2.Rep en roer.

Der unerschrockene und muthvolle Schirmvogt des Kastells und der Herrlichkeit Doorwerth ritt, von Arnhem zurückkehrend, eben durch die Allee und in das Schloß ein, als von der entgegengesetzten Seite aus einem Schiffe, das den Rhein herabgekommen war, ein bunter Haufe Soldatenvolkes sich nach dem Kastell zu bewegte; es mochte dieser Haufe über hundert Mann stark sein, und es war nicht zu unterscheiden, unter welchen Fahnen dieses Volk stand und wem es diente; es waren rothe, blaue, grüne und andere Uniformen und Monturen, und deren Träger offenbar englische, französische, niederländische und wohl auch deutsche Soldaten, die sich, wie es schien, zusammengethan hatten, um gänzlich unbekümmert um den Krieg, den die Nationen, welchen sie angehörten, mit einander führten, auf eigene Faust einen kleinen Plünderungskrieg gegen die Habe der Landleute in diesen Gegenden zu führen, und stark genug, selbst wohlbewaffnetgenug, sogar ein herrschaftliches Schloß anzugreifen, an welchen Schlössern dieser geldern’sche und utrecht’sche Landstrich außerordentlich reich ist.

Als dieser Haufe in wilder Unordnung, unter Geschrei und lautem Streit, nebst eitel unnützem Lärm, zu dem sich wohl auch das Losfeuern eines Gewehres gesellte, sich dem Kastell näherte, gab sogleich der Wächter auf dem Thurme ein Nothzeichen mit der Sturmglocke, das in dem Augenblick ertönte, als Windt sich eben aus dem Sattel schwang. Rasch flog sein Blick zum Thurm hinauf und der Wächter schrie vom Thurme herunter durch sein Sprachrohr:Marodeurs! Moeskoppers! Zoldaats, van den Rhin!

Zum Donner mit den Teufeln! schrie Windt, die kleine Pforte auf und gleich hinter mir wieder fest zugeschlossen! Vorwärts! – Und seinen zwei Dienern, auf die er sich verlassen konnte, winkend, schritt Windt, ohne sich um Anderes zu bekümmern, durch das schnell geöffnete heimliche Rheinpförtchen, dessen schwere Riegel hinter ihm zuklirrten. Drei Männer voll entschlossenen Muthes wollten sich einem wüsten Haufen von einem vollen Hundert entgegenstellen. Aber die gemessenen Pulse der Sturmglocke hallten über die stille flache Gegend hin, und ihr hülferufender Schall drang bis Helsum und Renkom, ja bis Wolfheese und Oosterbeck. Windt stand ruhig in ernster, strenger, stolzer Haltung, die Hand am krummen Säbel, geladene Doppelpistolen im Gurt; seine Begleiter waren auf ähnliche Weise bewaffnet; Entschlossenheit blitzte aus jedem Blick der Männer. Der Haufe kam näher, immer näher, nichts als Galgengesichter, Auswurf der Armeen, Ausreißer, Sträflinge, denen gelungen war, den Latten und Ketten zu entlaufen, den Spießruthen sich zu entziehen.

Achtung! Halt! Was soll’s? donnerte Windt die Rotte an.

Essen! Trinken! Quartier! war die Antwort.

Hier ist kein Quartier! Kann einer von euch lesen, ihr Helden? Hier ist die Sauvegarde des Herzogs von York!

Gelächter und Gespött war die Antwort. Eine papierene Sauvegarde! Schafft uns gleich Brod und Branntwein! Laßt uns ohne Widerstand in das Kastell, Herr General oder Maire, oder Platzcommandant, was Ihr immer sein mögt.

Achtung! commandirte Windt. Linksum! Abschwenken, grad aus!Der Nase nach! Dort ist die Schenke! und damit deutete er auf ein Haus, das von Gärten und Buschwerk umgeben war. Einem übermäßig hohen dicken Strohdach, das an einigen Stellen das Sparrenwerk in etwas zusammengedrückt und folglich hie und da eine schiefe Stellung eingenommen hatte, dessen First mit dichten Moospolstern übergrünt war, aus denen sich zahlreiche rothe Blüthenstengel der Hauswurz erhoben, entragte ein schadhafter steinerner riesiger Schornstein. Das Gebäude selbst war steinern und alt, die dicken Mauern waren mit sich selbst in mancherlei Zwiespalt gerathen; hie und da schien es, als seien vor undenklichen Zeiten Breschen in das Gemäuer geschossen worden, zu denen sich nie eine ausbessernde Hand gefunden hatte. Eine Thüre reichte fast bis unter das Dach, eine andere war im Bogen gewölbt, klein und niedrig. Ein einziges, aber sehr großes Fenster mit trüben Scheiben erleuchtete die geräumige und einzige Stube des Krugs; zwischen dem Strohdach starrten einige schwarze Lucken, wie schlaftrunkene, halbgeschlossene Augen. Wohnlich sah es nicht aus, reinlich sah es nicht aus, und schön sah es gar nicht aus, dieses Haus mit seiner Umgebung, welche völlig derjenigen glich, die auf Rembrandt’s Rattenfänger dargestellt ist. Es war der Typus der meisten Landhäuser in diesem Gebiete. Dorthin lenkte Windt den Schritt der Gäste und gebot dem Schenkwirth, ihnen Brod und Branntwein und was sonst vorräthig sei, verabfolgen zu lassen, indem er ihm einen bedeutsamen Wink gab. Der hungrige Haufe fiel über die aufgetragenen Nahrungsmittel her, und in ganz kurzer Zeit verschwanden zahllose Häringe, Käse, Aepfel, Birnen, Zwiebeln, Rettige, Rüben, Brode und was irgend Eßbares sich vorfand; inzwischen aber marschirte aus Helsum und aus Renkom und aus Wolfsheese je ein Trupp gut bewaffneter Schützen im Eilschritt nach Doorwerth zu. Windt hatte sich zu den Schnapphähnen gesetzt, aß und trank auch, fragte Dieses und Jenes, ließ sich erzählen, und hörte mit großer Geduld die Aufschneidereien der Marodeurs an, unter denen sich besonders ein fadenscheinig gekleideter, hagerer Franzose hervorthat, der mit seinem Mundwerk stets voran war. Dieser war auch der, welcher mit seiner Sättigung zuerst fertig wurde, aufsprang und bramarbasirend ausrief:Vive Monsieur le Maire! Vive le Général!Nun gut Quartier in die Schloß für die brav Einquartier!

Windt hatte einigemal durch das Fenster geblickt und gesehen, was er sehen wollte. Die ganze Mannschaft des Kastells hatte sich mit der des Dorfes vereinigt war bewaffnet über die Zugbrücke gegangen und machte in ziemlicher Nähe Front gegen die Schenke.

Ich will euch mairen, ihr Canaillen! Beim Teufel sollt ihr Quartier finden, aber nicht hier! schrie Windt, warf Geld zur Bezahlung seiner Zeche auf den Tisch, nahm in jede Hand eine seiner lütticher Doppelläufer, ließ die Hähne knacken und herrschte dem Gesindel zu:Allons enfants pertues de la patrie!Bezahlt, oder beim Satan! Ihr sollt, wie die Holländer, die Suppe nach der Mahlzeit auslöffeln, die Prügelsuppe nämlich!

Hu, was machten die ungeladenen Gäste da für Augen! Flüche, Zorn- und Drohworte schrecklicher Art, Waffengerassel, Toben, Geschrei – dennoch wagte keiner von allen diesen Helden, den Arm gegen Windt zu erheben, denn furchtbar blitzten die vier kleinen dunkeln Augen auf Alle zugleich, die Mündungen der Pistolen – und gar nicht lange dauerte der Lärm, als er plötzlich von starkem Trommelschall unterbrochen ward – draußen Gewehrkolben am Boden klirrten, Befehlshaberstimmen laut wurden und Bajonette blitzten.

Jetzt ging es wie vom Wirbelwinde gefegt zur Stube hinaus; Einige suchten sich im Hause zu verkriechen, Andere traten in das Freie und suchten das Hasenpanier zu ergreifen, aber überall war der Weg verstellt, und aus jedem Munde der Führer scholl der Zuruf: Streckt die Waffen! Ergebt euch!

Einige riefen auch in der That angstvoll: Pardon! Pardon! und warfen die Waffen von sich, die Wildesten und Tapfersten aber nicht; der oben bezeichnete Franzose verzerrte sein Gesicht zu verzweiflungsvoller Wildheit und schrie seinen Gefährten zu: Seht ihr nicht, daß es nur eine Handvoll Bauernlümmel sind? Und ihr ausgediente Soldaten, wollt ihr euch in’s Bockshorn jagen lassen? Achtung! Stellt euch! Schließt ein Quarrée!

