Graf Ludwig weilte wieder auf deutschem Boden. Er war jenen Reisenden hohen Ranges Begleiter geworden; ein ungewöhnliches Vertrauen hatte ihn beglückt, Angés hatte dieses Vertrauen bewirkt, ja selbst Sophie, das herrlich sich entfaltende Kind, hatte dazu beigetragen. Den Herzog nöthigten Pflicht und Ehre, seinen Lieben nur bis zur Grenze des Sachsenlandes das Geleite zu geben; er lernte auf der Reise den Grafen, der ihn im Thüringerwalde einholte, kennen und hochachten, und ihm, dem ganz unabhängigen, der Sprachen wie der politischen Verhältnisse kundigen Mann, vertraute er unbedenklich den Schutz und die Führung seiner Lieben an, beruhigter eilte er zum Heere zurück und an die Spitze des Corps, welches unter Prinz Ludwig Joseph von Condé errichtet war und dessen Namen trug. Manche tapfere That wurde vollführt, bis der Präliminarfriede von Leoben den Krieg hemmte, und der Wiener Hof die Verabschiedung des Condéischen Corps bewirke. Aber dieses wollte sich nicht auflösen; da erfolgte von Seiten des Kaisers von Rußland eine Einladung an das ganze Corps, und der Prinz von Condé ging ihm voraus. Der junge muthige Herzog, dem noch höher als die Liebe, der Muth die Seele schwellte, blieb als Oberbefehlshaber des Corps an dessen Spitze, leitete den Marsch durch Oesterreich, führte das Heer, 10,000 Mann stark, nach Volhynien, eilte nach Petersburg, seine Angehörigen zu begrüßen, und fand dort Gelegenheit, den Grafen Ludwig für seine treue Anhänglichkeit und außergewöhnlichen Dienstleistungen angemessen und durch eine entsprechende äußere Stellung zu belohnen.
Das Jahr 1799 rief den Prinzen von Condé und sein Heer wieder unter die Waffen; der Herzog führte zwei Emigrantenregimenter und das russische Infanterieregiment Titow nebst andern Truppen und rückte nach Schwaben und der Schweiz vor, wo die rühmlichste Tapferkeit entfaltet wurde und der Herzog große Triumphe feierte. Verhältnisse des höheren politischen Lebens, hauptsächlich der Rücktritt desKaisers Paul von Rußland von der Coalition, bestimmten den Herzog, auf den Schutz, den das Theuerste, was er besaß, in Petersburg bisher genossen hatte, zu verzichten, er gab Weisungen, daß die Frauen und ihre Dienerschaft sich in eine deutsche Stadt, die unbedroht vom Kriege war, begeben sollten. Da der Rath des freundlichen Geleiters, den man als einen weitläufigen Verwandten durch seine mütterliche Abstammung betrachtete und ihm volles Vertrauen schenkte, von der Prinzessin erbeten wurde, so schlug Graf Ludwig Hamburg vor, nicht nur, weil er selbst sich wieder nach Deutschland zurück und in eine bekannte Gegend sehnte, sondern auch, weil er die Ueberzeugung hatte, daß die Prinzessin dort ganz nach ihren Wünschen zurückgezogen und in völliger Freiheit leben könne, während bei aller Aufmerksamkeit, die man ihr erwies, das Leben am russischen Hofe ihr doch auf die Dauer drückend geworden war.
Im Verhältniß Ludwig’s zu Angés hatte sich Nichts geändert; es war und blieb wie es von je gewesen, eine auf die höchste gegenseitige Achtung sich gründende, reinste Freundschaft. Zart und schonend hatte ihr endlich Ludwig des Freundes Ableben mitgetheilt, viele Thränen waren noch gemeinschaftlich um Leonardus geflossen; Ludwig hatte des Freundes Miniaturbild und die Bilder von vier Frauen, die er alle aus der Erinnerung gemalt und mit vielem Glück getroffen, der Freundin anvertraut. Es war das Bild der treuen Großmutter, der herrlichen Mutter, es war das Bild der reizenden Ottoline und jenes der lieblichen Angés, es war der Kranz von Bildern edler Menschen, die alle tiefen, wunderbaren und unvergänglichen Eindruck auf sein Herz gemacht hatten, jede einzelne Persönlichkeit auf verschiedene Weise, und alle einig in dem Bestreben, ihn zu beglücken. Ottoline hatte ihn freilich so wenig mit reichen Gaben bedenken können, wie Angés, aber sie hatte sein Herz mit hohen Empfindungen erfüllt; der erste Strahl aus einem reinen Frauengemüth war aus ihren Blicken in seine Seele gefallen, hatte ihm seine Jugend verklärt, seinen Geist erhoben, dem fortan kein unreiner Gedanke nahte. Und in Angés hatte Ludwig erkennen lernen, welchen Reichthum edler Gefühle ein Frauenherz birgt; er hatte in ihr jenen wahrhaften Seelenadel gefunden, der seinen Ursprung nicht aus alter Abstammung und hoher Geburt herleitet, sondern aus dem eigenen unentweihtenGemüthe, das wohl sich emporzuringen vermag auf den Gipfel reinster sittlicher Größe und Hoheit.
Angés war die große und doch so zärtliche Seele, die über sich selbst den herrlichen Sieg gewann, die flammende Neigung zweier Freunde zu bekämpfen und ihr zu widerstehen, die Beide der Liebe so würdig waren, die an ihrem Beispiel lernten, sich selbst zu beherrschen, und von denen sie den Einen mit aller verhaltenen Glut ihrer Empfindung, mit aller innigen Freundschaft den Andern liebte.
So beharrend in würdiger und edler Selbstbeherrschung war Angés sich selbst treu geblieben, und so hatte auch die Prinzessin ihr Wesen und ihren Charakter von je erkannt und hochgeschätzt; sie wurde von dieser wie eine Schwester behandelt und Angés blieb auch später die Ausbildung und Leitung des geliebten Kindes überlassen. Die Einrichtung war so getroffen, daß Angés nur in den nöthigen Fällen mit der Prinzessin öffentlich erschien, daß die Wohnungen getrennt waren und keine Seele den Antheil errathen konnte, den die Prinzessin an dem Kinde nahm.
Graf Ludwig wußte, als er in Hamburg mit seinen Schutzbefohlenen anlangte, noch Nichts vom Ableben der regierenden Reichsgräfin Ottoline; er hatte auch von der Großmutter lange keine Nachricht erhalten und leicht konnten ihn jetzt Briefe verfehlen. Indeß vermuthete er seine würdige Gönnerin in Hamburg, und hatte sich nicht getäuscht. Er miethete sogleich in der Nähe des großmütterlichen Hauses eine Wohnung für sich und seine Begleitung und erfuhr, daß auch Windt anwesend und die Reichsgräfin bedenklich erkrankt sei.
Ludwig suchte den alten Freund auf, und diesen versetzte das unvermuthete Wiedersehen in eben so viel Freude als Bestürzung.
