Ich würde es bedauern, wenn eine Dame, welche es mit der Reiterei ernst nimmt, dieses Kapitel überschlagen würde. Wie ein Pferd unter dem Sattel geht, ob es leicht an der Hand steht, ob es unartig ist, ob es sich auf die Zügel lehnt oder gar Neigung zum Durchgehen zeigt, hängt vielfach auch von richtiger oder falscher Zäumung ab. Und eine wirkliche Reiterin sollte sich in dieser Beziehung, d. h. ob ihr Pferd richtig gezäumt ist, nicht von dem Urteil anderer abhängig machen, sondern selbst in der Lage sein, das beurteilen zu können.
Ich will versuchen, mich bei den dafür notwendigen Erklärungen möglichst kurz zu fassen, um die Leserin nicht zu ermüden.
DieTrenseist das einfachste, aus zwei Ballenstücken, die beweglich miteinander verbunden sind, und den beiden zur Aufnahme der Ballenstücke und der Zügel dienendenTrensenringenbestehende Gebiß. Die Trense wirktdirektauf die Laden des Pferdes, während die Kandare indirekt, d. h. hebelartig auf dieselben wirkt. Die einfache Trense dient zur Dressur des Pferdes und wird von der Dame nur alsUnterlegetrensezusammen mit der Kandare angewendet. Im allgemeinen wird die Unterlegetrense von der Dame nur gebraucht, um das Maul des Pferdes aufzufrischen, wenn es lange und fest am Kandarenzügel gestanden hat.
Fig. 7.Fig. 8.Kandare von vorn und von der Seite gesehen.
Zum Verständnis der technischen Ausdrücke in dem nachstehenden Abschnitt gebe ich, bevor ich fortfahre, die Zeichnung einer Kandare mit ihren Benennungen, von vorn und von der Seite gesehen (Fig. 7 und 8).
Wir gehen von dem Hauptgrundsatz aus, daß ein Pferd, je weniger es im Maule belästigt wird, um so angenehmer geht, und daß ein großer Teil seiner Fehler und Unarten, sei es unter dem Reiter oder der Reiterin, aus der Anwendung einer falschen Zäumung entsteht, und aus diesem Grunde ist besonders für Anfänger die Anwendung einerleichten, relativ schmerzfrei wirkenden Zäumungnur zu empfehlen.
Man spricht vonweichemund vonhartemMaul, es bedarf dies der Erklärung. Das eine oder das andere hängt vormalerst von der führenden Hand ab, indem in weicher Hand von vornherein fast jedes Pferd weichmäulig, wenn auch in fester Hand nicht jedes Pferd hartmäulig sein wird. Des ferneren ist ein weiches oder ein hartes Maul vom Bau der Zunge und der Laden abhängig. Wenn ein Pferd eine dünne Zunge und sehr scharfe, mit wenig Fleisch bedeckte Laden hat, so wird jeder Druck darauf naturgemäß schärfer wirken, als bei einem Pferde, bei dem eine dickere Zunge den Druck des Zügelanzugs teilweise auffängt und dessen Laden außerdem stumpfer, flacher oder mit mehr Fleisch bedeckt sind oder dessen Lefzen in das Maul hineinragen und die Laden mit bedecken helfen. In die Praxis übertragen, wäre also jedes Pferd, welches geringster Zügelhilfe willig nachgibt,weichmäulig,jedes andere, bei dem man mehr Kraftaufwand braucht,hartmäulig, – ein Umstand, zu welchem auch die Dressur, welche das Pferd empfangen hat, sowie sein mehr oder weniger fehlerhafter Bau wesentlich mit beitragen.
Die Faktoren, welche bei Beschaffung der Zäumung für ein Pferd zur Sprache kommen, sind demnach:
1. die Hand der Reiterin,
2. der Bau des Pferdemaules bezw. seine Sensibilität,
3. der Bau und die Dressur des Pferdes.
Von dem Bau des Pferdemaules kann man sich leicht überzeugen, wenn man dem Pferde das Maul öffnen läßt, die Zunge betrachtet und den Bau der Laden befühlt. Ist die Dame nicht sicher genug, um diese Untersuchung selbst vorzunehmen, so frage sie ihren Instruktor.
Auch pflegen Pferde, welche entweder mit schwacher Hinterhand behaftet sind oder nicht im Gleichgewicht stehen, ihr Gewicht auf die Vorderhand zu verlegen und gleichsam ihren Stützpunkt auf das Gebiß bezw.die Zügelfaust zu nehmen. Daß derartige Pferde hartmäulig erscheinen, liegt auf der Hand.
Was versteht man nun unter scharfer und leichter Zäumung?Die leichteste Zäumung stellt, wie schon angeführt, die Trense dar, weil die Wirkung des Zügels ohne Hilfe eines Hebels direkt auf die Lade geht; da die Trense aber für den Gebrauch der Dame nicht handlich genug ist, weil sie sich mit der linken Hand allein nur unbequem führen läßt, so bedient man sich der Kandare, welche einen beizäumend wirkenden, einarmigen Hebel darstellt. Ein richtig im Halse gestelltes und gezäumtes Pferd pariert auf die Hilfe des Reiters demnach in beigezäumter Stellung, d. h. mit aufgerichtetem Halse, die Stirn annähernd senkrecht zu Boden.
Fig. 9.Zur Kandarenwirkung.
Fig. 9.Zur Kandarenwirkung.
Die Kandare hat nachstehend beschriebene mechanische Wirkung (Fig. 9): Den Ruhepunkt des Hebels bildet das Auge (b), welcher durch die Kinnkette (d b) fixiert wird, weshalb man die letztere den Fixator der Kandare nennt. Das Mundstück (a) ist der Druckpunkt, der die Last anhebt, und in c liegt die Kraft, welche dorthin durch die Zügel von der Faust des Reiters aus geleitet wird. Der Oberbaum (a b) ist der kurze, der Unterbaum (a c) der lange Hebelarm. Der Unterkiefer (f) ist die zu bewegende Last, und in d liegt der Stützpunkt. Die größere oder geringere Wirkung liegt demnach in dem Verhältnis des Unterbaumes zum Oberbaum, also in der größeren oder geringeren Länge des ersteren, soweit nur die Hebelwirkung in Betracht gezogenwerden kann. Eine fernere Verschärfung der Wirkung liegt nämlich in der Form des Mundstücks und der Kinnkette, weil dieselben nicht nur Druck- und Stützpunkt bilden, sondern schmerzhaft auf die sehr empfindungsreichen Teile des Pferdemauls, auf denen sie ruhen, wirken. Wir werden später noch einmal auf diesen Punkt zurückzukommen haben.
