The Project Gutenberg eBook ofDer Damen-Reitsport

The Project Gutenberg eBook ofDer Damen-ReitsportThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der Damen-ReitsportAuthor: Richard SchoenbeckRelease date: February 11, 2015 [eBook #48234]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This file was produced from imagesgenerously made available by The Internet Archive)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DAMEN-REITSPORT ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Der Damen-ReitsportAuthor: Richard SchoenbeckRelease date: February 11, 2015 [eBook #48234]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This file was produced from imagesgenerously made available by The Internet Archive)

Title: Der Damen-Reitsport

Author: Richard Schoenbeck

Author: Richard Schoenbeck

Release date: February 11, 2015 [eBook #48234]Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This file was produced from imagesgenerously made available by The Internet Archive)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DAMEN-REITSPORT ***

Bibliothek für Sport und Spiel

von

Richard SchoenbeckMajor a. D.Präsidial-Mitglied des Deutschen Sportvereins

Mit 50 Abbildungen

LeipzigGrethlein & Co.

Alle Rechte von der Verlagshandlung vorbehalten.

Spamersche Buchdruckerei in Leipzig.

Kaiserin Elisabeth von Österreich auf Merry Andrew.

Kaiserin Elisabeth von Österreich auf Merry Andrew.

DDer Damenreitsport wird in deutschen Landen nicht untergehen, er blüht im Gegenteil – zu Nutz und Frommen aller reitfreudigen Damen – lustig empor.

Vor mehreren Jahren hatte es allerdings den Anschein, als wenn das Fahrrad siegreich emporsteigend und jeden andern Bewegungssport überflügelnd, sich die Welt erobern wollte, und die Weisen des Fahrradsports erklärten unumwunden, daß damit die bisher unbestrittene Herrschaft des Pferdes als vornehmstes Luxus- und Sportmittel zu Ende sei. Die Erscheinungen, auf denen diese Ansicht basierte, waren allerdings danach angetan, sie nicht unmotiviert erscheinen zu lassen. Sie traten ganz besonders in Amerika, England und Frankreich hervor, wo die Tattersalls und Reitinstitute leer standen und deren Besitzer sorgenvolle Gesichter machten, denn viele ihrer Klienten und Pensionäre waren vom lebenden Roß auf das Stahlroß gestiegen. Dieses jedoch hat längst den Kulminationspunkt seiner Siegeslaufbahn überschritten. In der besseren Gesellschaft aber, – wenigstens bei uns in Deutschland – hatdas Fahrrad wohl nie recht festen Fuß zu fassen vermocht, und heute ist das edle Luxuspferd ein eben so gesuchter Artikel, wie er es stets gewesen.

»Wer nie im MorgensonnenlichtAuf flüchtgem, leichtbehuftem PferdeDen Wald durchflog – der kennt sie nicht,Die höchste Wonne dieser Erde!«

»Wer nie im MorgensonnenlichtAuf flüchtgem, leichtbehuftem PferdeDen Wald durchflog – der kennt sie nicht,Die höchste Wonne dieser Erde!«

»Wer nie im MorgensonnenlichtAuf flüchtgem, leichtbehuftem PferdeDen Wald durchflog – der kennt sie nicht,Die höchste Wonne dieser Erde!«

»Wer nie im Morgensonnenlicht

Auf flüchtgem, leichtbehuftem Pferde

Den Wald durchflog – der kennt sie nicht,

Die höchste Wonne dieser Erde!«

Tausende und Abertausende von Reitern werden die Wahrheit dieses Verses bestätigen. Aber nicht nur sie, sondern auch die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, denen es vergönnt ist, sich dieser edelsten aller Sportarten hingeben zu können, werden das tun, denn das Reiten ist nicht ausschließlich ein Vorrecht der Männer, war es zu keiner Zeit!

Von jeher haben sich auch Frauen zur Fortbewegung und zum Vergnügen je nach Bedürfnis der Reittiere bedient. Nur daß ehemals vielfach Notwendigkeit war, was heute ein ebenso angenehmer, wie gesundheitsfördernder Sport ist. Wagen waren beispielsweise im Mittelalter bei der Unebenheit, ja Unergründlichkeit – auch Unsicherheit können wir noch hinzufügen – der Straßen für längere Reisen außerordentlich unbequem, oft geradezu unmöglich zu gebrauchen, abgesehen davon, daß ihre Bauart noch höchst primitiver Natur war. Die Damen der besseren Stände mußten ihre Reisen deshalb zu Pferde unternehmen, und da sie unter dem Diagonaltrab des Pferdes arg zu leiden hatten – auch die Damensättel waren zu jener Zeit recht mangelhaft – dressierte man zu ihrer Erleichterung den Damenpferden, »Zeltern«, eine künstliche Gangart, den »Paß« an, bei dem statt der diagonalen Vorwärtsbewegung der vorderen und hinteren Gliedmaßen des Pferdes sie sich gleichseitig vorwärts bewegten, womit, gleich wie bei dem Kamel, eine zwar etwas schwankende, aber ungleich sanftere und daher für lange Touren bequemere Gangart erzielt wurde.

Daß die Reiterin übrigens auch schon in den dem Mittelalter voraufgehenden Jahrhunderten eine bekannte Erscheinung gewesen sein muß, geht aus der großen Zahl von rossetummelnden Frauen hervor, von denen uns Dichtung und Sage zu berichten wissen. So zogen, wie erzählt wird, um die Mitte des 12. Jahrhunderts dreihundert tapfere Jungfrauen wohlberitten mit Kaiser Konrads Kreuzheer ins heilige Land, und auch im Frieden taten sich deutsche Frauen oft genug in dieser chevaleresken Kunst hervor. Gern begleiteten sie ihre Herren und Gebieter auf die Hatz von Hirsch und Eber; als ganz besonderen Sport aber betrieben sie die Reiherbeize mit dem Falken. Freilich nicht immer mit Glück: beide Gemahlinnen Kaiser Maximilians, Maria von Burgund und Blanka Sforza, verloren dabei durch Sturz vom Pferde ihr Leben, ebenso erlitt Katharina von Medici dabei zweimal bedeutende Verletzungen.

