»Sie meinen,« sagte Deruga, »wenn man den verzwickten Kerl in seine Bestandteile auflösen und einen ganz neuen daraus machen könnte, dann wäre ihm allenfalls geholfen.«
Der Justizrat lachte.
»Aber wenn man den alten Deruga gar nicht mehr herauskennte,« meinte er, »das wäre doch schade.«
Als Gabussi mit Deruga allein auf seinem Zimmer war, fuhr er fort, ihm das Leben auf seinem Dorfe auszumalen. Deruga könne ihn auf seinen Gängen begleiten, er verstehe ja mit einfachen Leuten umzugehen und werde bald der Gott der ganzen Gegend sein. Übrigens würden seine Frauen genug mit ihm zu schwatzen haben, und wenn er außerdem noch eine Beschäftigung haben müsse, so könne er ja diese oder jene medizinische Frage bearbeiten. Auch zu handwerklicher Beschäftigung gebe es Gelegenheit. Die Leute dort oben wären um mehr als hundert Jahre zurück, hätten Werkzeugeaus der Urwelt. Da wäre ein Feld für seine Erfindungsgabe und Geschicklichkeit.
»Ach,« sagte Deruga, »wie wenig du mich kennst! Begreifst du nicht, daß ich mich nach acht Tagen langweilen und nach vierzehn Tagen dich oder mich umbringen würde?«
»Langweilen?« wiederholte Gabussi erstaunt, seine großen Augen noch weiter öffnend. »Langweilst du dich denn in der Stadt?«
»Nein, hier geht es an,« sagte Deruga, »dies Gewimmel von Würmern auf der Fäulnis unterhält mich. Ich verabscheue es, aber ich gebrauche es. Es ist die Form des Lebens, die ich aufnehmen kann. Deine Berge wirken wie nasse Knödel auf meinen Magen.«
»Ich verstehe dich nicht,« sagte Gabussi, sich ereifernd, »das kann dein Ernst nicht sein. Einem guten Menschen muß das Große und Einfache wohl tun.«
»Ach, Gabussi,« erwiderte Deruga ungeduldig, »der Mensch ist kein Dreieck, worauf man den Pythagoräischen Lehrsatz anwenden kann. Glaube mir, daß ich schließlich deine gute, alteSchwester verführen würde, nur um die klare Atmosphäre ein bißchen zu trüben!«
»Dodo, wenn deine arme Mutter dich so reden hörte!« klagte Gabussi. »Es sind nur Reden, nur Worte; doch die Worte schon zerreißen mir das Herz.«
Die Unterredung setzte sich bis tief in die Nacht fort, ohne daß die Freunde zu einem Verständnis gekommen wären. Gabussi bestand darauf, in München zu bleiben, bis der Prozeß beendigt wäre, und dann, falls er nach Wunsch erledigt wäre, Deruga sofort mitzunehmen, wogegen dieser eine stets wachsende Abneigung ausdrückte. Vielmehr redete er Gabussi zu, ohne Zeitverlust abzureisen, da er zu Hause von Mutter und Schwester und von seinen Kranken ungeduldig erwartet würde, hier aber jetzt nichts nützen könne. Gabussi gab endlich nach, aber er war traurig und enttäuscht.
Im Augenblick der Trennung umarmte Deruga ihn mit der alten Herzlichkeit und mit Tränen in den Augen. »Vergiß das verzweifelte Zeug, das ich geredet habe,« sagte er, »und glaube nurdas eine, daß mein Herz immer dasselbe ist. Und wenn dich morgen der Schlag trifft und zu einem schlottrigen Idioten machte, der seinen Mund nicht mehr finden kann, so würde ich dich zu mir nehmen und dich eigenhändig füttern, solange du lebtest. Dasselbe laß mich von dir glauben! Was für ein Strudel von Dreck wäre das Leben, wenn es nicht unwandelbare Herzen gäbe!«
»Gott sei Dank,« sagte Gabussi, dessen große braune Augen glänzten, »ich glaube, ich hätte dem Himmel über meinem Kopfe mißtraut, wenn ich den Glauben an dich verlieren müßte!«
Die Baronin saß mit ihrer Tochter vor dem mit Gas geheizten Kamin und betrachtete ihre auf das Gitter gestützten schmalen Füße, während sie sagte:
»Was meinst du, Mingo, wenn ich dir die Erlaubnis zum Studieren gäbe?«
Mingo stand im Rücken ihrer Mutter am Fensterrand und starrte auf das nach einem raschen, starken Frühlingsregen schwarzblanke Pflaster, in dem die eben angezündeten Lichter sich spiegelten. Ihre Stimme klang schwach und müde zu der Fragenden hinüber, wie sie die Gegenfrage stellte: »Hast du denn die Absicht, es mir zu erlauben?«
»Ich habe gedacht,« antwortete die Baronin, »daß ich es doch nie übers Herz bringen werde, dich zu einer dir unsympathischen Heirat zu zwingen, und daß also daran gedacht werdenmuß, was aus dir werden soll, wenn du spät oder gar nicht heiratest. Glaubst du denn, daß das Studium dich glücklich machen wird?«
»Glücklich?« sagte die schwache Stimme vom Fenster her. »Ach, Mama! Aber es wird mich doch auf eine interessante und nützliche Art beschäftigen.«
»Früher,« sagte die Baronin erstaunt und fast ein wenig unwillig, »als du mich mit diesem Wunsche so sehr quältest, tatest du, als ob deine Seligkeit davon abhinge.«
Mingo trat vom Fenster weg und kauerte sich in einen Sessel, den sie neben den ihrer Mutter gerückt hatte.
»Ob wohl alle Wünsche verblassen?« sagte sie, »wenn sie ihrer Verwirklichung nahekommen? Aber, Mama, vielleicht kann ich mich nur heute abend nicht so recht freuen, weil ich müde bin. Wenn du mir jetzt die Erlaubnis mit ins Bett gibst, werde ich morgen früh ganz glücklich damit erwachen.«
Die Baronin warf einen nachdenklichen, freundlichen Blick auf ihre Tochter.
»Nein, geh' noch nicht zu Bett, Kleines,« sagte sie. »Ich finde es so hübsch, mit dir allein zu plaudern. Weißt du, das Heiraten steht dir ja immer noch frei, aber es ist lange nicht so unterhaltend, wie du es dir jetzt wohl vorstellst, besonders wenn man nur um des Geldes willen heiratet.«
»Hast du Papa um des Geldes willen geheiratet?« fragte Mingo.
»Nun, nicht in dem Sinne, daß er mir ohne Geld unannehmbar gewesen wäre,« sagte die Baronin, »im Gegenteil, er gefiel mir gut und zog mich an. Nur hätte das vielleicht nicht zu einer Heirat geführt, wenn er nicht so vermögend gewesen wäre.«
»Gefiel er dir später nicht mehr so gut?« fragte Mingo zaghaft.
»O, gefallen,« sagte die Baronin, »muß er einem doch. Er ist so außerordentlich vornehm, nie aufdringlich, nie geschmacklos. Nur langweilig ist er, kannst du dir das denken?«
»Ja,« nickte Mingo, »ich kann es mir vorstellen. Aber ich dachte, wenn man sich liebt!«
»Ach, kleine Torheit,« lachte die Baronin. »Liebe allein füllt nicht einen einzigen Abend aus, wenn man einmal verheiratet ist.«
»Ach,« sagte Mingo und träumte mit ihren großen, dunklen Augen auf die rotwogende Kupferplatte des Kamins. »Aber man hat doch Kinder,« fuhr sie nach einer Weile fort.
Die Baronin lachte ihr junges, anmutiges Lachen. »Du Kind bist mir bald genug davongelaufen.«
Mingo fühlte plötzlich eine große Welle von Liebe und Mitleid für die Mutter in sich aufsteigen, setzte sich mit einem Sprung auf ihren Schoß, schlang die Arme um sie und küßte sie. »Du, meine Frisur und meine Spitzen,« rief die Baronin erschreckt; doch war ihr anzumerken, daß sie sich der Erschütterung dieses Zärtlichkeitsausbruchs nicht ungern hingab.
»Siehst du,« sagte Mingo fröhlicher als vorher, »daß es doch besser ist zu studieren! Das ist nicht langweilig und läuft nicht fort.«
»Für mich ist es zu spät,« meinte die Baronin; »aber für dich mag es das Richtige sein!«
Mingo tröstete, ihre Mutter sei so klug; wenn sie wolle, könne sie es auch.
