II.

Auf die Frage, ob Deruga ihm gegenüber von einer zu erwartenden Erbschaft oder sonst von Geldquellen gesprochen hätte, die ihm zur Verfügung ständen, sagte der Schneider mit vornehmer Zurückhaltung, Deruga habe sehr viel geschwatzt, es könnten auch derartige Worte gefallen sein; er befolge aber seit Jahren den Grundsatz, die privaten Mitteilungen, die seine Kunden ihm machten, weder zu wiederholen noch zu behalten, und sei deshalb gar nicht mehr imstande, sie sich zu merken. Vollends wären ihm die Redereien Derugas viel zu belanglos vorgekommen, als daß er sein Gedächtnis damit belastet hätte.

Der Friseur betonte mit Feuer, daß Deruga ohne Zweifel die ihm ausstehende Schuld bezahlt haben würde, wenn er ihn jemals gemahnt hätte.Deruga sei ihm aber viel zu teuer gewesen, ein Mann nach seinem Herzen, genial und edel, den zu bedienen er sich immer zur Ehre angerechnet habe. Sein Auge dringe den Menschen bis ins Innerste, er lasse sich nie durch Scheingrößen blenden, und das Geringste mißachte er nicht. »Und wenn er mir nie einen Pfennig bezahlte, meine Herren,« rief der Friseur mit Schwung aus, »ich würde ihm stets meine ganze Kraft weihen und nie aufhören zu sagen, das ist ein großer Mann.«

»War Deruga bei Ihnen,« fragte der Vorsitzende, »nachdem er von der Erbschaft in Kenntnis gesetzt worden war?«

»Ich darf mir schmeicheln, der erste gewesen zu sein,« sagte der Friseur, »dem der Herr Doktor sein Herz über dieses Ereignis ausschüttete. 'Nun werde ich dich königlich belohnen,' sagte er zu mir, 'denn du verdienst es sowohl wegen deiner Kunst wie wegen deiner anständigen Gesinnung.' Herr Doktor pflegte mir nämlich zuweilen, wenn er stark in Stimmung war, das trauliche Du zu geben. Ich erwiderte, mit der Bezahlung solleer es halten, wie er wolle, nur seine Kundschaft solle er mir nicht entziehen. 'Da kennst du Deruga schlecht!' rief er aus, 'meinst du, ich unterschätze dein Kabinett, weil es in einem Seitengäßchen liegt und keine goldenen Spiegel und von denkenden Künstlern entworfene Stühle darin sind? Und wenn ich Kaiser von China würde, auf diesem schäbigen, aber bequemen Sessel, von deiner Meisterhand würde ich mich rasieren lassen. Ich hasse und verabscheue das Geld, und wenn ich es nicht brauchte, um das Ungeziefer, Menschen genannt, mir vom Leibe zu halten, würfe ich die ganze Erbschaft in den nächsten Straßengraben.'«

Der Staatsanwalt schüttelte mit verzweifeltem Hohnlachen den Kopf.Quousque tandem?stand auf seinem Gesicht geschrieben; schreit sein Lästern noch nicht genug zum Himmel?

»Kam der Angeklagte täglich zu Ihnen?« fragte der Vorsitzende.

»Ich darf wohl sagen, im allgemeinen täglich,« erwiderte der Friseur. »Sowohl ich selbst wie meine Kunden vermißten ihn aufs schmerzlichste, wenn er einmal ausblieb.«

»Erinnern Sie sich, ob er am 2. und 3. Oktober des vorigen Jahres ausblieb?«

»Ich erinnere mich,« sagte der Friseur, »daß ich ihn im Spätsommer oder Herbst einmal ein paar Tage lang nicht sah. Das Datum habe ich mir aber nicht gemerkt.«

»Sie erinnern sich auch nicht, was er, als er wiederkam, als Grund seines Ausbleibens angab? Wie Sie mit ihm standen,« setzteDr.Zeunemann in etwas strengerem Ton hinzu, »ist anzunehmen, daß Sie ihn danach fragten?«

»Ich erinnere mich allerdings,« erwiderte der Gefragte, »daß ich es unterließ ihn zu fragen, weil er schweigsam und in sich gekehrt war. Ich bin nach meinem Beruf nur Friseur,« setzte er mit Hoheit hinzu, »aber mir ist so viel Takt angeboren, daß das Vertrauen eines edlen Menschen mich nicht zudringlich macht, und daß ich fühle, wann Heiterkeit und wann Ernst am Platze ist. Gerade den Herrn Doktor habe ich nie ausgehorcht und zum Reden anzustacheln versucht, wenn er in sich versunken oder umwölkten Mutes zu sein schien.«

»Was für Vermutungen,« fragte der Vorsitzende weiter, »hatten Sie denn bei sich über das Ausbleiben des Angeklagten und über seine ungewöhnlich ernste Stimmung?«

»Gar keine,« sagte der Friseur, milde Mißbilligung und Belehrung im Ton, »ich erlaubte mir gar keine.«

Dr.Zeunemann gab es auf und wollte den Zeugen eben entlassen, als der Staatsanwalt noch eine Frage an ihn richten zu wollen erklärte.

»Hat der Angeklagte im Spätsommer des vorigen Jahres oder noch früher eine Perücke oder einen falschen Bart oder beides bei Ihnen gekauft oder geliehen?«

»Ich bedaure,« sagte der Friseur mit höflich schadenfrohem Lächeln, »aber dergleichen Artikel führe ich nicht. In einem kleinen, bescheidenen, abgelegenen Geschäft, wie das meinige ist, lohnt sich das nicht aus.«

Es war schon eine vorgerückte Abendstunde, und der Vorsitzende hob die Sitzung auf. Als der Justizrat die Hand auf die Schulter Derugaslegte, der mit aufgestütztem Kopfe dasaß, fuhr dieser herum und sah den anderen mit blinzelnden Augen unsicher an.

»Ich glaube, weiß Gott, Sie haben geschlafen?« fragte der Justizrat zwischen Staunen und Entrüstung. »Ich glaube auch,« sagte Deruga; »das letzte, was ich sah, war der Kerl, der Schneider. Der ekelte und langweilte mich so, daß ich die Augen zumachte, und da war ich sofort weg. Ich habe mir das in meiner Universitätszeit angewöhnt, wo ich oft sehr müde war. Ich konnte stundenlang während der Vorlesungen schlafen, ohne daß es jemand merkte, ausgenommen mein Freund Carlo Gabussi, der neben mir saß. O traurige Jugend und süße Erinnerung!«

Die Sitzung des nächsten Tages eröffneteDr.Zeunemann mit der Erklärung, eine Zeugin, die aus Ragusa gekommen sei, habe gebeten, sofort vernommen zu werden, damit sie möglichst bald zu ihrer Familie zurückreisen könne. Er habe um so weniger Anstoß genommen, ihrer Bitte zu willfahren, als er sie nicht für wichtig halte und sie nur auf Ansuchen des Verteidigers zulasse. Immerhin werde man von ihr Aufschlüsse über die Beziehungen des Angeklagten zu seiner geschiedenen Frau während der ersten Zeit seiner Ehe erhalten.

Auf seinen Wink trat eine mittelgroße Dame ein, die mit einer ziegelroten Schabracke behängt war und auf ihrem brandroten, in vielen Tollen und Puffen aufgesteckten Haar einen großen, von einem Niagarafall weißer und blauer Straußenfedern überstürzten Hut trug. Sie tratein paar Schritte vorwärts, blieb dann stehen und sah mit suchenden Blicken um sich, ein erwartungsvolles Lächeln auf den Lippen. Augenscheinlich hatte sie sich den Platz des Angeklagten beschreiben lassen, denn dort blieb der Blick hängen, ohne zunächst durch das Ergebnis seiner Forschung befriedigt zu werden.

Plötzlich indessen stieß sie einen Schrei aus, rief mit kreischender Stimme: »Dodo!« und lief mit ausgestreckten Armen auf Deruga zu. Sie hatte ihn jedoch nicht erreicht, als der Gerichtsdiener, der sie hereingeführt hatte, ihrer habhaft wurde und sie vor den kleinen Tisch im Angesicht der versammelten Richter stellte, wo sie den Eid zu leisten hatte.

»Entschuldigen Sie,« sagte sie schluchzend, indem sie ihr Taschentuch hervorzog, »aber das war zu viel für mich. Dies Wiedersehen nach so viel Jahren! Die Veränderung! Und im Grunde doch dasselbe liebe, närrische Gesicht! Wenn Sie mir eine Pfanne mit glühenden Kohlen herstellen, Herr Präsident, so schwöre ich Ihnen, ich halte die Hand hinein, um seine Unschuld zu beweisen!«

»Die Sache ist leider nicht so einfach,« sagteDr.Zeunemann mit wohlwollender Überlegenheit. »Hingegen können Sie uns unsere Arbeit sehr erleichtern und dem Angeklagten nützen, wenn Sie, was Sie zu sagen haben, kurz, klar und folgerichtig sagen. Sie heißen Rosine Schmid geborene Vogelfrei, sind Hauptmannsgattin und vierundvierzig Jahre alt?«

»Jawohl,« sagte die Dame, »ich gehöre nicht zu denjenigen Frauen, die sich ihres Alters schämen. Übrigens tun die Männer auch, was sie können, um jung zu erscheinen, besonders beim Militär, und würden es noch mehr tun, wenn so viel für sie davon abhinge wie für uns Frauen.«

»Frau Hauptmann,« sagte der Vorsitzende, »Sie kennen den Angeklagten Sigismondo Enea Deruga, sind aber nicht mit ihm verwandt. Wollen Sie so gut sein und mit Vermeidung alles Überflüssigen erzählen, wann und unter welchen Umständen Sie ihn kennenlernten?«

»Mit Vergnügen will ich das,« sagte Frau Hauptmann Schmid lebhaft. »Alles will ich sagen, was ich weiß, denn dazu bin ich ja hergekommen. Und wenn ich ans Ende der Welt reisen müßte, sagte ich zu meinem Mann, ich täte es, um dem Dodo aus der Patsche zu helfen. Das hat er um mich verdient, so lieb und gut wie er immer war. Und getan hat er es auch nicht, denn wenn er auch etwas toll und originell war, der Topf voll Mäuse, gemordet hat er sicherlich keinen Christenmenschen und am wenigsten die gute Seele, seine Frau.«

»Wie kommt es, daß Sie den Angeklagten einen Topf voll Mäuse nennen?« fragteDr.Zeunemann.

