»Nein, Herr Präsident,« sagte der Hausmeister, indem er lächelnd den Kopf schüttelte, als wollte er sagen, um in die Falle zu gehen, dazu wäre er doch zu schlau. »So gern ich Ihnen den Gefallen täte, damit will ich nichts zu tunhaben. Ich glaube, daß er ziemlich lange, schwarze Haare hatte, und daß er sozusagen träumerisch dahergeschlendert kam. Und wenn Sie ihn da vor mich hinstellen würden, würde ich ihn ja auch wohl wiedererkennen. Aber ob nun sein Kittel grau oder grün oder braun war, und was er für Stiefel anhatte, und ob er Löcher in den Strümpfen hatte, und was dergleichen mehr ist, das könnte ich wahrhaftig nicht sagen.«
»Haben Sie gar nicht darüber nachgedacht, was für ein Mann das sein könnte?« fragte der Vorsitzende.
»Na, das sah ich ja, Herr Präsident, daß er Löffel verkaufte,« sagte der Hausmeister, »dabei war nichts nachzudenken. Das nähme meine Zeit doch viel zu sehr in Anspruch, wenn ich mir über jeden Hausierer Gedanken machen wollte. Sie müssen sich nur vorstellen, was für Leute bei uns aus und ein gehen! Da ist zum Beispiel im dritten Hause im zweiten Stock der Herr Rübsamen, Komponist und Musikschriftsteller, ein schrecklich nervöser Mensch, und wenn ich nicht so viel Geduld mit ihm hätte, wäre er längstausgezogen. Sie müssen nur sehen, was für Leute zu dem kommen, da stößt man sich nachher an nichts mehr. Herren und Damen kommen, die ihm was vorsingen oder vorspielen, die reine Zigeunerbande, und nachher sind es Künstler und feine Leute gewesen. An dem Tage ist übrigens auch der Klavierstimmer bei ihm gewesen, den hat er weggeschickt, weil er von der Ursula, dem Mädel, gewußt hat, daß ihre Gnädige eine schlechte Nacht gehabt hatte und schlafen sollte. Gutmütig ist er ja, der Herr Rübsamen. Der Klavierstimmer ist aber der mit der Zigarette nicht gewesen. Denn der hat ein rotes Gesicht und blonde Haare, den kenne ich, weil er alle Vierteljahre zum Herrn Rübsamen kommt.«
»Der Mann ist also aus dem dritten Hause gekommen,« fragte der Präsident.
»Aus dem zweiten könnte er auch gekommen sein, wo die Pension drin ist,« sagte der Hausmeister, »ich sah ihn erst, als er an das vordere herankam, wo ich stand.«
»Ich bitte den Hausmeister zu fragen, ob der Angeklagte dem Mann mit der Zigarette ähnlichsieht,« sagte der Staatsanwalt, indem er mit imperatorischer Gebärde den Arm ausstreckte.
»Wollen Sie den Angeklagten daraufhin ansehen!« forderteDr.Zeunemann den Hausmeister auf.
Der Hausmeister drehte sich langsam um und betrachtete Deruga, den die Untersuchung zu belustigen schien, aufmerksam und erstaunt.
»Da bin ich überfragt, Herr Präsident,« sagte er endlich. »Ich möchte schwören, daß ich den Herrn da noch nie gesehen habe.«
»Sie müssen sich ihn mit schwarzer Perücke und mit falschem Bart vorstellen,« sagte der Vorsitzende.
»Ausgeschlossen,« rief der Hausmeister mit ungewöhnlicher Entschiedenheit. »Wenn ich mit solchen Vorstellungen anfange, kenne ich schließlich keinen mehr vom anderen, und hernach soll ich für das aufkommen, was ich mir vorgestellt habe, und habe unversehens einen Meineid auf dem Halse. Denn sehen Sie, Herr Präsident, wenn man anfängt nachzudenken, wie einer ausgesehen hat, und ihn mit dem und jenem vergleicht, so hält man zuletzt alles für möglich, und am Ende ist es doch nur die pure Einbildung gewesen.«
»Sie haben also«, sagte der Vorsitzende, »kein genaues Erinnerungsbild von dem Manne, der Sie um Feuer bat. Besinnen Sie sich noch auf andere Personen, die am 2. Oktober zwischen vier und sechs Uhr in Ihren Häusern verkehrten?«
»Ja,« antwortete der Hausmeister. »Ich hatte eben meinem Buben aufgetragen, den Maßkrug wieder in die Wirtschaft zu tragen, und sah ihm nach, wie er über die Straße ging, da rief mich einer von rückwärts an und fragte nach der nächsten Haltestelle für Autodroschken. Der war so in Eile, daß er kaum abwartete, bis ich ihm ordentlich Bescheid gegeben hatte, und gab mir einen Puff in die Seite, als er an mir vorbeilief. Gleich darauf rief mich meine Frau, weil das Leitungsrohr in der Pension im zweiten Hause wieder einmal verstopft war — da stecken sie nämlich immer ihre Knochen und ausgekämmten Haare hinein, als ob der Ausguß die Drecktonne wäre — na, und als ich da nachgesehen hatte und wieder in den Garten kam, sah ich gerade den Doktor ins dritte Haus hineingehen wegen der Frau Swieter, die unterdessen gestorben war.«
»Was für einen Eindruck machte der Herr auf Sie?« fragte der Vorsitzende, »der in so großer Eile war?«
»Das weiß ich noch,« sagte der Hausmeister, »daß er einen langen, breiten Mantel trug. Denn ich dachte bei mir, in der jetzigen Mode tragen die Weiber Männerröcke und die Männer Weiberzeug. Von hinten hat er wie ein eingemummtes Frauenzimmer ausgesehen. Sonst ist es aber ein feiner Herr gewesen.«
Der Staatsanwalt bat, noch einmal auf den Mann mit der Zigarette zurückkommen zu dürfen. Er wünsche zu wissen, ob er reines Deutsch oder wie ein Ausländer gesprochen habe.
»Ja, wissen Sie«, sagte der Hausmeister, »geradeso wie unsereiner reden ja die wenigsten. Ich habe schon oft gedacht, was redet der für ein Kauderwelsch daher? und nachher war es doch ein Deutscher und nichts weiter. 'HabenSie Feuer, Euer Gnaden?'« Er wiederholte sich den Satz, wie um durch die Worte an Klang und Tonfall erinnert zu werden. »Eigen hat es ja geklungen, aber ganz lieb, ganz spaßig, und gutes Deutsch ist es doch auch gewesen. Der mit dem Auto dagegen, der hat so geschnauft, daß ich ihn kaum verstehen konnte, und mich hat er, glaub' ich, auch nicht gut verstanden, wenigstens lief er zuerst nach der falschen Seite, obwohl ich es ihm klar auseinandergesetzt hatte. Es kann aber natürlich auch wegen der großen Eile gewesen sein.«
»Dieser Herr,« sagte der Vorsitzende, »ist wahrscheinlich derselbe, der in der Pension nach Zimmern fragte und abschlägig beschieden werden mußte. Es ist keine Spur von ihm aufzutreiben gewesen, und wir nehmen an, daß er sich nur vorübergehend hier aufgehalten hat.«
Beim Schluß dieser Sitzung waren alle Beteiligten mit Ausnahme von Deruga abgespannt, gereizt und aufgeregt. Herrn von Wydenbrucks Gedanken weilten bei dem Traume derverstorbenen Frau, den Ursula geschildert hatte, und er sprach sich darüber gegenDr.Bernburger aus, als er neben ihm durch die breiten Gänge des Justizgebäudes ging.
»Das Kind,« sagte er, »das sie besuchte, war natürlich ein Bild für den Vater, das Schaukeln deutet auf sinnliche Regungen. Es ist zweifellos, daß sie ihn erwartete.«
Dr.Bernburger, der sehr blaß aussah, hatte sich eben eine Zigarre angezündet und begann sich etwas zu erholen.
»Das ist wahr,« sagte er hastig. »Die Schlüsse von zwei entgegengesetzten Richtungen treffen sich wie die Bohrer in einem Tunnel. Er hatte sie um Geld gebeten, das hatte ihre Erinnerungen belebt. Sie erwartete ihn in einer verliebten oder sentimentalen Stimmung. Er kam in der Verkleidung eines Hausierers, der hölzerne Löffel verkauft. Entweder ließ ihn die ins Geheimnis gezogene Ursula ein, oder er wußte ihre Aufmerksamkeit zu hintergehen, oder Frau Swieter selbst öffnete ihm. Wäre mir das Ergebnis der Voruntersuchung bekannt und hätte ich Fragenstellen können, so hätte ich den Tatbestand auf der Stelle herausgebracht. Ich lag auf der Folter, während dieser schwerfällige Apparat arbeitete.«Dr.Bernburger trocknete seine Hand mit dem Taschentuch ab, wobei seine dünnen Finger zitterten.
»Sie glauben also,« fragteDr.von Wydenbruck, »daß der Wunsch des Wiedersehens von Deruga ausging und seinen Grund in der Geldsorge hatte?«
»Das halte ich für wahrscheinlich,« sagteDr.Bernburger. »Jedenfalls hat der Slowak sie getötet, und der Slowak war Deruga.«
»Meiner Ansicht nach,« sagteDr.von Wydenbruck, »lag die magnetische Anziehung zugrunde, die Hysterische verhängnisvoll zueinander zieht. Wie sich auch der Wunsch eingekleidet haben mag, dies muß der Kern gewesen sein.«
»Ob es möglich wäre, daß die weggeworfene Zigarette noch in dem Gebüsche läge?« sagte Bernburger, seine Gedanken verfolgend. »Aber wieviel Schnee und Regen ist schon darauf gefallen.«
»Warum könnte es nicht auch der mit dem Auto gewesen sein?« wandteDr.von Wydenbruck ein.
