11. Die Reisenden.

[4]Da kommt eine hohle Brandung angegangen, laßt sie liegen vorn. – Es ist eine schwache Brandung! Hurrah, hin durch sie.

[4]Da kommt eine hohle Brandung angegangen, laßt sie liegen vorn. – Es ist eine schwache Brandung! Hurrah, hin durch sie.

Ei, Bürger, warum wollt ihr dem Feste auf dem Marsfelde nicht zuschauen? fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Ballustrade, und lauerte der Antwort entgegen.

Weil wir schon Staub genug geschluckt haben, und weil uns dürstet, ward ihm zur Antwort.

Was ist das für eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Bürger? fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend.

Ein Ueberrest der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du sie nicht verstehst, Bürger!

Bürger, ich glaube nicht, daß ihr Franzosen seid? fuhr jener fort. Doch ich werde mit euch gehen, mich dürstet auch.

Na, denn nem man jarst diar jahn üp, Üppasser![5]schrie mit starker Stimme der Hinterste ihm zu, und im Nu lag der Franzose drunten im Strombette der Seine und plätscherte puhstend, rufend und fluchend in den Wellen.

[5]Nun, so nimm nur erst einen drauf, Aufpasser!

[5]Nun, so nimm nur erst einen drauf, Aufpasser!

Nä uhn Gotts Namen förward![6]rief der Aeltere der drei Gefährten und bog im rechten Winkel schnurstracks nach der Stadtseite ein, sich mit seinen Gefährten eiligst in die Winkel von Gebäuden und engen Gassen verlierend, die damals noch den Raum zwischen dem Louvre und dem Tuilerienschloß verunzierten.

[6]Nun in Gottes Namen vorwärts!

[6]Nun in Gottes Namen vorwärts!

Mit Noth entraffte sich der Mouchard der Republik dem unschädlichen Bade und zersann sein Gehirn, was das für eine Sprache gewesen sein möge, in welcher die Fremden, die sein Scharfblick gleich als solche erkannt, gesprochen hatten. –

In einem der ersten Gasthäuser der Rue Vivienne saß in seinem Zimmer ein ernster, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rüstigem Aeußern, doch etwas krankhaften Zügen, welche die Spur großer geistiger und körperlicher Anstrengungen trugen. Dieser Mann hatte Briefe geschrieben und las sich eben einen derselben mit bekümmerter Miene vor.

»Ihre Excellenz wollen gnädigst entschuldigen, wenn ich nicht im Stande bin, in geordnetem Zusammenhang zu schreiben, denn der Kopf schwindelt mir, Alles dreht sich mit mir um und um, ein Ereigniß drängt das andere, und ich sitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der Löwengrube; ich darf das sagen, denn ich sehe zu meinem großen Bedauern, daß von meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir stets nicht haben glauben wollen, die wichtigsten eingetroffen sind. Von Amsterdam aus schrieb ich Ihrer Excellenzaux armes de la ville– der Herr Graf hatten kaum Zeit, an die Vergleichung zu denken, so viel gab es für ihn zu thun; den ganzen lieben Tag über bis in die sinkende Nacht ist er schrecklich beschäftigt mit dem Erbstatthalter, dem Erbprinzen, wie mit den Admiralitäts- und anderen Herren. Ich habe ihn nicht im Geringsten unzugänglich gefunden, im Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute Erfolge, die sich, wenn ich nach Geldernland zurück bin und klaren hellen Tag in der Sache sehe, von Doorwerth aus vollends ordnen lassen. Auch gegen den jungen Herrn Grafen sind der Erbherr nicht mehr aufgebracht; ich glaube, sein Vetter, der Vice-Admiral, ein trefflicher heiterer und jovialer Herr, hat ihn umgestimmt. Uebrigens hat sich damals der junge Herr im Hause unseres alten Herrn Adrianus ein kleines Dementi gegeben, doch aber sich, ich weiß nicht durch was, in große Gunst S. H. des Erbprinzen der Niederlande gesetzt, was ihm jedenfalls nach der Hand sehr zu statten kommen wird. Er hat ein genaues Freundschaftsbündniß mit dem Sohne des alten Herrn van der Valck geschlossen, welcher erstere zwar ein rechtlicher, aber etwas überspannter Mann ist, obschon er über die Schwärmerjahre hinaus sein sollte; dieser hat ein Liebesverhältniß angeknüpft, welches auseinander zu setzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff unsers jungen Herrn führe ich dies an, weil der junge van der Valck sich mit seinem Vater, wie ich in Amsterdam erfuhr,darüber bis zur Unversöhnlichkeit überworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren mitsammt dem geliebten Gegenstande und einem leider auch schon vorhandenen kleinen Kinde Amsterdam verlassen, zu allem Glück nicht eher, als bis ich den jungen Herrn gesprochen und ihm begreiflich gemacht habe, wie thöricht er handle, so mir nichts dir nichts in die Welt hinein zu abenteuern, zumal er ja nicht denken darf, die goldenen Berge zu finden, die Ihre Excellenz ihm vorgespiegelt haben, denn leider ist dazu die Wünschelruthe verloren gegangen. Um zu sehen was zu thun und ob etwas zu retten ist, habe ich mich selbst nach Paris gewagt, in die Löwengrube mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die Thorheit begangen, sich an mich anzuschließen und mich gleichsam zum Beschützer jener Dame und besagten Kindes gemacht, obschon ich mich mit Händen und Füßen dagegen sträubte – aber meine gar zu große Gutmüthigkeit und der Trieb, wo möglich allen Hülfsbedürftigen zu helfen, gibt meinem Verstande einen Rippenstoß über den andern. Wir halten uns verborgen und nur die jungen Leute wagen sich in Begleitung Philipp’s unter allerlei Maskeraden in die Stadt, ich hoffe aber alle Geschäfte beschleunigen zu können und dann nach Doorwerth aufzubrechen so schnell als möglich, und die jungen Leute mit dorthin zu nehmen, wo sie wenigstens für jetzt noch sicher sind. Ich war auch in Utrecht bei Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann Carl; Hochdessen Frau Gemahlin, die geborene Gräfin von Athlone und dero Kinder, Gräfin Antoinette, Graf Wilhelm Christian Friedrich, und der kleine erst zweijährige Graf Carl befinden sich im besten Wohlsein und legen sich Ihrer Excellenz zu Füßen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel zur englischen Armee sich begeben.