Sie finden Ihre Frau Großmutter bedeutend krank, Herr Graf! sprach Windt; und was die Vergleichssache angeht, so sind wir noch keinen Schritt weiter, außer daß der jüngere Graf, Johann Carl, sich ganz nach England übersiedelt hat und bereits Generallieutenant geworden ist. Derselbe hat mit dem Erbherrn und dem Vice-Admiral William eigene Verträge abgeschlossen für den zu erwartenden Todesfall der Frau Großmutter, und geben Sie Acht, liebster Herr Graf, wenn sie die Augen zuthut, so wird es heißen: »Sie haben meineKleider getheilt und um meinen Rock haben sie das Loos geworfen; ja ich vermuthe fast, sie haben dies bereits gethan, denn ich hörte neulich ein Vöglein pfeifen, unter uns gesagt, Herr Wippermann hat geplaudert, als ich ihn jüngst in einen Austernkeller mitnahm und seine sonst schwere Zunge mit Champagner löste; die Sache soll so abgekartet sein, daß der Erbherr Varel und Kniphausen behält, so wie die Güter in Holland, wenn er sie nämlich wieder bekommt, der Admiral aber die Herrlichkeit Doorwerth mit allen ihren Schlössern, Dörfern, Höfen, Wonnen und Weiden, Aeckern und Wiesen und auch ein hübsches Stück Busch; dafür findet er den Grafen Johann Carl mit Geld ab und tritt in dessen ganzes Erbrecht ein.
Mögen sie das Alles ganz nach ihrem Gefallen machen, wenn es sie nur zufrieden stellt. Also der Erbherr ist frei? das freut mich; wie lebt er? wie leben die Seinen? fragte Ludwig.
Sie leben in Trauerkleidern! entgegnete Windt. Es wird Sie schmerzen, Herr Graf; ich sehe schon, mein Brief hat Sie nicht mehr getroffen; ich hatte Befehl, Ihnen den betrübenden Fall zu melden.
Um Gott, welchen Fall?
Ottoline, die regierende Frau Reichsgräfin, diese sanfte Dulderin, wandelt nicht mehr unter den Lebendigen.
O, mein Gott! seufzte Ludwig, und ein tiefer Schmerz durchschauerte sein Gemüth.
Sanft, wie sie gelebt, war ihr Verscheiden; ihre Kinder segnend, gehoben durch die Tröstungen der Religion, ging sie ein zum Frieden. Sie hat viel und lange gelitten, und Ihrer, Herr Graf, hat sie, wie mir Ihre Frau Großmutter vertraute, noch in den letzten Minuten gedacht.
Und der Erbherr, wie trug er diesen Verlust? fragte der Graf.
Er empfand ihn tief und schmerzlich, ganz gewiß, antwortete Windt, wenn er auch die Größe des Verlustes nicht zu ermessen wußte. Doch verdammen wir ihn nicht, Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen, langes Fernsein vom heimischen Herde, die rauhe Soldaten- und Seemannsnatur. – Sie begreifen was ich noch sagen könnte. Doch die Zeit wird das Weitere lehren.
Und die Großmutter, seit wann ist sie krank? fragte Ludwig.
Ihre Krankheit ist das Alter! versetzte Windt. Denken Sie, fünfundachtzig Jahre! Und fuhr noch in einem Wetter, in dem man keinenHund aus der Thür jagt, von Varel nach Kniphausen hinüber, um den Wunsch der sterbenden Erbherrin zu erfüllen. Aber es ergriff sie schwer, nicht auf dem Hinweg, nicht auf dem Herweg sprach sie mit mir und meiner Schwester auch nur ein Sterbenswort. Sobald die Wege winterhart wurden, reisten wir hierher, doch ist sie seitdem nicht wieder aus dem Hause gekommen und ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Graf, daß sie lebend auch nicht wieder über dessen Pforte kommt.
Sie sagen mir viel, o, allzuviel Trübes und Schmerzliches, liebster Windt! seufzte Ludwig. Wie hatte ich mich gefreut auf mein Hierherkommen, ich wollte der Großmutter eine Prinzessin wieder zuführen, die eine Verwandte und die ein Engel an Liebenswürdigkeit ist, die auch schon hier war, und jenes Kind, das Sie so liebevoll in Doorwerth gehalten, jene kleine Sophie, die jetzt eilf Jahre alt ist und noch Jemand.
Angés! rief Windt voll ungeheuchelter Freude. So haben Sie sie gefunden, und sie hat endlich – ihr Herz – Ihnen –?
Nein, da irren Sie, mein Lieber! erwiederte Ludwig ernst. Angés ist sich gleich geblieben, und ich habe überwunden. Es war ein herber Kampf mit Liebe und Leidenschaft, der Sieg war schwer, aber jene Strophe stärkte mich, die mein verklärter Freund mir einst zurief.
»Wir müssen alle ringen,Des Kampfs bleibt Keiner frei;Doch soll ein Sieg gelingen,Frag’ nicht, ob schwer er sei.«
»Wir müssen alle ringen,Des Kampfs bleibt Keiner frei;Doch soll ein Sieg gelingen,Frag’ nicht, ob schwer er sei.«
Wir siegten und wandeln nun in treuer Freundschaft verbunden neben einander wie Bruder und Schwester.
Windt ließ die alte Reichsgräfin durch seine Schwester auf das Erscheinen ihres Enkels vorbereiten, und die dem Todte nahe Frau fühlte sich dadurch neu belebt; sie sammelte nochmals ihre ganze Kraft und in der That war es das letzte Gefühl irdischer Freude, das sie hob und kräftigte; sie konnte mit voller Stimme und im Tone alter Herzlichkeit ihm zurufen: Sei mir tausendmal willkommen, mein geliebtester Enkel! Du heißersehnter Liebling! Dich noch einmal zu sehen, ist Wonne meinen alten fünfundachtzigjährigen Augen, ist mir eine köstliche Arzenei, heilsamer als Alles, was Doctor Reimarus in der Apotheke für mich zusammenbrauen läßt!
Ludwig stand bewegt am Lager der gänzlich abgezehrten Greisin, deren Augen aber immer noch hell blickten, deren Gedanken immer noch klar waren.
Nach einer Pause, die der augenblicklichen Aufregung folgte, sprach sie in Gegenwart von Windt’s Schwester, die auf den Wink der Herrin bleiben mußte: Du kommst noch eben recht, um dir ein Andenken zu holen, das außerdem nicht in deine Hände gekommen wäre, es ist ein Doppelandenken und Ottoline bestimmte dir’s, rathe, Ludwig, was es ist?
Ottoline mir ein Andenken? Wie sollt’ ich das errathen, beste Großmutter!
Die kranke Reichsgräfin winkte ihrer Kammerfrau, und diese brachte ein Lederfutteral herein.
Nun öffne lieber Ludwig, und schaue das Andenken an, das ich und Ottoline, die mich in ihrer Sterbestunde bat, dir dieses Kleinod zu gönnen, dir bestimmt haben, ein Andenken an sie und mich.
Ludwig öffnete die Hülle, und die Juwelenpracht des einzigen Kunstwerks strahlte ihm entgegen. Der Falk von Kniphausen! rief er, starr vor Staunen.
Von nun an dein Eigenthum, flüsterte die Kranke.
Das kann nicht sein, rief Ludwig: dies Kunstwerk ist eine Grafschaft werth, ach – und für mich – noch unendlich mehr – o jener Tag – ach, Ottoline!