Die Baronin schüttelte den Kopf. »Mein Verstand hat nie geturnt,« sagte sie, »er kann mit Grazie über einen Bach hüpfen und eine Blume pflücken und dergleichen, aber nichts, wozu man Muskeln braucht. Anstrengen kann ich mich in gar keiner Weise mehr. Vielleicht hätte ich es früher gekonnt, wenn die Notwendigkeit oder sonst ein starker Antrieb dagewesen wäre.«
»Mama,« sagte Mingo, die noch immer auf dem Schoße ihrer Mutter saß, »warst du nie verliebt? Vor deiner Heirat oder nachher?«
»Nein, so eigentlich verliebt nie,« antwortete die Baronin. »Weißt du, früher, als ich in deinem Alter war, hielt ich für Liebe das schmeichlerische Gefühl, das man hat, wenn man angebetet wird. Je besser einem der gefiel, der einen anbetete, desto angenehmer war es; selbst zu lieben, hatte ich gar kein Talent oder Bedürfnis. Und als ich verheiratet war, hatte ich mir vorgenommen, mir nichts Ernstliches zuschuldenkommen zu lassen, und das stand mir immer im Wege.«
Mingo hatte sich inzwischen zu Füßen ihrer Mutter auf den Boden gekauert und starrte wieder in den geheimnisvoll wogenden, kupfernen Feuerkessel. »Dann weißt du gar nicht, wie es ist, von einer Leidenschaft hingerissen zu sein?« fragte sie.
»Du scheinst es mir fast vorzuwerfen,« sagte die Baronin mit einem Anflug von Schärfe im Ton, aber nach einer Weile fuhr sie milder fort: »Es mag sein, daß ich deswegen nicht schlechter wäre. Übrigens nahm ich mich nicht eigentlich um deines Vaters willen zusammen, sondern es war ein Ausfluß meiner Natur. Große Aufregungen und Umwälzungen lagen mir nicht, und das, was ich einmal gewählt hatte, wollte ich durchführen. Ich halte das für ein Erfordernis des guten Geschmacks.«
»Ja, Mama,« sagte Mingo, indem sie auf die gepflegte, mit vielen kostbaren Ringen allzu belastete Hand ihrer Mutter einen Kuß drückte, »und Papa und ich haben Ursache, dir dankbar zu sein. Nur für dich macht es mich fast traurig.«
»Mach' dir darüber keine Gedanken, mein Kleines,« sagte die Baronin. »Was einem nicht ansteht, das würde einen auch nicht glücklich machen. Ich habe mir einen anderen Weg zu meinem Glücke ausgedacht.«
»Was meinst du, Mama?« fragte Mingo erschreckt.
Die Baronin errötete, ohne daß es im roten Widerschein der Kaminglut sichtbar geworden wäre. »Das erzähle ich dir ein andermal, Liebling,« sagte sie. »Ich höre eben ein Auto vorfahren. Das wird dein Vater sein.«
»Mama,« sagte Mingo rasch. »Du hast mir noch nicht versprochen, daß du von dem Prozeß zurücktreten willst. Ohne das kann mich nichts, nichts glücklich machen. Ich will gern auf das Studium verzichten und immer, so lange ich lebe, bei dir bleiben, damit du dich nicht langweilst, wenn du mir nur das zuliebe tust.«
»Rege dich nicht auf, Mingo,« sagte die Baronin abwehrend, »du weißt, daß ich das nichtliebe. Nichts in der Welt ist wert, daß man sich darüber aufregt. Ich habe dir gesagt, daß ich es mit dem Anwalt besprechen will!«
»Ach, dein Anwalt,« sagte Mingo, »der hat dich ja gerade hineingehetzt. Er ist ein widerwärtiger Mensch! Er hat etwas Kriechendes, Schleimiges, Saugendes, als ob er zum Spion geboren wäre. Ich begreife nicht, daß du mit einem solchen Menschen verkehren magst.«
»Das ist doch kein Verkehr,« entgegnete die Baronin. »Ich bediene mich seiner Gaben, die ihn für diese Arbeit geeignet machen. Wenn er ein Edelmann wäre, würde er mir vermutlich weniger nützen können. Es mag sein, daß er auch mich ausnützt, aber er könnte das ja gar nicht, wenn er nicht meinte, daß ich recht habe, und daß meine Sache Erfolg haben kann. Du tust, als handle es sich um eine Privatangelegenheit, aber es handelt sich um ein Verbrechen, an dem die Öffentlichkeit Interesse hat.«
»Du sollst die Hand nicht darin haben,« drängte Mingo. »Du hast mir selbst zugegeben,daß du an deiner Überzeugung von seiner Schuld irre geworden bist.«
»Meine Überzeugung ist nicht maßgebend,« sagte die Baronin. »Die Geschworenen sind dazu da, das Recht zu finden. Es handelt sich einfach um das Recht. Ich will nichts für mich erzwingen, was nicht dem Rechte gemäß ist.«
»O Mama, Mama,« rief Mingo. »Der Schein ist aber auf dir, als wolltest du dir das Vermögen erzwingen, das dir nun einmal nicht bestimmt war.«
Die Baronin war sichtlich verletzt. »Ein Kind, das im Überfluß aufgewachsen ist, pflegt nicht nachzudenken, woher er fließt,« sagte sie. »Du hast es leicht, das Geld gering zu schätzen. Habe ich ein Recht darauf, so wäre es lächerlich von mir, darauf zu verzichten. Ob ich das Recht darauf habe, das heißt, ob Deruga es nicht hat und ich meine Ansprüche mit einiger Aussicht auf Erfolg werde geltend machen können, das wird dieser Prozeß ergeben. Dann ist es immer noch Zeit, zu erwägen, ob ich es mit einer Klage wegen des Vermögens versuchen soll.«
»Einstweilen könntest du aber doch deinem Anwalt sagen, daß er seine Nachforschungen aufgibt,« bat Mingo.
»Ich werde mich mit ihm besprechen,« sagte die Baronin ausweichend, »und seine Auffassung hören. Hält er Deruga jetzt für unschuldig, so bin ich die erste, mich darüber zu freuen. Persönliche Wünsche in diesen Angelegenheiten kommen weder dir noch mir zu.«
Einen Tag nach der Abreise Gabussis besuchte der Justizrat seinen Klienten, der allein im kalten Zimmer saß. Er hatte das Fenster geöffnet, weil der kleine eiserne Ofen zu stark heizte, und hatte vergessen, es wieder zu schließen, nachdem es längst kalt geworden war.
Zuweilen trieb der Wind einen Regenguß hinein, ohne daß der Einsame, der verdrossen vor sich hinstarrte, es bemerkte.
»Ihr Freund ist also abgereist,« sagte der Justizrat. »Das ist schade, da werden Sie sehr niedergeschlagen sein!«
»Ich bin froh, daß er fort ist,« entgegnete Deruga. »Gabussi ist mir der liebste Mensch auf Erden, aber es gibt Zeiten, wo er mir im Wege ist. Er kann sein Leben lang nüchtern sein, aber ich muß mich zuweilen betrinken.«
»So,« sagte der Justizrat, der inzwischen das Fenster geschlossen und sich gesetzt hatte, »und jetzt ist der Zeitpunkt für Ihre Saturnalien? Passend gewählt.«
Deruga zuckte die Achseln. »Ich richte mich dabei nach dem Kalender, dessen System jeder in seinem Körper trägt.«
»Wie Sie wollen,« sagte der Justizrat. »Mich hat etwas ganz anderes hergeführt. Kennen Sie eine Frau Valeska Durich aus Prag?«
»Ja,« sagte dieser, »ein aus Dummheit und Verliebtheit zusammengesetztes Wesen. FormelD2V.«
»Sie müssen es wissen,« sagte der Justizrat, »denn sie scheint eben in Sie verliebt zu sein.«
»Ich kann wirklich nichts dafür,« sagte Deruga. »Wenn Sie eine halbe Stunde mit ihr zusammen wären und sie womöglich etwas grob behandelten, würde sie sich auch in Sie verlieben.«
»Nun, wir werden sehen,« sagte der Justizrat. »Sie will nämlich herkommen.«
Deruga lachte auf und zeigte sich dann geärgert. Was die dumme Person wolle? DerJustizrat solle ihr schreiben, daß er, Deruga, in Untersuchungshaft sei und nichts mit ihr zu tun haben könne und wolle.
