X.Was sich in Donegal zugetragen hatte.

Dank den Lehren der Großmutter eignete er sich auch schnell die Gebote der Religion an, wie sie die katholische Lehre vorschreibt und die alle tief im Herzen jedes Irländers wurzeln. Jeden Tag verrichtete er sein Morgen- und sein Abendgebet mit aufrichtiger Innigkeit.

Der Winter verstrich – ein sehr kalter Winter mit vielen Stürmen, die oft erschreckend durch das Thal des Cashen brausten. Oft fürchtete man, daß die Strohdächer abgerissen oder daß die Lehmwände nicht Stand halten würden. Von dem Middleman John Eldon Reparaturen zu verlangen, wäre ganz nutzlos gewesen. Martin Mac Carthy und seine Kinder mußten sich eben selbst zu helfen suchen. Neben dem Ausdreschendes Getreides nahm sie das am meisten in Anspruch: hier war ein Stück Strohdach wieder herzustellen, dort eine Mauer zu dichten und an vielen Stellen die Einfriedigung zu stützen.

Inzwischen arbeiteten die Frauen in verschiedener Weise; die Großmutter spann fleißig in der Nähe des Kamins, Martine und Kitty besorgten die Ställe und den Geflügelhof, wobei sie der Findling nach Möglichkeit unterstützte. Er achtete genau auf alles, was den Betrieb der Wirthschaft anging. Zu jung, um schon mit Pferden umzugehen, hat er mit einem grauen Langohr, einem gutmüthigen Thiere, fast Freundschaft geschlossen, die dieser ihm erwiderte. Er wollte, daß sein Esel ebenso sauber aussähe, wie er selbst, was ihm Martines besondre Anerkennung einbrachte. Bei den Schweinen wäre das freilich ein vergebliches Bemühen gewesen, so daß er darauf von vornherein verzichtete. Die Zahl der Schafe hatte er, nach sorgfältiger Feststellung derselben – mit 103 – in ein altes von Kitty erhaltenes Notizbuch eingetragen. Seine Neigung für eine solche Buchführung trat immer mehr hervor, und man hätte glauben können, daß ihm O'Bodkins in derRagged-Schooldiese übererbt habe.

Seine Peinlichkeit darin trat besonders hervor, als Martine eines Tags einige von den für den Winter aufbewahrten Eiern holen wollte.

Die Pächterin nahm etwa zwölf ohne Wahl heraus, als der Findling ihr zurief:

»Nicht diese, Frau Martine?

– Diese nicht?... Warum denn nicht?

– Weil dadurch die gehörige Ordnung gestört würde.

– Welche Ordnung?... Sind denn diese Hühnereier einander nicht ganz gleich?

– Gewiß nicht. Sie haben das achtundvierzigste genommen, wo Sie beim siebenunddreißigsten hätten anfangen sollen. Sehen Sie nur hin.«

Wirklich entdeckte Martine da, daß jedes Ei eine Nummer auf der Schale trug, eine Nummer, die der kleine Knabe mit Tinte darauf geschrieben hatte. Da die Farmersfrau zwölf Eier haben wollte, mußte sie sie der Reihe nach entnehmen, d. h. vom siebenunddreißigsten bis mit dem achtundvierzigsten, nicht aber die Nummern achtundvierzig bis mit neunundfünfzig. Das that sie denn auch, nachdem sie das Knäblein für seinen Ordnungssinn belobt hatte.

Als sie die Sache beim Frühstück erwähnte, schlossen sich alle diesem Lobspruche an und Murdock fragte:

»Findling, hast Du denn auch die Hennen und die Küchlein im Hühnerstalle gezählt?

– O, gewiß!«

Damit zog er sein Notizbuch heraus.

»Es sind dreiundvierzig Hühner und neunundsechzig Küchlein darin.«

Darauf konnte sich Sim nicht enthalten zu bemerken:

»Du solltest auch zählen, wie viele Haferkörner in jedem Scheffel stecken....

– Scherzt darüber nicht! fiel Martin Mac Carthy ein. Das beweist, daß er Ordnung hält, und Ordnung im Kleinen bedeutet erst recht auch Ordnung im Großen und im ganzen Leben.«

Dann wendete er sich an das Kind:

»Und Deine Kiesel, fragte er, die Steine, die ich Dir jeden Abend gebe?...

