II.GESCHICHTE DER BUCHDECKE.

II.GESCHICHTE DER BUCHDECKE.

Leiste von einem Einbande der Bibliothek zu Wolfenbüttel.Vorbemerkung.

Leiste von einem Einbande der Bibliothek zu Wolfenbüttel.

Leiste von einem Einbande der Bibliothek zu Wolfenbüttel.

Im Verlaufe unserer Darstellung der Technik des Bucheinbandes haben wir bereits hin und wieder auf die geschichtliche Entwickelung derselben hingewiesen und auch die künstlerische Seite unseres Gegenstandes dabei berührt. Im nachfolgenden werden wir der letzteren ausschließlich unser Augenmerk zuwenden und der Geschichte des Geschmackes nachgehen, wie er sich zu verschiedenen Zeiten und bei den zumeist in Betracht kommenden Völkern in Bezug auf den Schmuck des Einbandes entwickelt hat. Wiederholungen werden dabei nicht ganz zu vermeiden sein, da der Zierat bei jedem Gebrauchsgegenstande abhängig ist von dem Material, aus dem dieser hergestellt, und von dem Zweck, zu dem er gebraucht wird.

Die Quellen, aus denen die Geschichte des Bucheinbandes zu schöpfen ist, sind leider nicht sehr ergiebig, und man ist häufig auf das Gebiet der Mutmaßung verwiesen, um für diese oder jene Erscheinung eine angemessene Erklärung zu finden. Dagegen sind uns eine große Anzahl Namen von Buchbindern, hauptsächlich deutschen, überliefert worden, da diese häufig das Werk ihrer Hände mit vollem Namen gekennzeichnet haben, und zwar sowohl im ausgehenden Mittelalter als auch zur Zeit der Renaissance. Diese Thatsache ist um so merkwürdiger, als wir bei den dem 16. Jahrhundert angehörigen Einbänden italienischen und französischen Ursprungs, die heutzutage die Augenlust der Sammler und Kenner sind, den nach Majoli, Grolier und anderen Bibliophilen benannten Bänden fast niemals auf den Namen des Binders stoßen.

Auch über die Lebensverhältnisse und die Werkstatteinrichtungen einzelner deutscher Buchbinder sind wir dank der archivalischen Forschungen Steches, Kirchhofsu. a.unterrichtet. So über den Leipziger BuchbinderChristoph Birck, der 1578 starb, überJakob Krauße, den der Kurfürst August an seinen Hof berief, überJörg Bernhardaus Görlitz, der 1550 in die Dienste des Pfalzgrafen Otto Heinrich, des kunstsinnigen Erbauers des Heidelberger Schlosses, trat und im Dienste seines hohen Herrn nicht bloß für Einbände, sondern auch für die Hausverwaltung, für Vögel, Pferde und Kellerei zu sorgen hatte. So ließen sich noch viele Namen nennen, ohne daß sie viel mehr als Namen böten; auf einige mit bestimmten, noch vorhandenen Bänden in Beziehung stehende Meister werden wir später zurückkommen.

Aus den häufig vorkommenden Berufungen von Buchbindern an Fürstenhöfe, wo sie als »Hofhandwerker« nebenbei auch wohl noch mit anderen, außerhalb ihrer Berufsthätigkeit liegenden Diensten betraut wurden, läßt sich schließen, daß ihre bürgerliche Stellung im 15. und 16. Jahrhundert in gewissem Sinne eine bevorzugte war. Es läßt sich dies leicht aus dem Verhältnis erklären, in welchem die Buchbinder ursprünglich zur Kirche und zu der gelehrten Welt standen. Buchschreiber, Buchmaler und Buchbinder waren in den Klöstern oft eine und dieselbe Person. Dies läßt sich mit einzelnen urkundlich nachgewiesenen Beispielen belegen. Mit der Erfindung Gutenbergs tritt darin zwar eine Änderung ein, aber der Bucheinband blieb auch dann noch lange Zeit Mönchsarbeit und einzelne Mönchsorden, wiez. B.die »Brüder vom gemeinsamen Leben«, befaßten sich ebensowohl mit dem Einbinden wie mit dem Druck, also mit der vollständigen Herstellung von Büchern.