Und wenn es zehn Grafschaften werth wäre, sprach die Gräfin: so wird es dir auch werth bleiben – du wirst es nicht verschachern und verschleudern, wie meine herrliche Münzsammlung dereinst verschleift und verschleudert werden wird, über die ich bethörter Weise schon früher verfügte. Dir – dir hätte ich sie geben und hinterlassen sollen!
Sie haben mich ja schon so überreich begabt, beste Großmutter! fiel Ludwig ein.
Mache keine vielen Worte und nimm den Falken an dich – die Andern sollen ihn nicht haben – sie sollen nicht wieder daraus trinken – du – nur du – und die, welcher du dein Herz schenkest! Nimm ihn – behalte ihn. Die Urkunde, daß ich dir den Falkenschenke, steckt bereits im Innern des Vogels. Trinke dich gesund daraus,drink all ut!
Die Reichsgräfin entließ ihren Enkel, das Wiedersehen und das Sprechen griffen sie an. Ihre starke Natur aber erlag dieser Aufregung dennoch nicht, vielmehr schlief sie ruhiger und anhaltender, wie seit lange.
Am folgenden Tage fühlte sich die Kranke merklich besser; es war als ob der Anblick desjenigen ihrer Enkel, der ihrem Herzen von seiner frühen Jugend an am Nächsten stand, der gleichsam ihr Eigenthum geworden war, sie neu belebt habe, und sie sandte bei guter Zeit nach Ludwig, damit er ihr von seinen bisherigen Schicksalen erzählen möge. Dies that denn auch der Graf ausführlich; die Alte hörte schweigend zu und blieb ganz ruhig, dann sagte sie: Bitte, mein gutes Kind, bitte die Prinzessin Hoheit, mir die Ehre ihres Besuches nur auf eine Viertelstunde zu schenken, sie wird mir dies nicht abschlagen, denn sie hat mir immer, als ihr Haus noch gute Tage sah, viele Zuneigung erwiesen. Was ich ihr zu sagen habe ist wichtig. Sie wird auch schon deshalb auf meinen Wunsch eingehen, weil ich ihren Angehörigen Gutes erzeigte.
Theuerste Großmutter, entgegnete darauf Ludwig: Ihr Wunsch kommt der Bitte jener hohen Frau zuvor, sie hat auf der ganzen Hieherreise von Sanct Petersburg nach Hamburg sich darauf gefreut, Sie wieder zu sehen, Ihnen das Kind zuzuführen.
Ihr Kind? fragte die Reichsgräfin.
Nicht vor dem Auge der Welt, vor dem Ihren aber unverschleiert, war Ludwig’s Antwort.
Ist das hohe Paar nicht vermählt? forschte die Reichsgräfin weiter.
Wohl sind sie vermählt, diese einander so heiß und feurig liebenden Herzen, ich selbst war Zeuge, es geschah nach der Ankunft Seiner königlichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in stiller Abendzeit, in einer katholischen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung empfing. Aber sie haben beschlossen, ihre Vermählung noch als ein Geheimniß zu bewahren, bis zu einer günstigeren Zeit, bis die beiderseitigen Verhältnisse sie sicherer stellen, und es sollen die nächsten Angehörigen nicht mehr erfahren, als was sie bereits wissen, daß nämlich der Herzog und die Prinzessin einander in untrennbarerLiebe angehören. Ueber die holde Tochter soll noch, zu deren eigener Sicherheit, das tiefste Schweigen beobachtet werden.
Nun denn, das Alles ist mir lieb zu hören, sagte die Gräfin: und so bitte ich dich, die Prinzessin mit der Tochter zu mir einzuladen. Jedenfalls weilt sie hier doch incognito?
Sie hat den Namen einer Gräfin von Clermont angenommen, versetzte Ludwig.
So gehe und führe sie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind, entferne dich nicht allzuweit, daß ich dich kann rufen lassen, wenn der Genius mir die Fackel umstürzt. Noch einmal fesselt dich die alte Großmutter, die dich so lange mit Fesseln der Liebe hielt, an ihr Sterbebette, dann bist du ganz frei und die weite reiche Welt ist dein.
Die reiche Welt, sprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich bedarf, wonach mein Herz und mein Seele dürstet – Liebe!
Harre und hoffe! dir kann noch das höchste, das reinste Glück der Liebe erblühen. Wer mit fünfundzwanzig Jahren schon die schönsten Rosen seines Lebens abgepflückt hat, der hat sich selbst beraubt. Spare dich auf, ich sage dir, Ludwig, du wirst noch viele beglückte Tage sehen.
Der Graf ging und einige Stunden später befand sich die Prinzessin und das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgräfin. Als die gewöhnlichen Formeln der Höflichkeit gewechselt waren, klingelte die Gräfin ihrer Kammerfrau und sprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen Comtesse die Gemälde und die kleinen Raritäten im grünen Salon, den meine Freunde scherzhafter Weise immer mein »grünes Gewölbe« nennen.
Mittlerweile hatten sich des Kindes Augen schon auf ein Bild an der Wand geheftet, und mit Lebhaftigkeit rief es aus: O Himmel, welch ein schönes Bild! Das ist ja Schloß Doorwerth! Liebe Tante! mit diesen Worten wandte sie sich zu der Prinzessin, bitte, sehen Sie dieses Bild an! In diesem Schlosse bin ich gewesen – in diesem Thurm hier – zur rechten Seite – haben wir gewohnt, meine liebe Angés und ich – dort von jener Zinne haben wir herabgesehen, als so viele Soldaten um das Schloß versammelt waren, und die Prinzen dorthin kamen – mein theurer – Oncle!
Die Prinzessin blickte mit Antheil auf das Bild von Doorwerth. Dann führte die Kammerfrau die Kleine weg, um ihr in den anstoßenden Sälen noch andere schöne und werthvolle Dinge zu zeigen, während die Reichsgräfin mit der Prinzessin allein blieb, um mit dieser Wichtiges zu besprechen, was keine Zeugen litt.
Als diese später mit dem Kinde die Reichsgräfin wieder verließ, beide in dichte Schleier gehüllt und von Windt nach dem Gasthof geleitet, verbarg die Prinzessin mit Mühe eine heftige Bewegung; erst als sie sich mit Sophie allein in ihrem Zimmer sah, umarmte sie mit Ungestüm die holde Tochter, küßte sie auf die Stirne und rief: Gott segne dich, Gott segne und erfülle, was in dieser Stunde über deine Zukunft beschlossen ward!
Es war am 4. Februar des Jahres 1800. Charlotte Sophie sollte die Sonne eines neuen, kommenden Jahrhunderts nicht mehr sehen.
Graf Ludwig kniete an ihrem Sterbebette, noch einmal lag ihre erkaltende Hand segnend auf seinem Haupt; die Reichsgräfin endete ruhig und ernst, als ihre Seele entflohen war, glich ihr Antlitz dem Marmorbild einer Olympierin. –
Bei der mit ihm trauernden Angés verlieh Ludwig seinem tiefen Schmerz über das Weh, das ihn hier doppelt berührt, Worte, indem er sprach: Wieder eine Seele weniger auf Erden, die für mich betet. Wäre ich Katholik, so würde ich sagen, meine Lieben werden alle zu Heiligen, um droben für mich zu bitten. Aber was bleibt mir, wenn Alle, die ich liebe und ehre, von hinnen ziehn?
