Achtes Capitel.

[pg 1-95]Achtes Capitel.Die Kama stromaufwärts.Am Morgen des 18. Juli kam der „Kaukasus“ um sechs Uhr vierzig Minuten an dem Landeplatze für Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universität und eines griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevölkerung dieser Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken, Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.Trotz der großen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drängte sich eine ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzärmeligem Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Krempen an den gewöhnlichen Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe ein kleines Scheitelkäppchen, wie es die polnischen Juden tragen. Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich halbmondförmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in Gruppen bei einander.[pg 1-96]Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl für die Passagiere, die den „Kaukasus“ hier verließen, als auch für andere, welche hier das Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfältiger Musterung jedes Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zuströmen, das man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der „Kaukasus“ sollte behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.An’s Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er hätte die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Liefländerin nicht auf dem Schiffe allein lassen können.Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie sich’s eben für eifrige Jäger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er entweder einige Erscheinungen flüchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug, als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines Gedächtnisses nur plaudernd umher lief.Längs der ganzen Ostgrenze Rußlands schwirrte das Gerücht durch die Luft, daß die Empörung und der Einfall sehr gefährliche Dimensionen annähmen. Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den „Kaukasus“[pg 1-97]verlassen zu haben, von verschiedenen neuen Ankömmlingen.Erfüllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die Uralkette zu überschreiten, um selbst über die Bedeutung der Ereignisse urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen zu können. Fast hätte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde.Unter den Reisenden, welche den „Kaukasus“ verließen, erkannte Michael Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer Führung, schifften sich etwa zwanzig Tänzerinnen und Sängerinnen im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdürftig den Flitterstaat darunter verhüllten.Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen, erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht. Es war der nämliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.„Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsüber unter dem Verdeck auf und wollte sich während der Nacht unter dem Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es für gut, möglichst wenig gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!“Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel,[pg 1-98]daß der ihn besonders angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerührt habe, die nur dann und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und daß jene Worte zwischen dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt worden seien.Wider Willen näherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verließ, um nicht wieder zu kehren.Dort stand der Alte in sehr demüthiger, mit der natürlichen Unverschämtheit seiner Stammesgenossen wenig übereinstimmender Haltung. Er sah aus, als meide er es möglichst gesehen zu werden, statt die Blicke Anderer auf sich zu lenken. Sein schäbiger, von der Sonne des ganzen Erdballs verbrannter Hut saß tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem breiten Rücken bauschte sich trotz der Wärme der Sonne ein weiter Kittel. Es wäre schwierig gewesen, unter dieser erbärmlichen Hülle seine Figur deutlich zu erkennen.Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine große Frau von dreißig Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prächtigen Augen und üppigem Haar in stolzer Haltung.Einige der jungen Tänzerinnen waren von auffallender Schönheit, und Alle zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Großen, welche mit den Engländern gern an Excentricität wetteifern, hat sich nicht entblödet, ein Weib aus diesem Stamme zu wählen.Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthümlichem Rhythmus vor sich hin, dessen erste Verse man etwa so übersetzen könnte:[pg 1-99]Am braunen Hals die Koralle blinkt,Die goldene Nadel im Haar;Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt,Zum Lande der …Die lustige Dirne sang gewiß weiter, doch Michael Strogoff hörte sie nicht mehr.Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen.Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘ titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen …“Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu folgen, aber er bezwang sich noch.„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig, bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“[pg 1-100]Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge verschwunden.Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort.Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern, der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“, rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden Augenblick abfahren.[pg 1-101]Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon eingenommen.Da fiel es Michael Strogoff auf, daß von den beiden Journalisten nur der eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurück gekehrt war.Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versäumen?Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue löste, erschien Alcide Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoßen und die Landungsbrücke auf den Kai zurück gerollt, der leichtfüßige Held der Feder bekümmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte er über die Lücke und fiel auf dem Deck des „Kaukasus“, fast in die Hände seines Collegen, nieder.„Ich glaubte schon, der ‚Kaukasus‘ sollte ohne Sie weiter gehen, sagte Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube ähnelte.— Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich hätte Sie schon einzuholen gewußt und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst für zwanzig Kopeken, nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau ist’s eine tüchtige Strecke.— Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich dabei zusammenzogen.— Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem liebenswürdigsten Lächeln.— Nun, er ist bis Kolyvan noch inOrdnung?— Das weiß ich nicht, kann Ihnen dafür aber versichern, daß er z. B. von Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.[pg 1-102]— Sie gaben eine Depesche auf … an Ihre Cousine?…— Mit reinem Feuereifer!— Sie haben also gehört …— Erlauben Sie, Väterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniß vor Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind über Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwärmen in hellen Haufen längs der Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!“Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht, während sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische Zeitung war um zwei Pferdelängen geschlagen!Der arme Harry Blount wandelte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, nach dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.Gegen zehn Uhr Morgens verließ die junge Liefländerin ihre Cabine und erschien auf dem Verdeck.Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.„Sieh Dich hier um, Schwester“, mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile des Schiffes gelangt waren.Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.Der „Kaukasus“ erreichte jetzt den Zusammenfluß der Wolga und Kama. Hier verließ er nach einer Thalfahrt von über 400 Werst jenen Strom, um[pg 1-103]den immerhin bedeutenden Fluß 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu durchpflügen.An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserläufe mischten sich deren verschieden gefärbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten, und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.Die Kama endigte in weitgeöffneter Mündung, umrahmt von lieblich bewaldeten Ufern. Einige weiße Segel belebten das reinliche Wasser, auf dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit mächtigen Eichen geschmückte Hügel schlossen den Horizont in harmonischer Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen des Himmels zu verschmelzen schien.Und doch schien es, als blieben diese Naturschönheiten ohne allen Eindruck auf den Gedankengang des jungen Mädchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr Reiseziel zu erreichen! – Die Kama bildete für sie nur einen leichteren Weg, dahin zu gelangen. Wie glänzten ihre Augen in schönem Feuer auf, wenn sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont durchbohren.Nadia hatte die Hand in der ihres Gefährten gelassen und fragte, indem sie sich zu ihm hinwendete:„Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?— Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.— Neunhundert auf sieben Tausend!“ seufzte das junge Mädchen.[pg 1-104]Die Zeit zum Frühstücken war gekommen; das Läuten einer Glocke meldete es den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsräumen des Steamers. Sie berührte die auf einer seitlichen Tafel servirten Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Häring in Stücken, anishaltiger Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte, der man in allen nördlichen Ländern, in Rußland ebenso wie in Schweden und Norwegen begegnet. Nadia aß nur wenig, etwa wie ein armes Mädchen, deren beschränkte Mittel sie nicht weiter gehen ließen. Michael Strogoff glaubte sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner Gefährtin genügten, nämlich ein wenig „Kulbat“, eine Art Pastete aus Reis, Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getränk etwas Thee.Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten, nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und Nadia wieder das Deck des „Kaukasus“.Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehört zu werden:„Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heiße Nadia Fedor. Vor kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.— Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in die Arme ihres Vaters zu führen.[pg 1-105]— Ich danke, Bruder!“ erwiderte Nadia.Michael Strogoff fügte noch hinzu, daß er für Sibirien einen speciellen Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behörden kein Hinderniß im Wege stehen werde.Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufälligen Begegnung dieses einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem Vater zu gelangen!„Ich besaß, fuhr sie fort, einen Paß, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu gehen; ihn hat der Erlaß des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der Du mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wäre, nicht verlassen können.— Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?— Es war meine Pflicht, Bruder.— Wußtest Du aber nicht, daß das empörte und von Feinden überschwemmte Land kaum zu passiren ist?— Der Tartareneinfall war, als ich Riga verließ, noch nicht bekannt, erwiderte die junge Liefländerin. In Moskau erst erfuhr ich diese Neuigkeiten.— Und setztest trotzdem Deine Reise fort?— Es war meine Pflicht.“Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mädchens. Was sie für ihre Pflicht erkannte, zögerte Nadia niemals auszuführen.[pg 1-106]Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein geschätzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glücklich im Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer ausländischen geheimen Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen und die Gensdarmen, welche jene Ordre überbrachten, geleiteten ihn ohne Verzug über die Grenze.Wassili Fedor ließ man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und seine hilflos zurückbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoß heiße Thränen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte dort, aber fast ohne pecuniären Vortheil, seine Praxis weiter betreiben können. Und doch wäre er wohl so glücklich gewesen, wie das einem Verbannten überhaupt möglich ist, hätte er Weib und Kind um sich haben können. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwächlichkeit wegen aber auch schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behörden nun um die bald zugestandene Erlaubniß an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb Diesem, daß sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen. Sie that, was sie konnte!… Gott würde das Uebrige thun!Indeß arbeitete sich der „Kaukasus“ gegen den Strom vorwärts. Die Nacht brach an und die Luft kühlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen[pg 1-107]die Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das Geheul der Wölfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.Neuntes Capitel.Tag und Nacht im Tarantaß.Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der „Kaukasus“ am Landungsplatze in Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berührte.Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der umfänglichsten in ganz Rußland und greift über das Uralgebirge hinweg bis nach Sibirien hinüber. Marmorbrüche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie Steinkohlengruben werden dort in großem Maßstabe ausgebeutet. Perm mag allen Umständen nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorläufig aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen. Für Diejenigen, welche von Rußland nach Sibirien gehen, fällt jener Mangel an Comfort nicht allzu sehr in’s Gewicht, denn Diese sind gewöhnlich mit allem Nöthigen hinlänglich versehen; den Ankömmlingen aus Centralasien dagegen würde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiß recht angenehm sein, die erste europäische Stadt des Reiches[pg 1-108]an der asiatischen Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenständen des Bedarfs versorgt zu sehen.In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen meist mehr oder weniger beschädigten Wagen zu veräußern; andererseits kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im Winter Schlitten, bevor er sich für mehrere Monate in die verlassenen Steppenwüsten wagt.Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und durfte dasselbe nur erfüllen.Gewöhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich schnell überschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse hatte man diesen aber einstellen müssen. Auch ohnedem hätte Michael Strogoff, dem es auf die größte Eile ankam, auf dieses Beförderungsmittel verzichtet, und würde er es, um von Niemand abhängig zu sein, vorgezogen haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu wechseln, wobei er durch splendide „na vodku“ (Trinkgelder) den Eifer der Postillone anzuspornen hoffen durfte.Zum Unglück hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft beliebten Maßnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmähten zu begnügen. Bezüglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren außerhalb Sibiriens wohl seinen Podaroshna in’s Treffen führen, auf welchen hin ihn die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen[pg 1-109]befriedigen würden. Einmal außer dem europäischen Reiche aber sah er sich gleich jedem Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschränkt.An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen Tarantaß oder einen Teleg?Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierräderiges Wägelchen und durchweg aus Holz construirt. Räder, Axen, Schlußnägel, Sitze und Deichsel, alles stammt von den Bäumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer Beschädigung leichter wieder in Stand zu setzen wäre. An Tannen fehlt es längs der russischen Grenze nicht, und die Schlußnägel wachsen in den Wäldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden die unter dem Namen „Perekladnoï“ bekannten Extraposten befördert. Manchmal reißen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und während der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nächsten Relais auf zwei Rädern an; aber man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.Michael Strogoff hätte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch einen Tarantaß aufzutreiben.Es glaube aber Niemand, daß ein derartiges Gefährt auf der obersten Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart; aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuß von einander entfernten[pg 1-110]Räder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen Straßen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schützt die Insassen vor dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche herabgezogen das Gefährt fast hermetisch verschließt, vor dem Sonnenbrande und den nicht seltenen Windstößen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantaß ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff auch hier treu zu bleiben.Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte.„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine bequemere Fahrgelegenheit gesucht.— Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden.— An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.— Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das junge Mädchen. Wenn[pg 1-111]Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt, klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen war, d. i. der russische „duga“; die beiden andern waren einfach mittels Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. VonZaumund Gebiß keine weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur.Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen Hut, rothen[pg 1-112]Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit dem kaiserlichen Abzeichen.Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine nicht mißzudeutende Bewegung.„Ein Paar Raben, sagte er halb für sich und unbekümmert darum, ob er verstanden wurde oder nicht, Raben für sechs Kopeken die Werst.— Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon recht wohl verstand, Adler, hörst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das Trinkgeld!“Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der „Rabe“ bedeutet in der Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei Kopeken per Werst bezahlt. Ein „Adler“ dagegen ist der Reisende, der auch vor hohen Preisen nicht zurückschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft. Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu fliegen, wie der König der Vögel.Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plätze in dem Tarantaß ein. Einiger wenig umfänglicher Proviant, der in den Sitzkästen untergebracht wurde, gewährte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzögerung erleiden zu können, wenn sie einmal die durch Fürsorge des Staates wohlversehenen Posthäuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde übergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag verließ der[pg 1-113]Tarantaß, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog in eine dichte Staubwolke gehüllt dahin.Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, hätte jedem Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, höchlichst verwundern müssen. Das etwas größere Pferd in der Gabel hielt ungestört, wie abschüssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter Regelmäßigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber, wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er für sie borgte! Die Schnur, die ihm als Zügel diente, wäre gegenüber den ausgelassenen Thieren wohl ganz nutzlos gewesen, aber „na pravo“, rechts, oder „na levo“, links, diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr Wirkung, als Zügel und Zaum.Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der würdige Rosselenker!„Vorwärts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwärts meine artigen Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltäubchen! Immer dran, mein Vetter zur Linken! Greif’ aus, Väterchen zur Rechten!“Wenn sie aber nachließen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso vielseitige Verwünschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen schienen.„Lauf zu, Du Höllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwürge Dich bei lebendigem[pg 1-114]Leibe, Du Schildkröte! Du sollst noch in jener Welt verdammt sein!