»Er zeigte unbefangen, daß er es eilig hatte. Der andere verlangte Feuer, um unbefangen zu erscheinen, und warf die Zigarette gleich darauf fort, weil er gar nicht rauchen wollte. Übrigens haben Raucher meistens auch Zündhölzer bei sich. Außerdem fühlte ich es, sowie das Mädchen den Slowaken anführte. Ich sah es wie mit dem zweiten Gesicht.«
Herr von Wydenbruck betrachtete seinen Freund mit einem neuen Interesse von der Seite. »Das wäre allerdings ausschlaggebend,« sagte er und erkundigte sich, ob sein Freund schon öfter solche Erscheinungen an sich beobachtet hätte.
In demselben Gange, den die beiden eben durchschritten, stand Deruga mit dem Justizrat Fein in einer Fensternische im Gespräch, beiläufig die Vorübergehenden beobachtend.
»Wenn ich der Präsident wäre,« sagte Deruga, »würde ich einen geladenen Revolver mit in die Sitzung nehmen und den Zeugen vors Gesichthalten, und wenn sie sich dann noch nicht entschlössen, vernünftig zu antworten, schösse ich sie nieder. Der Mann hat eine unbegreifliche Geduld.«
In diesem Augenblick sah erDr.Bernburger mit seinem Begleiter herankommen, nahm rasch eine Zigarette aus seinem Etui, trat ein paar Schritte vor und sagte zuDr.Bernburger: »Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?« Dann, nachdem er seine Zigarette angezündet hatte, stellte er sich wieder neben den Justizrat, indem er ihm aus ernstem Gesicht zublinzelte.
Dr.Bernburger war vor Erregung bleich geworden, während er Deruga schweigend die brennende Zigarre hinhielt. Es ist klar, dachte er, daß er sich über mich lustig macht. Über wieviel Scharfblick, Geistesgegenwart, Frechheit und Kaltblütigkeit verfügt dieser Mensch; es ist ihm alles zuzutrauen. Allerdings, wenn er nicht schuldig wäre, zeugte sein Benehmen nur von der Sicherheit des Unbeteiligten. Aber die seine war die Sicherheit des gewiegten zynischen Täters; es war die Herausforderung einesgeistvollen Verbrechers, der sich für unüberführbar hält.
Dr.Bernburger war zu erregt und zu vertieft, um seine Gedanken laut zu äußern, er ging hastig, seinem Freund um einige Schritte voraus.
»Er hat Ihre Gedanken erraten,« sagte dieser. »Das ist wieder ein Symptom von Hysterie, ebenso wie die Kaltblütigkeit. Man wird doch zuletzt einsehen müssen, daß es sich um etwas Krankhaftes, um eine Art Lustmord handelt.«
»Aber die Frau, die er tötete, war zweiundfünfzig Jahre alt,« sagteDr.Bernburger ärgerlich.
»Das ist eben die Perversität,« sagteDr.von Wydenbruck. »Vielleicht verschmolz sie ihm auch dadurch mit dem Erinnerungsbild seiner Mutter, wodurch der aus Leidenschaft und Vernichtungslust zusammengesetzte Hang verhängnisvoll verstärkt wurde.«
Unterdessen machte der Justizrat seinem Klienten Vorwürfe. »Sie sind wirklich ein Topf voll Mäuse,« sagte er. »Ich müßte Ihnen ein Schloßvor den Mund hängen. Was war nun das wieder für eine Eruption?«
»Ach,« sagte Deruga, »warum sollte ich den beiden jungen Haifischen nicht einen Knochen zwischen die schiefen Zähne werfen? Sahen Sie nicht, wie ihm die Augen aus dem Kopfe quollen vor Gier? Es tut mir nur leid, daß ich nicht zusehen kann, wie sie ihn abnagen.«
»Mit Haifischen ist nicht zu spaßen,« sagte der Justizrat, »und obwohl Sie ein nichtsnutziger Italiener sind, möchte ich doch nicht gerade, daß er Sie zwischen die Zähne bekäme.«
Die Baronin hatte kaum am Arme ihres Mannes den Saal verlassen, als ein Gerichtsdiener ihr in den Weg trat und sie im Namen des Oberlandesgerichtsrats Zeunemann bat, ihn zu einer kurzen Unterredung in seinem Zimmer aufzusuchen. Er sei bereit, setzte der Gerichtsdiener hinzu, sie sofort hinzuführen.
»Du begleitest mich doch,« sagte sie, zu ihrem Manne hingewendet, der sich willig anschloß. Er müsse zwar gestehen, sagte er, daß er Hunger habe; aber die Herren vom Gericht wären sicher im gleichen Fall, und so würde es nicht lange dauern.
Der Oberlandesgerichtsrat, sagte sie in französischer Sprache, wäre ein ganz angenehmer Mann, etwas kleinbürgerlich eitel, aber gefällig und im Grunde, glaubte sie, ganz auf ihrer Seite.
Dr.Zeunemann hatte sich bereits umgekleidet und knabberte an einem Stückchen Schokolade zur Stärkung. »Ich würde die Herrschaften nicht in diesem Augenblick zurückgehalten haben,« sagte er, ihnen Stühle anbietend, »wenn es nicht in ihrem eigenen Interesse wäre; mein Wunsch ist, Ihnen einen Schreck oder eine unangenehme Überraschung, wenn nicht ganz zu ersparen, so doch zu mildern.«
»Einen Schreck, Herr Oberlandesgerichtsrat,« rief die Baronin aus, »jetzt, wo meine Nerven durch den gräßlichen Prozeß ohnehin erregt sind! Nein, so grausam können Sie nicht sein!«
»Ich hoffe, das Unangenehme dadurch abzuschwächen,« sagteDr.Zeunemann, »daß ich Sie persönlich vorbereite. Ich erhielt heute früh einen Brief Ihres Fräuleins Tochter, in dem sie schreibt, sie habe aus der Zeitung von dem Prozeß erfahren. Sie sei außer sich, protestiere dagegen und verlange, daß ihr Protest veröffentlicht werde.«
»Aber das werden Sie doch nicht tun, Herr Oberlandesgerichtsrat,« rief die Baronin, derdas Blut ins Gesicht stieg. »Sie mag unter der Hand protestieren, so viel sie will, aber das geht doch die Öffentlichkeit nichts an. Als ob der Prozeß nicht schon Skandal genug wäre!«
»Vielleicht ist Ihr Fräulein Tochter aus dem Grunde dagegen gewesen,« meinteDr.Zeunemann, »daß Sie sich damit befassen?«
»Aber, lieber Oberlandesgerichtsrat,« sagte die Baronin, »Sie werden nicht erwarten, daß ich auf die törichten Einwände eines jungen Mädchens, eines Kindes, achte, wenn es sich um so wichtige Entschlüsse handelt. Würden Sie das tun?«
»Jedenfalls,« sagteDr.Zeunemann, »würde ich an Ihrer Stelle jetzt zu verhindern suchen, daß Ihr Fräulein Tochter irgend etwas in Szene setzt. Sie scheint in großer Entrüstung und Erregung zu sein, und zwar zum Teil deshalb, weil Sie, gnädige Frau, den Prozeß in ihrem Interesse angeregt zu haben behaupten.«
»O, die Undankbarkeit der Kinder,« seufzte die Baronin. »Hätte ich all dies Entsetzliche und Skandalöse auf mich genommen, wenn ich esnicht für meine Pflicht gehalten hätte, meiner Tochter die materiellen Vorteile zu erkämpfen, die ihr gebühren? Warum sagst du gar nichts, Botho?« wendete sie sich an ihren Mann. »Ich hoffe, du wirst deine Autorität gegen Mingo in Anwendung bringen.«
»Ich werde versuchen, sie von auffallenden Schritten zurückzuhalten,« sagte der Baron. »Übrigens weißt du ja, liebes Kind, daß Mingo nicht leicht zu beeinflussen ist.«
»Sehr leicht sogar,« entgegnete die Baronin, ihre Nasenflügel dehnend, »man muß nur verstehen, ihr zu imponieren.«
»Dazu ist sie wohl zu sehr an uns gewöhnt,« entgegnete der Baron ruhig, »und zu sehr von uns verwöhnt.«
»Von dir!« berichtigte seine Frau. »Gottlob, daß sie zu weit entfernt ist, um uns wesentliche Unannehmlichkeiten zu bereiten.«
»Der Brief, den ich heute erhielt,« sagteDr.Zeunemann, »trägt den Poststempel Ostende.«
»Ostende!« rief die Baronin, indem sie von ihrem Stuhl aufstand. »Sie ist aus Englandabgereist, ohne uns um Erlaubnis zu fragen! Das darfst du nicht hingehen lassen, Botho!«
»Sie hat die Absicht hierherzukommen,« fuhrDr.Zeunemann fort.
