Neuntes Capitel.

Neuntes Capitel.In der Steppe.Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß, eine häufig gewechselte[pg 2-129]Bespannung und mit allem Nothwendigen ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch, daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah.Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter den traurigsten Umständen wieder verloren.Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und Nadia standen ganz, ganz allein.„Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus! Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!“Michael Strogoff erwiderte nichts.„Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für Dich wagte?“Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach?[pg 2-130]Gewiß, denn als Nadia hinzufügte:„Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er:— Nach Irkutsk.— Auf der großen Landstraße?— Ja, Nadia.“Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben, sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu verlassen.Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus’ Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers bei Irkutsk auf.Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas trockenes Fleisch und mehrere „Sukharis“ (d. s. Brode, welche durch Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung war also für mehrere Tage gesichert,[pg 2-131]und Wasser konnte ja in einer Gegend, welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht fehlen.Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch’ beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen.„Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.— O nein, antwortete sie.— Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.— Ja wohl, Michael.“Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka, überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen.Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber ziemlich schnell vorüber.So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte. Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur zwei und eine halbe Kopeke kostet.[pg 2-132]Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die grenzenlose Steppe fortsetzen.Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her. Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei. Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das Auftauchen der tartarischen Plänkler.Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus.[pg 2-133]Das junge Mädchen erinnerte an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war.Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer einige Hoffnung einzuflößen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde.Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:„Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?“Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche auf dem Plateau bei Tomsk lag?„Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir dadurch ein Vergnügen.“Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles, was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen Stirn sich düstere Wolken lagerten.Nach einer Pause fügte er dann hinzu:[pg 2-134]„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter nicht zu sehen.— Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen, der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.— Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!— Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.— Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.— Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich nichts.— Sprich, Nadia!— Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch immer so dringend nach Irkutsk?“Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab keine weitere Antwort.„Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?— Nein, er war mir unbekannt.— Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?— Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann[pg 2-135]ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht, wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege!— Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in Irkutsk einzutreffen?— Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff.— Auch jetzt noch?— Auch jetzt, und es wird mir gelingen!“Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte, nicht Alles sagen durfte.Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë.Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht. Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war:„Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!“Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes[pg 2-136]Hinderniß, keine Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste Erschöpfung fühlten sie.So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung übergehenden Leichname an den Seiten der Straße.Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht. Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen, diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen, und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein Fortschritt zu seiner Abwehr.Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele, und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des Großfürsten nur allein in seinen Händen.Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen Reisen in günstigeren Jahreszeiten,[pg 2-137]daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230 Werst nach Irkutsk führte.Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage. Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu gut.Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt:„Geh’, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh’ nach Irkutsk! Richte Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag’ ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für Dich! Geh’ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr!…“Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so schneller.Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis erhellten.Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete[pg 2-138]Ortschaft. Die Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis sechs Tagen hier durchpassirt sein.Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.„Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.— Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch einige Stunden ruhen?— Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?— Komm, Michael!“ lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres Gefährten ergriff und ihn weiter führte.In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte, wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt hätte.Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären.Aus der Steppe her ertönte Gebell.„Hörst Du das?“ fragte Nadia.Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie[pg 2-139]ein verzweifelter, letzter Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.„Nicolaus! Nicolaus!“ rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung erfüllt.Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf.„Komm, Michael, komm!“ bat Nadia.Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder.„Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen fühlte.— Ja, es muß sein!… erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener Hilferuf.“Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom Flusse entfernt.Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft näher erscholl.Nadia blieb stehen.„Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.— Nicolaus!“ rief das junge Mädchen.Keine Antwort ließ sich vernehmen.Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des Himmels.Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete Ebene zu überschauen, sah aber nichts.Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone.„Michael!“ verstanden sie deutlich.Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.[pg 2-140]Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen.Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf, kehrte aber zurück und stieß auf den Hund.Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier zusammen.Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.„Da … da!“ rief sie.Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen.Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so langsam naht![pg 2-141]Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!… Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun leider zu spät werden sollte.Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert, und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die gefräßigen Vögel.Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus dem Grabe zu befreien.Nicolaus’ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal.Er erkannte Michael und Nadia.„Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch einmal gesehen zu haben … Betet für mich!…“Das waren seine letzten Worte.Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich, den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch schlüge. – Es schlug nicht mehr.Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter Tumult.Michael Strogoff horchte.[pg 2-142]Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der Dinka zu bewege.„Nadia, Nadia!“ sagte er heimlich.Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge Liefländerin.„Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.— Ah, die Tartaren!“ flüsterte sie.Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.„Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen“, sagte Michael Strogoff.Schweigend setzte er seine Arbeit fort.Bald ward der Körper des armen Nicolaus mit über der Brust gekreuzten Händen in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael Strogoff und Nadia ein letztes Gebet für das harmlose und gute Geschöpf, das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.„Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde überfüllte, nun sollen die Steppenwölfe Dich nicht verzehren!“Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorüberziehenden Reiterschwarm.„Vorwärts, Nadia!“ sagte er.Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstraße nicht mehr einhalten, sondern mußte sich quer durch die Steppe schlagen, um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der Dinka keine besondere Eile.Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch für ihn sehen. Er nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Südwesten der Provinz.[pg 2-143]Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurück? Wie kam es, daß ihn die Anstrengung nicht überwältigte? Wie konnte er sich unterwegs ernähren? Welch übermenschliche Energie half ihm, die ersten Abhänge der Sayanskberge zu überklettern? – Weder Nadia noch er hätten auf diese Fragen die Antwort gewußt.Und doch, – zwölf Tage später, am 2. October, breitete sich eine ungeheure Wasserfläche vor Michael Strogoff’s Füßen aus.Er stand am Baïkalsee.Zehntes Capitel.Baikal und Angara.Der Baikalsee liegt 1700 Fuß über demMeere.Seine Länge beträgt gegen 900 Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, daß derselbe „Frau Meer“ genannt sein will und in Wuth geräth, wenn man ihn „Herr See“ titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in demselben ertrunken.Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zuflüssen ernährte Süßwasserbecken wird von einem prächtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen anderen Abfluß als die Angara, welche bei Irkutsk vorüber strömt und sich etwas oberhalb der Stadt in den Jeniseï ergießt. Die Berge, welche[pg 2-144]den See einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des orographischen Systems des Altaïgebirges.In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kälte schon bemerkbar. Der Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthümlichen klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um fünf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank während der langen Nacht wohl bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis Anfang des nächsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des Baïkal. Während des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuß tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach belebt.Geschehe es nun wegen des Verstoßes gegen die gute Lebensart, wenn man ihn „Herr See“ nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde, jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stürmen bewegt. Seine, gleich denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Flößen, den Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpflügen, nicht wenig gefürchtet.An der Südwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten, als hier erschöpft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch übrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren zurücklegen mußte, um sein[pg 2-145]Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst längs der Südküste bis zum Abfluß der Angara, und achtzig Werst von diesem Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine Reise von drei Tagen für einen kräftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch zu Fuße zurücklegen sollte.Konnte aber Michael Strogoff noch für einen solchen Mann gelten?Der Himmel schien ihm diese letzte Prüfung ersparen zu wollen. Das Unglück, sein hartnäckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er öde und verlassen glaubte und der es auch sonst immer ist, – heut’ war er es nicht.Etwa fünfzig Personen standen an dem Winkel, der diesüdwestlicheSpitze des Sees bildet.Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die letzten Abhänge eines Berges herunterstieg.Einen Augenblick konnte das junge Mädchen wohl fürchten, hier wieder nur eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet wäre, an den Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes Entfliehen unmöglich sein mußte.Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.„Das sind Russen!“ rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael Strogoff’s nieder.Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie zukamen, führten den Blinden und das junge Mädchen nach einer Stelle des Ufers, an der ein Floß befestigt lag.