3. Vom Reitajustement der Dame und deren Erscheinung zu Pferde.

Fig. 3.Der Reitsitz auf dem alten Damensattel.

Fig. 3.Der Reitsitz auf dem alten Damensattel.

»Schon seit Jahren sind viele Sportsleute und Ärzte der Ansicht, daß eine Reform in der Damenreiterei not tue, und zwar, wie man meint, aus rein sportlichen und dann aus sanitären Gründen. Besagte Reform besteht in der Einführung des Herrensitzes anstatt des herkömmlichen Seitsitzes.[B]In früherer Zeit mag man vieles am Seitsitz auszusetzen gehabt haben: er war für Reiterin und Pferd noch recht mangelhaft; das trifft sogar heute noch zu, wenn man den deutschen Damensattel betrachtet. Seine Fehler schädigten allerdings viel mehr das Pferd als die Reiterin, welche nur über Unbequemlichkeit zu klagen hatte. (Fig. 3.) Der neue englische Damensattel, der den deutschen vollständig verdrängt hat, weist keinen jener Mängel (Fig. 4) auf und würde allen Anforderungen entsprechen; aber man ist noch immer nicht zufriedengestellt, der ganze Sitz soll geändert werden! Kein stichhaltiger Grund dafür ist vorhanden. Sehen wir die Sache vom Standpunkt des Sports an, so müssen wir uns sagen, daß überhaupt die wenigsten Damen das Reiten als das auffassen, was es ist – nämlich als eine Wissenschaft. Den meisten genügt es, ein gut zugerittenes Damenpferd zu meistern, die Dressur, die dann allenfalls im Winter vorgenommen wird, ist eine sehr leichte, da das Tier ja bereits auf Gehorsam dressiert ist und alle Hilfen kennt. Mit der wirklichen Dressur eines rohen Pferdes gibt sich keine Dame ab, die nicht gerade besonders passioniert ist, und deren gibt es sehr wenige. Für jene Sorte Reiterinnenwürde also der Herrensattel, der doch eine größere Herrschaft über das Pferd einräumen soll, ganz überflüssig sein, und für die anderen Damen ist er, wie wir sehen werden, entbehrlich. Man lasse ihnen daher ruhig ihren gewohnten Sitz, der nicht nur ästhetisch ungleich besser wirkt, sondern auch gesundheitlich nichts zu wünschen übrig läßt. Einen wirklich auch auf widerspenstige Pferde stark wirkenden Schenkeldruck würde kaum eine Dame zuwege bringen, da bei den Frauen die Muskelkraft, besonders in den Beinen, nicht so ausgebildetist wie beim Manne, erstens von Natur aus nicht, zweitens durch das Wegfallen der körperlichen Übungen, die Knaben durch Turnen, Klettern und Springen haben. Und die Einwirkung des Schenkeldrucks ist der einzige Grund, der in Frage kommen würde. Reiterinnen, die es wirklich darauf anlegen, ihr Pferd tüchtig durchzuarbeiten, kriegen das auch im Seitsitz fertig, dafür hat man viele Beispiele. Ich habe mir mein Pferd, einen jungen temperamentvollen ungarischen Wallach, der niemals einen Sattel auf dem Rücken gehabt hatte, in sechs Wochen im gewöhnlichen Seitsitz vollständig zugeritten;das Tier folgte jeder Hilfe, ging auf bloße Schultereinwirkung hin tadellose Seitengänge und war weich und durchgearbeitet im Genick, letzteres nicht etwa infolge von Kandarenwirkung, sondern durch richtiges Durcharbeiten, Abbiegen und Abbrechen mit einer Wassertrense. Beiderseitiger Schenkeldruck waren dem Tier unbekannt geblieben, weshalb es, als ein Herr es bestieg, nichts mit sich anfangen ließ, sondern offen seine Empörung über diese neue Behandlung zeigte. Später natürlich gewöhnte es sich auch daran. Es war dies nicht das erste Pferd, das ich zurechtritt; man sieht also, daß man mit Geduld und Ausdauer auch im Seitsitz nachhaltigen Einfluß auf ein Pferd haben kann.

[B]: Im Original steht immer Quersitz. Da ich, um Verwechslungen vorzubeugen, den Sitz im Damensattel stets als Seitsitz bezeichnet habe, da andere Autorinnen unter Quersitz sogar den Herrensitz verstehen, so setze ich ein für allemal dafür »Seitsitz«. Der Verf.

Was nun die sanitäre Frage betrifft, so halte ich den Herrensitz für eine Frau auf die Dauer für unbedingt schädlich, obwohl auch da individuelle Faktoren mitsprechen können. Die Frau eignet sich schon ihrer Bauart und geringeren Muskelkraft wegen nicht dazu. Der gespreizte Sitz, bei welchem die Stellung der Beine einen Winkel von ca. 60-70° bilden, also ein wenig natürlicher, ist für die äußeren wie die inneren weiblichen Organe von großem Nachteil, da einesteils entzündliche Reizungen, andererseits innere Zerrungen und Dehnungen der Verbindungsbänder entstehen. Auch jene scheinbar geringen und harmlosen mechanischen Reizungen rufen durch ihre dauernde Wirkung oft fest eingewurzelte und häufig unheilbare chronische Schleimhautentzündungen hervor. Die inneren Lockerungen und Dehnungen werden sich natürlich verschieden intensiv äußern, wenn es sich um eine Frau, die bereits mehrere Kinder gehabt hat, oder um ein junges Mädchen handelt. Im letzteren Falle nämlich, wo jene Bänder noch kurz und straff sind, mag sich erst nach Monaten eine schmerzhafte Zerrung bemerkbar machen, bei einer Frau hingegen, bei der die Bänder bereits gelockert sind, wird die Dehnung schneller und leichter erfolgen, und infolgedessen müssen die weiblichen Organe, ihres Halts beraubt, nach vornsinken. Auf diese Weise wird die Frau dauernd und unwiederbringlich den schönsten weiblich-ästhetischen Reiz, ihre schlanke Figur, verlieren. Wenn man bedenkt, daß es schon nach jeder Geburt einer besonders sorgfältigen, konsequent durchgeführten Binden-, resp. Massagebehandlung bedarf, um die vergrößerten und gelockerten Teile wieder zur Rückbildung zu bringen, und daß sehr viele junge Frauen, die als Mädchen wirklich schlanke, graziöse Erscheinungen waren, nach der ersten Geburt eben infolge unvollständiger Rückbildung der inneren Organe etwas Plumpes bekommen und leider behalten, so ist es ohne weiteres verständlich, daß die unnatürliche, bei weitem gewaltsamere Dehnung und Verlängerung jener Bänder, wie sie durch das fortgesetzte Reiten im Herrensitz hervorgerufen werden muß, erst recht nicht zu beseitigen wäre. Bei jungen Mädchen werden sich diese Verunstaltungen, wenn auch in geringerem Grade, allmählich entwickeln. Das hier Gesagte gilt auch nur für die Allgemeinheit, wo es maßgebend sein dürfte. Ausnahmen gibt es überall.

Fig. 4.Der Reitsitz auf dem neuen engl. Damensattel.

Fig. 4.Der Reitsitz auf dem neuen engl. Damensattel.

Vom ästhetischen Standpunkte aus betrachtet, steht die Sache noch ungünstiger. Solange man die Reiterin, die rittlings auf dem Pferde sitzt, im Profil sieht, kann man nichts direkt Unschönes daran finden, ausgenommen in Fällen, wo die Betreffende sehr korpulent ist; dann ist der Anblick in jeder Richtung geradezu grotesk. Aber auch die schönste schlanke Figur sieht, von vorn oder rückwärts gesehen, äußerst unästhetisch aus.[C]Das Kostüm ist schon häßlich, der gepriesene geteilte Rock sieht lächerlich aus;[D]das Unschöne des Herrensitzes besteht ja nicht darin, daß man die Beine sieht, sondern lediglich in der Stellung selber. In Beinkleidern ist man auf den Pferderücken verbannt: eine Frau in Reithosenzu Fuß sieht entschieden nicht gut aus; jeder feinfühligen Dame muß das Aufsehen, das sie in diesem Kostüme erregt, peinlich sein.[E]

[C]: De gustibus non est disputandum. Also grade das Gegenteil von dem, was Frau Dr. Anita Augspurg findet. Der Verf.

[D]: Sehr richtig! Der Verf.

[E]: Allerdings hatte man ja mit dem Aufkommen des Radfahrsportes Gelegenheit, sich an manchen Anblick gewöhnen zu müssen, der alles andere als schön war! Der Verf.