“Was man aber auch denken möge über diese Art der Pferdeführung, welche mehr die Solidität der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantaß nur so dahin und bewältigte zwölf bis vierzehn Werst in der Stunde.Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Beförderung gewöhnt. Weder das Schütteln noch das Hüpfen des Gefährtes belästigte ihn. Er wußte, daß ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder tiefe Löcher vermeidet, so wenig wie umgestürzte Baumstämme oder Gräben, die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefährtin freilich lief Gefahr, durch dieses Stoßen des Tarantaß verletzt zu werden, doch sie beklagte sich nicht.Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur ankommen! verfolgt, begann sie:„Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich mich geirrt?— Gewiß nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg werden wir den Fuß des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.— Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?— Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, – ich sage Tag und Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muß ohne Säumen nach Irkutsk eilen.[pg 1-115]— Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen Tag und Nacht fahren.— Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so können wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.— Du hast diese Reise schon einmal gemacht?— Schon mehrere Male.— Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr?— Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer gelitten haben.— Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.— Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner Kleidung aus Rennthierfell2mein Herz sich mit Eis überziehen, meine Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es, wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein Messer ihn schneiden konnte!… Mein Schlitten aber flog dahin wie ein Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das harte[pg 1-116]Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden, Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren Leichname der wehende Schnee begrub!— Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia.— Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben. Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche, unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!— Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge Liefländerin.— Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.— Und was thatest Du in Omsk?— Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.— Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, daß mich Nichts hätte zurückhalten können?— Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott würde Dir geholfen haben!“Diesen Tag über wurde der Tarantaß durch die bei jedem Relais wechselnden Jemschiks sehr schnell weiter befördert. Die Adler der Berge hätten ihren Namen durch jene „Adler“ der Landstraße nicht als entehrt ansehen können. Der hohe Preis für jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder dienten[pg 1-117]den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den Postmeistern mochte es nach Veröffentlichung jener Verordnung wohl auffallen, daß ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indeß waren ihre Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn auch die Kilometer-(Werst-)Pfähle bald im Rücken des Tarantaß.Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, daß ein Wagen ihm vorausging, ohne sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darüber besondere Sorge zu machen.Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nöthigen Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthäuser boten Unterkunft und Stärkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht hätte, wäre das Haus jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geöffnet gewesen. In diesen einander überaus ähnlichen Dörfern mit ihren weißen steinernen Capellen und grünlichen Dächern kann der Reisende wohl an jede Thür klopfen; sie wird sich gewiß öffnen. Dann erscheint der Mujik lächelnden Gesichts und giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rückt den „Samowar“ über’s Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fühlen. Die Familie würde im Nothfalle das Haus räumen, um ihm Platz zu machen. Der ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der „den Gott selbst sendet“.[pg 1-118]Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.„Vor zwei Stunden, Väterchen, berichtete der Postmeister.— Es ist eine Berline?— Nein, ein Teleg.— Wie viel Reisende?— Zwei.— Sie haben es eilig?— Es sind Adler!— Laßt schleunigst anspannen.“Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fühlte man, daß die drückender gewordene Luft sich allmälig mit Elektricität sättigte. Kein Wölkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befürchten, daß in den Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael Strogoff, der gewöhnt war, alle atmosphärischen Vorzeichen zu deuten, fühlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger Besorgniß erfüllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stöße des Tarantaß vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb zurückgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schöpfen, nach der die Lungen in dieser erstickenden Atmosphäre begierig verlangten.[pg 1-119]Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mißtraute den Jemschiks, weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den Relais verloren, keine Stunde unterwegs.Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mächtige Kette, die Grenzmauer zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien, lag jedoch noch in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst während der folgenden Nacht stattfinden.Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgängig bedeckt und in Folge dessen auch die Luftwärme erträglicher, doch wurde die Witterung immer gewitterschwüler.Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff würde es gewiß unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt hätte; als ihn der Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden Donner aufmerksam machte, fragte er nur:„Ein Teleg fährt uns noch immer voraus?— Ja.— Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?— Ungefähr eine Stunde.— Vorwärts! – Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen früh in Jekaterinenburg sind.“[pg 1-120]Zehntes Capitel.Ein Unwetter in den Uralbergen.Die Uralkette erstreckt sich auf einer Länge von nahe 3000 Werst (3200 Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht, der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung „Poyas“ aus russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmäßig den „Gürtel“. Mit dem einen Fuße an der unwirthlichen Küste des Arktischen Oceans netzen sie den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.Das war die Grenze, welche Michael Strogoff überschreiten mußte, um von Rußland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwähnt, die Straße einschlug, die auf der östlichen Abdachung des Ural von Perm nach Jekaterinenburg führt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten centralasiatischen Handels dient.Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniß eintrat, wohl zum Passiren der Berge ausreichen. Leider kündigte das erste Grollen des Donners ein Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphäre furchtbar zu werden drohte. Die elektrische Spannung war so groß, daß sie sich nur durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.Michael Strogoff achtete darauf, daß seine junge Begleiterin bestmöglich versorgt war. Die Wagendecke,[pg 1-121]die ein schärferer Windstoß leicht hätte wegreißen können, wurde durch über und hinter ihr gekreuzte Stricke besser gesichert. Man verdoppelte die Zugstränge der Pferde und polsterte aus übergroßer Vorsicht das Stoßeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die Haltbarkeit der Räder zu vergrößern, als auch um die Stöße zu mildern, die in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein würden. Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefährtes, deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantaß angepflöckt waren, mit einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange. Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstückes, das an den Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei Ledervorhänge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem Regen und Sturme schützen mußten.An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei große Laternen angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoßen mit einem etwa entgegenkommenden Wagen.Man erkennt hieraus, daß keine Vorsichtsmaßregel versäumt wurde, und gegenüber einer so drohenden Nacht waren sie gewiß am Platze.„Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.[pg 1-122]— So wollen wir fahren“, antwortete das junge Mädchen.Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantaß schwankte die ersten Vorberge des Urals hinan.Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es, trotz der in jenen Breiten länger andauernden Dämmerung, schon recht dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wölbung des Himmels herab zu drücken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise näherten sie sich der Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den höheren Luftschichten von oben nach unten. Die Straße führte diesen gewaltigen, dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen. Binnen Kurzem mußten Straße und Dunstmassen einander begegnen, und lösten die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel, durch welchen der Tarantaß nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu laufen in einen Abgrund zu stürzen.Die Kette der Uralberge erreicht übrigens nur eine mittlere Höhe; ihr bedeutendster Gipfel übersteigt noch nicht 5000 Fuß. Der ewige Schnee ist daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter über das Gebirge schüttet, schmelzen[pg 1-123]vollständig bei der Sonnenwärme des Sommers. Pflanzen und Bäume gedeihen noch in beträchtlicher Höhenlage. Die Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstätten kostbarer Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleißiger Hände. So begegnet man denn auch den „Zarody“ genannten Dorfschaften ziemlich häufig und der durch die gewaltigen Engpässe geführte Weg ist für die Postwagen in gut fahrbarem Zustande.Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kämpfen und man sich in diesem Gewühle befindet.Aus Erfahrung wußte Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor für ebenso gefahrbringend, als die fürchterlichen Schneestürme, die hier während des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wüthen.Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das Wageninnere schützenden Ledervorhänge aufgehoben, sah hinaus und achtete scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit phantastischen Schattenbildern belebte.Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, während ihr Begleiter mit halbem Körper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel und die Erde musterte.Die Atmosphäre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen rührte sich vom Platze. Man hätte sagen mögen, daß die halberstickte Natur nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene düsteren, dichten Wolken, aus irgend welchem Grunde[pg 1-124]gelähmt, nicht mehr functioniren konnten. Das Schweigen wäre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Räder des Tarantaß, die die Kiesel der Straße zerrieben, ohne das Seufzen der Naben und überhaupt des Holzwerkes am Gefährte, ohne den keuchenden Athem des Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte Funken sprühten.Uebrigens war die Straße vollkommen öde. Der Tarantaß begegnete weder einem Fußgänger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Köhlers rauchte im Walde, keine Lagerstätte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar, keine einzige im Gehölz verlorene Hütte. Es bedurfte solcher Gründe, welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die Gebirgskette unter den gegebenen Verhältnissen zu unternehmen. Michael Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmöglich; aber – und das fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniß einzuflößen, – wer in aller Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantaß vorausgehenden Teleg sein; welch’ gewichtige Gründe hatten sie, eben so tollkühn zu handeln?Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mächtiger Kiefern auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Straße gruppenweise flankirten. Näherte sich der Tarantaß dem Rande der Straße, dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgründe neben jener. Von[pg 1-125]Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoßen, daß der Wagen eine Brücke aus Baumstämmen passirte, welche kaum zugehauen eine Höhlung des Weges überdeckten. Je höher sie hinauf kamen, desto mehr ertönte ein monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmähreden an seine Thiere verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphäre als durch den Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast zusammen.„Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael Strogoff den Jemschik.— Um ein Uhr früh … wenn wir überhaupt hinkommen! antwortete dieser mit ungläubigem Kopfschütteln.— Sag’ doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den Bergen, nicht wahr?— Nein, und gebe Gott, daß es auch nicht mein letztes ist.— Hast Du Furcht?— Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, daß Du unrecht handeltest, abzufahren.— Ich hätte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.— Na, dann vorwärts, meine Täubchen!“ erwiderte der Jemschik, als ein Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.In diesem Augenblicke ließ sich ein entferntes Geräusch vernehmen; es glich einem tausendfachen gellenden und betäubenden Pfeifen in der bisher noch halb ruhigen Atmosphäre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes, dem ein entsetzlicher Donnerschlag[pg 1-126]folgte, bemerkte Michael Strogoff einige große Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm brach los, jagte aber bis jetzt nur die höhern Luftschichten durcheinander. Ein trockenes Geknatter ließ erkennen, daß einige alte oder schlecht bewurzelte Bäume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht hatten Widerstand leisten können. Eine Lawine gebrochener Stämme rollte bald über die Straße, schlug hüpfend auf die Felsenvorsprünge und verlor sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantaß, in den Tiefen zur Linken.Stutzend hielten die Pferde still.„Immer vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik, und munter knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.Michael Strogoff ergriff Nadia’s Hand.„Schläfst Du, Schwester? fragte er.— Nein, Bruder.— Sei bereit für Alles. Jetzt kommt das Unwetter!— Ich bin bereit.“Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhänge zu schließen.Wild tobte der Sturmwind heran.Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine schreckliche Gefahr.Unbeweglich stand der Tarantaß an einer Biegung des Weges, durch welche der Sturm hereintobte. Der Wagen mußte also dem Winde gerade entgegen gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wäre er unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden. Von den[pg 1-127]Windstößen zurückgedrängt bäumten sich die Pferde, ohne daß es ihrem Führer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die Schmeichelworte folgten die kräftigsten Flüche. Nichts half. Die armen, von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen, Artilleriesalven ähnlichen Donner betäubten Thiere drohten die Stränge zu zerreißen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines Gespannes.Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantaß und kam dem Kutscher zu Hilfe. Seiner außergewöhnlichen Körperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mühe, die Thiere zu bändigen.Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Straße erweiterte sich an der eben erreichten Stelle tonnenartig, so daß sich der Wind hineinpreßte, etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht. Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstämmen den Abhang herab zu poltern.„Hier können wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.— Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran, uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege.— Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für das linke werde ich stehen!“Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu[pg 1-128]werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden.„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.— Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte.Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.— Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.— Aber die Pferde wollen nicht vorwärts.— Mach’ es wie ich, ziehe sie!— Diese Windstöße werden sich wiederholen.— Wirst Du gehorchen?— Du willst es.— Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers gebrauchte.— Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte.So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht mehr seitwärts ausbiegen,[pg 1-129]und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten. Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren. Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt.Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum niederschüttete.Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den Tarantaß herabstürzte.Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe antreiben.Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen.In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte …Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der[pg 1-130]Gefahr schöpfte er eine fast übermenschliche Kraft, stemmte den Rücken gegen die Achse, die Füße fest auf den Boden und drängte das schwerfällige Fuhrwerk einige Schritte vorwärts.Der gewaltige Block flog vorüber, streifte dem jungen Manne fast die Brust und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd und Funken sprühend zersprangen die Steine auf der Straße.„Bruder!“ hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.— Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!— Um meinetwillen könnte ich mich niemals fürchten.— Gott ist mit uns, Schwester!— Mit mir gewiß, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!“ sagte halblaut das junge Mädchen.Der Anstoß, den der Tarantaß durch Michael Strogoff’s Anstrengung erhielt, sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung für die stutzenden Pferde, die frühere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem schmalen von Norden nach Süden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den directen Anprall des Unwetters einigermaßen gesichert waren. Die Berglehne zur Rechten bildete hier eine Art Sägewerk durch einen vorspringenden Felsen, der sich mitten in einem schäumenden Wildwasser erhob. Hier wüthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien einigermaßen haltbar, während in der Peripherie[pg 1-131]dieser scheinbaren Cyclone sich gewiß kein Mensch oder Thier hätte aufrecht erhalten können.Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense über die Hochfläche dahin.Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die ganze Uralkette erschüttert.Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf; doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen.Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung, die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die Fahrt wieder fortzusetzen.Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich gar nicht zu denken.[pg 1-132]Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt, jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein.— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu ersparen.— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein, als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe.— Einer Pflicht!…“ murmelte Nadia.Eben zerriß ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen gleichsam zu zerstäuben.[pg 1-133]Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen Krach. Die Luft erfüllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche und eine zwanzig Schritte von dem Tarantaß entfernte Gruppe alter Kiefern flammte, von dem elektrischen Fluidum entzündet, gleich einer Gigantenfackel lodernd in die Höhe.Der Jemschik stürzte, wie von einem Rückschlag getroffen, zu Boden, erhob sich aber glücklicher Weise unverletzt wieder.Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges verloren hatte, fühlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia’s ergriffen und hörte sie die Worte in sein Ohr sprechen:„Hilferufe, Bruder! Hörst Du sie?“

