linie und Borde abgegrenzt, so daß die Mittelfläche aus einem Viereck mit einem oben und unten vorgelegten rechteckigen Felde besteht; auf der Vorderseite erscheint das kursächsische, auf der hier abgebildeten Rückseite das markgräflich-brandenburgische Wappen inmitten eines aus Bogen und schraffiertem Blattwerkgebildeten Ornaments, während die Ecken mittelst Stockdrucks verziert sind.

Den Dresdener Einbänden sehr ähnlich sind eine Anzahl von Bänden in der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, meistens bezeichnet F. D. H. Z. S., also für einen Herzog oder eine Herzogin von Sachsen gefertigt. Die schönsten darunter hat Stockbauer in seinen Mustereinbänden herausgegeben. Der Rahmen ist aus mehreren, meist gerollten Borden, seltener aus einer einzigen (vergl.S. 103) gebildet; in den Ecken desselben findet sich gewöhnlich das im orientalischen Sinne ausgeführte Zierstück, das dann, vierfach zusammengelegt, auch wohl zur Bildung des Mittelstückes dient. Die Spiegelfläche ist getüpfelt und trägt mitunter eine ganz im Sinne der deutschen Renaissance gedachte Kartusche, ein Wappen oder ein kreisförmig gestaltetes Zierstück. Die Einzelformen der Stempel decken sich nicht mit denen, die auf den Dresdener Einbänden vorkommen, wenn sie ihnen auch verwandt sind, weshalb man auf eine andere Werkstätte zu schließen berechtigt ist. (Vergl.Fig. 177.)

In auffälliger Weise abweichend erscheint eine Gruppe der mit der gleichen Bezeichnung versehenen Wolfenbütteler Bände. Bemerkenswert an diesen sind die kleinen, eng gewundenen, in einem Punkte endigenden Spiralen, die als Ansätze an großen, den Grundzug des Ornaments bildenden Spirallinien angebracht sind (vergl.Fig. 180). Unser Beispiel zeigt wieder den mit einem kleinen Stempel ganz überdruckten Grund und neben den sehr weit nach der Mitte vortretenden Eckfüllungen ein frei schwebendes Mittelornament, eine Anordnung, die sich der orientalischen Art nähert. Ein gewisser stilistischer Zusammenhang zwischen dieser deutschen Einbandgruppe und der französischen, die wir inFig. 161kennen lernten, läßt darauf schließen, daß eine lebhafte Wechselwirkung zwischen beiden Ländern auf dem Felde der Buchverzierung stattfand, ohne daß der deutsche Geschmack sich sklavisch an die französischen Muster gehalten hätte. Diese Beobachtung kann man auch in der Folgezeit machen, in der auch die deutsche Buchbinderei dieSpitzenmotivefür Rollen sowohl wie für Stempel aufnimmt. Eigentümlich deutsch erscheint daneben aber dasFächerornament, das uns einerseits an die verwandten Zierformen des Balkenwerks norddeutscher Holzbauten erinnert, anderseits aber orientalisch anmutet. (Vergl.Fig. 181.) In den Ecken angewendet, füllt es diese in Viertelkreisform, in der Mitte wird es zur Rosette und erhält dann oben und unten Spitzenansätze, die zur besseren Füllung der Mittelfläche an die Rosette mehr angeschoben als mit ihr verbunden sind (vergl.Fig. 181.)

Dies feine Zierwerk, das sich auch in den Seitenfeldern zwischen der Borde und dem mittleren Sechseck auf unserem Beispiel findet, ist den französischen Zierstempeln, die wir oben kennen lernten (Fig. 167), aufs engste verwandt.

Fig. 180. Sächsischer Einband mit der Bezeichnung F. D. H. Z. S. Stempelvergoldung mit kleinen Punktschnecken. Wolfenbüttel.

Fig. 180. Sächsischer Einband mit der Bezeichnung F. D. H. Z. S. Stempelvergoldung mit kleinen Punktschnecken. Wolfenbüttel.

Fig. 181. Deutsche Einbanddecke mit Fächer- und Spitzenornament. 17. Jahrh.

Fig. 181. Deutsche Einbanddecke mit Fächer- und Spitzenornament. 17. Jahrh.