»Das käme wohl zu spät,« sagte der Justizrat. »Sie will durchaus bezeugen, daß Sie vom Abend des 1. Oktober bis zum Nachmittag des dritten bei ihr gewesen seien. Da hätten wir denn ein Alibi.«
»Im Ernst?« sagte Deruga aufhorchend. »Das will die dumme Person? Nun, das ist ja eigentlich sehr angenehm. Besser könnte der Knoten gar nicht gelöst werden.«
»Das will ich denn doch nicht gerade sagen,« meinte der Justizrat bedächtig. »Es ist doch keine Kleinigkeit, wenn einer einen Meineid auf sich nimmt.«
»Das ist ihre Sache,« sagte Deruga heftig. »Herrgott, dieser kleinliche Wortkram! Es gibt Lügen, die einen anständigeren Ursprung haben als manche Wahrheit. Überhaupt ist das ihre Sache. Ich habe so viele Belästigungen von ihr ertragen, warum sollte ich nicht auch den Vorteil annehmen?«
»Natürlich,« sagte der Justizrat, »wenn es ohne ernstlichen Schaden ihrerseits geschehen kann.«
»Es ist merkwürdig, daß Sie auf einmal so bedenklich geworden sind,« sagte Deruga scharf. »Durch Sie bin ich in diese Lage gekommen. Wäre ich meiner Regung gefolgt, so wäre es längst so oder so zu Ende. Nun sich ein Mittel findet, mir den Prozeß in Ihrem Sinne vom Halse zu schaffen, machen Sie moralische Ausflüchte.« Er war vor Erregung rot geworden und warf einen wütenden Blick auf den Justizrat, der ihn nachdenklich betrachtete.
»Ich mußte mir doch erst Klarheit verschaffen,« sagte dieser, »und wissen, wie Sie zu der neuen Wendung stehen. Schließlich, wenn Sie einverstanden sind! Hatten Sie denn wirklich etwas mit der Dame?«
»Ich mit ihr?« sagte Deruga. »Sie hatte etwas mit mir. Sie quälte mich mit ihrer Verliebtheit. Übrigens irren Sie sich, wenn Sie sie als opfermütige Heldin auffassen. Sie ist zu dumm, um die Folgen ihrer Handlungen zuübersehen, und so verliebt, daß ihr jedes Mittel recht ist, um mich zu gewinnen.«
»Worin sie sich aber verrechnet?« setzte der Justizrat hinzu.
»Natürlich,« sagte Deruga scharf, »dachten Sie, ich solle sie aus Dankbarkeit heiraten?«
»O nein,« entgegnete der Justizrat, »Sie wollen jetzt viel höher hinaus.«
»Jetzt?« wiederholte Deruga auffahrend, »was meinen Sie damit? Was erlauben Sie sich? Meinen Sie, Sie können mich als dummen Jungen behandeln, weil ich angeklagt und vogelfrei bin? Ich halte mich allerdings für zu gut, mich an eine solche dumme und ungebildete Person wegzuwerfen. Die Weiber sind mir überhaupt widerlich.«
»Mit Ausnahmen,« sagte der Justizrat kühl.
»Das stimmt,« fuhr Deruga in hitzigem Tone fort. »Zum Beispiel mit Ausnahme der Baronin Truschkowitz. Sie ist habgierig, eitel, selbstsüchtig; aber dafür klug, elegant und ganz und gar unmoralisch. So müssen Frauenzimmer sein, damit man sich gut mit ihnen unterhalten kann.«
»Geschmackssache,« sagte der Justizrat. »Einen Meineid würde sie jedenfalls nicht für Sie schwören.«
»Nein, sie ist weder einfältig noch hündisch,« sagte Deruga, »und ich mag die Hunde nicht. Was kümmert Sie die Valeska? Lassen Sie sie zugrunde gehen, wenn sie will! Sie haben für mich zu sorgen.«
»Das tue ich,« sagte der Justizrat, »und ich zweifle eben, ob es ehrenhaft von Ihnen wäre, wenn Sie ein solches Opfer annähmen.«
Deruga lachte höhnisch. »Eins von diesen pompösen Worten,« sagte er, »die in eurer Gesellschaft üblich sind. Ehre, Moral, Ideal, Gott, Unsterblichkeit, lauter gemalte Säulen auf Sackleinewand. Man braucht euch keine dreißig Silberlinge zu bieten, damit ihr Gott verratet. Übrigens, wer sagt denn, daß die Valeska einen Meineid schwört? Woher wissen Sie, daß ich nicht vom 1. bis 3. Oktober bei ihr war?«
Der Justizrat stand auf, um zu gehen. »Genug für heute,« sagte er; »aber ich nehme an, daß das nicht Ihr letztes Wort ist.«
»Und ich bitte Sie,« sagte Deruga, »fangen Sie nicht wieder davon an, wenn Sie wollen, daß wir gute Freunde bleiben! Weder Sie noch ich sind Valeskas Hüter. Sie tun am besten, sich an die Tatsache zu gewöhnen, daß sie leichtsinnig genug war, mich vom 1. bis zum 3. Oktober vorigen Jahres bei sich zu beherbergen.«
Die Baronin hatte Peter Hase zum Mittagessen eingeladen, damit er ihre Tochter kennenlerne. Das Diner fand in einem kleinen, behaglichen Salon ihres Hotels statt, dessen in Weiß, Schwarz und Gold gehaltene Wände mit Blumenbüschen von ausschweifender Pracht geflammt waren.
Die Baronin teilte ihrem Gaste lächelnd mit, daß er ihrer Tochter noch in jeder Beziehung unbekannt sei.
»Meine Tochter,« sagte sie, »hat von ihrem Vater eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die Literatur geerbt; vielleicht darf ich gleichbedeutend sagen, einen gewissen Mangel an Phantasie.«
»Ich möchte es guten Geschmack nennen,« sagte Peter Hase, »denn Jugend und Bücher gehören nicht zusammen. Auch steht Herr Baronvielleicht auf dem Standpunkt der Alten, welche die Dichter als Lügner verachteten.«
»Ich bin zu wenig belesen, um darüber urteilen zu können,« sagte der Baron, »aber so viel ist richtig, daß ich Zeitungen gerne lese, weil sie Wahres berichten.«
»Ach Papa, Zeitungen,« lachte Mingo, »die sollen ja gerade am meisten lügen.«
»Die Zeitungen sind vielleicht das interessanteste moderne Epos,« sagte Peter Hase, »und jedenfalls ist das Leben die schönste Dichtung.«
Die Baronin wiegte zweifelnd den Kopf. »Ich glaube,« sagte sie, »auch in bezug auf das Leben sind die großen Talente unter den Menschen selten. Wenige leben ein großes, schön geschwungenes Leben. Bei den meisten fällt es zerfahren, kleinlich, alltäglich und sehr langweilig aus.«
»Für flüchtige Leser,« sagte Peter Hase, »man muß sich hinein vertiefen.«
»Ach, es lohnt nicht,« sagte die Baronin, »und wo es vielleicht lohnte, ekelt es einen. Die Erfahrung haben Sie vielleicht auch bei der geheimnisvollen Dame gemacht, die unserem Prozeß plötzlich eine neue Wendung zu geben scheint.«
»Die Dame stellte sich allerdings zunächst mehr alltäglich als geheimnisvoll dar,« sagte Peter Hase. »Ein vegetatives Wesen, gutmütig, schwach, träge, aber mit einer Anlage zum Heroismus, wie primitive Frauen sie manchmal haben.«
Mingo, die bis dahin mit fast unhöflicher Teilnahmlosigkeit dagesessen hatte, blickte tief errötend auf und sagte hastig: »Wer ist die Dame, warum war sie da?«
»Es ist eine Dame, die aussagte, daß Herr Deruga während der verhängnisvollen Oktobertage bei ihr gewesen sei, also die Tat, der man ihn verdächtigt, nicht begangen haben könnte,« erklärte Peter Hase. Er sprach mit Zurückhaltung, da er den Gegenstand für gesellige Unterhaltung nicht geeignet, ganz besonders aber für eine junge Dame nicht für passend hielt.