»So nennt man doch,« erklärte Frau Schmid, »die Figur, die bei den Feuerwerken gewöhnlich zuletzt kommt, wo es so kracht und prasselt, daß man glaubt, einen feuerspeienden Berg vor sich zu haben. Es war eine Art Kosenamen, den seine Frau ihm gegeben hatte, weil er zuweilen Anfälle von Wut bekam, wo er Rauch und Feuer spuckte, so daß sie sich vor ihm fürchtete.«

»Sonderbarer Kosename,« meinte der Vorsitzende.

»Ach, Herr Präsident,« sagte die FrauHauptmann lachend, »er meinte es ja im Grunde nicht böse, so wenig wie ein Topf voll Mäuse gefährlich ist. Darum paßte der Name gerade so gut, und wir nannten ihn alle so, obgleich es sich für mich, so ein junges Mädchen wie ich war, kaum recht schickte.«

»Ich bitte zu beachten,« sagte der Staatsanwalt, »daß nach Aussage der Zeugin die damalige Frau Deruga sich vor ihrem Mann fürchtete.«

Frau Hauptmann Schmid drehte sich schnell nach dem Sprecher herum und sagte, während ihr das Blut ins Gesicht stieg: »Wenn Sie glauben, Sie hätten damit einen Vorteil über den Herrn Doktor gewonnen, daß ich gesagt habe, er sei aufbrausend, so sind Sie gewaltig im Irrtum. Die Aufbrausenden sind die Schlimmsten nicht, und das sagt ja auch das Sprichwort: Hunde, die bellen, beißen nicht. Ich habe oft zu meinem Manne gesagt: 'Meinetwegen möchtest du schimpfen und fluchen, ja, sogar in Gottes Namen zuschlagen, nur das Maulen und Scheelblicken, das Brummen und Nachtragen, das ist mir zuwider,und ich glaube, daß einer, dem es nie überläuft, das Herz nicht auf dem rechten Flecke hat.'«

Der Vorsitzende machte eine abschließende Handbewegung und sagte: »Ihre Mitteilungen, Frau Hauptmann, sind uns sehr wertvoll. Vielleicht erzählen Sie uns zunächst, auf welche Weise Sie die Bekanntschaft des Angeklagten machten!«

»Sehr gern, sehr gern,« sagte Frau Hauptmann, »ich habe auf der langen Reise immer an jene Zeit gedacht, darum ist mir alles gegenwärtig, obschon es jetzt zweiundzwanzig Jahre her sind. Ja, zweiundzwanzig Jahre ist es her, und einundzwanzig Jahre war ich damals alt. Die Großmutter hatte gerade viel Geld bei der Lotterie verloren. Denn, obwohl sie sich einbildete, ein Muster von Vernunft zu sein, konnte sie doch nicht leben, ohne zu spielen. Und wenn sie sich das Geld hätte zusammenbetteln müssen, gespielt mußte werden. Weil nun der Großvater ärgerlich war, was er zwar nicht aussprach, denn das traute er sich nicht, aber er machte ein langes Gesicht und manchmal eine spöttischeBemerkung, wollte die Großmutter es wieder einbringen und richtete das alte Lusthäuschen am Gartenzaun zum Vermieten ein, und es wurde eine Anzeige für die Zeitung gemacht. Ich weiß noch wie heute, wie wir abends spät um den Tisch unter der Lampe saßen und uns abrackerten, um die Sache in richtiges Deutsch zu bringen. Denn der Großmutter war das Schriftliche nicht geläufig, und der Großvater wollte nichts damit zu tun haben. Erstens, sagte er, schicke es sich für den Offiziersstand nicht, Zimmer zu vermieten — er war nämlich Hauptmann, aber schon lange nicht mehr im Dienst —, zweitens möchte er keine Fremden im Hause leiden, und drittens sei es eine Schande, arglosen Leuten die alte Baracke als Wohnung aufzuschwatzen.«

»Ihre Großmutter war offenbar keine Deutsche,« schaltete der Vorsitzende ein, »da ihr das Deutsche nicht geläufig war?«

»Nein, natürlich nicht,« antwortete Frau Schmid, »sie war ja aus Bosnien; aber sie war eine sehr schöne Frau und übrigens auch gebildet, nur nicht in den Wissenschaften.«

»Und Ihre Eltern?« fragte der Vorsitzende.

»Ja, meine Eltern waren auch von dorther,« sagte die Frau Hauptmann ein wenig errötend; »aber sie waren zu früh gestorben, als daß ich mich ihrer hätte erinnern können, und ich sah eigentlich den Großvater und die Großmutter als meine Eltern an. Also, um in meiner Erzählung fortzufahren, als der Großvater das sagte, geriet die Großmutter in eine Furie und sagte, das Lusthaus hätte der Kaiser Joseph oder Ferdinand oder Maximilian, das weiß ich nicht mehr, für seine Geliebte gebaut, da in dieser Gegend noch lauter Wald und Heide gewesen wäre, und es wäre noch etwas Malerei an der Decke und eine steinerne Vase, wenn auch zerbrochen, an der Treppe. Außerdem wolle sie es den Leuten gar nicht aufschwatzen, nur zeigen; sie könnten ja die Augen auftun und mit Gott wieder heimgehen, wenn es ihnen nicht paßte. Wenn die Großmutter in der Furie war, sah sie sehr majestätisch aus; sie hatte eine gebogene Nase, wie ein Papagei, aber schöner, Augen wie Diamanten und dickes weißes Haar, das wieein Schneeberg über ihrem Kopfe stand. Um sie zu begütigen, half der Großvater doch mit bei der Anzeige, und sie lautete schließlich so: 'Hier ist ein fesches Sommerhaus zu vermieten, auch winters brauchbar, wenn es beliebt. Es liegt im Grünen und hat einige Möbel. Besonders geeignet für ein junges Ehepaar.' Die Großmutter wollte nämlich zuerst schreiben: 'für ein Liebespaar.' Da wurde aber der Großvater beinahe böse und sagte, die Großmutter würde ihn noch um Ehre und guten Namen bringen, und sie wäre ärger als eine Zigeunerin. Da gab die Großmutter nach, denn sie hatte eine große Hochachtung für des Großvaters Vornehmheit und Weltkenntnis, und es wurde statt dessen das 'junge Ehepaar' gesetzt.«

»Und auf diese Anzeige hin kamen HerrDr.Deruga und seine Frau?« fragte der Vorsitzende. »Wann war das?«

»Vor zweiundzwanzig Jahren, wie ich schon sagte,« antwortete Frau Schmid; »es mag im Mai gewesen sein.«

»Juli war es,« sagte Deruga, »denn die Linde,unter der wir abends saßen, duftete, und der Rosentriumphbogen über der Gartenpforte blühte, als wir das erstemal hindurchgingen.«

Alle blickten erstaunt nach dem Angeklagten, dessen wohllautende Stimme und melodischer Tonfall jetzt erst auffielen; was er sagte, hatte fast wie ein kleines Lied geklungen.

Die farbenprächtige Frau zeigte wieder eine Neigung auf ihn zuzulaufen, unterdrückte sie aber und sagte nur: »Recht haben Sie, es war Juli! Sie wissen es am besten und könnten überhaupt alles viel besser und schöner erzählen als ich.«

»Schräg über unserem Pavillon stand das Sternbild des Wagens,« sagte Deruga, »und wenn wir nachts Hand in Hand nach Hause kamen, Mingo und ich, sah ich ihn an und dachte: Wie bald, fliegender Wagen der Zeit, wirst du uns von diesen schnellen, törichten Augenblicken fortführen in das namenlose Dunkel.«

»Ja, etwas Ähnliches muß ich wohl mal von Ihnen gehört haben,« fiel Frau Schmid lebhaft ein; »denn im folgenden Sommer, wenn derWagen am Himmel stand, sah er mir immer so leer aus, und doch hatte ich sonst auch niemand darin sitzen sehen, natürlich.«

»Sie haben also noch zuweilen an uns gedacht, Brutta?« fragte Deruga.

Frau Hauptmann Schmid zog ihr Taschentuch und brach in Tränen aus.

»Ach,« schluchzte sie, »das greift mir ans Herz, wenn Sie mich bei dem Namen anreden. Es nennt mich ja seit Jahren niemand mehr so, denn der Großvater und die Großmutter sind lange tot, und ich möchte gar nicht wieder hin nach dem alten Hause. Wer weiß, ob der Wagen noch darübersteht!«

Der Vorsitzende nahm jetzt den Faden des Verhörs wieder auf, indem er Frau Schmid bat, sich zu beruhigen, und sie fragte, ob die Eheleute Deruga den Eindruck eines glücklichen Paares gemacht und ob sie ihren Großeltern gefallen hätten.