Heute ist Paris wie ausgestorben, Alles ist hinaus nach dem Marsfeld, wo dieselben Republikaner, welche den lieben Gott und das Christenthum abgeschafft haben, ein Fest des höchsten Wesens feiern, während hier doch von nichts Anderem die Rede sein kann, als vom höchsten Unwesen. Diesen Brief erhalten Excellenz nicht von hier aus, denn auf der Post wird jeder Brief erbrochen und gelesen. Die Plackerei mit den Pässen übersteigt alle Grenzen, wir sind indeß als holländische Haarkäufer hier einpassirt, in welchem Handelsartikel hier jetzt haarsträubende Geschäfte gemacht werden. Dieser in Holland starkbetriebene Handel ist vielleicht der einzige, der hier nicht befremdet und Argwohn erregt; wir haben auch zum Schein einige Einkäufe dieser Art gemacht, und es wird Ihre Excellenz mit einem Gefühle schmerzlicher Wehmuth erfüllen, wenn ich diesem Briefe eine Locke von dem im Gefängniß schneeweiß gewordenen Haare der unglücklichen Königin Marie Antoinette beifüge. Mir stürzen die hellen Thränen aus den Augen, indem ich dieses schreibe.

Leider muß ich Ihrer Excellenz mittheilen, daß das Handelshaus Grossier Vater und Söhne hier seine Zahlungen eingestellt hat, wodurch, da dasselbe beauftragt war, für Ihre Excellenz die de la Tremouille’schen Rentenzinsen für die letztverflossenen Jahre zu erheben, Höchstsie einen namhaften Verlust erleiden, obschon ich fürchte, daß nicht viel zu erheben gewesen sein wird, denn die Revolution gleicht einem alles Vermögen verschlingenden Danaidenfasse. Wer Geld will, braucht nicht nach Paris zu kommen.

Doch ich eile zu schließen und bin zu den Füßen Ihrer Excellenz Hochdero getreuester

Paris, den 8. Juni 1794.

Windt.

Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des unwandelbar treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig ohne Weiteres begann, sich der abscheulichen Kleidung zu entledigen, den Säbel abzulegen und den Bart abzureißen, was Leonardus ihm alsobald nachthat, rief Ersterer Philipp zu: Schaffe Waschwasser, daß wir wieder zu Menschen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich muß bei diesem stets an Blut denken, seit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken sehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis schaffe herbei, Uf, das war ein Schauspiel, das war ein Vergnügen, und zuletzt war uns auch noch so ein Hund von einem Spion aus den Fersen, dessen Spürnase zehn Schritte weit in uns die Nichtfranzosen witterte. Eilet, eilet, daß wir uns wieder in ehrliche holländische Hairkoopers umwandeln.

Und so bald wie möglich diese Löwengrube verlassen, setzte Windt hinzu; dann sprach er warnend: Lassen Sie das den letzten verkappten Ausflug gewesen sein, junger Herr! Sie haben nun Paris gesehen, in seiner ganzen Schönheit.

In seiner ganzen schrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl sagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wäre wahrlich am Liebsten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gütiger Rath – Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck, unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel näher haben, dahin zu reisen, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, aber Sie konnten dorthin nicht ohne mich, und da Sie in Angelegenheiten Ihres Hauses eben so hier zu thun hatten, wie ich in den Geschäften des Hauses, für das ich reise, glaube ich, wir haben immerhin nicht übel daran gehandelt, die Haarkäufercompagnieschaft bis hierher zu erstrecken, oder vielmehr sie hier aufzuthun.

Ich glaube, versetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter rissen sich alle Haare aus, so viel sie deren noch haben, wenn sie erführen, daß ihr einziger Sohn, der Erbe des Hauses van der Valck, in Paris den holländischen Haarkäufer spielt. Mir schaudert jetzt förmlich vor diesem Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein treiben: denke ich, welch schönes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mütter, von guillotinirten Häuptern jetzt in den Handel kommt, und daß mancher und manche Erbärmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrücken das Haar von hingerichteten Fürsten und edlen Personen tragen. Gestern sahen wir guillotiniren, ich will es nie wieder sehen, und danke Gott, daß Angés von ihrem Gefühl zurückgehalten ward, dieses entsetzliche Schauspiel, zu dem so viele Tausende entmenschter Weiber sich drängten und täglich drängen, mit anzusehen.

Nur die volle Richtigkeit der genau geprüften Pässe war im Stande, den vier Reisenden nebst dem Kinde wieder ungefährdeten Ausgang aus der Weltstadt zu ermöglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel, eine einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unsicherheit konnte zu einem tödtlichen Ausgang für sie alle führen.

Es war in später Nachmittagstunde, die Volksmassen strömten schaarenweise vom Marsfelde zurück und ergossen sich wieder in die bis dahin fast verödeten Straßen von Paris, erhitzt, hungrig, durstig, fanatisirt,ça irabrüllend, theilweise auch die Farçe mit sarkastischer Lauge kritisirend. Auf der langen, langsamen Fahrt von der Rue Vivienne, dann dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin vernahmen die Reisenden manches scharfe Wort. Hat sich anschreienlassen:Vive Robespierre!Tod all’ diesen Schreiern! – War betrunken wie eine Kanone! – Will das höchste Wesen selber sein! – Herunter mit ihm! herunter! Muß seine Claqueurs gut bezahlt haben, der blutige Comödiant!

Angés, der in namenloser Angst in den wenigen Tagen das Herz geschlagen hatte, die sie in Paris zugebracht, und welche von ihr benutzt worden waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre Eltern in Zweibrücken wegen ihrer Rückkehr die nöthigen Briefe zu schreiben, machte jetzt der Gedanke schwindeln, daß sie es gewagt, das theuere Kind und sich selbst, die für das Kind zu leben und zu sterben gelobt hatte, so großer, mannigfaltiger Gefahr auszusetzen, deren Größe sie freilich nicht ahnen konnte, weil sie glaubte, Paris sei noch dasselbe wie vor einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lüfte des schönen Sommerabends sie rein umflossen, drückte das Kind innig liebevoll an ihr Herz, faltete seine Hände still unter den ihrigen und sprach mit sanft zum Himmel emporgerichtetem Blick ein leises Dankgebet. Sie glich so völlig dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie diese auf schönen Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Königin, auf ihrem Schooße hält.