»Siehst du, Mama,« rief Mingo triumphierend. »Aber wer ist die Dame, daß er so lange bei ihr war? Ist er mit ihr befreundet?«
»Nun, unverheiratete Männer haben eben Beziehungen zu gewissen Frauen, Frauen der unteren Stände,« erklärte die Baronin. »Das ersetzt ihnen das Familienleben. Und sie bevorzugen ungebildete, anspruchslose Frauen, weil sie sich ihnen gegenüber gehen lassen können. Sich gehen zu lassen, ist Männern ein wesentliches Bedürfnis.«
»Ich möchte es eine Schutzvorrichtung der Natur nennen,« sagte Peter Hase, »die gerade dem Kulturmenschen als eine Entspannung seiner stets gespannten Kräfte notwendig ist. Aber es ist eine tragische Verkettung, daß gerade der Kulturmensch es mehr und mehr verlernt, sich gehen zu lassen, bis die unterdrückten Triebe sich zuletzt im Wahnsinn Luft machen.«
In Mingos Gesicht war zu lesen, daß sie diese Untersuchung weder verstand noch Interesse dafür hatte. »Wie war die Frau?« fragte sie, angelegentlich zu Peter Hase hingewendet. »War sie ganz ungebildet? War sie eine arme Frau?«
»Nein, das doch nicht,« sagte Peter Hase ernst und schonend. »Sie ist die Tochter eines Hausmeisters an einem Knabengymnasium, und es scheint, daß sie dadurch früh bedenklichen Einflüssen ausgesetzt war. Offenbar sucht sie in rührender Art an dem, was sie für Bildung ansieht, festzuhalten; sie betonte, wenn immer es möglich war, die Liebe zur Natur, zu allem Guten, Schönen und Wahren, wie man zu sagen pflegt, und sie sprach geflissentlich von der Freundschaft, die sie mit Deruga verbände. Das Wort Liebe oder Liebesverhältnis ließ sie nicht gern gelten. Ich hatte den Eindruck, daß sie das Bedürfnis hatte, ihrem Leben einen Hintergrund von Schönheit und Besonderheit zu geben, soweit sie es versteht.«
Die Baronin zuckte ungeduldig die Schultern, und der Baron suchte das Gespräch in eine andere Bahn zu lenken, indem er sagte, ähnliche Züge fänden sich viel bei den leichtfertigen Frauen der meisten Völker, und allerlei aus Japan, China, Indien und anderen Ländern erzählte, die er bereist hatte. Er sei in seiner Jugend weit herumgekommen, sagte er, aber schließlich habe er gefunden, daß sich in Paris am besten leben lasse.
»O, ja, Paris ist stets das mehr oder weniger Gegebene,« sagte die Baronin mit einem unterdrückten Seufzer und einem verschmitzten Ausdruck, der sie allerliebst kleidete.
Er liebe auch Paris, sagte Peter Hase, und sei im Begriff gewesen, zu einem mehrwöchigen Aufenthalt hinzureisen, als Derugas Prozeß ihn abgehalten hätte.
»Dieser Mensch scheint eine ungemeine Anziehungskraft zu besitzen,« sagte die Baronin.
Peter Hase warf einen unauffälligen Blick zu Mingo herüber, um zu sehen, wie das Besprochene sie berührte. Ihre großen Augen hingen mit Spannung und Anteil an seinem Gesicht. »Man begegnet so selten,« sagte er, »innerhalb der Kultur einem ganz natürlichen Menschen, wie Deruga ist; ein Kind, von der Beschaffenheit und in den Verhältnissen eines Mannes.«
»Sie wollen ihn vielleicht in einem Roman verwerten,« spottete die Baronin.
»Kaum,« erwiderte Peter Hase ernsthaft. »Er ist doch wohl zusammenhanglos für den Bau derDichtung, wo alles Zweck sein muß und nirgends eine Fuge klaffen darf.«
»Unschuldig verurteilt,« fuhr die Baronin fort. »Das wäre doch ein Titel, der ziehen würde.«
»Es wird nicht dahin kommen,« sagte Peter Hase, ruhig feststellend. »Die Sache wird irgendwie im Sande verlaufen. Ich schließe aus Derugas Charakter, daß er bunte Erlebnisse, aber keine großen, tragischen, erschütternden haben wird.«
»Hörst du, Mama?« rief Mingo. »Auch Herr Hase ist von seiner Unschuld überzeugt. Jeder ist es. Du bist es dir selbst schuldig, nichts mehr gegen ihn zu unternehmen.«
»Ich sagte dir schon,« fiel die Baronin ein, »daß ich mit dem Anwalt sprechen werde. Seine Sache ist eigentlich nicht meine. In der Tat bedaure ich jetzt, daß ich so schwach war, mich von ihm in diese Sache hineinziehen zu lassen. Ich kam nicht auf den Gedanken, daß es ihm in erster Linie daran lag, sich durch einen aufsehenerregenden Prozeß bekannt zu machen. Er spiegelte mir vor, daß ich berufen sei, ein Verbrechen ansLicht zu ziehen, und benützte mich als Mittel, um berühmt zu werden.«
Die Baronin hatte kaum ausgesprochen, als der Kellner denDr.Bernburger anmeldete, den sie zu einer Besprechung ins Hotel gebeten hatte.
»Das ist ungeschickt,« sagte die Baronin zögernd, und Peter Hase erhob sich, um nicht zu stören. Nein, sagte sie, er dürfe auf keinen Fall schon gehen, sie hätten ja noch nicht einmal den Kaffee genommen. Im Grunde sei es ihr lieb, wenn sie die Unterhaltung nicht allein zu führen brauche, Geschäftliches sei ihr ohnehin zuwider, diese Angelegenheit aber vollends verhaßt.
Den nun eintretenden Anwalt begrüßte sie mit einem hochmütigen Kopfneigen, dem sie nachträglich eine etwas höflichere Wendung gab, als sie bemerkte, daß er sie durchschaute und belächelte. Sie erklärte ihm, daß die Anwesenden von allem unterrichtet wären, und daß ihre Gegenwart nicht störe, und sagte dann mit einem kalten Blick:
»Die Sache entwickelt sich anders, Herr Doktor, als Sie mir anfänglich einredeten.«
»Ich schätze den selbständigen Charakter der Frau Baronin zu hoch,« entgegneteDr.Bernburger, »als daß ich wagen möchte, ihr etwas einzureden.«
»Nun gut,« sagte die Baronin unwillig, »Sie schilderten mir die Vorgänge jedenfalls so überzeugend, wie ...«
»Wie Sie sich nur wünschen konnten,« fielDr.Bernburger lächelnd ein. »Ich bin von der Wahrscheinlichkeit der Vorgänge, wie ich sie damals darstellte, heute noch ebenso überzeugt wie damals.«
»Und die neue Zeugin?« fragte die Baronin.
»Eine verliebte Person,« sagteDr.Bernburger wegwerfend, »die sich ein Verdienst um ihren Angebeteten erwerben möchte. Sie ist durchaus nicht wichtig und wurde nicht einmal vereidigt, weil der Gerichtshof sie wegen ihrer Beziehungen zum Angeklagten von vornherein nicht für glaubwürdig hielt. Übrigens würden sich wohl Zeugen auftreiben lassen, um die Unwahrheit ihrer Aussage darzutun.«
»Nein, Mama,« rief Mingo, in lichter Entrüstung aufspringend, »damit sollst du nichts zu tunhaben. Dies Spionieren und Hetzen ist unwürdig. Ich leide es nicht, daß du dich dazu hergibst.«
Dr.Bernburger betrachtete das junge Mädchen lächelnd durch seine Brille. »Ginge der Verbrecher nicht dunkle Wege,« sagte er, »brauchte man ihm nicht auf dunklen Wegen nachzuschleichen. Die Methode des Verbrechers bestimmt die Methode dessen, der ihn entlarven soll. Wenn ein Dieb mit Ihrer Börse davonläuft, und Sie wollen ihn wieder haben, müssen Sie ihm nachspringen; oder einen anderen für sich springen lassen.«
»Ich verlange von niemandem, wozu ich mir selbst zu gut bin,« sagte Mingo feindlich. »Übrigens hat uns niemand unsere Börse genommen.«
»Mische dich nicht in Dinge, Kind,« sagte die Baronin verweisend, »die du zu wenig kennst, um sie beurteilen zu können. Ich habe indessen doch das Gefühl,« wandte sie sich anDr.Bernburger, »daß wir keine glückliche Rolle in dieser Angelegenheit spielen.«
»Es kommt auf den schließlichen Erfolg an,« sagteDr.Bernburger, »und wie ich Ihnenschon sagte, hat sich meine Überzeugung bisher nur gefestigt. Mir ist es, als hätte ich den Vorgang mit erlebt. Ich könnte ihn in einem Drama vorführen.«
»Und warum tun Sie es nicht?« rief die Baronin gereizt aus. »Ich glaube, die Stimmung wendet sich allgemein dem Angeklagten zu.«
»HerrDr.Deruga hat augenscheinlich viel Glück bei Frauen,« sagteDr.Bernburger, »in deren Augen ein Mann überhaupt durch den Verdacht eines Verbrechens zu gewinnen pflegt. Ferner begehen viele Menschen den Fehler, zu glauben, ein Verbrecher müsse von der Natur mit einem besonderen Stempel gezeichnet sein. Müsse roh, brutal, gemein, entstellt aussehen. Man bedenkt nicht, daß der Grund der meisten Verbrechen die Schwäche des Täters ist, indem er einem Antriebe nicht genug Widerstand entgegenzusetzen vermochte, und was für eine große Rolle der Zufall dabei spielt. Es ist nicht ohne Ursache, daß in früheren Zeiten viele Verbrecher selbst glaubten, der Teufel habe es ihnen eingeblasen.«
Der Baron meinte, solche Vorstellungen wären gefährlich, indem sie einem fast den Mut raubten, den Verbrecher zu verfolgen und zu bestrafen.