Nun noch zum letzten der Gründe, die gegen den einseitigen Sitz hervorgehoben werden: nämlich die Unabhängigkeit und Sicherheit zu Pferde. Die Unabhängigkeit ist allerdings, falls die betreffende Dame nicht allein auf- und absteigen und sich nichts am Sattel ohne fremde Hilfe richten kann, sehr gering; aber wieviel Damen hegen den Wunsch, ohne Begleitung Reittouren zu unternehmen? Diejenigen, die es tun, können sich eben in allem helfen. Eine gute Reiterin, die auch Interesse für ihren Gaul hat, muß ihn selber satteln und aufzäumen können, wenn es nötig ist; eine genaue Kenntnis der Sattelung und Zäumung trägt nicht wenig zur Sicherheit und Selbstständigkeit bei. Auf dem Lande, wo manchmal niemand zu haben war, der mit einem Damensattel umzugehen verstand, habe ich mein Pferd oft ohne fremde Hilfe satteln müssen. Das Aufsteigen ohne Hilfe ist schon schwieriger; hat man ein frommes, gutmütiges Tier, das ruhig steht, so genügt es, dasselbe an irgend eine Erhöhung, eine Bank, einen Zaun oder eine Böschung zu führen, von wo es dann leicht ist, sich in den Sattel zu schwingen. Ist das Tier zu unruhig und tritt seitwärts, so empfiehlt es sich, einfach den Bügel lang zu schnallen und, in denselben steigend, sich in den Sattel zu ziehen, was nach einiger Übung recht gut geht. Graziös sieht es ja nicht aus, aber wenn niemand in der Nähe ist, geniert es nicht; das Pferd kehrt sich nicht daran. In puncto Sicherheit wird wohl jeder zugeben, daß es viel schwerer ist, aus dem Damensattel geschleudert zu werden, als aus dem Herrensattel; mit dem Hängenbleiben im Steigbügel ist die Gefahr in diesem wie in jenem Falle dieselbe, vorausgesetzt,daß die Reiterin einen Herrensteigbügel benützt – das einzig richtige – und nicht eine Menge Gummibänder oder gar großartige Sicherheitsvorrichtungen am Rocke hat. Geht ein Pferd durch, so kann eine Dame ebensogut die Gewalt über dasselbe wiedererlangen, wie ein Herr. Bei größeren Unglücksfällen, wie Stürzen von Reiter und Pferd, ist das Verhältnis das gleiche, es ist eben Glückssache, ob man heil davonkommt, da hilft einem die Zugehörigkeit zum starken oder schwachen Geschlechte gar nichts. Es liegt also kein Grund vor, den ebenso graziösen wie ausreichenden Seitsitz aufzugeben.«

Dieser Artikel, welcher meines Erachtens in jeder Beziehung sachlich ist und das Richtige trifft, hat in demselben Organ (Nr. 49, 1901) eine Entgegnung durch Dr. M. Senator, Frankfurt a. M., gefunden, welcher wieder den Reitsitz für die Damen befürwortet. Da er jedoch mehr vom reitsportlichen Standpunkt und ohne besonders neue Gesichtspunkte ins Feld zu führen geschrieben ist, so will ich nur dasjenige daraus hervorheben, was mir als besonders erwähnenswert erscheint.

»Was nun die sanitäre Frage betrifft, so befürchtet Verfasserin aus dem Herrensitz für die Damen erhebliche Nachteile; sowohl die inneren wie die äußeren Organe sollen leiden. Daß letztere durch die Reibung und den Druck entzündlichen Reizungen ausgesetzt sind, will ich nicht bestreiten; daß allerdings durch den sehr ähnlichen Sitz auf dem Rade, wo doch auch derartige Nachteile einwirken, die befürchteten Schädlichkeiten eingetreten sind, ist mir nicht bekannt. Verfasserin befürchtet ferner vom Herrensattel eine Lockerung und Dehnung der Bänder mit störenden Folgen für Gesundheit und äußere Erscheinung. Gerade diese Frage bedarf wegen ihrer enormen Wichtigkeit des erhöhten Interesses des Arztes und des Reiters, oder besser noch einer in beiden »Wissenschaften« erfahrenen Persönlichkeit. Ich selbst bin passionierter Reiter und will meineLiebhaberei nicht aufgeben, sollte ich auch von einigen üblen Einwirkungen nicht verschont bleiben (jede Passion erfordert eben Opfer), aber für eine gesundheitliche Übung in streng medizinischem Sinne kann ich das Reiten nicht ansehen.[F]Tatsächlich wird Lockerung und Senkung der Baucheingeweide begünstigt, wie ja schon die vermehrte Disposition der Reiter für Eingeweidebrüche beweist; aber ich glaube, daß diese Schädigungen im Reiten selbst, in der stoßweisen Erschütterung im Trabe namentlich, bedingt sind und daß Herren und Damen sich dem in gleicher Weise aussetzen. Daß die Folgeerscheinungen für den Frauenkörper schwerwiegender sind, ist gewiß (!). Sicherlich aber wird der freiere Sitz im Herrensattel, die bessere Möglichkeit, sich den Bewegungen des Pferdes anzupassen (z. B. der bequemere englische Trab) auch hierin günstig wirken. Daß der gespreizte Sitz nachteilig sein soll, will mir nicht einleuchten; ist denn die Drehung des Körpers im Damensattel gut zu heißen?[G]

Über den ästhetischen Standpunkt läßt sich schwer streiten. Ich kann an einer rittlings sitzenden Dame nichts Unschönes finden, weder im Profil noch in Vorder- oder Rückansicht.«[H]

[F]: Dieser Ansicht pflichten viele Ärzte und alte Reiter nicht bei. Wie Vielen wird das Reiten als besondere Kur verordnet? Der Verf.

[G]: Eine auf dem neuen englischen Sattel korrekt sitzende Dame nimmt infolge des Seitsitzes nur eine so minimale Drehung des Oberkörpers zum Unterkörper an, daß sie kaum erwähnenswert ist. Auch hat die bisherige Erfahrung nicht bestätigt, daß infolgedessen nennenswerte Störungen der Gesundheit eingetreten sind. Der Verf.

[H]: Daran können wir also abermals sehen, wie verschieden eine und dieselbe Sache beurteilt werden kann. Der Verf.

Alles in allem scheint mir die Antithese des erstangeführten Artikels nicht so überzeugend ausgefallen zu sein, wie es als Widerlegung erforderlich gewesen wäre!

Um aber endlich zum Schluß dieses Kapitels zu kommen, für welches mir noch reiches Material vorliegt, u. a. auch ein Artikel der nur von Damen redigierten französischen Zeitung »La Fronde«, welcher sich selbstverständlich für den Herrensitz ausspricht, bringe ich die aus fachmännischer Feder geflossene, im »Berliner Lokal-Anzeiger« enthaltene Antwort auf den Artikel des Fräulein Dr. Anita Augspurg, welchem ich meinerseits nichts hinzuzufügen habe. Meiner Ansicht nach enthält derselbe, in seinen wesentlichsten Punkten wiedergegeben, alles, was zu diesem Thema etwa noch gesagt werden kann.

»Es scheint gerecht und billig, das Für und Wider in dieser, die reitenden Damen lebhaft interessierenden Frage genau zu prüfen und mit gründlicher Fachkenntnis zu erwägen. Zuerst ist es nötig, festzustellen, daß es sich beim Damenreiten in der Stadt und Manege um andere Bedingungen handelt, als beim eventuellen Reiten in der Wildnis. In letzterem Falle lernen die Kinder und jungen Mädchen von früh an auf den verschiedenartigsten Sätteln in jedem Sitz das Reiten, so gut es eben geht, ohne Anspruch auf Eleganz. Die Anforderungen nun zu Nützlichkeitszwecken sind eben ganz andere, als die Reitkunst sie an die Damen in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zu stellen hat, bei denen das Alleinreiten wenig Zweck haben dürfte und zu mancherlei Unzuträglichkeiten führen kann.

Bleiben wir also zunächst beim Damenreiten in der Manege und zu Spazierritten und beginnen nun mit den Anforderungen, die der Schönheitssinn dabei stellt. Leider lassen sich die diesen Sinn nicht befriedigenden Eigentümlichkeiten des Damenreitens im Herrensitz nicht ganz leicht deutlich machen, ohne dieser Geschmacksrichtung zu nahe zu treten. Die Praxis würde das am besten selbst tun und das ästhetische Gefühl bald zurückverlangen lassen nach der weiblichen Reitart. Beleuchten wir diese letztere einmal an einem Beispiel, einer Schulreiterin im Zirkus, die mit mir wohl unzählige Herrenund Damen nur mit großem Vergnügen im Damensattel reiten sahen. In dieser Reitart fand ich nichts unschön, im Gegenteil schien mir gerade in diesem Sitz und in dem einfachen schwarzen Reitkostüm die ganze Grazie des Weibes erst zum Ausdruck zu kommen. Wie oben hatte ich das Gefühl, daß die Reiterin dem Pferd gegenüber machtlos sei. Daß es außerhalb des Rahmens der Manege auch minder schöne Erscheinungen im Damensattel gibt, ist außer Zweifel. Daran ist aber weniger der Damensattel an sich, als vielmehr die geringere Fähigkeit der Reiterin (bezw. die Figur! Der Verf.), die im Herrensattel selbstverständlich ebenso zur Geltung kommen würde, Schuld. Nicht jede Dame kann sich guten Sitz aneignen; das bleibt eben wie bei jedem andern Sport, so auch hier, individuell. Sicher aber ist, daß esviel leichterfür eine Dame ist, sich im Damensattel schön hinzusetzen, wie für einen Herrn dasselbe im Herrensattel zu tun. Auf der großen Sitzfläche des Damensattels kommt die Dame eben wirklich mit ihrer vollen Positur zum Sitzen, und deshalb wird es ihr verhältnismäßig leicht, den Oberkörper trotz der notwendigen ⅛ Rechtsdrehung gerade und graziös aufzurichten. Im Herrensattel ist die Sitzfläche eine viel kleinere, deshalb verliert der Herr so leicht durch Vor- oder Rückwärtsfallen mit dem Oberkörper den Anstand im Sattel, und deshalb wird das Balancieren schwerer. Im guten Balancieren aber liegt der Schwerpunkt der Reiterei, sowohl im Damen- wie im Herrensattel. Die Fähigkeit, im Damensattel leichter zu balancieren, also auch fester zu sitzen, gibt gerade der Dame die leichtere Hand, die ihr die weichere und beweglichere Lenkung des Pferdes ermöglicht. Ein Anklammern mit den Beinen am Pferd ist bei etwaigen Unarten desselben aber geradezu gefährlich, da ja gerade dieser Druck die treibende Hilfe ist. Ein geübter und unerschrockener Reiter wird freilich in einem solchen Falle durch besonders kräftige, nicht stoßweiser Anwendung der Schenkelhilfen seinPferd zum Gehorsam bringen. Das ist doch aber, wenn wir einmal ehrlich sein wollen, bei einer Dame illusorisch, dazu fehlt es der Dame fast immer an der physischen Kraft. Hierfür kann ich sogar einen Beleg anführen. Eine Dame aus der hiesigen Gesellschaft war nach langjährigem Reiten im Damensattel zum Reiten im Herrensattel übergegangen, und um sich leichter und ungestörter in diese neue Art hineinfinden zu können, ging sie mit einem mir als schwierig bekannten Pferd auf ihr Gut, nicht ohne daß ich vorher meine Ansicht darüber offen ausgesprochen hatte. Ein ungläubiges Lächeln war die Antwort. Als diese selbe Dame nach längerer Zeit hierher zurückkehrte, schien sie ihre Ansicht geändert zu haben. Sie ritt noch denselben Fuchs, doch nicht, wie ich vermuten durfte, im Herrensattel, sondern – wie einst – im Damensattel. Auf meine erstaunte Frage erhielt ich die bezeichnende Antwort: Vom Damensattel hat mich der Gaul nicht herunterbekommen, vom Herrensattel – dreimal! Die Dame ist nicht wieder zum Herrensattel zurückgekehrt. Eine andere Dame konnte man auf unserem schönen Reitplatze, dem Hippodrom, seiner Zeit mit großer Bravour im Herrensattel über sämtliche Hindernisse gehen sehen. Auch sie reitet längst wieder Damensattel. Welche Gründe zum Wechsel für sie maßgebend waren, ist mir unbekannt. Darum möchte ich zum Kapitel der geringeren Gefährlichkeit des Reitens im Amazonensattel doch ein ernstes, mahnendes Wort sagen. Nach meiner anfangs aufgestellten Beweisführung ist die Möglichkeit, sich vom Sattel zu trennen, im Herrensattel eine größere, wie im Damensattel. Und wenn nun auch an sich vielleicht das Sichtrennen vom Herrensattel in vielen Fällen weniger gefährlich sein mag, wie das Abfallen vom Damensattel, so ist doch auch im ersteren Falle ein Hängenbleiben im Bügel und damit verbundenes Geschleiftwerden sehr wohl möglich. Rechnen wir nun die größere Wahrscheinlichkeit des Abfallens vom Herrensattel mit hinzu, so dürfte sich dasFür und Wider in dieser Beziehung wohl ausgleichen. Einen Beweis, wie sicher und fest die Damen im Damensattel sitzen können, haben doch wohl unsere ausgezeichneten Schulreiterinnen gegeben. – Es scheint mir daher durchaus keine Veranlassung vorzuliegen, das Reiten im Damensattel irgendwie zu beanstanden, und möchte ich daher mein Veto gegen eine Änderung zugunsten des Amazonensattels nicht unausgesprochen lassen.«

Wie gesagt, ich schließe mich dem, was der umsichtige Fachmann hier ausgesprochen hat, voll und ganz an.

Eine der bekanntesten und besten Reiterinnen Englands, Miss Alice Hayes, die Gattin eines ebenso als vortrefflicher Reiter bekannten Offiziers, hat 1893 ein Werk über Damenreiten »The horsewoman, a practical guide to side-saddle riding« erscheinen lassen, welches sehr günstig beurteilt worden ist. Besonders gut in diesem Buche sind die Worte behufs Sicherung eines festen Sitzes im Sattel, ohne sich auf die Zügel zu verlassen. Die Verfasserin spricht nervösen Damen Mut zu, indem sie ihnen sagt, daß der Sitz im Damensattelsicherer, als der gewöhnliche Männersitz ist. Tatsächlich macht sie diejenigen, die das Reiten nach Männerart für Damen befürworten, lächerlich. – Soweit wollen wir uns nicht an der holden Weiblichkeit vergehen.

Sie aber, schöne Leserin, die Sie sich in dieses Kapitel mit Verständnis vertieft haben, mögen nun wählen, ob Sie sich für den einen oder den anderen Reitsitz entscheiden wollen. Wie wir gesehen haben, sind die mit so großer Verve für den Herrensitz angeführten Gründe zum größten Teil gründlich widerlegt – also: prüfet alles und das Beste behaltet!

Es ist von vornherein bei der Besprechung dieses Themas anzuführen, daß die Erscheinung der Dame zuPferde stets ein angenehmesharmonischesBild abgeben soll, wenn sie nicht der unliebsamen Kritik eines spottsüchtigen Publikums verfallen will. Dabei spielen die Regeln der Ästhetik eine besondere Rolle. Im allgemeinen braucht man ja einer wirklichen Dame in dieser Beziehung nicht viel zu sagen. Eine solche trägt in ihrem Wesen und in ihrer Geschmacksrichtung eine Eigenart zur Schau, welche in den meisten Fällen für sie paßt und vielfach auch gefällt, selbst wenn diese Faktoren manchmal aus dem Rahmen des alltäglichen oder althergebrachten Anblicks, bezw. der herrschenden Mode herausfallen. Direkte Geschmacksverirrungen sind auch seltener zu konstatieren, wenn auch die einmal – Gott sei Dank nur in sehr beschränktem Maße – s. Z. getragenen Hosenkostüme der Radfahrerinnen entschieden dazu gerechnet werden müssen.

Das harmonische Bild der Reiterin aber beschränkt sich nicht auf das Kostüm allein, die Figur muß sich auch mit dem Pferde verbinden, die Größe beider muß übereinstimmen. Eine Dame von Mittelfigur muß auch ein Pferd von solcher Figur reiten, eine kleine Dame ein kleineres, eine große ein größeres Pferd. Stärkere Damen – es hat das für die Amazone eine Grenze – müssen kräftige Pferde mit gutem Fundament, leichte schlanke Damen leichte Pferde mit leichten Gängen reiten. Sitz und Haltung müssen tadellos sein, so daß sich keine unliebsame Kritik daran wagen darf. Die Dame zu Pferde ist selbst heute noch, wo der Damenreitsport immer mehr in den Vordergrund tritt, eine dem Urteil der Menge verfallene Erscheinung, wenn sie nicht harmonisch wirkt. Es muß eben alles in den hier genannten Rahmen fallen. So sollte eine Dame, deren Figur aus irgend welchen Gründen nicht auf das Pferd paßt – in erster Linie ist hier von der Leibesfülle die Rede – sich nicht öffentlich zu Pferd zeigen. Das Reiten kann freilich eine ärztliche Verordnung, es kann besondere Passion sein – aber dann möge die DameWälder und Täler, fern ab menschlichen Treiben, durchschweifen. Mir ist eine derartig gestaltete Dame, welche noch dazu im Herrensitz ritt, in der Erinnerung, deren Erscheinung stets wahre Lach- und Spottsalven hervorrief – natürlich nur bei den weniger gebildeten Passanten – immerhin konnte auch der Mann der Gesellschaft nicht ohne ein gewisses Gefühl der Befriedigung darüber diese Reiterin sehen und ein Lächeln auf den Lippen unterdrücken.

Was nun dasKostüm der Dameanbetrifft, so muß ich leider konstatieren, daß esbei unsdoch noch recht viel zu wünschen übrig läßt. Man sieht nur wenig distinguierte Erscheinungen zu Pferde, selbst aus der Gesellschaft, die man leicht daran erkennt, daß sie von einem bekannten Gentleman oder einem Offizier chaperoniert werden. Die Damen erscheinen überwiegend oft – also mal zuerst im Sommer – fast im Negligé, also so wie sie auf dem Lande reiten würden, im Strohhütchen, heller Bluse und dunklem Rock. Das mag ja recht bequem sein, ist aber nicht schick. Man reitet eben auf der Promenade der Großstadt nicht so, wie beim Morgenspazierritt auf dem Lande.

Es ist eigentümlich, daß die Damen hierbei ein laisser aller an sich haben, welches sie für Promenade, Diner usw. für shocking erklären würden. Viele Damen werden mir darauf allerdings erwidern, daß wir hier in Berlin überhaupt keine Reitpromenade im Sinne des Bois de Boulogne und des Hydepark haben, aber wenn auch diese Einwendung gewiß nicht ganz ohne Berechtigung ist, so müssen – bis vielleicht in dem neuanzulegenden Volkspark Grunewald etwas derartiges geschaffen wird – der Tiergarten, der Kurfürstendamm und der Grunewald als solche gelten. Was irgendwie reitet, trifft sich doch vormittags dort.

Ich erachte es demnach, da Paris noch immer für die Moden der Damen auch auf diesem Gebiete maßgebend ist, für meine schönen Leserinnen interessant,zu erfahren, in welchem Ajustement die Dame im Bois de Boulogne nach dem Bericht einer französischen Dame zu Pferde erscheint.

Um mit dem Intimsten zu beginnen, so ist das einzig Elegante bei diesem Anzug ein Manneshemd von Baumwolle mit leicht umgebrochenem Kragen. Dieses Hemd muß zum korrekten schwarzen, blauen oder dunkelgrünem Reitkleid, wie es im Bois getragen wird – auch zum roten Jacket – weiß sein, darf jedoch zum Phantasiereitkleid kleine Muster – Erbsen, Kleeblätter, Streifen – haben. Diese Muster dürfen sich jedoch nur mikroskopisch präsentieren, sonst wirken sie abscheulich. Der Brustteil des Hemdes braucht nicht gestärkt, Kragen und Manschetten dagegen müssen hart wie Holz sein, während alles übrige sich schmiegsam anfügen muß.

Das einfache kurze Beinkleid aus weißem Tuch oder Floretseide wird im Schenkel sehr weit und unter dem Knie, wo es durch drei kleine Perlmutterknöpfe geschlossen wird, sehr eng getragen. Vom dritten Knopfloch reicht eine kleine Schleife aus demselben Stoff wie das Beinkleid bis zum oberen Rande des Stiefels.

Das Trikot ist vielleicht weniger schick wie dieses Beinkleid, aber unendlich praktischer. Im Winter muß es aus Seide, im Sommer aus sehr feinem Zwirn und immer von perlgrauer Farbe sein. Vornehmlich darf man keine Phantasie-Farbennuancen wählen. Vor allen Dingen muß man sich aber vor der Fleischfarbe hüten.

Das Trikot wird im Sitz, in der rechten Kniekehle und im rechten Knie erweitert angefertigt. Obwohl es nicht zu eng sein darf, muß es doch fest anschließen und darf keine Falte schlagen.

Man brauchekein Korsett, wenn man es irgend entbehren kann. Man benutze nichts, als ein enggeflochtenes Tragband aus Seide, um die Falten des Hemdes zu ordnen und das Beinkleid oder das Trikot festzuhalten.

Ist man ein Korsett zu tragen genötigt, so sei es schmiegsam undsehr kurz, damit es nicht auf denHüften scheuert. Dann sei es aus weißem schwedischen Leder lose geschnürt, keineswegs festanschließend und gar oben mit Spitzen besetzt, damit sich nichts unter dem Reitkleide markiert. Das mit einer Rüsche verzierte Korsett markiert sich stets auf dem Rücken des Kleides, und zu Pferde ist es noch mehr als anderswo von Wichtigkeit, daß alles glatt sitzt und nichts die Linien unterbricht.

Der Stiefel muß aus lackiertem Kuhleder oder dem gewöhnlichen Lackleder bestehen und im Schaft oben geschmeidig sein; das ist die Form des alten Stiefels nach Stallmeisterinart, welcher sich längs des Beins gut anschmiegt, und zu welchem ein sehr niedriger englischer Absatz gehört. Viele Damen tragen den Chantillystiefel, und das ist abscheulich.

Dieser Stiefel nämlich, der einzig elegante und praktische für die Herren, paßt ganz und gar nicht für die Damen, und zwar aus zwei Gründen. Erstens verunstaltet er den Knöchel und macht ihn plump, und zwar dermaßen, daß man in diesem Falle auf die entsetzliche lange Hose zurückzugreifen gezwungen ist. Der andere ist der, daß beim Traben der Rock sich in den zu harten Schaft zwängt und dann unangenehm auf dem Knie spannt. Der Stiefel dagegen muß im Spann so weit sein, daß er beinahe ausgeschlenkert werden kann.

Der Sporn sei gerade und kurz, aus Stahl, Nickel oder Silber, das Rädchen mit spitzen Stacheln versehen, denn der Sporn soll weder ein Spielzeug noch ein Zierrat, sondern vielmehr wirklich ein Hilfsmittel sein. Er wird mit einem kleinen Riemen aus sehr weichem Lackleder befestigt.

Die Busenkrawatte besteht aus weißem Batist oder aus solchem mit kleinen, kaum wahrnehmbaren Mustern; die Nadel ist einfach, ein Hirschhaken, eine Tiegerklaue, ein St. Georgstaler oder sonst eine goldene Münze, aber keine Nadel, die den Anschein eines »Kleinods« hat.

Als Kopfbedeckung wird ein schwarzer Seidencylinder oder ein solcher aus grauem Filz getragen. Niemals aber trägt die Dame, welche Anspruch erhebt, korrekt zu sein, irgend einen anderen Phantasiehut im Bois. Auf dem Lande ist das selbstredend gestattet. Der Hut von hoher Form braucht sich nicht nach der neuesten Mode zu richten. Er muß ziemlich hoch sein und darf keine flache Krempe haben. Im übrigen ist das einzige erlaubte Arrangement ein kleiner, grauer, schwarzer oder blauer, um den Hut gewundener Gazeschleier, Bänder aber oder irgend etwas »Flatterndes« sind nicht statthaft.

Der kleine melonenförmige Hut, der Matrosenstrohhut und selbst der Tirolerhut werden auf dem Lande getragen.

Zum Reiten werden die Haare geflochten oder gewunden und enganliegend getragen, was den Kopf klein macht. Nichts ist häßlicher als ein dicker Kopf, auf dem Pferde vielleicht noch mehr als anderswo. Man kann auch sämtliche Haare zusammendrehen, sie unter Freimachung des Nackens emporheben und unter den Hut stecken. Bei dieser Manipulation braucht man weder Schildpattnadeln noch -Kamm. Das hält ganz von selbst, den Fall, wo man den Hut verlieren sollte, ausgenommen.

Die Handschuhe seien aus weißem oder gelbem Hirschleder, aber niemals aus Hundeleder. Das ist gemein, unbequem und macht wahre Tatzen. Der Handschuh muß in den Fingern sehr lang, sehr geschmeidig und vornehmlich sehr weich sein, der Hand ebensoviel Spielraum zu lassen, als ob sie unbekleidet wäre.

Die Farbe des Reitkleides ist in Paris schwarz, dunkelblau oder dunkelgrün. Letztere Farbe ist jedoch so dunkel gehalten, daß man sie nur in der Sonne wahrnimmt. Der sehr kurze und durchaus glatte Rock aus schwerem Tuch darf, wenn man aufrecht steht, links nicht über den Sporn herabreichen. Rechts ist er wegen der für das Knie und das Horn erforderlichen Weiteviel länger und wird an dieser Seite, wenn man zu Fuß ist, hochgeknöpft. Die durchaus einfarbige glatte Taille endigt hinten in einen kurzen Schoß, die auf den Hüften aufstößt und vorn in einer stumpfen Spitze ausläuft. Der Schoß kann aber auch rund und kurzgeschnitten sein. Hier und dort werden die Taillen auch mit langen und abgerundeten Schößen getragen. Der Paletot zum Reitkostüm ist kurz und in der Art der Herrenpaletots gearbeitet. Schmuckgegenstände, Samtkragen, Schleifen oder Phantasieknöpfe werden niemals getragen.

Damit soll allerdings nicht gesagt sein, daß die deutsche Amazone sich durchaus nach diesen Angaben richtenmuß, wenn sie auch immerhin einen guten Anhalt gewähren. Aus meinem eigenen kleinen Erfahrungsschatze möchte ich aber noch einige Ergänzungen dazu machen.

Im Winter schützenseideneStrümpfe am besten gegen kalte Füße. Ein leinenes Taschentuch wird in die am Sattel angebrachte Tasche gesteckt. Für den Sommer dürfte ein Reitkleid aus weißer Leinwand nicht auf Widerspruch stoßen, zu dem auch ein weißes Hütchen – jedoch nicht von Strohgeflecht – sehr gut stehen würde. Über die Chaussure ist bereits gesprochen worden, doch sei noch besonders erwähnt, daß Knöpfstiefel absolut auszuschließen sind. Die Form der Taille ist zwar gegeben, doch pflegen junge und schlanke Damen am liebsten und für sie am vorteilhaftesten die anliegende Taille zu wählen, während für stärkere Damen die Jackett- oder blusenartige Form geeigneter erscheint. Bei beiden ist auf denkbar größte Bequemlichkeit zu sehen, vor allem auf genügende Brustweite, tadellos gearbeitetes Rückenstück und zureichenden Halsausschnitt. Die Ärmel müssen so weit sein, daß sie den Armen ohne den geringsten Zwang jede Bewegung gestatten. Ebenso müssen auch die Handschuhe zwei Nummern weiter genommen werden, als man sie gewöhnlich trägt. – Was dieLänge des Rockesanbetrifft, so trägt man am praktischstendas Reitkleid so, daß es mit der unteren Kante des Pferdebauches abschneidet, besonders wenn die Reiterin Jagd oder Terrain reitet. Dabei darf der Rock ja nicht faltig sein, sondern eng anliegend, muß jedoch so ausgebreitet werden können, daß das rechte Bein bequem über das Horn gelegt werden kann, ohne daß der Stoff sich zerrt und auf der Kniescheibe drückt. Daß nicht jede beliebige Schneiderin imstande ist, ein derartiges Reitkleid anzufertigen, ist selbstverständlich, hier können nur Spezialisten das Richtige treffen, wenn sie sich auch vielfach ihre Kunst unerfreulich hoch bezahlen lassen. Dennoch scheue man diese Ausgabe nicht; schon manche Dame hat sich aus Billigkeitsrücksichten ihr Reitkostüm anderswo anfertigen lassen und mußte dasselbe nachher als gänzlich unbrauchbar verwerfen. Ein solcher so ausgearbeiteter Rockfliegt niemals; zwei gewöhnliche Tuchbreiten sind für denselben ausreichend. Innerhalb des Rockes dürfen Raffer befestigt sein, damit die Dame, wenn sie abgestiegen ist und sich längere Zeit zu Fuß bewegen will, das Kleid schürzen kann, ohne mit dem Tragen die Hände zu beschweren, was auf die Dauer lästig wird. In England werden auch die sogenannten »Safety habits«, welche eigentlich nur eine Schürze bilden und gar keinen Stoff haben, wo die Hörner sitzen, empfohlen und gebraucht. Adressen für dieselben sind: W. Shingleton, 60 New Bond Street und Messrs. Thomas and Sons, Brookstreet, London.

Schließlich möchte ich es nicht unterlassen, der angehenden Reiterin noch einige Winke in bezug auf ihre Reittoilette zu unterbreiten, welche der berühmte ReitmeisterJames Fillisin seinem Buche »Principes de Dressage et d'Equitation« anführt.

»Die Reiterin verletzt sich sehr leicht, die geringste Falte in ihren Kleidern veranlaßt eine Hautabschürfung. Bei einem langen Ritt, besonders bei der Jagd, empfiehlt es sich, daß sie kein langes Hemd, sondern ein kurzes Hemdchen von sehr feinem Stoff trägt, welchesüber den Hüften befestigt ist. Der Kragen und die Manschetten müssen an dem Hemdchen festsitzen – nicht mit Stecknadeln befestigt sein, welche nicht sitzen bleiben, sondern herausfallen und stechen.

Ich rate dringend,keine langen Strümpfe anzuziehen; denn das Strumpfband ist immer ein Hindernis, oft sogar Ursache eines wirklichen Leidens, und kann ausgedehnte und schmerzhafte Verwundungen hervorrufen.Sockensind in jeder Hinsicht vorzuziehen; sie müssen sich vereinigen mit einemenganliegenden Unterbeinkleidaus weichem dehnbaren »Trikot« oder »Jersey« und gefüttert sein mit Seide, oder – noch besser – mit sehr feinem Hirschleder. Das Beinkleid, welches darüber gezogen wird, muß schmale Gummistege haben, damit es keine Falten schlägt. Derkurze Stiefel muß Gummizüge– keine Knöpfe haben, um Verwundungen und Quetschungen auf dem Fußspann zu vermeiden. Ich liebe nicht die hohen Stiefel; sie sind zu hart, können unterhalb des Knies verletzen und verhindern die Reiterin, ihr Pferd mit dem Bein richtig zu fühlen. DasSchnürleibchen(Korsett) muß sehr kurz und niedrig sein. Eine lange Korsettschiene (Schwippe) ist nicht nur unbequem, sondern wirklich gefährlich.

Ich würde glauben, mich entschuldigen zu müssen, weil ich in diese geheimen Einzelheiten der Toilette eindringe, für welche meine Urteilsfähigkeit zweifelhaft erscheinen könnte, wenn es sich nur um eine Frage der Eleganz handelte; aber alles, was die Ausrüstung der Reiterin angeht, betrifft auch ihreSicherheitund ihrWohlbefindenzu Pferde.

Ich habe soviele Frauen von einem Spazierritt schmerzerfüllt und leidend zurückkommen sehen, welche infolgedessen verurteilt waren, mehrere Tage auf der Chaiselongue zuzubringen, daß ich doch dahin gelangt bin, allen diesen anscheinend nebensächlichen Dingen eine größere Wichtigkeit beizumessen.

Freilich glaube ich, mich nicht auf Überdinge zu verirren, wenn ich empfehle, die Haare recht sicher zu befestigen. Die Dame, welche damit beschäftigt ist, ihren Hut oder Schleier festzuhalten oder zurecht zu setzen, denkt wenig an ihr Pferd, und man kann wohl sagen: Wenn sie ihren Hut verliert, ist sie nahe daran, auch ihren Kopf zu verlieren.«

Für längere Touren ist es praktisch, einen Reitmantel aus Plaidstoff (Cape) mit sich zu führen, der gerollt am Sattel befestigt wird, falls kein Groom mitreitet, da es immer unangenehm ist, plötzlich ausbrechendem Gewitter ohne irgend welchen Schutz preisgegeben zu sein.

In der rechten Hand wird eine kurze starke Reitpeitsche getragen, welche, wie schon angeführt, den über den Sattel gelegten rechten Schenkel des Herrn ersetzen soll, und der in Verbindung mit dem linken die betreffenden Hilfen für die verschiedenen Gangarten des Pferdes gibt.

Hat eine Dame erst festen Sitz gewonnen, so kann sie am linken Absatz einen kurzen Sporn mit scharfem Sternrad tragen.

muß man allerdings von vornherein voraussetzen, daß er mit allem vertraut ist, was nicht nur bei seinem eigenen, sondern auch vor allen Dingen beim Damenreiten von Wichtigkeit ist, um jeden Augenblick fertig und bereit zu sein, sowohl zu belehren, als auch praktisch einzugreifen, wenn es nötig ist.

Der Kavalier der Dame muß schon vor allen Dingen ein vollendeter Reiter sein, weil er gezwungen ist, seine Aufmerksamkeit stets auf seine Begleiterin und das dieselbe tragende Pferd zu richten, ohne dabei sich und sein Pferd zu vergessen. Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart würden seine unerläßlichen geistigen Gaben sein müssen, um im Moment der Gefahr das richtige Mittel zur Begegnung derselben unverzüglichin Anwendung bringen zu können. Er reitet zurrechtenSeite der Dame, weil er dort nicht mit den Beinen derselben in Berührung kommt, dicht heranreiten kann, um eventuell eine Unordnung im Ajustement auszugleichen, den Sattelgurt oder Bügel um ein Loch zu verändern, auch einmal, wo es nötig erscheint, bei der Zügelführung behilflich zu sein. Zu diesen Zwecken muß er verstehen, sein Pferd inzwischen mit derrechtenHand zu führen, welches wiederum so dressiert sein muß, daß es durch eigene Ungezogenheiten nicht auch das Pferd der Dame unruhig macht. Es wird vorteilhaft sein, daß der Herr bei schnelleren Gangarten sich um ein viertel der Pferdelänge hinter der Nase des Pferdes der Dame halte, um dieses nicht unnütz aufzuregen, und um, falls jenes wirklich einmal etwas heftiger werden sollte, ihm in kürzester Zeit in die Zügel fallen zu können. Unter Umständen wird er dagegen zu vermeiden haben, inkurzemAbstand hinterher zu jagen, weil dadurch das aufgeregte Pferd der Dame nur zu immer größerer Schnelligkeit angeregt werden würde. In solcher Lage ist die Dame allerdings ganz auf sich selbst angewiesen, denn vor einem Sturze würde sie ihr Kavalier doch kaum bewahren können, – und schließlich wird sie auch selbst bald wieder Herrin des Pferdes werden, welches, gewöhnt in Gesellschaft zu gehen, meist wieder zur Besinnung kommen wird, wenn es seinen Kompagnon nicht hinter sich hört. –

Ist die Reiterin im Freien noch nicht ganz sicher in der Führung ihres Pferdes, oder gibt das Pferd selbst zu irgend welchen Bedenken Anlaß, so empfiehlt es sich – um allen Eventualitäten vorzubeugen – daß der Kavalier das Pferd der Dame an einem Leitzügel führe, welcher in ein in die Trense des Damenpferdes eingeschnalltes Kinnstück – ev. mit einem Karabinerhaken – befestigt wird, dessen mit einer Schleife versehenes Ende der Kavalier in die linke Hand nimmt, oder über dieselbe streift. (Fig. 5.) Ich darf wohl annehmen, daß, wenn eineDame ihren Kavalier als einen Mann mit den eben geschilderten Eigenschaften kennt, sie mit bedeutend mehr Vertrauen reiten wird, als wenn sie in dieser Beziehung Bedenken hegen zu müssen glaubt. Natürlich spreche ich nur von Anfängerinnen, denn für solche ist dieses Buch ja nur geschrieben. Perfekte Reiterinnen werden genug Selbstvertrauen haben, um sich ganz auf sich selbst zu verlassen. –

Fig. 5.Führung des Damenpferdes am Leitzügel.

Fig. 5.Führung des Damenpferdes am Leitzügel.

Wenn eine Dame reiten lernen will, so ist es unbedingt nötig, daß sie sich mit dem Tiere, dem sie sich anvertraut, auch etwas näher bekannt macht. Das Pferd ist zwar keine Maschine, nichts weniger als das, aber auch jeder Maschinenführer muß die Technik seiner Maschine kennen, welche er führen soll, sonst gibts ein Unglück. Hier liegt die Sache ähnlich. Auch technisch soll und muß die Dame ihr Pferd kennen, selbst wenn es nur ein Leihpferd ist. Ist sie aber in der glücklichen Lage, ein oder zwei Pferde zu besitzen, so muß sie sich durch den Umgang mit derselben, auch wenn sie nicht zu Pferde steigt, – also z. B. durch öftere Besuche im Stall unter Darreichung von Leckerbissen und hauptsächlichSprechenmit dem Tiere – das Vertrauen derselben zu erwerben suchen. Wir werden noch darauf zurückkommen, jetzt uns aber kurz mit den technischen Benennungen der einzelnen Teile des Pferdekörpers bekannt machen.

Die Hauptteile des Pferdekörpers (Fig. 6) sind: der Kopf (I), der Hals (II), der Rumpf (III) und die Extremitäten (IV).

In bezug auf die Reiterei teilt man das Pferd in 3 Teile ein, und zwar in

A) die Vorhand: Kopf, Hals, Schultern, Brust und Vorderbeine –,

B) die Mittelhand: Rücken, Lendenpartie, Flanken und Bauch –,

C) die Hinter- oder Nachhand: Kruppe mit Schweif und die Hinterbeine.

Fig. 6.Zur Kenntnis des Pferdekörpers.

Fig. 6.Zur Kenntnis des Pferdekörpers.

Der Organismus des Pferdes ist zusammengesetzt aus demKnochengerüst, dem Träger des ganzen Körpers, welches durch dieBänderzusammengehalten wird, aus demMuskelapparatmit denSehnenundFlechsen, deninneren Organen, denBlutgefäßenund demNervensystem.

Die großen Beugesehnen, deren Tadellosigkeit für die Brauchbarkeit des Pferdes Erfordernis ist, liegen an der hinteren Seite der Röhren bezw. Schienbeine.

Es ist ganz zweifellos, daß das Pferd für den Dienst des Menschen sowohl als Reit- wie als Zugtier ganz besonders geeignet ist, weil nicht nur die Körperbeschaffenheit und die Gestalt desselben, sondern auch seine Charaktereigentümlichkeiten, seine Gutmütigkeit und Gelehrigkeit, seine Geduld und Genügsamkeit und ganz besonders sein schweigendes Erdulden jedes Schmerzes, jeder rohen Behandlung es dafür als besonders prädestiniert erscheinen lassen.

Zunächst ist in bezug auf die Charakteristik des Pferdes die außerordentliche Gutmütigkeit desselben hervorzuheben, welche selbst bei oft irrationeller und naturwidriger Behandlung, die ihm teils aus Unkenntnis, teils aus Indolenz, hin und wieder auch aus Böswilligkeit zu teil wird, seinen Weitergebrauch gestattet, bis Alter oder körperliche Gebrechen es dem Abdecker überliefern. Von Natur böse Pferde bilden die Ausnahme, und die durch schlechte Behandlung bös gemachten Pferde – was sich in Beißen und Schlagen äußert – sind in der Minderzahl, fast nur vereinzelt vorhanden; von dem Gebrauch durch eine Dame sind solche Pferde von vornherein auszuschließen. Das Pferd ist dagegen sehr empfänglich für gute, liebevolle Behandlung, sowohl im Stall, wie unter dem Sattel, es weiß sehr wohl Güte und Übelwollen zu unterscheiden, auch sein Benehmen seinem Besitzer bezw. Pfleger gegenüber danach einzurichten, weshalb Herr und Stallpfleger hierauf wohl zu achten haben.

Ist das Pferd zwar im wesentlichen ein Gewohnheitsgeschöpf von frommer, vertrauender Gemütsart, so ist es doch auch ungewöhnlich nervös, furchtsam, zeitweise reizbar und geneigt, einem Ding, das es erschreckt, heftig zu widerstreben, ja, durch nervöse Furcht manchmal von einem panischen Schrecken befallen, vollständig unlenkbar. Dabei versteht es geschickt die Unwissenheitoder Furcht derer, die es beaufsichtigten, zu benutzen. Es ist etwas langsam von Begriff, aber es ist »selten zu alt, um neue Streiche zu lernen«, und sein Gedächtnis ist so treu, daß es nie vergißt, was es einmal gründlich erfaßt hat.

Als Regel, die nur wenige Ausnahmen zuläßt, mag ferner gelten, daß es glaubt, ganz richtig zu tun; wenn es irrt, so geschieht es entweder aus Unkenntnis, Schmerz oder Schreck, seltener aus Eigensinn oder Bosheit. Dies scheint allgemein nicht bekannt zu sein oder wenigstens nicht beobachtet zu werden, denn von allen Tieren ist das Pferd das am wenigsten verstandene, das am strengsten beurteilte und am ungerechtesten behandelte; für das geringste Versehen, und sogar für solche, die es selbst gar nicht verschuldet hat, wird es gar oft grausam gezüchtigt. Ein gutartiges Pferd ist gelehrig bei der Dressur, zeigt Ausdauer im Dienst, selbst unter erschwerenden Umständen, ja bis zur Erschöpfung, und Geduld und Vertrauen im Umgange mit den Menschen. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß das Pferd infolge von Schreck oder Furcht leicht den Kopf verliert, durchgeht und dann allerdings lebensgefährlich wird. Man darf deshalb aber das Tier nicht gleich als geistig niedrig gestellt verurteilen, denn seine stete Bevormundung in tausendjähriger Sklaverei werden diesen intellektuellen Teil seines Selbst nicht vollständig zum Ausdruck gelangen lassen. Der bösartige Charakter zeigt Widersetzlichkeit gegen die Anforderungen der Dressur oder des Dienstes, Eigensinn und Stätischsein, Bosheit, Scheu und Schüchternheit. Die Allüren eines solchen Pferdes, welche in Stehenbleiben, Zurücktreten, Bocken, Ausschlagen, Steigen, dem Suchen nach einem Gegenstand, vor welchem es scheuen könnte, bestehen, lassen das leicht erkennen; der Blick hat etwas Unruhiges; das Ohrenspiel ist auffallend, die Stellung zeigt etwas Gezwungenes, Verhaltenes (Lauriges).

Pflege und Stallhaltung, und besonders auch das Putzen haben auf das Wesen des Pferdes einen ganzbesonderen Einfluß. Edle, feine Pferde, wie es die Damenreitpferde im allgemeinen sind, dürfen bei ihrer feinen Haut nicht wie Kaltblüter gestriegelt und gebürstet werden. Manche Pferde werden ganz rasend und nervös, schon wenn man sich ihnen mit dem Putzzeug nähert. Solche Pferde darf man ja nicht vielleicht durch Festlegen zwingen, sich dieser Prozedur zu unterwerfen, die für sie eine Qual bedeutet und auf ihren Charakter und ihr ganzes Wesen von sehr ungünstigem Einfluß ist. Sie werden im Sommer – wenn nötig – gewaschen, sonst aber nur mit einem Putzhandschuh von Pferdehaar abgerieben. Ferner möchte ich an dieser Stelle noch einfügen, daß man nicht gut daran tut, Pferde einen oder mehrere Tage im Stall ruhen zu lassen. Es wirkt das auf ihre Gesundheit ungünstig ein, auch auf ihre Dressur. Außerdem sind sie, wenn sie dann wieder herauskommen, stallmutig, was sich bis zur Ungezogenheit steigern kann. Beides ist für die Reiterei nicht günstig. Es wird sich daher empfehlen, wenn die Dame im Reiten pausiert, das Pferd auf andere Weise, sei es an der Hand, sei es unter einemgeschicktenReiter – bewegen zu lassen.

DasTemperament, welches wahrscheinlich seinen Sitz in der besonderen Nerventätigkeit des Pferdes hat, ist bei dem einzelnen Individium ebenso verschieden wie beim Menschen, wenn wir auch die Temperamente der Pferde nicht direkt in sanguinische, phlegmatische, cholerische und melancholische einteilen wollen. Jedenfalls zeigen sich bei verschiedenen Hauptrassen auch besondere Temperamenteigentümlichkeiten, ohne ihnen gerade einen direkten Stempel aufzudrücken, und dies zeigt sich hauptsächlich verschieden bei den edlen und den unedlen oder gemeinen Schlägen. Im allgemeinen kann man lebhaftes und träges Temperament, das erstere wieder in feurig und reizbar unterscheiden. Edle Pferde pflegen mit dem ersteren, gemeine mit dem letzteren ausgestattet zu sein. Eine gewisse Schüchternheitist allen Pferden eigen, doch habe ich gefunden, daß edle Pferde, auch wenn sie in ihrer Jugend zu Furchtsamkeit neigten, diese bei vernünftiger Dressur viel eher überwanden, als weniger edle Pferde. Letztere pflegen ruhiger im Wesen und in der Bewegung zu sein, aber auch hartnäckiger in ihren Fehlern. Das Geschlecht selbst zeigt auch einige Unterschiede im Temperament. Ist der Hengst lebhafter, so ist die Stute reizbarer, und besonders im Frühjahr glauben wir manchmal ein ganz anderes Pferd unter uns zu haben, als dasjenige ist, dessen Eigenschaften bezw. Eigentümlichkeiten wir kennen und vielleicht lieben gelernt haben.

Faule Pferde zu reiten, ist eine Qual, sie ermüden die Reiterin außerordentlich, ebenso aber sind auch zu lebhafte oder heftige Pferde unbequem, besonders wenn sie nicht Schritt gehen, sondern trippeln. Am bequemsten sind meist die Wallache, deshalb mag man beim Ankauf, wenn andere Gesichtspunkte nicht mitsprechen, auch darauf achten.

In allerdings sehr skizzenhafter Weise – tiefer darauf einzugehen, gestattet der Raum des Werkes leider nicht – hat die Reiterin jetzt das Pferd kennen gelernt.

Welche Hauptgesichtspunkte für die Wahl eines für die Dame geeigneten Pferdes maßgebend sind, soll in dem folgenden ausgeführt werden.

Die beiden Grundgedanken bei der Auswahl eines Pferdes sind die, daß eine Dame, die reiten will,gute Nerven und gutgerittene Pferde haben muß.

Allerdings gab es stets und gibt es noch heute unter den Damen Reiterinnen, welche diffizile Pferde, die selbst einem tüchtigen Reiter Schwierigkeiten boten, mit wunderbar geschickter, leichter Hand zu lenken und im Gehorsam zu erhalten verstanden.

Ebenso gab es und gibt es noch heute Damen, welche mit der Sicherheit und Kaltblütigkeit eines erfahrenenJagdreiters und mit diesen wetteifernd, den Hunden zu folgen vermochten, wie z. B. die Kaiserin Elisabeth von Österreich. Andere gute Reiterinnen ziehen eine Promenade im Tiergarten oder über freies Feld vor, ohne sich am Jagdsport zu beteiligen, der doch für Damen immer gefährlicher bleibt, als für Herren, denn ein Sturz im Jagdfelde ist nicht ausgeschlossen, und bei einem solchen vermag sich der Herr ungleich leichter vom Pferde zu trennen, als die vielleicht an den Hörnern hängenbleibende Dame.

Für alle diese Damen gilt als Grundsatz, nur Pferde zu reiten, welcheabsolut sicher auf den Beinen sind. Scheue, schreckhafte und heftige Tiere eignen sich, wie bereits am Schluß des vorigen Kapitels erwähnt, für Damen nicht, weil unerwartete Seitensprünge diese leicht aus dem Sitz bringen. Wert zu legen ist aufruhige, lange, gleichmäßigeundnicht harte Tritte im Trabe, auf einenwiegenden, weichen Galopp; auch derSchrittsoll lang und gleichmäßig sein, denn ein zackelndes Tier ermüdet die Reiterin außerordentlich. Hals und Kopf müssen normal gestellt erscheinen und in allen Gangarten muß das Damenpferdgut und leicht am Zügel stehen.

Will die Reiterin sich auch im Gelände bewegen, so ist die Art desSpringensgenau zu prüfen. Es gibt Pferde, welche im Hochspringen, wie der Hirsch, nur die Beine anziehen und so über das Hindernis fliegen, daß man den Sprung kaum fühlt, wie sie auch Gräben nehmen, als ob sie nur einen etwas verlängerten Galoppsprung machten. Anders als aus dem Galopp sollten Damen überhaupt nicht springen. Die so springenden Pferde sind die geeignetsten, stürmisch und vehement springende Tiere schon weniger; doch beruhigen sich heftige Pferde unter einer entschlossen reitenden Dame nicht selten, weil sie leicht geführt und nicht festgehalten werden. Ganz ungeeignet aber sind Tiere, welche vor dem Sprunge stutzen, um sich dann aus dem Stehenüber das Hindernis zu schleudern. Geschieht dies unerwartet, so ist das Resultat wohl, daß die Reiterin hoch im Bogen über des Pferdes Kopf und zugleich über das Hindernis fortfliegt, was, mit Grazie ausgeführt, unter Umständen sehr hübsch und dezent aussieht, aber nicht sehr beliebt ist. Erwünscht bleibt es eben, wenn Roß und Reiterin nicht getrennt, sondern innig vereint das Hindernis nehmen und danach unentwegt weiter galoppieren.

Nun gibt es noch eine recht erhebliche Anzahl von Reiterinnen, die durchaus nicht Reiterinnen sind, denen auch das Reiten und das Pferd Nebensache sind, und die nur hoch zu Roß auf der Promenade erscheinen möchten. Sie fühlen sich meist etwas unbehaglich auf dem Pferderücken (darf ich bitten, das erste Kapitel dieses Buches zu vergleichen?), und jede unerwartete Bewegung droht sie aus dem mühsam errungenen Gleichgewicht zu bringen. Diese Damen fürchten eigentlich das wilde Tier, dem sie sich anvertrauten, aber lächelnd und mit weiblicher Energie trotzen sie allen Gefahren des Reitsports. Nur sie selbst müssen sich gut zu Pferde ausnehmen und ihr Zelter muß natürlich auch nicht schlecht aussehen. Dazu darf ihn nichts aus seinem Phlegma bringen: keine ungeschickte Zügelhilfe, kein unabsichtlicher Schlag mit der Peitsche. Ruhig trabt er im Takte, den seine Besitzerin oft nicht zu finden vermag, oder geht seinen kadenzierten Galopp mit der Gleichmäßigkeit eines Uhrwerkes. Hat das Tierchen auch seine Studien nicht bei einem Jongleur gemacht, so muß es doch gut zu balancieren verstehen, damit, wenn die Insassin seines Sattels – die Bezeichnung als Reiterin scheint mir nicht zutreffend – in Gefahr gerät, das Gleichgewicht zu verlieren, das Rößlein ihr zu Hilfe komme. Das tun denn diese gutmütigen Tiere tatsächlich, weil die aus dem Gleichgewicht geratene Last – wie süß diese auch sei – ihnen unbequem wird; ist doch ohnehin unter einer nicht firmen Reiterin beimDamensattel die Gewichtsverteilung nicht die gleichmäßigste und bequemste.