Immer bleibt dir, mein Freund, entgegnete Angés: die Thatkraft und die allbelebende Hoffnung. Du wirst noch mehr des Schmerzlichen erleben und dich dennoch aufrecht halten müssen.
Das sagte mir die Großmutter auch, in der letzten Stunde, versetzte der Graf; als ihr vom Tode erhelltes Auge prophetisch in die Zukunft blickte. Streit und Zwietracht wird sein, sprach sie: unter den Völkern, unter den Herrschern der Welt, Streit und Zwietracht auch im Schooß der Familien. Dein Name wird nicht in meinem Testamente stehen, mein Ludwig, damit nicht der Haß gegen dich aufgestachelt werde. Dein Bruder soll nicht wissen, daß er dein Bruder ist, denn es steht geschrieben, daß ein Bruder wider denanderen streiten wird. Lass’ sie Alles an sich reißen, meine lachenden Erben, du hast genug, und ein Höheres ist dir noch beschieden, wenn du ferner auf richtiger Bahn wandelst. Ich fahre dahin, ohne erlebt zu haben, was ich so sehnlich hoffte, wonach ich mit allen Opfern und Anstrengungen rang und trachtete: Eintracht, Liebe, Frieden; aber nein, die wohnen nun einmal nicht in unserem Hause, seit der böse Feind die Saat des Unfriedens vor langen Jahren in die Gefilde von Jever, Varel und Kniphausen säete. Laß fahren dahin – sie haben’s nicht Gewinn!
Eine erhabene Seele, diese verklärte Großmutter! sprach Angés. Und was prophezeite sie sonst noch?
Daß ich noch mehr als einen schmerzlichen Verlust würde zu beweinen haben, erwiederte Ludwig; daß mir beschieden sei, arm an Freuden und dennoch reich an Liebe in einen Hafen einzulaufen, dessen Wellen kein Sturm der Außenwelt berühre. Wachsamkeit empfahl sie mir, »darum« so sprach sie: »habe ich dir den Falken von Kniphausen gegeben, daß er dir ein Bild der Wachsamkeit sein möge, neben einer werthen Erinnerung. Wachen sollst du, mein Sohn, wachen und hüten, wie geschrieben steht im achten Vers des einhundertundzweiten Psalms: Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel. Hüte dein Kleinod und lebe wohl!«
Jedenfalls verstand sie unter diesem Kleinod jenes köstliche Geräth in Falkengestalt, das sie mir schenkte – fügte Ludwig hinzu.
Wenn sie nicht ein anderes Kleinod darunter verstand, ein höheres, herrlicheres! sprach Angés ahnungsvoll und lächelte still vor sich hin.
Der Graf verstand sie nicht, aber er versank in ihr Anschauen. Da war Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe – ein überreicher Wunderhort der edelsten seelvollsten Weiblichkeit.
Romantischer Naturfriede und klösterliche Waldeinsamkeit umflossen und umschatteten das reizende Münsterthal zu Sanct Landelin, über das noch vor Kurzem der Krummstab des Hochstifts Straßburg geherrscht hatte. Zum zweiten Male hatte dieses reizende Thal jene beiden Liebenden aufgenommen, welche schon einmal dort weilten, und zwar zu der Zeit, wo gegen Leonardus Cornelius van der Valck die meuchlerische Gewaltthat verübt ward. Man war vorsichtiger geworden, obwohl man eine Wiederholung solchen Ueberfalles nicht befürchtete; denn man hielt sich sicher unter dem unmittelbaren Schutze eines nahe verwandten Kirchenfürsten, der im Schlosse des Städtchens als römischer Hauptpriester und letzter vormaliger Fürstbischof von Straßburg seine Residenz aufgeschlagen hatte, und mit jener Gastfreundschaft, welche vor alten Zeiten schon das Kloster und Münster in großartiger Ausdehnung geübt hatte, Manchem eine gesicherte Zufluchtsstätte bot, und häufig Verwandte und Freunde bei sich sah.
In diesen Gefilden, so nahe sie dem Rheinstrom lagen, herrschte der Friede, und keine Kriegerschaaren, nur Züge andachtsvoller Wallfahrer und Pilger strömten zu dem Gnadenort, an welchem einst der heilige Landelin, der Sage nach, seinen Martyrertod gefunden hatte, und nach dem Tode Wunder übte. Stattliche Gebäude erhoben sich rund umher und gaben dem Klosterhof ein bedeutendes Ansehen. Zahlreiche Dörfer und Höfe der Nachbarschaft waren früher dem Kloster zinsbar gewesen, und gegen das große Weinfaß, welches einst im Keller des Münsters aufbewahrt und von den alljährlich neu zuströmenden Spenden des Weinzinses vollgefüllt gehalten wurde, war das weltberühmte Heidelberger Faß nur ein Zwerg, denn dieses letztere faßt nur 283,000 Flaschen, jenes aber hielt 480,000 Flaschen oder 3000 Ohm edlen Rebensaftes.
Edlen Beschäftigungen und heiterem Naturgenuß hingegeben, verweilten hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Personen.Da am Orte ein kleines Bad sich befand, so lebte Graf Ludwig mit seinem Diener, der sich nie von ihm trennte, als Badegast daselbst und beschäftigte sich mit anziehenden Studien über die Geschichte dieser Landestheile; er nahte Angés nur, um sie in Gesellschaft von Jacques und ihrer kleinen holden Schutzbefohlenen auf Spaziergängen zu begleiten, die aber niemals wieder nach jenem Orte schaurigen Andenkens, sondern meist in der Richtung nach dem Städtchen und dessen Umgebungen unternommen wurden. Hier begegneten sie bisweilen einer schönen verschleierten Dame, die das fürstbischöfliche Schloß bewohnte und eine Nichte des Fürstbischofs war; dies fiel Niemand auf, und ebensowenig konnte Jemand ein Arges dabei denken, oder gar das wahre Verhältniß ahnen, das diese Personen in mannichfacher Weise miteinander verband. Außer Jacques folgte auch stets Philipp gut bewaffnet seinem Gebieter, und spähte sorglich nach irgend einer drohenden Gefahr umher.
Jener liebenswürdige junge Herzog hatte, während er von Allem was er liebte getrennt war, und nachdem er sein Heer wieder nach Deutschland zurückgeführt, mit wechselndem Kriegsglück gekämpft, bald sah er seine Brust von der Hand des Kaisers von Rußland mit dem Großkreuz des Maltheserordens geschmückt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm- und ehrenvoller kriegerischer Laufbahn der lüneviller Friedensschluß. Dieser führte die völlige Auflösung des Condéischen Corps herbei. Einer der Prinzen dieses Hauses hatte sich bereits im Jahre 1795 nach England begeben, und es ward lebhaft gewünscht, daß ihm sein Vater und sein Sohn jetzt dorthin folgen sollten, denn England war es, das diese Prinzen schützte und unterstützte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den Sohnessohn fesselte die Liebe, die mächtige, starke Liebe oder – sein Verhängniß, und er lebte nun in dem neu gewonnenen Asyle seines Lebens glücklichste Zeit, füllte die Stunden einer schönen Muße mit dem Vergnügen der Jagd aus, die er leidenschaftlich liebte, gab sich der Lust am Gartenbau hin, unternahm auch wohl kleine Reisen und Ausflüge, kehrte aber stets mit neuer Sehnsucht zu ihr zurück, der alle sein Denken und Empfinden geweiht war.