Der Muth erwachte, wie er in Herzen zügelloser Banden erwachen kann, die Alles zu gewinnen und Nichts zu verlieren haben, und wenn dieser Haufe, gereizt wie er war, durch hitziges Getränk angefeuert, und aus angreifenden angegriffene und zur Nothwehr getriebeneMännern werdend, sich ernstlich zur Wehre setzte, so stand, wenn auch keine Niederlage, doch ernstliche Gefahr für Windt’s Person, wie für das Häuflein seiner Getreuen in Aussicht; allein es sollte schnell und überraschend anders kommen.

Galoppschlag von Rosseshufen, Säbelgerassel, wehende Fähnlein, Trompetengeschmetter – sechzig Uhlanen und berittene Jäger (Chasseurs) vom Corps de Rhoon, an ihrer Spitze Graf Ludwig und Leonardus, sprengten auf den kleinen Schauplatz überraschend heran; die Säbel flogen aus den Scheiden – da fiel kein Schuß, im Nu war der Marodeurhaufe umritten, im Nu streckte er die Waffen und bat um Pardon. Das war nur ein Vortrab; es folgte eine starke Schaar niederländische Gardereiterei unter einem Escadronchef, an der Zahl 237 Mann aus der Elite der Armee. O weh, wie wurde da dem marodirenden Gesindel! Hinter den Gardereitern vom Regimente Oranien kamen eine Menge Staabsoffiziere hohen und höchsten Ranges geritten, blitzend in der Pracht des Schmuckes und der Waffen, die Brust manches Einzelnen von Sternen und Orden strahlend. Windt selbst war ganz voll Erstaunen; er ließ sein kleines Commando schnell alle wohl eingeübten und üblichen soldatischen Ehrenbezeugungen machen; da sprengte der Erbherr an ihn heran und rief: Bravo, bester Windt! Bravo! Ich bringe Ihnen leider viele Einquartierung – allein Noth lehrt beten! Thun Sie, was Ihnen möglich ist! Besorgen Sie uns einen Stegreifimbis, wie Sie’s eben haben! Im Kriege nimmt man’s nicht genau; man hat nicht Zeit für Etikette, oft kaum für Toilette! Seine Hoheit der Erbstatthalter und seine beiden Söhne, der Erbprinz und Prinz Friedrich folgen uns auf dem Fuße, mit ihnen ein Prinz von Condé, Prinz Ernst August von Großbritannien, Herzog von Cumberland, der Prinz von Solens und Andere.

Ich sinke in die Erde, gnädigster Herr Graf! rief Windt erschrocken.

Oh, versetzte lachend der Erbherr: das wäre in diesem hiesigen Boden gar keine Kunst, lieber Windt! Nein, bleiben Sie, wie bisher, auf festem Boden! Erschrecken Sie nur nicht zu sehr; wir bleiben nicht Alle – aber eine gute Besatzung lassen wir Ihnen im Kastell; den Obrist der Gardereiter mit seinen Adjutanten, Bedienten undWagen, nebst fünfundzwanzig Pferden, auch Ludwig und Leonardus mögen hier bleiben! Das Hauptquartier kommt nach Arnhem, wir müssen von unsern Leuten etwas in die Herrlichkeit legen; ich kann doch mein eigenes Corps als Besitzer dieser Güter nicht in die Sümpfe betten! Das Kastell muß jetzt, es geht nicht anders, denn ich gab mein Wort, wenigstens verwundete Offiziere aufnehmen.

Ehe noch Windt Etwas erwiedern konnte, grüßten alle in Reih und Glied stehenden und zu Roß haltenden Truppen militärisch, bließen die Trompeter, füllte ein donnerndes »Oranien boven!« um das andere die Luft, und es ritten der Herzog von York, der Prinz Statthalter und die vorhin von dem Erbherrn bereits genannten Prinzen heran, denen noch die Generale Harcourt, Fox und Walmoden folgten.

Das bunte Gewimmel, das sich auf den Wiesenteppichen und in den Alleen mehr und mehr um Schloß Doorwerth entfaltete, bot ein anziehendes Bild, und Frau Windt, Angés und die kleine Sophie, die der Schall der Trompeten aus ihren Zimmern gelockt, schauten mit Lust, in die sich ein gewisses Bangen mischte, von einer gedeckten Bastei herab. Hinter den Prinzen und der hohen Generalität folgte die Legion Rohan, welche unter dem Befehle des Herzogs von Condé stand, und an diese schloß sich der Rest des fliegenden Corps leichter Reiter, Jäger von Rhoon an, welches der Erbherr gebildet hatte und als Chef führte, dessen Namen es trug und bei welchem Graf Ludwig und Leonardus als Hauptleute standen.

Großes und Wichtiges drängte sich in gleichem Maße wie die Fülle hier versammelter bedeutender Persönlichkeiten in die Macht des Augenblickes zusammen. Windt wurde als Commandant des Kastells mit belobenden Worten flüchtig vorgestellt und auf seine Anfrage, was es mit den Gefangenen werden solle, antwortete der Erbherr: Die wollen wir nicht auch noch füttern! Er gab Befehl, daß Ludwig und Leonardus sie mit einigen Reitern nach dem Strome mit Zurücklassung aller ihrer Waffen geleiten sollten, wobei freigestellt blieb, ihnen sammt und sonders auf fühlbare Art die Wiederkehr zu ähnlicher Mahlzeit zu verleiden. Der Abtheilung, welche die Marodeurs nach ihrem Schiffe eskortirte, schloß auch Philipp sich an, der sich im Felddienste zu einer ungemein kräftigen Natur entwickelt hatte undguten Takt nebst einer stets zum Dreinschlagen bereiten Herzhaftigkeit an Tag legte.

Philipp sah sich mit scharfem Blicke die Mannen an, die voll Aerger, verbissener Wuth und in tiefem Schweigen von den Kriegern umringt ihres Weges gingen, und heftete fest und anhaltend seine Blicke auf jenen Sprecher und Schreier, der kurz zuvor eine Art Häuptling der nichtsnutzen Bande gespielt. Einmal drückte er sein Pferd so nahe an diesen Gesellen heran, daß derselbe unwillig in seiner Muttersprache laut wurde. Ha Kiebitz, dich kenn’ ich! dachte Philipp und ließ den Marodeur nicht mehr aus den Augen.

Am Rheinufer, wo das Schiff in nächstmöglicher Nähe von Doorwerth anhielt, gab es nun eine nicht eben ästhetische Scene, vielmehr gab es viele und sehr bedeutende Prügel und flache Klingenhiebe von Seiten der Reiter auf die Marodeurs als Valet und Angedenken, während dessen Philipp von seinem Braunen sprang, diesen dem Reitknecht von Leonardus zu halten gab und sich dicht an den Franzosen drängte, auch denselben bis hart an den ziemlich hohen und vom Wasser schroff abgespühlten Uferbord folgte und ihn schützte, als einer der Kameraden auch auf diesen losfuchteln wollte. Als aber der Franzose so eben im Begriffe war, seinen Fuß nach dem Schiffe zu lenken, ergriff Philipp ihn mit starker Hand am Kragen, riß ihn zurück, schüttelte ihn derb und tüchtig und rief ihm spöttisch zu: Bürger, wenn ich nicht irre, so dürstet Euch wieder? He? Und seht so schmutzig aus, Bürger! Habet lange kein Bad genommen! Nehmet man jarst diar jahn üp! – und mit einem gewaltigen Griff, gegen den kein Sträuben half, nahm Philipp den Franzosen, hob ihn auf beiden Armen hoch in der Schwebe und gab ihm einen Schwung, daß er einen Burzelbaum in der Luft schlug und Kopfüber hinab in den Rhein schoß, zur großen Ergötzlichkeit derer, die es sahen.

Philipp! Philipp! bist du toll! zürnte Graf Ludwig, der zu spät diese That gewahrte, aber Philipp entgegnete ganz pflegmatisch und wie in gutem Recht: Halten zu Gnaden, gnädiger Herr Hauptmann, das war der verdammte »Ueppasser« von Paris – hat lange nicht kalt gebadet, der Kerl! – Dort nach dem jenseitigen Ufer hinüber sah man den Franzosen schwimmen wie einen Frosch; mit Noth gewann er den halb in das Wasser gesunkenen Stamm einer alten Weide, anden er sich hielt, seine Rettung abzuwarten, denn auch das Ufer der linken Seite war jetzt, bei niedrigem Wasserstand, zu tief, als daß es an dieser Stelle zu erklimmen gewesen wäre, und mit wüthender Grimasse drohte er herüber.