[pg 1-95]Achtes Capitel.Die Kama stromaufwärts.Am Morgen des 18. Juli kam der „Kaukasus“ um sechs Uhr vierzig Minuten an dem Landeplatze für Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universität und eines griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevölkerung dieser Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken, Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.Trotz der großen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drängte sich eine ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzärmeligem Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Krempen an den gewöhnlichen Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe ein kleines Scheitelkäppchen, wie es die polnischen Juden tragen. Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich halbmondförmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in Gruppen bei einander.[pg 1-96]Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl für die Passagiere, die den „Kaukasus“ hier verließen, als auch für andere, welche hier das Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfältiger Musterung jedes Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zuströmen, das man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der „Kaukasus“ sollte behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.An’s Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er hätte die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Liefländerin nicht auf dem Schiffe allein lassen können.Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie sich’s eben für eifrige Jäger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er entweder einige Erscheinungen flüchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug, als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines Gedächtnisses nur plaudernd umher lief.Längs der ganzen Ostgrenze Rußlands schwirrte das Gerücht durch die Luft, daß die Empörung und der Einfall sehr gefährliche Dimensionen annähmen. Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den „Kaukasus“[pg 1-97]verlassen zu haben, von verschiedenen neuen Ankömmlingen.Erfüllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die Uralkette zu überschreiten, um selbst über die Bedeutung der Ereignisse urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen zu können. Fast hätte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde.Unter den Reisenden, welche den „Kaukasus“ verließen, erkannte Michael Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer Führung, schifften sich etwa zwanzig Tänzerinnen und Sängerinnen im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdürftig den Flitterstaat darunter verhüllten.Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen, erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht. Es war der nämliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.„Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsüber unter dem Verdeck auf und wollte sich während der Nacht unter dem Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es für gut, möglichst wenig gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!“Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel,[pg 1-98]daß der ihn besonders angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerührt habe, die nur dann und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und daß jene Worte zwischen dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt worden seien.Wider Willen näherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verließ, um nicht wieder zu kehren.Dort stand der Alte in sehr demüthiger, mit der natürlichen Unverschämtheit seiner Stammesgenossen wenig übereinstimmender Haltung. Er sah aus, als meide er es möglichst gesehen zu werden, statt die Blicke Anderer auf sich zu lenken. Sein schäbiger, von der Sonne des ganzen Erdballs verbrannter Hut saß tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem breiten Rücken bauschte sich trotz der Wärme der Sonne ein weiter Kittel. Es wäre schwierig gewesen, unter dieser erbärmlichen Hülle seine Figur deutlich zu erkennen.Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine große Frau von dreißig Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prächtigen Augen und üppigem Haar in stolzer Haltung.Einige der jungen Tänzerinnen waren von auffallender Schönheit, und Alle zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Großen, welche mit den Engländern gern an Excentricität wetteifern, hat sich nicht entblödet, ein Weib aus diesem Stamme zu wählen.Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthümlichem Rhythmus vor sich hin, dessen erste Verse man etwa so übersetzen könnte:[pg 1-99]Am braunen Hals die Koralle blinkt,Die goldene Nadel im Haar;Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt,Zum Lande der …Die lustige Dirne sang gewiß weiter, doch Michael Strogoff hörte sie nicht mehr.Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen.Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘ titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen …“Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu folgen, aber er bezwang sich noch.„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig, bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“[pg 1-100]Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge verschwunden.Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort.Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern, der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“, rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden Augenblick abfahren.[pg 1-101]Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon eingenommen.Da fiel es Michael Strogoff auf, daß von den beiden Journalisten nur der eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurück gekehrt war.Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versäumen?Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue löste, erschien Alcide Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoßen und die Landungsbrücke auf den Kai zurück gerollt, der leichtfüßige Held der Feder bekümmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte er über die Lücke und fiel auf dem Deck des „Kaukasus“, fast in die Hände seines Collegen, nieder.„Ich glaubte schon, der ‚Kaukasus‘ sollte ohne Sie weiter gehen, sagte Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube ähnelte.— Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich hätte Sie schon einzuholen gewußt und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst für zwanzig Kopeken, nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau ist’s eine tüchtige Strecke.— Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich dabei zusammenzogen.— Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem liebenswürdigsten Lächeln.— Nun, er ist bis Kolyvan noch inOrdnung?— Das weiß ich nicht, kann Ihnen dafür aber versichern, daß er z. B. von Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.[pg 1-102]— Sie gaben eine Depesche auf … an Ihre Cousine?…— Mit reinem Feuereifer!— Sie haben also gehört …— Erlauben Sie, Väterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniß vor Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind über Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwärmen in hellen Haufen längs der Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!“Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht, während sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische Zeitung war um zwei Pferdelängen geschlagen!Der arme Harry Blount wandelte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, nach dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.Gegen zehn Uhr Morgens verließ die junge Liefländerin ihre Cabine und erschien auf dem Verdeck.Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.„Sieh Dich hier um, Schwester“, mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile des Schiffes gelangt waren.Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.Der „Kaukasus“ erreichte jetzt den Zusammenfluß der Wolga und Kama. Hier verließ er nach einer Thalfahrt von über 400 Werst jenen Strom, um[pg 1-103]den immerhin bedeutenden Fluß 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu durchpflügen.An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserläufe mischten sich deren verschieden gefärbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten, und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.Die Kama endigte in weitgeöffneter Mündung, umrahmt von lieblich bewaldeten Ufern. Einige weiße Segel belebten das reinliche Wasser, auf dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit mächtigen Eichen geschmückte Hügel schlossen den Horizont in harmonischer Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen des Himmels zu verschmelzen schien.Und doch schien es, als blieben diese Naturschönheiten ohne allen Eindruck auf den Gedankengang des jungen Mädchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr Reiseziel zu erreichen! – Die Kama bildete für sie nur einen leichteren Weg, dahin zu gelangen. Wie glänzten ihre Augen in schönem Feuer auf, wenn sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont durchbohren.Nadia hatte die Hand in der ihres Gefährten gelassen und fragte, indem sie sich zu ihm hinwendete:„Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?— Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.— Neunhundert auf sieben Tausend!“ seufzte das junge Mädchen.[pg 1-104]Die Zeit zum Frühstücken war gekommen; das Läuten einer Glocke meldete es den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsräumen des Steamers. Sie berührte die auf einer seitlichen Tafel servirten Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Häring in Stücken, anishaltiger Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte, der man in allen nördlichen Ländern, in Rußland ebenso wie in Schweden und Norwegen begegnet. Nadia aß nur wenig, etwa wie ein armes Mädchen, deren beschränkte Mittel sie nicht weiter gehen ließen. Michael Strogoff glaubte sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner Gefährtin genügten, nämlich ein wenig „Kulbat“, eine Art Pastete aus Reis, Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getränk etwas Thee.Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten, nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und Nadia wieder das Deck des „Kaukasus“.Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehört zu werden:„Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heiße Nadia Fedor. Vor kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.— Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in die Arme ihres Vaters zu führen.[pg 1-105]— Ich danke, Bruder!“ erwiderte Nadia.Michael Strogoff fügte noch hinzu, daß er für Sibirien einen speciellen Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behörden kein Hinderniß im Wege stehen werde.Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufälligen Begegnung dieses einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem Vater zu gelangen!„Ich besaß, fuhr sie fort, einen Paß, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu gehen; ihn hat der Erlaß des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der Du mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wäre, nicht verlassen können.— Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?— Es war meine Pflicht, Bruder.— Wußtest Du aber nicht, daß das empörte und von Feinden überschwemmte Land kaum zu passiren ist?— Der Tartareneinfall war, als ich Riga verließ, noch nicht bekannt, erwiderte die junge Liefländerin. In Moskau erst erfuhr ich diese Neuigkeiten.— Und setztest trotzdem Deine Reise fort?— Es war meine Pflicht.“Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mädchens. Was sie für ihre Pflicht erkannte, zögerte Nadia niemals auszuführen.[pg 1-106]Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein geschätzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glücklich im Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer ausländischen geheimen Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen und die Gensdarmen, welche jene Ordre überbrachten, geleiteten ihn ohne Verzug über die Grenze.Wassili Fedor ließ man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und seine hilflos zurückbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoß heiße Thränen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte dort, aber fast ohne pecuniären Vortheil, seine Praxis weiter betreiben können. Und doch wäre er wohl so glücklich gewesen, wie das einem Verbannten überhaupt möglich ist, hätte er Weib und Kind um sich haben können. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwächlichkeit wegen aber auch schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behörden nun um die bald zugestandene Erlaubniß an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb Diesem, daß sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen. Sie that, was sie konnte!… Gott würde das Uebrige thun!Indeß arbeitete sich der „Kaukasus“ gegen den Strom vorwärts. Die Nacht brach an und die Luft kühlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen[pg 1-107]die Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das Geheul der Wölfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.Neuntes Capitel.Tag und Nacht im Tarantaß.Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der „Kaukasus“ am Landungsplatze in Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berührte.Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der umfänglichsten in ganz Rußland und greift über das Uralgebirge hinweg bis nach Sibirien hinüber. Marmorbrüche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie Steinkohlengruben werden dort in großem Maßstabe ausgebeutet. Perm mag allen Umständen nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorläufig aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen. Für Diejenigen, welche von Rußland nach Sibirien gehen, fällt jener Mangel an Comfort nicht allzu sehr in’s Gewicht, denn Diese sind gewöhnlich mit allem Nöthigen hinlänglich versehen; den Ankömmlingen aus Centralasien dagegen würde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiß recht angenehm sein, die erste europäische Stadt des Reiches[pg 1-108]an der asiatischen Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenständen des Bedarfs versorgt zu sehen.In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen meist mehr oder weniger beschädigten Wagen zu veräußern; andererseits kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im Winter Schlitten, bevor er sich für mehrere Monate in die verlassenen Steppenwüsten wagt.Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und durfte dasselbe nur erfüllen.Gewöhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich schnell überschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse hatte man diesen aber einstellen müssen. Auch ohnedem hätte Michael Strogoff, dem es auf die größte Eile ankam, auf dieses Beförderungsmittel verzichtet, und würde er es, um von Niemand abhängig zu sein, vorgezogen haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu wechseln, wobei er durch splendide „na vodku“ (Trinkgelder) den Eifer der Postillone anzuspornen hoffen durfte.Zum Unglück hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft beliebten Maßnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmähten zu begnügen. Bezüglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren außerhalb Sibiriens wohl seinen Podaroshna in’s Treffen führen, auf welchen hin ihn die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen[pg 1-109]befriedigen würden. Einmal außer dem europäischen Reiche aber sah er sich gleich jedem Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschränkt.An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen Tarantaß oder einen Teleg?Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierräderiges Wägelchen und durchweg aus Holz construirt. Räder, Axen, Schlußnägel, Sitze und Deichsel, alles stammt von den Bäumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer Beschädigung leichter wieder in Stand zu setzen wäre. An Tannen fehlt es längs der russischen Grenze nicht, und die Schlußnägel wachsen in den Wäldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden die unter dem Namen „Perekladnoï“ bekannten Extraposten befördert. Manchmal reißen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und während der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nächsten Relais auf zwei Rädern an; aber man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.Michael Strogoff hätte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch einen Tarantaß aufzutreiben.Es glaube aber Niemand, daß ein derartiges Gefährt auf der obersten Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart; aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuß von einander entfernten[pg 1-110]Räder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen Straßen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schützt die Insassen vor dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche herabgezogen das Gefährt fast hermetisch verschließt, vor dem Sonnenbrande und den nicht seltenen Windstößen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantaß ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff auch hier treu zu bleiben.Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte.„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine bequemere Fahrgelegenheit gesucht.— Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden.— An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.— Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das junge Mädchen. Wenn[pg 1-111]Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt, klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen war, d. i. der russische „duga“; die beiden andern waren einfach mittels Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. VonZaumund Gebiß keine weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur.Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen Hut, rothen[pg 1-112]Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit dem kaiserlichen Abzeichen.Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine nicht mißzudeutende Bewegung.„Ein Paar Raben, sagte er halb für sich und unbekümmert darum, ob er verstanden wurde oder nicht, Raben für sechs Kopeken die Werst.— Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon recht wohl verstand, Adler, hörst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das Trinkgeld!“Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der „Rabe“ bedeutet in der Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei Kopeken per Werst bezahlt. Ein „Adler“ dagegen ist der Reisende, der auch vor hohen Preisen nicht zurückschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft. Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu fliegen, wie der König der Vögel.Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plätze in dem Tarantaß ein. Einiger wenig umfänglicher Proviant, der in den Sitzkästen untergebracht wurde, gewährte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzögerung erleiden zu können, wenn sie einmal die durch Fürsorge des Staates wohlversehenen Posthäuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde übergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag verließ der[pg 1-113]Tarantaß, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog in eine dichte Staubwolke gehüllt dahin.Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, hätte jedem Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, höchlichst verwundern müssen. Das etwas größere Pferd in der Gabel hielt ungestört, wie abschüssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter Regelmäßigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber, wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er für sie borgte! Die Schnur, die ihm als Zügel diente, wäre gegenüber den ausgelassenen Thieren wohl ganz nutzlos gewesen, aber „na pravo“, rechts, oder „na levo“, links, diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr Wirkung, als Zügel und Zaum.Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der würdige Rosselenker!„Vorwärts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwärts meine artigen Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltäubchen! Immer dran, mein Vetter zur Linken! Greif’ aus, Väterchen zur Rechten!“Wenn sie aber nachließen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso vielseitige Verwünschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen schienen.„Lauf zu, Du Höllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwürge Dich bei lebendigem[pg 1-114]Leibe, Du Schildkröte! Du sollst noch in jener Welt verdammt sein!“Was man aber auch denken möge über diese Art der Pferdeführung, welche mehr die Solidität der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantaß nur so dahin und bewältigte zwölf bis vierzehn Werst in der Stunde.Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Beförderung gewöhnt. Weder das Schütteln noch das Hüpfen des Gefährtes belästigte ihn. Er wußte, daß ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder tiefe Löcher vermeidet, so wenig wie umgestürzte Baumstämme oder Gräben, die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefährtin freilich lief Gefahr, durch dieses Stoßen des Tarantaß verletzt zu werden, doch sie beklagte sich nicht.Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur ankommen! verfolgt, begann sie:„Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich mich geirrt?— Gewiß nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg werden wir den Fuß des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.— Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?— Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, – ich sage Tag und Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muß ohne Säumen nach Irkutsk eilen.[pg 1-115]— Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen Tag und Nacht fahren.— Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so können wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.— Du hast diese Reise schon einmal gemacht?— Schon mehrere Male.— Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr?— Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer gelitten haben.— Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.— Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner Kleidung aus Rennthierfell2mein Herz sich mit Eis überziehen, meine Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es, wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein Messer ihn schneiden konnte!… Mein Schlitten aber flog dahin wie ein Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das harte[pg 1-116]Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden, Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren Leichname der wehende Schnee begrub!— Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia.— Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben. Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche, unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!— Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge Liefländerin.— Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.— Und was thatest Du in Omsk?— Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.— Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, daß mich Nichts hätte zurückhalten können?— Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott würde Dir geholfen haben!“Diesen Tag über wurde der Tarantaß durch die bei jedem Relais wechselnden Jemschiks sehr schnell weiter befördert. Die Adler der Berge hätten ihren Namen durch jene „Adler“ der Landstraße nicht als entehrt ansehen können. Der hohe Preis für jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder dienten[pg 1-117]den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den Postmeistern mochte es nach Veröffentlichung jener Verordnung wohl auffallen, daß ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indeß waren ihre Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn auch die Kilometer-(Werst-)Pfähle bald im Rücken des Tarantaß.Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, daß ein Wagen ihm vorausging, ohne sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darüber besondere Sorge zu machen.Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nöthigen Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthäuser boten Unterkunft und Stärkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht hätte, wäre das Haus jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geöffnet gewesen. In diesen einander überaus ähnlichen Dörfern mit ihren weißen steinernen Capellen und grünlichen Dächern kann der Reisende wohl an jede Thür klopfen; sie wird sich gewiß öffnen. Dann erscheint der Mujik lächelnden Gesichts und giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rückt den „Samowar“ über’s Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fühlen. Die Familie würde im Nothfalle das Haus räumen, um ihm Platz zu machen. Der ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der „den Gott selbst sendet“.[pg 1-118]Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.„Vor zwei Stunden, Väterchen, berichtete der Postmeister.— Es ist eine Berline?— Nein, ein Teleg.— Wie viel Reisende?— Zwei.— Sie haben es eilig?— Es sind Adler!— Laßt schleunigst anspannen.“Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fühlte man, daß die drückender gewordene Luft sich allmälig mit Elektricität sättigte. Kein Wölkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befürchten, daß in den Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael Strogoff, der gewöhnt war, alle atmosphärischen Vorzeichen zu deuten, fühlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger Besorgniß erfüllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stöße des Tarantaß vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb zurückgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schöpfen, nach der die Lungen in dieser erstickenden Atmosphäre begierig verlangten.[pg 1-119]Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mißtraute den Jemschiks, weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den Relais verloren, keine Stunde unterwegs.Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mächtige Kette, die Grenzmauer zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien, lag jedoch noch in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst während der folgenden Nacht stattfinden.Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgängig bedeckt und in Folge dessen auch die Luftwärme erträglicher, doch wurde die Witterung immer gewitterschwüler.Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff würde es gewiß unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt hätte; als ihn der Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden Donner aufmerksam machte, fragte er nur:„Ein Teleg fährt uns noch immer voraus?— Ja.— Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?— Ungefähr eine Stunde.— Vorwärts! – Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen früh in Jekaterinenburg sind.“[pg 1-120]Zehntes Capitel.Ein Unwetter in den Uralbergen.Die Uralkette erstreckt sich auf einer Länge von nahe 3000 Werst (3200 Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht, der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung „Poyas“ aus russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmäßig den „Gürtel“. Mit dem einen Fuße an der unwirthlichen Küste des Arktischen Oceans netzen sie den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.Das war die Grenze, welche Michael Strogoff überschreiten mußte, um von Rußland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwähnt, die Straße einschlug, die auf der östlichen Abdachung des Ural von Perm nach Jekaterinenburg führt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten centralasiatischen Handels dient.Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniß eintrat, wohl zum Passiren der Berge ausreichen. Leider kündigte das erste Grollen des Donners ein Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphäre furchtbar zu werden drohte. Die elektrische Spannung war so groß, daß sie sich nur durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.Michael Strogoff achtete darauf, daß seine junge Begleiterin bestmöglich versorgt war. Die Wagendecke,[pg 1-121]die ein schärferer Windstoß leicht hätte wegreißen können, wurde durch über und hinter ihr gekreuzte Stricke besser gesichert. Man verdoppelte die Zugstränge der Pferde und polsterte aus übergroßer Vorsicht das Stoßeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die Haltbarkeit der Räder zu vergrößern, als auch um die Stöße zu mildern, die in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein würden. Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefährtes, deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantaß angepflöckt waren, mit einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange. Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstückes, das an den Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei Ledervorhänge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem Regen und Sturme schützen mußten.An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei große Laternen angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoßen mit einem etwa entgegenkommenden Wagen.Man erkennt hieraus, daß keine Vorsichtsmaßregel versäumt wurde, und gegenüber einer so drohenden Nacht waren sie gewiß am Platze.„Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.[pg 1-122]— So wollen wir fahren“, antwortete das junge Mädchen.Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantaß schwankte die ersten Vorberge des Urals hinan.Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es, trotz der in jenen Breiten länger andauernden Dämmerung, schon recht dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wölbung des Himmels herab zu drücken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise näherten sie sich der Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den höheren Luftschichten von oben nach unten. Die Straße führte diesen gewaltigen, dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen. Binnen Kurzem mußten Straße und Dunstmassen einander begegnen, und lösten die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel, durch welchen der Tarantaß nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu laufen in einen Abgrund zu stürzen.Die Kette der Uralberge erreicht übrigens nur eine mittlere Höhe; ihr bedeutendster Gipfel übersteigt noch nicht 5000 Fuß. Der ewige Schnee ist daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter über das Gebirge schüttet, schmelzen[pg 1-123]vollständig bei der Sonnenwärme des Sommers. Pflanzen und Bäume gedeihen noch in beträchtlicher Höhenlage. Die Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstätten kostbarer Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleißiger Hände. So begegnet man denn auch den „Zarody“ genannten Dorfschaften ziemlich häufig und der durch die gewaltigen Engpässe geführte Weg ist für die Postwagen in gut fahrbarem Zustande.Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kämpfen und man sich in diesem Gewühle befindet.Aus Erfahrung wußte Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor für ebenso gefahrbringend, als die fürchterlichen Schneestürme, die hier während des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wüthen.Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das Wageninnere schützenden Ledervorhänge aufgehoben, sah hinaus und achtete scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit phantastischen Schattenbildern belebte.Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, während ihr Begleiter mit halbem Körper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel und die Erde musterte.Die Atmosphäre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen rührte sich vom Platze. Man hätte sagen mögen, daß die halberstickte Natur nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene düsteren, dichten Wolken, aus irgend welchem Grunde[pg 1-124]gelähmt, nicht mehr functioniren konnten. Das Schweigen wäre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Räder des Tarantaß, die die Kiesel der Straße zerrieben, ohne das Seufzen der Naben und überhaupt des Holzwerkes am Gefährte, ohne den keuchenden Athem des Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte Funken sprühten.Uebrigens war die Straße vollkommen öde. Der Tarantaß begegnete weder einem Fußgänger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Köhlers rauchte im Walde, keine Lagerstätte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar, keine einzige im Gehölz verlorene Hütte. Es bedurfte solcher Gründe, welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die Gebirgskette unter den gegebenen Verhältnissen zu unternehmen. Michael Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmöglich; aber – und das fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniß einzuflößen, – wer in aller Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantaß vorausgehenden Teleg sein; welch’ gewichtige Gründe hatten sie, eben so tollkühn zu handeln?Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mächtiger Kiefern auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Straße gruppenweise flankirten. Näherte sich der Tarantaß dem Rande der Straße, dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgründe neben jener. Von[pg 1-125]Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoßen, daß der Wagen eine Brücke aus Baumstämmen passirte, welche kaum zugehauen eine Höhlung des Weges überdeckten. Je höher sie hinauf kamen, desto mehr ertönte ein monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmähreden an seine Thiere verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphäre als durch den Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast zusammen.„Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael Strogoff den Jemschik.— Um ein Uhr früh … wenn wir überhaupt hinkommen! antwortete dieser mit ungläubigem Kopfschütteln.— Sag’ doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den Bergen, nicht wahr?— Nein, und gebe Gott, daß es auch nicht mein letztes ist.— Hast Du Furcht?— Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, daß Du unrecht handeltest, abzufahren.— Ich hätte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.— Na, dann vorwärts, meine Täubchen!“ erwiderte der Jemschik, als ein Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.In diesem Augenblicke ließ sich ein entferntes Geräusch vernehmen; es glich einem tausendfachen gellenden und betäubenden Pfeifen in der bisher noch halb ruhigen Atmosphäre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes, dem ein entsetzlicher Donnerschlag[pg 1-126]folgte, bemerkte Michael Strogoff einige große Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm brach los, jagte aber bis jetzt nur die höhern Luftschichten durcheinander. Ein trockenes Geknatter ließ erkennen, daß einige alte oder schlecht bewurzelte Bäume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht hatten Widerstand leisten können. Eine Lawine gebrochener Stämme rollte bald über die Straße, schlug hüpfend auf die Felsenvorsprünge und verlor sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantaß, in den Tiefen zur Linken.Stutzend hielten die Pferde still.„Immer vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik, und munter knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.Michael Strogoff ergriff Nadia’s Hand.„Schläfst Du, Schwester? fragte er.— Nein, Bruder.— Sei bereit für Alles. Jetzt kommt das Unwetter!— Ich bin bereit.“Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhänge zu schließen.Wild tobte der Sturmwind heran.Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine schreckliche Gefahr.Unbeweglich stand der Tarantaß an einer Biegung des Weges, durch welche der Sturm hereintobte. Der Wagen mußte also dem Winde gerade entgegen gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wäre er unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden. Von den[pg 1-127]Windstößen zurückgedrängt bäumten sich die Pferde, ohne daß es ihrem Führer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die Schmeichelworte folgten die kräftigsten Flüche. Nichts half. Die armen, von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen, Artilleriesalven ähnlichen Donner betäubten Thiere drohten die Stränge zu zerreißen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines Gespannes.Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantaß und kam dem Kutscher zu Hilfe. Seiner außergewöhnlichen Körperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mühe, die Thiere zu bändigen.Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Straße erweiterte sich an der eben erreichten Stelle tonnenartig, so daß sich der Wind hineinpreßte, etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht. Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstämmen den Abhang herab zu poltern.„Hier können wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.— Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran, uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege.— Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für das linke werde ich stehen!“Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu[pg 1-128]werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden.„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.— Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte.Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.— Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.— Aber die Pferde wollen nicht vorwärts.— Mach’ es wie ich, ziehe sie!— Diese Windstöße werden sich wiederholen.— Wirst Du gehorchen?— Du willst es.— Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers gebrauchte.— Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte.So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht mehr seitwärts ausbiegen,[pg 1-129]und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten. Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren. Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt.Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum niederschüttete.Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den Tarantaß herabstürzte.Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe antreiben.Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen.In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte …Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der[pg 1-130]Gefahr schöpfte er eine fast übermenschliche Kraft, stemmte den Rücken gegen die Achse, die Füße fest auf den Boden und drängte das schwerfällige Fuhrwerk einige Schritte vorwärts.Der gewaltige Block flog vorüber, streifte dem jungen Manne fast die Brust und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd und Funken sprühend zersprangen die Steine auf der Straße.„Bruder!“ hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.— Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!— Um meinetwillen könnte ich mich niemals fürchten.— Gott ist mit uns, Schwester!— Mit mir gewiß, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!“ sagte halblaut das junge Mädchen.Der Anstoß, den der Tarantaß durch Michael Strogoff’s Anstrengung erhielt, sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung für die stutzenden Pferde, die frühere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem schmalen von Norden nach Süden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den directen Anprall des Unwetters einigermaßen gesichert waren. Die Berglehne zur Rechten bildete hier eine Art Sägewerk durch einen vorspringenden Felsen, der sich mitten in einem schäumenden Wildwasser erhob. Hier wüthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien einigermaßen haltbar, während in der Peripherie[pg 1-131]dieser scheinbaren Cyclone sich gewiß kein Mensch oder Thier hätte aufrecht erhalten können.Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense über die Hochfläche dahin.Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die ganze Uralkette erschüttert.Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf; doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen.Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung, die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die Fahrt wieder fortzusetzen.Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich gar nicht zu denken.[pg 1-132]Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt, jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein.— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu ersparen.— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein, als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe.— Einer Pflicht!…“ murmelte Nadia.Eben zerriß ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen gleichsam zu zerstäuben.[pg 1-133]Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen Krach. Die Luft erfüllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche und eine zwanzig Schritte von dem Tarantaß entfernte Gruppe alter Kiefern flammte, von dem elektrischen Fluidum entzündet, gleich einer Gigantenfackel lodernd in die Höhe.Der Jemschik stürzte, wie von einem Rückschlag getroffen, zu Boden, erhob sich aber glücklicher Weise unverletzt wieder.Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges verloren hatte, fühlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia’s ergriffen und hörte sie die Worte in sein Ohr sprechen:„Hilferufe, Bruder! Hörst Du sie?“