Das Landesgebiet, das diese reizenden Asyle bot, war an Baden gekommen, dessen Kurfürst nicht nur dauernden Schutz Allen vergönnte,die dessen unter der neuen Regierung bedurften, sondern der sich auch des Herzogs besondern Dank noch außerdem dadurch erwarb, daß er ihm ein noch größeres Jagdgebiet einräumte, als derselbe bisher schon inne gehabt hatte.
Mehr als einmal lud der Herzog den Grafen ein, ihn auf seinen Jagden zu begleiten; dieser leistete aber nur einmal Folge und dann nicht wieder. So sehr der Herzog ihm zusagte, und so sehr er diesen verehrte, um so weniger fand Ludwig sich von seiner männlichen Umgebung angezogen. Dafür diente er ihm in anderer Weise; er half ihm Werke der Wohlthätigkeit in verschwiegener Stille üben. Glückliche geben ja gerne, und der Herzog war so überaus glücklich, Ludwig nahm Philipp zu Hülfe, um verschämte Arme aufzufinden, und manche stillgeweinte Thräne des Schmerzes wurde durch vereintes Wohlthun in die Thräne der Freude und des Segens umgewandelt. Stilles Wohlthun war ein Grundzug im Wesen des Grafen, und wie gern verband er sich in diesem Sinne dem jungen mildthätigen Fürsten.
In der Stille dieses Thalfriedens, im Zauber dieser romantischen Natur ging Ludwig ein neuer Stern auf, ein neuer Lebensfrühling, schöner als er ihn je geahnet hatte. Mit wunderbarer Magie erklang in ihm der tönende Memnonruf, der ihn für eine neue, beseligende Liebe weckte. Die kleine Sophie entfaltete sich frühreifend zur holdesten Jungfräulichkeit und Niemand pries eifriger gegen Ludwig deren Seelengüte, deren ächtweibliches Gemüth, deren Schönheitszauber als Angés, der es Wonne schuf, den Mann, der die ganze Fülle ihrer reinsten Freundschaft besaß, einem beglückenden Loose zuzuführen. Angés war der reine Schwan, der wie in der lieblichen indischen Sage von Nal und Damajanti neigungweckende Worte von einem Ohre zum andern trug, von einem Herzen zum andern. Im Glücke ihrer beiden Lieblinge gedachte sie sich dereinst zu sonnen, ihnen Freundin zu bleiben und Genossin ihres Glücks, dieser Gedanke bildete ihren seligsten Zukunfttraum. Was sie von den äußeren Verhältnissen des Grafen kannte, erschien ihr vollkommen beruhigend, vielleicht hielt sie ihn für reicher als er war. Sophie konnte unter günstigen Verhältnissen dereinst noch eine der reichsten Erbinnen werden, denn das Vermögen der Familie Condé-Bourbon, das mandiesem Hause geraubt und zum Staatseigenthum gemacht hatte, dieses Vermögen war unermeßlich.
Nach diesem Reichthum richtete sich indeß gar mancher Blick der Habgier und mancher andere Blick des Argwohns richtete sich nach dem edlen und unbefangenen Herzog; der Blick der Vatertreue aber flog über’s Meer herüber voll banger Besorgniß. Die kurzen Abwesenheiten und Reisen des Herzogs, meist in aller Stille unternommen, fanden Mißdeutung; sie nährten auf der einen Seite den politischen Verdacht, auf der anderen vermehrten sie die wohlmeinende Warnung. Aber wann vernahm der Tannhäuser im Zauberberge der Liebe die Warnestimme des treuen Eckart? Eine graue Spinne wob größer und größer, weiter und weiter ein unsichtbares Netz – sie hieß Verrath.
Schon im Sommer des Jahres 1803 hatte des Herzogs Vater, der zu Wanstead in England weilte, warnend an den Sohn geschrieben.
Mein Vater, sprach damals mittheilend der Herzog zu seiner Angebeteten: hegt seltsamen Verdacht. Höre, was er schreibt, meine Charlotte: »Man behauptet hier in Wanstead, daß du eine Reise nach Paris gemacht habest, Andere sagen, du seist nicht in Straßburg gewesen. Es leuchtet wohl ein, daß es mehr als zwecklos wäre, deine Freiheit und dein Leben auf das Spiel zu setzen.«
Wer mag es gewesen sein, der deinem Vater diese Nachrichten hinterbracht hat? fragte die Prinzessin, welcher das Herz bange zu schlagen begann.
Das weiß nur Gott, nicht ich, meine Liebe, entgegnete der Herzog.
Und thatest du wirklich keinen so gefährlichen Schritt, mein Henri? Oder thatest du ihn? Vergaßest du mich und unser Kind? fragte mit liebevollster Besorgniß und voll Seelenangst Charlotte und schloß den Gemahl in ihre Arme, als fürchtete sie, ihn zu verlieren.
Der Herzog küßte sie und erwiederte halb zärtlich, halb schwermüthig: Nein, Charlotte, ich habe diesen Schritt nicht gethan, aber wenn ich ihn gethan hätte, wer wollte mir ihn, außer den Feinden unseres Hauses, verargen? Diese hier ausgesprochenen Befürchtungen liegen sonahe, und es wundert mich gar nicht, wenn Einige glauben, daß der Blick in eine Zukunft, die aller Hoffnung beraubt ist, mich verleiten könnte, mich mit den Feinden unseres Hauses in Verträge einzulassen; Andere hingegen, daß ich Tag und Nacht darauf sänne, eine Lage, die mich niederdrückt und völlig lähmt, zu verändern. Der Sold Englands brennt mir in der Hand! Wann war England Frankreichs wahrer Freund? Aus Haß gegen Frankreich unterstützt es jetzt uns, und stempelt uns zu Feinden Frankreichs, uns, die wir unser geliebtes Vaterland so heiß, so innig lieben! Ist das nicht fürchterlich? Mein Vater – fuhr der Herzog fort, kennt mich besser. Er schreibt über den ersterwähnten Verdacht, daß er ihn nicht theile, aber daß die Gefahr mir sehr nahe liege. »Hüte dich,« schreibt er, »und vernachlässige keine Vorsicht, um dich rechtzeitig zu sichern, im Fall der erste Consul beabsichtigten sollte, dich aufheben zu lassen.«
O, mein Henri! rief Charlotte: Verachte nicht die Warnung deines treuen Vaters! Mir zittert das Herz, laß uns fliehen, weit fort von der Ufernähe des Rheins, wir sind hier Frankreich allzunahe!
Und doch so schrecklich fern! seufzte der Herzog. Wollten wir uns noch weiter von dem theuern Lande entfernen? – Der Herzog blieb, aber die Prinzessin sann im Stillen darauf, einen andern Zufluchtsort zu nehmen. Eine Jugendfreundin, eine deutsche Fürstin, deren Residenzschloß in der romantischen Künzelsau im Jaxtkreis des Landes Würtemberg gelegen war, sollte ein neues Asyl gewähren; in jene anmuthigen und reizvollen Thäler des Kocher und der Jaxt wollte man sich zurückziehen, und dort unter den Schleiern des tiefsten Geheimnisses friedlich wohnen. Der Mensch baut Pläne, damit das Schicksal sie vereitle.