»Ich danke Ihnen, Herr Oberlandesgerichtsrat,« sagte der Baron, sich gleichfalls erhebend, »daß Sie uns in so rücksichtsvoller Weise gewarnt haben. Wir wollen Ihre kostbare Zeit nicht eine Minute länger in Anspruch nehmen!«
Auch die Baronin bedankte sich mit liebenswürdigen Worten und knüpfte die Bitte daran, von den barocken Einfällen ihrer Tochter nichts bekannt werden zu lassen.
In dem großen Vorsaal zu ebener Erde drängte sich das Publikum noch, so daß das Ehepaar nicht so schnell vorwärts kommen konnte, wie es wünschte.
Halb ärgerlich auf ihren Mann, der ihr nicht so oder so die Bahn frei machte, halb beleidigt durch die Menschen, die nicht von selbst vor ihr zurückwichen, stand die Baronin still, als plötzlich etwas sie bewog, den Blick zur Seite zu wenden, und sie ganz in ihrer Nähe dasGesicht eines Mannes sah, der sie, wie es ihr schien, mit zudringlichem Spott betrachtete. Indem sie sich zornig abwendete,[TN1]sah sie eine auffallende Nadel in seiner Krawatte, und es wurde ihr mit einem Male klar, daß der Mann Deruga war.
Ein Gefühl von Schwäche und Übelkeit überkam sie. »Warum gehen wir nicht weiter?« sagte sie heftig zu ihrem Manne, ihn am Arm vorwärts drängend. Er bemerkte ihre Gereiztheit, verdoppelte seine Anstrengungen, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, und brachte sie in wenigen Minuten an das wartende Auto. Mit dem Ausdruck äußerster Erschöpfung warf sie sich in die Ecke des Rücksitzes.
»Hast du Deruga gesehen,« sagte sie zu ihrem Manne, der besorgt nach ihrem Befinden fragte, »und wie frech er mich anstarrte? Es ist unbegreiflich, daß man diesen Menschen frei herumgehen läßt. So schrecklich hatte ich ihn mir nicht vorgestellt.«
»Du hast ihn doch heute nicht zum erstenmal gesehen!« sagte der Baron verwundert.
»Ich erkenne niemand ohne Glas,« sagte sie gereizt, »das weißt du doch. Ich weiß nicht, wie ich mich von diesem Eindruck erholen soll. Ist es nicht unerhört, daß ich schutzlos der Rache dieses Mannes ausgesetzt bin? Ich werde mich keinen Augenblick mehr meines Lebens sicher fühlen.«
Was das anbelangt, meinte der Baron, könne sie ruhig sein; ein Angeklagter oder Verdächtiger sei immer vorsichtig.
»Und gewisse Menschen glauben immer das, was am bequemsten ist,« setzte sie hinzu.
Sie werde selbst ruhiger denken, wenn sie gegessen hätte, prophezeite der Baron gutmütig. Sie sei überhungrig, übermüde und durch die schlechte Luft angegriffen. Dazu sei noch der durch Mingo verursachte Schreck gekommen. Sie solle sich am Nachmittag ausruhen, anstatt sich wieder stundenlang in den dumpfen Gerichtssaal einzusperren und sich widerwärtigen aufregenden Eindrücken auszusetzen. Er sei bereit, hinzugehen und ihr ausführlichen Bericht zu erstatten; ohnehinwürden die nächsten Vernehmungen nichts Neues bringen.
Dies verhielt sich in der Tat so. Frau von Liebenburg, die Inhaberin der Pension im zweiten Hause, erklärte vornehm ablehnend, daß sie nur feines Publikum habe, daß noch nie etwas mit ihren Pensionären vorgekommen sei, daß sie nichts den Prozeß Betreffendes aussagen könne. Sie könne natürlich nicht für jeden einstehen, der bei ihr nach Zimmern frage, und Buch führen könne sie auch nicht über jeden, der käme, aber sie weigere sich entschieden, irgend etwas über die bei ihr verkehrenden Herrschaften zu sagen. Sie bäte dringend, daß die bei ihr wohnenden feinen Herrschaften nicht mit Fragen und Nachforschungen inkommodiert würden, die zu keinem Ergebnis führen könnten.
Nach dieser empfindlichen Dame erschien Frau Rübsamen, die Frau des Komponisten und Musikschriftstellers im zweiten Stock des dritten Hauses, und entschuldigte ihren Mann, der leidend sei und überhaupt viel zu nervös, um als Zeuge auftreten zu können, da schon dieVorstellung, in einen solchen Prozeß verflochten zu sein, ihn in krankhafte Erregung versetzt habe. Er habe nun einmal ein künstlerisches Temperament, man könne mit ihm nicht umgehen wie mit gewöhnlichen Menschen. Er hätte doch auch nichts nützen können, denn sein Gedächtnis sei schwach, und wenn er Anstrengungen mache, um sich zu besinnen, bekäme er nervöse Zustände.
Sie selbst hingegen besänne sich noch wohl auf den 2. Oktober, weil die Ursula sie am Morgen gebeten habe, wenn möglich, ein wenig Rücksicht zu nehmen; Frau Swieter habe eine so schlechte Nacht gehabt und könne vielleicht am Tage ein wenig schlafen. Natürlich nähmen ihr Mann und sie gern Rücksicht. Frau Swieter wäre ja auch eine angenehme Partei gewesen, und ihr Mann habe immer gesagt, er könne sie nicht genug schätzen, weil sie nicht Klavier spielte und auch sonst kein Instrument ausübte; nur die Krankheit sei ihm peinlich gewesen. Die Vorstellung, einen Sterbenden oder Toten im Hause zu haben, sei nämlich ganz unerträglich für ihrenMann. Jetzt wohne eine Familie über ihnen, die turnten alle miteinander morgens und abends, und ihr Mann sage fast täglich, er würde noch so gern auf die arme Frau Swieter Rücksicht nehmen, wenn er nur die Turner nicht über dem Kopfe hätte. Sie hätten also das ihrige getan und den Klavierstimmer fortgeschickt. Es sei ohnehin die Zeit gewesen, wo ihr Mann Mittagsruhe zu halten pflegte.
Eine Stunde später sei dann ein Herr dagewesen, sie hätte ihn aber eigentlich nicht für einen feinen Herrn angesehen. Der hätte gebeten, Herr Rübsamen möchte doch seine Stimme prüfen, ob es der Mühe wert sei, sie ausbilden zu lassen. Sie hätte den Herrn in den Salon geführt und es ihrem Manne gesagt; der hätte gefragt, was für ein Mann es wäre, worauf sie gesagt hätte, ihr käme er vor wie ein Kutscher oder höchstens ein Tapezierer. Solche Leute hörten nämlich oft, daß irgendein armer Teufel durch seine schöne Stimme sein Glück gemacht hätte, und wenn sie dann so recht brüllen könnten, daß die Wände zitterten, bildeten sie sich ein,sie wären für die Kunst geboren. Nun, daraufhin hätte ihr Mann gar keine Lust dazu gehabt, das Prüfen von Stimmen wäre ohnehin ein undankbares Geschäft. Wenn man es den Leuten ausreden wollte, würden sie oft recht grob, und für einen nervösen Mann wie Herrn Rübsamen sei das Gift.
Ihre Aufgabe wäre es denn in solchen Fällen, so einen Menschen mit guter Manier herauszureden, und das hätte sie auch diesmal getan, indem sie gesagt hätte, ihr Mann sei nicht zu Hause, er möchte ein andermal wiederkommen. Sie müsse aber sagen, er hätte sich nie wieder blicken lassen.
Ob sie den Herrn nach seinem Namen gefragt habe, erkundigte sichDr.Zeunemann.
»Nein, nein,« sagte Frau Rübsamen, »ich wollte mich möglichst wenig einlassen. Nun, nach ein paar Jahren heißt er vielleicht schon Mirabilio oder Birbanti.«
»Das führt zu nichts,« sagteDr.Zeunemann leise zu seinem Nachbarn, der hinter der Hand gähnte. »Ich wußte es vorher.«
»Schluß, Schluß,« antwortete der Beisitzer ebenso.
Ob um die Mittagszeit ein Bettler oder Hausierer bei ihr angeläutet habe, fragteDr.Zeunemann noch, unterbrach aber die Zeugin, da sie eine Reihe von Möglichkeiten zu erörtern begann, mit der Aufforderung, nur das mitzuteilen, was sie bestimmt wisse. Etwas Bestimmtes in bezug darauf zu wissen, wies jedoch Frau Rübsamen mit Entschiedenheit von der Hand, worauf die Untersuchung über verdächtige Besucher des Hauses an dem verhängnisvollen Tage einstweilen abgeschlossen wurde.
»Das war schön von Ihnen, daß Sie die Kaution für mich hinterlegt haben,« sagte Deruga zu Peter Hase, indem er ihm die Hand reichte. »Ganz wie Sie, Gentleman durch und durch. Ich bin Ihr ergebener Diener.«
Ein Anflug von Röte färbte das blasse Gesicht des Schriftstellers.
»Man hatte mir fest versprochen, daß mein Name nicht genannt werden sollte,« sagte er, die Augenbrauen zusammenziehend. »Ich verstehe nicht, wie man davon abgehen konnte.«
Deruga lachte.