Wenn beide Hebelarme gleich lang gemacht werden, so hat man nur eine indirekte Trensenwirkung. Wenn man den oberen Hebelarm ganz kurz macht und den unteren unverhältnismäßig lang, so entsteht ebenfalls ein Mißverhältnis. DerobereHebelarm gibt demnach immer das Verhältnis für die Länge des unteren, welcher ersterer wieder die Höhe des Unterkiefers haben muß, wenn die Kandare nicht durchfallen soll, und da dieser gewöhnlich 5 cm hoch ist, so wird die Länge des Oberbaumes – bis zum Kinnkettenhaken gerechnet – ebensoviel betragen müssen. Bei den meisten Kandaren (z. B. bei der Kavallerie) ist das Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum 1 : 2, was schon ziemlich scharf wirkt.
Fig. 10.Fig. 11.Fig. 12.StrotzendeDurchfallendeRichtig liegende Kandare.
Dasunrichtige Einlegen der Kinnkettein bezug auf ihre Länge gibt Veranlassung zu zwei Hauptfehlern, nämlich demStrotzenund demDurchfallender Kandare. In ersterem Falle, wo die Kinnkette zu fest eingelegt ist, bleibt die Kandare beim Zügelanzug parallel mit der Maulspalte stehen, wodurch ihre Wirkung zu scharf und unvermittelt das Pferdemaul beeinflußtund daher das Pferd schwer belästigt wird (Fig. 10). Der Zügelwinkel (b) wird sehr spitz und um so spitzer, je höher das Pferd die Nase nimmt. Eine ebenfalls falsche Wirkung findet im anderen Falle statt, wenn die Kandaredurchfällt(Fig. 11). Dies tritt ein, wenn entweder die Kinnkette zu locker eingelegt ist oder der Oberbaum nicht im richtigen Verhältnis zur Höhe der Laden steht, – zu kurz ist. Hierbei geht der Unterbaum beim Zügelanzug so weit zurück, daß der Zügelwinkel (b) sehr stumpf wird, wodurch die Hebelwirkung ganz verloren geht, da der Druck des Mundstücks nicht mehr gegen den Unterkiefer, sondern gegen den Maulwinkel wirkt, infolgedessen das Pferd nur gebremst und ihm das Kinn einfach abgequetscht wird.Richtig gezäumtist das Pferd, wenn beim Zügelanzug die Kandare mit der Maulspalte einen Winkel von 30 bis 35 Grad bildet, denn nur dadurch wird die Kandare in das rechte Verhältnis zur Faust gesetzt, daß der entstehende Zügelwinkel (b) ein rechter Winkel ist, der als Norm für eine korrekte Zäumung dient (Fig. 12). Beim Nachgeben fällt die Kandare wieder in ihre ursprüngliche Lage, parallel zur Maulspalte, zurück. Der Hauptfehler der Zäumung mit der Kinnkette ist der, daß sich Druck- und Stützpunkt des Hebelsgegenüberliegen, wodurch sie für das Pferd zu einer Eisenpresse der stärksten Art wird, welcher es, nicht auf Grund der oben angeführten mangelhaften Hebelwirkung, sondern infolge des unerträglichen Schmerzes, der ihm durch das Einklemmen des Kinnes zwischen Mundstück und Kinnkette bereitet wird, schließlich gehorcht, – manchmal aber auch nicht.
Es beruht danach der Unterschied zwischen einer scharfen oder leichten Zäumung:
1. In dem Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum.
2. In der Konstruktion des Mundstücks.
3. In der Wirkung der länger oder kürzer eingelegten, breiteren oder schmaleren Kinnkette. Je schmalerdiese ist, um so mehr schneidet sie in die Kinnkettengrube ein, dieselbe wund machend, so daß zu dem Schmerz im Maul des Pferdes auch noch dieser äußere kommt, der ihm unbeabsichtigt bereitet wird und den man deshalb mit der »falschen Wirkung der Kinnkette« bezeichnet. Je kürzer diese liegt, um so direkter wird jeder Anzug der Zügel auf die Laden wirken. Es ist deshalb anzuraten, eine breite doppelte Panzerkette zu wählen, solche eventuell auch noch mit Leder oder Gummi auszupolstern und darauf zu achten, daß dieselbe,gut eingedreht, so locker liegt, daß man bei nicht angezogenen Zügeln drei Finger hinter dieselbe durchstecken kann, ohne daß dabei der Oberbaum zurückgezogen wird. – Ich habe die Kinnkette zuerst besprochen, um ein für allemal damit fertig zu sein. Mich befriedigt ihre Wirkung nicht, sie ist und bleibt in der Hand nicht firmer Reiter oder Reiterinnen, besonders solcher, welche sich am Zügel festhalten wollen, ein Marterinstrument.
DieForm des Unterbaumsist ganz gleichgültig in bezug auf die Wirkung, sei derselbe nun gerade, nach vorwärts oder rückwärts gebogen, sobald der Endpunkt, also der Zügelring, wieder in die Richtung des Oberbaums, in die Perpendikularlinie fällt.
Ein Richten des Unterbaums vor oder hinter die Perpendikularlinie würde nur bei gewissen Halsbildungen die Dressur unterstützen können, doch würde es zu weit führen, dies hier ausführlich zu erörtern.
Fig. 13. Richtig auf dem Unterkiefer ruhende Kandare.Fig. 14. Unterkiefer-Durchschnitt mit Kandare.