Der Anwalt zuckte die Schultern. »Hörte man damit auf,« sagte er, »so gäbe es ja nur noch Antriebe zum Bösen beziehungsweise Verbotenen, und alle Hemmungen fielen fort. Es ist wohl das beste, daß jeder schlechtweg das tut, was ihm sein Amt vorschreibt, ohne sich Skrupel über die Folgen und innersten Gründe zu machen. Justizrat Fein bringt unentwegt neue Entlastungszeugen vor; er hat jetzt wieder einen Professor ausgespielt, der eine Zeitlang mit Deruga und seiner Frau dasselbe Haus bewohnte, und der, wie es scheint, bestätigen soll, was wir längst wissen, daß Deruga ein sogenannter guter Kerl ist, dem man zwar Übereilungen, aber nicht überlegte Schlechtigkeiten zutraut. Ich würde meine Pflicht nicht tun, wenn ich mich nicht bemühte, Beweise für unsere Überzeugung aufzutreiben, und ich hoffe noch immer, daß es mir gelingen wird, etwas Abschließendes zu finden. Ich verfolge eine Spur, von der ich aber schweigen möchte, bis ich selbst vollkommene Klarheit gewonnen habe.«
Mingo betrachteteDr.Bernburger mit unverhohlenem Abscheu. »Das geschieht aber nicht für dich, Mama,« sagte sie in flehend befehlendem Tone, »nicht in deinem Auftrage.«
»Bitte, mische dich nicht ein,« sagte die Baronin gereizt, »verlasse uns lieber, wenn du dich nicht beherrschen kannst! Weder du noch ich haben ein persönliches Interesse an der Angelegenheit, sondern einzig ein sachliches. Es kann uns nur angenehm sein, wenn die Wahrheit festgestellt wird.«
»Ja, ich habe ein persönliches Interesse,« rief Mingo leidenschaftlich aus. »Ich weiß, daß er schuldlos ist. Allen Beweisen zum Trotz, die etwa ausspioniert werden, ist er schuldlos und besser als wir alle.« Ihre Stimme zitterte, die Tränen waren ihr nahe.
Der Baron und Peter Hase waren gleichzeitig aufgestanden, wie um die Kleine zu beschützen. Der Baron stellte sich neben sie und schlug einen Spaziergang vor: man müsse beiden immer noch kurzen Tagen die Helligkeit benützen.Dr.Bernburger hatte das Gefühl, in Ungnade und mit Verachtung beladen entlassen zu sein. Die Bitterkeit, die in seinem Innern kochte, verdichtete sich mehr und mehr zum rachsüchtigen Haß gegen Deruga, während er der Baronin gegenüber nur den inständigen Wunsch hatte, ihr zu beweisen, daß er recht gehabt habe.
»Wir wurden mit Deruga dadurch bekannt,« erzählte Professor Vondermühl, »daß wir im gleichen Hause wohnten. Kurze Zeit nachdem sie eingezogen waren, bekam meine Frau in der Nacht einen Magenkrampf, und um ihr möglichst schnell Hilfe zu schaffen, ging ich hinauf und bat Deruga zu kommen. Er zeigte die liebenswürdigste Bereitwilligkeit, und auch seine Frau bot ihren Beistand an. Seit der Zeit sahen wir uns häufig und haben in enger Freundschaft verkehrt, bis Derugas ihr Kind verloren und sich bald hernach scheiden ließen.«
»Haben Sie jemals etwas von Mißhelligkeiten zwischen den Ehegatten bemerkt?« fragte der Vorsitzende.
»Meine Frau hatte den Eindruck,« sagte der Professor, »daß sie sich zwar liebhatten, aber nicht zueinander paßten. Deruga hatte trotzseiner Verträglichkeit ein unstetes, unberechenbares Temperament und hätte straffer Leitung bedurft; seine Frau vermochte solche nicht auszuüben, sondern war zärtlich, anschmiegsam, gleichsam eine Pflanze, die im Schutze einer Mauer hätte wachsen sollen. Die Verschiedenheit trat wohl nach dem Tode des Kindes, das ein Band zwischen ihnen bildete, schärfer zutage.«
»Kam es zuweilen zwischen ihnen zu heftigen Ausbrüchen?« fragte der Vorsitzende.
»Eines Abends,« erzählte der Professor, »saßen meine Frau und ich nach dem Abendessen auf unserem kleinen Balkon, der vom Wohnzimmer nach dem Garten hinausging. In Derugas Wohnzimmer, das über dem unsrigen lag, mußte die Tür offenstehen, denn wir konnten ihre Stimmen hören, und wie ihr Gespräch allmählich in einen Wortwechsel ausartete. Wir lachten darüber, und meine Frau sagte: 'Der schreckliche Mensch, sein Teufel ist wieder los' — was ein Ausdruck von ihr war, um gewisse Launen, denen Deruga unterworfen war, zu bezeichnen. Sie schlug vor, wir wollten hineingehen, um derFrau willen den Auftritt zu unterbrechen. Ich jedoch war dagegen, da mir eine Einmischung in solchem Augenblick zudringlich erschien, vielleicht auch aus Bequemlichkeit oder sonst einer egoistischen Regung. Wir waren noch in der Auseinandersetzung darüber begriffen, als wir Frau Deruga einen unterdrückten Schrei ausstoßen hörten, einen Schrei des Schreckens, des Schmerzes, der Angst, wie es schien. Da sprang meine Frau auf und lief, ohne meine Zustimmung abzuwarten, in das obere Stockwerk hinauf, so daß ich Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten. Als ich atemlos oben ankam, hatte Ursula, das Mädchen, meiner Frau schon die Tür geöffnet und begrüßte uns mit strahlenden Augen. Sie mochte froh sein, daß ihre Herrschaft in diesem Augenblick nicht allein blieb.