Was den heut üblichen Quersitz der Damen betrifft, so scheint er vor dem 12. Jahrhundert nur ausnahmsweise angewendet worden zu sein. Wir haben allerdings keine Nachrichten darüber, wie die Frauen des Altertums zu Pferde saßen; wir wissen nichts davon, weder von Semiramis, noch Dido, Cloelia, der persischen Königin Rhodoguna, Zenobia, Cäsonia, den Frauen des Caligula, Hiera, der schönen Mysierin, den Frauen Palästinas usw. Amianus Marcellinus scheint anzudeuten, daß die Frauen nur auf einer Seite des Pferdes, so wie heute, gesessen haben; indessen ist es wahrscheinlich, daß in früheren Zeiten des Altertums die Frauen nach Männerart zu Pferde saßen. Es heißt, daß Anna, die Tochter eines böhmischen Königs, angefangen habe, sich eines Quersattels zu bedienen, und daß dessen Gebrauch dann sehr allmählich nach Deutschland und Westeuropa überging. Noch im 13. Jahrhundert scheint er nur hier und da als vornehme Sitte gern aufgenommen und erst im 14. Jahrhundert allgemeiner geworden zu sein. In den Kommentaren von Stowe lesenwir, daß Richard I., als er sich von den Rebellen von Kent bedroht sah, sich von Tower nach Milesend begab, zugleich mit seiner Mutter, welche krank und schwach war, und in einem Whirlikote fuhr, welcher als ein abscheulicher Wagen beschrieben wird, der aus vier roh miteinander verbundenen Brettern bestand. Das Jahr darauf heiratete er Anna von Luxemburg, welche den Gebrauch der Damensättel einführte. Gelegentlich der Beschreibung der Turniere sagt der um die Mitte des 14. Jahrhunderts lebende Chronist Keighton: »Eine große Anzahl Damen höchsten Ranges und von ausgezeichneter Schönheit wohnten diesen Turnieren bei. Sie sind in buntfarbige Tuniken gekleidet, halb von einer, halb von einer andern Farbe. Ihre Pelerinen sind sehr kurz, ihre Hüte bemerkenswert klein und auf dem Kopfe durch Schnüre befestigt. Ihre Gürtel und Börsen sind mit Gold und Silber verziert. Sie tragen kleine Degen (Dagues), vorn hängend, etwas unter der Taille. Sie reiten prachtvolle Pferde mit reichem Sattel- und Zaumzeug, und in solchem Aufzuge begeben sie sich von einem Ort zum andern, Turniere aufsuchend.« Ein englischer Chronist zur Zeit Richards II. erzählt, daß die damaligen Edeldamen hohe Mützen und Hüte und Roben mit langer Schleppe zu Pferde trugen und sich nach dem Beispiel der Königin Anna, die diese Mode zuerst in England einführte, des Seitensattels bedienten; »denn vordem ritten Frauen jeglichen Standes, gleichwie die Männer pflegen«. Der von Anna und ihren Nachfolgerinnen gebrauchte Sattel war übrigens nur ein einfaches Reitkissen, auf dem man wie auf einem Stuhl saß, wobei es die höfische Regel verlangte, daß die Reiterin das Gesicht gegen den Kopf des Tieres kehrte. In diesem Sitz, der eben so unsicher wie unbequem, und für die Führung des Pferdes ungeeignet war, sehen wir z. B. auf einem alten Kupferstich die neunzehnjährige Gemahlin des großen Kurfürsten, Luise Henriette von Oranien, abgebildet. (Fig. 1.)

Fig. 1. Der große Kurfürst mit seiner Gemahlin Louise Henriette von Oranien auf der Reiherbeize.

Fig. 1. Der große Kurfürst mit seiner Gemahlin Louise Henriette von Oranien auf der Reiherbeize.

Übrigens hat dieses Damenreiten, »gleichwie die Männer pflegen«, sich, wie aus Abbildungen mannigfacher Art zu ersehen ist, teilweise noch bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten, Beweis genug, daß diese Sitte vor dem Zartgefühl auch einer vorgeschritteneren Zeit Stand zu halten vermochte. So ist z. B. die Prinzessin Kunigunde zu Sachsen in dieser Weise im Schloß zu Koblenz abgebildet, und auch die Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen sehen wir auf einem alten Kupferstich im Herrensattel. (Fig. 2.)

Fig. 2. Prinzessin Friedericke Sophie Wilhelmine von Preußen auf Herrenart im Sattel.

Fig. 2. Prinzessin Friedericke Sophie Wilhelmine von Preußen auf Herrenart im Sattel.

Es ist ganz zweifellos, daß der Damenreitsport in neuster Zeit immer mehr an Anhang gewinnt, ganz besonders in den höheren und höchsten Ständen. Das Erscheinen der deutschen Kaiserin bei den Paraden zu Pferde in dem kleidsamen Kostüm ihres Kürassierregiments, eine bisher ganz ungewohnte Sitte, entfesselt stets ein wahres Entzücken bei dem Publikum. Auch die KaiserinFriedrich, die hier und da in der Uniform ihres Husarenregiments bei Paraden erschien, war eine vorzügliche Reiterin, ebenso wie ihre Tochter, die Erbprinzessin Charlotte von Sachsen-Meiningen. Bekanntlich war auch die unglückliche Kaiserin Elisabeth von Österreich eine der berühmtesten und unerschrockensten Reiterinnen der Neuzeit. Dabei kann es denn nicht ausbleiben, daß viele Damen der höchsten und hohen Stände dem gegebenen Beispiel mit Vergnügen folgen.