Wir kommen damit zur Besprechung derKonstruktion des Mundstücks. Unter Zugrundelegung meines Grundsatzes, daß die Laden des Pferdes bei nicht ganz tadelloser Zügelführung möglichst vor unmotivierter Schmerzerzeugung zu schützen sind, bildet die Zunge selbst ein Mittel, dieselben vor zu heftigem Druck der Kandare zu schützen. Fleischig, knochenlos, nicht zu empfindlich, ruht die Zunge in dem durch die Laden gebildeten Zungenkanal, denselben zu beiden Seiten überragend, und kann sich infolge ihrer Beweglichkeitbeim Nachlassen der Zügel leicht von der Impression des Gebisses und der teilweise gehemmten Blutzirkulation erholen; sie bildet somit gleichsam ein Polster für die Laden gegen den Druck des Mundstücks. Man kann sich die Verschiedenheit der Wirkung auf Laden oder Zunge leicht dadurch zur Anschauung bringen, daß man sich z. B. mit einem Stock fest auf den Oberschenkel und dann auf das Schienbein drückt. Die Knochen, die den Unterkiefer bilden, haben eine ebenso scharfe obere Kante, wie das Schienbein, weshalb sich die Reiterin den Schmerz des Pferdes daselbst bei starkem Zügelanzug einigermaßen vergegenwärtigen kann. Das erste Erfordernis für das Mundstück wäre demnach der Fortfall der Zungenfreiheit. In diese soll sich der Theorie nach beim Zügelanzug die Zunge hineinpressen, damit der Druck der Ballen direkt auf die Laden geht. Daß dies aber unmöglich ist und außerdem auch noch zu anderen Unzuträglichkeiten führt, werden wir gleich sehen. Der Zungenkanal des Reitpferdes ist 2-2½ cm breit, die Zunge 4-5 cm. Wie wir an den Fig. 13 und 14 sehen können, welche erstere eine richtig im Maul auf dem Unterkiefer liegende Kandare darstellt (die innere punktierte Linie ist die Zunge), die andere den Durchschnitt eines Unterkiefers mit darauf ruhender Kandaredarstellt, würde dieselbe nur richtig im Maul liegen, wenn die Ballen auf den Kanten der Laden ruhen. Die Zungenfreiheit darf daher nicht so breit sein, daß sie über die Laden hinübergreift, wie es in Wirklichkeit so oft vorkommt, da dadurch ein sehr schmerzhafter meist einseitiger Druck durch die Winkel der Zungenfreiheit auf die Laden erzeugt wird; die Zungenfreiheit muß demnach mindestens 1 cm schmäler sein, als der Zungenkanal, nach den angegebenen Maßen also 1-1½ cm betragen. Wie soll sich nun die 4-5 cm breite Zunge da hineinpressen können? Das wird als Beweis genügen, daß die Zungenfreiheit ein Unding und zu beseitigen ist, abgesehen davon, daß sie, wie bereits angeführt, bei den so oft vorkommenden Verschiebungen einseitig drückt, also erst recht falsch wirkt. Das Mundstück wird nur richtig wirken, wenn es dem Bau des Maules gemäß eine geringe Biegung nach oben und vorwärts und in der Mitte eine Einsenkung für die Zunge hat (Fig. 15). Die Ballen müssen dabei recht stark und inwendig hohl sein, damit sie, gleichzeitig spezifisch leicht, möglichst viel Fläche auf die Laden bringen. Das Gegenteil davon, ein dünnes Mundstück mit Zungenfreiheit, eventuell noch mit einer scharfen Kante versehen, würde einesehr scharfeZäumung darstellen. Ist es nötig, die Zäumung zu verschärfen, so geschehe es durch Vermehrung der Hebelwirkung, also durch Verlängerung der Unterbäume, aber nicht durch eine Steigerung des Schmerzes im Maul. Ein schmerzhaft gezäumtes Pferd kann nur durch eine vortreffliche Reiterin geritten werden.
Fig. 15.Kandare mit Stahlrohr-Mundstück.Fig. 16.Der Pelham.
Das Mundstück muß so breit sein, daß es von jeder Seite des Maules ca. ½ cm heraustritt und die Lefzen nicht zusammendrückt.
Schließlich gibt es nochgebrocheneunddoppelt gebrochene Mundstücke, welche die Schärfe der festen Mundstücke aufheben oder wenigstens mildern sollen. Ich liebe sie nicht, weil der Druckpunkt, auf welchem der ganze Mechanismus basiert, erschüttert ist. Des ferneren soll die Zunge dadurch entlastet werden, dafür kneifen aber die Ballen im Verein mit der Kinnkette um so mehr um das Kinn herum, und schließlich wollen wir die Zunge ja gar nicht entlasten. Man nennt ein solches Mundstück, an dem sich gewöhnliche Stangen befinden, einegebrocheneKandare; befindet sich an demselben in der Höhe des Mundstückes noch ein großer Ring zum Einschnallen des Trensenzügels, einenPelham(Fig. 16), welcher ohne Unterlegetrense geritten wird.
Bei einer Kandare, die für die meisten Pferdemäuler und die meisten Fäuste passen soll, ist die Starrheit der Zäumung zu vermeiden, damit das Pferd möglichst viel Freiheit genießt und mit dem Gebiß spielen kann, weil es dadurch ein frisches Maul behält. Diesem Zwecke dient ein locker sitzender Ring statt des Stuhlloches, wie ihn z. B. dieSchreckensteinscheKandare führt.
Zum Einhängen der Kinnkette bediene man sich der vonTroschkeschenKinnkettenhaken, die so gerichtet sind, daß die Unterlegetrense sich nicht in dieselben einhaken kann, was bei den sogenannten Federhaken öfters vorkommt.
DasMaßnehmen für die Kandaregeschieht folgendermaßen:
Man hält ein etwa 15 Zoll langes Stäbchen an den Punkten, wo das Mundstück aufliegen muß, über die Zunge, faßt die Enden desselben mit den geschlossenen Fäusten und aufwärts gestreckten Zeigefingern und rückt mit beiden Händen auf demselben bis an die Lefzen des Pferdes, dieselben leicht berührend, vor. Dann nimmt man das Stäbchen aus dem Maul und läßt die so mit den Fingern markierteMaulbreitean demselben durch Einschnitte bezeichnen.
Zur Messung derLadenhöhestellt man sich, das Stäbchen mit der linken Faust haltend, an die linke Seite des Pferdes, gibt den Zeigefinger der Kinnkettengrube gegenüber unter die Zunge auf die Laden und bringt den gestreckten rechten Zeigefinger parallel zum linken in die Kinnkettengrube. Ihre Entfernung ergibt genau die Ladenhöhe, welche gleichfalls auf dem Stäbchen zu bezeichnen ist. Nach diesen beiden Maßen werden alle Teile der Kandare bemessen; die Breite des Maules gibt die Weite der Kandare oder Breite des Mundstückes, die Ladenhöhe die Höhe des Oberbaumes.