»Ich habe Ihnen nur eine Falle gestellt, und Sie sind hineingegangen,« sagte er. »Also Sie sind es wirklich. Geben Sie zu, daß ich ein Menschenkenner bin! Wenn ich stillsitzen könnte wie ihr Deutschen, wäre ich vielleicht auch ein Dichter.«
»Ein besserer als ich,« sagte Peter Hase ernsthaft. »Sie verstehen es jedenfalls besser, Ihr Leben zu dichten.«
»Das fällt bei Ihnen wohl eher trocken aus,« meinte Deruga. »Gesellschaftslöwe, reiche Frau, Liebling des Publikums, Geheimrat, etwa noch der persönliche Adel. Etwas schematisch, aber doch ganz behaglich. Wie? Immer in einer so leicht parfümierten Atmosphäre.«
»Ich möchte den Abend mit Ihnen zubringen,« sagte Peter Hase ablenkend. »Wenn Sie nichts Besseres vorhaben?«
»Das wäre Bett und Schlaf,« sagte Deruga. »Beides wundervoll, aber ich kann es immer haben, Sie dagegen vielleicht nur heute. Machen Sie mit, Justizrat?« wendete er sich an seinen Anwalt.
Dieser sagte, er müsse sich nach seiner Familie umsehen, ein halbes Stündchen habe er aber noch Zeit. Er freue sich, sagte er, als sie in dem abgeseilten Raum einer Restauration beim Essen saßen, Peter Hase kennenzulernen. Er sei zwar nur ein einfältiger Fachmensch, habe keine Zeitfür die schöne Literatur übrig, doch sei der Ruf von Hases Namen zu ihm gedrungen. In seiner Jugend habe er sich für einen Kenner und Feinschmecker in den Künsten gehalten, das sei aber wohl jugendliche Selbstüberhebung gewesen.
»Das glaube ich auch,« sagte Deruga. »Ein feines Beefsteak, etwas blutig, am Rost gebraten, darauf verstehen Sie sich besser.«
Der Justizrat lächelte gutmütig. »Nun ja,« sagte er, »das zu studieren hat man auch täglich Gelegenheit, ein gutes Buch ist selten. Und wissen Sie, wahre Geschichten, die würde ich lesen. Dabei kann man etwas lernen. Aber mich von fremder Leute Phantasien an der Nase führen zu lassen, dazu ist mir meine Zeit zu kostbar.«
»Das Leben ist leider im allgemeinen alltäglich und fade,« sagte Peter Hase, »und die Dichtung soll ein schöner, bunter Teppich sein.«
»Ja,« sagte Deruga, »ein purpurnes Meer voller Ungeheuer, Wunder, Kostbarkeiten und Seltenheiten. Grün wie Glas, süß wie Opal, schwarz wie Sturm, unerschöpflich, unergründlich, immer von zauberhaften Geburten gärendund gefräßig nach allem Lebendigen. Aber gerade so ist doch das Leben.«
Peter Hase betrachtete Deruga aufmerksam, in dessen schmalen Augen sich die Vorstellungen zu spiegeln schienen. »Sie sind eben ein Dichter dem Gefühle nach,« sagte er. »Ihr Gefühl macht es so.«
»Und im Grunde ist es alles derselbe gemeine Straßendreck,« sagte Deruga in verändertem Ton.
»Nun, da gehen Sie wieder zu weit,« sagte der Justizrat. »Betrachten wir einmal unseren Prozeß! Sie sind mir gerade originell genug, und die Baronin Truschkowitz ist jedenfalls auch keine gewöhnliche Nummer.«
»Ich hasse diese Art Weiber,« fiel Deruga schnell ein. »Selbstsüchtig, habsüchtig, beschränkt, kalt und ewig nach neuen Sensationen lüstern. Ohne Geld wäre sie eine Dirne.«
»Aber, aber, Verehrtester,« sagte der Justizrat, gelinde scheltend, »da scheinen Sie mir doch ein bißchen parteiisch zu sein.«
»So,« sagte Deruga, sich erhitzend, »finden Sie es anständig, aus Geldgier einen Unbekannten des Mordes zu verdächtigen? Einen Menschen, der ihr nichts zuleide getan hat? Was für eine Gesinnung! Ich sollte eine alternde Frau, die mein Weib war, die Mutter meines einzigen, meines teuren, heiligen Kindes, töten, weil sie mir kein Geld, oder nicht genug Geld geben wollte, womöglich, um ein paar Monate früher in den Besitz ihres Vermögens zu kommen? Ich, das schwöre ich Ihnen, wäre nie auf einen solchen Gedanken gekommen.«
»Herrgott,« sagte der Justizrat, »solche Sachen kommen doch aber vor. Man kann das Leben nicht immer in rosa Beleuchtung sehen. Es sind schon Menschen um ein paar Taler umgebracht worden. Außerdem vergessen Sie oder wollen Sie vergessen, daß die Baronin Ihnen dies Motiv nicht ausdrücklich untergelegt hat, und wenn man Sie für rachsüchtig, hitzig und tollköpfig hält, tut man Ihnen eigentlich nicht so unrecht.«
Deruga stützte den Kopf in die Hand und antwortete nicht.
»Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen zu sagen,« hub Peter Hase nach einer Pause an, »daß ichder Baronin auf ihre Aufforderung hin einen Besuch gemacht habe. Sie machte mir den Eindruck einer Dame.«
»Was für einen Eindruck sollte sie auch sonst machen?« sagte Deruga scharf. »Einer Straßenputzerin oder eines Stallknechtes? Übrigens ist es ja einerlei. Sie will vermutlich mit dem berühmten Schriftsteller kokettieren.«
»Sie kokettiert nicht mehr, als es jede Dame tut,« sagte Peter Hase. »Sogar in einer besonders geschmackvollen, ihrem Alter angemessenen Art und Weise. Es kommt mir eher so vor, als wäre der Wunsch in ihr aufgetaucht, ich sollte ihre Tochter heiraten. Sie sprach mir immer wieder von ihrer Tochter.«
»Nun ja,« sagte Deruga, höhnisch lachend, »Dirne und Kupplerin, das ist ja fast dasselbe. Nur ist es besonders gemein, die eigene Tochter zu verkuppeln. Eine Frau, die die Männer kennen muß. Sie werden mir doch zugeben, meine Herren, wir haben uns alle gehörig im Schlamme gewälzt.«
»Wir sind allerdings nicht so rein wie einMädchen aus guter Familie,« sagte Peter Hase unverändert ruhig und höflich, »aber ich weiß nicht, ob das überhaupt zu wünschen wäre. Die Frauen selbst wünschen es augenscheinlich nicht.«
»Nein, sie lieben augenscheinlich den Schmutz,« sagte Deruga. »Basta, wie denken Sie über die kleine Baronesse?«
»Bevor ich sie gesehen und gesprochen habe,« sagte Peter Hase, »enthalte ich mich jeder Entscheidung. Da ihr Vermögen nicht außerordentlich ist, muß sie ungewöhnliche Qualitäten haben, um für eine Heirat in Betracht zu kommen.«
»Auf mein Vermögen rechnen Sie also nicht,« sagte Deruga. »Das ist anständig und auch sehr verständig. Die Deutschen sind zwar gute Hunde, doch ein italienischer Hirsch, wenn er vielleicht auch nicht so schnell läuft, ist gewandter und läßt sich nicht fangen.«
»Sie sind heute verdrießlich, Deruga,« sagte der Justizrat, indem er aufstand, um sich zu empfehlen, »und in Ihrer Lage wäre ich es vielleicht auch. Was die deutschen Hunde betrifft, so kann ich zwar nicht besonders gut laufen,aber leidlich bellen und beißen, und stelle mich Ihnen in dieser Hinsicht zur Verfügung. Auf Wiedersehen!«
»Gott sei Dank, erst übermorgen,« sagte Deruga, dem ein Versuch, liebenswürdig zu lächeln, mißlang. »Morgen ist Sonntag.«
Er werde doch vielleicht zum Zweck einer kurzen Unterredung vorsprechen, sagte Fein.
»Auch gut,« erwiderte Deruga, »ohnehin ist der Sonntag der Selbstmörderwagen am Zuge des Lebens, Montag ist Totengräber.«
Der Sonntag zeigte sich indessen Deruga unverhofft wohltätig, indem ein Freund seiner Kindheit und Jugend eintraf,Dr.Carlo Gabussi, Landarzt in einem Dorfe oberhalb Belluno, den Zeitungsberichte über den Prozeß veranlaßt hatten, nach München zu kommen, um Deruga allenfalls beizustehen. Die Freunde umarmten und küßten sich wieder und wieder, und es dauerte eine Weile, bis sie ein zusammenhängendes Gespräch zu führen imstande waren.
»Kommst du wirklich meinetwegen, Carlo, lieber Junge?« sagte Deruga. »Das ist doch der Mühe nicht wert, die Reise, die Kosten und alles das.«
»Unsinn,« sagte Gabussi, »ich war froh, Gelegenheit zu einer Reise zu haben. Ich bin ja seit zehn Jahren nicht von meinem gesegneten Dorfe heruntergekommen. Wenn ich aber etwas für dich tun könnte, wäre ich allerdings glücklich.Denke dir von den vielen Opfern, die du mir gebracht hast, einmal etwas wiederzugeben!«
»Ich dir?« lachte Deruga. »Meinst du, daß du monatelang Tag für Tag bei mir saßest, als ich krank im Spital lag?«
»Nun ja,« sagte Gabussi, »du bist zwar nicht mir zuliebe krank geworden, aber ich konnte doch zu dir kommen und brauchte nicht immer zu Hause zu sein, wo es so wenig Unterhaltung für mich gab. Du hörtest mir zu, wenn ich von meiner Angebeteten erzählte, und machtest mir Gedichte für sie.«
Deruga fragte, wie es ihr gehe, und ob sie noch immer nicht geheiratet hätten.