Sehr verschieden von dieser durch geradlinige Einteilung der Fläche auffallenden Decke sind die Rosettendecken, bei denen Bandverschlingungen ähnlicher Art, wie sie auf den Bänden Le Gascons vorkommen, die Fläche feldern und dabei die Rücksicht auf densymmetrischen Eindruck beiseite setzen. Die Führung dieser Bandornamente ist so getroffen, daß möglichst viel kreisrunde Felder, größere und kleinere, entstehen, deren Füllung dann die Rosette bildet. Die übrigen leeren Stellen des Grundes sind ganz klein gemustert mit Sternchen oder Punkten, jedoch nicht in so sparsamer Weise, wie bei dem französischen Streumuster, sondern dicht gedrängt, als ob die Fläche mit den Punzen behandelt worden wäre.

Noch einer besonderen Gruppe von Decken haben wir zu erwähnen, die vorzugsweise in Bayern angefertigt zu sein scheinen. Stockbauer hat in seinen Abbildungen von Mustereinbänden einen Einband dieser Art mit dem kurbayrischen Wappen veröffentlicht und dem Verfasser sind ebenfalls mehrere verwandte Arbeiten mit dem bayrischen Wappen zu Gesichte gekommen. Das Eigentümliche an diesen Bänden ist, daß einzelne Blättchen des mit der Punktschnecke durchsetzten Ornaments mit Silber ausgemalt sind; die Silberbronze ist zu diesem Zweck vermutlich mit weißer Farbe gemischt worden.

Fig. 182. Deutsche Stempel mit naturalistisch gezeichneten Blumen. Zweite Hälfte des 17. Jahrh.

Fig. 182. Deutsche Stempel mit naturalistisch gezeichneten Blumen. Zweite Hälfte des 17. Jahrh.

Der dreißigjährige Krieg, in welchem das gesamte deutsche Kulturleben nahezu verödete, führte auch den Niedergang der Buchdeckelverzierung herbei. Indes fehlte es in der nachfolgenden Zeit nicht an Bestrebungen, die alte Kunstübung wieder aufzufrischen. Zu den von früher her gebräuchlichen Stempeln mit feinem Spitzenwerk, zu der Rosette und Punktschnecke traten naturalistisch gezeichnete Blumen in großen Formen, wie sie auch auf Tapeten aus jener Zeit vorkommen (Fig. 182).

Auch die Art des Netzwerks, in welchem diese Blumen oft neben oder in Verbindung mit dem zarten Spitzenwerk erscheinen, erinnert an die Tapete mit ihrem nach allen Richtungen gleichmäßig wiederkehrenden Rapporte (Fig. 183).

Dieser niederdeutschen Decke stellen wir eine gleichzeitige aus Steiermark gegenüber (Fig. 184), bei der die Gesamtanordnung und die dichte und verschiedenartige Musterung der leeren Flächen einen der inFig. 181gegebenen Decke verwandten Zug offenbart. Die Rosette erscheint hier als Füllung des halbkreisförmigen Abschlussesder in den Rahmen gewissermaßen eingelegten Felder, deren übrige Fläche mit einem von einer kleinen Vase aufsteigenden Zweige mit dichtem, geflammtem Laubwerk gefüllt ist. Das schöne Beschläge an den Ecken und auf der Mitte erhöht noch die prachtvolle Gesamtwirkung dieser Decke, die eine Pergamenthandschrift aus dem 15. Jahrhundert umschließt.

Fig. 183. Niederdeutsche Decke mit großen naturalistischen Blumen. Nach 1650. Düsseldorf, Gewerbemuseum.

Fig. 183. Niederdeutsche Decke mit großen naturalistischen Blumen. Nach 1650. Düsseldorf, Gewerbemuseum.

Fig. 184. Steirische Decke (Fragment) mit Rosetten und naturalistischen Blumen. Rotes Kalbleder. gr. Folio. Graz, Univers.-Bibliothek.

Fig. 184. Steirische Decke (Fragment) mit Rosetten und naturalistischen Blumen. Rotes Kalbleder. gr. Folio. Graz, Univers.-Bibliothek.