»Und wie!« sagte Frau Schmid, »besonders der Doktor. Das heißt, dem Großvater gefiel die Frau besser, aber er hielt sich zurück. Dagegen, wenn die Großmutter einen leiden mochte, dann merkte man's. Und vom ersten Augenblick an sagte sie, das wäre ein Mann für mich gewesen.«

»Wie kam sie darauf?« fragteDr.Zeunemann. »Erwies er Ihnen Aufmerksamkeiten?«

»Keine Spur!« sagte Frau Schmid. »Er spaßte nur mit mir, wie das so seine Art war. Zum Beispiel sagte er mir immer, ich wäre so häßlich, daß man mich nur mit einem Auge ansehen könnte, sonst hielte man es nicht aus; und wenn ich ihm in den Weg kam, kniff er ein Auge zu, bald das eine, bald das andere. Um sie zu schonen, wie er sagte. Die Grimassen, die er dabei schnitt, waren zu komisch, daß ich nicht aufhören konnte zu lachen, und die Großmutter lachte auch; aber sie ärgerte sich doch ein bißchen. Das ließ sie übrigens nie an ihm aus, sondern an mir, wie ich denn überhaupt, um die Wahrheit zu sagen, viel von ihr ausgestanden habe; denn sie war rasch und zornig, obwohl sonst eine herrliche Frau, die ich bis an mein Lebensende lieben und verehren werde.«

»Empfanden Sie das Benehmen des Angeklagten nicht als unzart?« erkundigte sich der Vorsitzende.

»Bewahre!« sagte Frau Schmid. »Wenn einem auf solche Weise gesagt wird, daß man häßlich ist, glaubt man hübsch zu sein. An Heiraten habe ich nie gedacht, er hatte ja eine Frau, und noch dazu eine, die ich schwärmerisch verehrte. Die Großmutter gewann sie erst allmählich lieb, dann aber war sie fast mehr in sie als in den Doktor verliebt. Anfangs hatte sie allerlei an ihr auszusetzen: sie wäre zu alt für den Doktor — tatsächlich zählte sie ein paar Jahre mehr —, und namentlich wäre sie nicht feurig genug für einen so hübschen und reizenden Mann. Ihr Gesicht wäre nicht übel, wenn man genau zusähe, aber ihre Augen wären zu sanft und dadurch langweilig. Immer gleiche Freundlichkeit wäre wie Milchbrei; müßte man den täglich essen, würde einem übel. Dagegen ein gut gepfeffertes und gezwiebeltes Gulasch würde einem nie zuwider. Nur eins ließ meine Großmutter an ihr gelten; das war ihr Nacken. Die armeFrau trug nämlich immer den Hals frei, obschon das damals nicht so in der Mode war wie heutzutage, und wenn sie durch den Garten ging, leicht, wie wenn sie Flügel an den Füßen hätte, sagte meine Großmutter: 'Übrigens gefällt sie mir nicht, aber ich möchte sie einmal auf den Nacken küssen.'

Eines Tages, es muß im Oktober gewesen sein, weil wir die Trauben abgenommen hatten, war die Großmutter besonders schlechter Laune wie jedes Jahr bei der Traubenernte. In der Zwischenzeit bildete sie sich nämlich ein, daß sie süß wären, und kam die Zeit heran, waren sie doch wieder sauer. Morgens beim Frühstück gab sie mir eine Ohrfeige, weil ich die Kaffeetasse umgeworfen hatte. Das heißt, sie hatte mir einen Stoß gegeben, aber sie sagte, das wäre keine Entschuldigung, denn ich hätte sie dumm angeglotzt. Bei der Gelegenheit sagte sie mir auch, wenn ich wenigstens gescheit wäre, so möchte es hingehen, aber häßlich und dumm, da könne es einen nicht wundern, daß der Doktor mich nicht genommen habe; daßer mich als unverheirateter Mann gar nicht gekannt hatte und mich aus dem Grunde gar nicht hätte heiraten können, leuchtete ihr niemals ein. In der Küche stellte ich mich auch an wie ein Tölpel, sagte sie, und doch hinge vom Kochen das Glück der Ehe ab, und daß sie große Stücke darauf hielt, danke ich ihr noch tagtäglich, wenn mein Mann sagt, in den feinsten Hotels von Wien und Prag schmecke es ihm nicht so gut wie zu Hause, und doch ist er weit herumgekommen und versteht sich darauf.

An dem Tage nun wollte ich einen Risotto machen, und weil ich schon einmal einen unter der Aufsicht der Großmutter gemacht hatte, dachte ich, dabei würde es mir gewiß nicht fehlen. Ich schnitt also meine Zwiebeln und Leber und alles und richtete das Zeug an, und plötzlich fiel mir ein, daß ich Hunger hätte, und daß gewiß noch eine Traube hängen geblieben wäre, die ich mir holen könnte, ohne daß die Großmutter es merkte. Ich schüttete noch ein wenig Fleischbrühe nach und dachte, auf die Art könnte ich es ruhig eine Weile gehen lassen. Eigentlichnämlich muß der Risotto fortwährend gerührt werden, und das wußte ich gut genug; aber ein bißchen keck und leichtsinnig war ich schon. Jetzt kann ich das nicht mehr begreifen, aber in der Jugend kommt man unversehens von einem aufs andere, wenn man sich die Zukunft ausmalt: Verehrer, Körbe, Hochzeit und so weiter, und ich vergaß über solchen Träumereien wahrhaftig das Mittagessen. Auf einmal steht die Großmutter vor mir, in der Nachtjacke, das Gesicht rot wie ein glühender Ofen, und schreit: 'Da steht sie und maust, die Dirne, die mir den ganzen Risotto verbrannt hat!' Wahrhaftig, ich roch es selbst durch das offene Küchenfenster, unter dem wir standen, und unbegreiflich ist es, daß ich es nicht vorher bemerkt hatte. Und dann fiel sie über mich her, griff mit der einen Hand in meine Haare und schlug mit der anderen so auf mich los, daß mir zumute war, als hätte mich ein Wirbelwind gefaßt, und drehte sich mit mir im Kreise herum. Weh tat es mir nicht, dazu war ich zu erstaunt. Aber noch viel mehr erstaunte ich, als plötzlich die Großmutter ihrerseits von einem Sturmwind erfaßt und zurückgerissen wurde, und FrauDr.Deruga zwischen uns stand, wie der Engel mit dem feurigen Schwerte, der Adam und Eva aus dem Paradiese trieb, mit Augen, die nicht blau wie sonst, sondern schwarz waren und knisterten, so kam es mir nämlich vor in meiner Erregung.

'Lassen Sie das Kind los, Sie abscheuliche, gottlose Hyäne!' rief sie so laut und hart, wie sie mit ihrer weichen Stimme konnte; und nach einer kleinen Pause sagte sie ein wenig weicher und gelinder: 'Megäre, wollte ich sagen.' Wie sie das gesagt hatte, kam es ihr wohl selbst ein wenig komisch vor, daß sie in den Mundwinkeln zu lachen anfing, und dann lachte die Großmutter geradeheraus, und wie ich das hörte, lachte ich dermaßen, daß ich ordentlich kreischte, und fiel der Frau Doktor um den Hals, der die Tränen aus den Augen sprangen vor Lachen.«

Während dieser Erzählung beobachteten sowohl die Richter wieDr.Bernburger in unauffälliger Weise den Angeklagten, in dessen Mienen sich deutlich ausprägte, wie er diewiedererstehende Vergangenheit miterlebte, seine länglichen, schöngeschnittenen Augen erglänzten wie die Schuppen eines silbernen Fisches. Er schien seine Lage und Umgebung vollständig vergessen zu haben und sagte unbefangen zu der alten Freundin: »Arme Marmotte,« (so nannte er seine Frau) »arme, gute, feige Person! So hatte sie später ihr Junges gegen mich verteidigt, das natürlich seine Prügel ebenso verdiente, wie Sie damals, Brutta. Aber erzählen Sie weiter, erzählen Sie: was tat die Großmutter?«

»Der Großmutter,« fuhr die Frau Hauptmann fort, »waren die Augen auch feucht, aber nicht nur vom Lachen, sondern gerührt war sie, gerührt über die Frau Doktor, und machte kein Hehl daraus; denn obwohl sie, wie schon gesagt, eher scharf und zornig war, so war sie doch ohne Falsch und zögerte nicht, ein Unrecht zuzugestehen, wenn sie es nämlich eingesehen hatte. Sie stemmte die Arme in die Seite und sagte: 'Also so sieht das stille Wasser aus! Eine richtige Feuerflamme kann herausschlagen! Da bin ichfreilich so dumm wie alt gewesen. Und wenn ich heute unser Herr Doktor wäre, würde ich Sie morgen vom Fleck weg heiraten, so gut haben Sie mir eben gefallen. Und nun muß ich Sie auf den Nacken küssen!' Damit umarmte sie die Frau Doktor und küßte sie nicht nur auf den Nacken, sondern auch auf beide Backen, und dann sagte sie, der Risotto solle nun vergeben und vergessen sein, und sie wolle für das Mittagessen sorgen, denn kochen könne sie besser, als man es von einer gottlosen Hyäne erwarten würde. In der Tat brachte sie in einer Stunde das feinste Essen zusammen, nämlich Fleischpastete und Marillenknödel, und ich begreife heute noch nicht, wie sie es machte, denn das sind Gerichte, zu denen man seine Zeit braucht. Helfen mußte ich allerdings doch und bekam Püffe und Kniffe, aber das schadete nicht, weil sie ein vergnügtes Gesicht dazu machte. Nachher beim Mittagessen, an dem die arme Marmotte, ich meine die Frau Doktor, auch teilnehmen mußte, sprach die Großmutter viel über Erziehung, und daß namentlich die Mädchenlernen müßten, nicht so heikel und empfindlich zu sein, denn bei den Männern wären sie nicht auf Daunen gebettet, und wenn eine nicht einen Puff vertrüge und sich ihrer Haut wehren könnte, ginge es ihr schlecht; die Wehleidigen und Nachgiebigen würden nur verachtet. Eine Frau, die ihnen keinen Vorteil brächte, sähen die Männer nur als eine Last an, deshalb müßte ein Mädchen entweder Geld haben oder kochen können. Die arme Marmotte rühmte ihren Mann, daß er nicht so wäre, aber die Großmutter, die doch bisher so viel Wesens von ihm gemacht hatte, sagte, da gäbe es keine Ausnahmen. In diesem Punkte wäre einer wie der andere, und wenn die Liebe einmal einen uneigennützig machte, haßte er die Frau nachher doppelt, die ihn so verblendet hätte.«

»Warum sagen Sie immer 'arme Marmotte'?« fragte der Vorsitzende, der mit außerordentlicher Geduld zugehört hatte.