»Nein,« sagte Gabussi mit einem Anflug von Wehmut. »Dadurch, daß meine Mutter bei mir wohnt, und daß meine arme Schwester lahm ist, kann ich nicht gut noch eine Frau unterbringen. Geld verdienen könnte sie auf meinem Dorfe auch nicht, denn eine verheiratete Lehrerin wird nicht angestellt. Aber ich bin ja so glücklich, daß ich meine Mutter noch habe! Sie ist jetzt so leicht, daß ich sie auf einem Arme tragen kann, und ich trage sie jeden Abend ins Bett,obwohl sie sich fürchtet; aber ich kann es nicht lassen, und im Grunde hat sie es auch gern. Natürlich, meine Lisa hat jetzt einige weiße Haare in ihren schönen schwarzen Haaren. Sie sehen mir so aus wie eine Silberspur, die Gottes liebkosende Hand zurückgelassen hat. Kannst du dir das denken? Und wenn ich sie so gut und fröhlich zwischen ihren Schulkindern sehe, dann wird mir wohl das Herz eng, und ich denke: Wenn ihr so unsere Kinder an der Hand hingen! Aber das ist ja selbstsüchtig und unrecht, wenn ich bedenke, wie gut es mir geht, zum Beispiel mit dir verglichen, mein Dodo, mein alter, lieber Junge! Wie konntest du aber nur in solchen höllischen Wirrwarr verwickelt werden! Nein, sprich jetzt nicht davon, wenn du nicht magst! Wir haben Zeit, ich bleibe bei dir, solange du mich brauchst.«
»Die Schweinerei soll mir gesegnet sein,« sagte Deruga, »denn ohne sie hätte ich dich so bald nicht gesehen, Gabussi! Ein bißchen magerer bist du geworden, aber sonst ganz das liebe, alte, ehrbare, erschrockene Gesicht!«
»Aber du bist mein bronzener David nicht mehr,« entgegnete Gabussi. »Du siehst grau aus, das kommt vom Mangel an Luft und Bewegung. Laß uns spazierengehen — oder, noch besser, ich nehme einen Wagen, und du zeigst mir die Stadt und die Umgegend.«
Der Tag war grau und weich, und der offene Wagen fuhr langsam durch die tauenden Straßen, vom Geriesel der Tropfen wie von einem musikalischen Geleit begleitet. Deruga saß behaglich zurückgelehnt und gab Antwort auf die Fragen Gabussis, den die stattlichen Plätze und Gebäude entzückten. In einer stillen Straße, in die der Kutscher, dessen Gutdünken sie die Führung überließen, einlenkte, erkannte Deruga plötzlich ein schmiedeeisernes Tor. Der gepflasterte Weg, der an den Häusern entlang führte, lag verlassen, und das Fliedergebüsch war noch unbelaubt, nur eine Weide spannte keimende Zweige in einem feinen Strahlenbogen hinüber.
»Was ist dir?« fragte Gabussi, seinen Arm in den des Freundes schiebend, der sich aufgerichtet hatte.
»Wir fuhren eben an dem Hause vorüber, wo die arme Marmotte wohnte,« sagte Deruga.
Gabussi schwieg. Erst nach einer langen Pause sagte er: »Du warst doch einmal glücklich, Dodo.«
»Nein, damals nicht,« erwiderte dieser. »Mein Gemüt war zu ruhelos, mein Herz zu empfindlich und mein Verstand zu scharf. Ich glaube, ich müßte ein Gott sein, um mit meinen Gaben glücklich zu sein.«
»Es ist doch aber auch schön, so begabt zu sein, wie du bist,« sagte Gabussi. »Weißt du noch, wie oft unser Religionslehrer zu dir sagte: 'Sigismondo, Verstand hast du, Verstand genug. Aber der Verstand ist ein höllisches Feuer, die Vernunft ist ein göttliches Licht. Und Vernunft hat mancher alte Besenbinder mehr als du.'«
Deruga lachte. »Ja, auf den Verstand war er schlecht zu sprechen,« sagte er. »Und weißt du, wie er dich vor mir warnte und prophezeite, es würde ein Freimaurer und Atheist aus mir werden, wenn ich nicht etwa gar ein Heiliger würde.«
Der Wagen hatte inzwischen die städtischen Anlagen erreicht, und sie sahen einen schnellen,starken Fluß unter den dicken Stämmen alter Weiden und Pappeln durch weite Wiesen fließen. Eine schwere Erinnerung aus naher Vergangenheit vermischte sich in Deruga wunderbar mit den Erinnerungen der Kindheit und stimmte ihn weich und träumerisch.
»Damals, als wir Buben waren,« sagte Gabussi, »da warst du doch glücklich.«
»Wenn ich nicht tief unter dem Glück immer gefühlt hätte, wie häßlich, armselig, falsch und ungerecht alles um mich her war,« sagte Deruga.
»Du, der einen solchen Engel zur Mutter hatte!« rief Gabussi aus. »Und weißt du, wie gern du bei uns warst, und wie du stillhieltest, wenn meine Mutter dich auf die Stirn küßte und 'kleiner Fremdling' nannte? Und wie wir unter dem Dache saßen und unsere Aufgaben lernten und uns vor jedem Schatten fürchteten?«
Als die Freunde von der Fahrt zurückkehrten, war eine wohlige Zufriedenheit über Deruga gekommen.
»Wenn diese dumme Geschichte vorbei ist,« sagte er zu Gabussi, »werde ich ein neues Lebenanfangen. Was meinst du, wenn ich zu dir in die Berge käme?«
»Aber, Dodo,« sagte Gabussi außer sich vor Freude, »das wäre ein Paradies für mich. Und wie würden meine Mutter und meine Schwester sich freuen! Und meine Lisa für mich! Das größte Glück für meine Lisa ist, wenn mir etwas Glückliches begegnet. Zu denken, daß du mich zuzeiten auf meinen Gängen begleitest und wir plaudern und schwatzen und Erinnerungen austauschen wie heute!«
Sie wurden durch ein feines Klopfen unterbrochen, das schon einige Male ungehört in das laute Gespräch geklungen hatte. Als Gabussi zur Tür ging und öffnete, sah er ein kleines, zierliches, blondhaariges Mädchen mit großen, dunkelbraunen Augen, die ihn ängstlich, doch mit Feuer, ansahen.
»Ich wünsche HerrnDr.Deruga zu sprechen,« sagte eine helle, von der Erregung etwas gedämpfte und zitternde Stimme. »Sind Sie es?«
Gabussi schüttelte den Kopf und wies auf seinen Freund, indem er ihn zugleich mit den Augen fragte, ob er gehen solle.
»Nein, bleibe,« bat Deruga, die Hand auf seinen Arm legend; und er fragte das Fräulein, mit wem er die Ehre habe zu sprechen.
»Ich bin Mingo von Truschkowitz,« sagte die kleine Dame, »und komme, um Ihnen zu sagen, daß es mir sehr leid tut, daß meine Mutter den Prozeß gegen Sie angefangen hat, und daß ich nichts, gar nichts damit zu tun habe. Da meine Tante Ihnen das Vermögen vermacht hat, kommt es Ihnen zu. Überhaupt hat meine Mutter nicht das mindeste Recht darauf, da sie sich nie um Frau Swieter bekümmert hat.«
»Armes Kind,« sagte Deruga, »es muß Ihnen schwer geworden sein, so allein zu mir zu kommen. So alt wie Sie würde meine kleine Mingo jetzt auch sein,« setzte er nach einer Pause hinzu, während welcher seine Augen liebevoll auf ihr geruht hatten.
»Dasselbe,« sagte Mingo und zögerte einen Augenblick, »sagte Ihre verstorbene Frau, als sie mich sah.«
»Haben Sie meine Frau einmal besucht?« fragte Deruga. »Wann war es? Erzählen Sie mir davon.«
»Es war vor acht Jahren,« berichtete Mingo. »Ich besuchte sie, weil ich so vieles von ihr gehört hatte, was mich anzog. Bei uns fand ich alles herkömmlich und alltäglich und unbedeutend. Ich liebte mir vorzustellen, daß irgendein Zusammenhang zwischen mir und ihr bestünde, weil ich so heiße wie sie. Sie gefiel mir so gut, sie war mir wie ein geheimnisvolles Märchen; aber sie sagte, ich solle nicht wiederkommen, wenn es ohne Wissen meiner Eltern geschehen mußte. Vielleicht hatte mein Besuch sie auch traurig gemacht, weil ich sie an ihr verlorenes Kind erinnerte.«
»So lebt doch wenigstens ein kleiner Mingo,« sagte Deruga warm. »Nach Ihrer Meinung,« fragte er nach einer Pause, »bin ich also mit Unrecht angeklagt?«
»Nach dem, was Ihre Frau mir damals von Ihnen erzählte,« sagte sie mit Nachdruck, »bin ich überzeugt, daß Sie ihr absichtlich nie etwas zuleide getan haben.«
»Ich habe ihr viel zuleide getan,« sagte Deruga, »aber aus Liebe.«
»Das zählt nicht,« sagte Mingo entschieden und fuhr zögernd fort: »Ihre Frau zeigte mir auch ein Bild von Ihnen.«
»Es scheint aber nicht, daß es ähnlich war,« sagte Deruga lachend, »oder ich habe mich seitdem sehr verändert.«
»Nicht so sehr, wie es mir zuerst schien,« sagte sie.