Allerdings sind dem Reitsport der Damenwelt, was seine Ausbreitung betrifft, Grenzen gezogen, denn der Kostenpunkt spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle, ebenso wie die geistige und körperliche Befähigung, die Figur und das Taktgefühl der Dame, also die Ästhetik – und zwar in weit höherem Maß, als bei den Herren. Wenn eine Dame nicht ganz einwandsfrei reitet und dabei eine in Figur, Haltung und Kleidung tadellose Erscheinung zu Pferde bildet, so ist sie dem unliebsamen Urteil des Publikums, das vielfach instinktiv das Richtige trifft, verfallen. Zeigt sich daher eine Dame öffentlich zu Pferde, so muß sie bereits in jeder Beziehung gefestigt sein und darf keine schülerhaften Allüren mehr an sich tragen, was beiläufig auch in bezug auf ihre eigene Sicherheit gefährlich wäre. Findet sich jedoch alles beisammen, ein gutes Pferd, eine elegante Figur mit graziöser Haltung, eine sichere Zügelführung, die jedes Ängstlichkeitsgefühl vermissen läßt, eine schicke, sportgerechte Bekleidung und ein elegantes Reitajustement, so bildet sie unter allen Umständen eine der sympathischsten öffentlichen Erscheinungen, die man sehen kann. Dazu gehört allerdings derSeitsitz, an den sich das Auge gewöhnt hat und der auch für die Sicherheit der Amazone vom equestrischen Standpunkt aus als am empfehlenswertesten erscheint.

Dabei möchte ich es allerdings nicht unterlassen, zu erwähnen, daß eine Dame, deren Mittel es gestatten, sich dem edlen Reitsport hinzugeben, nicht früh genuganfangen kann. Das ist also ein Avis für Eltern, welche ihren Kindern diesen eleganten, gesundheitfördernden Sport gewähren wollen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß von allen sportlichen Zerstreuungen denen sich die gegenwärtige Generation überläßt, keine der Jugend, wie dem reiferen Lebensalter lebhafteres und heilsameres Vergnügenverschafft, als der Reitsport. Nur durch frühes Anfangen allerdings wird die Möglichkeit geboten, einst voll und ganz die Reitkunst zu beherrschen und den außerordentlichen Genuß zu empfinden, den dasKönnengewährt. Ein späterer Unterricht kann nur selten ersetzen, was in der Jugend spielend erlernt wird, – ohne Unterricht, oder fast ohne einen solchen. Es wird stufenweise eine Geschicklichkeit erworben, die mit dem Kinde wächst und sich mit seiner Kraft entwickelt. Wenn der Wuchs es ihm gestattet, den kleinen Pony mit einem größeren zu vertauschen, und später mit einem Pferde, dann ist die junge Dame vollständig fähig, dasselbe in allen seinen Gangarten zu beherrschen. Außerdem liegt in der Hand der Dame, die an das Landleben gewöhnt ist, und die ihre Reitübungen in der Kindheit begann, ein Grad der Bestimmtheit, die zu einer Übereinstimmung zwischen ihr und ihrem Pferde führt, wie er in späteren Jahren nur noch in selteneren Fällen erworben wird. –

Pardon, mes dames, wenn ich diese, Ihnen vielleicht etwas verblüffend erscheinende Frage voranstelle. Ich erwarte von Ihnen auch keine Antwort darauf, sondern werde – um als »männliche Partei« nicht boshaft zu erscheinen – die Antwort darauf einer bekannten französischen Schriftstellerin überlassen, die ihre Schwestern ziemlich genau zu kennen scheint, wenn sie das für einen Mann etwas heikle Thema in nachstehender Weise behandelt:

»Ehedem war die Dame zu Pferde eine Ausnahme. Heutzutage reiten fast alle Damen der guten Gesellschaft, und, was noch mehr, sie reiten meist gut. Aber – sie reiten aus recht verschiedenen Gründen.

Nur eine geringe Anzahl von Damen reitet zum Vergnügen. Diese, welche am seltensten sind, empfinden eine wahre Genugtuung, sich in einer schnellen Gangart davontragen zu lassen, oder in der so angenehmen Gleichförmigkeit einer gutgeregelten Gangart, vorwärts zu streben. Sie finden, daß man zu Pferde besser atmet, daß die Luft frischer erscheint, oder daß keine andere Körperübung mit der des Reitens verglichen werden kann. Sie reiten, um zu reiten, und nicht, um sich bewundern zu lassen, und sie lieben ebenso ein gutes Galopptempo in der Haide, fern von allen Augen, wie einen Morgenspazierritt in den Park.

Die Dame, welche zum Vergnügen reitet, wechselt gern ihre Pferde. Sie kümmert sich wenig darum, obdas Pferd, auf welchem sie sitzt, sie »zur Geltung« bringt, – sie denkt nur daran, ihrPferdzur Geltung zu bringen. Es ist ihr gleichgültig, wenn man sagt: »Ich bin heute Frau F. auf einem Pferde begegnet, das ihr vorzüglich steht; sie war noch hübscher als gewöhnlich«. Aber sie ist vor Freude außer sich, wenn sie im Vorbeireiten die Bemerkung hört: »Ich weiß nicht, wie es Frau F. macht, aber dieser Schinder sieht nach etwas aus, wenn sie darauf sitzt.«

Sie liebt es, allein zu reiten, oder doch wenigstens mit Leuten, mit denen sie keine Umstände machen zu müssen glaubt. Sie plaudert gern, wenn sie ein schlechtes oder auch nur ein langweiliges Pferd hat. Hat sie aber ein gutes, so amüsiert sie sich mit ihm, und dieses Amüsement allein genügt ihr.