»Nun, weil sie tot ist,« antwortete die Frau Hauptmann nach einer Pause etwas verblüfft.

»Ach so,« sagteDr.Zeunemann, »bei ihren Lebzeiten haben Sie nicht so von ihr gesprochen?«

»Bewahre,« sagte Frau Schmid, »sie kam mir im Gegenteil beneidenswert vor. Nun ja, etwas Hilfloses hatte sie an sich, und zuweilen war sie auch traurig und sah ängstlich aus, und da mag ich sie wohl einmal 'arme Marmotte' genannt haben.«

»Wissen Sie, warum sie zuweilen traurig war?« fragte der Vorsitzende.

»Warum?« fiel Deruga höhnisch ein. »Das kann ich Ihnen sagen. Weil sie ihren Mann nicht so liebte, wie sie sollte, weil sie an einen anderen dachte, der besser zu ihr passen würde, und weil sie Angst vor meiner Eifersucht hatte. Denn wir Italiener haben nicht Milch oder Wasser in den Adern, sondern Blut, und dann werden unsere Augen blutrot, wenn wir zornig werden.«

Frau Hauptmann warf einen erschrockenen und tadelnden Blick auf Deruga und sagte, zu den Richtern gewendet:

»Er macht nur Spaß! Er war immer ein Spaßmacher und liebte es, die Leute zu foppenund zu erschrecken.« Dann wieder zu ihm herüber: »Warum hätte die arme Marmotte Sie denn geheiratet? Ein Kind konnte ja sehen, wie lieb sie Sie hatte.«

Deruga hatte bereits den Kopf wieder auf die Hand gestützt, so daß man sein Gesicht nicht sah, und gab kein Zeichen des Anteils mehr.

»Wenn sie sich vor ihm fürchtete,« fuhr Frau Schmid, zu den Richtern gewendet, fort, »so war das sicherlich nicht seine Schuld, sondern es kam von ihrer außerordentlichen Furchtsamkeit. Einmal in der Nacht fiel etwas mit einem Betrunkenen vor. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, aber ich weiß, wie sie von uns allen damit geneckt wurde.«

Der Vorsitzende ermunterte Frau Schmid, sich zu besinnen oder zu erzählen, was sie noch davon wisse. Dann, da ihr nichts einfiel, fragte er Deruga, ob er sich vielleicht noch daran erinnere.

Deruga hob den Kopf und sah aus, als habe er keine Ahnung, wovon die Rede sei.

»Ach, Sie wissen doch, Doktorchen,« redete ihm Frau Schmid zu. »Es kam nachts einBetrunkener am Pavillon vorbei und grölte so laut, daß Ihre Frau davon aufwachte und dachte, es wäre unter dem Fenster. Es wird im November gewesen sein, denn es war eine stürmische und regnerische Nacht, und Sie hatten keine Lust aufzustehen und stellten sich schlafend, während Ihre Frau fast verging vor Angst. So ungefähr war es, erinnern Sie sich denn nicht mehr daran?«

»O ja,« sagte Deruga, »es stellte sich eine ungewöhnliche Zärtlichkeit bei meiner Frau ein. Ich wachte auf, weil sie sich an mich schmiegte und ihren Kopf dicht an meinen Hals drückte, und als ich mich noch in dem Traum wiegte, es habe sie plötzlich eine Leidenschaft für mich überkommen, flehte sie mich an, ich solle sie vor dem Betrunkenen schützen. 'Er ist unter dem Fenster,' sagte sie, 'im nächsten Augenblick wird er hereinkommen. Was fangen wir an, o, was fangen wir an! Schließe wenigstens das Fenster.' Ich rief: 'Ich werde mich hüten, das zu tun; so bist du doch einmal zärtlich gegen mich' — und ich habe es ausdrücklich ziemlichbösartig gesagt, denn sie ließ mich los und drehte ihr Gesicht nach der anderen Seite und weinte. Ich sagte noch viel beißender als vorher, sie solle nicht so dumm sein zu weinen, und übrigens, wenn sie sich so unglücklich fühle, brauchte sie nicht für das Leben zu zittern. Und wenn sie zum Sterben unglücklich sei, sagte sie, sie möchte doch nicht, daß ein ekelhafter, betrunkener Mensch sie anfaßte und erwürgte. Daß sie gar nicht unglücklich wäre, sagte sie nicht. 'Der Kerl liegt draußen im Straßengraben und wird singen, bis er einschläft,' sagte ich, und dann stellte ich mich schlafend, um sie durch die Furcht zu quälen. Nach einer halben Stunde verstummte das Geheul, und gleich darauf schlief sie fest und ruhig, während ich wachend neben ihr lag und ihren hübschen weißen Hals betrachtete und darüber nachdachte, wie leicht ich ihre Kehle zudrücken könnte, fast ohne daß sie es merkte.«

Der Staatsanwalt zuckte triumphierend seine geschwänzten Augenbrauen und streckte, den Mund schon zum Reden geöffnet, den Zeigefinger aus, als der Justizrat die Hand gegen ihn erhob und gleichgültig, wie man einen nichtigen Einwand beseitigt, sagte: »Er hat es ja nicht getan. Hunde, die bellen, beißen nicht, wie unsere Zeugin schon sagte.«

Ehe noch der Staatsanwalt einen Laut hervorbringen konnte, erklärteDr.Zeunemann, nachdem er durch einen verbindlichen Blick nach rechts und links die Zustimmung erbeten, aber nicht abgewartet hatte, die Sitzung der Mittagspause wegen für geschlossen. Er wollte um drei Uhr noch einige Fragen an Frau Hauptmann Schmid richten, und wenn seine Kollegen einverstanden wären, könne sie dann abreisen. Der Nachtzug nach Wien gehe um acht Uhr.

Dr.Bernburger hatte der Sitzung in Gesellschaft eines ihm befreundeten jungen Nervenarztes, desDr.von Wydenbruck, beigewohnt und verließ mit ihm zusammen das Justizgebäude.

Die beiden Herren waren außerordentlich verschieden, aber durch das gemeinsame Interesse für Psychologie, und was damit zusammenhängt, ziemlich vertraut geworden, besonders seit Bernburger, als er infolge von Überarbeitung an nervösen Depressionen litt, sich vonDr.von Wydenbruck nach einer eignen Methode hatte behandeln lassen. Während Bernburger klein war, von verkümmertem Wuchs, mit schwächlichen Gliedmaßen, dabei aber ein ausdrucksvolles Gesicht und unermüdlich kluge, aufmerksame Augen hatte, warDr.von Wydenbruck von großer, schmaler und eleganter Figurund hatte so verfeinerte Züge, daß sie sich bei scharfer Beobachtung ganz zu verflüchtigen schienen. Sein Gang hatte etwas Elastisches und Biegsames, als sei er stets bereit, auszuweichen oder sich anzupassen, aber in Wirklichkeit streckte er nur höchst bewegliche Fühler aus und blieb auf dem Grunde seines Wesens von schwerer, glatter Unveränderlichkeit.

»Da sind wieder einmal ein paar Hysterische zusammengekommen,« sagte er, als sie die breite, zum Mittelpunkt der Stadt führende Straße hinuntergingen.

»Sie halten Deruga doch nicht für hysterisch?« sagteDr.Bernburger eifrig, an seinem Begleiter hinaufsehend. »Ich beurteile ihn ganz anders. Daß er den Mord begangen hat, steht mir fest, und zwar hat er ihn ohne Erregung, mit einer Ruhe ohnegleichen, ja mit einer Selbstverständlichkeit begangen, die es ihm ermöglicht hat, keinen Schnitzer zu begehen, der ihn verraten könnte. Die Verbrecher, die mit sorgfältiger Überlegung zu Werke gehen, machen bekanntlich immer irgendeinen Fehler,der ihnen zum Verhängnis wird. Deruga hat gemordet, wie ein anderer seine Suppe auslöffelt, beiläufig, beinah mechanisch, und darum hat er keine Spur hinterlassen.«

»Sehr fein bemerkt,« lobteDr.von Wydenbruck. »Nur die unbewußten Handlungen sind lebendig und fruchtbar und in ihrer Art fehlerlos und unfehlbar. Ich möchte hinzusetzen, auch tadellos.«

»An sich meinetwegen, in bezug auf die Zweckmäßigkeit,« entgegnete Bernburger; »aber das ist jetzt nicht unser Standpunkt. Sonst wäre ja jeder unmoralische Mensch in seinen unmoralischen Handlungen tadellos.«

»Ist er denn das nicht?« fragte Wydenbruck. »Aber Deruga,« fuhr er fort, »gehört nach meinem Dafürhalten nicht dahin. Ich halte ihn und nicht minder seine Frau für moralisch zurechnungsfähig, aber für hysterisch. Mord ist in unserer Zeit ein nur den untersten Schichten des Volkes angemessenes Verbrechen; tritt er in gebildeten Kreisen auf, so deutet er auf Hysterie oder Perversität.«