– Die liegen in der Kruke, Herr Martin; ich habe schon siebenundfünfzig.

– O, sagte die Großmutter lächelnd, das wären ja für ebenso viele Tage bereits siebenundfünfzig Pence, den Stein einen Penny gerechnet.

– He, Kleiner, scherzte Sim, für das Geld könntest Du Dir aber eine Menge Kuchen kaufen.

– Kuchen, Sim?... Ach nein, da würd' ich schöne Schreibhefte vorziehen!«

Das Ende des Jahres nahte heran. Auf den stürmischen November folgte eine sehr harte Kälte. Eine dichte Lage gefrorenen Schnees bedeckte die Erde, und für den Knaben war es ein entzückendes Bild, die Bäume im Schmuck des Reifs und da und dort mit glitzernden Eiszapfen zu sehen. Auf den Scheiben der Fenster schlug sich die Feuchtigkeit in formenreichen Krystallen nieder, die hübsche Zeichnungen bildeten. Dazu war der Fluß ganz zugefroren und auf ihm lagerten übereinander gethürmt massige Schollen. Diese Winterbilder waren für ihn zwar nichts neues, denn er hatte sie auf den Landstraßen von Galway bis Claddagh wiederholt gesehen. Zu jener traurigen Zeit trug er aber kaum etwas auf dem Leibe und watete mit nackten Füßen durch den Schnee. Da thränten ihm die Augen und seine Hände wurden ihm rissig. Und wenn er dann in die Lumpenschule zurückkam, gab's für ihn kein Plätzchen am Ofen.

Wie glücklich fühlte er sich dagegen jetzt. Wie zufrieden verbrachte er seine Tage bei diesen einfachen Leuten, die ihn aber liebten! Fast schien es, als ob deren Zuneigung ihn noch mehr erwärmte, als seineKleider, die ihn vor der eisigen Zugluft schützten, als die gesunde Nahrung, die auf den Tisch kam, mehr als die lodernden Flammen im Kamin. Jetzt, wo er sich schon etwas nützlich machte, fühlte er sich wie zum Hause gehörig. Hier hatte er eine Großmutter, eine Mutter, Brüder, Eltern.... Bei ihnen, so dachte er, wollte er sein ganzes Leben verbringen. Hier wollte er sich seinen Unterhalt verdienen, das war und blieb sein einziger Gedanke.

Wie freute er sich, zum ersten Male an dem Feste theilzunehmen, das im irischen Kirchenjahre fast als das heiligste gefeiert wird.

Es war der 25. December, Weihnachten, die Christmas. Der Findling wußte schon, welchem historischen Ereignisse die Feier galt, die alle Christen an diesem Tage veranstalten. Unbekannt war ihm aber, daß man im Vereinigten Königreich damit auch ein schönes Familienfest verband. Für ihn mußte das also eine Ueberraschung werden. Er bemerkte wohl am Morgen ungewöhnliche Vorbereitungen. Da die Großmutter, Martine und Kitty dieselben jedoch mit vollständiger Heimlichkeit betrieben, hütete er sich wohl, sie darüber zu fragen.

Jedenfalls wurde er veranlaßt, die besten Kleider anzulegen, was Martin Mac Carthy und seine Söhne, die Großmutter, deren Tochter und Kitty schon sehr frühzeitig gethan hatten, um nach der Kirche in Silton zu fahren. Sie behielten den Staat auch den ganzen Tag über an. Dazu kam, daß das Mittagsessen heute für zwei Stunden später angesetzt und es fast schon Nacht war, als der Tisch im großen Zimmer mit einem Reichthum an Licht, der geradezu blendend wirkte, hergerichtet wurde. Ferner gab es ganz besonders ausgewählte Speisen und derengar noch drei oder vier Gerichte mehr als gewöhnlich. Hierzu wurde schäumendes Bier aufgetragen und ein Ungeheuer von Kuchen, den Martine und Kitty nach einem schon sehr lange Zeit in der Familie aufbewahrten Recepte hergestellt hatten.