Sie liebt es zu springen, aber nur über natürliche Hindernisse. Das künstliche Hindernis mag sie nicht. Ebenso hart, wie sie gegen das Pferd ist, das auf der Jagd »refüsiert«, so viel Güte wie Nachsicht findet sie in ihrem Herzen gegen dasjenige, welches vor einem künstlichen Hindernis scheut. Sie verabscheut die belästigenden Begleiter, welche sie gegen das Gebüsch oder den Bürgersteig drängen. Sie verabscheut die Begleiter, welche sich nicht mit ihr in einer Linie halten, und wenn sie etwas nervös machen kann, so sind es Leute, die ihr Pferd nicht vollständig in der Gewalt haben.

Besondere Kennzeichen: Die Dame, welche zum Vergnügen reitet, ist fast immer von einer blühenden Gesundheit. – Andere Damen reiten, weil sie es für schick halten. Diese beschäftigen sich einzig und allein mit dem Exterieur ihres Pferdes, der Form ihres Hutes, dem Sitz ihres Reitkleides und der Stunde, wo die Promenade mit Modekavalieren bevölkert ist. Sie fühlen sich auf dem Pferde sehr unglücklich und möchten die ganze Zeit über, welche sie auf demselben zubringen, fast weinen, – aber sie gehorchen demZwange der Mode und müssen sich alle Tage zur Promenadenzeit zeigen. Sie reiten zwar schlecht, aber sie sind davon überzeugt, daß sie, wenn man ihnen schmeichelt, niedlich, elegant und selbst graziös sind. Nur aus Eitelkeit, nur um sich bewundern zu lassen, und ohne irgend ein Gefühl für die Freuden der Reitkunst, liegen sie im Sattel. In ihrem Innern aber empfinden sie unwiderstehliche Furcht, wenn sie sich dieser Körperübung hingeben, die sie zu spät begonnen haben, um darin noch etwas leisten zu können.

Es gibt auch Damen, welche aus Reklame reiten. Diese sind nach der Schönheit ihres Pferdes und der Eleganz ihrer Kleidung zu bewerten. Das Amt oder Bankgeschäft ihres Gatten oder Vaters verraten sie oft in einem anscheinend unbedeutenden Detail. Sie reiten im allgemeinen recht mäßig und ohne Vergnügen. Sie würden lieber die Läden ablaufen, wo sie in der verhältnismäßig frühen Morgenstunde, die sie dem Sport widmen, viele Chancen haben, nicht gestört zu werden. Nur Talermillionären gestatten sie, sie zu begleiten. Man darf ihnen keinesfalls mit Leuten begegnen, welche weder ein großes Vermögen oder einen hervorragenden Titel besitzen, denn sonst wäre ja der Zweck, um dessentwillen sie in den Sattel steigen, verfehlt. Ihr Reitkleid, der Reithut, das Zaumzeug und der Reitstock sind von einer äußerst gesuchten und hypermodernen Vollendung.

Die Damen, welche ihrer Gesundheit wegen reiten, sind sehr zahlreich. Sie reiten, um mager zu werden, um stark zu werden, um ihre Gesichtsfarbe aufzufrischen, um Appetit zu bekommen, um Schlaflosigkeit zu bekämpfen usw. Indem sie sich nur ihrer Kur widmen, gehen sie dreiviertel ihrer Zeit so gründlich zu Werke, daß sie erbarmungslos alle friedfertigen Reiter durcheinander bringen. Für sie existiert das Pferd nur als Heilmittel, und an dem Tage, an dem sie mager oder stark geworden sind, an dem sie mit Appetit gegessen oderdie Nacht ruhig geschlafen haben, werden sie mit Freuden aufhören, sich einer Körperübung hinzugeben, die in ihren Augen nur ein Frondienst war. Aber so lange sie reiten, werten sie ihre Zeit gewissenhaft ab.

Dann gibt es noch eine Kategorie von Damen, nämlich solche, welche aus Nachahmungstrieb reiten. Diese reiten oft gut, weil sich bei ihnen mit der fixen Idee, einer intimen Freundin oder einer Klostergefährtin nachzuahmen, sehr schnell die noch fixere, sie zu übertreffen, vereinigt.

Sieht eine dieser Damen bei ihrer Freundin ein Reitkleid aus London, dann muß sie sich ebenfalls ein solches von dort kommen lassen. Besitzt ihre Freundin Alice einen Hengst mit Elefantenfüßen und einem Nilpferdkopf, dann wird sie nicht eher ruhen, als bis ihr der liebe Gatte ein Tier gekauft bat, das eher einem Rhinozeros als einem Pferde gleicht. Eine der Damen, denen sie öfter auf der Promenade begegnet, reitet auf einem kleinen Sattel, den man beinahe gar nicht sieht. Die Dame mit dem Nachahmungstrieb wird nicht schlafen können, bevor sie nicht ganz ohne Sattel reitet und so ihre Nebenbuhlerin übertrumpft.

Überaus viel zu schaffen macht dieser Kategorie die Abwechslung in den Reitkleidern. Alle Tage sucht man eine neue Mode aufzubringen oder ein System einzuweihen, welches der von der Nachbarin aufgebrachten Mode oder dem von dieser eingeweihten Systeme den Todesstoß versetzt.«

So, mes dames, ehe Sie nun das Pferd besteigen, um dem edlen Reitsport zu huldigen, wählen Sie, in welche der gezeichneten Klassen Sie sich einreihen wollen, – aber machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube!

Bevor eine Dame sich dem Rücken des Pferdes anvertraut, sollte sie sich darüber klar sein, in welcherArt und Weise sie reiten will, allerdings eine Vorbedingung, welche seit mehreren Jahrhunderten kaum zur Frage geworden ist. Aber die Emanzipierungsbestrebungen der Damen in neuerer Zeit auf allen Gebieten hat auch auf diesem eine Propaganda gezeitigt, welche nicht unbeachtet vorübergehen konnte, und ich halte es demnach für notwendig und meine Pflicht, diese Frage etwas eingehender zu erörtern.

In erster Linie erscheint es verwunderlich, daß für die – wir können mit vollem Recht sagen »antiquierte« – Reitart (im Reitsitz) einePropagandagemacht wird. Wir sollten meinen, es müsse dem eigenen Willen und – wie wir auch später sehen werden – der individuellen Körpergestaltung der Dame überlassen bleiben, ob sie von dem nun doch längst gebräuchlich gewordenenSeitsitz(Quersitz) abgehen und sich demReitsitz(à la cavalier) zuwenden will. Niemand wird sie daran hindern, wenn ihr gerade diese Art zu reiten Vergnügen macht. Ob es aberpraktischist, das ist eben die Frage, und wenn sie esfür sichals praktisch erachtet, so ist es doch noch eine große Frage, ob es auch füranderepraktisch ist. Eines schickt sich eben nicht für alle! Warum also Propaganda? Danach haben wir den Reitsitz der Damen von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus zu betrachten, und zwar erstens vomreitsportlichenüberhaupt, zweitens vommedizinischenund drittens endlich auch vomästhetischenStandpunkt aus.

Ich will dabei nicht nur meine eigene Ansicht, welche vielen Damen vielleicht nicht kompetent erscheinen könnte, in die Wagschale werfen, sondern möglichst international sein. – Bekanntlich sind England, Amerika, Frankreich und noch viele andere Länder unserem Deutschland auch mit Bezug auf den Damenreitsport noch weit überlegen, und so wollen wir denn auch Stimmen aus jenen Ländern hören – natürlich nur um zu lernen und dann das Fazit zu ziehen.

Wie schon eingangs angeführt, ging der zweifellos ursprüngliche Reitsitz der Damen zum Seitsitz über, nachdem die zunehmende Verbesserung des Damensattels diesen Sitz angenehmer und bequemer gemacht hatte. Aber – die Zeichen des neuen Jahrhunderts sind die auf allen Gebieten zunehmenden Emanzipationsbestrebungen der Damen – logischerweise mußten sie sich demnach auch auf den Reitsport erstrecken. Die Damen wollen es auch darin den Männern gleich tun und à la cavalier reiten.

Das ist nur – pardon, beinahe hätte ich wieder gesagt »logisch«, – doch kaum ist mir das Wort entfahren, möcht ich's im Busen gern bewahren! Denn, so leid es mir auch tut, es aussprechen zu müssen, einenanderenGrund, den bisherigen Reitsitz der Damen zu ändern, habe ich nicht finden können![A]Aber die Frage ist zur cause célèbre geworden, seitdem sogar die »Deutsche Medizinische Wochenschrift« – wie ich voranschicken will, leider nur in gänzlich unzureichender Weise, d. h. mehr vom sportlichen, laienhaften, wie vom wissenschaftlich medizinischen Standpunkte aus – sich damit beschäftigt hat. Es ist das eigentlich recht bedauerlich, denn die Gegner des angestrebten Reitsitzes können nicht mit diesem schwersten Geschütz dagegen vorrücken, bevor nicht die Wissenschaft gesprochen hat. Der praktische Reiter aber kann dann mindestens mit dem Maschinengewehr vorgehen. – Doch – wie immer – wollen wir den Damen den Vorrang lassen und ihre Forderungen nebst den Gründen dafür hören.

[A]: Confiteor, daß auch ich in früheren Jahren zu denen gehörte, welche dem Damensitz nach Herrenart das Wort geredet, und daß ich dieser meiner Meinung in älteren Schriften mehrfach Ausdruck verliehen habe. Seitdem aber bin ich infolge der mannigfachen Erfahrungen, die ich auf diesem Gebiete machte, vom Saulus zum Paulus geworden, und auf Grund dessen kann ich nicht anders, als mich ohne Einschränkung für den bisherigen Seitsitz der Damen zu entscheiden.

Als Erste erschien auf dem Kampfplatz, um gegen den bestehenden Seitsitz eine Lanze zu brechen, schwer gerüstet, aber mit offenem Visier, niemand geringeres als Fräulein Dr. Anita Augspurg, und der »Berliner Lokal-Anzeiger« hatte die Ehre, als Herold zu fungieren. Ich weiß nicht, ob die Dame selbst Reiterin ist, oder ob sie nur akademisch spricht – letzteres ist ja durchaus modern – jedenfalls tritt sie als eifrige Verfechterin des Herrensitzes auf, und ich will einige ihrer Sentenzen hier anführen, ohne ihnen deshalb durchaus zustimmen zu können. So z. B. kann ich mich durchaus nicht unbedingt ihrer Meinung anschließen, daß der Damensattel – wir kommen auf denselben später zurück – nach mehreren Jahrhunderten seiner Herrschaft (sic!) ein widersinniges Marterinstrument für Pferd und Reiterin sei.Doch nur unter Umständen!Mit Vergnügen aber stimme ich ihrer Ansicht bezüglich Verwerfung des Korsetts zu, dem ich – nach den Belehrungen meiner Frau – nur insoweit eine Berechtigung zugestehen kann, als es sich um das Tragen, bezw. die Befestigung der Unterkleider handelt. Da diese aber – es dürfen nur Reitbeinkleider getragen werden, die sich auch anders befestigen lassen – beim Reiten fortfallen, so kann es das Ungeschöpf wohl auch.