Endlich ist noch anzuführen, daß die Tiefe der Spaltöffnung des Pferdemaules auch verschieden zu sein pflegt, was mit bezug auf die Lage der Kandare im Pferdemaul zu berücksichtigen ist.
DieUnterlegetrensekann zwar die Lefzenwinkel berühren, soll sie aber nicht in die Höhe ziehen und muß ebenfalls eine der Breite des Mauls angepaßte Länge haben. Die Kandare liegt im allgemeineneinen Daumen breit über dem Hakenzahn, oder besser, da Stuten einen solchen nicht besitzen, dertiefsten Einsenkung der Kinnkettengrube gegenüber. Da nun die Trensenringe dicht über dem Mundstück aus dem Maul heraustreten sollen, hat man dadurch auch einen gewissen Anhalt für höhere oder tiefere Zäumung. Wenn ein Pferd eine kurze Maulspalte besitzt, so wird dieKandare ungefähr 2-2½ cm über den Hakenzahn zu liegen kommen, bei Pferden mit tiefer Maulspalte bis 3 cm – doch kann man diese auch tiefer zäumen. Pferde, welche mit der Nase sehr tief gehen, zäumt man höher, solche, welche mit derselben sehr hoch oder herausgehen, tiefer. Oberbäume, welche länger als 4½ cm sind, müssen etwas nach außen gerichtet sein, damit sie das Pferd seitlich nicht drücken.
Für die Praxis des Zäumens wäre unter Zugrundelegung des darüber Gesagten noch folgendes anzuführen: Hartmäulige Pferde soll man versuchen, mit leichterer Hand und leichterer Zäumung zu reiten und sich dabei nicht vor dem Durchgehen fürchten. Ein kauendes, leicht an der Hand stehendes Pferd wird nicht durchgehen, denn es ist gehorsam. Das Zungenstrecken oder Bläken ist eine sehr häßlich aussehende Angewohnheit, die wohl darin ihre Erklärung findet, daß die Muskeln der Zunge durch zu starken Druck des Gebisses eine gewisse Nervenlähmung erfahren haben, die bei erneutem Druck wieder eintritt. Man hat verschiedene Versuche zur Hebung des Übels durch Anbringung von Platten oder Spielwerken am Gebiß gemacht, doch dürften eine leichte Hand und eine zweckmäßige Zäumung das sicherste Mittel dagegen sein. Für Pferde, welche sehr tot im Maul sind, ist das v. Rueffsche galvanische Mundstück, welches durch Säurebildung zum Kauen reizt, oder das v. Kleistsche Porengebiß – mit Salz gefüllt – zu empfehlen.
Weichmäulige Pferde sind recht leicht zu zäumen. Man reite dieselben mit dem Stahlrohrmundstück, das Verhältnis des Oberbaums zum Unterbaum, höchstens 1 : 2. Bei Pferden, welche sich dem Gebiß entziehen, die Nase sehr tief stellen und hinter die Zügel kriechen, nehme man den Oberbaum ein wenig höher und den Unterbaum ein wenig kürzer, das zäumt hoch und herbei. Pferde, die die Nase strecken und den Kopf hoch tragen, kann man mit längerem Unterbaum tief zäumen, um dadurch die Nase herab zu bekommen.
Das Kopfzeug des Damenpferdes weicht in der Form nicht von dem Zivilkopfzeug des Herrenpferdes ab. Es besteht aus dem ledernen Hauptgestell, den Zügeln und den beiden Gebissen der Kandare und der Unterlegetrense.
Fig. 17.Das Kopfzeug des Damenpferdes.
Fig. 17.Das Kopfzeug des Damenpferdes.
Das an der Kandare befindliche Lederzeug (Hauptgestell, Fig. 17) besteht aus dem Genickstück a, dem Stirnriemen b, den beiden Kandarenbackenstücken c, den beiden Unterlegetrensenbackenstücken d, dem Kehlriemen e, dem Nasenriemen f, dem Kandarenzügel h und dem Trensenzügel l. An diesem Hauptgestell sind befestigt die Kandare g mit der Kinnkette i und die Unterlegetrense k. Die Lage des Mundstücks im Maul ist, es sei das hier noch einmal wiederholt, genau gegenüber der tiefsten Stelle der Kinnkettengrube, bei Hengsten und Wallachen, die einen Hakenzahn besitzen, etwa einenDaumen breit über demselben. Die Kinnkette, richtig eingedreht und so befestigt, daß das Trensenmundstück von derselben mit eingeschlossen wird, soll so lang eingehakt werden, daß man bei paralleler Stellung der Stangen mit der Maulspalte drei Finger bequem zwischen Kette und Unterkiefer hindurchstecken kann. Eine bessere Marke dafür gibt der angezogene Zügel nach der Richtung der Reiterfaust. Danach soll die Kandare mit der Maulspalte einen Winkel von 30-35° (vergl. Fig. 12, a) und zum Zügel einen solchen von 90° (dies. Fig., b) bilden, denn nur so kann die Kandare richtig auf den Unterkiefer einwirken, das Pferd richtige Anlehnung darauf nehmen.
Ist der Oberbau der Kandare höher als die Ladengräte des Pferdes – gewöhnlich beträgt diese Höhe 4½ cm – sosteigt die Kinnketteaus der Grube auf die höher gelegenen Knochenpartien und drückt dort. Der Kehlriemen ist locker einzuschnallen, damit er nicht kneift und die Atmung behindert. Der Nasenriemen, falls ein solcher überhaupt geführt wird, soll so angezogen werden, daß man auf der Nase bei geschlossenem Maul bequem drei Finger durchstecken kann.