[pg 1-95]Achtes Capitel.Die Kama stromaufwärts.Am Morgen des 18. Juli kam der „Kaukasus“ um sechs Uhr vierzig Minuten an dem Landeplatze für Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universität und eines griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevölkerung dieser Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken, Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.Trotz der großen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drängte sich eine ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzärmeligem Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Krempen an den gewöhnlichen Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe ein kleines Scheitelkäppchen, wie es die polnischen Juden tragen. Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich halbmondförmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in Gruppen bei einander.[pg 1-96]Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl für die Passagiere, die den „Kaukasus“ hier verließen, als auch für andere, welche hier das Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfältiger Musterung jedes Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zuströmen, das man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der „Kaukasus“ sollte behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.An’s Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er hätte die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Liefländerin nicht auf dem Schiffe allein lassen können.Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie sich’s eben für eifrige Jäger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er entweder einige Erscheinungen flüchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug, als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines Gedächtnisses nur plaudernd umher lief.Längs der ganzen Ostgrenze Rußlands schwirrte das Gerücht durch die Luft, daß die Empörung und der Einfall sehr gefährliche Dimensionen annähmen. Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den „Kaukasus“[pg 1-97]verlassen zu haben, von verschiedenen neuen Ankömmlingen.Erfüllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die Uralkette zu überschreiten, um selbst über die Bedeutung der Ereignisse urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen zu können. Fast hätte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde.Unter den Reisenden, welche den „Kaukasus“ verließen, erkannte Michael Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer Führung, schifften sich etwa zwanzig Tänzerinnen und Sängerinnen im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdürftig den Flitterstaat darunter verhüllten.Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen, erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht. Es war der nämliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.„Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsüber unter dem Verdeck auf und wollte sich während der Nacht unter dem Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es für gut, möglichst wenig gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!“Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel,[pg 1-98]daß der ihn besonders angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerührt habe, die nur dann und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und daß jene Worte zwischen dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt worden seien.Wider Willen näherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verließ, um nicht wieder zu kehren.Dort stand der Alte in sehr demüthiger, mit der natürlichen Unverschämtheit seiner Stammesgenossen wenig übereinstimmender Haltung. Er sah aus, als meide er es möglichst gesehen zu werden, statt die Blicke Anderer auf sich zu lenken. Sein schäbiger, von der Sonne des ganzen Erdballs verbrannter Hut saß tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem breiten Rücken bauschte sich trotz der Wärme der Sonne ein weiter Kittel. Es wäre schwierig gewesen, unter dieser erbärmlichen Hülle seine Figur deutlich zu erkennen.Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine große Frau von dreißig Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prächtigen Augen und üppigem Haar in stolzer Haltung.Einige der jungen Tänzerinnen waren von auffallender Schönheit, und Alle zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Großen, welche mit den Engländern gern an Excentricität wetteifern, hat sich nicht entblödet, ein Weib aus diesem Stamme zu wählen.Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthümlichem Rhythmus vor sich hin, dessen erste Verse man etwa so übersetzen könnte:[pg 1-99]Am braunen Hals die Koralle blinkt,Die goldene Nadel im Haar;Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt,Zum Lande der …Die lustige Dirne sang gewiß weiter, doch Michael Strogoff hörte sie nicht mehr.Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen.Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘ titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen …“Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu folgen, aber er bezwang sich noch.„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig, bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“[pg 1-100]Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge verschwunden.Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort.Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern, der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“, rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden Augenblick abfahren.[pg 1-101]Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon eingenommen.Da fiel es Michael Strogoff auf, daß von den beiden Journalisten nur der eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurück gekehrt war.Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versäumen?Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue löste, erschien Alcide Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoßen und die Landungsbrücke auf den Kai zurück gerollt, der leichtfüßige Held der Feder bekümmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte er über die Lücke und fiel auf dem Deck des „Kaukasus“, fast in die Hände seines Collegen, nieder.„Ich glaubte schon, der ‚Kaukasus‘ sollte ohne Sie weiter gehen, sagte Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube ähnelte.— Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich hätte Sie schon einzuholen gewußt und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst für zwanzig Kopeken, nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau ist’s eine tüchtige Strecke.— Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich dabei zusammenzogen.— Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem liebenswürdigsten Lächeln.— Nun, er ist bis Kolyvan noch inOrdnung?— Das weiß ich nicht, kann Ihnen dafür aber versichern, daß er z. B. von Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.[pg 1-102]— Sie gaben eine Depesche auf … an Ihre Cousine?…— Mit reinem Feuereifer!— Sie haben also gehört …— Erlauben Sie, Väterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniß vor Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind über Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwärmen in hellen Haufen längs der Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!“Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht, während sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische Zeitung war um zwei Pferdelängen geschlagen!Der arme Harry Blount wandelte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, nach dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.Gegen zehn Uhr Morgens verließ die junge Liefländerin ihre Cabine und erschien auf dem Verdeck.Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.„Sieh Dich hier um, Schwester“, mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile des Schiffes gelangt waren.Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.Der „Kaukasus“ erreichte jetzt den Zusammenfluß der Wolga und Kama. Hier verließ er nach einer Thalfahrt von über 400 Werst jenen Strom, um[pg 1-103]den immerhin bedeutenden Fluß 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu durchpflügen.An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserläufe mischten sich deren verschieden gefärbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten, und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.Die Kama endigte in weitgeöffneter Mündung, umrahmt von lieblich bewaldeten Ufern. Einige weiße Segel belebten das reinliche Wasser, auf dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit mächtigen Eichen geschmückte Hügel schlossen den Horizont in harmonischer Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen des Himmels zu verschmelzen schien.Und doch schien es, als blieben diese Naturschönheiten ohne allen Eindruck auf den Gedankengang des jungen Mädchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr Reiseziel zu erreichen! – Die Kama bildete für sie nur einen leichteren Weg, dahin zu gelangen. Wie glänzten ihre Augen in schönem Feuer auf, wenn sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont durchbohren.Nadia hatte die Hand in der ihres Gefährten gelassen und fragte, indem sie sich zu ihm hinwendete:„Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?— Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.— Neunhundert auf sieben Tausend!“ seufzte das junge Mädchen.[pg 1-104]Die Zeit zum Frühstücken war gekommen; das Läuten einer Glocke meldete es den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsräumen des Steamers. Sie berührte die auf einer seitlichen Tafel servirten Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Häring in Stücken, anishaltiger Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte, der man in allen nördlichen Ländern, in Rußland ebenso wie in Schweden und Norwegen begegnet. Nadia aß nur wenig, etwa wie ein armes Mädchen, deren beschränkte Mittel sie nicht weiter gehen ließen. Michael Strogoff glaubte sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner Gefährtin genügten, nämlich ein wenig „Kulbat“, eine Art Pastete aus Reis, Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getränk etwas Thee.Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten, nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und Nadia wieder das Deck des „Kaukasus“.Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehört zu werden:„Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heiße Nadia Fedor. Vor kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.— Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in die Arme ihres Vaters zu führen.[pg 1-105]— Ich danke, Bruder!“ erwiderte Nadia.Michael Strogoff fügte noch hinzu, daß er für Sibirien einen speciellen Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behörden kein Hinderniß im Wege stehen werde.Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufälligen Begegnung dieses einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem Vater zu gelangen!„Ich besaß, fuhr sie fort, einen Paß, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu gehen; ihn hat der Erlaß des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der Du mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wäre, nicht verlassen können.— Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?— Es war meine Pflicht, Bruder.— Wußtest Du aber nicht, daß das empörte und von Feinden überschwemmte Land kaum zu passiren ist?— Der Tartareneinfall war, als ich Riga verließ, noch nicht bekannt, erwiderte die junge Liefländerin. In Moskau erst erfuhr ich diese Neuigkeiten.— Und setztest trotzdem Deine Reise fort?— Es war meine Pflicht.“Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mädchens. Was sie für ihre Pflicht erkannte, zögerte Nadia niemals auszuführen.[pg 1-106]Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein geschätzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glücklich im Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer ausländischen geheimen Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen und die Gensdarmen, welche jene Ordre überbrachten, geleiteten ihn ohne Verzug über die Grenze.Wassili Fedor ließ man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und seine hilflos zurückbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoß heiße Thränen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte dort, aber fast ohne pecuniären Vortheil, seine Praxis weiter betreiben können. Und doch wäre er wohl so glücklich gewesen, wie das einem Verbannten überhaupt möglich ist, hätte er Weib und Kind um sich haben können. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwächlichkeit wegen aber auch schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behörden nun um die bald zugestandene Erlaubniß an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb Diesem, daß sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen. Sie that, was sie konnte!… Gott würde das Uebrige thun!Indeß arbeitete sich der „Kaukasus“ gegen den Strom vorwärts. Die Nacht brach an und die Luft kühlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen[pg 1-107]die Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das Geheul der Wölfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.Neuntes Capitel.Tag und Nacht im Tarantaß.Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der „Kaukasus“ am Landungsplatze in Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berührte.Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der umfänglichsten in ganz Rußland und greift über das Uralgebirge hinweg bis nach Sibirien hinüber. Marmorbrüche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie Steinkohlengruben werden dort in großem Maßstabe ausgebeutet. Perm mag allen Umständen nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorläufig aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen. Für Diejenigen, welche von Rußland nach Sibirien gehen, fällt jener Mangel an Comfort nicht allzu sehr in’s Gewicht, denn Diese sind gewöhnlich mit allem Nöthigen hinlänglich versehen; den Ankömmlingen aus Centralasien dagegen würde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiß recht angenehm sein, die erste europäische Stadt des Reiches[pg 1-108]an der asiatischen Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenständen des Bedarfs versorgt zu sehen.In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen meist mehr oder weniger beschädigten Wagen zu veräußern; andererseits kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im Winter Schlitten, bevor er sich für mehrere Monate in die verlassenen Steppenwüsten wagt.Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und durfte dasselbe nur erfüllen.Gewöhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich schnell überschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse hatte man diesen aber einstellen müssen. Auch ohnedem hätte Michael Strogoff, dem es auf die größte Eile ankam, auf dieses Beförderungsmittel verzichtet, und würde er es, um von Niemand abhängig zu sein, vorgezogen haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu wechseln, wobei er durch splendide „na vodku“ (Trinkgelder) den Eifer der Postillone anzuspornen hoffen durfte.Zum Unglück hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft beliebten Maßnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmähten zu begnügen. Bezüglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren außerhalb Sibiriens wohl seinen Podaroshna in’s Treffen führen, auf welchen hin ihn die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen[pg 1-109]befriedigen würden. Einmal außer dem europäischen Reiche aber sah er sich gleich jedem Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschränkt.An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen Tarantaß oder einen Teleg?Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierräderiges Wägelchen und durchweg aus Holz construirt. Räder, Axen, Schlußnägel, Sitze und Deichsel, alles stammt von den Bäumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer Beschädigung leichter wieder in Stand zu setzen wäre. An Tannen fehlt es längs der russischen Grenze nicht, und die Schlußnägel wachsen in den Wäldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden die unter dem Namen „Perekladnoï“ bekannten Extraposten befördert. Manchmal reißen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und während der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nächsten Relais auf zwei Rädern an; aber man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.Michael Strogoff hätte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch einen Tarantaß aufzutreiben.Es glaube aber Niemand, daß ein derartiges Gefährt auf der obersten Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart; aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuß von einander entfernten[pg 1-110]Räder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen Straßen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schützt die Insassen vor dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche herabgezogen das Gefährt fast hermetisch verschließt, vor dem Sonnenbrande und den nicht seltenen Windstößen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantaß ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff auch hier treu zu bleiben.Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte.„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine bequemere Fahrgelegenheit gesucht.— Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden.— An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.— Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das junge Mädchen. Wenn[pg 1-111]Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt, klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen war, d. i. der russische „duga“; die beiden andern waren einfach mittels Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. VonZaumund Gebiß keine weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur.Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen Hut, rothen[pg 1-112]Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit dem kaiserlichen Abzeichen.Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine nicht mißzudeutende Bewegung.„Ein Paar Raben, sagte er halb für sich und unbekümmert darum, ob er verstanden wurde oder nicht, Raben für sechs Kopeken die Werst.— Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon recht wohl verstand, Adler, hörst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das Trinkgeld!“Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der „Rabe“ bedeutet in der Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei Kopeken per Werst bezahlt. Ein „Adler“ dagegen ist der Reisende, der auch vor hohen Preisen nicht zurückschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft. Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu fliegen, wie der König der Vögel.Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plätze in dem Tarantaß ein. Einiger wenig umfänglicher Proviant, der in den Sitzkästen untergebracht wurde, gewährte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzögerung erleiden zu können, wenn sie einmal die durch Fürsorge des Staates wohlversehenen Posthäuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde übergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag verließ der[pg 1-113]Tarantaß, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog in eine dichte Staubwolke gehüllt dahin.Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, hätte jedem Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, höchlichst verwundern müssen. Das etwas größere Pferd in der Gabel hielt ungestört, wie abschüssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter Regelmäßigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber, wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er für sie borgte! Die Schnur, die ihm als Zügel diente, wäre gegenüber den ausgelassenen Thieren wohl ganz nutzlos gewesen, aber „na pravo“, rechts, oder „na levo“, links, diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr Wirkung, als Zügel und Zaum.Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der würdige Rosselenker!„Vorwärts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwärts meine artigen Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltäubchen! Immer dran, mein Vetter zur Linken! Greif’ aus, Väterchen zur Rechten!“Wenn sie aber nachließen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso vielseitige Verwünschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen schienen.„Lauf zu, Du Höllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwürge Dich bei lebendigem[pg 1-114]Leibe, Du Schildkröte! Du sollst noch in jener Welt verdammt sein!“Was man aber auch denken möge über diese Art der Pferdeführung, welche mehr die Solidität der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantaß nur so dahin und bewältigte zwölf bis vierzehn Werst in der Stunde.Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Beförderung gewöhnt. Weder das Schütteln noch das Hüpfen des Gefährtes belästigte ihn. Er wußte, daß ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder tiefe Löcher vermeidet, so wenig wie umgestürzte Baumstämme oder Gräben, die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefährtin freilich lief Gefahr, durch dieses Stoßen des Tarantaß verletzt zu werden, doch sie beklagte sich nicht.Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur ankommen! verfolgt, begann sie:„Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich mich geirrt?— Gewiß nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg werden wir den Fuß des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.— Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?— Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, – ich sage Tag und Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muß ohne Säumen nach Irkutsk eilen.[pg 1-115]— Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen Tag und Nacht fahren.— Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so können wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.— Du hast diese Reise schon einmal gemacht?— Schon mehrere Male.— Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr?— Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer gelitten haben.— Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.— Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner Kleidung aus Rennthierfell2mein Herz sich mit Eis überziehen, meine Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es, wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein Messer ihn schneiden konnte!… Mein Schlitten aber flog dahin wie ein Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das harte[pg 1-116]Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden, Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren Leichname der wehende Schnee begrub!— Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia.— Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben. Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche, unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!— Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge Liefländerin.— Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.— Und was thatest Du in Omsk?— Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.— Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, daß mich Nichts hätte zurückhalten können?— Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott würde Dir geholfen haben!“Diesen Tag über wurde der Tarantaß durch die bei jedem Relais wechselnden Jemschiks sehr schnell weiter befördert. Die Adler der Berge hätten ihren Namen durch jene „Adler“ der Landstraße nicht als entehrt ansehen können. Der hohe Preis für jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder dienten[pg 1-117]den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den Postmeistern mochte es nach Veröffentlichung jener Verordnung wohl auffallen, daß ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indeß waren ihre Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn auch die Kilometer-(Werst-)Pfähle bald im Rücken des Tarantaß.Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, daß ein Wagen ihm vorausging, ohne sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darüber besondere Sorge zu machen.Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nöthigen Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthäuser boten Unterkunft und Stärkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht hätte, wäre das Haus jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geöffnet gewesen. In diesen einander überaus ähnlichen Dörfern mit ihren weißen steinernen Capellen und grünlichen Dächern kann der Reisende wohl an jede Thür klopfen; sie wird sich gewiß öffnen. Dann erscheint der Mujik lächelnden Gesichts und giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rückt den „Samowar“ über’s Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fühlen. Die Familie würde im Nothfalle das Haus räumen, um ihm Platz zu machen. Der ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der „den Gott selbst sendet“.[pg 1-118]Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.„Vor zwei Stunden, Väterchen, berichtete der Postmeister.— Es ist eine Berline?— Nein, ein Teleg.— Wie viel Reisende?— Zwei.— Sie haben es eilig?— Es sind Adler!— Laßt schleunigst anspannen.“Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fühlte man, daß die drückender gewordene Luft sich allmälig mit Elektricität sättigte. Kein Wölkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befürchten, daß in den Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael Strogoff, der gewöhnt war, alle atmosphärischen Vorzeichen zu deuten, fühlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger Besorgniß erfüllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stöße des Tarantaß vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb zurückgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schöpfen, nach der die Lungen in dieser erstickenden Atmosphäre begierig verlangten.[pg 1-119]Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mißtraute den Jemschiks, weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den Relais verloren, keine Stunde unterwegs.Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mächtige Kette, die Grenzmauer zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien, lag jedoch noch in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst während der folgenden Nacht stattfinden.Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgängig bedeckt und in Folge dessen auch die Luftwärme erträglicher, doch wurde die Witterung immer gewitterschwüler.Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff würde es gewiß unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt hätte; als ihn der Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden Donner aufmerksam machte, fragte er nur:„Ein Teleg fährt uns noch immer voraus?— Ja.— Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?— Ungefähr eine Stunde.— Vorwärts! – Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen früh in Jekaterinenburg sind.“[pg 1-120]Zehntes Capitel.Ein Unwetter in den Uralbergen.Die Uralkette erstreckt sich auf einer Länge von nahe 3000 Werst (3200 Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht, der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung „Poyas“ aus russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmäßig den „Gürtel“. Mit dem einen Fuße an der unwirthlichen Küste des Arktischen Oceans netzen sie den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.Das war die Grenze, welche Michael Strogoff überschreiten mußte, um von Rußland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwähnt, die Straße einschlug, die auf der östlichen Abdachung des Ural von Perm nach Jekaterinenburg führt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten centralasiatischen Handels dient.Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniß eintrat, wohl zum Passiren der Berge ausreichen. Leider kündigte das erste Grollen des Donners ein Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphäre furchtbar zu werden drohte. Die elektrische Spannung war so groß, daß sie sich nur durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.Michael Strogoff achtete darauf, daß seine junge Begleiterin bestmöglich versorgt war. Die Wagendecke,[pg 1-121]die ein schärferer Windstoß leicht hätte wegreißen können, wurde durch über und hinter ihr gekreuzte Stricke besser gesichert. Man verdoppelte die Zugstränge der Pferde und polsterte aus übergroßer Vorsicht das Stoßeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die Haltbarkeit der Räder zu vergrößern, als auch um die Stöße zu mildern, die in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein würden. Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefährtes, deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantaß angepflöckt waren, mit einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange. Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstückes, das an den Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei Ledervorhänge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem Regen und Sturme schützen mußten.An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei große Laternen angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoßen mit einem etwa entgegenkommenden Wagen.Man erkennt hieraus, daß keine Vorsichtsmaßregel versäumt wurde, und gegenüber einer so drohenden Nacht waren sie gewiß am Platze.„Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.[pg 1-122]— So wollen wir fahren“, antwortete das junge Mädchen.Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantaß schwankte die ersten Vorberge des Urals hinan.Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es, trotz der in jenen Breiten länger andauernden Dämmerung, schon recht dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wölbung des Himmels herab zu drücken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise näherten sie sich der Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den höheren Luftschichten von oben nach unten. Die Straße führte diesen gewaltigen, dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen. Binnen Kurzem mußten Straße und Dunstmassen einander begegnen, und lösten die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel, durch welchen der Tarantaß nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu laufen in einen Abgrund zu stürzen.Die Kette der Uralberge erreicht übrigens nur eine mittlere Höhe; ihr bedeutendster Gipfel übersteigt noch nicht 5000 Fuß. Der ewige Schnee ist daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter über das Gebirge schüttet, schmelzen[pg 1-123]vollständig bei der Sonnenwärme des Sommers. Pflanzen und Bäume gedeihen noch in beträchtlicher Höhenlage. Die Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstätten kostbarer Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleißiger Hände. So begegnet man denn auch den „Zarody“ genannten Dorfschaften ziemlich häufig und der durch die gewaltigen Engpässe geführte Weg ist für die Postwagen in gut fahrbarem Zustande.Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kämpfen und man sich in diesem Gewühle befindet.Aus Erfahrung wußte Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor für ebenso gefahrbringend, als die fürchterlichen Schneestürme, die hier während des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wüthen.Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das Wageninnere schützenden Ledervorhänge aufgehoben, sah hinaus und achtete scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit phantastischen Schattenbildern belebte.Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, während ihr Begleiter mit halbem Körper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel und die Erde musterte.Die Atmosphäre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen rührte sich vom Platze. Man hätte sagen mögen, daß die halberstickte Natur nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene düsteren, dichten Wolken, aus irgend welchem Grunde[pg 1-124]gelähmt, nicht mehr functioniren konnten. Das Schweigen wäre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Räder des Tarantaß, die die Kiesel der Straße zerrieben, ohne das Seufzen der Naben und überhaupt des Holzwerkes am Gefährte, ohne den keuchenden Athem des Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte Funken sprühten.Uebrigens war die Straße vollkommen öde. Der Tarantaß begegnete weder einem Fußgänger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Köhlers rauchte im Walde, keine Lagerstätte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar, keine einzige im Gehölz verlorene Hütte. Es bedurfte solcher Gründe, welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die Gebirgskette unter den gegebenen Verhältnissen zu unternehmen. Michael Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmöglich; aber – und das fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniß einzuflößen, – wer in aller Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantaß vorausgehenden Teleg sein; welch’ gewichtige Gründe hatten sie, eben so tollkühn zu handeln?Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mächtiger Kiefern auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Straße gruppenweise flankirten. Näherte sich der Tarantaß dem Rande der Straße, dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgründe neben jener. Von[pg 1-125]Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoßen, daß der Wagen eine Brücke aus Baumstämmen passirte, welche kaum zugehauen eine Höhlung des Weges überdeckten. Je höher sie hinauf kamen, desto mehr ertönte ein monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmähreden an seine Thiere verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphäre als durch den Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast zusammen.„Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael Strogoff den Jemschik.— Um ein Uhr früh … wenn wir überhaupt hinkommen! antwortete dieser mit ungläubigem Kopfschütteln.— Sag’ doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den Bergen, nicht wahr?— Nein, und gebe Gott, daß es auch nicht mein letztes ist.— Hast Du Furcht?— Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, daß Du unrecht handeltest, abzufahren.— Ich hätte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.— Na, dann vorwärts, meine Täubchen!“ erwiderte der Jemschik, als ein Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.In diesem Augenblicke ließ sich ein entferntes Geräusch vernehmen; es glich einem tausendfachen gellenden und betäubenden Pfeifen in der bisher noch halb ruhigen Atmosphäre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes, dem ein entsetzlicher Donnerschlag[pg 1-126]folgte, bemerkte Michael Strogoff einige große Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm brach los, jagte aber bis jetzt nur die höhern Luftschichten durcheinander. Ein trockenes Geknatter ließ erkennen, daß einige alte oder schlecht bewurzelte Bäume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht hatten Widerstand leisten können. Eine Lawine gebrochener Stämme rollte bald über die Straße, schlug hüpfend auf die Felsenvorsprünge und verlor sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantaß, in den Tiefen zur Linken.Stutzend hielten die Pferde still.„Immer vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik, und munter knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.Michael Strogoff ergriff Nadia’s Hand.„Schläfst Du, Schwester? fragte er.— Nein, Bruder.— Sei bereit für Alles. Jetzt kommt das Unwetter!— Ich bin bereit.“Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhänge zu schließen.Wild tobte der Sturmwind heran.Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine schreckliche Gefahr.Unbeweglich stand der Tarantaß an einer Biegung des Weges, durch welche der Sturm hereintobte. Der Wagen mußte also dem Winde gerade entgegen gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wäre er unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden. Von den[pg 1-127]Windstößen zurückgedrängt bäumten sich die Pferde, ohne daß es ihrem Führer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die Schmeichelworte folgten die kräftigsten Flüche. Nichts half. Die armen, von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen, Artilleriesalven ähnlichen Donner betäubten Thiere drohten die Stränge zu zerreißen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines Gespannes.Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantaß und kam dem Kutscher zu Hilfe. Seiner außergewöhnlichen Körperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mühe, die Thiere zu bändigen.Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Straße erweiterte sich an der eben erreichten Stelle tonnenartig, so daß sich der Wind hineinpreßte, etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht. Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstämmen den Abhang herab zu poltern.„Hier können wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.— Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran, uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege.— Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für das linke werde ich stehen!“Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu[pg 1-128]werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden.„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.— Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte.Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.— Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.— Aber die Pferde wollen nicht vorwärts.— Mach’ es wie ich, ziehe sie!— Diese Windstöße werden sich wiederholen.— Wirst Du gehorchen?— Du willst es.— Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers gebrauchte.— Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte.So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht mehr seitwärts ausbiegen,[pg 1-129]und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten. Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren. Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt.Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum niederschüttete.Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den Tarantaß herabstürzte.Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe antreiben.Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen.In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte …Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der[pg 1-130]Gefahr schöpfte er eine fast übermenschliche Kraft, stemmte den Rücken gegen die Achse, die Füße fest auf den Boden und drängte das schwerfällige Fuhrwerk einige Schritte vorwärts.Der gewaltige Block flog vorüber, streifte dem jungen Manne fast die Brust und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd und Funken sprühend zersprangen die Steine auf der Straße.„Bruder!“ hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.— Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!— Um meinetwillen könnte ich mich niemals fürchten.— Gott ist mit uns, Schwester!— Mit mir gewiß, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!“ sagte halblaut das junge Mädchen.Der Anstoß, den der Tarantaß durch Michael Strogoff’s Anstrengung erhielt, sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung für die stutzenden Pferde, die frühere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem schmalen von Norden nach Süden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den directen Anprall des Unwetters einigermaßen gesichert waren. Die Berglehne zur Rechten bildete hier eine Art Sägewerk durch einen vorspringenden Felsen, der sich mitten in einem schäumenden Wildwasser erhob. Hier wüthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien einigermaßen haltbar, während in der Peripherie[pg 1-131]dieser scheinbaren Cyclone sich gewiß kein Mensch oder Thier hätte aufrecht erhalten können.Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense über die Hochfläche dahin.Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die ganze Uralkette erschüttert.Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf; doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen.Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung, die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die Fahrt wieder fortzusetzen.Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich gar nicht zu denken.[pg 1-132]Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt, jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein.— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu ersparen.— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein, als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe.— Einer Pflicht!…“ murmelte Nadia.Eben zerriß ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen gleichsam zu zerstäuben.[pg 1-133]Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen Krach. Die Luft erfüllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche und eine zwanzig Schritte von dem Tarantaß entfernte Gruppe alter Kiefern flammte, von dem elektrischen Fluidum entzündet, gleich einer Gigantenfackel lodernd in die Höhe.Der Jemschik stürzte, wie von einem Rückschlag getroffen, zu Boden, erhob sich aber glücklicher Weise unverletzt wieder.Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges verloren hatte, fühlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia’s ergriffen und hörte sie die Worte in sein Ohr sprechen:„Hilferufe, Bruder! Hörst Du sie?“