Windt entließ mit freundlichem Danke seine Hülfsmannschaften, nicht ohne Anweisung, sich auf seine Kosten für ihren raschen Zuzug gütlich zu thun; der größere Theil der Fürsten und der hohen Generalität setzte sogleich ihren Weg nach der nahen Stadt fort, wo Alles zu ihrem Empfange bereit war, und der Erbherr führte, indem er einen Theil der Truppen Jenen zu folgen, einen anderen zum Verweilen beorderte, seine hohen und erlauchten Gäste in das Kastell ein, das er nun als sein Eigenthum vorläufig ansah. Windt war vorausgeeilt und bot im Schlosse alle Kräfte auf, das Mögliche zu thun, was zu leisten war, damit die kleine Bewirthung, zu welcher der Erbherr mehrere seiner hohen Gönner und Freunde eingeladen, doch einigermaßen eine Art habe, und es fehlte auch keineswegs an Eß- und Trinkmitteln, noch an helfenden Händen; die Kamine eines kleinen Saales waren schnell geheizt, ganze Batterien von Flaschen berühmter Weine rasch aus den Tiefen, in denen sie ruhten, an das freundliche Licht des Tages gefördert, und es boten sich westphälische Schinken, hannoversche Würste, holländische Käse, marinirte Fische, hamburger Rauchfleisch und dergleichen gediegene Waaren in genügender Fülle zur Auswahl der Gäste dar, die mit soldatischem Muth mörderlich einzuhauen und das edle Blut der Reben zu vergießen begannen.

Das heiß ich Rep und Ruhr! rief Windt voll Hast und Unruhe seiner Frau zu, als er ihr und Angés den Besuch mit kurzen Worten meldete und die Mithülfe beider Frauen im Beschicken des nöthigen Tischzeuges erbat – ja Rep und Ruhr, eine Redensart, die nur der holländischen Sprache eigen ist und so viel bedeutet, wie das deutsche: Alles durcheinander wie Kraut und Rüben.

Indessen dergleichen geht auch vorüber; es währte gar nicht lange, so war Alles im besten Zuge; die hohen Herren tafelten vergnügt, manche unterhielten sich sehr lebhaft, andere stiller und zu den Letzteren gehörten der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen, eine jugendlich schöne Gestalt, zarter gebaut, wie sein fürstlicher Freund, blond, herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswürdigkeitverkündete. Diese beiden jungen Herren hatten sich ein wenig abgesondert, ohne daß es auffiel, und ihr Gespräch galt nicht dem belagerten Nimwegen, nicht dem Hauptquartier, nicht den Armeen – es galt nur einem kleinen Kinde.

Deine beiden Günstlinge vermisse ich, den Grafen und den Kaufmann, die Hauptleute beim reitenden Jägercorps Rhoon – sprach der fremde Prinz.

Wo die sind, kann ich mir wohl denken, mein theurer Henri! entgegnete der Prinz Statthalter, und du sollst sie sehen, doch glaube ich, dir ungleich Anziehenderes im Kastell Doorwerth, dem Besitzthum meines theueren Freundes des Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu können.

Hier? Und mir? Wie so, Oranien?

Erinnere dich einmal, mein theuerster Henri, entgegnete der Erbprinz: jener schönen und unvergeßlichen Stunde, in der wir den Bund unserer Herzen schlossen, voll jugendlicher Träume, die wir ja hoffentlich noch nicht ganz ausgeträumt haben. Ich gestand dir meine Liebe zu meiner angebeteten Louise, der Tochter des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten zu Preußen, deren hochbeglückter Mann ich dann – zur unaussprechlichen Freude meiner Mutter wurde, welche Louise wie eine leibliche Tochter liebt. Du gestandest mir deine Liebe, über welche Zeit und Verhältnisse dich zwangen, den Schleier des Geheimnisses zu decken. Du gestandest mir Alles, denn jedes Menschenherz hat den Drang, in irgend ein Herz sein Geheimniß nieder zu legen, irgend einer treuen Brust zu vertrauen, und der Lohn deines Vertrauens soll dir heute noch, in dieser Stunde noch die süßeste Frucht tragen.

Ich verstehe dich kaum, begreife dich nicht, Guillaume, sprach der Prinz, hoch erröthend und mit ahnungsbangem Herzklopfen.

Höre mich, und du wirst mich gleich begreifen! flüsterte Jener weiter. In Amsterdam traf ich im letzten Frühjahre im Zirkel eines reichen Kaufmannes eine junge sehr hübsche Frau und bei dieser ein engelschönes Kind. Es gab leider zu meinem Leidwesen über gewisse Familienverhältnisse und sich kreuzende Interessen eine Scene, bei welcher jene hübsche Frau von einer Ohnmacht befallen wurde. Während mansich mit ihr beschäftigte, suchte ich, von einem wunderbaren Gefühle getrieben, das erschrockene Kind zu beschäftigen, die kleine Sophie Charlotte.

Sophie Charlotte, sagst du? fuhr der Prinz auf.

Nicht anders, und der Zufall ließ mich die in des Kindes linken Arm eingeätzten drei Buchstaben entdecken, die dir bekannt sind und deren du gegen mich Erwähnung gethan hast.

Nicht möglich, nicht glaubhaft! Mein Kind – und in Amsterdam! Es ist ja ganz undenkbar!

Wenn du das Kind sehen wirst, wird jeder Zweifel von dir abfallen, mein Henri, wie Schuppen von den Augen, denn es gleicht dir auf wunderbare Weise.

Sehen? Ich! Es sehen! O Gott, wie wäre dies möglich! Wir können uns Beide jetzt in Amsterdam nicht sehen lassen!

Leider! versetzte der Erbprinz. Zum Danke dafür, daß mein Vater und ich Holland mit Gut und Blut gegen Frankreich schützen und vertheidigen, verbannt es uns und will nichts von uns wissen.

Das laß immer geschehen, warf der Prinz ein. Das sind wandelbare Geschicke, deshalb wirst du doch noch Statthalter der Niederlande, ja wohl noch in einer besseren Zeit, wenn die wahre Freiheit und die rechte Vernunft zur Geltung kommen, König! Aber sprich, Guillaume, sprich von meinem lieben Kinde!

Angés – du kennst ganz sicher den Namen von Sophiens treuer Pflegerin – hatte, wie sie gelobt, das Kind nie von sich gelassen. Sie hatte sich, wie ich später von ihrem Freunde und treuen Anbeter Leonardus van der Valck erfuhr, nach le Mans in der Vendée verheirathet; dort entwich sie den Mißhandlungen ihres eifersüchtigen Mannes unter Leonardus Schutz und kam nach Amsterdam. Es folgte ein Zerwürfniß des Leonardus mit seinem Vater; ein inniges Freundschaftsbündniß fesselte Leonardus an den jungen Grafen, den Vetter meines wackeren Rhoon; an diesem hängt mit voller Seele und Hingebung der biederherzige Commandant und Verweser dieses Kastells und der Letztere erschloß den Flüchtlingen Leonardus und Angé’s Doorwerth als ein Asyl, da an eine Weiterreise in Angés’ Heimath, welche Erstere mit dem Kinde beabsichtigt, unter den jetzigen Umständen nicht zu denken ist.

Dem französischen Prinzen war, als ob er träume. Wundersameres konnte nicht geschehen, als daß er hier, mitten im Lärm der Waffen, das theuere Pfand seiner schönen, zärtlichen Liebe wiederfinden sollte.

Ludwig und Leonardus saßen bei Angés und Sophie, Vieles gab es zu fragen, zu erzählen und mitzutheilen, die kurze Stunde, welche diesem Wiedersehen vielleicht nur vergönnt war, mußte genutzt werden zu rascher gegenseitiger Mittheilung. Da blickte Windt in das Zimmer und winkte Ludwig auf einen Augenblick hinaus. Gleich darauf traten zur größten Ueberraschung von Leonardus der Erbprinz von Oranien und der französische Prinz ein; verwirrt erhoben er und Angés sich von ihren Stühlen.

Verzeihung, daß wir Sie stören! sprach der Erbprinz, und gegen seinen Freund gewendet, auf Leonardus deutend: dies ist Hauptmann van der Valck, ihm danken Eure königliche Hoheit es, diese Ihnen bekannte Dame hier zu finden und ich empfehle den wackern Mann zu höchsten Gnaden. Sie aber, lieber Hauptmann, ersuche ich, diesen Herrn einige Augenblicke bei der Dame und diesem Kinde zu lassen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß in keiner Weise hier etwas zu befürchten ist.

Leonardus war höchlich überrascht, Angés nicht minder. Sie hatte ja den fremden Prinzen noch nicht gesehen, und obschon beim Anblick seiner Züge eine Ahnung in ihr aufstieg, wußte sie doch kaum, ob sie dieser eine Bedeutung beilegen sollte.

Leonardus grüßte soldatisch den Prinzen und folgte ganz unbedenklich der Weisung des Erbprinzen, indem er mit diesem das Zimmer verließ.

Sie sind Angés Daniels, und dieses Kind? fragte der Prinz in Verwirrung.

Angés antwortete nur durch eine stumme Verbeugung, aber wie die Kleine mit dem holdseligsten Lächeln und ganz unbefangen ihre dunkeln Augen aufschlug zu dem stattlichen jungen Mann, der im vollen Schmuck des Kriegers schlank und edel da stand und nach Worten, nach einem Ausdruck der Gefühle rang, da war der stumme Augenblick zu heilig, als daß ein irdischer Laut ihn hätte entweihen dürfen.