Für Damen pflegt man das Zaumzeug, meist von hellem naturfarbigen Leder, etwas schmaler zu nehmen, wie das der Herren ist. Es empfiehlt sich das aber nicht, weil breitere Zügel gegen ev. Durchrutschen mehr Sicherheit bieten wie Leder, welches nur 1 oder 1½ cm breit ist. Öfter nimmt man auch statt des Leders einen aus farbiger Wollenschnur angefertigten, sogenannten arabischen Zaum, oder auch einen solchen aus geflochtenem Leder, – jedenfalls bleibt der einfache englische Zaum immer der vornehmste, wenn er folgendermaßen konstruiert ist: Die Farben des Sattels und des Zaumes müssen möglichst übereinstimmen. Es kommt das auf eine gute Pflege beider an. Die silbernen (ja nicht mit Leder überzogenen) Schnallen des Kehlriemens und des Kandarenbackenstücks liegen auf derlinkenSeite des Kopfes,rechtsdie des Kandarenbackenstücks und des Trensenbackenstücks. Am vornehmsten sind die Kopfzeuge, bei denen die Kandare nicht eingeschnallt, sondern in das (offene) Auge der Kandare eingehakt wird, während die Trense eingenäht wird. Der Reinigung wegen ist das letztere aber nicht besonders praktisch.
Bei dem sogenanntenParkzaumfehlen die Unterlegetrense und die Trensenzügel.
Schoenbeck-Kandare.Eine von mir konstruierte und bereits ziemlich verbreitete Kandare (Fig. 18), welche für die meisten Pferde paßt, daher ein angenehmes Reiten auch für im Maul sensible Pferde garantiert, oder solche, welche hinter die Zügel kriechen, mit dem Kopf schlagen, mit der Zunge bläken, dieselbe über das Gebiß nehmen usw., möchte ich nicht unerwähnt lassen. Die Konstruktion dieser Kandare basiert auf nachstehenden Erwägungen:
Die von mir beanstandeten Fehler der Kinnkettenzäumung sind folgende: 1. Druck- und Stützpunkt (Gebiß und Kinnkette) liegen sich gegenüber, wodurch eine Eisenpresse schärfster Art hergestellt wird, welche geeignet ist, die Laden zu zerbrechen und zu zerquetschen. 2. Diese Eigenschaft macht sie für die Hände mittelmäßiger Reiter ungeeignet. 3. Die Verpassung derselben bezw. das Suchen nach dem richtigen für Pferd und Hand passenden Gebiß ist zu schwierig. 4. Der Oberbaum wird in seiner reinen Wirkung als kurzer Hebelarm durch das Hauptgestell gehemmt, in welches er eingeschnallt wird, wodurch wiederum die Lage des Mundstückes im Maul eine unruhige wird. 5. Es ist für einen mittelmäßigen Reiter bezw. Reiterin, auch für deren Stalldiener, schwer, die Kinnkette genau so einzuhängen,daß die Kandare weder strotzt noch durchfällt, besonders da diesem so wichtigen Punkt meist wenig Beachtung geschenkt wird. Um die Konstruktionsfehler der Kinnkettenzäumung abzustellen, habe ich die genannte Kandare konstruiert, welche vom Königlichen Militär-Reitinstitut, sowie von einigen dazu bestimmten Kavallerie-Regimentern eine längere Zeit in Probe genommen, lobende Beurteilung erfahren hatte, und durch kriegsm. Verfügung bei der Armee in Gebrauch genommen werden darf.
Fig. 18.Die Schoenbeck-Kandare.
Fig. 18.Die Schoenbeck-Kandare.
Die Grundsätze, welche bei der Konstruktion dieser Kandare in die Erscheinung traten, sind folgende:
1. Eine genügend kräftige Hebelwirkung auf das Maul des Pferdes.
2. Beseitigung jeder unnötigen Belästigung bezw. Schmerzes im und am Maul des Pferdes, wie es bei Anwendung eines scharfen Gebisses in Verbindung mit der Kinnkette und besonders bei Führung durch eine schwere Faust meist der Fall ist. Graf Münster war der erste, welcher den Mut hatte, es auszusprechen, daß Kinnkette und Gebiß in Konkurrenz treten, um den Unterkiefer in einer eisernen Presse zu zermalmen, demnach dem Pferde innerhalb und außerhalb des Maules den wütendsten Schmerz zu bereiten, – und daß hierin hauptsächlich der Grund des Widerstandes des Pferdes gegen das Gebiß, vieler Unarten desselben und so vieler beschädigten Mäuler, gedrückter und gebrochener Laden usw. zu suchen sein dürfte.
An der von mir zur Hebung der oben angeführten Mängel zusammengesetzten Kandare ersetze ich vorerst die Kinnkette durch einen verschnallbaren Lederriemen, welcher durch zwei an der Spitze des Oberbaumes befindliche Stahlösen in annähernd rechtwinkliger Stellung zu der Stange erhalten wird. Hierdurch wird 1. eine reinere Hebelwirkung auf den Unterkiefer erzielt, 2. der Hauptstützpunkt des Hebels von der schwächsten Stelle, der Kinnkettengrube, höher, auf eine kräftigere Knochenlageverlegt, die ihm mehr Halt bietet, 3. die quetschende Wirkung der Kandare aufgehoben, da nur die faktische Hebelwirkung in Kraft tritt, 4. ein Klemmen der Lefzenwinkel, ein Durchscheuern unter dem Riemen, wie solches öfter bei der Kinnkette in der Grube vorkommt, vermindert, 5. einSteigender Kinnkette, 6. einDurchfallender Kandare unmöglich gemacht, 7. die sogenannte falsche Wirkung der Kinnkette auf die Grube fortgeschafft, 8. endlich kann die Kandare, einmal richtig verpaßt, kaum falsch aufgelegt werden, da weder beim Ab- noch beim Aufzäumen der Kinnriemen gelöst zu werden braucht, weshalb das Aufzäumen so schnell und leicht wie möglich erfolgen kann.
Des ferneren ist der Tragering des Oberbaumes an der Spitze desselben fortgefallen und durch einen beweglichen Ringan den Zapfenflächen des Mundstücksersetzt. Der Oberbaum dient daher nur als kurzer Arm des Hebels, wodurch die Hebelwirkung in präzisester Weise zum Ausdruck gelangt.
Als Mundstück habe ich das bereits beschriebene Stahlrohrgebiß ohne Zungenfreiheit gewählt, weil bei demselben Zunge und Laden zum Tragen desselben gleichmäßig in Aktion treten.
Der Oberbaum ist, dem leitenden Prinzip entsprechend, etwas länger geworden und etwas auswärts gebogen, um nicht zu drücken.