[pg 2-146]Das Floß schien zur Abfahrt bereit.Diese Russen, Leute aus allen Ständen, waren Flüchtlinge, welche die nämliche Absicht hier an der Küste des Baikal vereinigt hatte. Von den tartarischen Plänklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen, und da das zu Lande ziemlich unmöglich war, seitdem die Feinde sich auf beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel dadurch zu erreichen, daß sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die Stadt durchströmt.Wie hüpfte Michael Strogoff’s Herz vor Freude, als er diese Absicht vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten für ihn auf. Er hatte aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er für angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.Der Plan der Flüchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nördlichen Ufer des Sees zeigte sich eine Strömung bis zum Abfluß der Angara hin, und diese wollten sie zunächst benutzen, um nach jenem Ausgußthore des Baikal zu gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit einer Schnelligkeit von zehn bis zwölf Werst die Stunde dahin. Binnen anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.Am Seeufer fehlte es natürlich an jedem Schiff oder Boot. Man mußte diese zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floß, wie man deren häufig auf den sibirischen Strömen begegnet. Das nöthige Holz lieferte ein Tannenwald in der Nähe. Die mittels Weidenzweigen so gut als möglich verbundenen Stämme bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden hätten.Auf dieses Floß führte man auch Michael Strogoff[pg 2-147]und Nadia. Das junge Mädchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich für einen Bewohner von Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fügte nur hinzu, daß die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kälte empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der Oberfläche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das Floß auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das doch zwischen den Ufern der Angara mißlicher zu gestalten, wenn sich die Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhäuften.Alle Umstände drängten also darauf hin, daß die Flüchtlinge baldmöglichst abreisten.Um acht Uhr Abends löste man die Seile und von der Strömung geführt folgte das Floß dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando übernommen. Es war ein Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebräuntem Gesicht. Ein dichter weißer Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmütze[pg 2-148]trug er auf dem Kopfe und zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen Gürtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Füßen. Schweigend saß er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floß in der Strömung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung nach der offenen See zu hindern.Wir erwähnten schon, daß Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl Männer, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen Einfalle auf der Reise überraschte Pilger, einige Mönche und ein Pope. Die Pilger trugen den Reisestab, die Kürbisflasche im Gürtel und sangen mit klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein schon bejahrter Mann, trug am Gürtel eine kleine Sammelbüchse mit Vorlegeschloß, wie man sie an den Eingängen der Kirchen trifft. Alles, was er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehörte nicht ihm, und er besaß nicht einmal den Schlüssel zu der Büchse, welche erst bei seiner Rückkehr geöffnet werden sollte.Die Mönche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, daß sie einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln nahe der Küste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von Troïtsa, die des heiligen Antonius und des[pg 2-149]heiligen Theodosius in Kiew, der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altgläubigen, und begaben sich nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach Irkutsk.Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren, welche das russische Reich zählt. Seine Kleidung sah erbärmlicher aus, als die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich nicht überragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und sein Stück Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schließt und Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten der Tartaren dadurch zu entziehen gewußt, daß er sie nach den nördlichen Provinzen schaffte, während er in seiner Parochie bis zum letzten Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen müssen, und da die Straße nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.Diese verschiedenen kirchlichen Personen saßen auf dem Vordertheil des Flosses zusammen, beteten in regelmäßigen Zwischenräumen, erhoben ihre Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres Gebets hörte man ihre Lippen ein „Slava Bogu“, das ist Ehre sei Gott, flüstern.Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in tiefer Erschöpfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes, der die Wirkung der Strömung hemmte, noch vierzig Werst von dem[pg 2-150]Ausflusse der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr Nachmittag nicht erreichen. Den Flüchtlingen kam das insofern zu statten, als sie den Fluß hinunter während der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre Reise nach Irkutsk begünstigen mußte.Die einzige Besorgniß des alten Schiffers betraf nur die Bildung von Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach Westen ziehen. Diese waren nicht zu fürchten, da sie in die Angara, deren Mündung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der Strömung angezogen und preßten sich zwischen die Flußufer. Das brachte dann wohl Schwierigkeiten, Verzögerungen oder gar unübersteigliche Hindernisse hervor, die das Floß aufzuhalten drohten.Michael Strogoff war es also vom höchsten Interesse, den Zustand des Sees zu kennen, für den Fall, daß Eisschollen in größerer Anzahl auftreten sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und ließ sich von ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserfläche vorging.Während dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem Baikalsee noch mancherlei eigenthümliche Erscheinungen, unter andern das Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersäulen erhoben sich zu beträchtlicher Höhe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von der Kälte verdichtet[pg 2-151]wurden. Gewiß hätte dieses Schauspiel das Auge jedes Touristen ergötzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum Vergnügen bereiste.Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluß der Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Küste zur Rechten erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die wenigen am steilen Strande erbauten Häuser.Leider wälzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluß zu verstopfen, sowie die Kälte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.Das Floß erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen vorzunehmen. Die Stämme drohten aus einander zu weichen und mußten nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Strömung der Angara sicherer zu widerstehen.Während der schönen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein- und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl durch Dampfboote, als auch durch Küstenfahrer aller Art sehr belebt.Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den Verwüstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten. Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst[pg 2-152]in ihrem Hafen überwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig, reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt Ostsibiriens zurückgezogen.Der alte Seemann erwartete also gewiß nicht, hier noch weitere Flüchtlinge aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floß nur anlegte, zwei Passagiere mit aller Hast aus einem verödeten Hause herabgelaufen.Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff’s, der verwundert den Kopf emporrichtete.„Was hast Du, Nadia? fragte er.— Unsere beiden Reisegefährten, Michael.— Jener Franzose und jener Engländer, denen wir in dem Engpasse des Ural begegneten?— Dieselben.“Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthüllt zu werden.Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute über das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt wurde. Sie wußten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.[pg 2-153]Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.„Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Engländer sich eingeschifft haben, so bitte sie, zu mir zu kommen.“Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der Zufall, sondern die Gewalt der Umstände, ebenso wie Michael Strogoff, nach dem Hafen von Livenitchnaia geführt hatte.Man erinnert sich, daß sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor der gräßlichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloß, abreisten. Sie zweifelten gar nicht daran, daß ihr alter Reisegefährte um’s Leben gebracht worden sei, und wußten also nicht, daß er auf Befehl des Emirs damals nur geblendet wurde.Noch an demselben Abend verließen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten, Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte über den Feldzug nur aus dem Lager der Russen zu entsenden.Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in größter Eile nach Irkutsk. Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und hätten das auch unzweifelhaft durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres, welche durch das Thal des Jeniseï ganz unerwartet aus Süden heraufzog, aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der Dinka abgeschnitten und mußten in Folge dessen nach dem Baikalsee herabziehen.Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen. Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmöglich, nach Irkutsk hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee[pg 2-154]belagert wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floß ankam.Die Absicht der Flüchtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel vermehrte der Umstand, daß es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen glücklichen Erfolg und auf die Möglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen. Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um für sich und seinen Begleiter Erlaubniß mitzufahren zu erlangen, und bot ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern würde, an.„Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt nur sein Leben, nichts weiter.“ Die beiden Journalisten schifften sich ein und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.Harry Blount war noch immer der steife, frostige Engländer, der während der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewöhnlich, was unter den gegebenen Verhältnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte.Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes früheren Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.Fast hätte er vor Verwunderung einen Schrei ausgestoßen, als er das junge Mädchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.„Kommen Sie mit mir“, bat Nadia.[pg 2-155]Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon groß genug, Nadia auf dem Flosse zu begegnen, so überschritt es alle Grenzen, als sie auch Michael Strogoff’s ansichtig wurden, den sie längst nicht mehr am Leben glaubten.Michael Strogoff sprach bei ihrer Annäherung nicht.Alcide Jolivet wendete sich an das junge Mädchen.„Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!“Das lebhafte Gefühl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet’s und seines Gefährten Zügen. Einen Augenblick später saßen Beide neben Michael Strogoff, drückten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen habe.„Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie dürfen nicht wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniß zu bewahren. Versprechen Sie mir das?— Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.— Auf Gentlemans Wort, fügte Harry Blount hinzu.— Ich danke, meine Herren.— Können wir Ihnen nach irgend welcher Seite nützlich sein? fragte Harry Blount. Wünschen Sie, daß wir Sie bei der Ausführung Ihrer Aufträge unterstützen?— Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.[pg 2-156]— Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstört, sagte Alcide Jolivet.— Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind für mich genug!“Eine halbe Stunde später trieb das Floß, nachdem es den kleinen Hafen verlassen, in den Fluß hinein. Es war gegen fünf Uhr Abends. Schon brach die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael Strogoff’s Geheimniß zu bewahren, so verließen sie ihn doch nicht. Sie plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wußte, eine vollständige Vorstellung von dem thatsächlichen Zustande der Dinge.Es lag außer Zweifel, daß die Tartaren Irkutsk bedrängten und die drei Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Höchst wahrscheinlich standen der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem Großfürsten noch zu übergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso wenig als früher Nadia.Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide Jolivet zu Michael Strogoff folgendermaßen begann:„Wir müssen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf dem Relais zu Ichim[pg 2-157]zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.— Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich für einen Feigling zu halten!— Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes Schurken verdientermaßen mit der Knute bearbeitet, so daß er noch lange die Spuren davon tragen wird.— Nein, nicht mehr lange!“ antwortete einfach Michael Strogoff.Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein Gefährte alle die harten Prüfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rückhalt bewunderten sie seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mädchens einigermaßen die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau äußerte: „In der That, das ist ein Mann!“Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floß ungemein schnell mit der Strömung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Täuschung schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker Bilder ziehe unaufhörlich an ihm vorüber. Hier zeigten sich sonderbar gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein schäumender Bergstrom hervorsprang, manchmal öffnete sich ein weites Thal vor ihren Blicken, in dem ein zerstörtes Dorf noch rauchte, oder ein dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterließen auch die Tartaren überall hinreichend erkennbare Spuren,[pg 2-158]so sah man sie doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den näheren Umgebungen von Irkutsk zusammendrängten.Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und der alte Seemann hielt das Floß, von dem er die zu nahe heran treibenden Eisschollen mit kräftiger Hand abstieß, immer streng in der Mitte der Strömung der Angara.