In dieser Hinsicht folgten ihnen die großen Drucker des 16. Jahrhunderts, die zugleich Verleger waren, wie die Koberger in Nürnberg, die Aldus in Venedig, die Elzevier in Leiden, die Stephanus in Parisu. s. w.; sie brachten ihre Ware gebunden auf den Markt und trafen daher auch die zur Herstellung der Einbände erforderlichen Einrichtungen.

Immerhin wurde die Buchbinderei auch unabhängig von dem Buchhandel betrieben. Sie blieb lange Zeit wie der Buchdruck ein vornehmes Gewerbe. Nicht selten erscheinen die Buchbinder als Schutzverwandte der Universitäten und suchen sich, gestützt auf dieses Verhältnis, auch wohl den strengen Vorschriften der Zunftordnungen zu entziehen.

Die Geschichte des äußeren Bücherschmuckes hängt im Grunde genommen eng zusammen mit der Geschichte der Goldschmiedekunst und der Stempelschneiderei (Gravierkunst), welch letztere anfänglich auch von Goldschmieden ausgeübt wurde. Die ornamentalen Erfindungen, die Zeichnung für den Stempel oder die Prägeplatte sind wohl nur ausnahmsweise auf Rechnung eigentlicher Buchbinder zu stellen, ja die Verzierung der Lederbände selbst lag ursprünglich in der Hand von Goldschmieden und ist erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts zur Buchbinderarbeit geworden.

Es ist schwer, die Geschichte der Buchdecke in bestimmte Perioden zu fassen, noch schwerer, sie innerhalb derselben nach nationalen Rücksichten zu gliedern. Ein in der Natur der Sacheliegender tiefer Einschnitt in dem Entwickelungsgange des Bucheinbandes, sollte man meinen, müßte sich aus der Erfindung des Buchdruckes oder, besser gesagt, des Druckes mit beweglichen Typen ergeben. Und doch ist ein solcher nicht in auffälliger Weise wahrnehmbar. Das handschriftliche Buch, das als Handelsware auf den Märkten und Messen schon zu Anfang des 15. Jahrhunderts käuflich war, unterschied sich weder in der technischen Behandlung der Bindung noch in seinem äußeren Gewande von den sog. Wiegendrucken. Wohl aber unterschied es sich mit seinem schlichten Leder- oder Pergamentüberzuge von den lediglich zu gottesdienstlichen Zwecken bestimmten, aufs kostbarste ausgestatteten sog.Mönchsbänden[2]mit ihrer metallenen, emaillierten und von edlen Steinen durchsetzten Plattierung. Dieser Mönchsband verschwindet aber keineswegs mit dem Ausgange des Mittelalters, er behält lange noch seine Bedeutung als kirchliches Inventarstück ganz in derselben Weise wie die übrigen Altargerätschaften.

Die Geschichte desbürgerlichenEinbandes hat einen deutlichen Markstein in dem Auftreten dervergoldeten Lederdecke, des sog. Renaissancebandes, der, persisch-maurischen Ursprungs, von Italien her den übrigen europäischen Kulturvölkern übermittelt wurde. Aber diese rasch um sich greifende Neuerung räumte keineswegs mit der alten Gewohnheit auf, und dieblindgepreßteDecke wich nur Schritt für Schritt, in Deutschland erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, dem Andrange des glänzenden Nebenbuhlers.

Diese eigentümlichen Umstände schließen eine streng historische Betrachtung der Buchdecke aus und machen es notwendig, jede Einbandgattung zunächst für sich ins Auge zu fassen und in ihrer ornamentalen Entwickelung zu verfolgen. Die Zierformen selbst wechseln, ändern und vermehren sich, sie zeigen nur ausnahmsweise einen nationalen Zug, der sich dann meistens rasch verallgemeinertd. h.Mode wird, sie behaupten auch oft auf Jahrzehnte hinaus ihren Platz der stilistischen Bewegung zum Trotz, die, von der Architektur ausgehend, zu allen Zeiten bald schneller, bald langsamer auf das Gebiet der Kleinkünste hinüberzugreifen pflegt.


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