Angés beugte sich zu dem Kind nieder, schlug den Aermel des Kleidchens empor und der Prinz kniete hin vor sein Kind, küßte die Buchstaben und küßte Sophie, ja er überströmte sie mit Küssen und Freudenthränen und endlich rief er erschüttert und voll innigster Sehnsucht der Liebe aus: O, Charlotte! meine angebetete Charlotte! Daß du bei mir wärst, mit mir diesen wonneseligen Augenblick zu feiern! O, meine Sophie! Meine himmlische Sophie!

Sie sind mein Vater? fragte das Kind mit dem vollen Wohlklang seiner Stimme. Ich weiß es, daß Sie mein Vater sind.

Und wer sagte dir dies, mein liebes, mein theures Kind?

Weil der Vater sein Kind küßt, antwortete die Kleine. Mich hat noch kein Vater küssen dürfen, meine Angés litt es nicht. Sie sagte oft: einst wird Ihr Vater kommen, liebe Sophie, und wird Sie küssend in seine Arme schließen, und Sie werden eine große Freude empfinden. Ich empfinde jetzt diese Freude, und sie sagt mir, daß Sie mein Vater sind.

Der Prinz war entzückt über den Geist, mit dem sein Kind sich ausdrückte, wie darüber, dasselbe auch körperlich so schön ausgebildet zu finden, so daß Sophie in der That für ein Jahr älter angesehen werden konnte, als sie wirklich war; er wiederholte seine innig zärtlichen Liebkosungen, welche das Kind, von Sympathie durchglüht, von der Allmachtstimme der Natur geleitet, in gleicher Zärtlichkeit erwiederte. Angés ließ Beide lange im ungestörten Genuß dieses überaus reinen und beseligenden Glückes, und erst als der Prinz an das Scheiden denken mußte, wagte sie die Frage: Königliche Hoheit haben ohne Zweifel Nachricht von Ihrer Hoheit, der Prinzessin?

Es geht Charlotten gut, erwiederte der Prinz: doch hat sie mächtige Sehnsucht nach dem Kinde, da Ihr Aufenthalt ihr unbekannt ist. O, eilen Sie, eilen Sie nach jenem Lande, hinweg aus diesem von den Gefahren des Krieges rings und mehr als je umdrohten Zufluchtsort! Ich sorge für Alles; nehmen Sie eine Dienerin an, der bequemste Reisewagen soll zu Ihrer Verfügung gestellt sein, eine Escorte meines Regiments soll Sie sicher durch die Armee den Rhein hinauf geleiten, und in einem ruhigeren unbedrohten Lande und in der Nähe der herrlichen Mutter dieses Kindes, nicht allzufern von Ihrer eigenen Mutter, sollen Sie ein schönes Asyl finden und allen Dank der Liebeernten, den Ihre aufopfernde Treue verdient. Und ich selbst werde Sie Beide geleiten, so weit es mir irgend möglich ist. – Alles Gold, was der Prinz bei sich trug, vertheilte er an Sophie und an Angés; jubelnd empfing das Kind die blanken Bilder vieler geharnischter Ritter, nagelneu aus der Münze zu Amsterdam hervorgegangen, als angenehmes Spielzeug. Angés fand keine Gründe, das Erbieten des Prinzen zurückzuweisen, dasselbe kam ihren Wünschen ganz entgegen, denn nach der Heimath, der schönen, gemüthvollen, geliebten deutschen Heimath sehnte sich ihr ganzes Herz.

Die Kriegshelden hatten mittlerweile den gegen sie durch Windt aufgefahrenen Flaschen-Batterien sehr bedeutende Niederlagen beigebracht. Die meisten der Geschosse waren vorläufig völlig unbrauchbar gemacht und viele insofern vernagelt worden, als ihr Inhalt bis zur Nagelprobe ausgeleert war, so daß es ganz unmöglich war, aus ihnen in dem Zustande, in welchem sie sich gegenwärtig befanden, noch einmal Feuer zu geben. Windt hatte sich glänzend bewährt, auch in diesen Stücken, und allerseits ward ihm das freudige Anerkenntniß, daß er zum Siege des heutigen Tages das Meiste, ja eigentlich Alles, beigetragen habe. Er empfing daher das volle Lob nicht nur eines, sondern aller Chefs, die hier versammelt waren, und wenn er weder an diesem Tage, wie auch an keinem sonstigen einen Orden empfing, so fehlte es doch nicht an Ordres, lauten und geheimen, und er konnte seelenvergnügt und aufathmend seine drei Kreuze schlagen, als der letzte der fürstlichen und prinzlichen Gäste aus dem Thor des Kastells geritten und über die Zugbrücke hinüber war.

Es war angeordnet, daß eine bedeutende Schutzmannschaft im Kastell Doorwerth verbleibe, welcher aus guten und freundlichen Gründen der Erbherr auch einen Theil seiner Leute zugesellte und sie unter die Befehle von Ludwig und Leonardus stellte. Diesen Freunden stand nach dem, was vorgegangen war, die Trennung von Angés aufs Neue, ja vielleicht auf immer bevor, wenn nicht Angés die Nachrichten empfing, auf die sie hoffte, oder ihre Liebe zu Leonardus so mächtig war, daß sie jedes Hinderniß ohne Rücksicht brach.

Jener Prinz, Sophiens erlauchter Vater, dem Alles daran gelegen war, sein Kind zu sichern und dasselbe vom bedrohlichen Schauplatz des Krieges zu entfernen, führte für die drei in Liebe und Freundschaftverbundene Herzen die einmal unaussprechliche Trennung rasch herbei, und Alles, was den Freunden vergönnt blieb, war, die scheidende Angés auf ihrer Reise mit dem Kinde über den Rhein hinüber zu begleiten, welche Reise sich von Arnhem über Emmerich und Wesel nach Düsseldorf lenkte, und zwar so weit zu begleiten, als noch irgend eine Gefahr zu drohen schien. Dann reiste Angés mit Sophie, auch für den Weiterweg in den Schutz erprobt tapferer Krieger aus der Legion Rohan gestellt, völlig ungefährdet weiter, bis endlich nach langer Fahrt ein stilles Gebirgsdörfchen des Schwarzwaldes sie in seinen Friedensschoos aufnahm, in dem jetzt keines Kriegers Waffe, sondern nur zur Sommerzeit der Mäher Sense über den duftausströmenden Waldeswiesen blinkte, und kein anderer Schuß fiel, als zu Zeiten der eines heiteren Weidgesellen, der auf nichts weniger ausging, als auf Menschenmord. Angés hatte mit festem Sinn die Gluth ihrer Liebe zu Leonardus in sich verschlossen; mit starkem Frauensinn hatte sie sich gelobt, ihrer Leidenschaft, die sie mit tausend Sehnsuchtbanden in die Arme des geliebten Mannes zog, zu bewältigen, und sie ging als Siegerin aus diesem Kampfe hervor, obschon nicht ohne eine tiefschmerzende Seelenwunde. Der Abschied zerriß ihr Herz, und trübe Ahnungen durchschauerten ihre Seele. Ein Briefwechsel wurde, als sich von selbst verstehend, verabredet; Leonardus Briefe sollten alle auf der Post zu Lahr liegen bleiben und von dort durch zuverlässige Boten abgeholt werden.

Frau Windt empfing neben manchem schönen Andenken die Zusicherung nie erlöschender Dankbarkeit. Sie vermißte schmerzlich die gute hülfreiche Angés, als sie sich nun, nach ihres Mannes Lieblingsausdruck, fast fort und fort in »Rep und Ruhr« befand. Diese Verwirrung nahm noch lange kein Ende; doch Windt hatte sich nun eingelebt in das bewegte kriegerische Leben, ritt oft mit den Freunden nach Arnhem, führte erbitterten Krieg gegen alles marodirende Gesindel, und hatte an Philipp dabei einen stets kampflustigen handfesten Gehülfen. Unterdessen dauerten die Kämpfe fort; an der Wahl schlug man sich mit der heftigsten Erbitterung, und der fortwährende Kanonendonner erschütterte den Erdboden so heftig, daß sich Windt’s Tisch zitternd bewegte, an dem er saß, an seine Gebieterin schrieb und ihr Bericht erstattete.

Nimwegen, die Festung Grape an der Maas, Thiel in der Betuwe (sprich Betaue) an der Wahl, wurden zu gleicher Zeit bombardirt, Bommel war hart bedroht, fast das ganze Reich von Nimwegen (Bezeichnung des Landstrichs zwischen Wahl und Maas) stand in Flammen. Endlich gingen die Franzosen zwischen Lent und Pandeeren unter stetem fürchterlichen Feuern und in einem dichten Nebel über die Wahl, und versuchten auf dem Bommeler Weerd zu landen. Ringsum und überall war das Land in offnem Kriege.