Neuntes Capitel.In der Steppe.Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß, eine häufig gewechselte[pg 2-129]Bespannung und mit allem Nothwendigen ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch, daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah.Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter den traurigsten Umständen wieder verloren.Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und Nadia standen ganz, ganz allein.„Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus! Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!“Michael Strogoff erwiderte nichts.„Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für Dich wagte?“Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach?[pg 2-130]Gewiß, denn als Nadia hinzufügte:„Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er:— Nach Irkutsk.— Auf der großen Landstraße?— Ja, Nadia.“Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben, sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu verlassen.Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus’ Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers bei Irkutsk auf.Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas trockenes Fleisch und mehrere „Sukharis“ (d. s. Brode, welche durch Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung war also für mehrere Tage gesichert,[pg 2-131]und Wasser konnte ja in einer Gegend, welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht fehlen.Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch’ beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen.„Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.— O nein, antwortete sie.— Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.— Ja wohl, Michael.“Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka, überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen.Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber ziemlich schnell vorüber.So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte. Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur zwei und eine halbe Kopeke kostet.[pg 2-132]Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die grenzenlose Steppe fortsetzen.Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her. Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei. Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das Auftauchen der tartarischen Plänkler.Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus.[pg 2-133]Das junge Mädchen erinnerte an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war.Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer einige Hoffnung einzuflößen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde.Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:„Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?“Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche auf dem Plateau bei Tomsk lag?„Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir dadurch ein Vergnügen.“Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles, was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen Stirn sich düstere Wolken lagerten.Nach einer Pause fügte er dann hinzu:[pg 2-134]„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter nicht zu sehen.— Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen, der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.— Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!— Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.— Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.— Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich nichts.— Sprich, Nadia!— Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch immer so dringend nach Irkutsk?“Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab keine weitere Antwort.„Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?— Nein, er war mir unbekannt.— Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?— Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann[pg 2-135]ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht, wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege!— Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in Irkutsk einzutreffen?— Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff.— Auch jetzt noch?— Auch jetzt, und es wird mir gelingen!“Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte, nicht Alles sagen durfte.Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë.Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht. Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war:„Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!“Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes[pg 2-136]Hinderniß, keine Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste Erschöpfung fühlten sie.So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung übergehenden Leichname an den Seiten der Straße.Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht. Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen, diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen, und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein Fortschritt zu seiner Abwehr.Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele, und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des Großfürsten nur allein in seinen Händen.Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen Reisen in günstigeren Jahreszeiten,[pg 2-137]daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230 Werst nach Irkutsk führte.Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage. Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu gut.Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt:„Geh’, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh’ nach Irkutsk! Richte Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag’ ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für Dich! Geh’ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr!…“Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so schneller.Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis erhellten.Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete[pg 2-138]Ortschaft. Die Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis sechs Tagen hier durchpassirt sein.Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.„Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.— Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch einige Stunden ruhen?— Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?— Komm, Michael!“ lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres Gefährten ergriff und ihn weiter führte.In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte, wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt hätte.Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären.Aus der Steppe her ertönte Gebell.„Hörst Du das?“ fragte Nadia.Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie[pg 2-139]ein verzweifelter, letzter Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.„Nicolaus! Nicolaus!“ rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung erfüllt.Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf.„Komm, Michael, komm!“ bat Nadia.Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder.„Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen fühlte.— Ja, es muß sein!… erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener Hilferuf.“Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom Flusse entfernt.Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft näher erscholl.Nadia blieb stehen.„Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.— Nicolaus!“ rief das junge Mädchen.Keine Antwort ließ sich vernehmen.Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des Himmels.Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete Ebene zu überschauen, sah aber nichts.Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone.„Michael!“ verstanden sie deutlich.Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.[pg 2-140]Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen.Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf, kehrte aber zurück und stieß auf den Hund.Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier zusammen.Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.„Da … da!“ rief sie.Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen.Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so langsam naht![pg 2-141]Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!… Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun leider zu spät werden sollte.Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert, und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die gefräßigen Vögel.Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus dem Grabe zu befreien.Nicolaus’ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal.Er erkannte Michael und Nadia.„Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch einmal gesehen zu haben … Betet für mich!…“Das waren seine letzten Worte.Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich, den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch schlüge. – Es schlug nicht mehr.Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter Tumult.Michael Strogoff horchte.[pg 2-142]Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der Dinka zu bewege.„Nadia, Nadia!“ sagte er heimlich.Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge Liefländerin.„Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.— Ah, die Tartaren!“ flüsterte sie.Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.„Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen“, sagte Michael Strogoff.Schweigend setzte er seine Arbeit fort.Bald ward der Körper des armen Nicolaus mit über der Brust gekreuzten Händen in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael Strogoff und Nadia ein letztes Gebet für das harmlose und gute Geschöpf, das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.„Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde überfüllte, nun sollen die Steppenwölfe Dich nicht verzehren!“Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorüberziehenden Reiterschwarm.„Vorwärts, Nadia!“ sagte er.Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstraße nicht mehr einhalten, sondern mußte sich quer durch die Steppe schlagen, um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der Dinka keine besondere Eile.Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch für ihn sehen. Er nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Südwesten der Provinz.[pg 2-143]Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurück? Wie kam es, daß ihn die Anstrengung nicht überwältigte? Wie konnte er sich unterwegs ernähren? Welch übermenschliche Energie half ihm, die ersten Abhänge der Sayanskberge zu überklettern? – Weder Nadia noch er hätten auf diese Fragen die Antwort gewußt.Und doch, – zwölf Tage später, am 2. October, breitete sich eine ungeheure Wasserfläche vor Michael Strogoff’s Füßen aus.Er stand am Baïkalsee.Zehntes Capitel.Baikal und Angara.Der Baikalsee liegt 1700 Fuß über demMeere.Seine Länge beträgt gegen 900 Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, daß derselbe „Frau Meer“ genannt sein will und in Wuth geräth, wenn man ihn „Herr See“ titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in demselben ertrunken.Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zuflüssen ernährte Süßwasserbecken wird von einem prächtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen anderen Abfluß als die Angara, welche bei Irkutsk vorüber strömt und sich etwas oberhalb der Stadt in den Jeniseï ergießt. Die Berge, welche[pg 2-144]den See einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des orographischen Systems des Altaïgebirges.In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kälte schon bemerkbar. Der Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthümlichen klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um fünf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank während der langen Nacht wohl bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis Anfang des nächsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des Baïkal. Während des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuß tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach belebt.Geschehe es nun wegen des Verstoßes gegen die gute Lebensart, wenn man ihn „Herr See“ nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde, jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stürmen bewegt. Seine, gleich denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Flößen, den Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpflügen, nicht wenig gefürchtet.An der Südwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten, als hier erschöpft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch übrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren zurücklegen mußte, um sein[pg 2-145]Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst längs der Südküste bis zum Abfluß der Angara, und achtzig Werst von diesem Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine Reise von drei Tagen für einen kräftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch zu Fuße zurücklegen sollte.Konnte aber Michael Strogoff noch für einen solchen Mann gelten?Der Himmel schien ihm diese letzte Prüfung ersparen zu wollen. Das Unglück, sein hartnäckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er öde und verlassen glaubte und der es auch sonst immer ist, – heut’ war er es nicht.Etwa fünfzig Personen standen an dem Winkel, der diesüdwestlicheSpitze des Sees bildet.Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die letzten Abhänge eines Berges herunterstieg.Einen Augenblick konnte das junge Mädchen wohl fürchten, hier wieder nur eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet wäre, an den Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes Entfliehen unmöglich sein mußte.Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.„Das sind Russen!“ rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael Strogoff’s nieder.Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie zukamen, führten den Blinden und das junge Mädchen nach einer Stelle des Ufers, an der ein Floß befestigt lag.[pg 2-146]Das Floß schien zur Abfahrt bereit.Diese Russen, Leute aus allen Ständen, waren Flüchtlinge, welche die nämliche Absicht hier an der Küste des Baikal vereinigt hatte. Von den tartarischen Plänklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen, und da das zu Lande ziemlich unmöglich war, seitdem die Feinde sich auf beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel dadurch zu erreichen, daß sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die Stadt durchströmt.Wie hüpfte Michael Strogoff’s Herz vor Freude, als er diese Absicht vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten für ihn auf. Er hatte aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er für angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.Der Plan der Flüchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nördlichen Ufer des Sees zeigte sich eine Strömung bis zum Abfluß der Angara hin, und diese wollten sie zunächst benutzen, um nach jenem Ausgußthore des Baikal zu gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit einer Schnelligkeit von zehn bis zwölf Werst die Stunde dahin. Binnen anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.Am Seeufer fehlte es natürlich an jedem Schiff oder Boot. Man mußte diese zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floß, wie man deren häufig auf den sibirischen Strömen begegnet. Das nöthige Holz lieferte ein Tannenwald in der Nähe. Die mittels Weidenzweigen so gut als möglich verbundenen Stämme bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden hätten.Auf dieses Floß führte man auch Michael Strogoff[pg 2-147]und Nadia. Das junge Mädchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich für einen Bewohner von Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fügte nur hinzu, daß die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kälte empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der Oberfläche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das Floß auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das doch zwischen den Ufern der Angara mißlicher zu gestalten, wenn sich die Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhäuften.Alle Umstände drängten also darauf hin, daß die Flüchtlinge baldmöglichst abreisten.Um acht Uhr Abends löste man die Seile und von der Strömung geführt folgte das Floß dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando übernommen. Es war ein Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebräuntem Gesicht. Ein dichter weißer Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmütze[pg 2-148]trug er auf dem Kopfe und zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen Gürtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Füßen. Schweigend saß er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floß in der Strömung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung nach der offenen See zu hindern.Wir erwähnten schon, daß Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl Männer, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen Einfalle auf der Reise überraschte Pilger, einige Mönche und ein Pope. Die Pilger trugen den Reisestab, die Kürbisflasche im Gürtel und sangen mit klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein schon bejahrter Mann, trug am Gürtel eine kleine Sammelbüchse mit Vorlegeschloß, wie man sie an den Eingängen der Kirchen trifft. Alles, was er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehörte nicht ihm, und er besaß nicht einmal den Schlüssel zu der Büchse, welche erst bei seiner Rückkehr geöffnet werden sollte.Die Mönche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, daß sie einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln nahe der Küste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von Troïtsa, die des heiligen Antonius und des[pg 2-149]heiligen Theodosius in Kiew, der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altgläubigen, und begaben sich nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach Irkutsk.Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren, welche das russische Reich zählt. Seine Kleidung sah erbärmlicher aus, als die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich nicht überragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und sein Stück Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schließt und Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten der Tartaren dadurch zu entziehen gewußt, daß er sie nach den nördlichen Provinzen schaffte, während er in seiner Parochie bis zum letzten Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen müssen, und da die Straße nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.Diese verschiedenen kirchlichen Personen saßen auf dem Vordertheil des Flosses zusammen, beteten in regelmäßigen Zwischenräumen, erhoben ihre Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres Gebets hörte man ihre Lippen ein „Slava Bogu“, das ist Ehre sei Gott, flüstern.Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in tiefer Erschöpfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes, der die Wirkung der Strömung hemmte, noch vierzig Werst von dem[pg 2-150]Ausflusse der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr Nachmittag nicht erreichen. Den Flüchtlingen kam das insofern zu statten, als sie den Fluß hinunter während der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre Reise nach Irkutsk begünstigen mußte.Die einzige Besorgniß des alten Schiffers betraf nur die Bildung von Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach Westen ziehen. Diese waren nicht zu fürchten, da sie in die Angara, deren Mündung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der Strömung angezogen und preßten sich zwischen die Flußufer. Das brachte dann wohl Schwierigkeiten, Verzögerungen oder gar unübersteigliche Hindernisse hervor, die das Floß aufzuhalten drohten.Michael Strogoff war es also vom höchsten Interesse, den Zustand des Sees zu kennen, für den Fall, daß Eisschollen in größerer Anzahl auftreten sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und ließ sich von ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserfläche vorging.Während dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem Baikalsee noch mancherlei eigenthümliche Erscheinungen, unter andern das Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersäulen erhoben sich zu beträchtlicher Höhe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von der Kälte verdichtet[pg 2-151]wurden. Gewiß hätte dieses Schauspiel das Auge jedes Touristen ergötzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum Vergnügen bereiste.Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluß der Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Küste zur Rechten erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die wenigen am steilen Strande erbauten Häuser.Leider wälzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluß zu verstopfen, sowie die Kälte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.Das Floß erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen vorzunehmen. Die Stämme drohten aus einander zu weichen und mußten nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Strömung der Angara sicherer zu widerstehen.Während der schönen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein- und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl durch Dampfboote, als auch durch Küstenfahrer aller Art sehr belebt.Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den Verwüstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten. Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst[pg 2-152]in ihrem Hafen überwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig, reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt Ostsibiriens zurückgezogen.Der alte Seemann erwartete also gewiß nicht, hier noch weitere Flüchtlinge aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floß nur anlegte, zwei Passagiere mit aller Hast aus einem verödeten Hause herabgelaufen.Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff’s, der verwundert den Kopf emporrichtete.„Was hast Du, Nadia? fragte er.— Unsere beiden Reisegefährten, Michael.— Jener Franzose und jener Engländer, denen wir in dem Engpasse des Ural begegneten?— Dieselben.“Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthüllt zu werden.Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute über das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt wurde. Sie wußten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.[pg 2-153]Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.„Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Engländer sich eingeschifft haben, so bitte sie, zu mir zu kommen.“Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der Zufall, sondern die Gewalt der Umstände, ebenso wie Michael Strogoff, nach dem Hafen von Livenitchnaia geführt hatte.Man erinnert sich, daß sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor der gräßlichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloß, abreisten. Sie zweifelten gar nicht daran, daß ihr alter Reisegefährte um’s Leben gebracht worden sei, und wußten also nicht, daß er auf Befehl des Emirs damals nur geblendet wurde.Noch an demselben Abend verließen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten, Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte über den Feldzug nur aus dem Lager der Russen zu entsenden.Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in größter Eile nach Irkutsk. Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und hätten das auch unzweifelhaft durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres, welche durch das Thal des Jeniseï ganz unerwartet aus Süden heraufzog, aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der Dinka abgeschnitten und mußten in Folge dessen nach dem Baikalsee herabziehen.Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen. Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmöglich, nach Irkutsk hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee[pg 2-154]belagert wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floß ankam.Die Absicht der Flüchtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel vermehrte der Umstand, daß es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen glücklichen Erfolg und auf die Möglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen. Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um für sich und seinen Begleiter Erlaubniß mitzufahren zu erlangen, und bot ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern würde, an.„Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt nur sein Leben, nichts weiter.“ Die beiden Journalisten schifften sich ein und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.Harry Blount war noch immer der steife, frostige Engländer, der während der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewöhnlich, was unter den gegebenen Verhältnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte.Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes früheren Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.Fast hätte er vor Verwunderung einen Schrei ausgestoßen, als er das junge Mädchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.„Kommen Sie mit mir“, bat Nadia.[pg 2-155]Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon groß genug, Nadia auf dem Flosse zu begegnen, so überschritt es alle Grenzen, als sie auch Michael Strogoff’s ansichtig wurden, den sie längst nicht mehr am Leben glaubten.Michael Strogoff sprach bei ihrer Annäherung nicht.Alcide Jolivet wendete sich an das junge Mädchen.„Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!“Das lebhafte Gefühl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet’s und seines Gefährten Zügen. Einen Augenblick später saßen Beide neben Michael Strogoff, drückten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen habe.„Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie dürfen nicht wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniß zu bewahren. Versprechen Sie mir das?— Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.— Auf Gentlemans Wort, fügte Harry Blount hinzu.— Ich danke, meine Herren.— Können wir Ihnen nach irgend welcher Seite nützlich sein? fragte Harry Blount. Wünschen Sie, daß wir Sie bei der Ausführung Ihrer Aufträge unterstützen?— Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.[pg 2-156]— Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstört, sagte Alcide Jolivet.— Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind für mich genug!“Eine halbe Stunde später trieb das Floß, nachdem es den kleinen Hafen verlassen, in den Fluß hinein. Es war gegen fünf Uhr Abends. Schon brach die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael Strogoff’s Geheimniß zu bewahren, so verließen sie ihn doch nicht. Sie plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wußte, eine vollständige Vorstellung von dem thatsächlichen Zustande der Dinge.Es lag außer Zweifel, daß die Tartaren Irkutsk bedrängten und die drei Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Höchst wahrscheinlich standen der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem Großfürsten noch zu übergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso wenig als früher Nadia.Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide Jolivet zu Michael Strogoff folgendermaßen begann:„Wir müssen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf dem Relais zu Ichim[pg 2-157]zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.— Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich für einen Feigling zu halten!— Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes Schurken verdientermaßen mit der Knute bearbeitet, so daß er noch lange die Spuren davon tragen wird.— Nein, nicht mehr lange!“ antwortete einfach Michael Strogoff.Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein Gefährte alle die harten Prüfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rückhalt bewunderten sie seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mädchens einigermaßen die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau äußerte: „In der That, das ist ein Mann!“Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floß ungemein schnell mit der Strömung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Täuschung schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker Bilder ziehe unaufhörlich an ihm vorüber. Hier zeigten sich sonderbar gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein schäumender Bergstrom hervorsprang, manchmal öffnete sich ein weites Thal vor ihren Blicken, in dem ein zerstörtes Dorf noch rauchte, oder ein dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterließen auch die Tartaren überall hinreichend erkennbare Spuren,[pg 2-158]so sah man sie doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den näheren Umgebungen von Irkutsk zusammendrängten.Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und der alte Seemann hielt das Floß, von dem er die zu nahe heran treibenden Eisschollen mit kräftiger Hand abstieß, immer streng in der Mitte der Strömung der Angara.