Für diese letztbeschriebene Art der Damenreiterei ist also das Pferd zu empfehlen, welches man im Reiterjargon eine »alte Kuh« zu nennen pflegt. Ganz unbezahlbar wären diese leidtragenden Damenpferde, könnte man ihnen Rücken verleihen, die unempfänglich für jeden Satteldruck wären. So aber büßen sie einen Ausflug in den Grunewald gar häufig mit bösen Druckschäden, denn nicht alle Damen, die sich von kräftigen Männerarmen aufs Roß heben lassen, sind zart und schlank, und nicht immer sind der Sitz der Reiterin, die Lage des Sattels oder dieser selbst einwandsfrei. Wie selten aber wird daran gedacht, während der Frühstückspause die Gurten zu lösen, den Sattel zu lüften und zurecht zu legen! Während die kühnen Amazonen sich in fröhlicher Gesellschaft vergnügen, haben sie keinen Gedanken für das geduldige Tier, das sie dahin getragen und das nun angebunden dasteht, vom Sattel und von Insekten gepeinigt, gegen die es wehrlos ist, weil man ihm den Schweifabschlug. Beklagenswertes Damenpferd!

Wie erfreulich ist es dagegen, eine jugendlich schlanke und biegsame Gestalt sicher und voll Selbstvertrauen als Dame im Sattel sitzen und ihr Pferd wirklich reiten und mit leichter Hand lenken zu sehen. Diese Dame hat keine Veranlassung, an sich und den Eindruck zu denken, den sie auf das ihr begegnende Publikum macht. Sie weiß, daß sie korrekt sitzt, denn sie fühlt sich wohl auf ihrem Pferde, mit dem sie wie verwachsen ist. Sie hat auch Liebe zu ihrem Pferde, dem sie die erfrischende Bewegung in freier Luft, auch wohl manchen munteren Galopp querfeldein zu verdanken hat, der das Blut in Wallung bringt und die Nerven stählt. Eine solche wirkliche Reiterin wird auch die Winterzeit in der Bahn anwenden, sich selbst und ihr Pferd in der Reiterei zu vervollkommnen oder zubefestigen. Für diese in ihrer Reitkunst fortschreitende Dame wird bald ein ruhiges, tadellos gerittenes Damenpferd nicht das genügende Interesse bieten. Sie verlangt nach einem temperamentvollen, noch nicht ganz durchgerittenen Pferde, um es selbst zu arbeiten. Sie kauft es am liebsten im Herbst, um es bis zum Frühjahr für seinen Beruf zu schulen. Dennoch wird der Berater einer so passionierten und sicheren Reiterin sein besonderes Augenmerk darauf zu richten haben, daß das zu erstehende Pferd sich im allgemeinen als Damenpferd eignet.

Wie schon erwähnt, steht obenan die absolute Sicherheit des Ganges. Manche Pferde sind unsicher aus Ungeschick, obwohl sie gesunde, nicht struppierte Beine haben. Das Pferd soll temperamentvoll, aber es darf nicht nervös aufgeregt oder schreckhaft sein. Es darf kräftige Bewegungen haben, aber sie müssen gleichmäßig und elastisch sein, nicht kurz und übereilt, oder hart und stoßend. Das Gebäude des Pferdes muß möglichst normal, der Hals darf nicht zu tief angesetzt, die Verbindung zwischen Hals und Kopf muß ohne besondere Schwierigkeiten für eine richtige Stellung sein. Die Hinterhand muß kräftig aber biegsam sein, kurz, das ganze Pferd darf der Vollendung seiner Dressur voraussichtlich keine, in seinem Gebäude begründete und deshalb schwer zu überwindende Hindernisse bieten. Sonst würden der Reiterin statt der erhofften Freude an seiner erfolgreichen Dressur nur Enttäuschungen bevorstehen.

Sonach bedarf die Auswahl eines Damenpferdes, auch für eine gute Reiterin, doch immer noch größerer Vorsicht und Sorgfalt als der Ankauf eines anderen Reitpferdes, zumal auch auf ein gefälliges edles Äußere hier ganz besonderer Wert zu legen ist.

Sind hiermit einige der beachtenswertesten Anforderungen für das Damenpferd skizziert, so ist doch notwendig, noch etwasintimer auf einige Punkte aufmerksam zu machen,welche mit dem Sitz der Dame und der Sattellage zusammenhängen.

Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß das Damenpferd infolge des Seitsitzes der Dame bezw. der mehr oder weniger praktischen Form des Sattels leicht gedrückt werden könne, und daß diese Satteldrücke, besonders am Widerrist, das Pferd nicht nur zeitweise unbrauchbar machen, sondern demselben unter Umständen auch geradezu gefährlich werden können. Es muß also alles geschehen, um dergleichen Satteldrücke zu vermeiden, und in bezug darauf seien einige Gesichtspunkte angeführt, welche bei der Wahl des Damenpferdes ebenfalls Beachtung zu finden haben.

Wenn schon die beste Reiterin es nicht wagen darf, jedes beliebige Pferd zu reiten, weil zu verschiedene Umstände dabei mitsprechen, die bei der Herrenreiterei nicht so schwer ins Gewicht fallen, so wird bei der angehenden Reiterin die Auswahl des Pferdes immer schwieriger. Obgleich der Damensattel einen sehr festen Sitz gestattet, so wird sich doch selbst die beste Reiterin immer ein wenig nach vorn beugen und verfügt daher nicht über die gleiche Bewegungsfähigkeit wie der Reiter.

Ein Pferd mit kurzem Hals und schlechter Sattellage – d. h. wenn der Sattel zu sehr nach vorn liegt oder rutscht – ist für eine Dame ungeeignet. Ein Damenpferd muß schräge, lang abfallende Schultern, also eine gute Vorhand haben, und sich gut bezäumen. Ein Mann kann einen Sterngucker reiten, eine Dame kommt fast ausnahmslos früher oder später damit zu Schaden. Da die Damen sehr hoch im Sattel sitzen, können sie die Arme nicht in rechten Winkel gegen den Widerrist bringen wie die Herren. Pferde mit sehr hohem, magerem Widerrist werden unfehlbar vom Sattel durchgedrückt. Manche Pferde drücken sich im Damensattel durch, soviel Mühe man sich auch geben mag, während sie im Herrensattel ohne jede Verletzung gehen. EinüberbautesPferd, bei welchem also die Kruppe höher liegtals der Widerrist, taugt ebenfalls nicht für die Dame, weil der Sattel nach vorn rutscht – eine Eigenschaft, die an und für sich sehr schwer abgestellt werden kann, da das Gewicht der Reiterin mehr oder weniger – je nach der Reitkunst der Dame – mehr nach jener Seite hin neigt, an welcher sich die Beine befinden. Wie gesagt, ein Gegenmittel dagegen gibt es nicht, denn der Herr hält – korrekten Sitz vorausgesetzt – den Sattel durch den Kniedruck einigermaßen im Gleichgewicht. Man kann sich auch davon überzeugen, daß ein lose gegurteter Damensattel sogar bis zum Bauche herumrutscht, während ein Herrensattel immer nur etwas seitwärts gleitet. Bei einem Damensattel liegt der Baum nicht so dicht auf dem Rücken wie beim Herrensattel. Dazu steht der Sattelknopf beim Damensattel höher, und wenn die Dame mit dem rechten Knie über dem Horn sitzt, befindet sie sich eben viel höher über dem Rücken des Pferdes wie beim Herrensattel. Es ist daher nötig, daß das Damenpferd einen breiten Rücken hat, denn auf einem flach gerippten Pferde wird der Sattel hin- und herrutschen. Der Rücken des Damenpferdes muß aber auch lang sein, weil es der Hörner wegen wünschenswert ist, den Baum recht lang zu haben. Ein kurzer Sattel wird der Reiterin zur Qual, und ein langer Baum erfordert einen langen Pferderücken. Näheres über den Sattel siehe in dem betreffenden Kapitel.

Wenn man alle diese Gesichtspunkte bei der Wahl eines Damenpferdes berücksichtigen will, so wird man die Erfahrung machen, daß das geeignete Pferd nicht in jedem Stalle zu finden ist, und daß der Auftrag, ein Damenpferd zu besorgen, zwar sehr ehrenvoll, aber recht verantwortungsreich sein dürfte.


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