Da Windt das ihm anvertraute Kastell Doorwerth in sicherem Schutz wußte und ihn verlangte, gewissere Nachrichten über den Stand der Dinge auf dem Kriegsschauplatz einzuziehen, als ihm zukamen, um seine eigenen Maßregeln danach zu nehmen, so forderte er seine jungen Freunde Ludwig und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerschaft einen Auskundschafts-Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorschlag Jenen nur willkommen war. Sie ritten längs des Rheines über das kleine Flüßchen, die Doorwerth, nach Wageningen, wo Windt nicht unterließ, den Bürgermeister nach seinem Ausdruck »zu bezahlen«, dafür, daß dieser gleichsam über das Kastell verfügen zu wollen sich erdreistet hatte; dann setzten sie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fähre sie an das linke Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch die unabsehbaren Wiesenfluren der Nieder-Betaue, welche aber bereits in die weiße Schlummerdecke des Winters eingehüllt waren, was den Ritt erleichterte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flüßchen die Linge, über welches sich eine steinerne Brücke spannte und bis zum Dorf Isendoorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langsame und trübe Flut wälzte. Längs der Wahl immer westwärts reitend, näherten sich die Freunde mit Vorsicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da begegnende Landleute nach den jüngsten Ereignissen, ohne jedoch wichtige Aufklärungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte sich scheuund furchtsam, mißtrauisch und träge, und nahm um so weniger Antheil daran, ob der Freund oder der Feind siege, weil es längst die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Freund es unmöglich schlimmer mit ihm machen könne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Maße theilte, denn, sagte er, die Englischen und Holländischen nehmen, was sie finden – und mehr als sie finden, werden die Franzosen auf keinen Fall nehmen können, dies ist logisch und unumstößlich richtig.

Die Freunde nahmen wahr, daß die Landleute, sobald sie des Reitertrupps ansichtig wurden, sich, so schleunig es gehen wollte, hinter Hecken und Weidenbüsche verkrochen, in Gräben duckten, und sich so eilig unsichtbar zu machen suchten, wie die Feldmäuse, die hie und da noch aus ihren Löchern geschlüpft, ihre letzte Nachernte hielten, worüber Windt, da auf diese Weise kaum Jemand seinen Fragen Stand hielt, sich nicht wenig erzürnte. Die Reiter sahen schon den mächtigen Kirchthurm von Thiel vor sich aus der endlosen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle gelangt, wo zwischen dem Dörfchen Oyen und Sandyk sich mehrere Wege kreuzten, als Windt’s scharfes Auge einen Menschen gewahrte, den er schon einmal und zwar vor Kurzem gesehen zu haben glaubte, welcher Mensch eine blaue Bluse trug und unter derselben dunkel gefärbte Beinkleider; ein breitkrämpiger Bauernhut bedeckte seinen Kopf; dieser Mensch hatte scharf nach den Reitern gesehen und duckte sich jetzt hinter Erlen und Weiden nieder, die am Ufer eines Grabens standen.

Wieder so ein verdammter Ausreißer! rief Windt. – Er hatte es aber noch nicht völlig ausgerufen, so galoppirte schon Philipp mit einer geschickten Schwenkung so rasch um das Gebüsch herum, daß er jenem Menschen in dem Augenblick den Weg verritt, als derselbe in einen am Ufer befestigten Kahn springen wollte. Der Flüchtling erschrak, lief rechts, da kam ihm Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus mit lautem Anschrei entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Wasser zurück, während er ein Pistol zog und den Hahn spannte, aber Philipp ritt stracks auf ihn zu, und hätte ihn unfehlbar über den Haufen geritten, wenn er nicht in die Knie gesunken wäre und gerufen hätte:Mille pardon! mille pardon!während er die Waffe aus der Hand warf.

Sieh, sieh, Leonardus! Wiederum unser Pariser! rief Ludwig, und Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seineterrasse, derÇa ira-Mann von der Balustrade!

Das Großmaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Bursche hier zu thun?

Der Wasserspringer! gab Philipp dazu. Ich kannt’ ihn gleich von Weitem an seinen langen dünnen Schlenkerbeinen, gnädige Herren Hauptleute. Soll ich ihn in die Wahl schmeißen?

Da hätte er die Wahl zwischen Seine und Rhein! lachte wortspielend Ludwig. Nein, bindet den Kerl und laßt uns ihn mitnehmen. Täuscht mich nicht Alles, so erfahren wir von ihm mehr als von irgend Jemand.

Henkt ihn auf, dort an jene Weide! schrie Windt, den ein Gefühl wilder Rache gegen den Mann überkam, der ohnlängst als Führer einer Bande das Schloß mit großer Gefahr und ihm selbst das eigene Leben bedroht hatte. Mit angstvoll verzerrtem Gesicht sich am Boden windend und unter einer Ueberfülle flehender Worte bettelte der Franzose um sein armseliges Leben.

Uebt Gnade, übt Barmherzigkeit, meine gnädigen Herren! Ich bin ein armer von Gott und der Welt verlassener Mensch! Ich will Alles bekennen, was ich weiß! Ich will euch Alles berichten! Nur nicht henken, nur nicht henken! Sollte mein Hals doch daran? Ich bin aus Paris entflohen, meinen Hals zu retten; ich scheute die Berührung des Guillotinebeils mit meinem Halse! Ich bin von der Armee dessertirt, weil dort mein Hals in Gefahr war! Schont ihn, schont ihn, ich habe nur diesen einen!

Pardon für ihn, lieber Windt! Er ist ja unser Gefangener, riefen die Hauptleute.

Nun denn, wie Sie befehlen! erwiederte Windt; aber bindet ihn fest, Philipp, laßt ihn nicht einen Augenblick aus den Augen. Diese Art ist wie ein Aal! Gürtet ihn mit einer Halfter fest an den Schweif eines Pferdes. Reitet ihm zur Rechten und zur Linken, ihr Bursche, und einer dicht hinter ihm, die Klingen blank! Wenn er nur eine Miene macht zu entwischen, haut ihn auf der Stelle zusammen, den Coujon!

Ich will nicht entfliehen! Ach habt nur Gnade, mein gestrenger Herr General! flehte der Franzose.

Der Teufel ist dein General, nicht ich! zürnte Windt, und nachdem seine Anordnungen vollbracht waren, wurde der Rückweg angetreten.

Nicht uninteressant waren die Aufschlüsse, welche der gefangene Franzose über seine eigene Person und über die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatze gab. Wie viel an Allem, was er aussagte, Wahres oder Falsches sei, ließ sich freilich nicht ermitteln. Was ihm nach und nach, bisweilen nicht ohne Nöthigung und ernstliche Androhung, abgefragt wurde, ließ sich in die nachstehenden Aussagen zusammenfassen.

Mein Name ist Clement Aboncourt, mein Geburtsort Saarlouis; mein Vater war Friseur, ich wurde Schneider. Mein Meister war Theaterschneider, das brachte mich zeitig auf die Bretter. Ich probirte fleißig neugefertigte Garderobestücke an meinem eigenen Leib und fand, daß sie mir herrlich zu Gesicht standen; ich wurde Schauspieler und siedelte von einer der zahlreichen Frankreich durchziehenden Banden zur andern über. Die Charaktereigenheit der Mehrzahl meiner Collegen, nie zufrieden zu sein, in den angenehmsten Verhältnissen nicht gut zu thun, stets sich auch mit den besten Directoren auf gespannten Fuß zu setzen und nur den Augenblick abzuwarten, der eine bessere Aussicht eröffnet, um contractbrüchig davon zu laufen, war auch mir in vollem Maße eigen. Nebenbei war ich, da ich ziemlich viel Talent für das Fach der Komiker wie der Intriguants hatte, stets der bescheidenen Ansicht, die fast jeder von seiner Person festhält, daß ich bei jeglicher Gesellschaft, mit der ich spielte, das bedeutendste Talent sei, der hervorragendste Mime, alle Collegen neben mir nur Stümper und Lumpe; was Wunder, daß ich zeitig begann die Wandelbühnen zu verachten, daß das einzige Paris mein Ziel wurde? Dort gelangte ich hin, fand auch Anstellung auf einem Vorstadttheater und trat in gleicher Weise wie früher von einer Bühne zur andern; ich spielte indeß mit sehr mäßigem Beifall, und gefiel zuletzt mir selbst noch weniger wie dem Publikum, so daß ich mich doppelt verkannt sah. Die Revolution fegte alle den kleinen Bühnenkram zur Seite, ich wurdebrodlos und war zuletzt froh, ein kleines Stellchen bei der geheimen Polizei zu erhalten. Dies war die Zeit, wo ich die Ehre hatte, Sie, meine Herren, als verkleidete Ausländer in Carmagnolentracht zu entdecken und die gute Absicht hegte, Sie als Spione des Auslandes, für welche ich Sie hielt, unter das Beil zu liefern. Die nicht eben tapfere That Ihres Begleiters vereitelte mein Vorhaben und hatte für mich sehr trübe Folgen. Einer meiner Collegen – befehligt, gleich mir, auch auf jeden Mouchard, der ihm bekannt war, ein scharfes Augenmerk zu richten – stand am jenseitigen Ufer der Seine, blickte nach mir herüber und sah mich plötzlich den unfreiwilligen Saltomortale herab in die Seine machen. Er gab mich an, und ich wurde, nachdem man mich verhört hatte, mit dem Prädicat eines grenzenlosen Dummkopfs und dem Rathe, ohne Verzug das Weichbild der guten Stadt Paris zu verlassen und es nie wieder zu betreten, meines Aemtchens entsetzt, und hatte nun zu dem vielen Wasser, das Sie mich hatten schlucken lassen, nicht einmal trockenes Brod. Der Hunger mehr noch als der Durst trieb mich jetzt zur Armee, und so kam ich in diese Gegend. Wie es den armen Soldaten geht, werden Sie wissen, meine Herren, Hunger, Durst und Kälte und feindliche Kugeln, das sind die ganzen Annehmlichkeiten, die heut zu Tage ein tapferer Franzose zu erwarten und zu genießen hat, der für die glorreiche Republik kämpft. Ich eignete mir eine Flasche Cognac zu, um eine Schutzwaffe gegen zeitweiligen Durst und die unerträgliche Kälte zu haben, und der Eigenthümer derselben wagte die Behauptung, daß ich dies heimlich gethan, erklärte auch einige Zehnlivresstücke, die sich in meiner Tasche fanden, für die seinigen, ja, er steigerte sogar seine schändlichen Anklagen zu solcher Höhe, daß er behauptete, diese schlechten Hosen, welche ich hier anhabe, seien auch die seinigen. Darauf hin war man so über alle Maßen grausam, mich henken lassen zu wollen, und es kostete mir unsägliche Mühe, bevor der Strick um meinen Hals wirklich zugezogen wurde, mich einer so entehrenden Behandlung ganz zu entziehen, indem ich nämlich durchging, eine Sache, in welcher meine theatralische Laufbahn mir jene Ausbildung verliehen, welche meine Muttersprache mit dem trefflichen WorteRoutinebezeichnet. Ich ging zu einer andern Heeresabtheilung über, bei der ich mich als Auskundschafter meldete, und als solcher willkommen war. Als solcher mischte ich mich unterdie Marodeurs, an deren Spitze ich ohnlängst der Ehre theilhaft wurde, Ihnen, sehr geehrte Herren, zu begegnen, um die Ausreißer unsers Heeres wo möglich an den Galgen zu liefern. Mir fiel, bei meiner Ehre sei es geschworen, nicht ein, zu plündern, ich war der Unschuldige unter jenen Schuldigen, ich mußte nur so thun, wie ich that, um im Vertrauen jenes Gesindels zu bleiben, und ich sehe in der That nicht ein, weshalb jener Herr sich so darauf steift, mich in alle möglichen Flüsse Europas zu werfen, da ich doch ein Franzose bin, der gern auf dem Trocknen ist und der in diesem Lande verbreiteten Secte der Wiedertäufer ganz und gar nicht angehört.