An einem überaus schönen Morgen ergingen sich Sophie, Angés und Ludwig unter der gewöhnlichen Begleitung ihrer männlichen Bedienung in der Nähe von dem Münster und Münchweiler, und ruhten dort aus an einer von uralten Bäumen umschatteten Stelle, auf einer Steinbank, über der ein Crucifix von dunkelem Marmor sich erhob, neben diesem standen Marie und der Jünger, den Jesus lieb hatte. Dicht daneben stand eine uralte Martyrsäule. Trunknes Entzücken sog Ludwig aus jedem Blick Sophiens, die in lieblicher Jugendschöne ihm gegenübersaß, in ihren Blicken jene Verklärung, welche das ersteErwachen jungfräulicher Empfindungen begleitet, jenes süße Bewußtwerden ahnungsreicher Gefühle, die das Herz unruhiger klopfen machen. Da naht ein leiser Anhauch von Schwermuth und Schwärmerei, da irren die Gedanken wie gaukelnde Schmetterlinge dahin und dorthin, da schlägt ein unbewußtes Sehnen die bisher vom tiefen Schlummer geschlossenen Augen auf, wie die Prinzessin Dornröschen im deutschen Märchen ihre Augen aufschlug, als der Königssohn sie küßte.
Ludwig durchströmte alle Süßigkeit, alles Ahnen einer keuschen Liebe, doch verschloß er tief in seiner Brust was er fühlte, denn noch dünkte ihm dieses holde Wesen ein unnahbares Heiligthum, wie deutlich auch schon ein hohes Vertrauen ihn hatte verstehen lassen, man werde in seinem Schutz dies Kleinod gern geborgen wissen.
Die Sommerluft hauchte erfrischende Kühle; aus der Vorhalle der nahen Kirche rieselte plätschernd Sanct Landelin’s geheiligter Wunderquell, von dem die Lustwandelnden getrunken hatten; auf den Steinstufen lagen im stillen Gebete andächtige Waller und beteten leise und eifrig ihren Rosenkranz ab. Auf des Münsters und dieses Gnadenortes Ursprung lenkte sich die Unterhaltung und Ludwig erzählte: Ein edler Schotte, Namens Landelin, verließ gleich vielen andern Mönchen Schottlands, sein Vaterland, in welchem früh die Christuslehre Wurzel geschlagen hatte, um in den damals noch rauhen und wilden Gefilden Galliens und Deutschlands dessen heidnischen Bewohnern das Christenthum zu predigen. Er ward in Frankreich Begründer der nach ihm genannten Stadt Landelles, wo sein Gedächtniß im Namen Sauveur de Landelin noch heute fortlebt. Der fromme Mann kam auch in diesen Gau, den der Heidenfürst Gisock beherrschte. Landelin ließ sich an der Stelle, wo wir eben verweilen, als Einsiedler nieder und begann in der Stille sein Werk der Bekehrung. Davon kam zu Gisock die Kunde, dessen Zorn heftig gegen den Neuerer und die neue Lehre entbrannte, und der seinen Leuten befahl, den frommen Mann zu ermorden. Landelin sank von ihren Dolchstichen getroffen in sein Blut.
Ach! schrie Angés auf, und fuhr mit der Hand nach der Stelle ihres Herzens; war es ihr doch, als empfinde sie selbst einen Stich, so ergriff sie diese Sage, im Bunde mit der Erinnerung an die Gefahr, die ihr selbst weiter aufwärts im Thale einst gedroht hatte. IhrAusruf erschreckte die Gefährten, ja sie störte damit sogar die Andacht der Betenden, denn ein Paar Mönche in dunkeln Kutten kehrten sich nach ihr um; sie weckte auch Philipp’s Aufmerksamkeit, der in der Nähe weilte, und mit raschen Schritten hinzu trat. Angés, seltsam bewegt, bat Ludwig, in seiner Erzählung fortzufahren. Philipp sah scharf nach den Mönchen, mit Blicken voll Mißtrauen, der Graf fuhr fort: An der Stelle, wo der fromme Landelin unter den Dolchen der Meuchelmörder sein Leben verblutet hatte, entsprang ein Heilquell, welcher Kranken zu wunderbarer Genesung verhalf. Die Gefährten des Märtyrers trugen den entseelten Leichnam thalaufwärts, wo sie ihn zur Erde bestatteten. Die Stelle, wo Landelin starb, und die, wo er seine irdische Ruhestätte gefunden hatte, wurden dem Volke bald heilig, des Blutzeugen Märtyrtod und sein Wunder gewann den ganzen Gau für die Christuslehre. Dieser Ort trägt von ihm den Namen Sanct Landelin, über dem Wunderquell erbaute Herzog Etticho eine Kirche, voll Gnadenbilder und begabt mit reichem Ablaß. Zahlreiche Mönche siedelten sich hier an und weilten in diesem Thale an den Ufern der Umlitz, wie der Thalbach in früheren Zeiten genannt wurde; sie erbauten Hütten in der Nähe jenes geweiheten Grabes. Von diesem Verweilen der Mönche erhielt der allmählich entstehende Ort den Namen Münchweiler, und außerdem entstand auch noch auf jener nahen Anhöhe über dem Wallfahrtsort das Kloster Mönchszelle. Dessen Bewohner versahen den Gottesdienst in der Kirche zu Sanct Landelin. Noch aber wogten gewaltige Völkerkämpfe; die Franken brachen heraus in dieses Alemanische Land und verheerten es, das Klösterlein versank bald in tiefste Armuth. Da geschah es, daß ein frommer Mönch desselben, Namens Widegera, aus dem Breisgau, im Jahr siebenhundertundzwanzig Bischof zu Straßburg wurde, und viel zur Erhaltung von Mönchszelle that. Nach ihm wurde, doch lag dazwischen wieder eine lange Zeit voll Noth, Gefahr und Kämpfe, Etto, der Sohn Herzog Etticho’s, welcher letztere die nahe Stadt Ettenheim gründete, durch Kaiser Karl den Großen Bischof von Straßburg. Er war es, der Mönchszelle aufs Neue erhob, und nahe dem Wunderquell des heiligen Landelin das Münster neu erbaute, das wir als Ettenmünster nun vor uns in den stattlichen Bauten erblicken, das fortan ihm zur Ehre seinen Namen Etto als Ettenheimmünster fortführt. Zugleich wurde Etto desMünsters erster Abt, an der Spitze einer Reihe von zweiundfünfzig Aebten, die durch gute und böse Zeiten hindurch dieses Kloster regierten. Immer schlimmer wurden indeß die bösen Zeiten und die guten hörten endlich ganz auf; der goldenen und silbernen folgte die eiserne Zeit mit ihren Gewaltthaten, ihrem Waffenlärm und ihrer Hab- und Raubsucht, wobei von den natürlichen Schirm- und Schutzherrn, den Herren von Geroldseck einer nach dem andern sich als Feinde des Klosters erwiesen und es mehr und mehr verkürzten, bis mit dem Frieden von Lüneville dessen Aufhebung erfolgt ist.