Neuntes Capitel.In der Steppe.Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß, eine häufig gewechselte[pg 2-129]Bespannung und mit allem Nothwendigen ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch, daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah.Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter den traurigsten Umständen wieder verloren.Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und Nadia standen ganz, ganz allein.„Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus! Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!“Michael Strogoff erwiderte nichts.„Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für Dich wagte?“Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach?[pg 2-130]Gewiß, denn als Nadia hinzufügte:„Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er:— Nach Irkutsk.— Auf der großen Landstraße?— Ja, Nadia.“Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben, sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu verlassen.Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus’ Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers bei Irkutsk auf.Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas trockenes Fleisch und mehrere „Sukharis“ (d. s. Brode, welche durch Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung war also für mehrere Tage gesichert,[pg 2-131]und Wasser konnte ja in einer Gegend, welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht fehlen.Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch’ beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen.„Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.— O nein, antwortete sie.— Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.— Ja wohl, Michael.“Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka, überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen.Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber ziemlich schnell vorüber.So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte. Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur zwei und eine halbe Kopeke kostet.[pg 2-132]Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die grenzenlose Steppe fortsetzen.Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her. Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei. Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das Auftauchen der tartarischen Plänkler.Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus.[pg 2-133]Das junge Mädchen erinnerte an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war.Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer einige Hoffnung einzuflößen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde.Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:„Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?“Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche auf dem Plateau bei Tomsk lag?„Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir dadurch ein Vergnügen.“Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles, was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen Stirn sich düstere Wolken lagerten.Nach einer Pause fügte er dann hinzu:[pg 2-134]„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter nicht zu sehen.— Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen, der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.— Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!— Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.— Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.— Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich nichts.— Sprich, Nadia!— Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch immer so dringend nach Irkutsk?“Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab keine weitere Antwort.„Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?— Nein, er war mir unbekannt.— Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?— Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann[pg 2-135]ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht, wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege!— Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in Irkutsk einzutreffen?— Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff.— Auch jetzt noch?— Auch jetzt, und es wird mir gelingen!“Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte, nicht Alles sagen durfte.Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë.Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht. Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war:„Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!“Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes[pg 2-136]Hinderniß, keine Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste Erschöpfung fühlten sie.So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung übergehenden Leichname an den Seiten der Straße.Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht. Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen, diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen, und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein Fortschritt zu seiner Abwehr.Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele, und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des Großfürsten nur allein in seinen Händen.Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen Reisen in günstigeren Jahreszeiten,[pg 2-137]daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230 Werst nach Irkutsk führte.Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage. Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu gut.Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt:„Geh’, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh’ nach Irkutsk! Richte Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag’ ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für Dich! Geh’ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr!…“Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so schneller.Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis erhellten.Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete[pg 2-138]Ortschaft. Die Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis sechs Tagen hier durchpassirt sein.Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.„Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.— Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch einige Stunden ruhen?— Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?— Komm, Michael!“ lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres Gefährten ergriff und ihn weiter führte.In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte, wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt hätte.Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären.Aus der Steppe her ertönte Gebell.„Hörst Du das?“ fragte Nadia.Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie[pg 2-139]ein verzweifelter, letzter Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.„Nicolaus! Nicolaus!“ rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung erfüllt.Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf.„Komm, Michael, komm!“ bat Nadia.Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder.„Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen fühlte.— Ja, es muß sein!… erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener Hilferuf.“Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom Flusse entfernt.Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft näher erscholl.Nadia blieb stehen.„Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.— Nicolaus!“ rief das junge Mädchen.Keine Antwort ließ sich vernehmen.Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des Himmels.Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete Ebene zu überschauen, sah aber nichts.Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone.„Michael!“ verstanden sie deutlich.Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.[pg 2-140]Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen.Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf, kehrte aber zurück und stieß auf den Hund.Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier zusammen.Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.„Da … da!“ rief sie.Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen.Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so langsam naht![pg 2-141]Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!… Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun leider zu spät werden sollte.Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert, und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die gefräßigen Vögel.Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus dem Grabe zu befreien.Nicolaus’ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal.Er erkannte Michael und Nadia.„Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch einmal gesehen zu haben … Betet für mich!…“Das waren seine letzten Worte.Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich, den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch schlüge. – Es schlug nicht mehr.Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter Tumult.Michael Strogoff horchte.[pg 2-142]Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der Dinka zu bewege.„Nadia, Nadia!“ sagte er heimlich.Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge Liefländerin.„Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.— Ah, die Tartaren!“ flüsterte sie.Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.„Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen“, sagte Michael Strogoff.Schweigend setzte er seine Arbeit fort.Bald ward der Körper des armen Nicolaus mit über der Brust gekreuzten Händen in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael Strogoff und Nadia ein letztes Gebet für das harmlose und gute Geschöpf, das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.„Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde überfüllte, nun sollen die Steppenwölfe Dich nicht verzehren!“Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorüberziehenden Reiterschwarm.„Vorwärts, Nadia!“ sagte er.Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstraße nicht mehr einhalten, sondern mußte sich quer durch die Steppe schlagen, um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der Dinka keine besondere Eile.Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch für ihn sehen. Er nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Südwesten der Provinz.[pg 2-143]Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurück? Wie kam es, daß ihn die Anstrengung nicht überwältigte? Wie konnte er sich unterwegs ernähren? Welch übermenschliche Energie half ihm, die ersten Abhänge der Sayanskberge zu überklettern? – Weder Nadia noch er hätten auf diese Fragen die Antwort gewußt.Und doch, – zwölf Tage später, am 2. October, breitete sich eine ungeheure Wasserfläche vor Michael Strogoff’s Füßen aus.Er stand am Baïkalsee.Zehntes Capitel.Baikal und Angara.Der Baikalsee liegt 1700 Fuß über demMeere.Seine Länge beträgt gegen 900 Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, daß derselbe „Frau Meer“ genannt sein will und in Wuth geräth, wenn man ihn „Herr See“ titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in demselben ertrunken.Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zuflüssen ernährte Süßwasserbecken wird von einem prächtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen anderen Abfluß als die Angara, welche bei Irkutsk vorüber strömt und sich etwas oberhalb der Stadt in den Jeniseï ergießt. Die Berge, welche[pg 2-144]den See einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des orographischen Systems des Altaïgebirges.In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kälte schon bemerkbar. Der Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthümlichen klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um fünf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank während der langen Nacht wohl bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis Anfang des nächsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des Baïkal. Während des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuß tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach belebt.Geschehe es nun wegen des Verstoßes gegen die gute Lebensart, wenn man ihn „Herr See“ nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde, jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stürmen bewegt. Seine, gleich denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Flößen, den Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpflügen, nicht wenig gefürchtet.An der Südwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten, als hier erschöpft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch übrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren zurücklegen mußte, um sein[pg 2-145]Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst längs der Südküste bis zum Abfluß der Angara, und achtzig Werst von diesem Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine Reise von drei Tagen für einen kräftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch zu Fuße zurücklegen sollte.Konnte aber Michael Strogoff noch für einen solchen Mann gelten?Der Himmel schien ihm diese letzte Prüfung ersparen zu wollen. Das Unglück, sein hartnäckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er öde und verlassen glaubte und der es auch sonst immer ist, – heut’ war er es nicht.Etwa fünfzig Personen standen an dem Winkel, der diesüdwestlicheSpitze des Sees bildet.Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die letzten Abhänge eines Berges herunterstieg.Einen Augenblick konnte das junge Mädchen wohl fürchten, hier wieder nur eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet wäre, an den Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes Entfliehen unmöglich sein mußte.Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.„Das sind Russen!“ rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael Strogoff’s nieder.Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie zukamen, führten den Blinden und das junge Mädchen nach einer Stelle des Ufers, an der ein Floß befestigt lag.[pg 2-146]Das Floß schien zur Abfahrt bereit.Diese Russen, Leute aus allen Ständen, waren Flüchtlinge, welche die nämliche Absicht hier an der Küste des Baikal vereinigt hatte. Von den tartarischen Plänklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen, und da das zu Lande ziemlich unmöglich war, seitdem die Feinde sich auf beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel dadurch zu erreichen, daß sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die Stadt durchströmt.Wie hüpfte Michael Strogoff’s Herz vor Freude, als er diese Absicht vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten für ihn auf. Er hatte aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er für angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.Der Plan der Flüchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nördlichen Ufer des Sees zeigte sich eine Strömung bis zum Abfluß der Angara hin, und diese wollten sie zunächst benutzen, um nach jenem Ausgußthore des Baikal zu gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit einer Schnelligkeit von zehn bis zwölf Werst die Stunde dahin. Binnen anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.Am Seeufer fehlte es natürlich an jedem Schiff oder Boot. Man mußte diese zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floß, wie man deren häufig auf den sibirischen Strömen begegnet. Das nöthige Holz lieferte ein Tannenwald in der Nähe. Die mittels Weidenzweigen so gut als möglich verbundenen Stämme bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden hätten.Auf dieses Floß führte man auch Michael Strogoff[pg 2-147]und Nadia. Das junge Mädchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich für einen Bewohner von Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fügte nur hinzu, daß die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kälte empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der Oberfläche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das Floß auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das doch zwischen den Ufern der Angara mißlicher zu gestalten, wenn sich die Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhäuften.Alle Umstände drängten also darauf hin, daß die Flüchtlinge baldmöglichst abreisten.Um acht Uhr Abends löste man die Seile und von der Strömung geführt folgte das Floß dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando übernommen. Es war ein Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebräuntem Gesicht. Ein dichter weißer Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmütze[pg 2-148]trug er auf dem Kopfe und zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen Gürtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Füßen. Schweigend saß er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floß in der Strömung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung nach der offenen See zu hindern.Wir erwähnten schon, daß Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl Männer, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen Einfalle auf der Reise überraschte Pilger, einige Mönche und ein Pope. Die Pilger trugen den Reisestab, die Kürbisflasche im Gürtel und sangen mit klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein schon bejahrter Mann, trug am Gürtel eine kleine Sammelbüchse mit Vorlegeschloß, wie man sie an den Eingängen der Kirchen trifft. Alles, was er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehörte nicht ihm, und er besaß nicht einmal den Schlüssel zu der Büchse, welche erst bei seiner Rückkehr geöffnet werden sollte.Die Mönche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, daß sie einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln nahe der Küste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von Troïtsa, die des heiligen Antonius und des[pg 2-149]heiligen Theodosius in Kiew, der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altgläubigen, und begaben sich nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach Irkutsk.Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren, welche das russische Reich zählt. Seine Kleidung sah erbärmlicher aus, als die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich nicht überragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und sein Stück Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schließt und Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten der Tartaren dadurch zu entziehen gewußt, daß er sie nach den nördlichen Provinzen schaffte, während er in seiner Parochie bis zum letzten Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen müssen, und da die Straße nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.Diese verschiedenen kirchlichen Personen saßen auf dem Vordertheil des Flosses zusammen, beteten in regelmäßigen Zwischenräumen, erhoben ihre Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres Gebets hörte man ihre Lippen ein „Slava Bogu“, das ist Ehre sei Gott, flüstern.Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in tiefer Erschöpfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes, der die Wirkung der Strömung hemmte, noch vierzig Werst von dem[pg 2-150]Ausflusse der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr Nachmittag nicht erreichen. Den Flüchtlingen kam das insofern zu statten, als sie den Fluß hinunter während der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre Reise nach Irkutsk begünstigen mußte.Die einzige Besorgniß des alten Schiffers betraf nur die Bildung von Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach Westen ziehen. Diese waren nicht zu fürchten, da sie in die Angara, deren Mündung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der Strömung angezogen und preßten sich zwischen die Flußufer. Das brachte dann wohl Schwierigkeiten, Verzögerungen oder gar unübersteigliche Hindernisse hervor, die das Floß aufzuhalten drohten.Michael Strogoff war es also vom höchsten Interesse, den Zustand des Sees zu kennen, für den Fall, daß Eisschollen in größerer Anzahl auftreten sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und ließ sich von ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserfläche vorging.Während dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem Baikalsee noch mancherlei eigenthümliche Erscheinungen, unter andern das Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersäulen erhoben sich zu beträchtlicher Höhe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von der Kälte verdichtet[pg 2-151]wurden. Gewiß hätte dieses Schauspiel das Auge jedes Touristen ergötzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum Vergnügen bereiste.Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluß der Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Küste zur Rechten erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die wenigen am steilen Strande erbauten Häuser.Leider wälzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluß zu verstopfen, sowie die Kälte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.Das Floß erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen vorzunehmen. Die Stämme drohten aus einander zu weichen und mußten nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Strömung der Angara sicherer zu widerstehen.Während der schönen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein- und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl durch Dampfboote, als auch durch Küstenfahrer aller Art sehr belebt.Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den Verwüstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten. Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst[pg 2-152]in ihrem Hafen überwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig, reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt Ostsibiriens zurückgezogen.Der alte Seemann erwartete also gewiß nicht, hier noch weitere Flüchtlinge aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floß nur anlegte, zwei Passagiere mit aller Hast aus einem verödeten Hause herabgelaufen.Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff’s, der verwundert den Kopf emporrichtete.„Was hast Du, Nadia? fragte er.— Unsere beiden Reisegefährten, Michael.— Jener Franzose und jener Engländer, denen wir in dem Engpasse des Ural begegneten?— Dieselben.“Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthüllt zu werden.Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute über das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt wurde. Sie wußten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.[pg 2-153]Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.„Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Engländer sich eingeschifft haben, so bitte sie, zu mir zu kommen.“Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der Zufall, sondern die Gewalt der Umstände, ebenso wie Michael Strogoff, nach dem Hafen von Livenitchnaia geführt hatte.Man erinnert sich, daß sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor der gräßlichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloß, abreisten. Sie zweifelten gar nicht daran, daß ihr alter Reisegefährte um’s Leben gebracht worden sei, und wußten also nicht, daß er auf Befehl des Emirs damals nur geblendet wurde.Noch an demselben Abend verließen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten, Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte über den Feldzug nur aus dem Lager der Russen zu entsenden.Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in größter Eile nach Irkutsk. Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und hätten das auch unzweifelhaft durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres, welche durch das Thal des Jeniseï ganz unerwartet aus Süden heraufzog, aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der Dinka abgeschnitten und mußten in Folge dessen nach dem Baikalsee herabziehen.Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen. Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmöglich, nach Irkutsk hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee[pg 2-154]belagert wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floß ankam.Die Absicht der Flüchtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel vermehrte der Umstand, daß es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen glücklichen Erfolg und auf die Möglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen. Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um für sich und seinen Begleiter Erlaubniß mitzufahren zu erlangen, und bot ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern würde, an.„Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt nur sein Leben, nichts weiter.“ Die beiden Journalisten schifften sich ein und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.Harry Blount war noch immer der steife, frostige Engländer, der während der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewöhnlich, was unter den gegebenen Verhältnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte.Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes früheren Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.Fast hätte er vor Verwunderung einen Schrei ausgestoßen, als er das junge Mädchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.„Kommen Sie mit mir“, bat Nadia.[pg 2-155]Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon groß genug, Nadia auf dem Flosse zu begegnen, so überschritt es alle Grenzen, als sie auch Michael Strogoff’s ansichtig wurden, den sie längst nicht mehr am Leben glaubten.Michael Strogoff sprach bei ihrer Annäherung nicht.Alcide Jolivet wendete sich an das junge Mädchen.„Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!“Das lebhafte Gefühl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet’s und seines Gefährten Zügen. Einen Augenblick später saßen Beide neben Michael Strogoff, drückten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen habe.„Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie dürfen nicht wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniß zu bewahren. Versprechen Sie mir das?— Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.— Auf Gentlemans Wort, fügte Harry Blount hinzu.— Ich danke, meine Herren.— Können wir Ihnen nach irgend welcher Seite nützlich sein? fragte Harry Blount. Wünschen Sie, daß wir Sie bei der Ausführung Ihrer Aufträge unterstützen?— Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.[pg 2-156]— Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstört, sagte Alcide Jolivet.— Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind für mich genug!“Eine halbe Stunde später trieb das Floß, nachdem es den kleinen Hafen verlassen, in den Fluß hinein. Es war gegen fünf Uhr Abends. Schon brach die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael Strogoff’s Geheimniß zu bewahren, so verließen sie ihn doch nicht. Sie plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wußte, eine vollständige Vorstellung von dem thatsächlichen Zustande der Dinge.Es lag außer Zweifel, daß die Tartaren Irkutsk bedrängten und die drei Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Höchst wahrscheinlich standen der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem Großfürsten noch zu übergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso wenig als früher Nadia.Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide Jolivet zu Michael Strogoff folgendermaßen begann:„Wir müssen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf dem Relais zu Ichim[pg 2-157]zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.— Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich für einen Feigling zu halten!— Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes Schurken verdientermaßen mit der Knute bearbeitet, so daß er noch lange die Spuren davon tragen wird.— Nein, nicht mehr lange!“ antwortete einfach Michael Strogoff.Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein Gefährte alle die harten Prüfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rückhalt bewunderten sie seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mädchens einigermaßen die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau äußerte: „In der That, das ist ein Mann!“Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floß ungemein schnell mit der Strömung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Täuschung schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker Bilder ziehe unaufhörlich an ihm vorüber. Hier zeigten sich sonderbar gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein schäumender Bergstrom hervorsprang, manchmal öffnete sich ein weites Thal vor ihren Blicken, in dem ein zerstörtes Dorf noch rauchte, oder ein dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterließen auch die Tartaren überall hinreichend erkennbare Spuren,[pg 2-158]so sah man sie doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den näheren Umgebungen von Irkutsk zusammendrängten.Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und der alte Seemann hielt das Floß, von dem er die zu nahe heran treibenden Eisschollen mit kräftiger Hand abstieß, immer streng in der Mitte der Strömung der Angara.