Gabussi beteuerte, daß sein Freund sich nur zu seinem Vorteil verändert habe, und forderte das kleine Fräulein dringend auf, dies Urteil zu bestätigen.
»Das weiß ich nicht,« sagte sie, tief errötend, »aber wie ein alter Mann sieht Herr Deruga nicht aus.«
»Ihnen gegenüber bin ich sehr alt und weise,« sagte Deruga gütig, »und vermöge dieser Weisheit gebe ich Ihnen den Rat: Entzweien Sie sich meinetwegen nicht mit Ihrer Mutter, wenn sie mir auch unrecht tut! Ein Kind schuldet seiner Mutter zu viel, um ihr jemals zum Gläubiger werden zu können. Sprechen Sie es aus, wenn Sie anderer Meinung als sie sind, abernicht ohne den Ton zärtlicher Liebe! Versprechen Sie mir das?«
Er streckte ihr die Hand hin, in die Mingo völlig überwunden ihre kleine legte.
Carlo Gabussi umarmte, als das Fräulein gegangen war, seinen Freund mit Begeisterung, lobte die Kleine und erkundigte sich nach der Mutter, die eine Teufelin sein müsse.
»Wenn sie das noch wäre,« sagte Deruga. »Sie ist nur eine glatte, hohle, genußsüchtige Frau, zu oberflächlich selbst, um lasterhaft zu sein. Ein Bild unserer Gesellschaft, wo die großen Räuber geehrt und die kleinen gehangen werden. Äußerlich ist sie nicht unangenehm.«
»Und warum haßt sie dich so?« fragte Gabussi.
»Weil ich das Geld bekommen habe, worüber sie bereits zu ihren Gunsten verfügt hatte,« sagte Deruga. »Übrigens scheine ich ihr gar nicht zu mißfallen.«
»Wie meinst du das?« fragte Gabussi. »Hast du denn mit ihr gesprochen?«
»Bis jetzt nur durch die Augen,« sagte Deruga. »Aber ich verstehe mich ja gut auf Weiber.Wenn ich darauf einginge, wäre sie sehr geneigt, eine Liebelei mit mir anzufangen.«
»Aber, Dodo,« rief Gabussi entrüstet aus, »das ist ja eine abscheuliche Entartung! Mit einem Manne kokettieren, den man ins Zuchthaus oder etwa gar auf das Schafott zu bringen im Begriffe ist. Ich verstehe solche Sachen nicht. Könnte ich dich nur aus den Weibergeschichten herauswickeln, die die letzte Ursache deines Unglücks sind! Du solltest wieder heiraten, eine einfache, brave, liebe Frau, und dann zu mir hinauf in die Berge kommen. Was hast du von dieser heillosen Schlamperei? Luft, Licht, Sauberkeit, das sind die wichtigsten Verordnungen der modernen Gesundheitslehre.«
»Für gesunde Seelen ausgezeichnet,« sagte Deruga. »Aber Kranke brauchen warmen Dreck und mollige Fäulnis.«
»Unsinn,« sagte Gabussi in großer Erregung, »der Satz ist Unsinn, und die Voraussetzung, daß du krank bist, auch. Du bist nur bequem und zu gutmütig. Versprich mir, daß du nichts Neues anzettelst! Auch nicht aus Mitleid.Schließlich geraten die Frauen durch die Liebe nur noch tiefer in den Sumpf. Und versprich mir, sollte diese Baronin wirklich mit dir kokettieren wollen, daß du ihr die verdiente Abfertigung zuteil werden läßt!«
Deruga wollte sich ausschütten vor Lachen über seinen Freund, der, mit den langen Armen gestikulierend, wie ein Bußprediger vor ihm stand. »Ich habe höchstens Lust,« sagte er endlich, als er wieder sprechen konnte, »sie noch mehr zu reizen, um sie hernach desto empfindlicher kränken und beschämen zu können. Ich verabscheue diese Person.«
»Ach, Dodo!« seufzte Gabussi, »das ist schlüpfrig und gefährlich. Laß sie doch gehen, wenn du sie verabscheust! Tu es um der entzückenden Kleinen willen, wenn du es nicht aus Selbstachtung tust!«
In Derugas Gesicht kam ein weicher Ausdruck. »Kleine Mingo,« sagte er. »Ihr möchte ich wirklich nichts zuleide tun.«
»Siehst du,« sagte Gabussi eifrig. »Es war ein Unglück, daß du deine Tochter verlierenmußtest. An ihrer Hand wärest du gewiß nur reine, schöne Wege gegangen.«
»Oder ich hätte sie mit mir in den Schlamm gezogen,« sagte Deruga, plötzlich verdüstert.
»Mensch, führe nicht so verzweifelte Reden!« schalt Gabussi, »sonst könnte sogar ich an dir irre werden.«
Deruga umarmte und küßte seinen Freund. »Immer der alte,« lachte er. »Hast du vergessen, daß man mich nicht so ernst nehmen muß? Ich bin kein am Spalier gezogener Pfirsich. Man kann meine Worte nicht so ohne weiteres genießen, es muß erst etwas Schmutz herausgekocht und abgeschäumt werden. Hast du das vergessen?«
Auch Gabussi lachte nun. »Du hast recht, ich bin ein schwerfälliger Dummkopf,« sagte er. »Es ist kein Wunder, wenn dich in deiner unglücklichen Lage manchmal tolle Launen überkommen. Der muß vor allen Dingen ein Ende gemacht werden.«
Der Justizrat, den er befragte, sprach sich ziemlich hoffnungsvoll aus. Deruga habe zwarnicht durchaus einen guten Eindruck gemacht, und es bleibe zu vieles im Dunkeln, als daß jeder Verdacht aufgehoben würde, aber die vorhandenen Indizien genügten seiner Ansicht nach durchaus nicht, daß gewissenhafte Geschworene daraufhin ein Schuldig aussprechen könnten. Gabussis freundschaftliche Gefühle waren davon nicht befriedigt; er bestand darauf, als Zeuge aufzutreten, damit die Menschen Deruga mit seinen Augen, das heißt, wie er wirklich wäre, sähen und ihn freisprächen, nicht, weil er nicht überführt werden könnte, sondern von seiner Schuldlosigkeit überzeugt.
»Sie sind mit Vorurteilen an dich herangetreten,« sagte er. »Sie haben nur einen Ausschnitt von dir kennengelernt. Könnte man ein Gemälde richtig beurteilen, wenn man nur ein millimetergroßes Stückchen davon betrachtet? Ich will ihnen von deiner Kindheit und deinen Jugendjahren erzählen, so wie du bist, ohne Übertreibung und künstliche Beleuchtung. Das ist eine induktive Methode, die den wissenschaftlichen Deutschen zusagen muß.«
Gabussis Erscheinung machte einen günstigen Eindruck. Man fand, daß seine ehrlichen braunen Augen, sein schlichtes Auftreten und freimütiges Reden eines Deutschen würdig wären. Da er ein paar Semester in Wien studiert hatte, sprach er ziemlich gut Deutsch, wenn er langsam und vorsichtig vorging. Er sei, erzählte er, mit dem Angeklagten seit früher Kindheit bekannt, sie hätten dieselbe Schule und später dasselbe Gymnasium besucht. Dodo, wie er genannt wurde, sei in seinem, Gabussis, elterlichen Hause gern gesehen worden. Man habe bewundert, wie viel er geleistet, unter wie schwierigen Verhältnissen er sich durchgearbeitet habe.
»Worin bestanden die schwierigen Verhältnisse?« fragte der Vorsitzende.
»Seine Familienverhältnisse waren ungünstig,« erklärte Gabussi. »Er wurde zu Hause viel beschäftigt, so daß er oft die Nacht zu Hilfe nehmen mußte, um mit den Schularbeiten fertig zu werden.«
»Wie kam das?« fragte der Vorsitzende, »was war sein Vater?«
»Sein Vater war damals Obstverkäufer,« antwortete Gabussi. »Er hatte ein kleines Gewölbe hinter dem alten Rathause.«
»So,« sagte der Vorsitzende, in den Akten blätternd. »Nach Derugas Angabe war sein Vater Kaufmann.«
»Nun ja,« sagte Gabussi, »ein Obstverkäufer ist doch ein Kaufmann.«
»Übrigens,« setzte er hinzu, indem er einen beunruhigten Blick auf seinen Freund warf, »hat er nicht immer dieselbe Beschäftigung gehabt. Er war ein guter, aber ruheloser Mann.«
Der Vorsitzende bat den Zeugen, Derugas Vater etwas ausführlicher zu charakterisieren.
Er habe ihn zu wenig gesehen und gesprochen, um ein maßgebendes Urteil fällen zu können, sagte Gabussi. Wenn er dagewesen wäre, habe er meist schwermütig und ohne Anteil zu nehmen in einem Winkel gesessen, nur selten einmal sei er mutwillig gewesen und habe dann laut gelacht und gescherzt.
»Er war also nicht immer da?« sagteDr.Zeunemann.
»Nein,« sagte Gabussi, »er bekam zuweilen einen Anfall, der ihn zwang, die Familie zu verlassen und sich irgendwo herumzutreiben. Er blieb dann oft wochenlang, ja monatelang aus.«
»Trank er?« fragte der Vorsitzende.