Deruga empfing uns mit gewohnter Herzlichkeit, von Verlegenheit oder Mißstimmung war ihm nichts anzumerken, außer daß er ein paar Redensarten wiederholte wie: 'Ach, die Ehe!' 'Man sollte sich das Heiraten gründlicher überlegen als das Aufhängen!' und dergleichen.Meine Frau, die sehr temperamentvoll war und keine Menschenfurcht kannte, sagte scheltend, indem sie sich vor ihn hinstellte: 'Wir Frauen sollten allerdings vorsichtiger sein, und zumal die Ihrige hat unüberlegt gehandelt, als sie sich einem solchen Wüterich anvertraute. Weil Ihre Frau allzu gut ist, darum machen Sie Radau! Sie haben einen kleinen Teufel in sich, der Glück und Frieden nicht verträgt, sondern immer Schwefelgestank und Höllenspektakel um sich haben muß.' Deruga nahm solche Strafpredigten von meiner Frau gern an, weil er fühlte, daß sie wahrer Freundschaft entsprangen, und sie ihrerseits lieh auch seinen Rechtfertigungen Gehör, in welcher Form immer sie gegeben wurden. Diesmal schien er seine Heftigkeit zu bereuen und sagte in verhältnismäßig ruhigem Tone: 'Ich gebe zu, daß meine Frau lieb und sanft ist, aber ich verwünsche, verfluche und hasse dieses Sanftsein. Wenn sie mich liebte, wie sie sollte und könnte, würde sie mich einmal anzischen wie eine Schlange und mir sagen, daß ich ein Scheusal wäre, mich in Haß oder Liebe umschlingenund erwürgen. Wenn ich eine aussätzige alte Frau oder ein verendender Hund wäre, würde sie mich mit derselben Liebe und Sanftheit behandeln, die mich zur Wut reizt.' Die arme Frau sah ihn, wie ich mich gut erinnere, mit großen Augen an und sagte in ihrer Art zornig: 'Ich sagte dir doch eben, daß du ein Scheusal wärest,' worüber wir alle lachen mußten. Er umarmte sie und behielt ihre Hand in der seinen, während er ihr erklärte, daß das doch nicht das Richtige gewesen sei.«
»Sie erwähnten vorhin,« unterbrach der Vorsitzende, »daß Frau Deruga einen Schrei ausgestoßen habe. Erfuhren Sie, ob sie nur aus Angst geschrien oder ob ihr Mann sie tätlich angegriffen hatte?«
»Das kam nicht zur Sprache,« sagte der Professor. »Vermutlich hatte er sie unsanft angepackt. Sie sah bleich und verstört aus. Als wir nach einer Stunde aufbrechen wollten, fragte meine Frau sie, ob wir sie nun auch mit dem Unhold allein lassen könnten. Worauf sie lachend erwiderte: 'Für heute hat der Vulkan ausgespien.' Das sagte sie laut und unbefangen,und auch Deruga lachte. Meine Frau konnte lange nicht einschlafen, weil es ihr unheimlich war, doch gelang es mir, sie zu beruhigen, indem ich ihr sagte, sie nähme die Sache zu ernst, Derugas Liebe zu seiner Frau habe sich gerade eben deutlich gezeigt.«
»Haben Sie jemals,« fragte der Vorsitzende, »klaren Aufschluß erhalten über den Grund der Aufwallungen des Angeklagten gegen seine Frau? Oder lag derselbe nach Ihrer Meinung nur in seinem Temperament und in der Verschiedenheit der Gatten?«
»Deruga deutete gelegentlich an,« sagte der Professor, »daß er Ursache zur Eifersucht habe, und zwar bezog sich dieselbe auf einen Mann, zu dem seine Frau, bevor sie Deruga heiratete, eine Zuneigung gehabt hatte, den sie aber, weil er gebunden war, nicht hatte heiraten können. Der Umstand, daß die alte Frau dieses Mannes starb, scheint seine Eifersucht und seinen Argwohn so sehr gesteigert zu haben, daß ihr Leben an seiner Seite unbehaglich wurde. Man war vielfach der Ansicht, sie habe die Scheidungbetrieben, um jenen anderen zu heiraten, was aber die folgenden Ereignisse nicht bestätigten, denn sie ist bekanntlich ledig geblieben.«
»Halten Sie für möglich,« fragte der Vorsitzende, »daß die Furcht vor dem Angeklagten dabei den Ausschlag gab? Er könnte Drohungen gegen sie und den Mann ausgestoßen haben, falls sie ihn heiratete?«
»Für möglich muß ich das halten,« sagte der Professor nach einigem Besinnen, »aber etwas Bestimmtes kann ich nicht darüber sagen. Meine Frau würde besser unterrichtet sein, da sie sehr mit Frau Deruga befreundet und gerade damals viel mit ihr zusammen war. Zwar pflegte sie mir alles genau zu erzählen; aber ich habe nicht alles genau genug behalten, um es unter solchen Umständen wiedererzählen zu können. Das weiß ich sicher, daß Frau Deruga, nachdem sie geschieden war, sich eine Zeitlang mit der Absicht trug, jenen Mann zu heiraten, daß sie aber davon abstand. Der Betreffende hat sich dann anderweitig verheiratet, soll aber unglücklich geworden sein und ist vor einigen Jahren gestorben.«
Dr.Zeunemann bemerkte, aus den Schilderungen des Professors scheine hervorzugehen, daß seine Frau diesen Verkehr mehr als er gepflegt habe; ob etwa zwischen ihm und Deruga keine Sympathie bestanden habe.
»Nein, nein,« sagte der Professor, »das wäre kein zutreffender Ausdruck. Er teilte meine wissenschaftlichen Interessen nicht, und mir ist das Schweben und Gaukeln über den Tiefen, das Ausspielen von Hypothesen und Paradoxen, das Phantasieren im Unmöglichen nicht gegeben. Ich war zu schwerfällig für die oft grotesken Sprünge seines Geistes. Sie belustigten mich wohl, aber im Grunde wußte ich nichts damit anzufangen. So kam es, und auch weil ich sehr beschäftigt war, daß meine Frau die Beziehungen mehr pflegte, wozu sie schon durch ihre Jugend besser paßte. Sie war bedeutend jünger als ich und mußte doch vor mir sterben.«
Ob seine Frau nach dem Wegzuge von Frau Deruga mit dieser im Briefwechsel gestanden habe, fragte der Vorsitzende.
Es wären allerdings Briefe der Frau Deruga vorhanden gewesen, sagte der Professor, er hätte sie aber nach dem Tode seiner Frau verbrannt, damit sie nicht später Unberufenen in die Hände fielen. Er habe darin geblättert, bevor er sie zerstört hätte, und erinnere sich einer Stelle, wo sie geschrieben hätte, der Frieden und die Freudigkeit, die sie sich von der Auflösung ihrer Ehe erwartet hätte, ließe noch immer auf sich warten.
»'Ich ertappe mich jetzt oft darauf,' so etwa schrieb sie, 'daß ich anstatt wie sonst vorwärts, in die Zukunft zu blicken, stehenbleibe und mich zurückwende. Sollte das die Besinnung des Alters sein? Ach nein, wie konnte ich auch erwarten, daß ich jemals anderswohin sollte blicken können als dahin, wo mein Kind war, in die Vergangenheit! Für mich gibt es keine Zukunft auf Erden mehr.' Diese Stelle ergriff mich, weil ich damals, nach dem Tode meiner Frau, selbst anfing, nach rückwärts, statt nach vorwärts zu leben, und sie hat sich mir aus diesem Grunde eingeprägt.«
Diese Briefstelle, sagte der Vorsitzende, deute nicht darauf, daß die Verstorbene eine zweite Heirat ersehnt hätte und nur durch Furcht vor dem Angeklagten davon zurückgehalten wäre.
»Dazu möchte ich folgendes bemerken,« sagte der Professor. »Aus anderen mündlichen oder schriftlichen Äußerungen der Verstorbenen wäre vielleicht auf jenen Wunsch und jene Furcht zu schließen. Hätte man aber noch so viele Beweise von Derugas damaligem Geladensein, so scheint es mir doch fraglich, ob das mit einem so viele Jahre später begangenen Mord in Verbindung gebracht werden könne. Es ist wahr, daß die menschlichen Handlungen Ketten sind, deren Glieder ein Götterauge ins Unendliche muß verfolgen können; aber ob wir Menschen uns in den labyrinthischen Verzweigungen nicht verirren müssen?«
Der Vorsitzende blickte schweigend vor sich nieder, während der Staatsanwalt unter kritischen Grimassen den Kopf wiegte. Dann stellteDr.Zeunemann die Schlußfrage an den Professor, ob ihm noch andere Gründe bekannt wären, mit denendie Scheidung der Derugas damals erklärt worden wäre oder erklärt werden könnte.
»Meine Frau wußte,« sagte der Professor, »daß Frau Deruga ihren Mann bis zu einem gewissen Grade für den Tod ihres Kindes verantwortlich machte und deshalb einen krankhaften Haß auf ihn warf. Es ist das so zu verstehen, daß Deruga für Abhärtung und Rücksichtslosigkeit in der körperlichen Erziehung des Kindes war, während seine Frau es eher verzärtelte. Dieser Gegensatz bildete öfters Anlaß zu Streitigkeiten. Auf die Dauer konnte die verständige Frau sich aber doch nicht dagegen verblenden, daß Deruga das Kind, auf seine Art, ebenso wie sie geliebt hatte und den Verlust ebenso wie sie betrauerte, und sie suchte die ungerechte Abneigung zu überwinden, worauf auch meine Frau mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres Temperamentes drang. Ich kann also nicht glauben, daß diese durch den übermäßigen Schmerz zu erklärende Gefühlsverkehrung den Entschluß zur Scheidung bewirkt habe, wenn auch vielleicht das Verhältnis dadurch gelockert wurde.«
Es entspann sich nun zwischen den Juristen ein Wortwechsel über den vom Staatsanwalt gestellten Antrag, Fräulein Schwertfeger noch einmal zu vernehmen, ob sie etwas Aufklärendes über Frau Swieters geplante und nicht vollzogene Ehe aussagen könne. Justizrat Fein verwarf es als zeitraubend und überflüssig, welcher Meinung sichDr.Zeunemann anschloß, der sagte, noch mehr Einzelheiten, wie sie auch ausfielen, würden den Prozeß nicht weiterbringen. Für die Eigenart Derugas, die darin bestehe, daß er sich im labilen Gleichgewicht befinde, ließen sich vermutlich noch zahlreiche Beispiele aufbringen. Es handle sich aber nicht hier darum, die Geschichte seiner Seele zu erforschen, sondern die Geschichte seines Lebens vom 1. bis zum 3. Oktober festzustellen. Darauf bezüglich habe Fräulein Schwertfeger nichts mehr zu sagen.