Die Unterlegetrense,welche außerhalb des Kinnriemens liegen muß, besteht nicht aus zwei, sondern aus drei Teilen, einem Zungenstück und zwei Ballenstücken, welche letztere etwas gewinkelt sind. Eine solche Trense kommt nicht unter das Kandarenmundstück, sie drückt und kneift nicht, ist auch keiner Veränderung ausgesetzt, daher für den Gebrauchnebender Kandare praktischer als die zweiteilige Trense.
Das Verpassen der Kandare hat sich nur auf die Breite des Mundstücks, die Länge der Scheren und das Einschnallen des Kinnriemens zu erstrecken, ist alsorecht einfach. Die Brauchbarkeit dieser Kandare dürfte bei Pferden, die noch nicht mit der Kinnkette gezäumt waren, hauptsächlich in die Augen springen.
Fig. 19.Hauptgestell der Schoenbeck-Kandare.
Fig. 19.Hauptgestell der Schoenbeck-Kandare.
Über das zu wählende Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum habe ich noch anzuführen, daß der Oberbaum stets 8 cm lang ist und daß die Kandare in dem Verhältnis von 2 : 3 und 4 : 5 angefertigt wird. Ersteres wird für die größere Anzahl von Pferden ohne besondere Eigentümlichkeiten genügen, letzteres wird bei sehr leicht am Zügel stehenden bezw. bei solchen Pferden, die hinter die Zügel kriechen und dabei den Kopf tief nehmen, seine Anwendung finden müssen. Das zu dieser Kandare besonders konstruierte Hauptgestell (Fig. 19) weicht in einzelnen Teilen etwas von dem gebräuchlichen ab. Es ist gleichzeitig mit einer Halfter in Verbindung gesetzt, in deren Ringen dieTrense eingehakt ist. Wenn man die Knöpfe des Stirnriemens löst, so kann man die Kandare vom Kopfe herunternehmen, so daß nur die Halfter oben bleibt. Beim Aufzäumen hat man zu beachten, daß die Unterlegetrense außerhalb des Kinnriemens zu liegen kommt. Das Zeug ist komplett oder in einzelnen Teilen durch den »Offizier-Pferde-Verein«, Charlottenburg, Fasanenstraße 24, oder auch von August Loh Söhne, A.-G. für Militärausrüstungen, Berlin, Wilhelmstraße 22, zu beziehen.
Fig. 20.Schoenbeck'scher Maulregenerator.
Fig. 20.Schoenbeck'scher Maulregenerator.
Da ich fand, daß diese Kandare oft die Unterlegetrense ganz entbehrlich machte, so habe ich auch ein Gebiß konstruiert, welches ohne eine solche zu benutzen ist, statt dessen aber à la Pelham Ringe zur Aufnahme der Trensenzügel führt. Auch dieses Gebiß,Maulregeneratorgenannt, hat sich bewährt und wird bei gut gerittenen Pferden besonders zu Jagd und bei Damenpferden verwendet (Fig. 20). Das Kopfgestell desselben ist das der einfachen Trense, also mit einem Backenstück.
Endlich möchte ich mir noch die Bemerkung gestatten, daß diese Kandare auch nicht Wunder zu wirkenvermag. Wenn man sie einem Pferde mit verrissenem, vernarbtem Maule auflegt, welches stets unter schärfster Zäumung gemartert ist, so verlange man nicht, daß dasselbe vom ersten Tage an nun wie umgewandelt gehen soll, obwohl selbst bei solchen Tieren gute Resultate erzielt worden sind. Wenn man aber junge Pferde von vornherein daran gewöhnt, so werden sie ein frisches Maul behalten und überhaupt nicht in Untugenden verfallen, deren Grund in falscher und zu scharfer Zäumung zu suchen und deren Behebung meist so sehr schwer ist. –
Es ist schon mehrfach darauf hingewiesen worden, welche besonders wichtige Rolle derSattelbei der Damenreiterei spielt. Nur der vorzüglichst konstruierte ist gerade gut genug, wenn Beschädigungen des Rückens der Pferde vermieden werden sollen. Es wird deshalb sich als nützlich erweisen, auf die maßgebenden Gesichtspunkte bei der Wahl des Damensattels etwas näher einzugehen.
Fig. 21.Fig. 22.
Fig. 23.Fig. 24.
Fig. 25.Fig. 26.Alte Damensättel.
Um zu zeigen, welche Veränderungen der Damensattel im Laufe der Jahrhunderte durchgemacht hat, bringe ich in Abbildungen einige alte Modelle (Fig. 21-26) nach Zeichnungen vom Maler M. Veit, welche in ihrer Deutlichkeit einen Vergleich ermöglichen, während Fig. 27 einen modernen Damensattel zeigt. Die größte Veränderung, welcher der Damensattel vor etwa 50 Jahren unterzogen wurde, ist die Anbringung eines an der linken Seite befindlichen, nach unten gedrehten sog. Jagdhorns, welches über dem linken Knie liegt, und dessen Erfindung Baucher zugeschrieben wird. Zuerst nur als Sicherheitsfaktor für Jagdreiten gebraucht, hat es sich nun gänzlich eingebürgert und den Fortfall des früher an der rechten Seite befindlichen, für die Dame unbequemen Hornes veranlaßt, welches mit dem an der linken Seite befindlichen, nach oben gerichtetenHorne die »Gabel« bildete, in welcher das rechte Bein der Reiterin ruhte und die einzige Stütze der Reiterin auf dem Sattel bildete. Wie unsicher aber dieser Sitz war, habe ich einst an meiner Frau gesehen, die eine recht gute Reiterinwar. Bei einer unvermuteten Lançade des Pferdes stand sie einfach neben demselben. Hier konnte also die Reiterin mit Leichtigkeit aus dem Sattel geschleudert werden. Seitdem das Jagdhorn angebracht ist, kann sich die Reiterin mit den Beinen – richtig eingeschnallter Steigbügel vorausgesetzt – an den beiden linken Hörnern durchaus festklammern. Aus diesem Grunde wurde das rechte Horn der »Gabel« überflüssig und konnte fortfallen, an dem sich die Reiterin bei der Zügelführung mit zwei Händen und auch sonst oft genug stieß.