Nach dieser Mittheilung erhoben sich die Spaziergänger zum Weggehen und wandelten wieder ihrer nahen ländlichen Wohnung zu. Langsam und keineswegs bemüht sie einzuholen, folgten ihnen in gemessener Entfernung die erwähnten Mönche auf demselben Wege, aber zwischen ihnen und der Herrschaft ging Philipp, nicht ohne sich oft nach Jenen mißtrauisch umzusehen.
Graf Ludwig hatte sich kaum von Angés und Sophie verabschiedet, als Philipp mit sorgenvoller Miene zu ihm trat. Der Ausdruck seiner Züge machte den Grafen betroffen.
Nun, Philipp, was hast du? fragte er ihn verwundert.
Gnädiger Herr! entgegnete der Diener mit verhaltenem Zorn: Er ist da! Ich hab’ ihn gesehen!
Wer ist da und wen hast du gesehen? fragte Ludwig.
Der Citoyen, der Wasserspringer, gnädiger Herr! versetzte Philipp. Das Spitzbubengesicht vergess’ ich all’ mein Lebtag nicht, ich erkannt’ es gleich wieder, obschon ich’s nur einen Augenblick sah. Einer der beiden Mönche war’s, die uns langsam nachfolgten, die vorher, wie Sie die Geschichte von dem alten Kloster erzählten, dort in der Vorhalle der Kirche knieten. Wie dieser Kerl den Kopf wandte, wie er herübersah nach Ihnen und den Damen, da hatte ich’s los: Es war ein Blick, wie der einer Schlange. Geben Sie Acht, Herr Graf, das könnte nichts Gutes bedeuten!
Diese Nachricht überraschte und erschreckte Ludwig und er nahm sie keineswegs leicht auf.
Vielleicht irrtest du dich, vielleicht auch nicht, sprach der Graf; immer wird es wohlgethan sein, daß wir auf der Hut sind. Siehe zu, ob du die Mönche wiederfindest, spähe aus, wohin sie gehen, wosie bleiben, ich werde das Meinige thun. Sobald du zurückkommst, sattle das Pferd, ich werde nach der Stadt reiten, du aber bleibst so lange in der Wohnung der Damen als Wächter und hütest sie sorgsam mit all der Treue, die ich an dir kenne.
Mir soll Keiner kommen, gnädiger Herr, darauf verlassen Sie sich. Wehe dem Kerl, der dazu geholfen hat, den guten seligen Herrn Leonardus van der Valck hinüber zu befördern, ich zermalme, ich zerquetsche ihn, und sollte es mich den Kopf kosten!
Ludwig blieb im tiefernsten Sinnen allein. Philipp’s Meldung weckte allerhand sorgenvolle Gedanken in ihm auf; schon längst hatte er wahrgenommen, daß sich, begünstigt von der Freiheit des Gnadenortes, gar mancher verdächtige Geselle in dieses Thal gestohlen, daß Späheraugen umherschlichen, daß vom nahen Frankreich aus jene Netze herübergeworfen wurden nach dem Fürsten, der, so oft man ihn auch warnte, an eine Gefahr nicht glaubte und nicht glauben wollte.
Philipp erschien nach einiger Zeit wieder und meldete seinem Gebieter, daß es ihm nicht gelungen sei, von jenen beiden Mönchen auch nur die leiseste Spur zu entdecken, beharrte aber auf seiner Behauptung und betheuerte hoch und heilig, daß Jener kein anderer als Clement Aboncourt, der Spion, gewesen sei.
Ludwig befahl ihm wiederholt, in der Nähe der Wohnung der beiden Damen zu bleiben, auch Jacques zur Wachsamkeit aufzufordern; dann ritt er nach dem Städtchen, wo er ohne Aufenthalt Audienz bei der Prinzessin forderte. Gütig und mit dem freundlichsten Wohlwollen wie immer empfangen, theilte nun der Graf der edlen Frau ganz offen und unumwunden nicht nur die Wahrnehmung und Vermuthung seines Dieners mit, sondern brachte auch so manches Andere zur Sprache, was Ludwig von andern Fremden, von Einwohnern, von Leuten der Gasthäuser flüchtig und gesprächsweise vernommen hatte, und was Alles darauf hinauslief, daß französische Emissäre, Commissäre und Spione sich im Münsterthale verbreiteten, sogar in die Stadt sich wagten, und daß jedenfalls ein Schlag gegen die in derselben verweilenden Emigranten sich vorbereite. Man sprach laut davon, daß die stärksten Vermuthungen gehegt würden, die in diesem Lande verweilenden Angehörigen und Anhänger des vertriebenen Königshauses betheiligten sich an Anschlägen gegen das Leben des ersten Consuls dendie Bourbons naturgemäß hassen mußten. Schon waren Thaten geschehen, die es offenkundig machten, daß es Menschen gab, welche nicht an die Göttlichkeit der Sendung des neuen Messias von Frankreich glaubten, obschon dieser, mit hohem Muthe gewappnet, seine Feinde vor sich niederwarf und die staatliche Ordnung wieder herstellte.
Graf Ludwig entdeckte der Prinzessin, daß man sich in die Ohren flüstere, der Herzog sei mit George Cadoudal im Einverständniß, habe für denselben das rothe Band und den Generallieutenantstitel vom Grafen von Artois ausgewirkt, stehe auch mit Pichegru im geheimen Bündniß und es sei ganz zweifellos, daß eine große weitverzweigte Verschwörung existire, die der Herrschaft und dem Leben des ersten Consuls ein Ende zu machen beabsichtige. Zu diesem Ende reise der Herzog von Zeit zu Zeit verkleidet zu George, wo demselben im Kreise der Verschwornen königliche Ehren erwiesen würden.
Die Prinzessin erschrak heftig über diese Nachrichten und traf auf der Stelle ihre Anstalten.
Ich sehe klar, sprach sie, daß hier ein ganz anderes Complott vorliegt, als blos das gegen Leben und Freiheit meines Gemahls! Man weiß, daß wir auf dem Punkte stehen, unsere bis jetzt heimlich gehaltene Verbindung vor aller Welt zu erklären, man sieht ein, daß durch diese Verbindung das Vermögen des Herzogs nicht an Die, welche darauf hoffen, sondern an dessen rechtmäßige Erben fallen wird, daher will man den letzten Zweig vom Hause Condé abhauen, auf daß der ganze Stamm verdorre, und will dies durch Verdächtigungen bewirken. Tausendfacher Dank sei Ihnen gesagt, mein bester Graf! Sie sind der Freund, auf dessen Hochherzigkeit ich in allen Fällen fest vertraue. Lassen Sie uns rasch und entschieden handeln, retten Sie mein Kind! In Ihre treue Hut übergebe ich, die Mutter, es für Leben und Sterben. Der Herzog hört auf keine Warnung, ist blind für die Gefahren, die ihn umdrohen; ich muß selbständig handeln, Mutterpflicht und Mutterliebe gebieten es mir. Sie, bester Graf, rüsten sofort Alles zur Abreise, Sie gehen noch heute, höchstens morgen mit Sophie, die ich nur noch einmal sehen und segnen will, in Begleitung von Angés, Jacques und Sophie Botta nach Ingelfingen, und verbergen dort durchaus Herkunft und Stand von Ihnen Allen. Mittlerweile werde ich den Herzog überzeugen und bewegen, daß er mit mir Ihnen folgt undsich dem gefährlichen Netz entzieht, das sich hier um ihn und uns Alle herumspinnt. Säumen Sie nicht, ich werde sogleich den Wagen senden und Sophie herüber holen lassen, für die ich zittre. Ach, bester Graf, welch’ unschätzbares Gut vertraue ich Ihnen an! O, Himmel, und ich bin so ganz ohne Bürgschaft!