Wie schon angedeutet, ist Fräulein Augspurg denn auch der Ansicht, daß das Reiten im Herrensattelgesünder,gefahrloser,interessanterund vor allemschönersei, als im Damensattel.

Was das erstere betrifft, so kann ich nur sagen, daß ich unter den Hunderten von Damen, welche ich als Reitdamen kennen lernte, noch keine einzige gefunden habe, welche durch das Reiten im Damensattel ihre Gesundheit geschädigt hätte, außer einer einzigen, welche sich durch den Sturz aus dem Damensattel eine schwere Kreuzverletzung zugezogen hatte. Ein Sturz aber kann vom Herrensattel ausnoch viel leichtereintreten, wie wir es beiHerrenleider sehr oft hören und sahen.»Gefahrloser« – das widerlegt sich aus dem eben Gesagten von selbst. Jemand, der infolge langer Beine in der Lage ist, sich bei gewissen Bewegungen des Pferdes mit den Beinen an dasselbe anklammern zu können – sit venia verbo – reitet relativ gefahrloser, als ein solcher mit kurzen Beinen, der nur auf Balance angewiesen ist. Und letzteres würde doch in den meisten Fällen bei den Damen zutreffen. Beim Damensattel aber, wo beide Beine an den beiden Hörnern einen durchaus sicheren Halt finden, ist die Gefahr des Herabstürzens eine ganz bedeutend geringere. Ob esinteressanterist, im Herren- oder Damensitz zu reiten, darüber kann allerdings nur jemand ein Urteil fällen, der beide Reitarten ausübt; ich sehe jedoch nicht ein, weshalb die eine weniger interessant sein soll, als die andere. Undschöner– das ist Geschmackssache. Ich für meine Person finde eine elegante, gut sitzende und ihr Pferd anmutig führende Reiterin im Seitsitz interessanter undschöneraussehend, als eine solche im Herrensitz, die mich – als Erscheinung – gar nicht interessiert. Pardon! Also – darüber läßt sich streiten.

»Einem unvoreingenommenen Auge«, sagt die Verfasserin, »muß eine Reiterin im Quersitz (der Herrensitz ist gemeint!) gefälliger erscheinen, denn wenn man imstande ist, von der Gewöhnung zu abstrahieren und den Anblick, den sie im Damensattel bietet, ganz objektiv zu erfassen, so muß man diesen fast von allen Seiten für direkt unschön erklären. Von vorne wie von hinten gesehen, hat die Figur von Pferd und Reiterin eine unglückliche Kontur. Man sucht ängstlich, wo wohl der Schwerpunkt dieser Unform sich befinde; nicht ganz so schlimm ist es von der rechten, am erträglichsten von der linken Seite (na also!), zeigt uns aber der Zufall die Rückansicht einer »englisch« trabenden Dame, so fühlen sich Ästhetik und Anstandsgefühl in gleicher Weise gekränkt (na na!) und alle Grazien verhüllen entsetzt das Haupt. Hierbei ist natürlich nur dasanerzogeneAnstandsgefühl gemeint, das die Existenz bestimmter Körperteile, die es hier besonders zum Ausdruck gebracht sieht, nun einmal ignoriert wissen will. (Und unsre heutige Damenmode???)«

Ich bekenne offen, mich nicht zu jener Objektivität aufschwingen zu können, um mich dieser Auffassung anzuschließen. Im Gegenteil finde ich, daß z. B. eine graziös und korrekt englisch trabende Dame von allen Seiten ein äußerst sympathisches Bild abgibt, vorausgesetzt, daß sie eine gute Figur hat und tadellos reitet. Von Karikaturen brauchen wir nicht zu sprechen. Sobald aber in die Haltung der Damen eine Pose hineinkommt, welche wir nicht zu sehen gewöhnt sind – eine Dame pflegt doch auch sonst nie Spreitzsitz oder -Stellung einzunehmen – so wird das bald für die meisten Männer uninteressant, vielfach sogar widerwärtig. Dies allein schon sollte für die Damen maßgebend sein.

»Auch das ärztliche Urteil«, führt die Autorin ferner aus, »sofern es sachverständig ist hinsichtlich des Reitens, (?) bevorzugt stets den Quersitz (Herrensitz) für die gesunde Frau: Die wahrhaft verschrobene Haltung, die ein guter Sitz im Damensattel erfordert (sic!), hemmt die Zirkulation des Blutes und bringt für den noch nicht ausgewachsenen jugendlichen Körper entschieden ernstliche Gefahr des Verkrümmens und Schiefwerdens, für den voll Erwachsenen aber zum mindesten große Unbequemlichkeit, die man erst zu ermessen versteht, wenn man nach längerer Gewöhnung an den Quersitz wieder einmal den Damensattel probiert. Viele Ärzte gestatten ihren Patientinnen das Reiten nur unter der Bedingung, daß es im Herrensattel geschieht.«

Ein definitives ärztliches Urteil darüber steht wohl noch aus, obwohl – wie schon angeführt – die »Deutsche Medizinische Wochenschrift« sich in zwei Artikeln mit diesem Thema beschäftigt hat, leider nicht klinisch genug, um auch den hippologischen Fachmann zu befriedigen,der anders darüber denkt. Ich komme noch einmal darauf zurück.