»O nicht besonders viel,« sagte Gabussi; »er war nur sehr eigentümlich. Er bekam von Zeit zu Zeit eine unwiderstehliche Sehnsucht, etwas zu erleben, einen Drang nach Abenteuern. Für das Familienleben war er nicht geschaffen, und das war für seine Frau und seine Kinder ein Unglück. Glücklicherweise war seine Frau ein Engel, einfach ein Engel, und Dodo, der älteste Sohn, nicht weniger. Er war ihr Ebenbild innen und außen.«
»Es waren also noch mehr Geschwister da?« schaltete der Vorsitzende ein. »Was ist aus ihnen geworden?«
»O nichts besonders Gutes,« sagte Gabussi zögernd. »Sie haben des Vaters unglückliche Sucht nach Abenteuern geerbt.«
»Und der Älteste hatte nichts davon?« fragteDr.Zeunemann.
»Im Gegenteil,« sagte Gabussi mit Feuer. »Er war schon als Kind die Stütze seiner Mutter. Er pflegte die kleinen Geschwister, er half in der Küche, im Hause und im Geschäft, und sang dazu wie eine Lerche. Auch seine Mutter war stets heiter und von Dank gegen Gott erfüllt, daß er ihr einen solchen Sohn gegeben hatte. 'Den holdseligsten seiner Engel hat er mir geschickt,' pflegte sie zu sagen, 'so daß ich schon auf Erden in der himmlischen Seligkeit bin.' Verursachte es ihr Kummer, daß er so angestrengt arbeiten mußte, tröstete sie sich dadurch, daß Gott seinem Liebling die Kraft geben werde. Während er nachts seine Schularbeiten machte oder später den Studien oblag, saß sie neben ihm und nähte oder flickte. So lebten sie in Wahrheit im Paradies, solange der Vater fort war.«
»Mißhandelte er Frau und Kinder?« fragte der Vorsitzende.
»Darüber kann ich nicht viel sagen,« antwortete Gabussi, indem er wieder einen beunruhigten Blick nach seinem Freunde warf, »denn weder Dodo noch seine Mutter äußerten sichdarüber. Nach ihrem Tode gab es allerdings zuweilen Auftritte zwischen Vater und Sohn; denn die Arme hatte ihn stets etwas in Schranken gehalten.«
»Geschäft und Haushalt kamen vermutlich herunter?« fragte der Vorsitzende.
»Mein Freund tat, was möglich war,« erzählte Gabussi. »Er war Vater und Mutter für seine unerwachsenen Geschwister, obwohl er damals selbst ein zarter Jüngling war. Er fuhr sogar zuweilen abends, wenn es dunkelte, Waren auf seinem Karren in die Häuser. Der Vater wurde allerdings mehr und mehr unzurechnungsfähig. Namentlich reizte er selbst die jüngeren Kinder zu Unarten und bösen Streichen. Er würde unermeßliches Unheil angerichtet haben, wenn er sich nicht vor Dodo gefürchtet hätte.«
»War er hinfällig und gebrechlich geworden?« fragte der Vorsitzende.
»Durchaus nicht,« sagte Gabussi lebhaft, »er war ein großer, muskulöser Mann, viel stärker als Dodo. Aber im Zorne schienen sich DodosKräfte zu verhundertfachen. Seine arme Mutter würde gesagt haben, daß Gott ihn mit seinem Atem erfüllte, um seinen Liebling zu schützen. Ich habe seinen Vater vor ihm davonschleichen sehen wie einen Hund, der weiß, daß er Prügel verdient.«
Langsam richtete sich der Justizrat zu seiner vollen Höhe auf. »Meine Herren,« sagte er, »ich glaube zu wissen, was viele von Ihnen jetzt denken: Da sehen wir wieder das unbezähmbare, gefährliche Temperament dieses Menschen! Wer sich an seinem Vater vergreift, warum sollte der sich nicht an seiner Frau vergreifen — und so weiter. Ich, meine Herren, habe im Gegenteil gedacht: Wieder bricht diese beinahe krankhafte Heftigkeit hervor, wenn es sich darum handelt, Böses zu verhüten oder zu bestrafen. Wir haben in Deruga einen ungewöhnlich reizbaren Menschen, aber was ihn reizt, ist das Schlechte, Häßliche, Unharmonische. Daß er sich aus selbstsüchtigen Gründen an jemandem vergriffen oder jemandem unrecht getan habe, dafür liegt bis jetzt kein Beispiel vor.«
»Eifersucht ist denn doch wohl Selbstsucht,« entgegnete der Staatsanwalt, »besonders wenn keine Ursache dazu gegeben wird. Auch geht es nicht an, besonders bei Menschen, die krankhaft veranlagt sind, oder, richtiger ausgedrückt, die sich nicht im Gleichgewicht befinden, das reifere und höhere Alter der Kindheit und Jugend gleichzustellen. Wir sehen bei dem Vater des Angeklagten, wie seine verhängnisvollen Anlagen mit dem Alter mehr hervortreten, und wie verderblich ihm das Wegfallen der Hemmung wurde, die die Gegenwart seiner frommen Frau für ihn bedeutete. Etwas Ähnliches liegt bei dem Angeklagten vor: Mit der Trennung von seiner durchaus anständigen, guten Frau beginnt sein Fall.«
»Sein Fall!« sagte der Justizrat gelassen, »da muß ich protestieren, oder den Ausdruck dahin präzisieren, daß es sich um ein Abweichen von der herkömmlichen, ausgetretenen Laufbahn handelt. Es ist allerdings bei Deruga eine gewisse Vernachlässigung der äußeren Stellung, äußerer Würden, äußerer Ehren eingetreten.Damit braucht aber der Verfall des sittlichen Menschen nicht Hand in Hand zu gehen. Es kann sogar eine größere Verinnerlichung damit zusammenhängen. Als Staatsangehöriger bin ich allerdings für die bürgerliche Ordnung. Wir dürfen aber doch nicht vergessen, daß auch der Staat und jede von Menschen geschaffene Form von Kräften lebt, die ihm von außen, sagen wir meinetwegen aus dem Chaos, zuströmen.«
Ein ironisches Lächeln verzerrte das Gesicht des Staatsanwalts. »Das ist Philosophie,« sagte er, »und mit Philosophie läßt man sich auch die Notwendigkeit von Massenmördern und Giftmischern beweisen. Wir dagegen haben es ganz schlechtweg und einfältig mit strafbaren Handlungen zu tun. Christus durfte sich erlauben, die Zöllner und Sünder zu lieben, wir müssen uns bescheiden, sie zu strafen.«
Der Vorsitzende machte die Handbewegung, mit der man Kreidestriche von einer Tafel löscht. »Das führt zu weit,« sagte er, und dann zum Zeugen gewendet: »Haben Sie selbst jemals Auftritte mit Ihrem Freunde gehabt?«
»Ich? Niemals, niemals!« sagte Gabussi lebhaft, »und doch ist gewiß nicht leicht mit mir auszukommen. Mein phlegmatisches Temperament, das mir die Natur nun einmal gegeben hat, muß eine feurige Natur, wie mein Freund ist, schon an sich reizen. Meine Langsamkeit im Auffassen hätte ihn oft ungeduldig machen können. Anstatt dessen war er stets opferwillig und hilfsbereit.«
»Ein Engel,« setzte der Staatsanwalt grinsend hinzu.
»Hatte der Angeklagte noch viele Freunde außer Ihnen?« fragteDr.Zeunemann.