Dieser mit kläglichem und beweglichem Geberdenspiel von Seiten des Spions gehaltene Vortrag belustigte die Zuhörer und benahm jedem Einzelnen derselben den etwaigen Gedanken irgend einer gegen den gefangenen Mann zu übenden Grausamkeit. Ihn unschädlich zu machen, mindestens für die Sache Hollands, konnte genügend erscheinen, doch wollte Windt die Habhaftwerdung der nichtsnutzen Person des Spions mindestens dadurch nutzbar machen, daß Clement Aboncourt nun offen und haarklein Alles sagen sollte, was ihm vom Stande der französischen Armee oder sonst von seinen Landsleuten bekannt sei. Unter dieser Bedingung sollte Aboncourt das Leben geschenkt und er nur so lange im Kastell in Haft gehalten werden, bis entweder der Feind über den Rhein und die Yssel in’s Land brechen oder ein Friedensschluß zu Stande kommen würde, dem die hartmitgenommenen Länder sehnlich entgegenhofften.

Nun denn, was ich weiß, will ich sagen, begann Clement Aboncourt seine Mittheilung: Schaden bringt es Niemand und mir bringt es Nutzen, wenn ich offen rede, denn ich bin ein Mensch, der einen Hals besitzt, welchen ich zu ganz anderen Verrichtungen bestimmt glaube, als der, durch einen Strick zugeschnürt zu werden. Eine Abtheilung der französischen Armee, etwa viertausend Mann, bewerkstelligte zur Nachtzeit eine Landung auf den Bommeler Waard oder Weerd; sie wurden aber mit so großer Höflichkeit empfangen und ihnen mit so vieler Artigkeit zurückgeleuchtet, daß nur wenige von ihnen das jenseitige Ufer der Maas, die sie überschritten hatten, wieder gewannen. Das Fort Sanct André, das die große Insel zwischen Maas und Wahl, welche beide Ströme vor ihrem Zusammenfluß bilden, an deröstlichen Spitze beschützt, wurde fünfmal mit der größten Wuth bestürmt und ebenso vielmal wurden wir zurückgeschlagen. Die holländische Garde hat Wunder der Tapferkeit verrichtet, gleichwohl wird das Alles nichts helfen, das Fort wird auf’s Neue nun mit sechs Schiffen, drei von der Maas und drei von der Wahl aus, beschossen werden. Schon rücken unsere Regimenter auf dem rechten Wahlufer herunter; ich eilte den Vorposten voraus, und wenn die Herren eine Stunde oder nur eine halbe Stunde sich dorthin wagten, wo sie mich gefangen nahmen, so säßen wir jetzt Alle miteinander ganz sicherlich nicht hier.

Es ist ein kitzlich Ding im Kriege, fuhr der Spion fort, indem er sich unwillkürlich an seinen Hals griff: es ist Alles, wie Hand umwenden. Heute mir, morgen dir – sagen die Deutschen. Wir müssen die Wahl nehmen, wir müssen Bommel haben; entweder herein in das Land des Feindes oder ganz zurück, denn wir sind ausgehungert, völlig ausgehungert, trotz allen Siegen – es fehlt am Besten!

An Geld? fragte Windt spöttisch. Ich dächte, dieses stehlt ihr ihr – wie wir vorhin hörten.

Nein, mein General, versetzte der Spion: Geld ist nicht das Beste – es fehlt an Etwas, was sich nicht nur so stehlen läßt, es fehlt an Salz und das bringt die Armee fast zur Verzweiflung; denn je mehr das Salz fehlt, desto salziger wird ihre Haut. – Aha, spottete Leonardus, und da hofft ihr in Holland Salz zu finden, weil es so viele Häringe einsalzt!

Leider! – leider! Wenn uns die Suppe nicht, wie neulich mir, versalzen wird! seufzte der Spion mit einer Grimasse und fuhr fort: Das letzte Salz in Herzogenbusch, so viel als man gewöhnlich um acht niederländische Gulden kauft, ist zu fünfhundert Gulden verkauft worden.

Ist die Grave über oder ist sie nicht über? fragte Ludwig.

Das weiß ich nicht, mein Herr Oberst, erwiederte Aboncourt: allein ich bezweifle es, sonst würde die Maas mehr von Feinden geräumt sein und es wäre weniger Mangel in unserer Armee vorherrschend, die immer einen schweren Stand haben wird; denn es marschiren indiesen Tagen zweitausend Kaiserliche nach Arnhem und Holland hat auf den Grund eines geheimen Tractates fünfundzwanzigtausend kaiserliche Soldaten in seinen Sold genommen, die nach und nach anrücken, um die Wahl zu decken; die englische und hannoversche Reiterei dagegen geht nach Westphalen.

Woher weiß so ein miserabler und lumpiger Kerl, wie du einer bist, das Alles? fragte Windt barsch.

Herr! entgegnete Clement Aboncourt: haben Sie die Gnade und henken Sie mich lieber, als daß Sie mich schimpfen! Da ich in Ihnen einen guten Legitimisten voraussetzen darf, so bedenken Sie, daß ich ein König war.

Auf deinen Schmierbühnen, du Meerschwein!

Ja leider – nirgends als dort, sonst wäre ich nicht hier! fuhr jener unter komischen Seufzern fort: denn wenn ich ein König oder ein königlicher Prinz in der Wirklichkeit wäre – ich wollte mich bei Gott anders und besser halten, wie zum Beispiel der Herr Graf von Artois.

Was ist’s mit dem? fragte Ludwig aufmerksam.

Je nun – antwortete wegwerfend der Spion: er liegt im Hauptquartiere der feindlichen Verbündeten, läßt sich als Gast von den deutschen und niederländischen Edelleuten bewirthen, schmarozt wie ein Abbé und führt ein müßiges Schlaraffenleben. Er stolzirt in einem rothen goldgestickten Rock einher und trägt am Hut eine weiße Cocarde, so groß wie ein Teller. Ludwig der Sechszehnte mochte sein wie er wollte, besser wie dieser war er auf alle Fälle und an dem verliert Frankreich wahrhaftig nichts. Wenn die Emigranten, die den kleinen Hof und Schweif dieses Grafen Artois bilden, ihn mit der weißen Cocarde sehen und er ein weissagendes Gesicht schneidet, denken sie Wunder, wie gut ihre Sache stehe und wie bald man sie zurückrufen werde, und rufen gläubig aus:Ah! Nos affaires sont bien, le Comte d’Artois a souri à la lecture de ses lettres.