»Das stimmt für uns,« sagte Bernburger, »aber nicht für die Italiener. Übrigens gibt es auch bei uns Umstände und Leidenschaften, die einen Gebildeten auf natürlicher Grundlage zum Mörder machen können, zum Beispiel Eifersucht.«

»Ich möchte die Eifersucht selbst für das Dämonische erklären,« sagte der andere. »Jedenfalls glaube ich, daß wir es hier mit einer hysterischen Mordlust zu tun haben, die nichts als verdrängter Liebestrieb ist. Obwohl Derugas Frau ihn nach Aussage dieser guten, komischen Brutta liebte, findet er keine Befriedigung. Um mehr herauszupressen, erregt er Furcht, ihre Angst verdoppelt seinen Genuß, aber seine Gier bleibt ungesättigt und wird auch über ihrem Leichnam nicht erlöschen. Diese Unglücklichen sind die eigentlichen Vampire der Sage.«

»Daß es das gibt, bezweifle ich nicht,« sagteDr.Bernburger, »vielleicht hat sogar jeder Mensch etwas vom Vampir in sich; doch kann ich Ihre Methode, die äußeren Beweggründe gar nicht in Betracht zu ziehen, nicht billigen.Sie sind vorhanden und üben ihre Wirkung aus, so oder so.«

»Auf Gesunde, ja,« antwortete Wydenbruck, »auf Kranke kaum oder nur, um willkürlich verwertet zu werden. Auf Hysterie deutet bei Deruga schon seine höchst merkwürdige Fähigkeit, sich auszuschalten, wann es ihm paßt. Er ist überaus reizbar, leicht bis zu Tränen ergriffen, und im nächsten Augenblick ist er wie von Stein. Er ist dann gewissermaßen nicht mehr da. Wenn er sich darauf legte, könnte er es vielleicht dahin bringen, sich tatsächlich zu spalten, und wir hätten dann die Erscheinung der Doppelgängerei.«

»Und die Frau?« forschte Bernburger; »warum halten Sie die Frau für hysterisch?«

»Ihre Furchtsamkeit ist ein hinreichendes Smyptom,« sagteDr.von Wydenbruck. »Beachten Sie doch, wie Mordlust und Furchtsamkeit aufeinander eingestellt sind. Es ist höchst merkwürdig, wie solche Naturen magnetisch zueinander hingezogen werden, um ihre Wesenseigentümlichkeiten durcheinander aufs höchste zusteigern und ihr Los zu erfüllen. Alle Schranken durchbrechend offenbart sich der Selbstvernichtungstrieb als rätselhafte Leidenschaft.«

Es war, als hätten sich diese Gedanken dem Justizrat Fein mitgeteilt. Denn als er seinen Klienten nach beendigter Sitzung traf, sagte er zu ihm:

»Hören Sie, Doktor, wenn wir Sie als geisteskrank hinzustellen versuchten, hätten wir, glaube ich, Aussicht.«

»Machen Sie das, wie Sie wollen,« sagte Deruga, »ich überlasse ja ohnehin alles Ihnen. Da ich ein sehr guter Mensch bin und die Dinge sehe und benenne, wie sie sind, ist es leicht möglich, daß man mich für verrückt hält.«

Der Justizrat sprach seine Absicht aus, Deruga zum Mittagessen zu begleiten. Meister Reichardt werde schon etwas Eßbares haben, soviel er wisse, führe der Alte sogar einen ganz guten Wein. Ohne einen Schluck Wein, eine gute Zigarre und eine Tasse guten Kaffee könne er allerdings um drei Uhr nicht weiterarbeiten.

»Das ist recht, daß Sie mitkommen,« sagte Deruga, »so können wir noch ein bißchen miteinander tratschen. Aber hören Sie,« unterbrach er sich plötzlich, »kommen Sie wirklich aus Teilnahme für mich, oder wollen Sie mich aushorchen?«

»Ja, mein Freund,« lachte der Justizrat, »wozu bin ich denn eigentlich da? Ich vertrete ja Ihre Interessen, und wenn Sie vernünftig wären, erzählten Sie von vornherein alles mir, anstatt zur Unzeit und zu Ihrem Schaden damit herauszuplatzen. Mensch, Sie machen einem, weiß Gott, das Handwerk schwer.«

»Wenn ich eine alte Freundin nach zwanzig Jahren unverhofft wiedersehe,« entschuldigte sich Deruga, »komme ich natürlich ins Schwatzen. Sie hätten mich warnen sollen. Übrigens ist es mir ja gleichgültig.«

In Derugas kleinem, altmodisch eingerichtetem Stübchen war der Tisch schon bereit, und es brauchte nur ein zweites Gedeck aufgelegt zu werden. Nachdem der Justizrat seinen ersten Hunger gestillt hatte, lehnte er sich behaglichzurück und sagte: »Sie scheinen Ihre Frau aber doch mordsmäßig geliebt zu haben?«

»Wieso?« fragte Deruga kühl. »In den Flitterwochen ist das doch selbstverständlich. Seitdem habe ich Gott weiß wie viele andere geliebt.«

»Nun ja,« meinte der Justizrat, »aber man muß doch jedenfalls eine Frau sehr lieben, um sich ihretwegen in eine solche Klemme zu bringen.«

»Erstens konnte ich das nicht voraussehen,« sagte Deruga, »und zweitens täte ich das für jeden Menschen, und es ist schlimm genug, daß das nicht alle tun. Wenn ein Jäger ein angeschossenes Tier nicht möglichst schnell vollends tötete, würde man ihn mit Recht einen rohen Kerl nennen. Menschen dagegen sieht man wochenlang, monatelang Qualen leiden, bevor sie sterben können, und hilft ihnen nicht. Schöne Nächstenliebe! Als ob man einem überhaupt ein kostbareres Geschenk machen könnte als den Tod! Ich wäre dem, der mir das Leben abkürzt, wenn ich nicht mehr dazu tauge, bedeutend dankbarer als denen, die es mir gegeben.«

»Das hat denn doch seine zwei Seiten, meinLieber,« sagte der Justizrat. »Da könnte schließlich jeder Neffe seinen reichen Erbonkel umbringen und behaupten, er habe es aus Nächstenliebe getan.«

Deruga schoß das Blut ins Gesicht. »Was meinen Sie damit?« sagte er. »Das ist eine gemeine Anspielung, die ich mir verbitte.«

»Erlauben Sie,« sagte der Justizrat besänftigend, »das war ganz sachlich geredet, und wenn Sie empfindlich sind, kommen wir nicht weiter. Der Mensch ist einmal ein Kentaur, und außer guten Antrieben gibt es auch schlechte. Und wenn einer eine Person tötet, deren Tod ihm Vorteil bringt, so muß man wenigstens mit der Möglichkeit rechnen, er habe es mindestens zum Teil des Vorteils wegen getan.«

»Sie wissen,« sagte Deruga, »daß ich von dem Testament meiner Frau keine Ahnung hatte.«

»Das heißt, Sie haben es mir gesagt!« berichtigte der Justizrat gelassen.

»Wenn Sie meinen Worten nicht glauben,« rief Deruga außer sich, »so spreche ich überhauptnicht mehr mit Ihnen. Was fällt Ihnen ein, meine Verteidigung zu übernehmen, wenn Sie mich für einen gemeinen Raubmörder halten? Das ist unanständig gehandelt, ebenso unanständig, wie wenn ich meine Frau umgebracht hätte, um sie zu beerben. Und unanständig ist es, unter der Maske des Wohlwollens und der Zuneigung mit mir zu verkehren.« Er war graubleich im Gesicht geworden und hatte unwillkürlich mit der schlanken, braunen Hand den Griff seines Messers erfaßt.

»Ja, hören Sie mal,« sagte der Justizrat gutmütig, »wollen Sie mir eigentlich zwischen Käse und Kaffee die Kehle durchschneiden? Sie sind ein rabiater Italiener, und ich sollte mir jedesmal einen Blechpanzer unterschnallen, bevor ich zu Ihnen gehe.«

»Bevor Sie mich beleidigen, allerdings,« gab Deruga zurück; »nur würde Ihnen das wenig nützen.«

»Ist das eine Beleidigung,« fuhr der Justizrat fort, »wenn ich sage, ich halte es für möglich, daß Sie von dem Testament Ihrer Frau Bescheidwußten? Sage ich denn, daß dieser Umstand Sie zur Tat bewog? Ich sage nur, man muß die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß dieser Umstand mitwirkte.«

Deruga ließ das Messer auf den Tisch fallen und lehnte sich müde in seinen Stuhl zurück. »Die Möglichkeit ist deshalb ausgeschlossen,« sagte er, »weil die Voraussetzung fehlt. Sie wissen, daß das Testament mich nicht beeinflussen konnte, weil ich keine Ahnung davon hatte. Sie wissen das, weil ich es Ihnen sagte und Sie mir glauben müssen. Das sogenannte Publikum, das dumm ist und mich nicht kennt, braucht mir nicht zu glauben, aber von Ihnen verlange ich es.«

Der Justizrat schwieg eine Weile und sagte dann: »Versuchen Sie, mein Bester, einmal einen Teil der Gerechtigkeit selbst zu üben, die Sie von anderen in so reichem Maße verlangen! Ich habe erst seit kurzem das Vergnügen, Sie zu kennen, und zwar lernte ich Sie unter sehr zweideutigen Umständen kennen. Viel Gutes hört man nicht von Ihnen. Sie führen einLotterleben, arbeiten nur, wenn Sie keinen Pfennig mehr in der Tasche haben, obwohl Sie einen einträglichen Beruf und viel Verstand haben. Sie haben sich absichtlich verkommen lassen, sind sozusagen ein mutwilliger Vagabund. Wäre es nicht leichtfertig oder dumm von mir, wenn ich Ihnen durch dick und dünn glaubte, auch wo etwa Tatsachen oder berechtigte Mutmaßungen dagegen sprechen? Wären Sie nicht der erste, mich allenfalls auszulachen und zu sagen: Der Fein ist ein echter Deutscher, dumm wie eine Kartoffel?«