»Er stand mit fast allen gut,« sagte Gabussi, »aber befreundet war er nur mit mir. Ich bin überzeugt, daß kein einziger sein Inneres so gut kannte wie ich.«
»Das ist eigentlich sonderbar,« meinte der Vorsitzende, »bei einem Menschen, dessen feuriges, geselliges Temperament Sie selbst hervorheben.«
»Ja, so möchte man denken,« sagte Gabussi, »und wenn man ihn unter seinen Schulgefährtenund später unter seinen Studiengenossen sah, so mußte man meinen, er sei mit allen verbrüdert. Ich erinnere mich, daß ich mich zuerst nicht an ihn heranwagte, weil ich dachte, ich mit meiner Schwerfälligkeit könne ihm nichts sein, der von so vielen wie von einer Familie umringt war. Aber diese Umgänglichkeit, die er an sich hatte, und die jeden anzog, war nur der Schleier, in den er seine Seele hüllte, um sie unzugänglich zu machen. Niemand ist schwerer zu kennen, als er, der das Herz auf der Zunge zu haben scheint. Es gibt zurückhaltende Menschen, die durch Schweigsamkeit oder unnahbares Wesen die anderen von sich abwehren. Das war seine Art nicht. Er richtete durch Gesprächigkeit und Vertraulichkeit eine Mauer um sich auf.«
In dem Maße, wie Gabussi eifriger wurde, um dem Präsidenten seines Freundes Eigenart zu erklären, wuchs das verständnisvolle Interesse des Vorsitzenden. »Ich begreife Sie, ich begreife Sie,« sagte er, »das kommt bei leidenschaftlichen, übermäßig reizbaren Naturen vor. Sie müssen immer auf der Hut sein, daßsie nicht zu viel von sich verausgaben, und schaffen doch ihrer Lebhaftigkeit einen gewissen Ausweg.«
»Ja, ja, so ist es,« bestätigte Gabussi. »Er war im Grunde weich und leicht verletzlich, schämte sich, das den anderen zu zeigen, die so viel gleichgültiger und härter waren, und verhüllte sich auf seine Art. Er war kein Tier, das zu seinem Schutze Stacheln oder Schuppen hervorbringt, er konnte nur bunte Fäden spinnen und mit solchem Blendwerk sich unkenntlich machen. Das bewahrte ihn wohl vor der allzunahen Berührung wesensfremder Menschen, nicht aber vor allen schmerzhaften Zusammenstößen mit der Außenwelt, die sein Herz bluten machten. Ach, was für eine Tragik, daß er so oft beschuldigt wurde, anderen Leid zugefügt zu haben, der immerfort durch andere litt!«
»Sehr interessant,« sagteDr.Zeunemann. »Aber worunter litt er denn so sehr? Nun ja, unter seinem Vater. Dafür hatte er doch aber eine gute, liebevolle Mutter, er hatte Sie und den Verkehr mit Ihrer Familie.«
»Seine Mutter liebte er allerdings unendlich,« erklärte Gabussi, »und durch sie litt er gewiß nicht, wohl aber durch die Lage, in der er sie sah. Seine Seele fühlte sich nie heimisch in der Umgebung, in die sie gepflanzt war. Er hatte einen lebhaften Schönheitssinn, und alles Geschmacklose, sowohl an den Gegenständen wie an den Menschen, stieß ihn ab. Da er in ärmlichen oder wenigstens sehr beschränkten Verhältnissen geboren war und aufwuchs, kam es mir immer wunderbar vor, daß er gegen alles Kleinliche und Häßliche, und was sie mitbringen, so überaus empfindlich war. Ich selbst habe das erst allmählich verstehen lernen, anfangs klangen mir seine darauf bezüglichen Klagen wie Dichtungen in arabischer oder persischer Sprache. Es bildete oft den Gegenstand unseres Gesprächs und war ein Punkt, wo wir nie zusammenkamen. Da ich ihn nicht begriff, war ich oft ungerecht gegen ihn, wenn er zum Beispiel Reichtum als das Allererstrebenswerteste hinstellte. Ich predigte dann wie ein rechter Moralphilosoph auf ihn ein, vielmehr an ihm vorüber. Denn von denBedürfnissen, die ihn Reichtum ersehnen ließen, hatte ich keine Ahnung. Meine einfachere, derbere Seele fand sich in jeder Umgebung zurecht, sie ist gewissermaßen ein Naturlaut, und wenn man sie nur nicht in einen glänzenden Salon versetzt, so kann sie harmonisch einstimmen. Mit einer reichen Symphonie ist es anders. Mein Freund brauchte Schönheit um sich herum, in der sich die unendlich vielen, daher oft einander widerstrebenden Töne auflösten.«
»Hier ist also doch ein Punkt, wo Sie voneinander abwichen,« sagteDr.Zeunemann.
»Allerdings,« gab Gabussi zu, »aber über freundschaftliche Meinungsverschiedenheit ging das nie hinaus. Wir ließen uns beide gelten, und er beneidete mich wohl sogar manchmal, weil ich so viel leichter zufriedenzustellen bin.«
»Es wundert mich,« fuhrDr.Zeunemann gemütlich fort, »daß Ihr Freund bei seinem leichtverletzlichen Schönheitssinn das Studium der Medizin ergriff, bei dem es so viel Abstoßendes zu überwinden gibt.«
»O,« sagte Gabussi, »da kam ihm wieder seineHilfsbereitschaft und Liebe für alle Kranken und Leidenden zugute. Er hatte insofern eine geradezu geniale Begabung für seinen Beruf. Dazu kam, daß er auf diesem Wege am ehesten zu Gelde zu kommen dachte, was sowohl wegen seiner Familie wünschenswert war, wie er es auch aus den erwähnten Rücksichten für sich erstrebte.«
»Und woran liegt es denn Ihrer Ansicht nach,« fragte der Vorsitzende, »daß es ihm damit doch nicht geglückt ist?«
»Jedenfalls nicht daran,« sagte Gabussi, »daß er untüchtig gewesen wäre. Aber ich sagte schon, daß seine Seele reich und vielstimmig war. Er sehnte sich nach Geld und verachtete es andererseits; er warf zwei Hände voll weg für eine Handvoll, die er eingenommen hatte. Er arbeitete flink und gut; aber er träumte noch besser. Er war geboren mit allen Tugenden, Reichtum auf edle Art zu genießen, mit keiner von denen, die Reichtum machen. Beim Reichwerden kommt es ebensosehr wie auf die Fähigkeit des Erwerbens auf die des Festhaltens an, und die hatte er nicht. Es war jener tragische Zwiespaltin ihm, der meiner Ansicht nach nur dadurch auszugleichen ist, daß man die Nichtigkeit des Reichtums einsieht und alles dessen, was der Reichtum verschafft. Auch der Ärmste kann Schönheit im Überfluß genießen, wenn er sich in die Natur zurückzieht. Es war der einzige Fehler, den Deruga beging, daß er das nicht von Anfang an getan hat. In der großen Welt konnten die Konflikte seiner Seele keine Lösung finden.«
»Wir haben Ihnen ein sehr feines Bild Ihres Freundes zu verdanken,« sagteDr.Zeunemann freundlich. »Nicht minder brauchbar, weil von Freundeshand entworfen.« Dann schloß er das Verhör ab, nachdem er noch einige belanglose Fragen gestellt hatte.
Als der Justizrat mit den beiden Freunden das Haus verließ, war die Zeit des Feierabends. Die Straßen füllten sich mit Menschen, aber in den Anlagen hinter dem Gerichtsgebäude war es still wie immer. Mit dem Lichte schienen die Gegenstände ihr buntes Kleid abgeworfen zuhaben und in sanft schimmernder Nacktheit am Ufer der unendlichen Nacht zu feiern, bevor sie in das tiefe Bad hinuntertauchten. Gabussi erklärte sich mit dem Ergebnis seiner Aussagen nicht ganz zufrieden. Es sei alles anders herausgekommen, sagte er, als er beabsichtigt hatte. Man werde da, ohne zu wissen wie, von einer Strömung ergriffen, die einen von der eingeschlagenen Richtung abbrächte.
»Was du sagtest, war alles schön und gut,« tröstete Deruga. »Es kam mir nur überflüssig vor, wie wenn man einem Deutschen einen feinen Mailänder Risotto vorsetzt, der doch nur die Nase dazu rümpft und nach seinen Kartoffeln verlangt. Was macht das aber? Für mich war es schön, mit dir von der Vergangenheit zu träumen.«
»Ja,« sagte der Justizrat, »das vergangene Leiden dient, wie Shakespeare sagt, zu desto süßerem Geschwätz.«
»Während umgekehrt nichts weher tut, wie unser Dante sagt, als sich im Unglück vergangenen Glückes zu erinnern,« fügte Gabussi hinzu.
Bei dem Abhange, wo jetzt ein erstes Schneeglöckchen die gelbliche Spitze herausstreckte, blieb Deruga stehen.
»Da ist eins von den kleinen Geschöpfen,« sagte er, »es guckt wie eine Maus aus ihrem Loch hervor.«
»Sehen Sie,« triumphierte der Justizrat. »Sie lachten mich damals aus, als ich ihm die trockenen Blätter vom Kopf wegstocherte.«
»Sie hatten auch unrecht,« entgegnete Deruga, »denn nun holt es wahrscheinlich die Katze.«
»Meinen Sie den Nachtfrost?« fragte der Justizrat. »Diese frühen Pflanzen können viel vertragen, sie sind darauf eingerichtet. Hören Sie, mein Lieber,« setzte er hinzu, indem er seinen Klienten fortzuziehen suchte, »Sie werden sentimental, das gefällt mir nicht.«
Deruga rührte sich nicht von der Stelle und starrte versunken auf die feuchte Erde. Eine Zeile aus einem alten Gedicht lag ihm im Sinn, und er führte sie an, als er sich darauf besonnen hatte:
»La doglia mia cresoe coll' ombra.«
»Das klingt wie ein Ton von einer Amati,« sagte der Justizrat, die Musik des Verses mit sichtlichem Genusse schlürfend. »Was heißt das?«
»Mein Weh wächst mit den Schatten,« übersetzte Deruga. »Das will also sagen, mit der wiederaufgehenden Sonne verschwindet es und bedeutet nicht mehr als eine Abendstimmung.« Er schüttelte sich, als werfe er die trübe Laune von sich, und wandte sich rasch dem Ausgange zu.
»Wenn du erst bei mir in meinem Bergdorfe bist,« sagte Gabussi, »werden dich solche Stimmungen bald ganz verlassen. Das ist der Kohlenstaub der großen Stadt, den der reine Himmel der Höhen verzehrt.«
»Ob mir diese Luft wirklich so gut anschlagen würde, wie du meinst?« sagte Deruga. »Ich bin nun einmal kein Bauer.«
»Du wirst einer werden,« rief Gabussi lebhaft aus. »Wenn du erst gelernt hast, dich für nichts als unsere paar Kühe und Ziegen zu interessieren, dann wirst du gesund sein.« Er forderte den Justizrat zur Bestätigung seiner Meinung auf.
»Ein bißchen zu verbauern, täte Ihnen gewiß gut,« sagte dieser vorsichtig.