[pg 1-95]Achtes Capitel.Die Kama stromaufwärts.Am Morgen des 18. Juli kam der „Kaukasus“ um sechs Uhr vierzig Minuten an dem Landeplatze für Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universität und eines griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevölkerung dieser Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken, Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.Trotz der großen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drängte sich eine ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzärmeligem Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Krempen an den gewöhnlichen Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe ein kleines Scheitelkäppchen, wie es die polnischen Juden tragen. Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich halbmondförmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in Gruppen bei einander.[pg 1-96]Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl für die Passagiere, die den „Kaukasus“ hier verließen, als auch für andere, welche hier das Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfältiger Musterung jedes Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zuströmen, das man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der „Kaukasus“ sollte behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.An’s Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er hätte die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Liefländerin nicht auf dem Schiffe allein lassen können.Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie sich’s eben für eifrige Jäger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er entweder einige Erscheinungen flüchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug, als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines Gedächtnisses nur plaudernd umher lief.Längs der ganzen Ostgrenze Rußlands schwirrte das Gerücht durch die Luft, daß die Empörung und der Einfall sehr gefährliche Dimensionen annähmen. Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den „Kaukasus“[pg 1-97]verlassen zu haben, von verschiedenen neuen Ankömmlingen.Erfüllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die Uralkette zu überschreiten, um selbst über die Bedeutung der Ereignisse urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen zu können. Fast hätte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde.Unter den Reisenden, welche den „Kaukasus“ verließen, erkannte Michael Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer Führung, schifften sich etwa zwanzig Tänzerinnen und Sängerinnen im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdürftig den Flitterstaat darunter verhüllten.Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen, erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht. Es war der nämliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.„Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsüber unter dem Verdeck auf und wollte sich während der Nacht unter dem Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es für gut, möglichst wenig gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!“Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel,[pg 1-98]daß der ihn besonders angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerührt habe, die nur dann und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und daß jene Worte zwischen dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt worden seien.Wider Willen näherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verließ, um nicht wieder zu kehren.Dort stand der Alte in sehr demüthiger, mit der natürlichen Unverschämtheit seiner Stammesgenossen wenig übereinstimmender Haltung. Er sah aus, als meide er es möglichst gesehen zu werden, statt die Blicke Anderer auf sich zu lenken. Sein schäbiger, von der Sonne des ganzen Erdballs verbrannter Hut saß tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem breiten Rücken bauschte sich trotz der Wärme der Sonne ein weiter Kittel. Es wäre schwierig gewesen, unter dieser erbärmlichen Hülle seine Figur deutlich zu erkennen.Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine große Frau von dreißig Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prächtigen Augen und üppigem Haar in stolzer Haltung.Einige der jungen Tänzerinnen waren von auffallender Schönheit, und Alle zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Großen, welche mit den Engländern gern an Excentricität wetteifern, hat sich nicht entblödet, ein Weib aus diesem Stamme zu wählen.Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthümlichem Rhythmus vor sich hin, dessen erste Verse man etwa so übersetzen könnte:[pg 1-99]Am braunen Hals die Koralle blinkt,Die goldene Nadel im Haar;Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt,Zum Lande der …Die lustige Dirne sang gewiß weiter, doch Michael Strogoff hörte sie nicht mehr.Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen.Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘ titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen …“Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu folgen, aber er bezwang sich noch.„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig, bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“[pg 1-100]Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge verschwunden.Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort.Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern, der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“, rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden Augenblick abfahren.[pg 1-101]Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon eingenommen.Da fiel es Michael Strogoff auf, daß von den beiden Journalisten nur der eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurück gekehrt war.Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versäumen?Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue löste, erschien Alcide Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoßen und die Landungsbrücke auf den Kai zurück gerollt, der leichtfüßige Held der Feder bekümmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte er über die Lücke und fiel auf dem Deck des „Kaukasus“, fast in die Hände seines Collegen, nieder.„Ich glaubte schon, der ‚Kaukasus‘ sollte ohne Sie weiter gehen, sagte Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube ähnelte.— Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich hätte Sie schon einzuholen gewußt und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst für zwanzig Kopeken, nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau ist’s eine tüchtige Strecke.— Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich dabei zusammenzogen.— Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem liebenswürdigsten Lächeln.— Nun, er ist bis Kolyvan noch inOrdnung?— Das weiß ich nicht, kann Ihnen dafür aber versichern, daß er z. B. von Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.[pg 1-102]— Sie gaben eine Depesche auf … an Ihre Cousine?…— Mit reinem Feuereifer!— Sie haben also gehört …— Erlauben Sie, Väterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniß vor Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind über Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwärmen in hellen Haufen längs der Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!“Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht, während sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische Zeitung war um zwei Pferdelängen geschlagen!Der arme Harry Blount wandelte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, nach dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.Gegen zehn Uhr Morgens verließ die junge Liefländerin ihre Cabine und erschien auf dem Verdeck.Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.„Sieh Dich hier um, Schwester“, mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile des Schiffes gelangt waren.Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.Der „Kaukasus“ erreichte jetzt den Zusammenfluß der Wolga und Kama. Hier verließ er nach einer Thalfahrt von über 400 Werst jenen Strom, um[pg 1-103]den immerhin bedeutenden Fluß 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu durchpflügen.An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserläufe mischten sich deren verschieden gefärbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten, und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.Die Kama endigte in weitgeöffneter Mündung, umrahmt von lieblich bewaldeten Ufern. Einige weiße Segel belebten das reinliche Wasser, auf dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit mächtigen Eichen geschmückte Hügel schlossen den Horizont in harmonischer Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen des Himmels zu verschmelzen schien.Und doch schien es, als blieben diese Naturschönheiten ohne allen Eindruck auf den Gedankengang des jungen Mädchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr Reiseziel zu erreichen! – Die Kama bildete für sie nur einen leichteren Weg, dahin zu gelangen. Wie glänzten ihre Augen in schönem Feuer auf, wenn sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont durchbohren.Nadia hatte die Hand in der ihres Gefährten gelassen und fragte, indem sie sich zu ihm hinwendete:„Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?— Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.— Neunhundert auf sieben Tausend!“ seufzte das junge Mädchen.[pg 1-104]Die Zeit zum Frühstücken war gekommen; das Läuten einer Glocke meldete es den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsräumen des Steamers. Sie berührte die auf einer seitlichen Tafel servirten Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Häring in Stücken, anishaltiger Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte, der man in allen nördlichen Ländern, in Rußland ebenso wie in Schweden und Norwegen begegnet. Nadia aß nur wenig, etwa wie ein armes Mädchen, deren beschränkte Mittel sie nicht weiter gehen ließen. Michael Strogoff glaubte sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner Gefährtin genügten, nämlich ein wenig „Kulbat“, eine Art Pastete aus Reis, Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getränk etwas Thee.Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten, nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und Nadia wieder das Deck des „Kaukasus“.Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehört zu werden:„Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heiße Nadia Fedor. Vor kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.— Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in die Arme ihres Vaters zu führen.[pg 1-105]— Ich danke, Bruder!“ erwiderte Nadia.Michael Strogoff fügte noch hinzu, daß er für Sibirien einen speciellen Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behörden kein Hinderniß im Wege stehen werde.Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufälligen Begegnung dieses einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem Vater zu gelangen!„Ich besaß, fuhr sie fort, einen Paß, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu gehen; ihn hat der Erlaß des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der Du mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wäre, nicht verlassen können.— Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?— Es war meine Pflicht, Bruder.— Wußtest Du aber nicht, daß das empörte und von Feinden überschwemmte Land kaum zu passiren ist?— Der Tartareneinfall war, als ich Riga verließ, noch nicht bekannt, erwiderte die junge Liefländerin. In Moskau erst erfuhr ich diese Neuigkeiten.— Und setztest trotzdem Deine Reise fort?— Es war meine Pflicht.“Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mädchens. Was sie für ihre Pflicht erkannte, zögerte Nadia niemals auszuführen.[pg 1-106]Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein geschätzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glücklich im Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer ausländischen geheimen Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen und die Gensdarmen, welche jene Ordre überbrachten, geleiteten ihn ohne Verzug über die Grenze.Wassili Fedor ließ man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und seine hilflos zurückbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoß heiße Thränen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte dort, aber fast ohne pecuniären Vortheil, seine Praxis weiter betreiben können. Und doch wäre er wohl so glücklich gewesen, wie das einem Verbannten überhaupt möglich ist, hätte er Weib und Kind um sich haben können. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwächlichkeit wegen aber auch schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behörden nun um die bald zugestandene Erlaubniß an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb Diesem, daß sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen. Sie that, was sie konnte!… Gott würde das Uebrige thun!Indeß arbeitete sich der „Kaukasus“ gegen den Strom vorwärts. Die Nacht brach an und die Luft kühlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen[pg 1-107]die Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das Geheul der Wölfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.