Infolge dieses durch das Jagdhorn geschaffenen, von vornhereinsicherenReitsitzes, welcher kaum erlernt, nur geübt zu werden braucht, hat also die Dame einen bedeutenden Vorsprung vor dem Herrensitz, zu dessen Erlernung – wenn er allen Anforderungen genügen und für jede Bewegung des Pferdes sicher sein soll – Jahre erforderlich sind.
Bei der Konstruktion des Damensattels ist zuerst die Lage des rechten Beines in Betracht zu ziehen, welches niemalshöher, besser sogar etwas tiefer als der Sitz liegen darf, was für die Zügelführung sowohl wie für die gerade Haltung von besonderer Wichtigkeit ist. Ebenso wichtig ist die Anbringung des Jagdhorns sowohl wie die Form desselben. Es darf weder zu lang, noch zu kurz, am wenigsten aber zu geschweift sein und den Schenkel der Dameumfassen. Es würde sie das hauptsächlich im englischen Trabe, bei welchem sie mit dem Gesäß nicht auf dem Sattel bleibt, stark behindern, bei eventueller Trennung vom Pferde aber unter Umständen schwere Verletzungen herbeiführen; auch darf es wederzu tiefnochzu weit rückwärtsangebracht sein. Ist dann der Bügel so verpaßt, daß beide Kniee möglichst eng aneinander liegen, so ruhen beide Beine flach an der Seite, wodurch einer Verdrehung der Wirbelsäule sowohl wie dem »Hängen« an der linken Seite vorgebeugt wird. Dieser Sattel unterscheidet sich von dem älteren dadurch, daß ereinenflachenSitz hat (vergl. Fig. 27), während jener einen ausgearbeiteten Sitz hatte, in welchem die Dame tief saß, und demnach auch mit der Wirbelsäule eine größere Drehung zu machen hatte. Fig. 28 zeigt ein Pferd im Stalle unter dem flachen Damensattel, den Sitz der Dame auf einem solchen zeigte Fig. 4, während Fig. 3 den Sitz der Dame auf dem älteren Damensattel mit tiefem Sitz veranschaulichte. Man sieht daraus, daß die soviel angegriffene Drehung der Wirbelsäule bei dem flachen Sattel eigentlich ganz fortfällt.
Fig. 27.Moderner englischer Damensattel.
Fig. 27.Moderner englischer Damensattel.
Ferner sollte das Jagdhorn stetsbeweglichangebracht sein. Man kann es so für jede Dame am leichtesten verpassen, und die Reiterin kann sich bei längeren Ritten die Lage selbst ändern, wenn ihr etwas unbequem werden sollte. Bei kleinen Damen muß das Knie näher an das obere Horn herankommen als bei einer großen, die das Horn etwas niedriger braucht, weil sie es sonst nicht in der Gewalt hat. Sind bei einer kleinen Reiterin nämlich die Hörner zu weit auseinander, so hat das linke Bein nicht den richtigen Druck einige Zoll oberhalb des Knies, wodurch der Sitz sehr unsicher wird. Bei vielen Damenwird mit Rücksicht auf das elegante Aussehen das verstellbare Hornzu kurzgearbeitet, so daß es keinen Schenkeldruck hergibt. Oft wird die Schraube zu klein und zu fein gemacht. Sie muß aber genügend groß sein, weil sie sich sonst leicht losarbeitet. Ist das obere Horn zu hoch, so fällt das Reitkleid nicht hübsch darüber, ist es zu niedrig, so sitzt die Reiterin nicht fest.
Fast alle Damensättel haben einen zurückgeputzten Baum, über welchen die Sattelklappe fällt, um den Sitz eben zu machen. Die Kammer darf nicht zu hoch sein, um das Herumrutschen des Sattels nicht zu befördern und damit das rechte Knie der Dame nicht zu hoch kommt. Wie schon angeführt, darf dasselbe keinesfalls höher als der Sitz liegen, besser noch etwas tiefer, wenn die Dame bequem und angenehm reiten will. Jedenfalls aber muß die Kammerbreitgenug sein, um nicht bei dem meist nach links überfallenden Seitgewicht den Widerrist zu drücken.
Im allgemeinen bedarf derSitzdes Sattels des Maßnehmens, damit er weder zu lang noch zu kurz, auch nicht zu breit, jedenfalls aberflachundniedrigsei. Die Länge des Sattels wird sich demnach nach der Länge der Oberschenkel der Dame zu richten haben. Ruht das rechte Bein richtig – nicht allzu fest – an dem oberen Horn, so muß der Sattel so lang sein, daß der After desselben etwa 2½ cm hinter der Dame liegt. Ist das nicht der Fall, ist der Sattel kürzer, so kommt die Dame auf den Sattelkranz zu sitzen, was sie sehr unangenehm empfinden wird. Ist der Sattel zu lang, so leidet dadurch die Sicherheit des Sitzes, ebenso als wenn derselbe zu breit ist. Auch in diesem Falle kann die Dame keinen festen, anschmiegenden Sitz gewinnen, dieser wird im Gegenteil stets unruhig, daher für das Pferd sehr belästigend sein. Es soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, daß viele gute und erfahrene Reiterinnen den modernen flachen Sitz nicht lieben, sondern einen leicht geschrägten vorziehen,weil sie sich behaglicher darauf fühlen. Das muß den Damen überlassen bleiben, jedenfalls wird es immer unangenehm sein, eine alte, liebgewordene Gewohnheit plötzlich aufgeben zu sollen, ohne daß ein triftiger Grund dafür vorhanden ist.
Fig. 28.Damenpferd unter modernem Damensattel.
Fig. 28.Damenpferd unter modernem Damensattel.
Der Sattel soll möglichst wenig gepolstert sein, damit die Reiterin das Pferd besser umfaßt und weniger Gefahr läuft, hin und her zu rücken oder aus dem Sitz zu kommen, hauptsächlich aber, daß sie dem Pferderücken möglichst nahe sitzt, d. h. nicht zu hoch über demselben. DieTrachtenmüssen in bezug auf die Polsterung recht oft inspiziert werden, um beim Nachlassen derselben nicht Druckflecke zu erzeugen. Am praktischsten wird es sein, die Polsterung mitLederüberziehen zu lassen und ohneUnterlegedeckezu reiten. Zweifellos liegt der DamensattelohneUnterlegedecke viel besser und fester dem Pferderücken an, als mit einer solchen, daher wird auch ein Verrutschen des Sattels nicht so leicht eintreten. Des Ferneren macht die Unterlegedecke – es kann doch nur von einer solchen von Filz die Rede sein, da eine ganz dünne leicht Falten werfen und dann erst recht drücken würde – den an und für sich schon hohen Sitz der Dame noch höher, und es kommt doch, wie schon angeführt, darauf an, den Sitz möglichst nahe dem Pferderücken zu haben.