Neuntes Capitel.In der Steppe.Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß, eine häufig gewechselte[pg 2-129]Bespannung und mit allem Nothwendigen ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch, daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah.Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter den traurigsten Umständen wieder verloren.Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und Nadia standen ganz, ganz allein.„Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus! Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!“Michael Strogoff erwiderte nichts.„Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für Dich wagte?“Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach?[pg 2-130]Gewiß, denn als Nadia hinzufügte:„Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er:— Nach Irkutsk.— Auf der großen Landstraße?— Ja, Nadia.“Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben, sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu verlassen.Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus’ Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers bei Irkutsk auf.Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas trockenes Fleisch und mehrere „Sukharis“ (d. s. Brode, welche durch Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung war also für mehrere Tage gesichert,[pg 2-131]und Wasser konnte ja in einer Gegend, welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht fehlen.Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch’ beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen.„Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.— O nein, antwortete sie.— Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.— Ja wohl, Michael.“Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka, überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen.Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber ziemlich schnell vorüber.So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte. Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur zwei und eine halbe Kopeke kostet.[pg 2-132]Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die grenzenlose Steppe fortsetzen.Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her. Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei. Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das Auftauchen der tartarischen Plänkler.Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus.[pg 2-133]Das junge Mädchen erinnerte an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war.Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer einige Hoffnung einzuflößen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde.Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:„Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?“Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche auf dem Plateau bei Tomsk lag?„Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir dadurch ein Vergnügen.“Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles, was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen Stirn sich düstere Wolken lagerten.Nach einer Pause fügte er dann hinzu:[pg 2-134]„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter nicht zu sehen.— Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen, der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.— Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!— Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.— Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.— Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich nichts.— Sprich, Nadia!— Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch immer so dringend nach Irkutsk?“Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab keine weitere Antwort.„Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?— Nein, er war mir unbekannt.— Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?— Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann[pg 2-135]ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht, wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege!— Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in Irkutsk einzutreffen?— Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff.— Auch jetzt noch?— Auch jetzt, und es wird mir gelingen!“Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte, nicht Alles sagen durfte.Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë.Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht. Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war:„Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!“Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes[pg 2-136]Hinderniß, keine Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste Erschöpfung fühlten sie.So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung übergehenden Leichname an den Seiten der Straße.Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht. Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen, diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen, und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein Fortschritt zu seiner Abwehr.Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele, und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des Großfürsten nur allein in seinen Händen.Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen Reisen in günstigeren Jahreszeiten,[pg 2-137]daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230 Werst nach Irkutsk führte.Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage. Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu gut.Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt:„Geh’, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh’ nach Irkutsk! Richte Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag’ ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für Dich! Geh’ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr!…“Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so schneller.Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis erhellten.Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete[pg 2-138]Ortschaft. Die Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis sechs Tagen hier durchpassirt sein.Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.„Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.— Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch einige Stunden ruhen?— Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?— Komm, Michael!“ lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres Gefährten ergriff und ihn weiter führte.In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte, wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt hätte.Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären.Aus der Steppe her ertönte Gebell.„Hörst Du das?“ fragte Nadia.Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie[pg 2-139]ein verzweifelter, letzter Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.„Nicolaus! Nicolaus!“ rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung erfüllt.Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf.„Komm, Michael, komm!“ bat Nadia.Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder.„Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen fühlte.— Ja, es muß sein!… erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener Hilferuf.“Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom Flusse entfernt.Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft näher erscholl.Nadia blieb stehen.„Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.— Nicolaus!“ rief das junge Mädchen.Keine Antwort ließ sich vernehmen.Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des Himmels.Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete Ebene zu überschauen, sah aber nichts.Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone.„Michael!“ verstanden sie deutlich.Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.[pg 2-140]Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen.Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf, kehrte aber zurück und stieß auf den Hund.Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier zusammen.Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.„Da … da!“ rief sie.Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen.Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so langsam naht![pg 2-141]Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!… Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun leider zu spät werden sollte.Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert, und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die gefräßigen Vögel.Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus dem Grabe zu befreien.Nicolaus’ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal.Er erkannte Michael und Nadia.„Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch einmal gesehen zu haben … Betet für mich!…“Das waren seine letzten Worte.Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich, den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch schlüge. – Es schlug nicht mehr.Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter Tumult.Michael Strogoff horchte.[pg 2-142]Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der Dinka zu bewege.„Nadia, Nadia!“ sagte er heimlich.Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge Liefländerin.„Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.— Ah, die Tartaren!“ flüsterte sie.Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.„Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen“, sagte Michael Strogoff.Schweigend setzte er seine Arbeit fort.Bald ward der Körper des armen Nicolaus mit über der Brust gekreuzten Händen in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael Strogoff und Nadia ein letztes Gebet für das harmlose und gute Geschöpf, das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.„Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde überfüllte, nun sollen die Steppenwölfe Dich nicht verzehren!“Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorüberziehenden Reiterschwarm.„Vorwärts, Nadia!“ sagte er.Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstraße nicht mehr einhalten, sondern mußte sich quer durch die Steppe schlagen, um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der Dinka keine besondere Eile.Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch für ihn sehen. Er nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Südwesten der Provinz.[pg 2-143]Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurück? Wie kam es, daß ihn die Anstrengung nicht überwältigte? Wie konnte er sich unterwegs ernähren? Welch übermenschliche Energie half ihm, die ersten Abhänge der Sayanskberge zu überklettern? – Weder Nadia noch er hätten auf diese Fragen die Antwort gewußt.Und doch, – zwölf Tage später, am 2. October, breitete sich eine ungeheure Wasserfläche vor Michael Strogoff’s Füßen aus.Er stand am Baïkalsee.

Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß, eine häufig gewechselte[pg 2-129]Bespannung und mit allem Nothwendigen ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch, daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah.

Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter den traurigsten Umständen wieder verloren.

Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.

Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und Nadia standen ganz, ganz allein.

„Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus! Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!“

Michael Strogoff erwiderte nichts.

„Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für Dich wagte?“

Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach?

Gewiß, denn als Nadia hinzufügte:

„Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er:

— Nach Irkutsk.

— Auf der großen Landstraße?

— Ja, Nadia.“

Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben, sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu verlassen.

Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.

Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus’ Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers bei Irkutsk auf.

Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas trockenes Fleisch und mehrere „Sukharis“ (d. s. Brode, welche durch Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung war also für mehrere Tage gesichert,[pg 2-131]und Wasser konnte ja in einer Gegend, welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht fehlen.

Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch’ beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.

Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen.

„Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.

— O nein, antwortete sie.

— Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.

— Ja wohl, Michael.“

Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka, überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen.

Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber ziemlich schnell vorüber.

So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte. Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur zwei und eine halbe Kopeke kostet.

Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die grenzenlose Steppe fortsetzen.

Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.

Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her. Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei. Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das Auftauchen der tartarischen Plänkler.

Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.

Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus.[pg 2-133]Das junge Mädchen erinnerte an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war.

Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer einige Hoffnung einzuflößen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde.

Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:

„Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?“

Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche auf dem Plateau bei Tomsk lag?

„Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir dadurch ein Vergnügen.“

Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles, was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.

„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen Stirn sich düstere Wolken lagerten.

Nach einer Pause fügte er dann hinzu:

„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter nicht zu sehen.

— Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen, der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.

— Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!

— Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.

— Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.

— Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich nichts.

— Sprich, Nadia!

— Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch immer so dringend nach Irkutsk?“

Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab keine weitere Antwort.

„Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?

— Nein, er war mir unbekannt.

— Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?

— Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann[pg 2-135]ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht, wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege!

— Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in Irkutsk einzutreffen?

— Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff.

— Auch jetzt noch?

— Auch jetzt, und es wird mir gelingen!“

Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte, nicht Alles sagen durfte.

Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë.

Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht. Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war:

„Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!“

Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes[pg 2-136]Hinderniß, keine Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste Erschöpfung fühlten sie.

So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung übergehenden Leichname an den Seiten der Straße.

Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht. Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen, diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen, und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein Fortschritt zu seiner Abwehr.

Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele, und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des Großfürsten nur allein in seinen Händen.

Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen Reisen in günstigeren Jahreszeiten,[pg 2-137]daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230 Werst nach Irkutsk führte.

Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage. Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu gut.

Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt:

„Geh’, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh’ nach Irkutsk! Richte Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag’ ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für Dich! Geh’ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr!…“

Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so schneller.

Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis erhellten.

Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete[pg 2-138]Ortschaft. Die Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis sechs Tagen hier durchpassirt sein.

Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.

„Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.

— Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch einige Stunden ruhen?

— Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?

— Komm, Michael!“ lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres Gefährten ergriff und ihn weiter führte.

In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte, wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt hätte.

Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären.

Aus der Steppe her ertönte Gebell.

„Hörst Du das?“ fragte Nadia.

Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie[pg 2-139]ein verzweifelter, letzter Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.

„Nicolaus! Nicolaus!“ rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung erfüllt.

Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf.

„Komm, Michael, komm!“ bat Nadia.

Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder.

„Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen fühlte.

— Ja, es muß sein!… erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener Hilferuf.“

Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom Flusse entfernt.

Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft näher erscholl.

Nadia blieb stehen.

„Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.

— Nicolaus!“ rief das junge Mädchen.

Keine Antwort ließ sich vernehmen.

Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des Himmels.

Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete Ebene zu überschauen, sah aber nichts.

Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone.

„Michael!“ verstanden sie deutlich.

Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.

Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.

Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen.

Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.

Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf, kehrte aber zurück und stieß auf den Hund.

Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier zusammen.

Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.

„Da … da!“ rief sie.

Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen.

Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.

Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so langsam naht!

Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!

… Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun leider zu spät werden sollte.

Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert, und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die gefräßigen Vögel.

Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus dem Grabe zu befreien.

Nicolaus’ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal.

Er erkannte Michael und Nadia.

„Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch einmal gesehen zu haben … Betet für mich!…“

Das waren seine letzten Worte.

Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich, den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch schlüge. – Es schlug nicht mehr.

Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.

Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter Tumult.

Michael Strogoff horchte.

Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der Dinka zu bewege.

„Nadia, Nadia!“ sagte er heimlich.

Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge Liefländerin.

„Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.

— Ah, die Tartaren!“ flüsterte sie.

Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.

„Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen“, sagte Michael Strogoff.

Schweigend setzte er seine Arbeit fort.

Bald ward der Körper des armen Nicolaus mit über der Brust gekreuzten Händen in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael Strogoff und Nadia ein letztes Gebet für das harmlose und gute Geschöpf, das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.

„Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde überfüllte, nun sollen die Steppenwölfe Dich nicht verzehren!“

Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorüberziehenden Reiterschwarm.

„Vorwärts, Nadia!“ sagte er.

Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstraße nicht mehr einhalten, sondern mußte sich quer durch die Steppe schlagen, um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der Dinka keine besondere Eile.

Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch für ihn sehen. Er nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Südwesten der Provinz.

Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurück? Wie kam es, daß ihn die Anstrengung nicht überwältigte? Wie konnte er sich unterwegs ernähren? Welch übermenschliche Energie half ihm, die ersten Abhänge der Sayanskberge zu überklettern? – Weder Nadia noch er hätten auf diese Fragen die Antwort gewußt.

Und doch, – zwölf Tage später, am 2. October, breitete sich eine ungeheure Wasserfläche vor Michael Strogoff’s Füßen aus.

Er stand am Baïkalsee.

Zehntes Capitel.Baikal und Angara.Der Baikalsee liegt 1700 Fuß über demMeere.Seine Länge beträgt gegen 900 Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, daß derselbe „Frau Meer“ genannt sein will und in Wuth geräth, wenn man ihn „Herr See“ titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in demselben ertrunken.Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zuflüssen ernährte Süßwasserbecken wird von einem prächtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen anderen Abfluß als die Angara, welche bei Irkutsk vorüber strömt und sich etwas oberhalb der Stadt in den Jeniseï ergießt. Die Berge, welche[pg 2-144]den See einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des orographischen Systems des Altaïgebirges.In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kälte schon bemerkbar. Der Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthümlichen klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um fünf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank während der langen Nacht wohl bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis Anfang des nächsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des Baïkal. Während des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuß tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach belebt.Geschehe es nun wegen des Verstoßes gegen die gute Lebensart, wenn man ihn „Herr See“ nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde, jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stürmen bewegt. Seine, gleich denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Flößen, den Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpflügen, nicht wenig gefürchtet.An der Südwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten, als hier erschöpft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch übrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren zurücklegen mußte, um sein[pg 2-145]Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst längs der Südküste bis zum Abfluß der Angara, und achtzig Werst von diesem Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine Reise von drei Tagen für einen kräftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch zu Fuße zurücklegen sollte.Konnte aber Michael Strogoff noch für einen solchen Mann gelten?Der Himmel schien ihm diese letzte Prüfung ersparen zu wollen. Das Unglück, sein hartnäckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er öde und verlassen glaubte und der es auch sonst immer ist, – heut’ war er es nicht.Etwa fünfzig Personen standen an dem Winkel, der diesüdwestlicheSpitze des Sees bildet.Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die letzten Abhänge eines Berges herunterstieg.Einen Augenblick konnte das junge Mädchen wohl fürchten, hier wieder nur eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet wäre, an den Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes Entfliehen unmöglich sein mußte.Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.„Das sind Russen!“ rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael Strogoff’s nieder.Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie zukamen, führten den Blinden und das junge Mädchen nach einer Stelle des Ufers, an der ein Floß befestigt lag.[pg 2-146]Das Floß schien zur Abfahrt bereit.Diese Russen, Leute aus allen Ständen, waren Flüchtlinge, welche die nämliche Absicht hier an der Küste des Baikal vereinigt hatte. Von den tartarischen Plänklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen, und da das zu Lande ziemlich unmöglich war, seitdem die Feinde sich auf beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel dadurch zu erreichen, daß sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die Stadt durchströmt.Wie hüpfte Michael Strogoff’s Herz vor Freude, als er diese Absicht vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten für ihn auf. Er hatte aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er für angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.Der Plan der Flüchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nördlichen Ufer des Sees zeigte sich eine Strömung bis zum Abfluß der Angara hin, und diese wollten sie zunächst benutzen, um nach jenem Ausgußthore des Baikal zu gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit einer Schnelligkeit von zehn bis zwölf Werst die Stunde dahin. Binnen anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.Am Seeufer fehlte es natürlich an jedem Schiff oder Boot. Man mußte diese zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floß, wie man deren häufig auf den sibirischen Strömen begegnet. Das nöthige Holz lieferte ein Tannenwald in der Nähe. Die mittels Weidenzweigen so gut als möglich verbundenen Stämme bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden hätten.Auf dieses Floß führte man auch Michael Strogoff[pg 2-147]und Nadia. Das junge Mädchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich für einen Bewohner von Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fügte nur hinzu, daß die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kälte empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der Oberfläche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das Floß auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das doch zwischen den Ufern der Angara mißlicher zu gestalten, wenn sich die Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhäuften.Alle Umstände drängten also darauf hin, daß die Flüchtlinge baldmöglichst abreisten.Um acht Uhr Abends löste man die Seile und von der Strömung geführt folgte das Floß dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando übernommen. Es war ein Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebräuntem Gesicht. Ein dichter weißer Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmütze[pg 2-148]trug er auf dem Kopfe und zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen Gürtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Füßen. Schweigend saß er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floß in der Strömung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung nach der offenen See zu hindern.Wir erwähnten schon, daß Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl Männer, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen Einfalle auf der Reise überraschte Pilger, einige Mönche und ein Pope. Die Pilger trugen den Reisestab, die Kürbisflasche im Gürtel und sangen mit klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein schon bejahrter Mann, trug am Gürtel eine kleine Sammelbüchse mit Vorlegeschloß, wie man sie an den Eingängen der Kirchen trifft. Alles, was er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehörte nicht ihm, und er besaß nicht einmal den Schlüssel zu der Büchse, welche erst bei seiner Rückkehr geöffnet werden sollte.Die Mönche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, daß sie einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln nahe der Küste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von Troïtsa, die des heiligen Antonius und des[pg 2-149]heiligen Theodosius in Kiew, der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altgläubigen, und begaben sich nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach Irkutsk.Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren, welche das russische Reich zählt. Seine Kleidung sah erbärmlicher aus, als die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich nicht überragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und sein Stück Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schließt und Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten der Tartaren dadurch zu entziehen gewußt, daß er sie nach den nördlichen Provinzen schaffte, während er in seiner Parochie bis zum letzten Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen müssen, und da die Straße nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.Diese verschiedenen kirchlichen Personen saßen auf dem Vordertheil des Flosses zusammen, beteten in regelmäßigen Zwischenräumen, erhoben ihre Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres Gebets hörte man ihre Lippen ein „Slava Bogu“, das ist Ehre sei Gott, flüstern.Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in tiefer Erschöpfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes, der die Wirkung der Strömung hemmte, noch vierzig Werst von dem[pg 2-150]Ausflusse der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr Nachmittag nicht erreichen. Den Flüchtlingen kam das insofern zu statten, als sie den Fluß hinunter während der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre Reise nach Irkutsk begünstigen mußte.Die einzige Besorgniß des alten Schiffers betraf nur die Bildung von Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach Westen ziehen. Diese waren nicht zu fürchten, da sie in die Angara, deren Mündung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der Strömung angezogen und preßten sich zwischen die Flußufer. Das brachte dann wohl Schwierigkeiten, Verzögerungen oder gar unübersteigliche Hindernisse hervor, die das Floß aufzuhalten drohten.Michael Strogoff war es also vom höchsten Interesse, den Zustand des Sees zu kennen, für den Fall, daß Eisschollen in größerer Anzahl auftreten sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und ließ sich von ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserfläche vorging.Während dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem Baikalsee noch mancherlei eigenthümliche Erscheinungen, unter andern das Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersäulen erhoben sich zu beträchtlicher Höhe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von der Kälte verdichtet[pg 2-151]wurden. Gewiß hätte dieses Schauspiel das Auge jedes Touristen ergötzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum Vergnügen bereiste.Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluß der Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Küste zur Rechten erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die wenigen am steilen Strande erbauten Häuser.Leider wälzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluß zu verstopfen, sowie die Kälte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.Das Floß erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen vorzunehmen. Die Stämme drohten aus einander zu weichen und mußten nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Strömung der Angara sicherer zu widerstehen.Während der schönen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein- und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl durch Dampfboote, als auch durch Küstenfahrer aller Art sehr belebt.Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den Verwüstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten. Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst[pg 2-152]in ihrem Hafen überwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig, reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt Ostsibiriens zurückgezogen.Der alte Seemann erwartete also gewiß nicht, hier noch weitere Flüchtlinge aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floß nur anlegte, zwei Passagiere mit aller Hast aus einem verödeten Hause herabgelaufen.Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff’s, der verwundert den Kopf emporrichtete.„Was hast Du, Nadia? fragte er.— Unsere beiden Reisegefährten, Michael.— Jener Franzose und jener Engländer, denen wir in dem Engpasse des Ural begegneten?— Dieselben.“Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthüllt zu werden.Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute über das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt wurde. Sie wußten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.[pg 2-153]Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.„Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Engländer sich eingeschifft haben, so bitte sie, zu mir zu kommen.“Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der Zufall, sondern die Gewalt der Umstände, ebenso wie Michael Strogoff, nach dem Hafen von Livenitchnaia geführt hatte.Man erinnert sich, daß sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor der gräßlichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloß, abreisten. Sie zweifelten gar nicht daran, daß ihr alter Reisegefährte um’s Leben gebracht worden sei, und wußten also nicht, daß er auf Befehl des Emirs damals nur geblendet wurde.Noch an demselben Abend verließen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten, Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte über den Feldzug nur aus dem Lager der Russen zu entsenden.Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in größter Eile nach Irkutsk. Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und hätten das auch unzweifelhaft durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres, welche durch das Thal des Jeniseï ganz unerwartet aus Süden heraufzog, aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der Dinka abgeschnitten und mußten in Folge dessen nach dem Baikalsee herabziehen.Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen. Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmöglich, nach Irkutsk hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee[pg 2-154]belagert wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floß ankam.Die Absicht der Flüchtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel vermehrte der Umstand, daß es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen glücklichen Erfolg und auf die Möglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen. Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um für sich und seinen Begleiter Erlaubniß mitzufahren zu erlangen, und bot ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern würde, an.„Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt nur sein Leben, nichts weiter.“ Die beiden Journalisten schifften sich ein und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.Harry Blount war noch immer der steife, frostige Engländer, der während der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewöhnlich, was unter den gegebenen Verhältnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte.Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes früheren Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.Fast hätte er vor Verwunderung einen Schrei ausgestoßen, als er das junge Mädchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.„Kommen Sie mit mir“, bat Nadia.[pg 2-155]Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon groß genug, Nadia auf dem Flosse zu begegnen, so überschritt es alle Grenzen, als sie auch Michael Strogoff’s ansichtig wurden, den sie längst nicht mehr am Leben glaubten.Michael Strogoff sprach bei ihrer Annäherung nicht.Alcide Jolivet wendete sich an das junge Mädchen.„Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!“Das lebhafte Gefühl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet’s und seines Gefährten Zügen. Einen Augenblick später saßen Beide neben Michael Strogoff, drückten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen habe.„Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie dürfen nicht wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniß zu bewahren. Versprechen Sie mir das?— Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.— Auf Gentlemans Wort, fügte Harry Blount hinzu.— Ich danke, meine Herren.— Können wir Ihnen nach irgend welcher Seite nützlich sein? fragte Harry Blount. Wünschen Sie, daß wir Sie bei der Ausführung Ihrer Aufträge unterstützen?— Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.[pg 2-156]— Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstört, sagte Alcide Jolivet.— Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind für mich genug!“Eine halbe Stunde später trieb das Floß, nachdem es den kleinen Hafen verlassen, in den Fluß hinein. Es war gegen fünf Uhr Abends. Schon brach die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael Strogoff’s Geheimniß zu bewahren, so verließen sie ihn doch nicht. Sie plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wußte, eine vollständige Vorstellung von dem thatsächlichen Zustande der Dinge.Es lag außer Zweifel, daß die Tartaren Irkutsk bedrängten und die drei Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Höchst wahrscheinlich standen der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem Großfürsten noch zu übergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso wenig als früher Nadia.Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide Jolivet zu Michael Strogoff folgendermaßen begann:„Wir müssen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf dem Relais zu Ichim[pg 2-157]zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.— Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich für einen Feigling zu halten!— Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes Schurken verdientermaßen mit der Knute bearbeitet, so daß er noch lange die Spuren davon tragen wird.— Nein, nicht mehr lange!“ antwortete einfach Michael Strogoff.Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein Gefährte alle die harten Prüfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rückhalt bewunderten sie seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mädchens einigermaßen die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau äußerte: „In der That, das ist ein Mann!“Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floß ungemein schnell mit der Strömung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Täuschung schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker Bilder ziehe unaufhörlich an ihm vorüber. Hier zeigten sich sonderbar gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein schäumender Bergstrom hervorsprang, manchmal öffnete sich ein weites Thal vor ihren Blicken, in dem ein zerstörtes Dorf noch rauchte, oder ein dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterließen auch die Tartaren überall hinreichend erkennbare Spuren,[pg 2-158]so sah man sie doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den näheren Umgebungen von Irkutsk zusammendrängten.Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und der alte Seemann hielt das Floß, von dem er die zu nahe heran treibenden Eisschollen mit kräftiger Hand abstieß, immer streng in der Mitte der Strömung der Angara.

Der Baikalsee liegt 1700 Fuß über demMeere.Seine Länge beträgt gegen 900 Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, daß derselbe „Frau Meer“ genannt sein will und in Wuth geräth, wenn man ihn „Herr See“ titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in demselben ertrunken.

Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zuflüssen ernährte Süßwasserbecken wird von einem prächtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen anderen Abfluß als die Angara, welche bei Irkutsk vorüber strömt und sich etwas oberhalb der Stadt in den Jeniseï ergießt. Die Berge, welche[pg 2-144]den See einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des orographischen Systems des Altaïgebirges.

In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kälte schon bemerkbar. Der Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthümlichen klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um fünf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank während der langen Nacht wohl bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis Anfang des nächsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des Baïkal. Während des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuß tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach belebt.

Geschehe es nun wegen des Verstoßes gegen die gute Lebensart, wenn man ihn „Herr See“ nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde, jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stürmen bewegt. Seine, gleich denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Flößen, den Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpflügen, nicht wenig gefürchtet.

An der Südwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten, als hier erschöpft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch übrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren zurücklegen mußte, um sein[pg 2-145]Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst längs der Südküste bis zum Abfluß der Angara, und achtzig Werst von diesem Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine Reise von drei Tagen für einen kräftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch zu Fuße zurücklegen sollte.

Konnte aber Michael Strogoff noch für einen solchen Mann gelten?

Der Himmel schien ihm diese letzte Prüfung ersparen zu wollen. Das Unglück, sein hartnäckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er öde und verlassen glaubte und der es auch sonst immer ist, – heut’ war er es nicht.

Etwa fünfzig Personen standen an dem Winkel, der diesüdwestlicheSpitze des Sees bildet.

Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die letzten Abhänge eines Berges herunterstieg.

Einen Augenblick konnte das junge Mädchen wohl fürchten, hier wieder nur eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet wäre, an den Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes Entfliehen unmöglich sein mußte.

Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.

„Das sind Russen!“ rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael Strogoff’s nieder.

Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie zukamen, führten den Blinden und das junge Mädchen nach einer Stelle des Ufers, an der ein Floß befestigt lag.

Das Floß schien zur Abfahrt bereit.

Diese Russen, Leute aus allen Ständen, waren Flüchtlinge, welche die nämliche Absicht hier an der Küste des Baikal vereinigt hatte. Von den tartarischen Plänklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen, und da das zu Lande ziemlich unmöglich war, seitdem die Feinde sich auf beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel dadurch zu erreichen, daß sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die Stadt durchströmt.

Wie hüpfte Michael Strogoff’s Herz vor Freude, als er diese Absicht vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten für ihn auf. Er hatte aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er für angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.

Der Plan der Flüchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nördlichen Ufer des Sees zeigte sich eine Strömung bis zum Abfluß der Angara hin, und diese wollten sie zunächst benutzen, um nach jenem Ausgußthore des Baikal zu gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit einer Schnelligkeit von zehn bis zwölf Werst die Stunde dahin. Binnen anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.

Am Seeufer fehlte es natürlich an jedem Schiff oder Boot. Man mußte diese zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floß, wie man deren häufig auf den sibirischen Strömen begegnet. Das nöthige Holz lieferte ein Tannenwald in der Nähe. Die mittels Weidenzweigen so gut als möglich verbundenen Stämme bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden hätten.

Auf dieses Floß führte man auch Michael Strogoff[pg 2-147]und Nadia. Das junge Mädchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.

Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich für einen Bewohner von Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fügte nur hinzu, daß die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.

Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kälte empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der Oberfläche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das Floß auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das doch zwischen den Ufern der Angara mißlicher zu gestalten, wenn sich die Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhäuften.

Alle Umstände drängten also darauf hin, daß die Flüchtlinge baldmöglichst abreisten.

Um acht Uhr Abends löste man die Seile und von der Strömung geführt folgte das Floß dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.

Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando übernommen. Es war ein Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebräuntem Gesicht. Ein dichter weißer Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmütze[pg 2-148]trug er auf dem Kopfe und zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen Gürtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Füßen. Schweigend saß er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floß in der Strömung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung nach der offenen See zu hindern.

Wir erwähnten schon, daß Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl Männer, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen Einfalle auf der Reise überraschte Pilger, einige Mönche und ein Pope. Die Pilger trugen den Reisestab, die Kürbisflasche im Gürtel und sangen mit klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein schon bejahrter Mann, trug am Gürtel eine kleine Sammelbüchse mit Vorlegeschloß, wie man sie an den Eingängen der Kirchen trifft. Alles, was er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehörte nicht ihm, und er besaß nicht einmal den Schlüssel zu der Büchse, welche erst bei seiner Rückkehr geöffnet werden sollte.

Die Mönche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, daß sie einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln nahe der Küste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von Troïtsa, die des heiligen Antonius und des[pg 2-149]heiligen Theodosius in Kiew, der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altgläubigen, und begaben sich nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach Irkutsk.

Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren, welche das russische Reich zählt. Seine Kleidung sah erbärmlicher aus, als die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich nicht überragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und sein Stück Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schließt und Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten der Tartaren dadurch zu entziehen gewußt, daß er sie nach den nördlichen Provinzen schaffte, während er in seiner Parochie bis zum letzten Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen müssen, und da die Straße nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.

Diese verschiedenen kirchlichen Personen saßen auf dem Vordertheil des Flosses zusammen, beteten in regelmäßigen Zwischenräumen, erhoben ihre Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres Gebets hörte man ihre Lippen ein „Slava Bogu“, das ist Ehre sei Gott, flüstern.

Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in tiefer Erschöpfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.

Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes, der die Wirkung der Strömung hemmte, noch vierzig Werst von dem[pg 2-150]Ausflusse der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr Nachmittag nicht erreichen. Den Flüchtlingen kam das insofern zu statten, als sie den Fluß hinunter während der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre Reise nach Irkutsk begünstigen mußte.

Die einzige Besorgniß des alten Schiffers betraf nur die Bildung von Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach Westen ziehen. Diese waren nicht zu fürchten, da sie in die Angara, deren Mündung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der Strömung angezogen und preßten sich zwischen die Flußufer. Das brachte dann wohl Schwierigkeiten, Verzögerungen oder gar unübersteigliche Hindernisse hervor, die das Floß aufzuhalten drohten.

Michael Strogoff war es also vom höchsten Interesse, den Zustand des Sees zu kennen, für den Fall, daß Eisschollen in größerer Anzahl auftreten sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und ließ sich von ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserfläche vorging.

Während dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem Baikalsee noch mancherlei eigenthümliche Erscheinungen, unter andern das Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersäulen erhoben sich zu beträchtlicher Höhe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von der Kälte verdichtet[pg 2-151]wurden. Gewiß hätte dieses Schauspiel das Auge jedes Touristen ergötzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum Vergnügen bereiste.

Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluß der Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Küste zur Rechten erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die wenigen am steilen Strande erbauten Häuser.

Leider wälzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluß zu verstopfen, sowie die Kälte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.

Das Floß erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen vorzunehmen. Die Stämme drohten aus einander zu weichen und mußten nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Strömung der Angara sicherer zu widerstehen.

Während der schönen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein- und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl durch Dampfboote, als auch durch Küstenfahrer aller Art sehr belebt.

Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den Verwüstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten. Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst[pg 2-152]in ihrem Hafen überwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig, reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt Ostsibiriens zurückgezogen.

Der alte Seemann erwartete also gewiß nicht, hier noch weitere Flüchtlinge aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floß nur anlegte, zwei Passagiere mit aller Hast aus einem verödeten Hause herabgelaufen.

Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.

Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff’s, der verwundert den Kopf emporrichtete.

„Was hast Du, Nadia? fragte er.

— Unsere beiden Reisegefährten, Michael.

— Jener Franzose und jener Engländer, denen wir in dem Engpasse des Ural begegneten?

— Dieselben.“

Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthüllt zu werden.

Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute über das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt wurde. Sie wußten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.

Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.

„Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Engländer sich eingeschifft haben, so bitte sie, zu mir zu kommen.“

Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der Zufall, sondern die Gewalt der Umstände, ebenso wie Michael Strogoff, nach dem Hafen von Livenitchnaia geführt hatte.

Man erinnert sich, daß sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor der gräßlichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloß, abreisten. Sie zweifelten gar nicht daran, daß ihr alter Reisegefährte um’s Leben gebracht worden sei, und wußten also nicht, daß er auf Befehl des Emirs damals nur geblendet wurde.

Noch an demselben Abend verließen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten, Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte über den Feldzug nur aus dem Lager der Russen zu entsenden.

Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in größter Eile nach Irkutsk. Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und hätten das auch unzweifelhaft durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres, welche durch das Thal des Jeniseï ganz unerwartet aus Süden heraufzog, aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der Dinka abgeschnitten und mußten in Folge dessen nach dem Baikalsee herabziehen.

Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen. Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmöglich, nach Irkutsk hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee[pg 2-154]belagert wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floß ankam.

Die Absicht der Flüchtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel vermehrte der Umstand, daß es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen glücklichen Erfolg und auf die Möglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen. Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.

Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um für sich und seinen Begleiter Erlaubniß mitzufahren zu erlangen, und bot ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern würde, an.

„Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt nur sein Leben, nichts weiter.“ Die beiden Journalisten schifften sich ein und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.

Harry Blount war noch immer der steife, frostige Engländer, der während der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.

Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewöhnlich, was unter den gegebenen Verhältnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.

Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte.

Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes früheren Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.

Fast hätte er vor Verwunderung einen Schrei ausgestoßen, als er das junge Mädchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.

„Kommen Sie mit mir“, bat Nadia.

Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.

War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon groß genug, Nadia auf dem Flosse zu begegnen, so überschritt es alle Grenzen, als sie auch Michael Strogoff’s ansichtig wurden, den sie längst nicht mehr am Leben glaubten.

Michael Strogoff sprach bei ihrer Annäherung nicht.

Alcide Jolivet wendete sich an das junge Mädchen.

„Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!“

Das lebhafte Gefühl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet’s und seines Gefährten Zügen. Einen Augenblick später saßen Beide neben Michael Strogoff, drückten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen habe.

„Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie dürfen nicht wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniß zu bewahren. Versprechen Sie mir das?

— Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.

— Auf Gentlemans Wort, fügte Harry Blount hinzu.

— Ich danke, meine Herren.

— Können wir Ihnen nach irgend welcher Seite nützlich sein? fragte Harry Blount. Wünschen Sie, daß wir Sie bei der Ausführung Ihrer Aufträge unterstützen?

— Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.

— Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstört, sagte Alcide Jolivet.

— Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind für mich genug!“

Eine halbe Stunde später trieb das Floß, nachdem es den kleinen Hafen verlassen, in den Fluß hinein. Es war gegen fünf Uhr Abends. Schon brach die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.

Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael Strogoff’s Geheimniß zu bewahren, so verließen sie ihn doch nicht. Sie plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wußte, eine vollständige Vorstellung von dem thatsächlichen Zustande der Dinge.

Es lag außer Zweifel, daß die Tartaren Irkutsk bedrängten und die drei Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Höchst wahrscheinlich standen der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.

Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem Großfürsten noch zu übergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso wenig als früher Nadia.

Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide Jolivet zu Michael Strogoff folgendermaßen begann:

„Wir müssen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf dem Relais zu Ichim[pg 2-157]zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.

— Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich für einen Feigling zu halten!

— Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes Schurken verdientermaßen mit der Knute bearbeitet, so daß er noch lange die Spuren davon tragen wird.

— Nein, nicht mehr lange!“ antwortete einfach Michael Strogoff.

Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein Gefährte alle die harten Prüfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rückhalt bewunderten sie seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mädchens einigermaßen die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau äußerte: „In der That, das ist ein Mann!“

Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floß ungemein schnell mit der Strömung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Täuschung schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker Bilder ziehe unaufhörlich an ihm vorüber. Hier zeigten sich sonderbar gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein schäumender Bergstrom hervorsprang, manchmal öffnete sich ein weites Thal vor ihren Blicken, in dem ein zerstörtes Dorf noch rauchte, oder ein dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterließen auch die Tartaren überall hinreichend erkennbare Spuren,[pg 2-158]so sah man sie doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den näheren Umgebungen von Irkutsk zusammendrängten.

Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und der alte Seemann hielt das Floß, von dem er die zu nahe heran treibenden Eisschollen mit kräftiger Hand abstieß, immer streng in der Mitte der Strömung der Angara.


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