Angé’s Begleiter fühlten, was im Inneren der jungen Frau vorging, und ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mächtig durch ihre Seele bebte.

Kein Unfall, kein Hemmniß störte die Reise; es war als ob Engel schützend und schirmend die Reisenden umschwebten.

Im Geldernlande, westwärts von Arnhem, zwischen dieser Stadt und Wageningen, nahe dem Rheine, der an jenen Ufern bereits einen seiner Arme unter dem Namen der neuen Yssel verloren hat, und trüb und träge, als bereue der einst so lebensfrische, jugendliche, dann mannbarkräftige stolze Strom, sein schönes Deutschland verlassen zu haben, dahin rinnt, um sich bald genug noch mehr zu zertheilen und zu entkräften, liegt die Herrlichkeit Doorwerth mit einem stattlichen kastellartigen Herrenschlosse, Parke und Gärten, Wohnungen für Dienerschaften, Oeconomiegebäuden, mit einem Dorfe und mit einer fruchtbaren reichen Feldflur, die ziemlich frei ist von Sümpfen und Morästen, und trotz der flachen Landschaft, die nur nach Norden hin einige sanfte bebuschte Anhöhen, was man eben in diesen Niederungen Anhöhen nennt, begrenzen, doch nicht ohne landschaftliche Schönheit ist. Rings grüne Matten, Tabaks- und Saatfelder, noch mehr unübersehbare, mit Heerden bedeckte Wiesen, durchzogen von zahllosen kleinen Kanälen und Wasserrinnen, längs deren in malerischen Gruppirungen die schönsten alten Weiden, Erlen, Ulmen und die hochstengeligen Schößlinge buntblühender Stauden wachsen. Wer je die Thier- und Landschaftbilder Nicolaus Berghem’s sah und diese Auen, der muß sich sagen, daß in allen Bildern jenes großen Meisters die treueste Wahrheit der Natur herrscht.

Im Frühling des Jahres 1794 war dieser fruchtbare und ergiebige Landstrich noch einer glücklichen Insel zu vergleichen, um die rings empörte Meeresfluthen rollen und branden, aber sie von ihrer Wuth nichts weiter empfinden lassen, als das Geroll ihres Donners.

Rings um das von einem tiefen und breiten Wassergraben umgebene Kastell, dessen Bauart ganz die alter niederländischer Schlösser war, der wir so häufig auf Bildern und Kupferstichen begegnen, standen hohe Bäume, Eschen und Rüstern, uralt und von mächtigem Umfang derStämme, und deckten ganz den Anblick der Gebäude. Alte Mauern und die ausgedehnten Gärten trugen hohe Blumenvasen von gebranntem Töpferthon, in denen Blumen hätten prangen sollen, allein einigen fehlte die Erde, andere waren halb zerbrochen, und allen fehlte die pflegende Hand des Kunstgärtners, daher nichts in diesen Urnen, die nach Vorbildern der Antike geformt waren, blühte, als was sich an Ritterspornen, Lack, Astern, Levkoien und Trichterwinden alljährlich von selbst aussäete, oder was ein Vogel hineintrug; daher wohl auch Disteln, wilde Nelken und Brennnesseln in manchem dieser Gefäße wuchernd aufgegangen waren. Vom Flusse her sah man kaum etwas von dem Schlosse, so sehr verdeckten es wie ein Wald die dasselbe umgebenden Bäume, obschon es nur eine Viertelstunde vom Ufer des Rheins lag; ja, es führte von diesem Ufer kaum noch ein fahrbarer Weg dorthin, sondern nur ein ganz verwahrloster Fußweg. Früher war eine Fähre da gewesen, auf der man leicht an Stricken sich an das linke Rheinufer hinüber leiern konnte, um auf den Landstrich zwischen dem Rhein und dem schmalen Flüßchen, die Linge, zu gelangen; es stand auch noch das ziemlich verwahrloste Fährhaus, aber jetzt standen außer dem Hause kaum noch die Stöcke, an denen die Ketten und Schlösser einst befestigt waren, mit denen man die Fähre verwahrte. Einige hundert Schritte zwischen dem Rheinufer und dem Schlosse Doorwerth durchschnitt die sich durch die Wiesen schlängelnde Straße, die von Arnhem nach Wageningen führte, die Wiesenfläche und jenen selten betretenen Fußweg; der Hauptweg vom Schlosse aus lief nordwärts, bildete eine schöne Lindenallee, und endete in einem Kreuzweg, dessen nach Norden fort gesetzte Richtung zum Dorfe Wolfsheese führte, der linke Arm zum Schlosse und Dorfe Helsum, und der rechte, längste, am Dörfchen Oosterbeek vorüber gerade nach Arnhem, das auf diesem Wege von Doorwerth aus ein Wanderer in zwei»Uren Gaans«[7]erreichte.

[7]Gehe-Stunden.

[7]Gehe-Stunden.

Zur Zeit bewohnte ein Rentmeister die eine der Dienstwohnungen, ein Oeconomieverwalter mit Familie und dem nöthigen Gesinde die andere. Außerhalb der Herrschaftsgebäude lag auch noch ein Krug, eine Schenke, zwischen dem Schloß und dem Dorfe. Die Gärtnerwohnungstand leer, und in dem weitläufigen und sehr geräumigen, aber etwas winklich gebauten Kastell waltete Aufsicht führend mit weniger Dienerschaft, nur mit zwei Mägden und einem Hausknecht, der zugleich die Botengänge nach der Stadt zu verrichten hatte, eine Frau von gutmüthigem Aussehen, aber dabei raschem und entschlossenem Wesen. Sie leitete mit Hülfe von Frohnern und Tagelöhnern den Anbau des Gartens, wobei freilich der schönen Gartenkunst nur sparsam Rechnung getragen wurde; sie zog auch wenige Artischoken, aber viele Zwiebeln und Kartoffeln, wenige Hyacinthen und sonstige Blumen, aber desto mehr Blumenkohl, ein Krauthaupt war ihr ungleich lieber, als eine Wassermelone, eine starke Selleriewurzel freute sie fast mehr als ein Spargelstengel, und ein tüchtiger Büschel reifer Lauch dünkte ihr mehr werth als ein ganzes Beet voll blühender Crocus.