Daß tüchtig gegessen und getrunken wurde, versteht sich ja von selbst. Alle waren höchst aufgeräumt. Selbst Murdock ließ sich weit mehr gehen, als er das sonst zu thun pflegte. Wenn die andern laut auflachten, lächelte er freilich nur, und ein Lächeln von ihm glich einem Sonnenstrahl im Nebel.

Am meisten freute sich der Findling über den auf dem Tische stehenden Christbaum, eine Tanne mit Bänderschmuck und mit Lichtsternen, die zwischen den Zweigen funkelten.

Da sagte die Großmutter zu ihm:

»Sieh nur auch unter die Zweige, Kleiner; ich glaube, da findet sich noch etwas für Dich!«

Der Findling ließ sich darum nicht bitten; doch wie beglückt fühlte er sich, wie rötheten sich seine Wangen vor Vergnügen, als er unter dem Baume ein schönes irländisches Messer mit an einem Ledergürtel befestigter Tragkette entdeckte.

Das war das erste Weihnachtsgeschenk, das er je erhalten hatte, und wie stolz fühlte er sich, als Sim ihm half, den Ledergurt um die Hüften zu schnallen.

»Ach, herzinnigen Dank, Großmutter, herzlichen Dank allen... allen!« rief er jubelnd, während er von einem zum andern ging.

Wir dürfen jetzt nicht unerwähnt lassen, daß dem Farmer Mac Carthy der Gedanke gekommen war, wegen des Civilverhältnisses seines Adoptivkindes Nachforschungen anzustellen. Bekannt war dessen Lebensgeschichte ja nur seit dem Tage, wo gute Menschen den Knaben der schlechten Behandlung des Puppenschaustellers entzogen. Bezüglich seiner früheren Existenz hatte der Kleine, wie wir wissen, eine unklare Erinnerung davon bewahrt, daß er bei einer recht bösen Frau, zugleich mit einem oder auch zwei Mädchen, in einem Dörfchen des inneren Donegal gewohnt hatte. Nach dieser Seite hin mußte Martin seine Nachforschungen also richten.

Dadurch erhielt er aber nur folgende Aufschlüsse: Im Armenhause von Donegal fand sich die Spur eines achtzehnmonatlichen Kindes, das unter der Bezeichnung »Der Findling« aufgenommen und später in ein Dorf der Grafschaft an eine Frau abgegeben worden war, die sich mit dem Aufziehen kleiner Kinder gegen Entgelt befaßte.

Wir wollen diese Nachricht durch weitere uns zugegangene Aufklärungen vervollständigen. Diese ergeben freilich nur die ganz gewöhnliche Geschichte kleiner, unglücklicher Wesen, die der öffentlichen Fürsorge anheimgefallen sind.

Donegal, mit einer Bevölkerung von zweimalhunderttausend Seelen, ist vielleicht die allerärmste Grafschaft in der Provinz Ulster, ja in ganz Irland.Vor einigen Jahren gab es dort kaum zwei Matratzen und acht Strohsäcke auf je viertausend Einwohner. In jenen unfruchtbaren nördlichen Gebieten der Insel fehlt es nicht an willigen Armen für den Landbau, wohl aber an anbaufähigem Boden. Der ausdauernste Arbeiter erschöpft sich dort vergebens. Im Innern sieht man nichts als dürre Thalmulden, öde Schluchten, hügeliges Land, Steinwüsten, sandige Dünen, gähnende Torfmoore, wie sumpfige Strecken, überragt von steilen Höhen, wie den Glendowan- und den Derryveaghbergen, kurz ein »zerbrochenes Land«, wie die Engländer sagen. An der Küste finden sich Baien und Fjorde, Buchten und Einschnitte, die ebenso viele Aushöhlungen bilden, worin die Winde vom hohen Meere sich fangen.... riesige Granitorgeln, die der Ocean mit vollen Lungen anbläst. Gerade Donegal ist den von Amerika herüberbrausenden Stürmen, die unterwegs noch locale Wirbel mit sich fortreißen, in erster Linie ausgesetzt. Es ist wirklich eine Eisenküste nothwendig, um dem Anprall der wüthenden Nordwestwinde zu widerstehen.

Vorzüglich die Bai von Donegal, an der der Fischerhafen gleichen Namens liegt und die gleich einem Haifischrachen aus dem Lande geschnitten ist, leidet unter diesen von Seenebeln geschwängerten Luftströmungen. Durch das im Hintergrunde der Bai gelegene Städtchen fegt immer eine scharfe Brise. Die umliegende Hügelwand vermag die Schneestürme nicht zu brechen, und diese haben noch nichts von ihrer Wuth verloren, wenn sie das Dorf Rindok, sieben Meilen von Donegal, erreichen.

Ein Dorf?... Nein. Kaum zehn längs einer engen Thalschlucht verstreute Hütten, zwischen diesen ein Wasserlauf, der im Sommer ein dürftiger Wasserfaden,im Winter oft ein brausender Strom ist. Von Donegal nach Rindok giebt es keinen gebahnten Weg, nur einige Pfade, die kaum für die landesüblichen Karren benutzbar sind, welche man mit den klugen, sicher auftretenden irländischen Pferden bespannt. Auch ein Jaunting-car rollt wohl zuweilen mühsam darüber. Trotz den in Irland schon vorhandenen Eisenbahnen scheint der Tag noch sehr fern zu sein, wo das Dampfroß regelmäßig das Gebiet von Ulster durcheilt. Flecken und Dörfer sind ja auch zu selten, das Ziel der meisten Reisenden sind nur einfache Pachthöfe.

Da und dort lugen jedoch einige Schlösser aus üppigem Grün hervor und ergötzen das Auge durch den phantastischen Schmuck ihrer angelsächsischen Bauart. So mehr im Nordwesten und nach Milford zu der Herrschaftssitz Carrikhart inmitten einer ausgedehnten Domäne von neunzigtausend Acres (36.000 Hektar), das Besitzthum des Grafen von Leitrim.

Die Häuschen oder Hütten des Dorfes Rindok – gewöhnlich nennt man sie nur »Cabinen« – haben alle Strohdächer, die zwar gegen die Winterregen nicht besonders schützen, im Sommer aber mit blühenden Levkojen und mit wucherndem Hauslaub bedeckt sind. Ein solches Strohdach liegt auf Wänden aus getrocknetem Lehm, der nothdürftig mit Kieselschichten verstärkt ist, und die meist so viele Risse zeigen, daß sie kaum mit der Ajoupa der Wilden oder der Isba der Kamtschadalen einen Vergleich aushalten. Man würde nicht glauben, daß solche Eulennester menschlichen Wesen zur Wohnung dienen, ohne den bläulichen Rauch, der aus der Blumendecke hervorwirbelt. Holz oder Steinkohle erzeugen diesen Rauch freilich nicht, nur Torf aus den benachbarten Sümpfen, der »Bog« von rostbraunerFarbe, den sich die Bewohner von Rindok nach Bedarf aus der nassen Erde schneiden.[4]

Durch Kälte umzukommen, brauchte in diesem rauhen Lande niemand zu fürchten, leider aber weit eher durch Hunger. Der Boden liefert hier kaum einige Gemüse und wenige Früchte; nichts will recht gedeihen, mit einziger Ausnahme der Kartoffeln.

Als Zulage zu der dürftigen Nahrung hat der Bauer von Donegal höchstens gelegentlich eine Gans oder eine Ente, und auch davon nur die wild vorkommenden, da sie weniger gezüchtet werden. Das Wild, Hasen, wilde Kaninchen u. dergl., gehört allemal dem Landlord. Weiter giebt es, in den Schluchten zerstreut, einige Ziegen, die etwas Milch liefern, und schwarzborstige Schweine, die sich mühsam ihr Futter suchen müssen. Das Schwein ist hier der wirkliche Hausfreund, ganz wie der Hund in mehr begünstigten Ländern. Es ist »der Herr, der die Rente bezahlt«, wie der bezeichnende Ausspruch lautet.

Eine der erbärmlichsten Hütten von Rindok enthielt folgendes: einen einzigen Wohnraum, den eine wurmzerfressene, windschiefe Thür abschließt; zwei Löcher zur Rechten und zur Linken, die durch eine Lage dürres Stroh etwas Licht und Luft eindringen lassen; auf dem Fußboden eine Decke von Schmutz; an den Dachsparren Fetzen von Spinngewebe; im Hintergrunde einen Herd, dessen Rauchfang bis zum Strohdach hinausreicht; ein elendes Lager in einemWinkel, eine Streu im andern. An Mobiliar fand sich eine bucklige Bank, ein wackliger Tisch, ein alter Kübel mit grünlichen Schimmelstreifen, ein Spinnrad mit knarrender Kurbel. Als Geräthe ferner ein Kochtopf, eine kleine Pfanne, einige wohl kaum jemals gereinigte Näpfe und zwei oder drei Flaschen, die mit Wasser aus dem Bache gefüllt wurden, nachdem sie von dem vorher darin enthaltenen Whisky oder Gin geleert waren. Da und dort hingen oder lagen Fetzen und Lumpen umher, die kaum noch die Form von Kleidungsstücken verriethen, und etwas schmutzige Wäsche, die entweder im Kübel eingeweicht war oder draußen auf einer Stange zum Trocknen hing. Auf dem Tische aber lag fortwährend eine vom vielen Gebrauch abgenutzte Ruthe. Das war das Elend im schlimmsten Grade... das Elend, wie es in den ärmsten Stadttheilen Dublins oder Londons, in Glerkenwell, Marylebone und in Whitechapel herrscht, das irische Elend, das schlimmste von allen, das Gespenst, das in den Ghettos des Ostends spukt. Die Luft freilich ist in den Spelunken von Donegal nicht in gleicher Weise verpestet; hier athmet man die belebende Luft der Berge und die Lunge füllt sich nicht mit gefährlichen Miasmen, den gesundheitsschädlichen Ausdünstungen der großen Städte.

Natürlich war in dieser Hütte das Lager der Hard vorbehalten, die Streu aber für die Kinder bestimmt und... die Ruthe ebenfalls.

Die »Hard«, so bezeichnete man die Bewohnerin, d. h. »die Harte«, und diesen Namen verdiente sie in der That. Es war die abstoßendste Megäre, die man sich nur vorstellen kann, zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, lang und stark, mit dünnem, wirr herabhängendem Haar, von rothen Brauen überschattetenAugen, mit Hakenzähnen, schnabelförmiger Nase, knochigen Händen – mehr Tatzen als Händen – mit Krallen als Fingern, nach Alkohol riechendem Athem und bedeckt mit einem zerschlitzten Hemd und zerrissenem Rocke, während sie stets barfuß ging und auch eine so derbe Haut an den Fußsohlen hatte, daß diese nicht einmal durch das Gehen über lose Kieselsteine belästigt wurden.

Dieser weibliche Drache beschäftigte sich mit dem Spinnen von Leinen, das in Irland, vorzüglich aber von den Bäuerinnen in Ulster, gewöhnlich betrieben wird. Die Leinencultur liefert auch wirklich noch einige Ausbeute, obwohl sie an die der Ackerfruchternten eines besseren Bodens nicht heranreicht.

Mit dieser Arbeit, die ihr täglich einige Pence einbrachte, verband die Hard noch eine andre – für sie ganz unpassende – Erwerbsquelle: sie zog kleine Kinder auf, die ihr von öffentlichen Anstalten überwiesen wurden.

Bei Ueberfüllung der Armenhäuser der Städte oder bei drohenden Seuchen schickt man diese zu bejahrteren Frauen, die ihre mütterliche Sorge ebenso verkaufen, wie sie jede andre Waare verkaufen würden, und zwar zu einem Jahrespreise von zwei oder drei Pfund Sterling (40 oder 60 Mark). Erreicht das Kind ein Alter von fünf bis sechs Jahren, so wird es an das Armenhaus zurückgegeben. Die Pflegemutter kann bei jener geringen Entlohnung für sich kaum etwas erübrigen. Und wenn solch ein Baby unglücklicher Weise in die Hände eines Geschöpfes ohne Herz und Gemüth fällt – was gar so häufig zutrifft – so ist es nicht selten, daß es an der schlechten Behandlung und dem Mangel an Nahrung zu Grunde geht. Wie viele solcher schwachen Menschenkinder gelangen in das Armenhausnicht wieder zurück! – Das war wenigstens der Fall vor dem Kinderschutz-Gesetz von 1889, das in Folge strenger Ueberwachung der »Engelmacherinnen« die Sterblichkeit der auf der Stadt weggegebenen Kinder wesenlich vermindert hat.

Zur Zeit, von der wir berichten, bestand nur eine leichte oder gar keine Beaufsichtigung. In Rindok hatte die Hard weder den Besuch eines Inspectors, noch auch eine Anklage seitens der im eignen Unglück verhärteten Nachbarn zu fürchten.

Vom Armenhause in Donegal waren ihr drei Kinder anvertraut worden, zwei kleine Mädchen von vier und von sechseinhalb Jahren, und ein Knäblein von zwei Jahren und neun Monaten.

Natürlich waren es verlassene Kinder oder gar aus der Straße gefundene Waisen. Jedenfalls kannte man ihre Eltern nicht und würde man diese auch nie kennen lernen. Mit der Rückkehr nach Donegal stand ihnen blos das Work-House (Arbeitsanstalt) offen, das Work-House, das sich in allen Städten und selbst in vielen Dörfern Großbritanniens wiederfindet.

Im Armenhause erhielten die eingelieferten Pfleglinge den ersten besten Namen. Der des jüngsten der kleinen Mädchen interessiert uns nicht, denn sie steht nahe vor ihrem Ende. Die größere hieß Sissy, eine Abkürzung von Cecily. Ein hübsches, blondhaariges Kind, das sich bei besserer Pflege gewiß vorzüglich entwickelt hätte, war es, mit großen blauen, intelligenten, guten Augen, deren Klarheit durch Thränen freilich schon gelitten hatte. Jetzt erschienen, bei der schlechten Behandlung, ihre Züge dagegen matt und traurig, der Teint erblaßt, die Glieder abgemagert, die Brust eingesunken, und weit sprangen unter ihren Lumpendie eckigen Hüften hervor. Bei ihrem geduldigen fügsamen Charakter nahm sie jedoch das Leben hin, wie es eben war, ohne nur daran zu denken, daß es auch anders sein könnte. Mutterliebe und häusliche Pflege hatte sie ja nie gekannt, und im Armenhause wurden die Kinder auch nicht viel anders behandelt, denn als kleine Thiere.

Der Knabe bei der Hard hatte gar keinen Namen. Er war im Alter von sechs Monaten an einer Straßenecke in Donegal gefunden worden, wo er, blau im Gesicht und fast athemlos, in ein Stück grobes Leinen gewickelt gelegen hatte. Im Armenhause war er zu den übrigen Kindern gesteckt worden, ohne daß es jemand einfiel, ihm einen Namen zu geben. Aus Gewohnheit nannte man ihn einfach »Little-Boy«, Kleiner Junge oder »Findling«, und die Bezeichnung war ihm bekanntlich geblieben. Offenbar war er einer reichen Familie nicht etwa gestohlen worden; so etwas ist nur in Romanen beliebt.

Von den »drei Stücken« jener Sendung war der Findling der jüngste, nur zwei Jahre neun Monate alt. Brünett, mit leuchtenden Augen, die auf erwachende Energie schließen ließen, wenn sie der Tod nicht vorzeitig schloß, zeigte er eine kräftige Constitution, wenn die Pestluft dieser Hütte, die unzureichende Nahrung diese nicht erschütterten und ihm dafür eine Rhachitis zuführten. Jedenfalls sollte dieser Kleine, der eine ungewöhnliche Lebenskraft besaß, allen Schädlichkeiten einen merkwürdigen Widerstand entgegensetzen. Immer hungrig, wog er freilich nur halb so viel, wie sonst Kinder dieses Alters. Während der langen Winter Irlands immer vor Kälte zitternd, trug er über seinem zerrissenen Hemd nur ein Stück alten gerippten Sammet, in das für die Arme einfach zwei Löcher geschnittenwaren. Trotz der bloßen Füße trabte er ruhig seines Weges. Schon die geringste Sorgfalt hätte dieser Natur gewiß schnell Kräfte gegeben, die sie später in Intelligenz umgesetzt hätte. Doch wo sollte er diese Sorgfalt finden?