Deruga wandte dem Justizrat mit einem liebenswürdigen Lächeln das Gesicht wieder zu. »Für einen Deutschen sind Sie wirklich ziemlich gescheit,« sagte er, »und dabei ein ganz guter Kerl. Aber ich sehe nicht ein, warum Sie mich nicht die Wahrheit sagen ließen. Dann wäre diese langweilige und ekelhafte Geschichte schon zu Ende.«

Der Justizrat sah gedankenvoll in den Rauch seiner Zigarre und schüttelte den Kopf. »Ich habe Ihnen nach bester Überzeugung geraten,«sagte er. »Daß Sie die Tat aus reinen, edlen Motiven begangen haben, hätten Sie nicht beweisen können; umgekehrt kann man Ihnen nicht beweisen, daß Sie sie überhaupt begangen haben, es müßten sonst noch ganz unvorhergesehene Indizien herauskommen. Ich denke also, wenn Sie konsequent leugnen, bringe ich Sie durch. Und das ist doch besser als ein paar Jahre Gefängnis, wenn Sie vielleicht auch einen ganz gemütlichen Diogenes darin vorgestellt hätten. So wagen wir einen hohen Einsatz, können aber auch einen hohen Gewinn davontragen; im anderen Falle bekämen wir auch im besten Falle nur Stückwerk!«

»Und Sie sind kein Flickschneider, sondern ein Kleiderkünstler,« sagte Deruga. »Ich gehöre aber eigentlich in die Bude des Flickschneiders.«

»Ein echter Italiener kann ebensogut den Lazzarone wie den Edelmann spielen,« sagte der Justizrat. »Wenn Sie erst frei und im Besitze Ihres Vermögens sind, werden Sie diesen kurzen Schmerz vergessen und womöglich ein neues Leben anfangen.«

»Ein neues Leben anfangen?« lachte Deruga. »Mit sechsundvierzig Jahren! Als ob ich nicht längst genug und übergenug davon hätte!«

»Na, da will ich Ihnen weiter nicht hineinreden,« sagte der Justizrat. »Sie können ja auch weiter lumpen. Jedenfalls leuchtete Ihnen mein Rat damals ein, und Sie haben ihn aus freien Stücken angenommen.«

»Ich tue alles, was Sie wollen, damit die Baronin Truschkowitz, diese niederträchtige Person, das Vermögen nicht bekommt,« sagte Deruga. »Wäre das nicht, ich ließe mich ruhig köpfen oder ins Zuchthaus sperren. Das Leben ist einen solchen Kampf nicht wert.«

Auf der von unsicheren Frühlingssonnenstrahlen durchflackerten, breiten Straße, die auf die Front des Justizgebäudes führte, stießDr.von Wydenbruck auf den Oberlandesgerichtsrat Zeunemann, stellte sich vor und sprach seine Bewunderung über die Art aus, wie der Oberlandesgerichtsrat die Verhandlung führte. Er sei für den Einblick in eine komplizierte Psyche, der ihm da gewährt würde, sehr erkenntlich, und er sei überzeugt,Dr.Zeunemann werde noch immer mehr in ihre Tiefen und Untiefen hineinleuchten.

»Ich pflege meine Fragen so zu stellen,« sagte der Oberlandesgerichtsrat, »daß alles auf den Fall Bezügliche an äußeren und inneren Tatsachen von selbst hervorkommt. Nicht mit Hebeln und Schrauben, wissen Sie, sondern unwillkürlich, wie sich ein Blatt entrollt.«

»Ja, ich habe das bemerkt,« sagteDr.von Wydenbruck entzückt, »es ist wundervoll. Sie schaffen gewissermaßen nur die geeignete Atmosphäre, und das Spiel des Lebens entfaltet sich. Bisher haben Sie die Bestrahlung des Tages vorwalten lassen, vielleicht lassen Sie es auch einmal Nacht werden, lassen die Schatten aus dem Hades der Seele aufsteigen.«

»Sie sind Psycholog und wollen Ihre Studien machen?« sagteDr.Zeunemann.

»Von Ihrer reichbesetzten Tafel fällt vieles ab,« erwiderteDr.von Wydenbruck verbindlich.

Sie blieben auf der breiten Freitreppe stehen, um das Gespräch zu beenden, während es drei Uhr schlug. »Ich kann dazu nicht so viel tun, wie Sie glauben,« erklärte der Oberlandesgerichtsrat. »Ohne Seelenkunde kann allerdings heutzutage kein Kriminalist auskommen, aber ich sage mit Absicht 'Seelenkunde', um auszudrücken, daß es sich nach meiner Meinung um keine eigentliche Wissenschaft handelt, sondern um ein angeborenes Gefühl, man könnte es Genialität nennen. Ich lasse mich weitmehr von meinem Gefühl als von Berechnung leiten; Sie werden sich wundern, eine solche Ansicht von einem Juristen zu hören.«

Während HerrDr.von Wydenbruck Verwunderung und Bewunderung ausdrückte, hatte sich der Schwurgerichtssaal gefüllt, und einer von den Geschworenen, Geflügelzüchter Köcherle, fragte den Obmann der Geschworenen, Kommerzienrat Winkler, neben dem er saß, wer die feine Dame mit der langgestielten, goldenen Lorgnette in der ersten Reihe des Zuschauerraums sei.

»Das ist doch die Baronin Truschkowitz, die die ganze Geschichte in Gang gebracht hat,« sagte der Kommerzienrat. »Kennen Sie denn die nicht?«

»So sieht die aus?« rief der andere erstaunt aus. »Die hätte ich mir sehr schäbig und unterernährt vorgestellt, weil sie von der dürftigen Lage ihrer Kinder redet, und wie sie sich durchs Leben kämpfen müßten.«

»Der Adel,« sagte der Kommerzienrat, die Achsel zuckend, »hat eben andere Begriffe vondem, was man braucht und beanspruchen darf. Übrigens, wenn einer, der viel hat, noch mehr haben kann, sagt er nie Nein.«

Der Geflügelhändler gab das zu, aber er fand es doch geschmacklos, sich so kostbar zu tragen, wenn man so redete, als wimmerten seine Kinder nach dem täglichen Brot.

»Ihre Toilette ist aber geschmackvoll,« bemerkte ein anderer.

»Und teuer,« setzte der Kommerzienrat hinzu, indem er einen schätzenden Blick über die Dame gleiten ließ.

»Der Reiherbusch auf dem Hut etwa hundert Mark, die Brillanten im Stiel der Lorgnette vielleicht tausend Mark.«

»Sind es echte Brillanten?« fragte der Geflügelzüchter mit großen Augen.

»Ja, das Feuer haben nachgeahmte Steine nicht,« sagte der Kommerzienrat beinahe hitzig. »Wenn man auch dahin kommt, Brillanten künstlich herzustellen, so stimmt es meinetwegen nach der chemischen Formel, aber das Feuer der natürlichen Steine ist anders. Daslasse ich mir nicht abstreiten. Die Natur ist eben doch unerreichbar.«

»Sind das denn auch Brillanten, die sie auf dem Hut hat?« fragte der Geflügelzüchter.

»Bewahre,« antwortete der Kommerzienrat mißbilligend, »dazu weiß eine solche Dame zu gut Bescheid in Geschmacksfragen. Das ist eine moderne Phantasieagraffe, die etwa fünfzig Mark gekostet hat. Aber Sie sind ja das reine Kind in solchen Sachen!«

»Stimmt,« gab der Geflügelzüchter zu, »wenn meine Frau nicht ein bißchen nach mir schaute, wäre ich von einem Bauernknecht nicht zu unterscheiden. Und ich will Ihnen ganz offen sagen, was man so eine elegante Frau von Welt nennt und eine sogenannte Demimonde-Dame, kenne ich nicht auseinander.«

»Was Sie sagen,« rief der Kommerzienrat. »Aber das gibt es ja gar nicht! Da muß man sich doch auskennen.«

»Was ist denn zum Beispiel die Truschkowitz für ein Typus?« fragte der Geflügelzüchter. »Steht das nicht ungefähr auf der Grenze?«

»Ich bitte Sie,« sagte der Kommerzienrat, vor Schreck und Ärger errötend, »das ist eine ganz feine Frau von Welt! Der Anzug ist der gute Ton und die Diskretion selbst.«

»Na, wissen Sie,« wandte der andere ein, »eine gescheite Demimonde-Dame sollte das doch nachmachen können. So etwas lernt sich doch bald.«

»Nein,« beharrte der Kommerzienrat, noch immer rot und erregt. »Ein gewisses Etwas lernt sich eben nicht. Es läßt sich nicht lernen, weil es sich nur fühlen läßt. Da gibt ein Atom den Ausschlag.«

Der eintretende Gerichtshof unterbrach das Zwiegespräch, Frau Hauptmann Schmid wurde wieder vorgeführt, und nachdem der Vorsitzende sie nochmals ermahnt hatte, die Wahrheit zu sagen und nichts zurückzuhalten, faßte er das Ergebnis ihrer bisherigen Aussage zusammen:

»Bald nach seiner Verheiratung mit seiner um einige Jahre älteren Frau bezog der Angeklagte eine Sommerwohnung bei Ihren Großeltern in Laibach. Die Derugas machten denEindruck eines glücklichen Paares, dessen Glück immerhin getrübt wurde durch gewisse Eigenheiten des Mannes, namentlich seine an Jähzorn streifende Heftigkeit und seine Neigung zur Eifersucht. Soweit Sie wissen, war eine Eifersucht unbegründet. Nicht wahr, ich habe Sie recht verstanden.«