Unter Umständen könnte – besonders bei alten, nicht gut passenden Damensätteln –,eineUnterlage als nützlich in Betracht kommen, nämlich dieSchwammdecke, welche allerdings größerer Haltbarkeit wegen und zur Schonung der Polsterung des Sattels auf der oberen Seite mit einem leichten Lederüberzug versehen sein muß. Trotz allen guten Willens wird bei vielen Reiterinnen der nicht symmetrische Sitz zur Mittelachse des Pferdes und die daraus entstehende ungleiche Gewichtsverteilung bei ev. noch dazu kommender vorwärts geneigter Haltung die Gefahr eines Widerristdruckesziemlich nahe rücken, besonders in der heißen Jahreszeit und bei längeren Ritten. Hier dürfte die angefeuchtete Schwammdecke sich doch vielleicht als eine große Wohltat erweisen. Man bedenke nur die schweren Widerristschäden, welche unter Damensätteln besonders am Widerrist der Pferde entstehen, die nachweislich dann bis zu eines Jahres Länge zu ihrer Verheilung bedürfen. Wenn man die furchtbaren Eiterungen, die große operative Eingriffe und Einlage von Kanülen notwendig machen, gesehen hat, so kann man sich mitunter nicht genug über den Langmut der Pferde wundern, daß sie nicht bei solchen Qualen die peinigende Last der Reiterin mit einem radikalen Bocksatze in den Sand schleudern. –
Über das zulässige Gewicht des Damensattels ist viel gesprochen worden, doch dürfte sich dasselbe nicht unter 8½-9 Kilo herunterdrücken lassen. Immerhin – je leichter der Sattel, um so besser!
Leider ist es, wieder der ungleichen Gewichtsverteilung wegen, nötig, den Damensattel fester gurten zu müssen, als dies beim Herrensattel der Fall ist. Der leidigen Angewohnheit der Stalldiener, den Damensattel meist zu weit nach vorn aufzulegen, wäre energisch entgegenzutreten. Nach alledem kann man ersehen, wie notwendig es ist, daß das Damenpferd einen nicht mageren, aber hohen Widerrist und einen schlanken Rippenbau, also eine vorzügliche Sattellage besitzt. Ist das Gegenteil der Fall, der Widerrist gering und der Bauch stark gewölbt, so wird der Sattel stets nach vorn rutschen und damit locker werden. Er wird dann das Pferd drücken ev. mit der Reiterin herumrutschen. Dem Gegenteil, dem Zurückrutschen des Sattels, welches bei rundleibigen, flach gerippten Pferden vorkommt und fast unangenehmer wie das Vorrutschen ist, kann man am besten durch Anlegung einesVorderzeugesbegegnen, welches nebenbei auch, aus weißer Bandgurte angefertigt, das Pferd hübsch dekoriert. –
Demnächst hätten wir uns mit der Anbringung des Bügels und mit der Form desselben zu beschäftigen. Darüber läßt sich Herr B. A. D., ein bekannter, tüchtiger Fachmann in einer Fachzeitschrift folgendermaßen aus:
»Da das Damenreiten, besonders das Jagdreiten, in England eine ganz andere Rolle spielt als hier, so ist es begreiflich, daß dort die Konstruktion der Damensättel auf einer ganz anderen Stufe steht. Gewiß sind die hiesigen Sättel vom besten Leder und oft mit den schönsten Stickereien (ganze Eichenwaldungen) verziert, aber unpraktisch im Gebrauch, weil man hier noch zu wenig kennt,worauf es wirklich ankommt. Ist es doch z. B. nicht zu glauben,daß heute noch Damensättel gebaut und – empfohlen werden, deren Bügelriemen um das ganze Pferd herumlaufen und auf der rechten Seite befestigt werden! Etwas Sinnloseres gibt es überhaupt nicht.Wollte man etwas erfinden, wasmöglichst drückt, so könnte man es nicht besser machen als durch diesen Flaschenzug. Man bildet sich allgemein ein (vergl. Fig. 29), der bei a über eine Rolle laufende Bügelriemen zöge auch bei c nach abwärts. Da liegt der große Irrtum. Die Nachteile dieses Umlaufbügels sind:
1. Der durch den Flaschenzug hervorgebrachte ungeheure Druck auf dierechteSeite des Widerristes.
2. Nichts, was diesen Druck auf der anderen Seite ausgleicht. Wer sich hierüber praktisch belehren will, der schnalle den Bügel bei C los und halte ihn mit wenig Kraft nach oben. Dann bitte er die Dame, in den Bügel zu treten und sich darin zu heben. Er wird finden, daß er mit 1 Klgr. Kraft die 60-70 der Dame halten kann. Diese drückt aber mit Hilfe des Flaschenzugesviel mehr als nur mit dem Eigengewicht.
3. Die zusammenschnürende Einwirkung auf den Brustkorb des Pferdes.
4. Der Bügel ist bei dieser Einrichtung stets unegal, weil das Pferd bei verschiedener Arbeit sehr verschiedenenUmfang hat. (Bekanntlich schwindet auch nach einiger Zeit des von Hause Fortreitens der Bauch des Pferdes, d. h. der Gurt wird lockerer. Damit wird natürlich auch der Bügel der Reiterin länger. Die so sehr gerühmte Verschnallbarkeit des Riemens vom Sattel aus dürfte, nach Angabe hervorragender Reiterinnen, wertlos sein, da sie doch nicht Fingerkraft genug besitzen, um die Schnalle eigenhändig zu lösen und wieder festzumachen. Der Verf.)
5. Die Stelle des Riemens (Doppelriemens) bei a nutzt sich trotz aller Vorsichtsmaßregeln sehr schnell ab und ist daher niemals sicher. –
Danach hängt also der Bügel am besten in einer einfachen Krampe an der linken Seite des Sattels.«