Ich muß es durchaus leugnen, daß ein korrekter Damenreitsitz aufgutemDamensattel zu den angeführten Körperschäden führt. Ich führe wiederum die Hunderte von Reiterinnen an, die ich kenne – aber keine einzige ist krumm oder schief geworden, noch hat sie, infolge des Seitsitzes, irgend eine körperliche Verunstaltung erfahren. Ich habe selbst vielfach im Damensattel geritten, um mich von der Wirkung des Sitzes auf den Körper zu überzeugen, mich aber sehr bald und ohne die geringste Unbequemlichkeit zu haben daran gewöhnt. Gewiß, ich, als Herr, der ich mich von frühester Jugend an an meinen Sitz gewöhnt habe, würde nur ungern zum Damensitz übergehen, – vielleicht würde es auch eine Dame nicht tun, welche von Jugend auf als Herr geritten hat – im übrigen aber werde ich Damen, welche erst in späteren Jahren das Reiten lernen wollen, stets den Sitz auf dem Damensattel empfehlen.Das Reiten im Herrensitzist – bei dem in den meisten Fällen dafür ungünstigeren Bau des weiblichen Körpers –viel schwerer zu erlernen und wird, wiederum in den meisten Fällen, unvollkommener bleiben, als im Seitsitz.

Leider kann ich demnach wieder nicht mit Fräulein Dr. Anita Augspurg übereinstimmen, wenn sie sagt:

»Es braucht nicht erst eingehend dargelegt zu werden, welche Gefahren der Damenreitsitz für die Reiterin hat. Ich kenne vernünftige Väter und Gatten genug, die mit eiserner Konsequenz ihren weiblichen Angehörigen das Reiten ganz untersagen, weil sie als tüchtige Reiter und Sachverständige (?) sonst wegen der furchtbaren Gefahren des Damensattels (!) in steter Angst um ihr Leben schweben würden. Aber nicht nur die Gefahr, geschleift zu werden (welche beiläufig im Herrensattel noch viel größer ist! Der Verf.) oder mittels der Hörner sich schwere Verletzungen zuzuziehen (bei den neuen Sättelnfast unmöglich! Der Verf.) ist vorhanden, auch die Gewalt über das Pferd wesentlich geringer als im einseitigen Sitz (pardon, nur die Schenkelwirkung! Der Verf.), und die Reiterin ist infolgedessen wesentlich abhängiger von den Launen, Unarten, oder von dem Scheuen des Tieres: ein tückisches Pferd unter Damensattel zu reiten, ist immer eine Tollkühnheit.«

Das einzig Richtige an dieser ganzen These ist, daß die Reiterin, d. h. auch nur eine nur mittelmäßige, das Tier nicht so in der Gewalt hat, wie ein Herr. Ich bezweifle aber auch, daß die Reiterin im Herrensitz dieselbe Gewalt haben würde, wie der Mann. Ich habe Reiterinnen gesehen und gekannt, welche Pferde ritten, die für Herren höchst unbequem, ja gefährlich zu reiten waren. Das liegt zunächst an der Führung, ferner daran, daß die Pferde nicht mit den ihnen oft unbequemen Schenkeln gequängelt wurden. Im übrigen aber wird man für Damen, ob sie nun auf die eine oder die andere Art reiten, stets mit besonderer VorsichtzuverlässigePferdeohnebesondere Launen oder Unarten, und besonders mitgutem Maulaussuchen müssen, d. h. relativsicherePferde.Absolutsichere gibt es nicht. Passiert dann doch einmal ein Unglück, so werden eben ganz besondere, unvorhergesehene Geschehnisse die Schuld daran tragen.

Was dasAlleinreitender Damen anbetrifft, für welches die Verfasserin ebenfalls schwärmt, so kann ich mich wiederum nicht ihrer Meinung anschließen. Man mag es ja auf eigene Gefahr hin tun, aber es ist weder vorsichtig noch – schick. Wie eine Dame nicht ohne Kutscher oder Groom selbst kutschieren wird – ein solcher gehört nun einmal dazu, und die Damen sind doch sonst den Anforderungen der Mode gegenüber so sehr peinlich – so auch beim Reiten. Entweder ein Kavalier oder ein Groom. Wenn ganz korrekt geritten werden soll, so muß stets ein Groom, auch dem Paare, folgen.

Den Schluß des Artikels bildet eine begeisterte Dithyrambe auf den Herrensitz für Damen, welcher meiner Ansicht nach mehr demWollenwie demKönnengewidmet ist. Wir haben seit jenen Zeiten, als die Damen (noch) à la califourchon ritten, so unendliche Fortschritte auf allen Gebieten der Kultur gemacht, daß das Einnehmen des Seitsitzes zweifellos auch als ein solcher betrachtet werden muß. Es müssen doch selbst damals schon sehr dringende Gründe vorgelegen haben, um mit dem alten Brauch zu brechen und dafür den doch mindestens ungewöhnlichen Seitsitz einzuführen. »Nichts Schöneres, als sich selbst ein Pferd satteln und zäumen zu können, frei aufzusitzen und zu reiten, durch Wälder und Täler im sicheren Bewußtsein der vollen Herrschaft und Unabhängigkeit (Schritt, Schritt!), Rast zu machen, sich auf- und abzuschwingen nach Belieben: da kommt man zu seinem Tiere in ein weit vertrauteres, kameradschaftliches Verhältnis, das die Freude am vornehmsten aller Sports wesentlich erhöht. Möchte sich die kleine Gemeinde der Damen vom ›Amazonensattel‹ bald erheblich vergrößern!«

Das alles, meine Gnädigste, können Sie, wenn Sie eine perfekte Reiterin sind, auch im Damensattel haben. Nur vor dem »Selbstsatteln« möchte ich – für beide Arten – dringend warnen! –