Es war ein schöner Juninachmittag, der schon zum Abend neigte, als diese wackere Frau nach vollbrachter Tagesarbeit in bequemster niederländischer Haustracht sich im köstlichen Schatten der nördlichen Allee erging, einen mächtig großen Strickbeutel am Arme; an einem Band am anderen Arme hing ihr ein Fächer von der höchsten Einfachheit, aber von der möglichsten Größe, wie die holländischen Matrosenfrauen sie trugen. Derselbe war von braunem Cedernholz, was das Gestell betraf, und das Papier war grün, weder auf der einen noch auf der anderen Seite war etwas darauf gemalt, auch nicht das kleinste Blümchen. Dieser Fächer, dessen zwar die Eigenthümerin jetzt im Schatten der Allee nicht bedurfte, war indeß bei all seiner Einfachheit ungleich nützlicher und praktischer, als der feinste elfenbeinene, zart durchbrochene Bastillefächer von Paris, und das Verhältniß des Windes, der mit ihm zur Kühlung hervorgebracht werden konnte, war ohngefähr das vom Sausen eines Windmühlenflügels oder dem Hauch eines Blasebalgs.

Von Zeit zu Zeit warf die lustwandelnde Frau einen Blick in die Tiefe der schnurgeraden Allee, endlich sprach sie laut vor sich hin und um so lauter, als Niemand vorhanden war, der sie hörte: Ob er wohl nicht bald kommt? Zeit wär’s! Ein Mann ist doch ein Mann, eine Frau kommt nicht durch; die ganze Wirthschaft hier geht zu Grunde. Alles verfällt, Schloß, Wälle, Reithaus. Woher kommt’s? Von der übergroßen Oeconomie, von der Sparsucht, die den Kukuktaugt; der Pfennig wird zehnmal umgewendet, und hintendrein der Ducaten zum Fenster hinausgeworfen! Was jetzt mit zehn Gulden zu erhalten wäre, muß später mit hundert Gulden wieder hergestellt werden. Immer will die herrschaftliche Kammer kein Geld haben, und wo käme es denn hin? Sie sparen und sparen wie die Hamster, und haben doch niemals Geld zu rechter Zeit, die Haarspalter,dy een hair in vieren kloofen.

In der Tiefe der Allee zeigte sich ein einzelner Reiter. Die Frau blickte scharf nach ihm hin. Mit Einemmale schrie sie laut auf: Herr Gott von Utrecht! Mein Mann! und beschleunigte ihre Schritte in etwas, dem Reiter entgegen, doch nicht eher, als bis sie die Nadel vollends abgestrickt, Strumpf und Garnknaul zusammengesteckt, und dann Beides in die Tiefe des geräumigen Strickbeutels versenkt hatte.

Als der Reiter von Weitem diese Frau erblickte, setzte er sein Pferd in kurzen Galopp, hielt es in ihrer Nähe an, stieg rasch ab und eilte in ihre Umarmung, die sehr zärtlich, aber zugleich sehr kurz war.

Willkommen, Windt! Gott sei Dank, daß du da bist, Windt!

Ja wohl, Gott sei Dank, liebe Jule! antwortete der redliche und unermüdliche Haushofmeister. Das war einmal wieder eine Reise; Haut und Haar und zuletzt den Kopf muß man daran setzen. Wie geht es hier?

Nicht besser als vorher auch; nichts als Nachrichten vom Krieg. Ach Gott, wie lange wird es dauern, so haben wir ihn auch hier, und das ganze Schloß voll Einquartierung.

Gut, sehr gut, Jule, wenn du dich auf solche schon gefaßt gemacht hast; es kommt noch heute Einquartierung in das Schloß.

Was? Mann? Spaß oder Ernst? Das wäre mir!

Ob es dir wäre oder nicht wäre, recht oder unrecht wäre, Jule, das gilt all’ gleich! Der jüngste der gräflichen Herren Enkel kommt, dem wirst du doch das Schloßthor nicht zusperren wollen, Jule? War ja immer dein Liebling, hast ihn auf deinen Händen getragen. Nun bringt er einen Freund mit und dessen junge Frau mit einem Kinde, und seinen Diener, nun was ist es weiter? Raum im Schlosse haben wir, zu essen und zu trinken wird es ja wohl auch noch inDoorwerth geben, und du bist doch niemals glücklicher, Jule, als wenn du alle Hände voll zu schaffen und für recht viele Mäuler zu sorgen hast.

Mein junger gnädiger Herr kommt, Graf Ludwig Carl? rief Frau Windt in höchster Freude. Nun das ist ja ein Weltwunder! Ei, wo ist er denn? Wann kommt er denn? Woher kommt er denn? Wo war er denn? Wohin will er denn?

Ei so klappere, du alte Windmühle! lachte der Haushofmeister. Ich werde den Sack voll Neuigkeiten ja noch ausschütten, habe vorerst nur Geduld und laß mich erst ausschnaufen. Schaffe nur gleich eine gute Wein-Kaltschaale. Der Ritt hat mir warm gemacht.

Wenn ich eine Windmühle bin, antwortete die Frau: so weiß ich, daß ich einen Mühlstein am Halse habe auf dieser Erdenwelt, und der bist du.

Aber auch einen Stein im Brett habe bei unserm Herrn Gott, Alte, setzte Windt das Scherzgespräch fort, an einem Arme seine Frau und mit der Hand des anderen sein Pferd am Zügel nach dem Schlosse führend.

Du brauchst zwei besondere Gastzimmer, eines für die junge Dame und das Kind, und eines für den fremden Herrn.

Und für unseren jungen gnädigen Herrn?

Nun, für den so viele, als er für sich befiehlt. Das versteht sich doch von selbst.

Ei sage, wer sind denn die Gäste? fragte mit verzeihlicher Neugier Frau Windt.