Am Morgen des 18. Juli kam der „Kaukasus“ um sechs Uhr vierzig Minuten an dem Landeplatze für Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.

Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universität und eines griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevölkerung dieser Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken, Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.

Trotz der großen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drängte sich eine ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzärmeligem Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Krempen an den gewöhnlichen Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe ein kleines Scheitelkäppchen, wie es die polnischen Juden tragen. Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich halbmondförmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in Gruppen bei einander.

Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl für die Passagiere, die den „Kaukasus“ hier verließen, als auch für andere, welche hier das Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfältiger Musterung jedes Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.

Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zuströmen, das man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der „Kaukasus“ sollte behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.

An’s Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er hätte die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Liefländerin nicht auf dem Schiffe allein lassen können.

Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie sich’s eben für eifrige Jäger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er entweder einige Erscheinungen flüchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug, als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines Gedächtnisses nur plaudernd umher lief.

Längs der ganzen Ostgrenze Rußlands schwirrte das Gerücht durch die Luft, daß die Empörung und der Einfall sehr gefährliche Dimensionen annähmen. Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den „Kaukasus“[pg 1-97]verlassen zu haben, von verschiedenen neuen Ankömmlingen.

Erfüllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die Uralkette zu überschreiten, um selbst über die Bedeutung der Ereignisse urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen zu können. Fast hätte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde.

Unter den Reisenden, welche den „Kaukasus“ verließen, erkannte Michael Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer Führung, schifften sich etwa zwanzig Tänzerinnen und Sängerinnen im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdürftig den Flitterstaat darunter verhüllten.

Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen, erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht. Es war der nämliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.

„Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsüber unter dem Verdeck auf und wollte sich während der Nacht unter dem Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es für gut, möglichst wenig gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!“

Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel,[pg 1-98]daß der ihn besonders angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerührt habe, die nur dann und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und daß jene Worte zwischen dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt worden seien.

Wider Willen näherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verließ, um nicht wieder zu kehren.

Dort stand der Alte in sehr demüthiger, mit der natürlichen Unverschämtheit seiner Stammesgenossen wenig übereinstimmender Haltung. Er sah aus, als meide er es möglichst gesehen zu werden, statt die Blicke Anderer auf sich zu lenken. Sein schäbiger, von der Sonne des ganzen Erdballs verbrannter Hut saß tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem breiten Rücken bauschte sich trotz der Wärme der Sonne ein weiter Kittel. Es wäre schwierig gewesen, unter dieser erbärmlichen Hülle seine Figur deutlich zu erkennen.

Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine große Frau von dreißig Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prächtigen Augen und üppigem Haar in stolzer Haltung.

Einige der jungen Tänzerinnen waren von auffallender Schönheit, und Alle zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Großen, welche mit den Engländern gern an Excentricität wetteifern, hat sich nicht entblödet, ein Weib aus diesem Stamme zu wählen.

Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthümlichem Rhythmus vor sich hin, dessen erste Verse man etwa so übersetzen könnte:

Am braunen Hals die Koralle blinkt,Die goldene Nadel im Haar;Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt,Zum Lande der …

Am braunen Hals die Koralle blinkt,

Die goldene Nadel im Haar;

Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt,

Zum Lande der …

Die lustige Dirne sang gewiß weiter, doch Michael Strogoff hörte sie nicht mehr.

Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen.

Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.

„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘ titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen …“

Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu folgen, aber er bezwang sich noch.

„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig, bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“

Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge verschwunden.

Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort.

Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern, der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.

Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“, rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden Augenblick abfahren.

Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon eingenommen.

Da fiel es Michael Strogoff auf, daß von den beiden Journalisten nur der eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurück gekehrt war.

Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versäumen?

Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue löste, erschien Alcide Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoßen und die Landungsbrücke auf den Kai zurück gerollt, der leichtfüßige Held der Feder bekümmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte er über die Lücke und fiel auf dem Deck des „Kaukasus“, fast in die Hände seines Collegen, nieder.

„Ich glaubte schon, der ‚Kaukasus‘ sollte ohne Sie weiter gehen, sagte Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube ähnelte.

— Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich hätte Sie schon einzuholen gewußt und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst für zwanzig Kopeken, nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau ist’s eine tüchtige Strecke.

— Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich dabei zusammenzogen.

— Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem liebenswürdigsten Lächeln.

— Nun, er ist bis Kolyvan noch inOrdnung?

— Das weiß ich nicht, kann Ihnen dafür aber versichern, daß er z. B. von Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.

— Sie gaben eine Depesche auf … an Ihre Cousine?…

— Mit reinem Feuereifer!

— Sie haben also gehört …

— Erlauben Sie, Väterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniß vor Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind über Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwärmen in hellen Haufen längs der Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!“

Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht, während sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische Zeitung war um zwei Pferdelängen geschlagen!

Der arme Harry Blount wandelte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, nach dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.

Gegen zehn Uhr Morgens verließ die junge Liefländerin ihre Cabine und erschien auf dem Verdeck.

Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.

„Sieh Dich hier um, Schwester“, mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile des Schiffes gelangt waren.

Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.

Der „Kaukasus“ erreichte jetzt den Zusammenfluß der Wolga und Kama. Hier verließ er nach einer Thalfahrt von über 400 Werst jenen Strom, um[pg 1-103]den immerhin bedeutenden Fluß 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu durchpflügen.

An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserläufe mischten sich deren verschieden gefärbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten, und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.

Die Kama endigte in weitgeöffneter Mündung, umrahmt von lieblich bewaldeten Ufern. Einige weiße Segel belebten das reinliche Wasser, auf dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit mächtigen Eichen geschmückte Hügel schlossen den Horizont in harmonischer Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen des Himmels zu verschmelzen schien.

Und doch schien es, als blieben diese Naturschönheiten ohne allen Eindruck auf den Gedankengang des jungen Mädchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr Reiseziel zu erreichen! – Die Kama bildete für sie nur einen leichteren Weg, dahin zu gelangen. Wie glänzten ihre Augen in schönem Feuer auf, wenn sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont durchbohren.

Nadia hatte die Hand in der ihres Gefährten gelassen und fragte, indem sie sich zu ihm hinwendete:

„Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?

— Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.

— Neunhundert auf sieben Tausend!“ seufzte das junge Mädchen.

Die Zeit zum Frühstücken war gekommen; das Läuten einer Glocke meldete es den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsräumen des Steamers. Sie berührte die auf einer seitlichen Tafel servirten Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Häring in Stücken, anishaltiger Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte, der man in allen nördlichen Ländern, in Rußland ebenso wie in Schweden und Norwegen begegnet. Nadia aß nur wenig, etwa wie ein armes Mädchen, deren beschränkte Mittel sie nicht weiter gehen ließen. Michael Strogoff glaubte sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner Gefährtin genügten, nämlich ein wenig „Kulbat“, eine Art Pastete aus Reis, Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getränk etwas Thee.

Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten, nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und Nadia wieder das Deck des „Kaukasus“.

Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehört zu werden:

„Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heiße Nadia Fedor. Vor kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.

— Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in die Arme ihres Vaters zu führen.

— Ich danke, Bruder!“ erwiderte Nadia.

Michael Strogoff fügte noch hinzu, daß er für Sibirien einen speciellen Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behörden kein Hinderniß im Wege stehen werde.

Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufälligen Begegnung dieses einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem Vater zu gelangen!

„Ich besaß, fuhr sie fort, einen Paß, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu gehen; ihn hat der Erlaß des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der Du mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wäre, nicht verlassen können.

— Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?

— Es war meine Pflicht, Bruder.

— Wußtest Du aber nicht, daß das empörte und von Feinden überschwemmte Land kaum zu passiren ist?

— Der Tartareneinfall war, als ich Riga verließ, noch nicht bekannt, erwiderte die junge Liefländerin. In Moskau erst erfuhr ich diese Neuigkeiten.

— Und setztest trotzdem Deine Reise fort?

— Es war meine Pflicht.“

Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mädchens. Was sie für ihre Pflicht erkannte, zögerte Nadia niemals auszuführen.

Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein geschätzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glücklich im Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer ausländischen geheimen Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen und die Gensdarmen, welche jene Ordre überbrachten, geleiteten ihn ohne Verzug über die Grenze.

Wassili Fedor ließ man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und seine hilflos zurückbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoß heiße Thränen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.

Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte dort, aber fast ohne pecuniären Vortheil, seine Praxis weiter betreiben können. Und doch wäre er wohl so glücklich gewesen, wie das einem Verbannten überhaupt möglich ist, hätte er Weib und Kind um sich haben können. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwächlichkeit wegen aber auch schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behörden nun um die bald zugestandene Erlaubniß an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb Diesem, daß sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen. Sie that, was sie konnte!… Gott würde das Uebrige thun!

Indeß arbeitete sich der „Kaukasus“ gegen den Strom vorwärts. Die Nacht brach an und die Luft kühlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen[pg 1-107]die Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das Geheul der Wölfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.