Einen nicht minder prächtigen Einband mit Rosetten und zierlichem Füllwerk in den durch Bandverschlingungen gebildeten Feldern bewahrt das Leipziger Kunstgewerbemuseum. Den Inhalt bildet eine Bibel in Folio, Lüneburger Druck vom Jahre 1665.

Es verlohnt sich nicht, den deutschen, mit Handvergoldung verzierten Einband über das Ende des 17. Jahrhunderts zu verfolgen.Der frühere Lederband wird mehr und mehr von dem sog. Halbfranzbande verdrängt, bei dem nur noch derRückender Handvergoldung den nötigen Spielraum bietet. Die Musterung des Rückens war bisher bedingt gewesen von den hoch liegenden Bünden, und die Verzierung der durch sie abgeteilten Felder bestand gewöhnlich in einem als laufendes Band sich darstellenden oder auch schuppenartig gebildeten Ornament (Fig. 185), das mit der Filete gedruckt wurde. Im 18. Jahrhundert kommt, wie schon früher in Frankreich und Italien, der glatte Rücken auf, ohne freilich die bisher üblichen hohen Bünde ganz zu verdrängen.

Fig. 185. Deutsche Rückenfelderverzierungen, mit Fileten gedruckt.

Fig. 185. Deutsche Rückenfelderverzierungen, mit Fileten gedruckt.

Zum Schluß bleibt uns noch ein Blick auf diePergamentbändeübrig, die in der hergebrachten Weise mit Blindpressung auch noch im 18. Jahrhundert ihr Dasein fristen, dabei von dem Wechsel des Geschmacks in Bezug auf die Zierformen der Platten und Stempel mehr oder weniger berührt werden. (Vgl. das SchlußstückS. 155und die DeckeS. 156.) Im 17. Jahrhundert begegnen wir den Versuchen, mittelst farbiger Bemalung dem Pergamentbande einen besonderen Reiz zu verleihen. Die mit Leerstempeln gedruckten Zierformen wurden mit Beiz- oder Lackfarben ausgemalt, und es entstand so eine Art von bunten Einbänden, die meist alsEmailbändebezeichnet werden, obwohl sie mit Email nichts zu thun haben. Die großen naturalistischen Blumen erinnern dabei an die sog. Bauernmajolika. Diese bunten Pergamentbände kommen vorzugsweise bei den damals üblichen Brautbüchern vor.

Außer dem deutschen, französischen und italienischen Einbande hat nur noch der englische ein geschichtliches Interesse für uns.

Der schlichte bürgerliche Einband mit Blindpressung war auch jenseits des Kanals in den ersten Zeiten des gedruckten Buches allgemein üblich. Daneben gab es aber auch sehr kostbare Einbände, die der Hauptsache nach für den Hof und den ihm nahe stehenden Adel angefertigt wurden. Eine Anzahl derselben bewahrt das Britische Museum. Sie sind zum größten Teile mit Samt, auch wohl mit anderen kostbaren Webstoffen, wie Damast und Goldbrokat, überzogen und mit einem reichen Gold- oder Silberbeschlag versehen.Heinrich VIII. und die Königin Elisabeth zeichneten sich durch ihre Liebhaberei für Bücher und Büchereinbände aus, wie aus den Rechnungsbüchern des königlichen Haushalts deutlich zu ersehen ist. Unter Elisabeth wurde es Gebrauch, für Buchüberzüge auch Stickereien zu verwenden, deren Mittelstück das königliche Wappen bildete; vorzugsweise wurden Bibeln und Erbauungsbücher in dieser Weise ausgestattet. Die Sitte ist vielleicht von Flandern nach England gekommen, da auch hier die gestickten Einbände zu Anfang des 17. Jahrhunderts nachweisbar sind und Flandern neben Italien das klassische Land der Stickerei- und Spitzenindustrie ist. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kommt in England ebenfalls der vergoldete Lederband in Aufnahme, und auch für die königliche Bibliothek bildet er seit Jakob I. die Regel, während nur noch ausnahmsweise der Samt und das kostbare Beschläge zur Verwendung kommen. Die Einwanderung des italienisch-französischen Lederbandes wird an eine ganz bestimmte Thatsache geknüpft, nämlich an die Gefangenschaft des französischen BibliophilenLouis de St. Maure, Marquis de Nesles, welcher, 1559 als Geisel ausgeliefert, später in England verblieb und Stammvater des hochangesehenen Geschlechts der Seymour wurde. (Vergl.Fig. 149.)

Fig. 186. Mittelstück eines englischen Einbandes. Um 1600.

Fig. 186. Mittelstück eines englischen Einbandes. Um 1600.

Fig. 187. Schottische Einbanddecke. 18. Jahrh. (Nach Quaritch.)

Fig. 187. Schottische Einbanddecke. 18. Jahrh. (Nach Quaritch.)

Der Hofbuchbinder Jakobs I. hießJohn Gibson, und aus einer Rechnung, die sich von ihm erhalten hat, ist zu entnehmen, wie hoch die Buchbinderarbeit damals im Preise stand; Gibson erhielt nämlich für einen vergoldeten Folioband 20, für einen ebenfalls vergoldeten Oktavband 10 Schillinge, und für einen gewöhnlichen Pergamentband 3 Schillinge.

Unter den Bücherliebhabern jener Zeit steht obenan SirThomas Bodley, der die Universität Oxford mit einer großenBüchersammlung (die Bodleiana) bereicherte, die ihm angeblich 200000 Pfd. St. gekostet haben soll, und derselben zur Vermehrung und Verwaltung ihrer Bücherschätze eine große Summe vermachte. Die Universitäten Oxford und Cambridge wetteiferten mit dem Hofe in Bezug auf schöne und haltbare Einbände. Die gediegene und sorgfältige Arbeit ist denn auch seit jener Zeit eine hervorstechende Eigentümlichkeit des englischen Einbandes geworden, und diesen Vorzug bewahrte sich die englische Buchbinderei auch im 18. Jahrhundert, das sonst fast in allen Ländern ein Nachlassen der früheren Tüchtigkeit mit sich brachte.

Die Ornamentierung der Lederbände des 16. und 17. Jahrhunderts richtete sich nach den von Frankreich und Deutschland herübergekommenen Mustern. Eine Zeitlang fand auch der sächsische Einband mit den gemalten Bildnissen der Reformatoren günstige Aufnahme und Nachahmung. Unter den ornamentalen Mittelstücken finden sich manche, die mit den deutschen, an Ätzarbeit erinnernden Prägestempeln formverwandt sind (vergl.Fig. 186).

Fig. 188. Zierformen von einem Bande aus der Bibliothek Jakobs I. (Nach Quaritch.)

Fig. 188. Zierformen von einem Bande aus der Bibliothek Jakobs I. (Nach Quaritch.)

Einer eigentümlich englischen, vielleicht mit Jakob I. von Schottland herübergekommenen Musterung der Decke begegnen wir zuerst im Laufe des 17. Jahrhunderts. Quaritch teilt in seinem »Facsimiles of bookbinding« einige Beispiele dieser schottischen Art mit. Das Charakteristische daran ist der Blütenzweig oder Stengel, der, mit dem Fußende nach dem Rande zu gerichtet oder auch umgekehrt vom Mittelfelde zum Rande aufwachsend, unter steter Wiederholung oder mit einem ähnlichen Motiv wechselnd den des festen Gefüges entbehrenden Rahmen bildet. Auf schottischen Einbänden des 18. Jahrhunderts zeigt auch das Mittelfeld dies Gezweige, das sich von der Mitte aus nach unten und oben zu entwickelt, ähnlich wie das Zweigwerk in den Seitenfeldern des oben mitgeteilten steirischen Bandes (Fig. 184). Die Gehrung des Rahmens ist mitunter durch den Stengel betont, der sich beiderseits verzweigt und oben in einer Blume endet (Fig. 187). Ein von Quaritch wiedergegebener Band aus der Bibliothek Jakobs I. hat ein sonderbares Streumuster imMittelfelde, Kronen, Zweige, Rosen und andere kleine Ornamente sind regellos durcheinander gewürfelt und umgeben dicht gedrängt das die Mitte einnehmende königliche Wappen. Die weichen, derNaturform bisweilen sehr nahe kommenden Stempelmotive (Fig. 188) lassen den Einfluß der Stickerei erkennen, der im 18. Jahrhundert noch wunderlichere Blüten treibt, wie aus dem Beispiel ersichtlich, das wir der von Wheatley herausgegebenen Sammlung von Bucheinbänden des Britischen Museums entlehnen. (Fig. 189.)

Fig. 189. Englischer Einband mit Stickmusterverzierung. Anfang des 18. Jahrh. (Nach Wheatley.)

Fig. 189. Englischer Einband mit Stickmusterverzierung. Anfang des 18. Jahrh. (Nach Wheatley.)

Fig. 190. Stempel von Harleybänden.

Fig. 190. Stempel von Harleybänden.

Fig. 191. Stempel von Roger Payne.

Fig. 191. Stempel von Roger Payne.

Im 18. Jahrhundert gab der große BücherfreundHarley, Graf von Oxford, für die Deckenverzierung den Ton an. Die Büchersammlung desselben ist später mit der Bibliothek des Britischen Museums vereinigt. InFig. 190geben wir einige Zierformen solcherHarley-Bände; das Ornament ist offenbar von den Spitzenmusterstempeln abgeleitet, macht aber den Versuch, die Naturform von Knospen und Blüten damit in Einklang zu bringen. Die Harley-Bände haben in der Regel einen roten Maroquin-Überzug, der Deckel eine breite Umrahmung und ein Mittelornament, während die Ecken gewöhnlich unverziert erscheinen.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stehtRoger Payne(† 1797) an der Spitze der englischen Buchbinderei. Seine mit der peinlichsten Sorgfalt ausgeführten Arbeiten wurden im wahren Sinne des Wortes mit Gold aufgewogen. Er war hauptsächlich für Lord Spencer beschäftigt, der ihm einmal für einen einzigen Einband 80 Pfd. St., also 1600 Mark bezahlt hat. Ein bekanntes Meisterwerk von ihm ist ein Folioband, dessen Inhalt die Dramen des Aischylos bilden (Glasgow, 1795); die Rechnung darüber hat sich noch erhalten und beträgt 16 Pfd. St., 7 Sch., also 327 Mark. Von den Stempeln, die er verwendete, geben wir einige in Abbildung wieder (Fig. 191). Wie ersichtlich, hat der Zeichner die Naturform im Auge gehabt und nicht ungeschickt mit den schlichten Mitteln Blätter und Blüten, wie er sie sah, charakterisiert. Der realistische Zug, der die englische Malerei des vorigen Jahrhunderts beherrscht, kommt auch in diesen kleinen Ornamenten deutlich zum Vorschein. Der Streugrund wurde von Payne mit Vorliebe verwendet; in der Gesamtanordnung des Ornaments folgte er vorzugsweise dem französischen Beispiel.

Auch im 19. Jahrhundert hielt sich die Buchbinderkunst in England auf der erreichten Höhe. Kein Land hat eine so große Zahl reicher Bücherfreunde aufzuweisen wie England, und es ist begreiflich, daß auch keins so vielen Namen von Buchbindern zur Berühmtheit verholfen hat.

Der allgemeine Verfall des Kunsthandwerks im 18. Jahrhundert macht sich nirgends deutlicher bemerkbar, als in der Buchbinderei. Die besseren Ledersorten, wie das Maroquin und das Kalbleder, kommen mehr und mehr außer Gebrauch und werden durch Schafleder ersetzt. Als von besonders vornehmer Art erschien der Seidenband gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wie er gern für Almanache und ähnliche, zu Geschenken für Frauen bestimmte Bücher verwendet wurde. Der Durchschnittsband hatte einen Lederrücken mit einem aufgeklebten Papierschilde. Wollte man ein übriges thun, so wurde das Leder marmoriert oder mit aufgesprengten Farben bunt gemacht.

Das 19. Jahrhundert zehrte anfangs noch an der Erbschaft früherer Zeiten und benutzte die alten Stempel oft in geradezu gedankenloser Weise. Was an neuen Zierformen hinzukam, war nichts weniger als mustergültig. InFig. 192geben wir ein Beispiel dieser trostlosen Art der Deckenverzierung. Hier und da werden Versuche gemacht, etwas ganz Außerordentliches durch die Zusammensetzungvon Bogen und Linien zu leisten, indem man sich dabei bis zur Wiedergabe architektonischer Gebilde verstieg. Ein äußerst beliebtes Kunststück war es, auf einer Fläche, die der Größe eines Felles Saffian entsprach, das Vaterunser zu drucken, und zwar so, daß die Form der Buchstaben aus Bogen, Linien und Stempeln hergestellt wurde.