Um nicht einseitig zu erscheinen, soll auch die Ansicht einer Dame in ihren wichtigsten Punkten gehört werden, welche, Renegatin geworden, d. h. zum Herrensitz übergegangen ist, für letzteren ebenfalls eine Lanze bricht. Frau Rittergutsbesitzer Happoldt-Langenöls schrieb seiner Zeit einem Sportblatt u. a. folgendes:

»Dem Damensattel will ich in gewissen Fällen die Berechtigung nicht absprechen. Er eignet sich für diejenigen Reiterinnen, welche der Abwechslung wegen, aus Modesache oder aus was sonst für Gründen (vergl. den Anfangsartikel, aus welchen Gründen eine Dame reitet! D. Verf.), ein Pferd besteigen, in günstigemTerrain, womöglich auf wohlgepflegten Reitwegen großstädtischer Parks ein Stündchen spazieren reiten. (Und die englischen Damen, welche die schweren Jagden mitreiten? D. Verf.) Das ist aber in meinen Augen nicht reiten, sondern Spielerei. Wer sich aber lediglich aus Passion in den Sattel setzt, bei nicht immer günstigen Boden- und Witterungsverhältnissen meilenweite Ritte macht, der wird sehr bald die großen Vorteile schätzen lernen, die der Herrensitz gewährt. Ich bekenne offen, daß, nachdem ich soviele Jahre ausschließlich den Damensattel benutzt habe, der veränderte Sitz mir anfangs Schwierigkeiten machte. Außer der Zügelführung war alles neu, der »Schluß« fehlte, und vor allem war die Balance eine ganz andere. Das Lernen wäre mir entschieden leichter geworden, hätte ich den Damensattel vorher nicht gekannt. Doch mit Lust und festem Willen läßt sich vieles erreichen. Ich habe unermüdlich geübt und mit meines Mannes Hilfe an mir gearbeitet, bis ich sicher war. Und jetzt möchte ich um keinen Preis den als praktisch erprobten und mir lieb gewordenen Sitz gegen den zuerst erlernten wieder austauschen. – – Bei langem Trabtouren kommt mir der Herrensitz ungeheuer zu statten, er ermüdet viel weniger, als der ehemalige Seitsitz. Und nun zum Hauptvorteil des Herrensattels! Welcher von uns wahren Reiterinnen liegt nicht das Wohl und Wehe ihres Pferdes am Herzen, als wäre es das eigene? Der einseitige Sitz mit der ungleichen Gewichtsverteilung, die selbst der allerkorrekteste Damensitz nicht vermeiden kann, strapaziert das Pferd ungeheuer, besonders auf langen Strecken, abgesehen von der trotz neuester Sattelkonstruktion immer noch bestehenden Gefahr des Gedrücktwerdens.«

Pardon, meine Gnädige, wenn ich mir da eine Einschaltung erlaube. Wir wollen – nochmals pardon – immer logisch bleiben. Daß der Herrensitz für dasPferdpraktischer ist, als der Seitsitz, ist ja eine von niemandem bestrittene Tatsache. Und daß man im Herrensitzunter allen Umständen technisch besser reitet, als im Seitsitz, hat auch noch niemand bestritten. Hier handelt es sich aber darum, ob eineDameim Herrensitz besser reitet, als im Seitsitz. Warum also offene Türen einrennen? Wenn dieeinzelneDame ihrer körperlichen und seelischen Veranlagung nach auf diese Weise sich auf dem Pferde wohler fühlt, so mag sie doch in Gottes Namen so reiten! Warum aber dafürPropagandamachen? Der weitaus größere Teil der reitenden Damen aber wird im Damensattel besser aufgehoben sein – jedenfalls sicherer, und ich will mich gar nicht scheuen, es auszusprechen: auch eine ganz hübsche Kollektion reitender Herren würden es sein, wenn es angängig wäre – denn zudiesemReiten gehört einKönnen, was nicht jeder erreicht oder erreichen kann. – Also nochmals:Einesschickt sich nicht für alle! –

»Die Darlegung meiner Ansichten und Erfahrungen«, so schließt Frau H. sehr vernünftigerweise, »soll durchaus nicht als Propaganda für den Herrensitz gelten, das liegt mir fern. Ich lasse jedermann nach seiner Façon selig werden. Die betreffenden Damen werden selbst am besten den für sie geeigneten Sitz herausfinden. Ich glaube selbst, daß von hundert Damen, die den Herrensitz erlernen wollen, neunundneunzig zu dem altgewohnten zurückkehren, denn, wie gesagt, so einfach ist die Sache nicht, es gehört fester Wille, Ausdauer, Ausdauer und abermals Ausdauer dazu (vorausgesetzt, daß der Körperbau der Dame überhaupt für diesen Sitz geeignet ist, der Verf.) und wenn wahre Passion die Triebfeder zum Reiten ist. Wem diese Eigenschaften innewohnen, der wird gleich mir für den Herrensattel stimmen.«

Na bravo, da sind wir ja einig!

In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, No. 46, 1901 findet sich ein K. S. und Dr. F. F. unterzeichneter Aufsatz, welcher dasselbe Thema behandelt, welcher zweifellos von einer Dame, vielleicht unter Assistenz eines Arztes geschrieben ist und der zu ganz entgegengesetztenResultaten kommt, wie die beiden bereits erwähnten Damen. Ich halte den Inhalt für wichtig genug, um ihn hier wörtlich wiederzugeben; und das um so mehr, als hier auch der ärztliche Standpunkt endlich einmal ein wenig mehr in den Vordergrund tritt.


Back to IndexNext