Gnädigste Frau Prinzessin! unterbrach lebhaft und ganz gegen die Form der Courtoisie der Graf die Sprechende: sagen Sie nicht ohne Bürgschaft! Ich stelle Ihnen diese Bürgschaft, bei Gott dem Allmächtigen, ich stelle sie! – Und indem der Graf in leidenschaftlicher Erregung auf seine Kniee sank, fuhr er fort: Bei dem ewigen Gott, den ich in dieser feierlichen Stunde zum Zeugen anrufe, bei dem Gott, vor dem, und nicht vor Ihrer Hoheit, ich jetzt kniee, stelle ich Ihnen meine Bürgschaft: das Herz eines deutschen Mannes, und weihe mich, mein Leben, mein Hab und Gut, meine Zukunft, mein ganzes Erdendasein dem himmlischen Geschöpf, welches Sie Ihre Tochter nennen! Ich will ihr Alles sein, wozu Sie mich ernennen, wozu sie selbst mich erwählt, Vater, Bruder, Freund, Beschützer, Wächter, Alles, Alles! Ich will um Sophien willen der Welt, ich will dem Leben entsagen, wenn dies gefordert wird! Unter hundert Schleiern will ich sie verbergen, ihr Geheimniß will ich bewahren, und wenn Sie, oder der erlauchte Vater es nicht lösen, so soll keine Macht oder Gewalt, selbst nicht die furchtbare Macht des Todes das dreimalheilige Siegel brechen, das meine Lippen schließt. Ich weiß, Hoheit, was ich Ihnen verspreche – ich bin frei, bin unabhängig, bin durch schmerzliche Erlebnisse abgelöst von der Welt – und – daß ich es sage, weil ich es sagen muß, o Prinzessin, zürnen Sie nicht, richten Sie nicht – ich liebe Sophie! Ich bete Sophie an!
Graf, sprach die Prinzessin, im Innersten erschüttert, während ihre Thränen unaufhaltsam strömten und sie dem Knieenden beide Hände bot, ihn emporzuheben: Sie sind ein edler Mensch! Sie sind würdig des höchsten Glückes, das die Erde bieten kann, o möcht’ Ihnen für Ihren treuen und festen Wille ein Himmel auf Erden werden! Gehen Sie, und bringen Sie mir Sophie, daß ich Sie Beide segne. –
Graf Ludwig ging, den Himmel im Herzen und große Entschlüsse in seiner Seele. Noch an demselben Abend fuhr er mit Sophie undAngés nach der Stadt, – auf dem Kutschersitz saß wohlbewaffnet Jacques, hinten auf nicht minder gut bewehrt Philipp. Weder auf dem Hin- noch auf dem Rückwege zeigte sich Etwas, das Besorgniß hätte erregen können.
Liebevoll vertraute die Mutter ihrem Kinde, daß die größte Gefahr ihnen Allen drohe, daß Graf Ludwig großmüthig entschlossen sei, ihr Retter, ihr Ritter, ihr Beschirmer zu werden, daß sie in eine kurze Trennung von dem liebenden Mutterherzen sich fügen müsse und daß, es komme wie es wolle, ihr Geschick sich an das des Grafen knüpfen werde.
Sophie weinte, wie es nicht anders sein konnte, aber sie sprach unter Thränen zur Mutter die verständigen Worte: Was Sie befehlen, meine gnädigste Mutter, ist meine Pflicht. Was der Herr Graf mir befehlen wird, werde ich befolgen, als seien es Gebote aus Ihrem Munde. Ich kenne und ehre den Herrn Grafen aus frühen Kindheittagen; er war schon, als ich noch ein Kind war, auf dem Schiffe in Amsterdam, auf der Reise und zu Schloß Doorwerth die Güte selbst gegen mich, er war auf der Reise nach Rußland mein Führer, mein Lehrer, ebenso in Hamburg, ich danke ihm so viel, daß ich nichts erdenken kann, was ich besäße, um ihm damit für alles Das zu lohnen, was er mir Gutes und Liebevolles erwiesen hat.
Den größten Dienst steht der Graf jetzt im Begriffe, uns und dir zu leisten, aus der größten, drohendsten Gefahr dich zu retten, sprach die Prinzessin. So gehe denn in des Grafen Schutz, in Gottes, in Mariens, in aller Heiligen Schutz, mein theures, ewig theures Kind! Wir sehen uns wieder! Gott gebe bald, recht bald!
Der Herzog war nicht bei dieser Abschiedscene zugegen, er war nicht im Orte, vielleicht verreist, vielleicht auf der Jagd.
Es war zu sehr früher Morgenstunde, der Tag graute kaum, – Alles war still und feierlich in den Nachbarorten Ettenmünster, Münchweiler und Sanct Landelin. Die mannichfaltigen großen Gebäude erschienen noch höher, gewaltiger, ausgedehnter als bei Tage, die Thalferne war nebelgrau umflort und düster. Der Ettenbach rollte stark hinab nach der Stadt, als eile er, recht wie ein fleißiger Arbeiter in der Frühstunde zu Felde zieht, seine Mühlen zu treiben,oder seine Thalwiesen wässernd zu befruchten. Alles war gepackt, geordnet und zur Reise bereit. Zwei Wagen sollten die Reisenden aufnehmen, im ersten sollten der Graf, Sophie und Angés, im zweiten die Dienerschaft fahren.
Als es nun zum Einsteigen kam, weigerte sich Angés entschieden, sich zu Ludwig und Sophie in den Wagen zu setzen, behauptete das Rückwärtsfahren nicht gut zu vertragen, und was sie sonst für Vorwände zur Hand nahm; der wahre Grund aber lag in Angés zartem Sinn, sie wollte Sophie jetzt einzig beim Schmerz über diese Trennung von den geliebten Eltern der Tröstung ihres Begleiters überlassen, denn es gibt Augenblicke im Leben, wo zwischen zwei Personen auch die allervertrauteste Dritte stört.
Der Postillon des ersten Wagens stieß in’s Horn, stimmte die Melodie eines schwarzwälder Volksliedes an und dasselbe schien allen bewaldeten Bergwänden des Münsterthals so wohl zu gefallen, daß sie’s im Echo nachtönten. – Diese Posthornklänge und des Wagens Rollen auf harter Straße, die frisch mit Bergkies bedeckt war, ließ einen gellenden Aufschrei überhören, der plötzlich hinter ihnen dicht am zweiten Wagen ausgestoßen wurde, einen Schrei, der herzzerschneidend alle Diejenigen durchdrang, welche ihn vernahmen.