Neuntes Capitel.Tag und Nacht im Tarantaß.Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der „Kaukasus“ am Landungsplatze in Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berührte.Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der umfänglichsten in ganz Rußland und greift über das Uralgebirge hinweg bis nach Sibirien hinüber. Marmorbrüche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie Steinkohlengruben werden dort in großem Maßstabe ausgebeutet. Perm mag allen Umständen nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorläufig aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen. Für Diejenigen, welche von Rußland nach Sibirien gehen, fällt jener Mangel an Comfort nicht allzu sehr in’s Gewicht, denn Diese sind gewöhnlich mit allem Nöthigen hinlänglich versehen; den Ankömmlingen aus Centralasien dagegen würde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiß recht angenehm sein, die erste europäische Stadt des Reiches[pg 1-108]an der asiatischen Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenständen des Bedarfs versorgt zu sehen.In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen meist mehr oder weniger beschädigten Wagen zu veräußern; andererseits kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im Winter Schlitten, bevor er sich für mehrere Monate in die verlassenen Steppenwüsten wagt.Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und durfte dasselbe nur erfüllen.Gewöhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich schnell überschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse hatte man diesen aber einstellen müssen. Auch ohnedem hätte Michael Strogoff, dem es auf die größte Eile ankam, auf dieses Beförderungsmittel verzichtet, und würde er es, um von Niemand abhängig zu sein, vorgezogen haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu wechseln, wobei er durch splendide „na vodku“ (Trinkgelder) den Eifer der Postillone anzuspornen hoffen durfte.Zum Unglück hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft beliebten Maßnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmähten zu begnügen. Bezüglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren außerhalb Sibiriens wohl seinen Podaroshna in’s Treffen führen, auf welchen hin ihn die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen[pg 1-109]befriedigen würden. Einmal außer dem europäischen Reiche aber sah er sich gleich jedem Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschränkt.An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen Tarantaß oder einen Teleg?Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierräderiges Wägelchen und durchweg aus Holz construirt. Räder, Axen, Schlußnägel, Sitze und Deichsel, alles stammt von den Bäumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer Beschädigung leichter wieder in Stand zu setzen wäre. An Tannen fehlt es längs der russischen Grenze nicht, und die Schlußnägel wachsen in den Wäldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden die unter dem Namen „Perekladnoï“ bekannten Extraposten befördert. Manchmal reißen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und während der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nächsten Relais auf zwei Rädern an; aber man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.Michael Strogoff hätte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch einen Tarantaß aufzutreiben.Es glaube aber Niemand, daß ein derartiges Gefährt auf der obersten Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart; aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuß von einander entfernten[pg 1-110]Räder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen Straßen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schützt die Insassen vor dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche herabgezogen das Gefährt fast hermetisch verschließt, vor dem Sonnenbrande und den nicht seltenen Windstößen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantaß ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff auch hier treu zu bleiben.Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte.„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine bequemere Fahrgelegenheit gesucht.— Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden.— An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.— Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das junge Mädchen. Wenn[pg 1-111]Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt, klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen war, d. i. der russische „duga“; die beiden andern waren einfach mittels Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. VonZaumund Gebiß keine weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur.Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen Hut, rothen[pg 1-112]Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit dem kaiserlichen Abzeichen.Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine nicht mißzudeutende Bewegung.„Ein Paar Raben, sagte er halb für sich und unbekümmert darum, ob er verstanden wurde oder nicht, Raben für sechs Kopeken die Werst.— Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon recht wohl verstand, Adler, hörst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das Trinkgeld!“Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der „Rabe“ bedeutet in der Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei Kopeken per Werst bezahlt. Ein „Adler“ dagegen ist der Reisende, der auch vor hohen Preisen nicht zurückschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft. Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu fliegen, wie der König der Vögel.Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plätze in dem Tarantaß ein. Einiger wenig umfänglicher Proviant, der in den Sitzkästen untergebracht wurde, gewährte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzögerung erleiden zu können, wenn sie einmal die durch Fürsorge des Staates wohlversehenen Posthäuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde übergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag verließ der[pg 1-113]Tarantaß, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog in eine dichte Staubwolke gehüllt dahin.Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, hätte jedem Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, höchlichst verwundern müssen. Das etwas größere Pferd in der Gabel hielt ungestört, wie abschüssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter Regelmäßigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber, wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er für sie borgte! Die Schnur, die ihm als Zügel diente, wäre gegenüber den ausgelassenen Thieren wohl ganz nutzlos gewesen, aber „na pravo“, rechts, oder „na levo“, links, diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr Wirkung, als Zügel und Zaum.Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der würdige Rosselenker!„Vorwärts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwärts meine artigen Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltäubchen! Immer dran, mein Vetter zur Linken! Greif’ aus, Väterchen zur Rechten!“Wenn sie aber nachließen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso vielseitige Verwünschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen schienen.„Lauf zu, Du Höllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwürge Dich bei lebendigem[pg 1-114]Leibe, Du Schildkröte! Du sollst noch in jener Welt verdammt sein!“Was man aber auch denken möge über diese Art der Pferdeführung, welche mehr die Solidität der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantaß nur so dahin und bewältigte zwölf bis vierzehn Werst in der Stunde.Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Beförderung gewöhnt. Weder das Schütteln noch das Hüpfen des Gefährtes belästigte ihn. Er wußte, daß ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder tiefe Löcher vermeidet, so wenig wie umgestürzte Baumstämme oder Gräben, die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefährtin freilich lief Gefahr, durch dieses Stoßen des Tarantaß verletzt zu werden, doch sie beklagte sich nicht.Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur ankommen! verfolgt, begann sie:„Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich mich geirrt?— Gewiß nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg werden wir den Fuß des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.— Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?— Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, – ich sage Tag und Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muß ohne Säumen nach Irkutsk eilen.[pg 1-115]— Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen Tag und Nacht fahren.— Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so können wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.— Du hast diese Reise schon einmal gemacht?— Schon mehrere Male.— Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr?— Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer gelitten haben.— Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.— Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner Kleidung aus Rennthierfell2mein Herz sich mit Eis überziehen, meine Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es, wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein Messer ihn schneiden konnte!… Mein Schlitten aber flog dahin wie ein Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das harte[pg 1-116]Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden, Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren Leichname der wehende Schnee begrub!— Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia.— Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben. Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche, unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!— Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge Liefländerin.— Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.— Und was thatest Du in Omsk?— Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.— Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, daß mich Nichts hätte zurückhalten können?— Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott würde Dir geholfen haben!“Diesen Tag über wurde der Tarantaß durch die bei jedem Relais wechselnden Jemschiks sehr schnell weiter befördert. Die Adler der Berge hätten ihren Namen durch jene „Adler“ der Landstraße nicht als entehrt ansehen können. Der hohe Preis für jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder dienten[pg 1-117]den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den Postmeistern mochte es nach Veröffentlichung jener Verordnung wohl auffallen, daß ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indeß waren ihre Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn auch die Kilometer-(Werst-)Pfähle bald im Rücken des Tarantaß.Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, daß ein Wagen ihm vorausging, ohne sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darüber besondere Sorge zu machen.Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nöthigen Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthäuser boten Unterkunft und Stärkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht hätte, wäre das Haus jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geöffnet gewesen. In diesen einander überaus ähnlichen Dörfern mit ihren weißen steinernen Capellen und grünlichen Dächern kann der Reisende wohl an jede Thür klopfen; sie wird sich gewiß öffnen. Dann erscheint der Mujik lächelnden Gesichts und giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rückt den „Samowar“ über’s Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fühlen. Die Familie würde im Nothfalle das Haus räumen, um ihm Platz zu machen. Der ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der „den Gott selbst sendet“.[pg 1-118]Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.„Vor zwei Stunden, Väterchen, berichtete der Postmeister.— Es ist eine Berline?— Nein, ein Teleg.— Wie viel Reisende?— Zwei.— Sie haben es eilig?— Es sind Adler!— Laßt schleunigst anspannen.“Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fühlte man, daß die drückender gewordene Luft sich allmälig mit Elektricität sättigte. Kein Wölkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befürchten, daß in den Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael Strogoff, der gewöhnt war, alle atmosphärischen Vorzeichen zu deuten, fühlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger Besorgniß erfüllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stöße des Tarantaß vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb zurückgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schöpfen, nach der die Lungen in dieser erstickenden Atmosphäre begierig verlangten.[pg 1-119]Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mißtraute den Jemschiks, weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den Relais verloren, keine Stunde unterwegs.Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mächtige Kette, die Grenzmauer zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien, lag jedoch noch in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst während der folgenden Nacht stattfinden.Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgängig bedeckt und in Folge dessen auch die Luftwärme erträglicher, doch wurde die Witterung immer gewitterschwüler.Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff würde es gewiß unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt hätte; als ihn der Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden Donner aufmerksam machte, fragte er nur:„Ein Teleg fährt uns noch immer voraus?— Ja.— Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?— Ungefähr eine Stunde.— Vorwärts! – Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen früh in Jekaterinenburg sind.“

Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der „Kaukasus“ am Landungsplatze in Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berührte.

Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der umfänglichsten in ganz Rußland und greift über das Uralgebirge hinweg bis nach Sibirien hinüber. Marmorbrüche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie Steinkohlengruben werden dort in großem Maßstabe ausgebeutet. Perm mag allen Umständen nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorläufig aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen. Für Diejenigen, welche von Rußland nach Sibirien gehen, fällt jener Mangel an Comfort nicht allzu sehr in’s Gewicht, denn Diese sind gewöhnlich mit allem Nöthigen hinlänglich versehen; den Ankömmlingen aus Centralasien dagegen würde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiß recht angenehm sein, die erste europäische Stadt des Reiches[pg 1-108]an der asiatischen Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenständen des Bedarfs versorgt zu sehen.

In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen meist mehr oder weniger beschädigten Wagen zu veräußern; andererseits kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im Winter Schlitten, bevor er sich für mehrere Monate in die verlassenen Steppenwüsten wagt.

Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und durfte dasselbe nur erfüllen.

Gewöhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich schnell überschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse hatte man diesen aber einstellen müssen. Auch ohnedem hätte Michael Strogoff, dem es auf die größte Eile ankam, auf dieses Beförderungsmittel verzichtet, und würde er es, um von Niemand abhängig zu sein, vorgezogen haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu wechseln, wobei er durch splendide „na vodku“ (Trinkgelder) den Eifer der Postillone anzuspornen hoffen durfte.

Zum Unglück hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft beliebten Maßnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmähten zu begnügen. Bezüglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren außerhalb Sibiriens wohl seinen Podaroshna in’s Treffen führen, auf welchen hin ihn die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen[pg 1-109]befriedigen würden. Einmal außer dem europäischen Reiche aber sah er sich gleich jedem Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschränkt.

An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen Tarantaß oder einen Teleg?

Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierräderiges Wägelchen und durchweg aus Holz construirt. Räder, Axen, Schlußnägel, Sitze und Deichsel, alles stammt von den Bäumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer Beschädigung leichter wieder in Stand zu setzen wäre. An Tannen fehlt es längs der russischen Grenze nicht, und die Schlußnägel wachsen in den Wäldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden die unter dem Namen „Perekladnoï“ bekannten Extraposten befördert. Manchmal reißen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und während der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nächsten Relais auf zwei Rädern an; aber man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.

Michael Strogoff hätte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch einen Tarantaß aufzutreiben.

Es glaube aber Niemand, daß ein derartiges Gefährt auf der obersten Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart; aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuß von einander entfernten[pg 1-110]Räder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen Straßen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schützt die Insassen vor dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche herabgezogen das Gefährt fast hermetisch verschließt, vor dem Sonnenbrande und den nicht seltenen Windstößen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantaß ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.

Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff auch hier treu zu bleiben.

Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte.

„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine bequemere Fahrgelegenheit gesucht.

— Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden.

— An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.

— Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das junge Mädchen. Wenn[pg 1-111]Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“

Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt, klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen war, d. i. der russische „duga“; die beiden andern waren einfach mittels Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. VonZaumund Gebiß keine weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur.

Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.

Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen Hut, rothen[pg 1-112]Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit dem kaiserlichen Abzeichen.

Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine nicht mißzudeutende Bewegung.

„Ein Paar Raben, sagte er halb für sich und unbekümmert darum, ob er verstanden wurde oder nicht, Raben für sechs Kopeken die Werst.

— Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon recht wohl verstand, Adler, hörst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das Trinkgeld!“

Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der „Rabe“ bedeutet in der Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei Kopeken per Werst bezahlt. Ein „Adler“ dagegen ist der Reisende, der auch vor hohen Preisen nicht zurückschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft. Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu fliegen, wie der König der Vögel.

Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plätze in dem Tarantaß ein. Einiger wenig umfänglicher Proviant, der in den Sitzkästen untergebracht wurde, gewährte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzögerung erleiden zu können, wenn sie einmal die durch Fürsorge des Staates wohlversehenen Posthäuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde übergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag verließ der[pg 1-113]Tarantaß, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog in eine dichte Staubwolke gehüllt dahin.

Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, hätte jedem Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, höchlichst verwundern müssen. Das etwas größere Pferd in der Gabel hielt ungestört, wie abschüssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter Regelmäßigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber, wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er für sie borgte! Die Schnur, die ihm als Zügel diente, wäre gegenüber den ausgelassenen Thieren wohl ganz nutzlos gewesen, aber „na pravo“, rechts, oder „na levo“, links, diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr Wirkung, als Zügel und Zaum.

Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der würdige Rosselenker!

„Vorwärts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwärts meine artigen Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltäubchen! Immer dran, mein Vetter zur Linken! Greif’ aus, Väterchen zur Rechten!“

Wenn sie aber nachließen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso vielseitige Verwünschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen schienen.

„Lauf zu, Du Höllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwürge Dich bei lebendigem[pg 1-114]Leibe, Du Schildkröte! Du sollst noch in jener Welt verdammt sein!“

Was man aber auch denken möge über diese Art der Pferdeführung, welche mehr die Solidität der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantaß nur so dahin und bewältigte zwölf bis vierzehn Werst in der Stunde.

Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Beförderung gewöhnt. Weder das Schütteln noch das Hüpfen des Gefährtes belästigte ihn. Er wußte, daß ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder tiefe Löcher vermeidet, so wenig wie umgestürzte Baumstämme oder Gräben, die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefährtin freilich lief Gefahr, durch dieses Stoßen des Tarantaß verletzt zu werden, doch sie beklagte sich nicht.

Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur ankommen! verfolgt, begann sie:

„Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich mich geirrt?

— Gewiß nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg werden wir den Fuß des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.

— Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?

— Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, – ich sage Tag und Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muß ohne Säumen nach Irkutsk eilen.

— Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen Tag und Nacht fahren.

— Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so können wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.

— Du hast diese Reise schon einmal gemacht?

— Schon mehrere Male.

— Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr?

— Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer gelitten haben.

— Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.

— Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner Kleidung aus Rennthierfell2mein Herz sich mit Eis überziehen, meine Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es, wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein Messer ihn schneiden konnte!… Mein Schlitten aber flog dahin wie ein Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das harte[pg 1-116]Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden, Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren Leichname der wehende Schnee begrub!

— Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia.

— Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben. Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche, unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!

— Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge Liefländerin.

— Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.

— Und was thatest Du in Omsk?

— Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.

— Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, daß mich Nichts hätte zurückhalten können?

— Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott würde Dir geholfen haben!“

Diesen Tag über wurde der Tarantaß durch die bei jedem Relais wechselnden Jemschiks sehr schnell weiter befördert. Die Adler der Berge hätten ihren Namen durch jene „Adler“ der Landstraße nicht als entehrt ansehen können. Der hohe Preis für jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder dienten[pg 1-117]den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den Postmeistern mochte es nach Veröffentlichung jener Verordnung wohl auffallen, daß ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indeß waren ihre Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn auch die Kilometer-(Werst-)Pfähle bald im Rücken des Tarantaß.

Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, daß ein Wagen ihm vorausging, ohne sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darüber besondere Sorge zu machen.

Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nöthigen Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthäuser boten Unterkunft und Stärkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht hätte, wäre das Haus jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geöffnet gewesen. In diesen einander überaus ähnlichen Dörfern mit ihren weißen steinernen Capellen und grünlichen Dächern kann der Reisende wohl an jede Thür klopfen; sie wird sich gewiß öffnen. Dann erscheint der Mujik lächelnden Gesichts und giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rückt den „Samowar“ über’s Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fühlen. Die Familie würde im Nothfalle das Haus räumen, um ihm Platz zu machen. Der ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der „den Gott selbst sendet“.

Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.

„Vor zwei Stunden, Väterchen, berichtete der Postmeister.

— Es ist eine Berline?

— Nein, ein Teleg.

— Wie viel Reisende?

— Zwei.

— Sie haben es eilig?

— Es sind Adler!

— Laßt schleunigst anspannen.“

Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.

Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fühlte man, daß die drückender gewordene Luft sich allmälig mit Elektricität sättigte. Kein Wölkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befürchten, daß in den Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael Strogoff, der gewöhnt war, alle atmosphärischen Vorzeichen zu deuten, fühlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger Besorgniß erfüllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stöße des Tarantaß vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb zurückgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schöpfen, nach der die Lungen in dieser erstickenden Atmosphäre begierig verlangten.

Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mißtraute den Jemschiks, weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den Relais verloren, keine Stunde unterwegs.

Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mächtige Kette, die Grenzmauer zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien, lag jedoch noch in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst während der folgenden Nacht stattfinden.

Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgängig bedeckt und in Folge dessen auch die Luftwärme erträglicher, doch wurde die Witterung immer gewitterschwüler.

Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff würde es gewiß unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt hätte; als ihn der Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden Donner aufmerksam machte, fragte er nur:

„Ein Teleg fährt uns noch immer voraus?

— Ja.

— Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?

— Ungefähr eine Stunde.

— Vorwärts! – Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen früh in Jekaterinenburg sind.“