Und wenn ich’s nun nicht wüßte, Jule? Wolltest Du es dann an Niemand verrathen? gab Windt zur Antwort.

Du weißt es doch, ganz gewiß!

Liebe Frau, wer weiß, ob ich’s so ganz gewiß weiß? Es geht damit, wie mit der Höhe des Berges Sinai. Du kennst ja wohl die kleine Anekdote, liebe Jule? Ein Schullehrer stellte diese Frage an seine Jungen; Keiner wußte sie zu beantworten. Da fragte der Keckste von den Jungen: Wie hoch ist denn eigentlich der Berg Sinai, Herr Schulmeister? Was antwortete der?

Ei, das weiß ich ja nicht! erwiederte Frau Windt.

Siehst du, Jule? Das Nämliche antwortete der Schulmeisterauch; er antwortete: Dummer Junge! Das kann man so eigentlich nicht wissen!

Du bist ein Schalk, Mann! Immer bringst du neue Schnurren mit heim, wenn du draußen herum gereist bist.

Und immer finde ich, Gott sei Dank, zu Hause meine liebste alte Schnurre wieder. –

Das war eine lange, mitunter doch etwas beschwerliche und ermüdende Reise gewesen, die Reise von Paris bis in das Geldernland, doch hatte der Himmel seinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der Freunde waren nur um so inniger in einander verwachsen und verschmolzen, je mehr sich Jeder bemühte, dem Anderen gefällig und hülfreich zu sein, und je mehr sich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit erschloß; ja auf Leonardus eigenes Verlangen war zwischen Ludwig und Angés das geschwisterliche Du an die Stelle des förmlichen Sie getreten. Gern und freudig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger Geleitsmann, sparsamer Haushalter und durch und durch von Gefälligkeit und Redlichkeit erfüllter Mensch, Herr Windt als Dritter im Bunde der Freunde aufgenommen, und so hatte die Unterhaltung nie gestockt und man war endlich doch, ohne allzugroße Beschwerde und Langeweile zu fühlen, welche die große Einförmigkeit mancher Wegstrecken wohl hätte hervorrufen können, dem vorläufigen Ziele nahe gekommen. Angés, stets liebevoll um das Kind besorgt, das sie gleich dem Stern in ihren Augen hielt und mit der mütterlichsten Zärtlichkeit überwachte, und mit dem sie sich viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und sich an seinen klugen und treffenden Antworten ergötzten, hatte Manches von ihrer Heimath erzählt, an welche sie bisweilen mit einem schmerzlichen Sehnsuchtsgefühl dachte, besonders wenn der Anblick der endlosen Flächen, welche durchfahren wurden, sie drückte.

O wie schön, wie zauberschön, rief sie einmal aus, ist doch gegen dieses Land mein Heimathland, die rebenreiche grüne Pfalz! Ein Land voll lieblicher Höhen, rauschender Wälder, durchklungen von heiteren Sängern der Haine. Hier zu Lande rauscht nichts als Schilf und Wasser und Windmühlen, und Vögel sehe ich keine anderen, als langbeinige Störche, Strandläufer und Wassergeflügel – es singt nichts,es piept oder es kreischt nur Alles. Welche Thörin war ich, meine Heimath zu verlassen!

Und doch durch eine höhere Fügung, meine theuere Freundin! sprach Leonardus, indem er suchte, die Heimathstimme, die so laut und mächtig in Angés’ Innerem zu sprechen begann, zu beschwichtigen: Wir sollten uns finden, mußten uns finden, und fanden uns. Selten nur fesselt der Menschen Glück, der Menschen Loose die Hand des Geschickes von Jugend auf an einen bestimmten Ort; noch seltener bindet es an einen solchen alle Zufriedenheit. Das Leben ist Irrfahrt! Glücklich die, denen doch nicht allzuspät ein friedlicher Hafen winkt, liege dieser nun in bergeumgürteter, schattiger Waldbucht, oder liege er im stillen, reizlosen Flachland, das zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reiz ist.

Das der Zauberspiegel der Liebe verschönt und die Freundschaft mit grünen Kränzen schmückt! fügte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize, besonders wenn der Mensch Gemüth und Seele in dasselbe hinein legt oder hinein zu tragen versteht.

Gar manches Andere noch brachte das Gespräch auf dieser gemeinschaftlichen langen Fahrt zur Erörterung, und Vieles davon war sogar nothwendig zu erläutern, damit das von Natur etwas argwöhnische und diplomatische Gemüth des Herrn Windt in Allem klar sehe, und kein Mißtrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal so freundlich dargebotene schützende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Gespräch sich auf jenen verhängnißvollen Abend hin, ohne welchen die Reisenden wohl schwerlich so vereint, wie sie jetzt es waren, diesen Weg zusammen zurückgelegt haben würden; erst dem Zuge der Hauptstraßen folgend, von Paris nach Brüssel, von Brüssel nach Antwerpen, von da über Turnhout und den Bosch (Herzogenbusch) an die Ufer und Flachlande der Meuse, wie der Wahl, bis sie denn endlich nach dem Städtchen Rheenen gelangten, das vom Rhein seinen Namen führt, aber keine rheinischen Reben, sondern nur Tabak baut, soweit immer sein Weichbild und seine Flurmarkung reichen. Leonardus hatte dem Freunde Windt ausführlich mitgetheilt, wie es nach jenem verhängnißvollen Abend gegangen, wie nämlich, als Seine Hoheit der Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieses Kind ist mein – Angés denselbenplötzlich mit einem hellen Aufschrei unterbrochen und laut gerufen: Nein! Nein! Es ist nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre Ohnmacht zurückgesunken sei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie sanft auf den Boden gestellt und laut, vor der ganzen Gesellschaft und unter Erröthen gesagt habe: Das wollte ich ja gar nicht sagen, daß dieses Kind mein sei, sondern ich wollte sagen: Dieses Kind ist meines Freundes Kind, in welcher Rede ich unterbrochen wurde, und wie dem auch sei, und was immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklärtes obwalte, so erkläre ich hiermit, daß ich dieses Kind und die Dame, die es in ihre Obhut genommen, sie sei wer sie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge einer heiligen Verpflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten sei und gesagt habe: Auch ich habe mich schon feierlich dem Schutze dieser Dame und dieses Kindes gelobt, und ich behaupte mein Näherrecht, und werde niemals dulden, daß diesen Beiden Unbill widerfahre!

Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand ergriffen und zu ihm gesagt: Mein lieber Graf! Sie wissen nicht, wen Sie sich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieser Dame und dieses Kindes, denn mich selbst hindern Sohnespflicht und die Unruhe der gegenwärtigen Zeit, diesen Ritterdienst selbst zu übernehmen, bedürfen Sie meiner aber irgend wo und irgend wie, dann wenden Sie sich nur immer getrost und geradezu an mich.

Alles war voll Staunen gewesen über diese Rede des Erbprinzen von Oranien und hatte begriffen, daß hier ein tiefes und wichtiges Geheimniß zum Grunde liegen müsse. Angés und das Kind waren in ein Nebenzimmer gebracht worden, wo erstere sich bald erholte.

Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine Herren Vettern, und Erbherr Wilhelm sprach zu mir: Das hast du nicht übel gemacht, Vetter, du hast verstanden, dich schnell in hohe Gunst einzuführen. Benutze das, und trage Sorge, daß wir auf dich rechnen können, wenn wir deiner bedürfen! Dann nahm mein englischer Vetter William, der Vice-Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechseln ist mit meinem jüngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendish, denn Letzterer ist erst siebenzehnhundertvierundsiebenzig,der Erstere aber siebenzehnhundertvierundsechzig geboren, und sagte mit einem eigenthümlichen Lächeln: Vetter, Vetter! Du wirst entweder ein Diplomat oder ein Feldherr, jedenfalls weißt du deine Pläne gut zu verstecken. Ich verstand nur halb, was mein Vetter mit diesen Worten sagen wollte, denn ich fühle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des Kriegers, und erwiederte so gut als Nichts auf seine Rede, was, wie ich vermuthe, wieder für äußerst fein und diplomatisch galt, während es nur das Zeichen meiner grenzenlosen Verlegenheit war. Mir war vor Allem jetzt darum zu thun, an der Stelle meines ganz und gar bestürzten Leonardus zu handeln, und mich unserer armen leidenden Angés und des Kindes in solcher Weise schützend anzunehmen, wie es Freundespflicht war, und wie ich auch gethan haben würde ohne die Aufmunterungen, die mir von dem Erbprinzen und meinen beiden Vettern zu Theil wurden.

Meine Lage und Stimmung war die schrecklichste, schaltete Leonardus ein, und keine Hand nahm hülfreich das Damoklesschwert hinweg, das drohend über meinem Haupte hing. Die Abendgesellschaft ging auseinander. Mein Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich dir mit meinem geistlichen Segen aufwarten kann, so stehe ich zu Dienst; außerdem will ich dich in den Schutz aller Heiligen, insbesondere aber in den der heiligen Theodora von Alexandrien empfehlen, welche ihren Mann verließ und sich in ein Mönchskloster begab, um darin Gelegenheit zu haben, ihre Enthaltsamkeit zu bewähren! Gehabe dich wohl, trauter Vetter! – Meine so eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam, sagte zu mir:Ik hef zulkes myn leefdagen niet gezien – die kost is te magtig voor my.[8]

[8]Mein Lebtag habe ich so etwas nicht gesehen, diese Kost ist mir zu ungenießbar!

[8]Mein Lebtag habe ich so etwas nicht gesehen, diese Kost ist mir zu ungenießbar!

Meine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen, sah mit starrem Schreck und rathlosem Erstaunen den allgemeinen Aufbruch und rief einmal über das anderemal:Gód wil dat den besten keeren![9]

[9]Möge Gott dies zum Besten lenken!

[9]Möge Gott dies zum Besten lenken!

Und gar mein Vater! Als alle Gäste hinweg waren und die Diener alle aus den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor michhin, zitternd und bebend, und sagte nichts, als »Sohn! Sohn!« – Nicht schildern kann ich den Eindruck, den diese Worte und der Zustand des alten Mannes auf mich machten; sein Gesicht sah tief verstört aus, es war, als habe diese unselige Viertelstunde ihn ein Jahrzehnt älter gemacht. Und ich, was sollte, was konnte ich erwiedern? Ich suchte mich zu fassen, ich sprach so ruhig und demüthig als möglich: Bester Vater! zürnt nicht allzuheftig, bevor Ihr meine Rechtfertigung gehört habt. Nie kann und werde ich in die Hand der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine Hand als Gatte legen – nein – nie und nimmermehr.

Gut, mein Sohn Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und bebend als Antwort. Du hast ganz deinen Willen! Ich spiele nicht mit Comödie! Ich gebe dir keinen Fluch, das fällt mir nicht ein! Mein Fluch wäre viel zu gut für dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir bleibt, wenn ich die Augen schließe – verstehe mich wohl und recht – die Hälfte des Pflichttheils und kein einziger armseliger Deut mehr als die Hälfte deines Pflichttheils, das sei bei dem ewigen, allsehenden und allgerechten Gott geschworen!

Meine Mutter stieß einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach zusammen, was ich that, was nun geschah, weiß ich nicht mehr; erst bei dir, mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesherzen fand ich Trost, Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder.

Und was mich marterte und quälte in jener bangen, angstvollen, verhängnißvollen Stunde, fügte nun wieder Ludwig hinzu: das durft’ ich dir und Angés damals ja gar nicht sagen, denn vielleicht hätte dann mich, ja mich euere vereinte Verwünschung getroffen.

Wie? Unsere Verwünschung? fragten Leonardus und Angés mit einem Munde, und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit der Weiterrede des Jünglings.