»Ich bitte die Herren dringend,« sagte der Justizrat, »sich auf Tatsachen zu beschränken, damit wir den Knoten nicht noch mehr verwirren, anstatt ihn aufzulösen.«
»Was für Tatsachen?« fragte der Staatsanwalt, so plötzlich von seinem Sitz aufschnellend, daß der Justizrat die Antwort nicht gleich bereit hatte.
»Tatsachen, die sich auf den angeblichen Mord beziehen,« entgegnete er nach einer Pause. »Aus Mangel an Tatsachen werden Alltäglichkeiten hervorgezerrt und aufgebauscht. Verliebte pflegen den Gegenstand ihrer Liebe im Falle der Untreue mit dem Tode zu bedrohen, ohne daß der Gegenstand selbst oder jemand anders darauf Gewicht legt. Dergleichen hat nicht mehr Bedeutung als die Schwüre der Liebe.«
»Es kommt darauf an, was nachfolgt,« sagte der Staatsanwalt. »Übrigens wären uns allen Tatsachen auf der Handfläche lieber; da der Angeklagte, der es könnte, sie uns aber nicht liefert, so bleibt uns nichts übrig, als den Grund zu untersuchen, aus dem die Handlungen wachsen, nämlich das menschliche Gemüt.«
»Der Angeklagte lieferte sie uns nicht?« begann der Justizrat. AlleinDr.Zeunemannbat, den fruchtlosen Streit zu beenden, und forderte Fräulein Schwertfeger auf, dem erhobenen Wunsche genug zu tun und noch einige wenige Fragen zu beantworten.
Fräulein Schwertfeger, die blasser und elender aussah als am ersten Tage, ließ das unsichtbare Visier über ihr Gesicht herab und fragte, indem sie zögernd vortrat, ob sie dazu verpflichtet sei, durchaus private Angelegenheiten hier an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie könne sich das nicht denken.
»Im Staate ist das Private durchgehend mit dem Öffentlichen verknüpft,« sagteDr.Zeunemann sanft belehrend. »Nur soweit die Öffentlichkeit Interesse daran hat, bitte ich Sie noch um einige Aufschlüsse über die Verhältnisse Ihrer verstorbenen Freundin. Frau Swieter hatte vor ihrer Heirat mit dem Angeklagten freundschaftliche Beziehungen zu einem Manne, die sie abbrach, da sie zu einer Ehe nicht führen konnten, und die vermutlich, solange die Ehe mit dem Angeklagten bestand, nicht wieder angeknüpft wurden.«
»Natürlich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger hochmütig. »Sie sahen sich erst wieder, als Frau Swieter hierher übersiedelte.«
»Dabei lebte die beiderseitige Neigung auf, und die Wiedervereinigten beschlossen, sich zu heiraten. Ist es nicht so?« fragteDr.Zeunemann.
»Ja,« antwortete das Fräulein trocken.
»Was war die Ursache, daß dieser Beschluß nicht ausgeführt wurde?« fragteDr.Zeunemann weiter. »Es ist unmöglich, daß Sie, als nächste Freundin der Verstorbenen, nicht davon unterrichtet sein sollten.«
»Es lag nicht in der Natur meiner Freundin, sich bis aufs letzte auszusprechen,« sagte Fräulein Schwertfeger, »und es liegt nicht in meiner, Verschwiegenes zu erpressen. Meine Freundin war damals sehr aufgeregt und äußerte sich ungleich. Einmal sagte sie mir unter Tränen, ihre alte Liebe sei so stark wie je, wolle sie sich aber an die Brust des Geliebten werfen, so stehe ihr Mann, das Kind an der Hand dazwischen, und dieser Schatten ihrer Einbildung sei undurchdringlicher als eine Mauer.«
»Haben Sie das so aufgefaßt,« fragteDr.Zeunemann, »als fürchte sie sich vor ihres Mannes Rache, oder als dränge sich die Erinnerung zwischen sie und ein neues Glück?«
»Ich habe es damals so aufgefaßt,« lautete die Antwort, »als seiDr.Deruga schuld daran, daß meine Freundin den Mann nicht heiratete, den sie liebte. Es tat mir sehr, sehr leid, daß diese Heirat nicht zustande kam. Ich kannte diesen Mann viel besser alsDr.Deruga und hatte viel mehr Sympathie für ihn, schon deshalb, weil ich glaubte, meine Freundin würde es gut bei ihm haben.«
»Wenn Sie jenen Herrn gut kannten,« sagteDr.Zeunemann, »so haben Sie vielleicht mit ihm darüber gesprochen und wissen, wie er es auffaßte?«
»Er faßte es so auf,« sagte Fräulein Schwertfeger mit sehr bösem Gesicht, »als fürchte Frau Swieter, Deruga würde ihn töten, wenn er sie heiratete. Es ist unmöglich, daß sie ihm das gesagt hat, weil ihn das weniger traurig machen mußte, als wenn er gewußt hätte, welchenAnteil Deruga an ihrem Gemütsleben hatte. Es kann auch sein, daß er das glauben wollte, weil es seinen Stolz am wenigsten verletzte. Er war stolz und herrschsüchtig.«
»Wenn Ihre Freundin ihn so sehr liebte,« sagteDr.Zeunemann, »so muß ein starkes Motiv sie abgehalten haben, ihn zu heiraten.«
»Natürlich,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Sie hat damals auch sehr gelitten. Sie überwand es aber verhältnismäßig bald und sagte später stets, sie glaube, richtig gehandelt zu haben.«
Es war Abend, alsDr.Bernburger müde in seine Wohnung kam. Er warf sich auf den schäbigen Diwan, den er alt gekauft hatte, und sah sich fröstelnd nach irgend etwas um, womit er sich zudecken könnte. Drinnen war es kälter als draußen, aber abgesehen davon, daß er aus Sparsamkeit am Abend womöglich nicht mehr einheizte, fühlte er sich auch zu erschöpft und unlustig dazu. Mißvergnügt sah er sich in dem kahlen, an ein Zimmer in einem Hotel zweiten Ranges erinnernden Raum um und dachte darüber nach, woher und wozu er diesen Hang nach einer schönen, behaglichen Umgebung habe, den er vielleicht nie würde befriedigen können. Um seiner Verstimmung zu entrinnen und sich zu erwärmen, beschloß er, in ein Café zu gehen. Da fand er vor der Glastür, die seine Wohnung abschloß, eine kleine,verhutzelte Frau stehen, die schon eine Weile nach der Klingel gesucht hatte und ihn fragte, ob hier ein Herr Rechtsanwalt wohne. Der sei er, sagteDr.Bernburger; aber jetzt werde nicht mehr gearbeitet, sie solle am folgenden Tage in seine Sprechstunde kommen. Die kleine Frau setzte auseinander, daß sie das nicht könne, weil sie tagsüber bei den Herrschaften sei, um zu waschen; ihr Mann habe sie ja verlassen, und sie müsse die Kinder allein durchbringen. Sie komme auch jetzt von der Arbeit, und zwar komme sie, weil der Herr Tönepöhl vom Vorderen Anger sie geschickt habe.