[pg 1-120]Zehntes Capitel.Ein Unwetter in den Uralbergen.Die Uralkette erstreckt sich auf einer Länge von nahe 3000 Werst (3200 Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht, der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung „Poyas“ aus russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmäßig den „Gürtel“. Mit dem einen Fuße an der unwirthlichen Küste des Arktischen Oceans netzen sie den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.Das war die Grenze, welche Michael Strogoff überschreiten mußte, um von Rußland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwähnt, die Straße einschlug, die auf der östlichen Abdachung des Ural von Perm nach Jekaterinenburg führt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten centralasiatischen Handels dient.Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniß eintrat, wohl zum Passiren der Berge ausreichen. Leider kündigte das erste Grollen des Donners ein Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphäre furchtbar zu werden drohte. Die elektrische Spannung war so groß, daß sie sich nur durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.Michael Strogoff achtete darauf, daß seine junge Begleiterin bestmöglich versorgt war. Die Wagendecke,[pg 1-121]die ein schärferer Windstoß leicht hätte wegreißen können, wurde durch über und hinter ihr gekreuzte Stricke besser gesichert. Man verdoppelte die Zugstränge der Pferde und polsterte aus übergroßer Vorsicht das Stoßeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die Haltbarkeit der Räder zu vergrößern, als auch um die Stöße zu mildern, die in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein würden. Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefährtes, deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantaß angepflöckt waren, mit einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange. Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstückes, das an den Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei Ledervorhänge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem Regen und Sturme schützen mußten.An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei große Laternen angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoßen mit einem etwa entgegenkommenden Wagen.Man erkennt hieraus, daß keine Vorsichtsmaßregel versäumt wurde, und gegenüber einer so drohenden Nacht waren sie gewiß am Platze.„Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.[pg 1-122]— So wollen wir fahren“, antwortete das junge Mädchen.Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantaß schwankte die ersten Vorberge des Urals hinan.Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es, trotz der in jenen Breiten länger andauernden Dämmerung, schon recht dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wölbung des Himmels herab zu drücken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise näherten sie sich der Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den höheren Luftschichten von oben nach unten. Die Straße führte diesen gewaltigen, dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen. Binnen Kurzem mußten Straße und Dunstmassen einander begegnen, und lösten die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel, durch welchen der Tarantaß nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu laufen in einen Abgrund zu stürzen.Die Kette der Uralberge erreicht übrigens nur eine mittlere Höhe; ihr bedeutendster Gipfel übersteigt noch nicht 5000 Fuß. Der ewige Schnee ist daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter über das Gebirge schüttet, schmelzen[pg 1-123]vollständig bei der Sonnenwärme des Sommers. Pflanzen und Bäume gedeihen noch in beträchtlicher Höhenlage. Die Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstätten kostbarer Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleißiger Hände. So begegnet man denn auch den „Zarody“ genannten Dorfschaften ziemlich häufig und der durch die gewaltigen Engpässe geführte Weg ist für die Postwagen in gut fahrbarem Zustande.Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kämpfen und man sich in diesem Gewühle befindet.Aus Erfahrung wußte Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor für ebenso gefahrbringend, als die fürchterlichen Schneestürme, die hier während des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wüthen.Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das Wageninnere schützenden Ledervorhänge aufgehoben, sah hinaus und achtete scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit phantastischen Schattenbildern belebte.Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, während ihr Begleiter mit halbem Körper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel und die Erde musterte.Die Atmosphäre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen rührte sich vom Platze. Man hätte sagen mögen, daß die halberstickte Natur nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene düsteren, dichten Wolken, aus irgend welchem Grunde[pg 1-124]gelähmt, nicht mehr functioniren konnten. Das Schweigen wäre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Räder des Tarantaß, die die Kiesel der Straße zerrieben, ohne das Seufzen der Naben und überhaupt des Holzwerkes am Gefährte, ohne den keuchenden Athem des Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte Funken sprühten.Uebrigens war die Straße vollkommen öde. Der Tarantaß begegnete weder einem Fußgänger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Köhlers rauchte im Walde, keine Lagerstätte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar, keine einzige im Gehölz verlorene Hütte. Es bedurfte solcher Gründe, welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die Gebirgskette unter den gegebenen Verhältnissen zu unternehmen. Michael Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmöglich; aber – und das fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniß einzuflößen, – wer in aller Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantaß vorausgehenden Teleg sein; welch’ gewichtige Gründe hatten sie, eben so tollkühn zu handeln?Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mächtiger Kiefern auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Straße gruppenweise flankirten. Näherte sich der Tarantaß dem Rande der Straße, dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgründe neben jener. Von[pg 1-125]Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoßen, daß der Wagen eine Brücke aus Baumstämmen passirte, welche kaum zugehauen eine Höhlung des Weges überdeckten. Je höher sie hinauf kamen, desto mehr ertönte ein monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmähreden an seine Thiere verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphäre als durch den Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast zusammen.„Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael Strogoff den Jemschik.— Um ein Uhr früh … wenn wir überhaupt hinkommen! antwortete dieser mit ungläubigem Kopfschütteln.— Sag’ doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den Bergen, nicht wahr?— Nein, und gebe Gott, daß es auch nicht mein letztes ist.— Hast Du Furcht?— Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, daß Du unrecht handeltest, abzufahren.— Ich hätte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.— Na, dann vorwärts, meine Täubchen!“ erwiderte der Jemschik, als ein Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.In diesem Augenblicke ließ sich ein entferntes Geräusch vernehmen; es glich einem tausendfachen gellenden und betäubenden Pfeifen in der bisher noch halb ruhigen Atmosphäre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes, dem ein entsetzlicher Donnerschlag[pg 1-126]folgte, bemerkte Michael Strogoff einige große Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm brach los, jagte aber bis jetzt nur die höhern Luftschichten durcheinander. Ein trockenes Geknatter ließ erkennen, daß einige alte oder schlecht bewurzelte Bäume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht hatten Widerstand leisten können. Eine Lawine gebrochener Stämme rollte bald über die Straße, schlug hüpfend auf die Felsenvorsprünge und verlor sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantaß, in den Tiefen zur Linken.Stutzend hielten die Pferde still.„Immer vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik, und munter knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.Michael Strogoff ergriff Nadia’s Hand.„Schläfst Du, Schwester? fragte er.— Nein, Bruder.— Sei bereit für Alles. Jetzt kommt das Unwetter!— Ich bin bereit.“Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhänge zu schließen.Wild tobte der Sturmwind heran.Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine schreckliche Gefahr.Unbeweglich stand der Tarantaß an einer Biegung des Weges, durch welche der Sturm hereintobte. Der Wagen mußte also dem Winde gerade entgegen gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wäre er unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden. Von den[pg 1-127]Windstößen zurückgedrängt bäumten sich die Pferde, ohne daß es ihrem Führer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die Schmeichelworte folgten die kräftigsten Flüche. Nichts half. Die armen, von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen, Artilleriesalven ähnlichen Donner betäubten Thiere drohten die Stränge zu zerreißen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines Gespannes.Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantaß und kam dem Kutscher zu Hilfe. Seiner außergewöhnlichen Körperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mühe, die Thiere zu bändigen.Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Straße erweiterte sich an der eben erreichten Stelle tonnenartig, so daß sich der Wind hineinpreßte, etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht. Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstämmen den Abhang herab zu poltern.„Hier können wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.— Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran, uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege.— Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für das linke werde ich stehen!“Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu[pg 1-128]werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden.„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.— Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte.Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.— Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.— Aber die Pferde wollen nicht vorwärts.— Mach’ es wie ich, ziehe sie!— Diese Windstöße werden sich wiederholen.— Wirst Du gehorchen?— Du willst es.— Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers gebrauchte.— Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte.So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht mehr seitwärts ausbiegen,[pg 1-129]und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten. Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren. Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt.Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum niederschüttete.Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den Tarantaß herabstürzte.Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe antreiben.Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen.In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte …Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der[pg 1-130]Gefahr schöpfte er eine fast übermenschliche Kraft, stemmte den Rücken gegen die Achse, die Füße fest auf den Boden und drängte das schwerfällige Fuhrwerk einige Schritte vorwärts.Der gewaltige Block flog vorüber, streifte dem jungen Manne fast die Brust und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd und Funken sprühend zersprangen die Steine auf der Straße.„Bruder!“ hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.— Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!— Um meinetwillen könnte ich mich niemals fürchten.— Gott ist mit uns, Schwester!— Mit mir gewiß, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!“ sagte halblaut das junge Mädchen.Der Anstoß, den der Tarantaß durch Michael Strogoff’s Anstrengung erhielt, sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung für die stutzenden Pferde, die frühere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem schmalen von Norden nach Süden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den directen Anprall des Unwetters einigermaßen gesichert waren. Die Berglehne zur Rechten bildete hier eine Art Sägewerk durch einen vorspringenden Felsen, der sich mitten in einem schäumenden Wildwasser erhob. Hier wüthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien einigermaßen haltbar, während in der Peripherie[pg 1-131]dieser scheinbaren Cyclone sich gewiß kein Mensch oder Thier hätte aufrecht erhalten können.Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense über die Hochfläche dahin.Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die ganze Uralkette erschüttert.Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf; doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen.Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung, die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die Fahrt wieder fortzusetzen.Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich gar nicht zu denken.[pg 1-132]Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt, jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein.— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu ersparen.— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein, als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe.— Einer Pflicht!…“ murmelte Nadia.Eben zerriß ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen gleichsam zu zerstäuben.[pg 1-133]Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen Krach. Die Luft erfüllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche und eine zwanzig Schritte von dem Tarantaß entfernte Gruppe alter Kiefern flammte, von dem elektrischen Fluidum entzündet, gleich einer Gigantenfackel lodernd in die Höhe.Der Jemschik stürzte, wie von einem Rückschlag getroffen, zu Boden, erhob sich aber glücklicher Weise unverletzt wieder.Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges verloren hatte, fühlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia’s ergriffen und hörte sie die Worte in sein Ohr sprechen:„Hilferufe, Bruder! Hörst Du sie?“

Die Uralkette erstreckt sich auf einer Länge von nahe 3000 Werst (3200 Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht, der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung „Poyas“ aus russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmäßig den „Gürtel“. Mit dem einen Fuße an der unwirthlichen Küste des Arktischen Oceans netzen sie den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.

Das war die Grenze, welche Michael Strogoff überschreiten mußte, um von Rußland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwähnt, die Straße einschlug, die auf der östlichen Abdachung des Ural von Perm nach Jekaterinenburg führt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten centralasiatischen Handels dient.

Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniß eintrat, wohl zum Passiren der Berge ausreichen. Leider kündigte das erste Grollen des Donners ein Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphäre furchtbar zu werden drohte. Die elektrische Spannung war so groß, daß sie sich nur durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.

Michael Strogoff achtete darauf, daß seine junge Begleiterin bestmöglich versorgt war. Die Wagendecke,[pg 1-121]die ein schärferer Windstoß leicht hätte wegreißen können, wurde durch über und hinter ihr gekreuzte Stricke besser gesichert. Man verdoppelte die Zugstränge der Pferde und polsterte aus übergroßer Vorsicht das Stoßeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die Haltbarkeit der Räder zu vergrößern, als auch um die Stöße zu mildern, die in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein würden. Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefährtes, deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantaß angepflöckt waren, mit einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange. Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstückes, das an den Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.

Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei Ledervorhänge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem Regen und Sturme schützen mußten.

An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei große Laternen angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoßen mit einem etwa entgegenkommenden Wagen.

Man erkennt hieraus, daß keine Vorsichtsmaßregel versäumt wurde, und gegenüber einer so drohenden Nacht waren sie gewiß am Platze.

„Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.

— So wollen wir fahren“, antwortete das junge Mädchen.

Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantaß schwankte die ersten Vorberge des Urals hinan.

Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es, trotz der in jenen Breiten länger andauernden Dämmerung, schon recht dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wölbung des Himmels herab zu drücken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise näherten sie sich der Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den höheren Luftschichten von oben nach unten. Die Straße führte diesen gewaltigen, dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen. Binnen Kurzem mußten Straße und Dunstmassen einander begegnen, und lösten die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel, durch welchen der Tarantaß nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu laufen in einen Abgrund zu stürzen.

Die Kette der Uralberge erreicht übrigens nur eine mittlere Höhe; ihr bedeutendster Gipfel übersteigt noch nicht 5000 Fuß. Der ewige Schnee ist daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter über das Gebirge schüttet, schmelzen[pg 1-123]vollständig bei der Sonnenwärme des Sommers. Pflanzen und Bäume gedeihen noch in beträchtlicher Höhenlage. Die Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstätten kostbarer Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleißiger Hände. So begegnet man denn auch den „Zarody“ genannten Dorfschaften ziemlich häufig und der durch die gewaltigen Engpässe geführte Weg ist für die Postwagen in gut fahrbarem Zustande.

Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kämpfen und man sich in diesem Gewühle befindet.

Aus Erfahrung wußte Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor für ebenso gefahrbringend, als die fürchterlichen Schneestürme, die hier während des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wüthen.

Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das Wageninnere schützenden Ledervorhänge aufgehoben, sah hinaus und achtete scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit phantastischen Schattenbildern belebte.

Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, während ihr Begleiter mit halbem Körper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel und die Erde musterte.

Die Atmosphäre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen rührte sich vom Platze. Man hätte sagen mögen, daß die halberstickte Natur nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene düsteren, dichten Wolken, aus irgend welchem Grunde[pg 1-124]gelähmt, nicht mehr functioniren konnten. Das Schweigen wäre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Räder des Tarantaß, die die Kiesel der Straße zerrieben, ohne das Seufzen der Naben und überhaupt des Holzwerkes am Gefährte, ohne den keuchenden Athem des Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte Funken sprühten.

Uebrigens war die Straße vollkommen öde. Der Tarantaß begegnete weder einem Fußgänger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Köhlers rauchte im Walde, keine Lagerstätte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar, keine einzige im Gehölz verlorene Hütte. Es bedurfte solcher Gründe, welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die Gebirgskette unter den gegebenen Verhältnissen zu unternehmen. Michael Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmöglich; aber – und das fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniß einzuflößen, – wer in aller Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantaß vorausgehenden Teleg sein; welch’ gewichtige Gründe hatten sie, eben so tollkühn zu handeln?

Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mächtiger Kiefern auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Straße gruppenweise flankirten. Näherte sich der Tarantaß dem Rande der Straße, dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgründe neben jener. Von[pg 1-125]Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoßen, daß der Wagen eine Brücke aus Baumstämmen passirte, welche kaum zugehauen eine Höhlung des Weges überdeckten. Je höher sie hinauf kamen, desto mehr ertönte ein monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmähreden an seine Thiere verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphäre als durch den Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast zusammen.

„Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael Strogoff den Jemschik.

— Um ein Uhr früh … wenn wir überhaupt hinkommen! antwortete dieser mit ungläubigem Kopfschütteln.

— Sag’ doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den Bergen, nicht wahr?

— Nein, und gebe Gott, daß es auch nicht mein letztes ist.

— Hast Du Furcht?

— Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, daß Du unrecht handeltest, abzufahren.

— Ich hätte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.

— Na, dann vorwärts, meine Täubchen!“ erwiderte der Jemschik, als ein Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.

In diesem Augenblicke ließ sich ein entferntes Geräusch vernehmen; es glich einem tausendfachen gellenden und betäubenden Pfeifen in der bisher noch halb ruhigen Atmosphäre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes, dem ein entsetzlicher Donnerschlag[pg 1-126]folgte, bemerkte Michael Strogoff einige große Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm brach los, jagte aber bis jetzt nur die höhern Luftschichten durcheinander. Ein trockenes Geknatter ließ erkennen, daß einige alte oder schlecht bewurzelte Bäume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht hatten Widerstand leisten können. Eine Lawine gebrochener Stämme rollte bald über die Straße, schlug hüpfend auf die Felsenvorsprünge und verlor sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantaß, in den Tiefen zur Linken.

Stutzend hielten die Pferde still.

„Immer vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik, und munter knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.

Michael Strogoff ergriff Nadia’s Hand.

„Schläfst Du, Schwester? fragte er.

— Nein, Bruder.

— Sei bereit für Alles. Jetzt kommt das Unwetter!

— Ich bin bereit.“

Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhänge zu schließen.

Wild tobte der Sturmwind heran.

Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine schreckliche Gefahr.

Unbeweglich stand der Tarantaß an einer Biegung des Weges, durch welche der Sturm hereintobte. Der Wagen mußte also dem Winde gerade entgegen gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wäre er unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden. Von den[pg 1-127]Windstößen zurückgedrängt bäumten sich die Pferde, ohne daß es ihrem Führer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die Schmeichelworte folgten die kräftigsten Flüche. Nichts half. Die armen, von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen, Artilleriesalven ähnlichen Donner betäubten Thiere drohten die Stränge zu zerreißen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines Gespannes.

Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantaß und kam dem Kutscher zu Hilfe. Seiner außergewöhnlichen Körperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mühe, die Thiere zu bändigen.

Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Straße erweiterte sich an der eben erreichten Stelle tonnenartig, so daß sich der Wind hineinpreßte, etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht. Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstämmen den Abhang herab zu poltern.

„Hier können wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.

— Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran, uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege.

— Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für das linke werde ich stehen!“

Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu[pg 1-128]werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden.

„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.

— Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte.

Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.

„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.

— Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.

— Aber die Pferde wollen nicht vorwärts.

— Mach’ es wie ich, ziehe sie!

— Diese Windstöße werden sich wiederholen.

— Wirst Du gehorchen?

— Du willst es.

— Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers gebrauchte.

— Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte.

So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht mehr seitwärts ausbiegen,[pg 1-129]und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten. Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren. Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt.

Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum niederschüttete.

Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den Tarantaß herabstürzte.

Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.

Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe antreiben.

Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen.

In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte …

Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der[pg 1-130]Gefahr schöpfte er eine fast übermenschliche Kraft, stemmte den Rücken gegen die Achse, die Füße fest auf den Boden und drängte das schwerfällige Fuhrwerk einige Schritte vorwärts.

Der gewaltige Block flog vorüber, streifte dem jungen Manne fast die Brust und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd und Funken sprühend zersprangen die Steine auf der Straße.

„Bruder!“ hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.

— Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!

— Um meinetwillen könnte ich mich niemals fürchten.

— Gott ist mit uns, Schwester!

— Mit mir gewiß, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!“ sagte halblaut das junge Mädchen.

Der Anstoß, den der Tarantaß durch Michael Strogoff’s Anstrengung erhielt, sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung für die stutzenden Pferde, die frühere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem schmalen von Norden nach Süden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den directen Anprall des Unwetters einigermaßen gesichert waren. Die Berglehne zur Rechten bildete hier eine Art Sägewerk durch einen vorspringenden Felsen, der sich mitten in einem schäumenden Wildwasser erhob. Hier wüthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien einigermaßen haltbar, während in der Peripherie[pg 1-131]dieser scheinbaren Cyclone sich gewiß kein Mensch oder Thier hätte aufrecht erhalten können.

Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense über die Hochfläche dahin.

Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die ganze Uralkette erschüttert.

Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf; doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen.

Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung, die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die Fahrt wieder fortzusetzen.

Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich gar nicht zu denken.

Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt, jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.

„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein.

— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu ersparen.

— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein, als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe.

— Einer Pflicht!…“ murmelte Nadia.

Eben zerriß ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen gleichsam zu zerstäuben.[pg 1-133]Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen Krach. Die Luft erfüllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche und eine zwanzig Schritte von dem Tarantaß entfernte Gruppe alter Kiefern flammte, von dem elektrischen Fluidum entzündet, gleich einer Gigantenfackel lodernd in die Höhe.

Der Jemschik stürzte, wie von einem Rückschlag getroffen, zu Boden, erhob sich aber glücklicher Weise unverletzt wieder.

Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges verloren hatte, fühlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia’s ergriffen und hörte sie die Worte in sein Ohr sprechen:

„Hilferufe, Bruder! Hörst Du sie?“


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