Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in welcher Österreich-Ungarn seit der Annexion Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 das Evidenzbureau des Generalstabes übernommen hatte, bemüht sein, die Kundschafterstelle auszubauen. Unter seinem Vorgänger General von Giesl hatte der damalige Major Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle innegehabt, welcher die gesamte aktive und passive Spionage Österreich-Ungarns unterstand, d. h. die Organisation der Auskundschaftung fremder Militärverhältnisse und die Abwehr fremder Spionage im Inlande. Das Bureau war kriminalistisch modern organisiert, jeder geheime Besucher wurde im Profil und en face photographiert, ohne daß er davon wußte, denn in zwei Gemälde, die an der Wand hingen, waren Öffnungen für dieLinsen photographischer Apparate eingeschnitten, die vom Nebenzimmer aus bedient wurden.
Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke hergestellt werden, ohne daß er es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte mit der einen Hand dem Besucher oderder Besucherin Zigarrenschachtel oder Bonbonniere hin, die unsichtbar mit Mennige bestreut waren; auch Feuerzeug und Aschenbecher, die der Raucher zu sich heranziehen mußte, waren derart präpariert. Lehnte der Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren ab, so ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer abberufen, – neigte der Gast zur Spionage, so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der auf dem Tisch vorbereitet lag und mit dem Vermerk „Geheim! Für reservate Einsichtnahme!“ versehen war. Auch dieses Dokument war natürlich mit Seidenpulver bestreut.
In einem Kästchen an der Wand, das man wohl für eine Hausapotheke halten mochte, war ein Schallrohr eingebaut, das für den Stenographen im Nebenzimmer als Horchapparat dienen, aber auch den metallenen Stift in Bewegung setzen konnte, der das Gespräch wortgetreu in eine Grammophonplatte einritzte. Jedes reservate Buch oder Aktenfaszikel konnte binnen weniger Sekunden auseinandergeheftet, an die Wand projiziert, seitenweise photographiert und wieder gebunden werden, so daß es in kürzester Zeit wieder – wie unberührt – an der Stelle war, von wo es „ausgeborgt“ worden. Man hatte hier Alben und Kartotheken mit Lichtbildern, Handschriften und Maschinenschriftproben aller spionageverdächtigen PersonenEuropas, besonders der Spionagezentren in Brüssel, Zürich und Lausanne.
Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier Alfred Redl als Sachverständiger in allen Wiener Spionageprozessen fungiert: unerbittlich keine mildernden Umstände gelten lassend, das Höchstausmaß der gesetzlichen Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er durch sein energisches Auftreten die Verurteilung des ehemaligen Offiziers Alexander von Caric zu viereinhalb Jahren schweren Kerkers, die Verurteilung des internationalen Spions Paul Barstmann und des Italieners Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers erwirkt. Als Redl im Jahre 1904 bei dem wegen Spionage verhafteten Ergänzungsbezirks-Kommandanten von Lemberg, Major von Wienckowsky, eine Hausdurchsuchung vornahm, verwickelte er das sechsjährige Kind des eben Festgenommenen in ein liebevolles Gespräch, und es gelang ihm auf diese Weise herauszubekommen, wo Papa seine geheimen Briefschaften zu verstecken pflegte. Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls ist ein Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein Mann namens Jonasch hatte einem Photographen die Zeichnung eines Festungsplans zum photographieren gegeben. Dies wurde der Polizei gemeldet, und als Jonasch die Bilder abholen wollte, verhaftete man ihn.Er hatte wegen Betruges schon neun Jahre im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung gab er sofort zu, daß er die Photographien als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen wollte, doch sei es das gewöhnliche „Schema einer modernen Festung“, das er aus einem allgemein erhältlichen Buche über Fortifikationswesen von einem Maler hatte abzeichnen lassen. Nachdem sich diese Angabe als richtig erwies, wollte die Polizei den Mann freilassen. Aber Redl, der in allen Spionagesachen vorher befragt werden mußte, protestierte dagegen und beharrte darauf, daß Jonasch dem Strafgericht eingeliefert werde: „Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er ein paar Wochen Untersuchungshaft absitzt? Und für uns ist es immer besser, wenn wir auf eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen können ...“ – Der Mann mußte auch wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, bevor man das Verfahren gegen ihn einstellte.
Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, daß die Spionageabwehr noch stärker organisiert wurde – stärker als selbst Redl ahnen mochte. Denn er war bald darauf als Oberstleutnant zur Truppendienstleistung befohlen worden, wie es für die Laufbahn der Generalstäbler vorgeschrieben war. Nach einem Jahr verlangte General von Giesl, der jetzt als Kommandant des 8. Korps der PragerGarnison vorstand, daß ihm sein ehemaliger Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. Bei den 15 österr.-ungar. Korpskommanden war je eine Generalstabsabteilung etabliert, deren Leiter den Titel eines „Generalstabschefs“ führte, während dem Kommandanten des gesamten österreichisch-ungarischen Generalstabskorps der Titel „Chef des k. u. k. Generalstabs“ gebührte. Nach langjähriger Dienstleistung in der Residenz wurde nun Redl als Oberst und Generalstabschef nach Prag versetzt. Man brauchte ihn hier, man bedurfte hier des Mannes mit den unterirdischen Konnexionen. Das Böhmische Staatsrecht, das gegen den Wiener Zentralismus gerichtet war, hatte hier tausende von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß gegen die Nationalsozialisten hatte manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen die Armee zu arbeiten entschlossen war, die Häupter der tschechischen Panslavisten verkehrten offiziell mit den russischen, serbischen und bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, einer offenkundigen Heerschau der zukünftigen tschechischen Armee, waren die Generalstabsquartiere der slawischen Staaten als Gäste angemeldet, jeden Augenblick mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt werden, weil sie Episoden von der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosenBehandlung auf dem Gute Konopischt des Erzherzogs Franz Ferdinand brachten, „Los von Wien“, hieß die offene Parole, hinter der antidynastische Gesinnung und „Hochverrat“ arbeiteten.
Während nun Redl hier einen militärischen Spitzeldienst zu organisieren hatte, wurden in Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung der Spionage in riesenhaften Ausmaßen ausgebaut. So war das Staatsgrundgesetz, mit welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, vom Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente Kriegsgefahr via facti aufgehoben worden, die Post wurde überwacht, in einem abgeschlossenen Geheimraum öffnete man täglich an tausend Briefe und leitete dort, wo der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. Die Beamten, die diese ungesetzliche Briefzensur vornahmen, wußten selbst nicht, daß sie in militärischem Auftrage handelten; sie glaubten, ihre Amtshandlung diene vor allem zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien und des Schmuggels. Von der Überwachung der Privatpost durch dieses „Schwarze Kabinett“, das erst eingerichtet wurde, als Redl schon zur Dienstleistung nach Prag kommandiert worden war, wußte er ebensowenig, wie sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. Mit diesen hemmungslosen Ausgestaltungen der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche Ausspähungwaren die Spionageprozesse ins Unheimliche gestiegen. Unter anderen wurden auch der russische Militärattaché, ein Oberst Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage überführt. Beide wurden daraufhin abberufen, der erste, nachdem er durch das persönliche Verhalten Kaiser Franz Josefs – dieser brüskierte ihn beim Hofball – davon erfahren hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei.
***
Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig geöffnet worden, die postlagernd unter der Chiffre „Opernball 13“ beim Hauptpostamt Wien erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, und enthielten – ohne textlichen Kommentar – Geldbeträge in österreichischer Währung, der eine sechstausend Kronen, der andere achttausend Kronen; keinesfalls war anzunehmen, daß solche Summen poste restante geschickt würden, wenn es sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. (Der Gesamtbetrag, der dem Evidenzbureau für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung stand, betrug 150000 Kronen jährlich, während der russische Evidenzchef in Warschau jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke bekam.) Die Briefadresse war mit Schreibmaschine geschrieben.
Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen,sich des Behebers der Briefe zu bemächtigen. Zwei Detektive wurden zu ständiger Dienstleistung in die Polizeiwachtstube des Postamtes entsendet, die durch eine elektrische Klingel mit dem Postschalter verbunden war: auf das Glockenzeichen des Beamten hin, daß die Briefe behoben werden, sollten sie den Übernehmer sicherstellen. Wochen vergingen, Monate. Der Beamte, der die Überwachung der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef Dr. Novak, war ins Ministerium transferiert worden und hatte die Angelegenheit seinem Nachfolger (dem nachmaligen Bundeskanzler Dr. Schober) übergeben. Niemand fragte nach den Briefen, in denen so viel Geld war.
Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden, weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der Partei die Briefe mit der „Opernball“-Chiffre ausgehändigt hatte – war der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos hinter sich zuschlug. Siesahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein Mietsauto.
Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der „Ritt“ gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte.
Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine Kette von unglaublichen Zufällen, „Jägerglück“.
Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden müßten, – – fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto anihnen vorbei. Sie lesen die Nummer, – es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das Auto hält. Es ist leer.
„Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?“
„Ins Café Kaiserhof.“
„Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.“
Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs im Innern des Wagens und finden das Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus hellgrauem Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der Fahrgast nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. Ja, ein Herr, der so aussieht, ist eben weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und dort weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich ist er kein Wasserer, denn am Autostand sind keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer servieren kann, aber er putzt die Karosserien und betätigt sich vornehmlich als Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, wohin der gnä’ Herr befohlen hat: „Ins Hotel Klomser.“
Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird der Hotelportier ausgeforscht. „Grad’ jetzt saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute saans aus Bulgarien.“ – „Und vorher ein Herr allein?“ – „Im Auto? Dös waaßi net. Vor einer Viertelstund’ is der Herr Oberst Redl kommen. In Zivil war er, dös waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg’fahren is.“
Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der Name Scheu ein. Sie kennen ihn gut. Er hat ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit einer Nachtruhe nicht anerkannt, wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur Strecke gebracht, wenn er im Gerichtssaal als berufenster Sachverständiger, als Leiter des österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes die Schuld des angeklagten Spions in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig wäre es, wenn der Beheber der Geldsendungen wirklich ein Spion wäre und nun zufällig im selben Haus, ja vielleicht Wand an Wand mit dem Chef der Spionageabwehr wohnte, in der Höhle des Löwen!
Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt keine Zeit. Regierungsrat Gayer von der Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener Hauptpostamt bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Briefe behoben sind. Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung ausgefallen ist. Auch anfragen, ob der Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß Oberst Redl die Untersuchung im Hotel leite – er wohnt nämlich zufällig gerade hier.Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht werden. Während der eine der beiden Agenten zum Telephon geht, spricht der andere mit dem Portier. Er überreicht ihm das Messerfutteral, damit er seine Gäste frage, wem es gehört.
Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen vom ersten Stock herab und legt dem Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf den Tisch. „Haben Herr Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?“ fragt der Portier.
„Ja,“ antwortet Oberst Redl und steckt das hellgraue Tuchsäckchen gedankenlos in die Tasche, „wo habe ich es denn ...“
Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt hat er ja sein Taschenmesser benützt, als er auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der Geldbriefe aufgeschnitten hat. Dort hat er die Messerhülse liegen lassen. Er schaut den Mann an, der neben dem Portier steht, und mit anscheinendem Interesse die Briefe durchblättert, die auf dem Tisch liegen.
Oberst Redl hat die Frage, wo er das Futteral liegen gelassen habe, nicht zu Ende gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er weiß: in wenigen Stunden werde ich tot sein.
Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig um und geht die Herrengasse rechts hinunter. Bevor er an der Ecke beim Café Centralist, schaut er wieder zurück, ob niemand das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer vor, die aus der Schwemme des Restaurants Klomser treten.
Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348 aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: „Sagen Sie, daß alles in Ordnung ist, – das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl gehört.“
Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, – ist Oberst Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne, der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens kaltblütig versucht!
Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k. Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihrLehrer, ihr Vorbild, ihr Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist kein Mangel daran: eine „Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im Generalstab“ ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein „Schema für die Beschaffung von Kundschaftermaterial“, „Normen zur Aufdeckung von Spionen im In- und Ausland“, ein dickes Faszikel „Gutachten in den Jahren 1900 bis 1905“. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, „Opernball 13“, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl.
Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber aucher hat sie gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere, deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will) und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an, und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe nach Brüssel, Warschau und Lausanne – alle drei Adressen sind dem Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die Brüsseler Adresse (eine Expositurfranzösischer Spionage) nicht weiter überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen italienischen Spionagezentrale.
Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen Gerechtigkeit entziehe?
Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau. Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht wie ein „v“ aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die fünfzackige Bürgerkrone, – aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder bekleide und das ganze Innere mitbordeauxroter Seide neu tapeziere, binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem Prager Zug eingetroffen war.
In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H. fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren.
„Über Land fahren ...“ Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem Tourenwagen zu sitzen und – auch ohne Glanzlederbelag an den unteren Teilendes Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten – schön über Land fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück.
Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt „der Chef“ in großer Gesellschaft. „Was bringst du mir Schönes?“ fragt Conrad von Hötzendorf den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem „Graf von Luxemburg“, der neuen Operette: Bist du’s, lachendes Glück ...
„Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen bitten?“
„So dringend? Na, alsdann geh’n wir!“
Der Chef des Generalstabes geht mit dem Chef seines Evidenzbureaus durch den Speisesaal.
In einem Nebenraum erstattet Urbañski die Meldung. Conrad war schon auf Schlimmes gefaßt. Aber als er hört, um was es sich handelt, wird er kreidebleich. Er spricht kein Wort. Er versucht, sich die Tragweite dieses Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, – Empörung braust heran, – die Truppe haßt den Generalstab ohnedies, „die Auserwählten“ – was wird das Ausland sagen! der Feind! – welch ein Triumph! Alles schon morsch, sagt man gerne der Monarchie nach– und im verbündeten Reich, welche Besorgnis, welches Mißtrauen! Und bei den oppositionellen Nationen, was wird geschehen, wenn in dieses Pulverfaß ein Zündstoff fällt! Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch ist, – sie fordert höchste Anspannungen –. Der Chef des Generalstabes denkt nach. „Diese alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für fünf Minuten aufhören wollte!“ Er setzt sich, steht wieder auf. Spricht die Entscheidung aus:
„Der Schuft muß ergriffen werden, man muß aus seinem Munde hören, wie weit der Verrat reicht und – dann muß er sofort sterben!“
Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht und – vor allem – dem Generalstab die Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben kann, wenn so etwas bekannt wird.
„Er selbst, Exzellenz ...?“
„Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache erfahren! Bin ich verstanden worden, Herr Oberst?“
„Zu Befehl, Exzellenz!“
„Heute nacht muß alles geschehen!“
„Zu Befehl, Exzellenz!“
„Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, Herr Oberst! Bestehend aus Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, Ihnen und dem Leiter der Kundschafterstelle.Nur vier Herren. Die Berichte sind direkt an mich zu erstatten.“
„Zu Befehl, Exzellenz.“
Während Oberst Redl, überwacht, in der Richtung zur Brigittenau strebte, und dann diese Absicht aufgab, wartete in der Halle des Hotels Klomser ein alter Bekannter auf ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: es ist der Generaladvokat bei der Generalprokuratur des Obersten Gerichts- und Kassationshofes, Erster Staatsanwalt Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen einander von Berufswegen. Wenn Redl als militärischer Gutachter Belastungsmaterial über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen Angeklagten gehäuft hatte, war es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, der in seinem unwiderlegbaren, vehementen Plaidoyer diesem Gutachten die (den Angeklagten) vernichtende Wirkung lieh. Diese Mitarbeit hat diese zwei Menschen auch persönlich, menschlich zusammengeführt. Partner und Freunde sind sie. Sie gehen heute gemeinsam ins Restaurant Riedhof in der Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine Ahnung, daß das Souper überwacht wird. Er weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen Glas er eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher ist, wie er keinem in seiner langjährigenstaatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. Was aber dem Generalprokurator auffällt, ist die Nervosität, die Aufregung, die Einsilbigkeit des Tischgenossen.
Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich dem Tod entziehen? Soll er sich seinem Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, seinen Rat einholen, seine Intervention erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins Ausland zu flüchten? Um im Sanatorium Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen hinstellend?
Er schließt Kompromisse zwischen all diesen Möglichkeiten, er vertraut sich dem Freund nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, er gibt seine Homosexualität nicht zu, spricht aber von moralischen Verwirrungen, er gesteht nicht ein, daß er ein Spion ist, bezichtigt sich aber vague eines schweren Verbrechens, er redet verwirrt, so daß sein Freund daraus eine Geistesstörung folgern könnte, und er verlangt dessen Hilfe zur sofortigen ungehinderten Rückkehr nach Prag, wo er sich seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, rückhaltlos anvertrauen möchte.
Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon hundertmal wegen kleinerer Andeutungen Leute insGefängnis gebracht und schon wegen geringerer Momente sofortige Verhaftung oder Verweigerung des Strafaufschubes beantragt. Hier aber bin ich ein Mensch, in persönlichem Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. Er erklärt sich auf dessen Bitten bereit, den Chef der politischen Polizei anzurufen. Zu seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, mit dessen Wohnung er sich verbinden lassen wollte, zu so später Nachtstunde noch im Amt.
„Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst Redl beim Nachtmahl,“ beginnt er.
„Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.“
„Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?“
„Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie wünschen?“
„Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?“
„Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt. Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich morgen direkt an mich wenden – was in meinen Kräften steht, will ich gerne tun.“
Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht erzielen.
Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen „Wenzel Vorlicek, k. u. k. Majorauditor“.
Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen. Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um 11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung, und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den Zivilanzugvom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen.
Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium, erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im „Café Kaiserhof“ waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor der Türe des „Hotel Klomser“ von Oberst Redl verabschiedet.
***
Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der Portier will sie – den Hotelinstruktionen entsprechend – nicht ins Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin muß erjeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1. Während ein heiseres „Herein“ hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben.
Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht.
„Ich weiß, weshalb die Herren kommen,“ bringt er langsam heraus. „Ich habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu schreiben.“
Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines Stück Bindfaden. („Ein dolchartiges Messer“ und eine „Rebschnur“, sagte eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu haben.)
Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen.
„Ich hatte keine Komplizen,“ erwidert er.
Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich damit zufrieden. Bevor sie das Zimmerverläßt, fragt einer: „Eine Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?“
Oberst Redl: „Nein.“
Das Mitglied der Kommission: „Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr Redl.“
Redl (stockend): „Ich bitte – gehorsamst – um einen – Revolver.“
Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning zu holen, um ihn „Herrn Redl“ einzuhändigen.
Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts, kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht hinaufgehen und dem Oberst sagen: „Machen Sie rasch, wir wollen schlafen gehen.“
Wie spät ist es?
Melde gehorsamst: Fünf Uhr.
Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die „Beendigung“ der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug, 6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen – einer von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef Spionage getrieben habe.
Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte, er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhrfrüh diese Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später, wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu.
„Das Zimmer war offen,“ meldete er erregt, „ich bin also eingetreten. Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst – tot.“
Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende – genau zwölf Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief – damit die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde – das Hotel unter einem fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen. Man wartete aber nicht länger am Apparat.
Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen. Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend, in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war durch die linkeNasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v. Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand: „Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.“
Als Nachschrift war hinzugefügt: „Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für mich.“
Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten – jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen – wollten die Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg. Nr. 11 (Fahnenspruch: „In alt bewährter Treue“) wollte sich durchaus nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde. In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den Polizeibeamten und – als diese ihn beiseite schoben – dem aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn, sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gesternEinkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen. Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem Mörder.
So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da, was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann, der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon nichts gesagt?
Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan?
Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissärewußten noch die Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine Ahnung: von der Spionage.
Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals geschafft.
Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, „der hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...“, „... in der letzten Zeit an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...“, „... in Wien, wohin ihn dienstliche Aufgaben geführt hatten ...“
Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief bekommen,in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt miteinander, da das 8. Korps für „Fall 3“ (Krieg gegen Serbien) zum Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls, die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke.
***
„Von einem Schlosser?“ frage ich den ehemaligen Chef des Evidenzbureaus, der mir von dieser Dienstreise erzählt.
„Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, und kein Soldat anwesend, kein Professionist.“
„Exzellenz wissen nicht mehr, woher man den Schlosser holte?“
„Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus der Nachbarschaft.“
FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger Geduld und bereitwilliger Liebenswürdigkeitauf alle Fragen des Interviewers Antwort gegeben – zum ersten Male scheint er jetzt unwillig. Der Interviewer bemüht sich, seine dumme Frage zu entschuldigen.
„Der Schlosser hätte doch die gewaltsame Eröffnung der Wohnung und der Schubfächer verraten können?“
„Sie meinen?“ sagt Urbañski ironisch.
„Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es sogar der Presse mitgeteilt.“
„So?“ FML. Urbañski lächelt ungläubig.
Und deshalb schaltet der Interviewer hier ein persönliches Erlebnis ein: am Sonntag, den 25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub „Sturm“ ein Fußballmatch gegen „S. K. Union-Holeschovice“. Die Notiz des „Prager Tagblatt“ lautete am nächsten Tage:
DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) 5:7 (Halbzeit 3:3). Sturm war von Anfang an überlegen, was sich auch in der großen Zahl seines Scores ausdrückt. Doch war seine Verteidigung durch das Fehlen Marečeks und Wagners derart geschwächt, daß Atja allein nicht imstande war, alle Durchbrüche Unions zu vereiteln.
Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten ärgerte sich wohl der Obmann „Sturms“ über das unangesagte Fernbleiben Wagners,dem er knapp vorher eine Gefälligkeit erwiesen hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen der ersten Mannschaft manchmal zu erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner pünktliches Antreten versprochen – und schon am Sonntag blieb Wagner aus. Deshalb schaute besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur eines Prager Blattes und Prager Korrespondent einer Berliner Zeitung war) gar nicht freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins Bureau besuchen kam.
„Ich konnte wirklich nicht kommen,“ versuchte sich der saumselige Endback zu entschuldigen.
„Das ist mir egal.“ Der Obmann blieb ablehnend.
„Ich war schon angezogen, da kommt eine Ordonnanz in unsere Werkstatt und sagt, es soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, ein Schloß aufbrechen.“
„Erzähl’ mir keine Geschichten! So etwas dauert fünf Minuten. Und wir haben eine geschlagene Stunde mit dem Anstoß gewartet.“
„Aber ich mußte doch die Wohnung eines Offiziers aufbrechen, und dann alle Schubfächer und alle Schränke ... es war nämlich eine Kommission aus Wien da, die hat nach russischen Papieren gesucht. Und nach Photographien von Plänen.“
„So? Und wem gehört die Wohnung?“
„Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel eingerichtete Wohnung.“
„Und der General war nicht da?“
„Nein, der ist gestern in Wien gestorben.“
Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist, ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: „Erzähl’ mir ‚keine Geschichten‘“, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat: „Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!“ Auch, daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame, lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen sich die Wiener Herren notiert haben.
Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß es sich um die Wohnung des Generalstabschefs Redl handelt, dessen Selbstmord samt begeisterter Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gemeldet und wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden ist. Und er hat gar keinen Anlaß, eine Diskretion zu bewahren, um die er nicht ersuchtworden ist, ein Geheimnis zu hüten, das man ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt einen Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag würde eine Mitteilung ganz gewiß konfisziert werden. Oder soll man es doch versuchen? Beratung mit dem Chefredakteur. Man entschließt sich zu einem Kompromiß: man riskiert die Beschlagnahme der Abendausgabe und wird die Nachricht in Form eines Dementis bringen. „Von hervorragender Seite werden wir um Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchtenGerüchte ersucht, daß der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat militärischer Geheimnisse begangen und für Rußland Spionage getrieben habe. Die nach Prag entsandte Kommission, bestehend aus einem Oberst und einem Major, die in Gegenwart des Korpskommandanten Baron Giesl die Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer am Sonntag geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen, usw.“. Solche Dementis versteht selbstverständlich jeder Leser, es ist so, wie wenn man sagt: „Der X. ist kein Falschspieler.“ Aber konfiszieren ließ sich der Bericht schwer, vielleicht glaubte der Presse-Staatsanwalt, das Dementi stamme vom Korps-Kommando, das Korps-Kommandoglaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls erschien das Abendblatt, der Draht gab die Nachricht nach Wien, die Reporter liefen ins Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig Dringlichkeitsanträge und Interpellationen eingereicht, und ganz Österreich wußte von den Ursachen des Selbstmordes, die die maßgebenden Kreise des Auslandes, deren Spion Redl ja gewesen war, ohnedies sofort gewußt hatten, und die man im Inlande sogar vor dem Kaiser geheimhalten wollte.
Man hatte auf die Verhaftung des Spions und auf ein gewiß aufschlußreiches Gerichtsverfahren mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen usw. verzichtet, man hatte eine Nacht lang das Hotel bewacht, Spezialeide der Geheimhaltung leisten lassen. Und nun erfuhr die ganze Welt davon. Weil ein Endback ein Wettspiel versäumt hatte. Gegen Union-Holeschovice.
***
Das Erste, was die Kommission beim Eintritt in die Wohnung des Gerichteten verblüfft hatte, war der weibische Geschmack, der sich überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot gehalten, seidene Steppdecken und rosa Plüschüberwurf auf dem Himmelbett, Alabaster vorherrschend, als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte und Figuren (bloß die große Napoleonbüsteüber dem Schreibtisch war aus Bronze), überall zierliche Nippes, und alle drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, Tuben, Tiegeln, Brennscheren, Manikurekästen, Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel auf.
Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden war, und man feststellte, daß die zahllosen mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts von Männerhand stammten, hatte man die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl war homosexuell gewesen.
Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb geworfen, zeugten von der Leidenschaft Redls für den jungen Ulanenoffizier in Stockerau; der hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte es heiraten, während ihn Redl mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich gewinnen wollte.
„Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief vom 22. d. Mts. habe erhalten, und kann es nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen willst, wo Du mir so oft Treue und Dankbarkeit gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen, daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich machen wirst, am Anfang erscheint alles voller Illusionen und wunderschön, sind jedoch die Mysterien vorbei, so erkennt man, was eine Frau ist. Sage ihr keinesfalls etwasvon mir! Frauen mischen sich in alles, und das, was sie nicht verstehen sollen, ist das einzige, was sie verstehen. Ich warne Dich noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin verzweifelt, und weiß nicht, was beginnen soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren (Davos?), könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, und glaube auch, Dir den versprochenen Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu können. Wenn Du nach Wien kommen könntest, lieber Stefan, so schreibe mir sofort, würde dann ...“
Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei Fassungen sind verworfen worden. Redl entschloß sich, seinen Freund lieber mündlich zu beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr nach Wien, wohin auch Stefan aus seiner nahen Garnison kam. Die Unterredung im Hotel scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen zu haben, den Austro-Daimler-Tourenwagen zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt, das bewacht war.
Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich nach Bekanntwerden des Selbstmordes Redls der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da er vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität angezeigt worden und habe sich deshalb getötet. Es stellte sich heraus, daß er von den Spionagen seines Geliebten keine Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er– wegen widernatürlicher Unzucht – zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt.
Der ständige Verkehr des Obersten mit dem jungen Offizier war allgemein bekannt gewesen, doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, da Redl den Leutnant überall als seinen Neffen vorstellte. In Wirklichkeit war er der Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als Kadettenschüler von Redl verführt worden. Dieser hatte dann die Kosten seiner Transferierung in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen getragen, ihm zwei Reitpferde gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken überhäuft.
Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen von Geldsendungen aus Rußland, Quittungen über gewechselte Rubel und vor allem photographische Platten. Er hatte in seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden Dienstbücher reservaten Charakters, Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche Elaborate photographiert, die in allen Staaten der Welt nach Muster der deutschen Generalstabsbücher – des Meisterwerkes des Feldmarschalls Moltke – verfaßt, aber natürlich überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- und Dislozierungsverhältnissen entsprechend, adaptiert sind. Auch Befehle über Armierung und Verpflegung, Eisenbahntransporte undDurchführung von Truppenverschiebungen hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert und aktuelle Befehle des Kriegsministers Krobatin, des Erzherzogs Franz Ferdinand und des Chefs des Generalstabes Conrad v. Hötzendorf, die sich auf Organisationsfragen innerhalb des 8. Korps bezogen.
Dagegen fand sich hier noch kein Beweis dafür vor, daß Redl konkrete Kriegsvorbereitungen, wie z. B. Aufmarschdispositionen, Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen oder die Namen von österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande verraten habe, – so allgemein dies damals auch behauptet wurde. Die Spuren des Verrats, die sich in seinen Fächern fanden, reichten bloß anderthalb Jahre zurück, die Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser Zeit hatte Redl mit seiner Spionage einen Betrag von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, etwa das Zehnfache seiner Gage. Aus dem Nichtvorhandensein von älteren Beweisstücken deduzierte dann Landesverteidigungsminister Georgi bei seiner Interpellationsbeantwortung im Parlamente, daß die Verrätereien bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte sich darauf antworten lassen, daß Redl schon seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen Aufwand betrieb, schon lange zwei Automobile besitze. Redl hatte zwar glaubhaftzu machen gewußt, daß er im Besitze eines großen Privatvermögens sei und eine große Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte vor mehreren Jahren in Neustift-Innermanzing ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch in Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm eingerichtete Wohnung, hielt Reitpferde und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine Verbrechen müßten daher mindestens bis in die Zeit zurückreichen, da er Leiter der österreichisch-ungarischen Kundschafterstelle im Evidenzbureau des Generalstabes gewesen sei, wenn nicht gar in die Zeit seiner Truppendienstleistung bei Regimentern der Grenzfestungen, beim Inf.-Reg. Nr. 9 in Przemysl und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg.
***
Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem größten Militärbefreiungs- und Spionageprozeß Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, ein so merkwürdiges gewesen, daß zehn Jahre später, nach dem Selbstmord Redls, bei den wenigen Eingeweihten der Verdacht auftauchen mußte, er habe damals eine Doppelrolle gespielt, und auf eine Weise Menschenleben vernichtet, wie sie teuflischer kaum gedacht werden kann. Im Jahre 1903 wurden nämlich in Wien Vorerhebungen gegen den Oberstauditor Hekailo,Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in Lemberg geführt, der im Verdachte stand, durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen zu haben. Während der streng geheim geführten Erhebungen wurde der auf freiem Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst nach dem Bekanntwerden seiner Flucht meldeten sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen hervorging, daß Hekailo auch die ganze Heiratskaution eines Rittmeisters und das Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. Ein paar Monate später erschien der Generalstabshauptmann Alfred Redl in der Kanzlei des nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm Haberditz, der die Untersuchung gegen Hekailo führte, und machte die überraschende Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, von Redl beschafften Beweisen als Spion in russischen Diensten stand und wahrscheinlich auch den Aufmarschplan der österreichisch-ungarischen Armeen den Russen an der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. Durch einen Brief, den Hekailo nach seiner Flucht an einen Freund in Galizien sandte, kenne man auch seinen gegenwärtigen Aufenthalt und seinen Decknamen „Karl Weber“ in Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren zu stellen wäre. Das bezügliche Aktenstück, in welchem natürlich nur von den gemeinen Verbrechen des Betrugesund der Veruntreuung die Rede war, wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren vom Ministerium des Äußern auf telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet werden sollte, wies er einen russischen Paß vor, der auf den Namen „Karl Weber“ lautete, und stellte sich unter den Schutz des russischen Konsulats. Schon war verfügt, daß ein höherer Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des Festgenommenen eine Reise nach Brasilien unternehmen solle, als die Nachricht des österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba eintraf, Hekailo habe sein Leugnen aufgegeben, da man beim Öffnen seines Koffers ganz oben den österreichischen Paraderock gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der Verhaftete österreichischer Militär war, legten ihm die brasilianischen Gendarmerieoffiziere mitleidvoll einen geladenen Revolver in die Zelle. Aber Hekailo machte von der Waffe ebensowenig Gebrauch wie von der wiederholten Gelegenheit, die ihm der eskortierende brasilianische Artillerieoberstleutnant auf dem Seewege von Paranagua nach Rio de Janeiro bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de Janeiro wurde Hekailo auf einen nach Triest abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, und muß durch die tropische Hitzeschwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft in Wien kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß wurde nun Hekailo zuerst über seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. Der alte Kaiser interessierte sich lebhaft für diesen Prozeß und wurde über jede Phase durch seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, Grafen Beck, unterrichtet. Der Kaiser selbst war es, der drängte, die Untersuchung auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos auszudehnen. Endlich war es so weit, daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise seines Verrates vorhalten konnte. Sie bestanden in der Hauptsache aus Photographien und Briefen, die Hekailo unter der Deckadresse der beim russischen Generalstabschef in Warschau angestellten Gouvernante an diesen gesandt hatte. Nach Angabe Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, die das Ministerium für Landesverteidigung auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos wurde Hauptmann Redl als Sachverständiger zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens und des bestehenden Staatsvertrages mit Brasilien wegen Spionage nicht bestraft werden könne (weshalb er auch die Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt hatte), zeigte sich im Verlauf derUntersuchung sehr offenherzig und gestand unumwunden, was er allein oder mit Hilfe dritter den Russen geliefert hatte, darunter die Instruktion für die Alarmierung der Lemberger Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte er absolut nichts wissen und antwortete Redl, der in auffallendem Übereifer wiederholt in ihn gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes einzugestehen, einmal in treffender Weise: „Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen Aufmarschplan verschafft haben? Den kann nur jemand aus den Generalstabsbureaus in Wien den Russen verkauft haben.“
Nach langem Drängen nannte Hekailo auch seinen Komplizen, den Major Ritter von Wienckowski, Ergänzungsbezirkskommandanten in Stanislau. Schon am nächsten Tage fuhr der Majorauditor Haberditz mit den weitestgehenden Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung Redls und des Auditors Dr.Seliger dorthin. Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in dessen Bureau vorgenommen worden war, schritt man zur Hausdurchsuchung. Zuerst fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen nichts von Bedeutung vor. Im Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen des Majors mit der deutschen Gouvernante. Das hübsche Kind war anfangs sehr befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt an. Erst als es Redl beim Händchenergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, wurde es zutraulicher. Redl legte der Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel zwei mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht darüber, daß das Kind richtige Antworten gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine ganz glücklich war. „Bist du auch so gescheit, daß du weißt, wo Papa seine Briefe versteckt?“ fragte Redl. „Natürlich,“ lachte das Kind und lief in das Arbeitszimmer des Majors, kroch unter den mächtigen Schreibtisch und deutete auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere Möbelstück umgelegt, man fand einen verborgenen Knopf, und als man auf diesen drückte, öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden Dokumenten. Die Kommission konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde beeinträchtigt durch die widerliche Art, wie Redl das unschuldige Kind zum Verrat am eigenen Vater mißbraucht hatte. Und dabei hatten die Kommissionsmitglieder keine Ahnung davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher sei als Wienckowski.
Wieviel gravierendes Material bei dieser Hausdurchsuchung gefunden worden war, kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten am Schluß ein Gewicht von 120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in einer großen Kiste aufbewahrt und von militärischenPosten bewacht, die die beiden Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal nun, – Majorauditor Haberditz war gerade abwesend, – wollte Redl von Dr. Seliger einen streng reservaten Mobilisierungsbehelf zur Einsicht haben, der sich im Aktenfaszikel befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis auf seine Instruktionen ab, worauf sich Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit darauf legte Redl dem Majorauditor nahe, er möge beantragen, Redl nach Rußland zu entsenden, da in Warschau noch einige unklare Momente der Affäre zu erheben seien. Der Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag ab, da die Erhebungen für das Verfahren nicht relevant seien. Nach Verhaftung eines weiteren Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht, Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, fuhr die Kommission nach Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen fortgesetzt wurden.
Da ging in Redl eine auffallende Veränderung vor, denn so eifrig er anfangs für die Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet hatte, ebenso eifrig begann er sich plötzlich für dessen Unschuld einzusetzen. Dies ging so weit, daß der Untersuchungsleiter Haberditz es ihm einmal unter vier Augen vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit in Frage stellen mußte. Es kam zu einerziemlich heftigen Auseinandersetzung, nach welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus Oberst Hordliczka die Ablösung Redls als Experten verlangte. Oberst Hordliczka gab ihm in der Hauptsache recht, und versprach, auf Redl entsprechend einzuwirken; zu einer Ablösung Redls könne er sich jedoch nicht entschließen, da ja die Überweisung des Hauptbeschuldigten ein Verdienst Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die Früchte seiner Bemühungen bringen wolle. Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, Redl wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender und unterließ besonders seine hemmenden Einwände.
Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau ein Stück der angeblich von Major Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da Österreich-Ungarn doch beim Warschauer Generalstab einen sehr verläßlichen russischen Offizier im Solde hätte, dem es ein Leichtes wäre, aus dem Dossier „H“ ein Stückchen der bewußten Schrift herauszureißen. Allein Majorauditor Haberditz war tief erschüttert, als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen in trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick die Nachricht überbrachte, daß der bewußte russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet worden sei, wie er sich beim Dossier„H“ zu schaffen machte, daß darauf eine Untersuchung seines Schreibtisches erfolgte, in welchem für Österreich ausgestellte Rechnungen gefunden wurden, und daß der Mann zwei Tage darauf standrechtlich gehenkt worden sei.