Bei der Nennung dieses Namens durchfuhr den Anwalt ein Gedanke, der ihm das Blut ins Gesicht trieb und ihn bewog, mit der kleinen Frau in sein Zimmer zurückzukehren. Während er Licht machte, bat er sie, sich zu setzen und zu erzählen, was sie herführe, und da sie, als er damit fertig war, noch immer bescheiden an der Tür stand, nötigte er sie selbst auf einen Stuhl und nahm ihr den großen Deckelkorb ab, den sie in der Hand trug. Sie lächelte verlegen und dankbar und begann ihre Erzählung:
Vorgestern sei sie zu Herrn Tönepöhl, dem Tändler im Vorderen Anger, gekommen, um ein Paar Schuhe für ihren Ältesten zu kaufen, und da habe ihr ein Paar besonders gut gefallen, weil es ungefähr die rechte Größe gehabt hätte; aber es sei zu teuer gewesen. Da habe sie zu Herrn Tönepöhl gesagt, sie habe einen Arbeitskittel von ihrem seligen Mann — sie sage nämlich immer 'ihr seliger Mann', seit er auf und davon gegangen sei — der sähe wie neu aus, ob er den nicht dagegen annehmen wolle. Herr Tönepöhl habe barsch gesagt, wie er überhaupt sehr hochfahrend gegen die armen Leute sei, für solches Lumpenzeug habe er keine Kunden. Da habe seine Frau, die in einem alten Koffer gekramt habe, dazwischen geschrien, er solle nicht ein solcher Tölpel sein, der Herr Rechtsanwalt habe ihm doch viel Geld für einen alten Kittel versprochen, und er, der Mann, habe dem Herrn Rechtsanwalt fest zugesagt, sich danach umzusehen, und nun sähe man, was für ein Windbeutel er sei. Darauf habe Herr Tönepöhl seinerseits geschimpft, sie sei dümmer als ein Hering.Der Herr Rechtsanwalt würde ihm den Kittel an den Kopf werfen, denn er wolle einen, der auf der Straße gefunden sei. Nun sei nämlich der alte Anzug, den sie gemeint habe, gar nicht von ihrem seligen Manne gewesen, sondern sie habe ihn gefunden, aber wegen der Grobheit des Herrn Tönepöhl habe sie sich nicht getraut, das zu sagen, damit er nicht eine große Angelegenheit daraus mache und behaupte, sie habe ihn gestohlen.
Sie sei also fortgegangen, habe aber an der Türe noch mit Frau Tönepöhl geschwatzt und sie gefragt, was für ein Herr Rechtsanwalt das sei, und sie habe ihr alles erzählt und auch, daß es sich um einen großen Prozeß handle, und daß man ein gutes Stück Geld verdienen könnte, wenn man den rechten Anzug brächte. Darauf habe sie gedacht, sie wolle den Kittel in Gottes Namen dem Herrn Rechtsanwalt bringen, er werde ihr ja nichts Böses antun und sie ins Unglück stürzen, wo sie ja nur komme, weil ihm so viel daran gelegen sei.
Nun freilich, sagteDr.Bernburger, er sei ihr sehr dankbar, und ob er den Anzug brauchenkönne oder nicht, er wolle sie für die Mühe entschädigen. Sie sei eine brave, kleine Frau und solle recht gründlich erzählen, wie sie zu diesem Kittel gekommen sei.
Es sei der 3. Oktober gewesen, erzählte die Frau. Sie erinnere sich deswegen so gut daran, weil sie an dem Tage schon vor fünf Uhr aus dem Hause gegangen sei. Die Frau Kommerzienrat Steinhäger habe sie nämlich ersucht, eine Stunde früher zu kommen und eine oder zwei Stunden länger zu bleiben, damit sie womöglich an einem Tage mit der Wäsche fertig würde; es habe sich ein auswärtiger Besuch auf den folgenden Tag bei ihr angemeldet, und das passe so schlecht, wenn Wäsche sei. Weil nun die Frau Kommerzienrat sonst eine gute Frau wäre, habe sie es ihr zugesagt, und so sei sie denn schon vor fünf Uhr durch die Bahnhofsanlagen gekommen, als noch kein Mensch unterwegs gewesen sei. Ein starker Wind habe geweht, so daß die hohen Bäume sich gebogen hätten, und die dürren Blätter wären ihr wie Fledermäuse um den Kopf geflogen.
Auf der Brücke habe sie einen Augenblick stillstehen müssen, so habe der Wind gegen sie angeblasen, und da habe sie etwa hundert Schritt weiter am Ufer etwas Schwarzes gesehen. Zuerst habe sie gemeint, es sei ein Kind oder ein Hund, weil es scheinbar Arme oder Beine ausgestreckt hätte, und sie sei schnell hingelaufen, anstatt dessen sei es ein mit Bindfaden umschnürter Anzug gewesen. Offenbar sei er in Papier eingewickelt gewesen, das habe aber das Wasser größtenteils aufgelöst und weggerissen. Sie habe den Anzug losgemacht und ausgerungen und beschlossen, ihn mitzunehmen. Denn der, dem er gehört habe, müsse ihn doch weggeworfen haben, also sei es kein Unrecht, und vielleicht könne ihr seliger Mann ihn gebrauchen, wenn er etwa einmal wiederkäme, oder sonst ihr Ältester, wenn er erwachsen sei. Ob der Herr Rechtsanwalt meine, daß sie unrecht getan hätte?
Sie betrachtete ihn ängstlich gespannt aus ihren braunen Augen, die wie zwei kleine, fleißige Nachtlämpchen aus dem verschrumpften Gesicht herausleuchteten.
Aber nein, sagteDr.Bernburger, da könne mancher reiche und angesehene Mann froh sein, wenn er nicht mehr als das auf dem Gewissen hätte. Das sei ja herrenloses Gut gewesen. Sie habe recht getan, sie sei ein wackeres Frauchen. Gewiß habe sie den Kittel in ihrem Henkelkorbe?
Ja, sagte die kleine Frau erleichtert, sie habe ihn gleich mitgebracht, um nicht noch einmal kommen zu müssen. Denn es sei ein großer Umweg für sie, und ihre Kinder pflegten sie abends ungeduldig zu erwarten.
Sie nahm ein Paket aus dem Korb, undDr.Bernburger faltete den Anzug auseinander.
»Wissen Sie,« sagte er, »ich kaufe Ihnen den Anzug ab, ob es nun der rechte ist oder nicht. Sind Sie zufrieden, wenn ich Ihnen vorderhand zehn Mark gebe? Sie sollen aber noch mehr bekommen, wenn es sich herausstellt, daß es der ist, den ich suche.«
Die kleine Frau wurde rot vor schreckhafter Freude. Nun könne sie ihrem Ältesten die schönen Schuhe kaufen, sagte sie.
Aber sie solle Herrn Tönepöhl nichts von dem Geschäft sagen, das sie miteinander gemacht hätten, riefDr.Bernburger ihr die Treppe herunter nach. Der brauche nichts davon zu wissen.
Heiß, fast blind vor Triumph tratDr.Bernburger in das Zimmer zurück, dessen Kälte und Leere er nicht mehr fühlte. Sein Gedankengang war also richtig gewesen! Einmal kreuzte doch der Weg des Glückes den seines Verstandes. Wie würden sie staunen, wenn er ihnen das Rätsel löste und zugleich das Beweisstück vorlegte! Würde man angesichts dessen noch zweifeln können? Vielleicht war irgendein Abzeichen an dem Anzuge, welches die Ermittlung des Geschäftes, wo er gekauft war, erlaubte. Eine genaue Untersuchung des Anzuges ergab nichts Derartiges, dagegen war deutlich zu erkennen, daß ein neues gutes Stück vorlag, dem durch absichtlich eingesetzte Flicken der Schein eines dürftigen, oft getragenen Arbeitergewandes zu geben versucht worden war.
IndemDr.Bernburger den Rock hin und her wendete, entdeckte er eine zugeknöpfte Seitentasche, öffnete sie, griff hinein und zog einen Briefumschlag heraus, der eine von der Nässe verwischte, aber lesbare Aufschrift trug. Er las: »HerrnDr.S.E. Deruga,« dann die Stadt und die Straße.
Trotzdem dieser Brief ihm nur bestätigte, was er erwartet hatte, war er nicht nur überrascht, sondern fast erschrocken. Versteinert starrte er auf den Brief, der da lag wie die Gaukelei erregter Einbildungskraft und doch Wirklichkeit war, der Zauberschlüssel, der ihm die Pforte zu Ansehen und Reichtum öffnen würde. Daß der Umschlag einen Brief enthielt, hatte er gefühlt, aber noch zögerte er ihn herauszunehmen und zu lesen. Ihm selbst zum Ärger klopfte ihm das Herz. Wozu die Aufregung? Er zwang sich, die peinliche Spannung zu beendigen, indem er las. Der Brief lautete: