Randverzierung von einem arabisch-ägyptischen Bande.ERSTER ABSCHNITT.Der mittelalterliche Einband.
Randverzierung von einem arabisch-ägyptischen Bande.
Randverzierung von einem arabisch-ägyptischen Bande.
Schon auf den ersten Seiten dieses Buches ist der historischen Entwickelung des Einbandes im allgemeinen gedacht. Das Vorbild für den Schmuck der hölzernen Deckel der für den kirchlichen Gebrauch bestimmten Handschriften lieferten die römischen Schreibtafeln, Diptychen oder Pugillarien genannt, deren Außenseite mit erhabenem Elfenbein-Schnitzwerk verziert zu sein pflegte. Da es indes schwierig war, die große Fläche der Ritualbücher ganz mit dergleichen Zierat zu bedecken, so brachte man die Schnitzerei gewöhnlich nur auf der Mitte der Decke an und gab ihr eine mehr oder minder kostbare Umrahmung aus Gold- und Silberplättchen, Filigran, Bergkristallen und Edelsteinen. Indes wurden auch zur Umrahmung Elfenbeinplatten mit kleinerem Schnitzwerk verwendet. Die einzelnen Stücke dieses Schmuckwerks wurden unmittelbar auf dem Holz — meist Buchenholz — mit Nägeln befestigt, die Kristalle und edlen Steine vorzugsweise in den Ecken angebracht, wo sie, wie später die Knöpfe der Eckbeschläge, zum Auflager für das aufgeschlagene Buch dienten.
Fig. 106. Deckel eines Evangelienbuchs in Essen a. d. Ruhr. Um 1050.
Fig. 106. Deckel eines Evangelienbuchs in Essen a. d. Ruhr. Um 1050.
Die Schauseite der liturgischen Bücher, die schon ihrer Größe und Schwere wegen ihren festen Platz auf dem Lesepulte oder dem Altar, an dem sie nicht selten angekettet waren, unveränderlich behielten, wurden natürlicherweise am reichsten mit Juwelen- und Goldschmuck ausgestattet, während die Rückseite eine einfachere Ausstattung erhielt. Das geschriebene Buch selbst galt als eine große Kostbarkeit, zumal wenn es mit Miniaturen ausgemalt war, und demgemäß stattete man auch die zu seinem Schutze dienende Decke mit dem kostbarsten Schmuckwerk aus. Meistens waren diese Prachtwerke desMittelalters Geschenke, die von fürstlichen Personen herrührten, wie das berühmte Evangeliar aus St. Emmeran in Regensburg (jetzt in der königl. Bibliothek zuMünchen), das vom Kaiser Arnulf dem genannten Kloster geschenkt wurde und unter Otto II. seinen jetzigen, mit Smaragden und Perlen besetzten Einband erhielt. Ein Geschenk von Otto III. und seiner Mutter, der griechischen Prinzessin Theophano, an das Kloster Echternach war vermutlich das jetzt im Museum zuGothabefindliche Evangeliar, das wegen der diagonalen Teilung der mittleren Fläche, der wir später auf Lederbänden so häufig begegnen, von besonderem Interesse ist. Aus dem 11. Jahrhundert (zwischen 1039–54) stammt der in Abbildung wiedergegebene Deckel (Fig. 106) eines Evangelienbuches im Münster zu Essen mit einem sehr reichen Schnitzwerk, das von einem getriebenen Goldblechrahmen umgeben ist, dessen Gehrungsfugen mit Edelsteinen besetzt sind.
Mit dem 12. Jahrhundert beginnt der übertriebene Luxus, der diese kirchlichen Einbände auszeichnete, allmählich nachzulassen. Es hängt diese Erscheinung zum Teil wohl mit dem Umstande zusammen, daß die mittelalterliche Kultur den kirchlichen Charakter nach und nach abstreift oder doch mehr und mehr mit weltlichen Gedanken und rein menschlicher Empfindungsweise erfüllt wird. Erst sind es die höfischen Kreise, der Adel, dem sich mit den Minnesängern eine neue Gedankenwelt aufschließt; später ist es das in den aufblühenden Städten erstarkte Bürgertum, das dem gesamten Geistesleben der Nation einen höheren Aufschwung gibt. Die Bücher mehren sich unter der Hand berufsmäßiger Abschreiber gleichzeitig mit der Zahl derer, die lesen und schreiben lernen und bei denen sich naturgemäß ein gewisses litterarisches Bedürfnis herausbildet. Immerhin behalten die Einbände der liturgischen Bücher im wesentlichen ihr altes Gepräge, nur verschwindet allmählich das elfenbeinerne Mittelstück und wird durch eine getriebene Platte ersetzt, während die Edelsteine gleichzeitig auf kleine Stücke zusammenschrumpfen oder ganz fortfallen. InFig. 107geben wir einen derartigen Deckel aus dem 12. und inFig. 108einen solchen aus dem 14. Jahrhundert. Ärmlicher schon erscheinen die Decken, bei denen das Mittelfeld aus einem gemalten Bildchen besteht, das dann mit einer dünnen Horntafel überdeckt zu sein pflegt, die es gegen Beschädigung schützt.
Fig. 107. Buchdeckel aus dem 12. Jahrh.
Fig. 107. Buchdeckel aus dem 12. Jahrh.
Fig. 108. Deckel eines Evangeliars. 14. Jahrh. Universitätsbibliothek zu Lüttich.
Fig. 108. Deckel eines Evangeliars. 14. Jahrh. Universitätsbibliothek zu Lüttich.
Fig. 109. Deckel eines Evangeliars von Anton Eisenhoit. Um 1590. Im Besitz des Grafen Fürstenberg-Herdringen.
Fig. 109. Deckel eines Evangeliars von Anton Eisenhoit. Um 1590. Im Besitz des Grafen Fürstenberg-Herdringen.
Mit dem 14. Jahrhundert wird das Buch, die Abschrift, bereits vorhandener und neu entstehender Werke, immer mehr zur Ware, zum Handelsartikel, und demgemäß muß auch der Einband auf einfachere und billige Weise hergestellt werden, wobei jedoch nicht ausgeschlossen ist, daß die kirchlichen Zwecken dienenden Evangeliarien und Sakramentarien nach wie vor mehr Metall- als Lederarbeit erfordern. Ganze in Silber getriebene Buchdeckelbekleidungen kommen noch im 16. Jahrhundert vor, ja im 17. Jahrhundert erwacht von neuem der Geschmack an der Belegung des Deckels mit Metallplatten, die sich von der einfachsten Messinggravierung bis zu den kostbarsten Ziselierungen von silbernen und vergoldeten Platten erheben. Eine der prachtvollsten Arbeiten dieser Art, die der Warburger Goldschmied Eisenhoit für den Fürstbischof von Paderborn, Theodor v. Fürstenberg, zu einem Evangeliarium fertigte, ist inFig. 109wiedergegeben. In der Regel beschränkt sich seit dem 15. Jahrhundert der Metallbeschlag auf den Schutz der Ecken, auf ein rosettenförmiges oder als Medaillon gestaltetes Mittelstück und auf die Schließen (Klausuren), die dazu dienten, die beiden Deckel über den Vorderschnitt zusammenzuhalten (Fig. 111). Die Schließen, als Spangen vonMetall, häufiger in Form von Lederriemchen, kommen erst im 13. Jahrhundert auf. Mit ihrem Haftblech sind sie meist an dem untern Deckel befestigt und greifen mit einer Krampe oder Öse in den Beschlag an der oberen Deckelkante ein. Der Eckbeschlag ist in der Regel mit einem Knopf oder mit Buckeln versehen, die die Decke vor der Berührung mit der Tischfläche schützen, wenn das Buch aufgeschlagen wird. Es schiebt sich während der gotischen Stilperiode im spitzen Winkel nach der Mitte zu mit einem Dreiblattornament vor, wie ausFig. 112,S. 171zu ersehen ist. Der Beschlag bildet insbesondere, wenn erin kunstvoller Silberarbeit ausgeführt ist, auch in der Zeit der Renaissance oft den ganzen Zierat der sonst schlicht mit Leder oder Samt bezogenen Decke. Unsere AbbildungFig. 110zeigt einen solchen Prachtbeschlag von dem Nürnberger Goldschmiede HansKellner, bei welchem geflügelte Engelköpfe den Dienst der oben erwähnten Knöpfe oder Buckel versehen und der Eckbeschlag mehr im Sinne eines Schmuckstücks als einer Schutzvorrichtung erscheint.
Fig. 110. Einbanddecke des Tucherschen Geschlechterbuchs. 1559. Nürnberg, Privatbesitz.
Fig. 110. Einbanddecke des Tucherschen Geschlechterbuchs. 1559. Nürnberg, Privatbesitz.
Mit Erwähnung dieser Erzeugnisse der Renaissancezeit sind wir bereits weit über die Grenzen des Mittelalters hinausgegangen. Indes schien es uns der Sache angemessen, den mittelalterlichen Prachtband, an dem der Goldschmied das Beste gethan, hier gleich in seinen Ausläufern zu verfolgen, ehe wir uns zur Betrachtung des bürgerlichen Ledereinbandes anschicken.
Fig. 111. Buchschließe einer Bibel. 16. Jahrh. Leipziger Kunstgewerbe-Museum.
Fig. 111. Buchschließe einer Bibel. 16. Jahrh. Leipziger Kunstgewerbe-Museum.