Nach der Entlarvung Redls erscheint sein damaliges Doppelspiel so ziemlich aufgeklärt: er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan Österreich-Ungarns an die Russen verkauft und wird den Russen gesagt haben, daß er nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für Österreich erzielen müsse. Er brauchte diesen Erfolg um so mehr, als damals der Verrat des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar wurde, und er unbedingt einen Sündenbock haben mußte. Da lieferten ihm die Russen denn den Hauptbeschuldigten Hekailo aus. Sie konnten dies um so leichter tun, als Hekailo nach seiner Flucht nach Brasilien für sie nicht nur wertlos, sondern sogar unbequem geworden war: hatte doch der russische Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte seines Lohnes geprellt und mußte eine Anzeige fürchten. Als aber dann die Untersuchung auf aktive österreichische Offiziere übergriff, an welchen der russische Generalstab noch ein Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird es an Vorwürfen und Drohungen der Warschauer Stelle gegen Redl nicht gefehlt haben. Das war der Grund, warum Redl plötzlich fürdie Unschuld des Majors Wienckowski und des zweiten Offiziers eintrat und die Gerichtsbehörde zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen diese zwei einzustellen. Dies gelang ihm aber nicht und Redl mußte nun in anderer Weise und um jeden Preis die Russen von seiner ferneren „Loyalität“ überzeugen. Da beging er dann die größte Schurkerei, indem er dem russischen Generalstabsoffizier in Warschau, der für Österreich arbeitete, eine raffinierte Falle stellte, und ihn so dem Galgen auslieferte.
Hekailo, Wienckowski und Acht wurden zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf Jahren verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von Josefstadt gestorben.
Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen russischen Oberst, der für Österreich einen Spionagedienst geleistet hatte, dem Tode überantwortete, ist durch die Promptheit der Denunziation erwähnenswert. Der Thronfolger Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch gewesen und hatte sich mit dem Zaren in verschiedenen politischen Fragen geeinigt; auf der Heimreise durch Rußland begleitete ihn Oberstleutnant Müller, der damals österreichisch-ungarischer Militärattaché in Petersburg war. Während der Fahrt trug der Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen.Oberstleutnant Müller verabschiedete sich vom Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch Laikow bei Müller ein und bot ihm den ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf an. Eine solche Gelegenheit konnte Oberstleutnant Müller trotz der erzherzoglichen Weisung nicht ungenutzt lassen, und vermittelte den Kauf des Aufmarschplanes. Nach kurzem Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg zurück und begegnete schon am ersten Tage bei Leuten, die ihm bisher freundschaftlich entgegengekommen waren, einer frostigen, beinahe beleidigenden Ablehnung. Erst als er in der Zeitung las, daß Oberst Cyrill Petrowitsch Selbstmord begangen habe, glaubte er diese Kälte seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: man hatte jedenfalls erfahren, daß ihm Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, und vermutete nun, daß er den Unglücklichen dazu verleitet habe. Aber das war es nicht, was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, sondern sie verargten ihm, daß er seinen Spion an Rußland verraten habe. Daran war jedoch Müller, der übrigens am selben Tage von seiner Stellung abgelöst wurde, ganz unschuldig. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Graf Adalbert Sternberg hat mit der Gattin des russischen Großfürsten Paul und mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinandüber diese Affäre gesprochen und deduziert aus dieser Unterredung, daß es Redl gewesen sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, dem sicheren Tode ausgeliefert habe.
Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem Obersten Redl die Schuld am Weltkrieg. „Dieser Schurke,“ sagt er von Redl, „hat jeden österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen aus und verhinderte, daß wir die russischen Geheimnisse durch Spione erfuhren. So blieb den Österreichern und den Deutschen im Jahre 1914 die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die ganze österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt, – daher unsere Kriegslust und unsere Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann hätten unsere Generale die Hofwürdenträger nicht in den Krieg getrieben.“
Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß Redl alle österreichisch-ungarischen und sogar deutschen Spione, die in Rußland tätig waren, an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten erhoben. Diese Behauptungen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich, ebenso wie die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung hat der österreichische Landesverteidigungsminister FML. Lt.v. Georgi das zwar bestritten, aber er hat darin ebenso unrecht gehabt, wie in der Bestimmung des Zeitpunktes, seit welchem Redl in feindlichen Diensten stand. Georgi war eben vom Generalstabskorps düpiert, das Einen der ihrigen auch dann noch zu entlasten versuchte, wenn er schon des größten militärischen Verbrechens überführt war. Redl mußte alles verraten, was man von ihm verlangte; das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt, wie Redl zum Spionagedienst angeworben worden sein muß, und wie sehr er sich daher in den Händen seiner Auftraggeber befand.
Ein Mann von den Fähigkeiten und dem Range Redls konnte nicht so zur Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte, bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein Honorarvon 200 Franken und große Komplimente der „entzückten“ Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, – er möge sich Urlaub nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab, so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, „weil man den wertvollen Mitarbeiter doch nicht verlieren wolle“. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden. „Unbefugte Mitteilungen an die Presse“, vielleicht gar „Verrat militärischer Geheimnisse“, – denn was konnte nicht alles als militärisches Geheimnis angesehen werden!
Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesengetrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten.
Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione, Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu überantworten! Da – trotz Lassalle – die Arbeit stärker auf den Arbeiter abfärbt, als der Arbeiterauf die Arbeit, mußte in ihm der Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben – wenn er nicht das Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene nicht wußten, – daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege. Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, derjenige gewesen war, der Redl – allerdings lange vorher – zum Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser Anomalie mußteihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und vielleicht noch höher.