Oh, liebe Freunde! seufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer bittern Stunde, der herbsten, schmerzlichsten, die ich noch je durchlebt. Sie entsinnen sich jenes unheilvollen Abends zu Schloß Varel, bester Freund Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche belegte, und die furchtbare Erfüllung dieses Fluches macht mich an eine dunkele dämonische Macht glauben, die unsichtbaruns umgibt, uns umlauert, uns belauscht, unsere unbedachten Reden auf ihre mitternachtdunkeln Schwingen nimmt und sie hinwegträgt an einen Ort, wo sie aufbewahrt bleiben bis zur Erfüllung. Vom Zorn bethört, vom Schmerz außer mir, rief ich damals meinem sonst von mir so geliebten und auch in der That so ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, dessen Beschimpfung mich vor mir selbst erröthen machte und mich vernichtete. »Verflucht soll die Stunde sein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!« Und siehe – in derselben Stunde geschah es, daß er, wie seine Mienen mir kündeten, mit versöhnlichem Herzen und sein mir angethanes Unrecht bereuend, mich zu sich winkte und mit wenigen Worten mir, dem so viel Jüngeren und in jeder Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden, zuerst und zuvorkommend die Hand zur Versöhnung bot. Und ich, einsehend, wie sehr damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten Zornreden ihn gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, hätte ich anders handeln können, als von Herzen gern in die Rechte des Vetters einzuschlagen? So that ich denn, was mein Herz mir zu thun gebot, aber der Fluch, den ich auf die Stunde gelegt, erfüllte sich und fiel auf euer schuldloses Haupt.

Alle waren erschüttert von dieser Mittheilung. Leonardus drückte stumm die Hand der geliebten Angés und blickte ihr liebevoll in die Augen, die in Thränen schwammen.

Windt nahm das Wort: Halten Sie zu Gnaden, junger Herr! Wenn ich Sie so reden hörte, ohne zu wissen, daß Sie dermalen aus Paris kommen, so würde ich sogleich sagen: Dieser junge Herr kommt aus Paris. Da schwebt der Fatalismus und der Atheismus in der Luft, wie die Eier der Infusionsthierchen, die der selige Vorfahre der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam und der alte Lehewenhuk mit ihren Mikroskopen entdeckt haben. Wundere mich nur, daß Sie in Paris so viele und auchdazuZeit gefunden, und Ihren Monsieur Diderot so gut durchstudirt haben, oder lasen Sie vielleicht zu kurzweiliger Erbauung in Varel schon dessen vor zwei Jahren in Berlin herausgekommenes Buch:Jacques le fataliste et son maitre?

Ich las dieses Buch allerdings, lieber Herr Windt! erwiederte Graf Ludwig: und wer liest in unserer Zeit solche Bücher nicht? Soll niedie neue Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen? Heißt nicht unser Jahrhundert mit schönem Vorrecht das philosophische?

Herr Graf! fuhr Windt fast heftig auf: halten Sie mich für keinen Finsterling und Pietisten! Für keinen Mysanthropen und Mysagogen, denn zu solchen Dummheiten habe ich keine Zeit, aber das sage ich Ihnen, daß diese neue Philosophie das Basilisken- und Teufelsei ist, aus dem die Revolutionen kriechen und der Königsmord, die Untreue und der Unglaube, die Verhöhnung und Verläugnung alles dessen, was dem Menschen noch heilig ist auf Erden. Sagen Sie nicht, daß ich urtheile, wie der Blinde von der Farbe, weil ich kein Studirter, kein Gelehrter bin. Was ich rede, gibt mir mein Gefühl, gibt der gesunde Menschenverstand mir ein!

Was verstehen Sie denn eigentlich unter Philosophie, werther Herr Windt? fragte der junge Graf. Sind Sie sich auch bei Ihrem so ganz entfernten Berufskreise schon völlig klar geworden über das Wesen, den Zweck und die Aufgabe der Philosophie für den denkenden Menschengeist?

Was ich unter Philosophie verstehe, Herr Graf? versetzte Windt: Nichts Anderes, als was einfach ihr Name besagt: Weisheitsliebe, Weisheitslehre. Wer sich eine Narrenkappe aufsetzt und mit Schellen umhangen umhertollt, liebt die Weisheit nicht, wer die Gottheit läugnet, lehrt sie nicht. Oder sollte ich mich irren? Neu ist freilich die Sache nicht, das weiß ich; zu allen Zeiten hat es abgeschmackte und aberwitzige Schrägköpfe gegeben, die unter der Vorspiegelung, erhabene Lehren der Weisheit zu verbreiten, der Welt die Schnurrpfeifereien ihres verbrannten Gehirns zum Besten gaben, gerade so und um kein Haar anders, wie unsere jungen neumodischen Philosophen. Sie haben alle ihren Lohn dahin, keiner wandelte eine hohe und erhabene Bahn, keiner nahm allbewunderten Geistesflug, auf elenden Treckschuiten segelten sie zum Orkus und in das Meer der Vergessenheit, ins Schlepptau genommen von den lahmen und zu Tode geschundenen Gäulen ihrer Unvernunft. Auch die Folgezeit wird aus ihrem Schlamme die unaustilgbare Brut solchen Gewürms erzeugen, aber sein Loos wird immerdar dasselbe sein, das Loos der Eintagsfliegen, die aus den ekeln Larven im Morast entstehen, heute uns umschwärmen und morgen dahin sind. Oder könnten Sie vielleicht im Ernst glauben,Herr Graf, daß diese nichtsnutze Wirthschaft in Frankreich, diese blutige Harlekinade, dieser Freiheitsbäumeschwindel, Bäume, die sammt und sonders in der neumodischen Philosophie wurzeln, Dauer habe? Ich glaube es nicht, und ich hoffe, obschon ich nicht mehr jung bin, noch zu erleben, daß diese gottheillose Republik ein Ende mit Schrecken nimmt, und daß Gott diesem Frankreich einen Tyrannen mit einer Eisenfaust sendet, der ihm die Brust zusammenschnürt mit allen Stricken und Ketten der Gewalt, damit es wieder Buße thue im Sack und in der Asche, und die Kirchen wieder aufthue, und nicht das höchste Wesen, welches ein ebenso haltloser und einfältiger Begriff ist, als die französische Gottheit der Vernunft, sondern Gott und seinen eingeborenen Sohn wieder anbeten lerne im Geist und in der Wahrheit.

Sie sind ein Fanatiker der Reaktion, Herr Windt! rief Ludwig, so schlimm und schlimmer noch als jene mißleiteten Republikaner! Ich glaube fast, wenn Sie Macht dazu hätten, Sie strangulirten und guillotinirten alle neueren Philosophen und mich, der ich begonnen habe, mich diesen ein wenig zuzuneigen, zu allererst?