»Darüber kann ich doch unmöglich etwas wissen,« sagte Frau Schmid. »Denn es handelte sich ja um Vergangenes. Daß die arme Marmotte einen anderen gern gehabt hat, kann ja leicht sein, sie war ja gewiß schon dreißig Jahre alt, und ich glaube es sogar; denn der Doktor wäre doch närrisch gewesen, wenn er die Geschichte erfunden hätte, um sie und sich damit zu plagen.«

»Sie sagten doch aber heute morgen einmal,« hielt ihrDr.Zeunemann vor, »Sie hielten es für ausgeschlossen, daß FrauDr.Deruga sich jemals hätte etwas zuschulden kommen lassen.«

»Zuschulden kommen lassen,« wiederholte Frau Schmid, »davon ist doch keine Rede. Mein Gott, man wird doch einmal einen gern haben dürfen, ohne daß einem gleich daraus der Strick gedrehtwird. Ich habe doch auch unser Doktorchen gern gehabt — nun, das Gefühl ist im Keime steckengeblieben —, aber wenn es auch einmal einen Kuß gegeben hätte, was wäre dabei? Den Allzuzimperlichen traue ich am wenigsten.«

»Sie haben aber keinen Anhaltspunkt dafür,« sagteDr.Zeunemann, »daß die damalige Frau Deruga etwaige frühere Beziehungen derzeit noch fortgesetzt hätte?«

»Bewahre!« rief Frau Hauptmann Schmid fast schreiend, »was meinen Sie denn, dann wäre sie ja eine ganz infame Kröte gewesen! Da brauchen Sie nur Herrn Doktor selbst zu fragen, der wird es Ihnen schon sagen. Ich glaube, er spränge Ihnen gleich an die Kehle, wenn Sie ihn so etwas fragten!«

Dr.Zeunemann konnte nicht umhin zu lächeln. »Darum halte ich mich lieber an Sie,« sagte er. »Sie halten also für möglich, daß Frau Deruga vor ihrer Verheiratung einmal eine Neigung hatte, sind aber überzeugt, daß derzeit jede etwaige Beziehung gelöst war. In Anbetracht des Umstandes, daß der Angeklagte sich als Arztzuerst in Linz niederließ, gab er im Dezember die Sommerwohnung bei Ihren Großeltern auf. Haben Sie später noch im Verkehr mit ihm und seiner Frau gestanden?«

»Sie schickten eine Anzeige von der Geburt des kleinen Mädchens,« sagte Frau Schmid, »das nachher starb. Die Anzeige ließ ich mir von der Großmutter schenken und habe sie noch. Ich hatte immer das Gefühl, daß es besondere Menschen wären, und wartete lange darauf, daß sich etwas Besonderes mit ihnen begeben würde. Daß es so käme, dachte ich freilich nicht.«

Nachdem noch einige Fragen über die Besuche, die Derugas empfingen, und über ihren Geldverbrauch gestellt waren, wurde Frau Hauptmann Schmid entlassen, und ein eleganter Herr von etwa sechsunddreißig Jahren folgte ihr. Er sah so überaus tadellos aus, daß er an eine Figur aus dem Modeblatt erinnerte, und auch sein Gesicht hatte einen dementsprechenden regelmäßigen Zuschnitt; nur war es nicht glatt und rosig, sondern blaßgrau, müde und etwas eingefallen.

Er machte eine Verbeugung, durch welche er dem Gerichtshof den Respekt zuteilte, den er jeder staatlichen Einrichtung, wie weit er persönlich auch darüber stehen mochte, zugestand, und ließ unter anderen Personalien feststellen, daß er Peter Hase heiße und in München wohnhaft sei. Dann wurde er aufgefordert mitzuteilen, wie er die Bekanntschaft des Angeklagten gemacht habe.

»Wir wurden einander im Kavalier-Café, wo er verkehrte, vorgestellt. Es ist kein Café ersten Ranges, aber ein sehr behagliches Lokal und ziemlich viel von Künstlern besucht, weil es eigentlich für Nichtkünstler gegründet wurde. Deruga ist dort sehr bekannt, und ich hatte öfters von ihm als von einer eigentümlichen Persönlichkeit und einem guten Gesellschafter sprechen hören, so daß ich mich freute, ihn kennenzulernen. Er hatte einen bestimmten Platz an einem bestimmten Tisch, wo sich ein ziemlich gemischter Kreis um ihn zu versammeln pflegte.«

»Waren Herren aus der Gesellschaft darunter?« fragte der Vorsitzende.

»Sowohl solche wie andere,« antwortete Peter Hase, »hauptsächlich aus der Bohème.« Er sprach das Wort so unbetont aus, daß es unmöglich gewesen wäre, herauszufühlen, ob er Verachtung oder Sympathie oder sonst was für den Begriff empfand. Überhaupt hatte er etwas vollkommen Beziehungsloses; er schien keine Umwelt als leere, weiße Mauern zu haben.

»Traten Sie in ein intimeres Verhältnis zu Deruga?« sagteDr.Zeunemann.

»Das nicht,« sagte Herr Hase, ohne die Zumutung, er könne zu irgend jemandem in intimere Verhältnisse treten, im allermindesten zu rügen, »aber er interessierte mich immer, wenn ich ihn sah.«

»Darf ich Sie bitten,« sagte der Vorsitzende, »jetzt den Auftritt zu schildern, der zwischen Ihnen und Deruga in dem erwähnten Café stattfand?«

Herr Hase verbeugte sich zustimmend. »Erlauben Sie mir die Richtigstellung,« begann er, »daß von einem Auftritt zwischenDr.Deruga und mir insofern nicht die Rede sein kann, als ich mich in keiner Weise aktiv dabei beteiligthabe. Es hatte damals ein Grubenunglück stattgefunden, bei welchem eine Anzahl Arbeiter verunglückt waren, und es wurde für die Hinterbliebenen gesammelt. An jenem Nachmittag kam eine Dame mit einer Liste für Unterschriften und Beiträge in das Café.«

»Eine Dame?« fragte der Vorsitzende.

»Eine Frau, wenn Sie lieber wollen,« sagte Herr Hase, »sie war sehr dürftig gekleidet. Sie näherte sich unserem Tisch, und da ich zunächst saß, gab ich ihr durch eine Handbewegung oder ein Kopfschütteln zu verstehen, sie solle sich nicht bemühen; denn ich finde Sammlungen jeder Art in Vergnügungslokalen unpassend.Dr.Deruga, der im Besitz einer außerordentlichen Beobachtungsgabe ist, hatte den kleinen Vorgang bemerkt und rief die Dame oder Frau, die im Begriffe war weiterzugehen, zurück. 'Warum kommen Sie nicht zu uns, liebes Kind?' sagte er. 'Kommen Sie, wir möchten auch etwas zeichnen.' Dann überhäufte er mich mit Vorwürfen, daß ich die Dame eigenmächtig, ohne die Absicht der Gesellschaft zu kennen, verscheuchthätte. Um der Sache ein Ende zu machen, griff ich schnell nach der Liste, zeichnete einen Betrag und gab sie weiter. Als sie an Deruga kam, überlas er die Einträge und ärgerte sich, wie ich sofort an seinem Gesicht sehen konnte, über ihre Geringfügigkeit. 'Sehen Sie, liebes Kind,' sagte er zu der Dame, 'diese Herren hier sind reich und haben infolgedessen, da sie sich Häuser bauen, Autos halten und Sekt trinken müssen, kein Geld für Arbeiterfrauen und Arbeiterkinder übrig, deren es ohnehin zu viele gibt. Ich dagegen bin arm, sollte mich eigentlich aufhängen und brauche infolgedessen nur einen Strick, der wenig kostet; daher bin ich in der Lage, dreihundert Mark zu zeichnen, die ich Sie in meiner hier angegebenen Wohnung abzuholen bitte. Übrigens können Sie einstweilen als Pfand diese Nadel hier mitnehmen.' Er zog dabei eine eigentümliche, augenscheinlich sehr wertvolle Nadel aus seiner Krawatte und händigte sie der Dame ein, die, ohnehin durch sein Benehmen in Verlegenheit gesetzt, sich weigerte, sie anzunehmen, aber endlich nachgeben mußte. Ein paar von den Herren,dieDr.Deruga besser kannten als ich, sagten zu ihm, wenn jeder etwa fünf Mark zeichnete, käme genug zusammen; es sei doch nicht die Absicht, die hinterbliebenen Arbeiterfrauen reicher zu machen, als man selbst sei. Er solle Vernunft annehmen und eine seinen Verhältnissen angemessene Summe geben. Dadurch reizten sieDr.Deruga noch mehr, er wurde wütend und sprudelte im Zorne allerlei Äußerungen hervor, die ich natürlich nur ganz ungefähr wiedergeben könnte.«

Der Vorsitzende bat dies zu tun, soweit es sein Gedächtnis erlaubte.

Herr Hase verbeugte sich zustimmend. »Er sagte also ungefähr so: 'Meine Verhältnisse? Was wissen Sie von meinen Verhältnissen? In Ihren Augen bin ich ein armer Teufel, und Sie glauben deshalb sich über mich zu amüsieren und mich bevormunden zu können. Sie sehen eine Art Hofnarren in mir, der dazu da ist, Sie zu unterhalten, übrigens aber keine Ansprüche zu stellen hat. Ich könnte ebenso wie Sie eine reiche Frau heiraten und wäre dann in denselben Verhältnissen wie Sie. Übrigens habeich das nicht einmal nötig, denn ich kann jederzeit über das Vermögen meiner geschiedenen Frau verfügen. Nach ihrem Tode werde ich ein reicher Mann und wahrscheinlich ebenso geizig und habgierig wie Sie jetzt; also nehmen Sie mein Geld, solange ich noch arm bin, liebes Kind!' Ich bitte übrigens nochmals zu bedenken,« setzte Herr Hase hinzu, »daß ich erzähle, was die Erinnerung mir aufbewahrt hat oder mir vorspiegelt. Das beste wird sein, wenn SieDr.Deruga selbst befragen, ob er die von mir wiedergegebenen Worte als die seinigen anerkennt.«

Der Vorsitzende hatte kaum den Kopf nach Deruga gewendet, als dieser vergnügt ausrief: »Vorzüglich war die ganze Schilderung und eines so ausgezeichneten Schriftstellers würdig. Ich mache einen viel besseren Eindruck darin, als ich für möglich gehalten hätte. Wahrscheinlich habe ich alles das gesagt, nur hat Herr Hase, anständig wie er ist, alle die Beschimpfungen weggelassen, die ich ihm persönlich an den Kopf geworfen habe, über seine Herzlosigkeit, Verlogenheit, Nichtigkeit und so weiter.«

»Ich habe weggelassen, was nicht unbedingt zur Sache gehört,« sagte Herr Hase gegen den Präsidenten gewendet, »allerdings hätte ich seine Ausfälle gegen mich vielleicht nicht ganz unterdrücken sollen, weil daraus deutlich wird, wie sehr er im Augenblick der Erregung unter der Herrschaft seines Temperaments steht, und man nur sehr bedingterweise Schlüsse aus den Äußerungen ziehen darf, die er in solchen Augenblicken tut.«

»Ich bitte um die Erlaubnis,« sagte Justizrat Fein, aufstehend, »dieser sehr richtigen Bemerkung des Zeugen eine ähnliche hinzuzufügen. Das Ergebnis der eben vernommenen Aussage ist hauptsächlich, daß man Deruga überhaupt nicht zu ernst nehmen darf. Man muß in Italien gewesen sein und die Italiener kennen, um ihn richtig zu beurteilen. Seine Reden erinnern zuweilen an das Pathos, mit dem ein italienischer Quacksalber auf dem Markte seine Hühneraugenpflaster anpreist: 'Meine Damen und Herren, und wenn Ihr leiblicher Bruder hier stünde, er könnte Sie nicht ehrlicher bedienen, als ich es tue. Nicht um meinetwillen, umIhretwillen stehe ich hier, denn was bedeuten die paar Pfennige, die Sie mir geben, gegen das, was ich Ihnen verschaffe, ein schmerzloses Dasein, einen sieghaften Gang, die Gunst der Frauen, die Bewunderung der Männer!'«

Während im Publikum gelacht wurde, legteDr.Zeunemann seine Stirn in leichte Falten und sagte: »Man darf immerhin nicht vergessen, daß die Italiener als schlaue Leute von ihren nationalen Eigentümlichkeiten sehr guten Gebrauch zu machen wissen, und daß, wer häufig Masken trägt, deshalb doch ein Gesicht hat, wenn auch mitunter schwer zu entscheiden sein mag, welches das echte ist. Ich will aber jetzt nicht Philosophie treiben, sondern Tatsachen feststellen, und da möchte ich darauf hinweisen, daß uns von dem Angeklagten noch ähnliche Aussprüche bekannt geworden sind, die er in vollständigem seelischem Gleichgewicht machte. Ferner möchte ich wissen, ob der Angeklagte damals die gezeichnete Summe gezahlt hat?«

Herr Hase bedauerte, darüber keine Auskunft geben zu können. Auf der vordersten Reiheder Geschworenensitze erhob sich Kommerzienrat Winkler und sagte: »Die gewünschte Auskunft gibt uns vielleicht die Nadel in der Krawatte des Angeklagten. Es dürfte die verpfändete sein, die er also augenscheinlich ausgelöst hat!«

Deruga bestätigte, daß es die Nadel sei, die er gegen Bezahlung der genannten Summe zurückerhalten habe, zog sie heraus und bot sie zur Besichtigung an.

»Haben Sie denn wirklich die dreihundert Mark gegeben?« fragte der Justizrat Fein. »Wie hatten Sie denn gleich soviel Geld übrig?« Deruga zuckte etwas ungeduldig die Schultern. »Glauben Sie denn,« sagte er, »ich hätte mir nicht jeden Augenblick dreihundert Mark verschaffen können? Ich brauchte mir zum Beispiel nur einen Vorschuß vom italienischen Konsulat geben zu lassen für Übersetzungen, Untersuchungen oder dergleichen. Deruga hat Gehirn im Schädel und keine Kartoffeln.«

Inzwischen hatte der Vorsitzende die Nadel betrachtet und fragte Herrn Hase, ob es dieselbe sei, die der Angeklagte an jenem Abend als Pfandgegeben habe, was Peter Hase, nachdem er einen diskreten Blick darauf geworfen hatte, bejahte.

»Es ist ein auffallend schönes Stück,« sagteDr.Zeunemann, in den Anblick der Nadel versunken, die einen Mohrenkopf mit Turban darstellte; der Kopf bestand aus einer schwarzen, der Turban aus einer weißen Perle, und der letztere war reich mit Rubinen und Smaragden besetzt.

»Ein Geschenk meiner verstorbenen Frau,« sagte Deruga, indem er die Nadel wieder in Empfang nahm. »Sie meinte, sie sei wie gemacht für einen Othello wie mich.«

Nach diesem Zwischenfall fragte der Vorsitzende den Zeugen, ob er noch irgend etwas hinzuzufügen habe. Über Herrn Hases unbewegliches Gesicht ging zum ersten Male ein schwaches Erröten; seine Aufmerksamkeit war nämlich durch die Baronin Truschkowitz abgelenkt worden, die, in der ersten Reihe der Zuschauer sitzend, sich weit vorgebeugt und die von dem Präsidenten gehaltene Nadel mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit betrachtet hatte. Angeredet, drehte er sich erschreckt um und sagte,daß er nichts mehr zur Sache mitzuteilen wisse, aber bereit sei, auf fernere Fragen zu antworten.

Peter Hase verließ nach Schluß der Sitzung das Gerichtsgebäude nicht, sondern wartete aufDr.Zeunemann, stellte sich ihm vor und bat, ein paar Fragen an ihn richten zu dürfen, worauf der Oberlandesgerichtsrat ihn in sein Zimmer mitnahm. Hauptsächlich wünschte Herr Hase zu wissen, welche Strafe den Angeklagten etwa treffen könnte, falls er wider Erwarten verurteilt würde.

»Ja, sehen Sie, Verehrtester,« antworteteDr.Zeunemann, während er seinen Talar mit dem Gehrock vertauschte, »bis jetzt geht die Anklage nur auf Totschlag, und dabei würde er mit ein paar Jahren Zuchthaus davonkommen. Aber unser Staatsanwalt sieht es eigentlich als Mord an, und wenn noch irgendein dahinzielendes Indizium auftaucht, kann die Geschichte bedenklich werden. Wenn zum Beispiel festgestellt würde, daß der Mann mit dem Inhalt des Testaments bekannt war, ja, dann würde die Meinung des Staatsanwalts wahrscheinlich durchdringen, und indem Falle würden wir auch sofort, so leid es mir tut, zur Verhaftung schreiten müssen.«

»Darf ich fragen,« erkundigte sich Herr Hase, »wie Sie persönlich die Sache beurteilen?«

»Ich bin zu sehr Psychologe,« sagteDr.Zeunemann, »um nicht einen gewissen Anteil an problematischen Charakteren zu nehmen. Was für eine Grundfarbe dieses Chamäleon eigentlich hat, darüber bin ich, um die Wahrheit zu sagen, noch nicht ins klare gekommen.«

»Warum sollte er überhaupt eine Grundfarbe haben?« sagte Herr Hase verhältnismäßig lebhaft. »Der schimmernde Wechsel ist die Natur dieses fabelhaften Geschöpfes. Ich habe eine große Sympathie für Chamäleons,« fügte er nach einer Pause hinzu.

»Ich verstehe, ich verstehe,« erwiderteDr.Zeunemann, »schön, aber schlüpfrig. Die ästhetische Betrachtungsweise ist sehr verschieden von der moralischen und diese nicht immer identisch mit der juristischen.«

Er war im Begriff, einen breitrandigen Filzhut vom Gestell zu nehmen, als es klopfte undauf sein unwirsches Herein die Baronin Truschkowitz auf der Schwelle erschien, der der Staatsanwalt die Tür öffnete.

»Lieber Präsident,« sagte sie rasch, indem sie ihm ihre in einem weißen, festanliegenden Lederhandschuh steckende Hand reichte, »ich weiß, daß es im höchsten Grade zudringlich ist, Sie in Ihrem Heiligtum und noch dazu um diese Zeit zu überfallen, aber Sie sind zu ritterlich, um mich hinauszuwerfen, und ich bin zu unedel, um Ihre Höflichkeit nicht auszunutzen.«

Dr.Zeunemann stieß einen komischen Seufzer aus. »Machen Sie es wenigstens kurz, Frau Baronin,« sagte er.

Sie lachte ein helles, jugendliches Lachen, in dem ein girrender Ton war, der etwas Verführerisches hatte. »Ich mache es schon kurz,« sagte sie, »wenn nur Sie, Herr Präsident, es nicht in die Länge ziehen. Es betrifft die Nadel, die Sie heute in der Hand hatten und jenem Menschen zurückgaben. Ich erkannte sie sofort wieder als ein Erbstück meiner Urgroßmutter, das heißt, meiner und meiner verstorbenenKusine Urgroßmutter. Es ist mir unleidlich, dies kostbare Andenken in den Händen jenes Menschen zu wissen, und ich möchte Sie bitten zu bewirken, daß sie mir eingehändigt wird.«


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