Ja ja – brummte Windt: sie haben einen starken Glauben und der Glaube kann Berge versetzen.

Aber nicht Armeen, fügte Leonardus hinzu und fragte den Spion: Weißt du nichts vom Frieden, nichts von wichtigen Veränderungen, spricht man im feindlichen Heere nicht von einem Waffenstillstand?

Waffenstillstand wäre unser Tod! erwiederte der Spion: der wäre wahrlich für keine Partei eine goldene Brücke, denn die Heere blieben zehrend wie Heuschrecken in den Ländern liegen. Und der Winter wird streng, das werden Sie wahrnehmen. Der National-Convent hat der Armee sogar das Beziehen von Winterquartieren verboten, er wird in keinen Waffenstillstand willigen. – Neues ist, wenn Sie es nicht bereits wissen, daß der Herzog von York plötzlich von der Armee abberufen worden und nach England gereist ist und daß Prinz Friedrich von Oranien ihn bis nach dem Haag begleitet hat. Dieser Prinz wird preußische Dienste nehmen, da er durch seine Mutter und seine Gemahlin Preußen so nahe steht. Das hannoversche Hauptquartier bleibt zur Zeit in Arnhem; der Graf von Walmoden führt den Oberbefehl; die englischen Truppen gehen zum Theil nach ihrem Vaterlande zurück; General Harcourt führt über diese das Commando. Man sieht ein von Seiten Ihrer Armeen, daß man alles tapferen Widerstandes ohnerachtet die Wahl nicht länger vertheidigen kann, sie ist unser und wir rücken gegen den Rhein vor. Man wird jetzt plötzlich den Rhein Ihrerseits befestigen wollen, aber zu spät. Wissen Sie, wie viele Schanzen in der Herrlichkeit Doorwerth aufgeworfen werden?

Schanzen? Nein! rief Windt gespannt aus.

So will ich es Ihnen verrathen und will auch gestehen, daß ich neulich nicht nahe bei Ihrem Kastell landete, um es zu plündern oder um zu zechen, sondern, daß mein Auftrag, dessen ich mich auch vollkommen entledigt habe, dahin ging, die Beschaffenheit der bereits vorhandenen Schanzen zu untersuchen; ich fand aber keine als die halbverfallene Dünen- oder Hünenschanze. Nun will man in aller Eile fünf neue aufwerfen, eine Ihrem Kastell gerade gegenüber.

Herr Gott! schrie Windt. Da geht ja, wenn die Schanze vom Rhein aus beschossen wird, das Kastell drauf! Das darf nimmermehr geschehen! Da wäre Alles verloren!

Nun, warten Sie es doch ab, lieber Windt! suchte Ludwig zu beschwichtigen, aber Windt rief leidenschaftlich: Nein! Da ist nichts abzuwarten,aut Caesar, aut nihil!

Vielleicht wird Friede oder doch Waffenstillstand auf alle Fälle! nahm Leonardus das Wort.

Ich will Ihnen auch sagen, fuhr Aboncourt fort: wie bereits die Winterquartiere Ihrer Armeen angeordnet sind, falls Sie das nicht schon wissen.

Nicht so ganz genau, erwiederte Ludwig.

In Arnheim bleiben die hannover’schen Truppen, berichtete der Spion: in Zuitphen wird das Generalquartier der Hessen aufgeschlagen; nach Doesburg kommen die Hessen-Darmstädtischen Truppen; die Franzosen unter dem Prinzen von Condé und im englischen und niederländischen Solde kommen in die Provinz Utrecht zu liegen. Der Graf von Artois wird sich nach Hamm oder auf die Hamburg begeben, man verwechselt diese Ortsnamen leicht.

O ja, wenn man ein Franzose ist! spottete Windt.

Nun? Ist Hamburg nicht die Burg von Hamm? fragte ganz unbefangen der Spion und ließ sich nicht beirren, als ihm ins Gesicht gelacht wurde, sondern fuhr fort: Das Hauptquartier der kaiserlichen Armee ist in die Weselgegend bestimmt, unter General Joseph Freiherrn von Alvinczy. Zweitausend Mann von diesen Truppen gehen noch nach Arnhem und eine gleiche Zahl zieht einen Cordon an der Wahl.

Diese und andere Mittheilungen erweckten gegen den Spion unter dessen Zuhörern eine günstigere Stimmung; sie sahen einen Mann, den das Leben in allerlei Lagen herumgeworfen hatte und der keine andere Aufgabe zu kennen schien, als eben dieses Leben, so armselig und mühevoll es war, zu fristen und zu erhalten. Man versah ihn daher mit allem Nöthigen und hielt ihn in leidlicher Haft, gedachte auch, da man ihn auf eigene Hand gefangen genommen und auf eigene Hand ihm das Leben versichert hatte, ihn den Befehlshabern nicht anzuzeigen, denn sonst wäre ihm höchstwahrscheinlich Kugel oder Strang dennoch zu Theil geworden.

Kastell Doorwerth glich jetzt ungleich mehr einer Festung, als einem Lustschloß; es wimmelte darin von Soldaten aller Truppengattungen und so umfangreich und zahlreich die Räume des Schlosses waren, so blieb für Windt zuletzt nur noch ein enges Thurmgemach übrig. Die Einquartierung oder Besatzung des Kastells und der Herrschaft wechselte häufig, da die Verhältnisse beständige Truppenbewegungen herbeiführten. Als die englischen Jäger und Uhlanen fort waren, kam niederländische Gardereiterei, welche in den Ortschaftender Herrlichkeit ihre Cantonnirung angewiesen erhielt. Dieser folgte das englische Freicorps von Salm-Kyrburg; dazwischen hatte Windt über tägliche Lasten zu klagen, Durchmärsche, Plünderungsversuche, Aerger und Verlust im Uebermaß. Dem erwähnten Freicorps folgten Jäger vom Regimente Hompesch – diesen ein Bataillon von Hohenlohe – dann kam das achte und das vierzehnte Regiment englische leichte Dragoner. Alles Land von Nimwegen bis Leiden war mit Truppen überschwemmt.

Von Zeit zu Zeit kamen auch mehrere der hohen Befehlshaber aus Arnhem herüber geritten, und eines Tages geschah es, daß der Erbherr den Prinzen Ernst August von Großbritannien und noch einen Herrn in sein Schloß einführte, die Bewohner desselben freundlich begrüßte und sich genau nach allen Verhältnissen erkundigte, da diese jeder kommende Tag wieder anders gestaltete. Prinz Ernst August, von dem Niemand glauben konnte, da ihm noch drei ältere Brüder, Georg, Friedrich von York und Wilhelm, Herzog vom Clarence lebten, welche alle zum Königsthrone gelangten, daß auch er einst die Krone eines Königreichs tragen werde, forderte Windt und Leonardus zu einem Recognitionsritt in die Umgegend auf, und der Erbherr sagte zu seinem Vetter Ludwig, er möge ihm und dem zweiten Gast einstweilen Gesellschaft leisten, indem er seinen Vetter diesem Gaste vorstellte. Dieser Fremde war der niederländische Gesandte, Graf Brantsen, derselbe, der die Ehre gehabt, auf seinem Schlosse Sip den Grafen von Artois zu bewirthen. Als die drei Herren vertraulich beisammen saßen und ihr Gespräch sich, wie es nicht anders sein konnte, auf die bewegte Zeit lenkte, äußerte sich der Gesandte: Dieses Wirrsal kann keine Dauer haben; es müssen Schritte geschehen, die den Völkern und Ländern den Frieden wieder geben. Mit der Waffengewalt geschieht dies noch lange nicht. Dazu führt ungleich schneller und unblutiger jene kleine feine Waffe, zu deren Führung es nicht der beiden Hände oder doch der ganzen Faust, sondern nur dreier Finger bedarf, und ein gewisses Maß von Kenntnissen, mit einem klaren Verstande, nebst redlichem Willen.