Nun, wenn es auch so schlimm nicht wäre, lenkte Windt ein: meiner Ueberzeugung werde ich mit Macht und ohne Macht treu bleiben, und diese ist die, daß alle Gottesläugner und alle ihre Sippschaft, welche in Gestalt moderner Philosophen die Menschen von den Begriffen des Rechts und der Tugend, des Gehorsams, der Redlichkeit und der Pflichterfüllung, der Wahrheit und der Treue, auf die Pfade der Laster, der Zügellosigkeit, des Atheismus und daraus entspringender blutiger Gräuel des Aufruhrs und der Rebellion hinzuleiten streben, nicht in den Staatsrath, nicht in die Kirche, nicht auf die Lehrkanzel gehören, sondern – an den hellen lichten Galgen! Punktum!

Um Gottes Willen, liebster Windt! Sie werden ja ganz heftig, hören Sie auf, Sie sollen Recht haben! rief Ludwig wieder.

Erlauben Sie, Herr Graf, nur noch eine Bemerkung, dann werde ich nie wieder diese Sache berühren, entgegnete Windt. Ich soll nicht Recht haben, ich habe Recht! Sie können mir kein Recht verleihen oder zugestehen, noch ein solches nehmen, denn nicht der einzelne Mensch hat das Recht in der Hand, wie ein Taschenspieler die Eier in der Gaukeltasche, die er gibt, wem er will, sondern das Recht istvon Ewigkeit her zu Recht beständig, und das Unrecht bleibt Unrecht, und wenn alle Nationen es für Recht ausschreien. Lassen Sie mich nur noch, da ich davon abkam, auf Ihre eigentliche erste Frage einfach antworten, es war diese, ob nie die neue Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen solle? Warum nicht; jede wirklich neue Wissenschaft, die nützt oder erfreut, soll dies thun, eine neue Erforschung der Wahrheit aber gibt es nicht, die Wahrheit ist keine Wissenschaft, die Wahrheit ist ewig wie Gott. Es sind an ihr nicht neue Entdeckungen zu machen, wie in Astronomie und Geographie, dort ein Sternenhaufe im Aethermeere, dort eine Inselgruppe im stillen Ocean. Die Sterne waren vorher da, die Inseln waren auch da, beide sind nichts Neues, sie treten nur als neugefunden in unser Wissen und Erkennen ein. Kein Philosoph der Welt kann einen neuenGottverkündigen; was bei neuen Götzen herauskommt, hat Frankreich dargethan, als es seine Vernunftgöttin durch eine schamlose Comödiantin vorstellen und vertreten ließ. Zweck und Mittel hielten sich die Wage, die Gottheit und ihr Abbild waren gleichen Schlages, und es wäre keineswegs eine neue Wahrheit, sondern nur eine Wiederkehr alter Narrheit, wenn es irgend einer Nation einfiele, Katzen und Kühe zu vergöttern, und die Götter mit Sperber- und Hundeköpfen darzustellen; ohnehin wird ja schon in Paris Hyänen, Krokodillen und blutlechzenden Tigern göttliche Ehre erwiesen!

Wie es in politisch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien bilden sich erregt, heftig und unduldsam aus; die schönsten Kreise spalten sich, der Vater streitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und die Geschwister, »es lösen – wie Schiller sagt – sich alle Bande frommer Scheu«, und die besten und einsichtvollsten Menschen werden hingerissen zu maßlosen Reden, wenn nicht selbst zu solchen Handlungen; Streit und Zwietracht walten und zornvoll entflammter Hader, und die schöne Ruhe des Gemüthes, der heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn nicht für immer, vielen Tausenden verloren.

Zum Glück wußten nach Wortwechseln, wie dieser letzte, deren von solcher Schärfe und Heftigkeit noch keiner auf dieser Reise vorgekommen war – wie wäre eine weite gemeinschaftliche Reise ganzund völlig ohne irgend eine vorübergehende Mißstimmung denkbar? – die befreundeten Gemüther immer bald wieder das rechte Maß zu finden und stritten, wenn sie stritten, immer nur sachlich, nie persönlich. Daher erreichte man zuletzt in guter Eintracht und durch die nahe Aussicht auf die Endschaft dieser langen Fahrt erheitert, das Städtchen Rheenen, wo eine Rast gehalten wurde und Windt ein Pferd nahm, um gleichsam als Quartiermacher seiner kleinen Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen Sonnenuntergange liebliche Abendkühle einzutreten begann und die Sonne ein zauberisches Licht auf alle die tiefgrünen Bäume und Sträuche warf, welche nach allen Richtungen hin die Landschaft durchzogen, die ganze Flur dieser Landschaft im Sonnengolde wie im heiligen Sabbath ewigen Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reisenden von Freude erfüllt, jeder Gegenstand erregte lebendigen Antheil, und so mußte gleich hinter Rheenen der Kutscher halten, damit die Reisenden einen dicht am Wege sich erhebenden Hügel besteigen und besichtigen konnten, der seiner Form und Art nach aus der germanischen Frühzeit stammte. Es war ein in dieser Gegend seltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich kurzen rohen Säulen, lag eine mächtige Steinplatte, ähnlich einem Druidengrabe, vom umwohnenden Volke genannt die Königstafel; welcher König aber hier in der Zeiten Frühe getafelt, das war der Sage entfallen, ebenso der Grund, weshalb der ganze Hügel der Heimenberg genannt wurde und jener eine Strecke weiter davon einzeln stehende hochragende erratische Block der Heimensteen.

Wir wollen uns diese sagenhaften Stätten und Namen, wenn wir nicht auf den Grund ihres Ursprungs kommen, sprach Ludwig, zu günstigen Wahrzeichen und Vorzeichen dienen lassen, daß wir jetzt die Grenze unsers neuen Heim, für eine Zeit lang wenigstens, überschritten haben, daß nach so mancherlei Stürmen eine neue Heimath uns hier sich aufthun soll und will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als unser übereifriger Freund und Philosophenfeind mir zutraut, daß unser allseitiges Hoffen in Erfüllung gehe!

Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelstunden noch und der Wagen rollte durch die wunderschöne Allee auf das stattliche Herrenschloß Doorwerth zu.


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