Fig. 192. Decke von Krehan in Weimar. Mitte des 19. Jahrh.

Fig. 192. Decke von Krehan in Weimar. Mitte des 19. Jahrh.

Fig. 193. Ledermosaikband von Franz Wunder in Wien.

Fig. 193. Ledermosaikband von Franz Wunder in Wien.

Die besten Buchbinder Deutschlands gingen damals außer Landes, um fern von der Heimat an dem Aufschwunge mitzuhelfen, der seit der ersten Weltausstellung in London auf allen Gebieten des Gewerbfleißes eintrat. Schon zwischen 1830 und 1840 kommt der deutsche MeisterPurgoldin Paris zu gebührendem Ansehen, später dessen Schwiegersohn GeorgTrautz, der Begründer einer der vornehmsten Buchbindereien unter der Firma »Trautz-Bauzonnet«. In England gründeten nacheinanderBaumgärtnerundKalthöferBuchbindereien, die sich eines begründeten Ansehens erfreuten. Ihre Leistungen wurden indes noch weit übertroffen von JosephZaehnsdorf, der sich unter den mißlichsten Verhältnissen in die Höhe arbeitete und,unterstützt von seinem MitarbeiterMäullen, einem Rheinländer, seinem Geschäfte einen Weltruf zu verschaffen wußte. Er starb hochbetagt im Dezember 1886. Sein Sohn folgte ihm im Geschäft. Auch in Rom und Florenz entwickelten deutsche Buchbinder eine erfolgreiche Thätigkeit.

Fig. 194. Maroquinband von Amand in Paris. (Nach Uzanne.)

Fig. 194. Maroquinband von Amand in Paris. (Nach Uzanne.)

Die kunstgewerbliche Bewegung in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, das Trachten und Streben, den verlorenen Sinn für die schöne Form der Gebrauchsgegenstände wiederzugewinnen, kam in Deutschland nur langsam in Fluß. Erst die Wiener Weltausstellung von 1873 zeigte die ersten Spuren der ästhetischen Erziehung an der Hand mustergültiger Vorbilder aus früheren Jahrhunderten auch auf dem Gebiete der Buchbinderei. Der Wiener MeisterFranz Wundervor allem erneuerte die alte Ledermosaikarbeit mit gutem Geschmack und reichem Erfolg. (Fig. 193.) Ebenso verdanken wir ihm die Wiedereinführung des Lederschnitts.

Die Franzosen traten schon früher in die Reihen mit der Wiederbelebung der alten Kunstweise. Bei Grolier-, Le Gascon- und Dérome-Bänden wurden Anleihen gemacht, dabei fehlte es aber auch nicht an Versuchen, Originelles zu leisten und eigene dekorative Gedanken zur Geltung zu bringen. Die namhaftesten Meister in Paris sindPagnant,Magnin,Michel,EngelmannundAmand, von dem wir inFig. 194eine nicht überreiche, aber mit ihren zierlichen Schmuckformen gefällig wirkende Decke bringen. Wer sich über diese modern-französischen Arbeiten näher unterrichten will, findet das Material übersichtlich zusammen in dem Werke vonUzanne»la reliure moderne«.

In den letzten Jahrzehnten hat namentlich in Leipzig die Buchbinderei eine allerdings mehr in die Breite als in die Tiefe gehende Entwickelung genommen. Das darf insofern nicht wunder nehmen als ja heutzutage der mit Plattendruck in der Vergolderpresse hergestellte, oft in den buntesten Farben schillernde Kalikoband der Kunst des Buchbinders nicht allzuviel mehr zumutet. Immerhin sorgt aber die glücklicherweise auch in Deutschland zunehmende Bücherliebhaberei dafür, daß auch die Handarbeit mit Stempeln und Fileten zu Ehren kommt und verdientermaßen gewürdigt wird.


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