Du wirst verstehen, lieber Vetter, was der Herr Ambassadeur meinen, erläuterte der Erbherr: und seine Güte, die ich für dich in Anspruch zu nehmen mich erkühnte, um dir einen recht guten und treuenDienst zu leisten, hat mir zugesagt, dir nützlich sein zu wollen. Sieh, lieber Vetter, ich glaube dich nicht falsch zu beurtheilen, wenn ich meine, daß du nicht für den Kriegerstand geboren bist. Dir sagt wohl mehr, wie du von Jugend auf es geführt hast, ein beschauliches Stillleben zu, und ich möchte dich glücklich wissen, denn du weißt, und ich weiß, was ich dir Alles danke. Was soll dir dieser Krieg und besonders die Art, wie er jetzt in diesem Lande geführt wird? Man spricht nicht von Schlachten, in denen ein junges Heldenherz sich Lorbeeren erkämpfen kann, sondern von Winterquartieren, man denkt nicht auf Vorzüge, sondern auf Rückzüge, man ficht nicht mit der Waffe der tapfern Hand, sondern nur mit grobem Geschütz. Zum Vorrücken in höheren Dienstrang ist keine Gelegenheit, und für was solltest du dein Leben auf das Spiel setzen? Du bist in Deutschland geboren, weshalb solltest du für Holland kämpfen? Daher bin ich der Meinung, du weilest nicht länger hier unter dem rauhen und doch so nutzlosen Getöse der Waffen, sondern versuchst in einer andern Laufbahn dein Glück, versuchst wenigstens in ihr den Grund einer zukünftigen ehrenvollen Stellung im Leben zu legen. Unser Windt ist ein trefflicher, lieber, edeldenkender Mann, ich schätze ihn außerordentlich, und seine Frau ist ja überaus brav und rechtlich, allein beide sind doch auf die Dauer kein Umgang für dich; du mußt eintreten in höhere Lebenskreise. Dein Blick muß geschärft, deine Ansicht vom Leben und dessen höchsten Aufgaben geläutert und festgestellt, ja selbst dein Herz muß geprüft und gebildet werden durch höheren Umgang. Sage selbst, ob ich nicht Recht habe?

Ja, du hast Recht, Vetter, sprach Ludwig, doch so schwankend, als erwache er aus einem Traume.

Mag Paris jetzt vielen Frommen als ein Sündenpfuhl, ein Sodom und Gomorrha, Andern als eine Löwengrube, noch Andern als Niniveh und Babylon erscheinen, welches demnächst der Zorn des Höchsten zertrümmern wird – dem Auge des vorurtheilfreien Weltmannes erscheint es anders, erscheint es immer als die europäische Weltstadt, in der das gesellige Leben seinen höchsten Blüthenstand erreicht, in der dasselbe am heißesten pulst, und das stets die höchste Bildung über alle Lebenskreise ausstrahlt. Der Herr Gesandte geht in diesen Tagen nach Paris ab, und ist so sehr gütig, dich als Attachémit dorthin nehmen zu wollen. Bei wenig Mühe wirst du leicht und sicher die Pflichten und Dienstleistungen, die dir dann obliegen werden, das Abfassen mancher Correspondenzen und dergleichen, dir aneignen, und hauptsächlich jene gesellige Gewandtheit, die ebenso fern von unwürdiger Kriecherei als lächerlichem Hochmuth den gebildeten Mann befähigt, sich mit Anstand und sittlicher Haltung in allen Kreisen des Lebens zu bewegen.

Sie sind sehr gnädig, Herr Graf, richtete Ludwig sein Wort an den Gesandten, daß Sie sich eines so jungen und noch so unbedeutenden Menschen, wie ich bin, annehmen wollen. Es ist wahr und ich gestehe ein, daß mein Herr Vetter Recht hat; der Kriegsdienst ist nicht meine Sphäre, es lebt kein Verlangen in mir, auf die Länge hin Soldat zu sein, wie ehrenvoll dieser Stand auch ist, aber ich fürchte sehr, daß ich Ihnen eine Last sein werde; jedenfalls glaube ich zu wenig unterrichtet zu sein, um die schwierige Bahn eines Diplomaten –

Man wird nicht über Nacht ein Diplomat, mein junger Herr Graf, unterbrach der Gesandte den Sprechenden. Sie legten eine gute Grundlage in den alten Sprachen. Sie sprechen und schreiben viele der neueren: niederländisch, französisch, englisch, deutsch, das ist schon viel. Selbststudium durch gediegene Schriften wird in der höhern diplomatischen Geschichte der europäischen Länder und Höfe Sie bald befestigen; die Grundzüge des europäischen Staats- und Völkerrechts werden Sie sich bald aneignen; es bleibt Ihnen unverwehrt, in Paris einen Cursus dieser Wissenschaften an der Universität zu hören; vertrauen Sie mir nur, ich werde Sie gut und sicher und mit Wohlwollen führen.

Ludwig verbeugte sich verbindlich dankend, dann aber ward er nachsinnend und sprach endlich zu seinem Verwandten: Aber Leonardus?

Herr Leonardus van der Valck, Kaufmann aus Amsterdam, wandte der Erbherr seine Rede erläuternd an den Gesandten: derselbe Mann, der mit Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen und Herrn Commandant Windt vorhin zum Recognosciren ausritt, ist der Freund meines Vetters und wird gewiß nicht derjenige sein wollen, der dessen künftigem Glück hemmend in den Weg tritt.

Er ist ein Freund, ein Freund im schönsten und edelsten Sinnedes Wortes, ein Freund, auf den auch nicht der kleinste Schatten fallen darf! rief Ludwig mit edler Aufwallung, da ihm schien, als erkenne sein Verwandter nicht seines Leonardus volle Seelengröße vollständig an. Es bedarf nicht, daß ich ihn rühme, fuhr Ludwig fort: ich will nur sagen, daß ich nicht gesonnen bin, mich von ihm zu trennen; ich habe, kaum aus der Welt meiner Jugendjahre getreten, bereits der tiefschmerzlichen Trennungen schon zu viele erlebt.

Dem Erbherrn zuckte es bei diesen Worten in der Brust, als brenne ihn plötzlich eine alte Wunde, und er bedurfte einiger Augenblicke, die bittere Empfindung niederzuringen, die in ihm lebendig wurde, während der Gesandte das Wort nahm: Wenn Herr Leonardus van der Valck so treu an Ihnen hängt, Herr Graf, als Sie an ihm, so wird ihm nichts im Wege stehen, uns nach Paris zu begleiten. Kann ich ihn auch nicht – und wer weiß, ob es nicht in der Folge doch geschehen könnte – in meinem Bureau anstellen, so kann ich ihn doch unter den Schutz der Gesandtschaft stellen, er kann als Volontairpro formamit Ihnen arbeiten; Sie können ungetrübter, als irgendwo, das Glück ihrer beiderseitigen Freundschaft genießen. Hier im Getümmel der Waffen droht Ihnen unversehens vielleicht die schmerzlichste Trennung.

Leonardus mag entscheiden! sprach Ludwig fest. Wir sind, was wir äußerlich nur scheinen, innerlich in Wahrheit geworden, Brüder – und da mir die Süße der Familienbande versagt ist, meine Heimath mir fernab liegt, da ich losgerissen bin von geliebten Herzen, so will ich doch an dem einen Anker mich halten, so lange es Gott vergönnt, ich will Leonardus, den ich zum Bruder mir erwählt, auch Bruder bleiben bis zum letzten Athemzuge meines Daseins.

Schnell und rasch war die Wendung in Ludwig’s Schicksal; Leonardus, der des Freundes Gefühle so innig theilte, willigte mit Freuden ein, denn auch ihm konnte das Leben, wie es jetzt hier zu führen die Nothwendigkeit gebot, auf die Dauer nicht zusagen. Aber wie ganz anders war der jetzige zweite Abschied Ludwig’s von dem redlichen Windt? Beim ersten Abschied galt dieser dem jungen Grafen nur als der unwandelbar treue Diener der alten Großmutter, als ein etwas steifer, förmlicher Kanzleimensch, ein gutes, brauchbares Inventarstück, das sich durch seine Dauerbarkeit empfahl. Um wie Vieles höher warWindt in Ludwig’s Achtung, ja in seiner dankbaren Liebe gestiegen? Welche Verdienste hatte sich der treue Mann nicht um Leonardus, um Angés, um jenes Kind erworben, und um Ludwig selbst, ja auch um dieses Schloß, diese Herrschaft. Ludwig schenkte ihm alle seine Waffen, nur die Damascenerklinge mit den bourbonischen Lilien auf blauem Grunde am Griff behielt er für sich. Auch Philipp’s Brauner blieb Windt zum Geschenke, und Leonardus’ Reitknecht trat in dessen Dienste, da einer von seinen Dienern ihn verließ. Windt und seine Frau weinten, als die Freunde schmerzlich bewegt von ihnen Abschied nahmen. Der Erbherr wünschte aufrichtig Glück – vielleicht noch etwas aufrichtiger als damals in seinem Briefe. Was lag nicht Alles zwischen jener Trennung und der heutigen? Philipp begleitete als gemeinschaftlicher Diener die Freunde.

Der Gesandte war ein angenehmer und liebenswürdiger Mann, feingebildet, ganz für seine Stellung geschaffen. Leicht gewannen die Freunde seine Gunst, und schon seine Unterhaltung war in hohem Grade belehrend. Sie fuhren mit Extrapost von Station zu Station, das Gepäck kam nach; der Gesandtschaftspaß beseitigte jede Gefährdung.

Unterwegs peitschte der Postillon nach dem Rücksitz – es war in Rheenen – um einen Mann, der sich hinten aufgesetzt, zum Herabspringen zu bewegen; jener hielt und duckte sich lange, endlich sprang er doch herab. Ludwig bog sich aus dem Schlage und blickte zurück. Die Postkalesche rollte unaufhaltsam fort – der Mann zog den Hut und machte Bücklinge und komische Grimassen. Es war Clement Aboncourt.


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