Das jüngste der kleinen Mädchen lag an einem schleichenden Fieber danieder. Das Leben entwich aus ihr, wie das Wasser aus einem gesprungenen Gefäße sickert. Sie hätte Arzneien gebraucht, doch diese sind theuer; hätte einen Arzt haben müssen, doch wo wäre ein solcher bereit gewesen, von Donegal aus so ein armes gottverlassenes Geschöpfchen zu besuchen? Die Hard machte sich hierüber also keine Sorge. Starb die Kleine, so »lieferte« ihr das Armenhaus einen Ersatz und sie büßte nichts von den wenigen Schillingen ein, die für sie vielleicht noch abfielen.

Da im Rindoker Bache aber kein Gin, kein Whisky oder Porter floß, nahm die Befriedigung der Leidenschaft dieser Trunksüchtigen freilich den größten Theil des erhaltenen Pensionsgeldes in Anspruch. Augenblicklich besaß sie von der Januarzahlung im Betrag von fünfzig Schillingen für jedes Kind und für das ganze Jahr nur noch zehn bis zwölf. Womit sollte sie nun die Bedürfnisse ihrer Pfleglinge decken? Lief sie auch nicht Gefahr, vor Durst zu sterben, da sich in einem Winkel der Hütte noch einige Flaschen versteckt fanden, so drohte doch dafür der Hungertod den Kleinen.

Zuweilen dachte die Hard wohl auch hieran, soweit es ihr von Alkohol vergiftetes Gehirn zuließ. Ein Gesuch um Zuschuß zu dem Pensionsbetrage wäre bestimmt nutzlos gewesen. Es waren zu viel Kinder vorhanden, für die die öffentliche Mildthätigkeit eintreten mußte. War sie gezwungen, ihre Pfleglinge zurückzuschicken,so verlor sie ihren Broderwerb und mußte sie dem guten Gin Valet sagen. Das schnitt ihr ins Herz, nicht aber der Gedanke, daß das arme, kranke Würmchen seit gestern keinen Bissen genossen hatte.

Das Ergebniß solcher Betrachtungen lief immer darauf hinaus, daß sie von neuem zu trinken anfing. Jammerten die Mädchen und der kleine Knabe, so gab es Schläge. Verlangten sie nach Brod, so erhielten sie einen Stoß, daß sie zurücktaumelten. Natürlich konnte das nicht für immer so fortgehen. Für die wenigen Schillinge, die noch in ihrer Tasche klimperten, hätte sie wohl oder übel einige Nahrungsmittel erkaufen müssen, denn Credit hätte ihr niemand mehr gewährt.

»Nein... nein... nein! polterte sie. Die Bettelkinder mögen lieber ins Gras beißen!«

Es war jetzt Mitte October. In der kaum verschlossenen Hütte wurde es schon recht kalt und durch das da und dort mangelhafte Strohdach sickerte der Regen. Der Wind pfiff durch das morsche Gebälk. Das dürftige Torffeuer vermochte keine erträgliche Temperatur zu erhalten. Sissy und Findling drängten sich dicht aneinander, um sich nur etwas zu erwärmen.

Während das Fieber die kleine Kranke auf dem Strohlager schüttelte, schwankte die Megäre trunken hin und her, und vorsichtig wich ihr das Knäblein aus, den sie sonst gewiß umgestoßen hätte. Sissy kniete neben der Leidenden und netzte deren trockene Lippen mit kaltem Wasser. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick in den Kamin, worin die schwache Torfgluth zu erlöschen drohte. Auch der Topf stand nicht auf dem Dreifuß. Wozu auch? Es war ja nichts hineinzuthun im Hause.

Die Hard aber knurrte für sich:

»Fünfzig Schillinge!... Dafür soll unsereins ein Kind erhalten! Und wenn ich von den Steinklötzen im Armenhause einen Zuschuß verlangte, da würden sie mich schön heimschicken!«

Das war freilich richtig. Doch selbst bei höherer Entschädigung hätten die beklagenswerten Pflegekinder der Hard auch kein Stückchen Brod mehr bekommen.

Am letzten Tage war der letzte »Stirabout«, ein dickes, mit Wasser gekochtes Hafermehlmus, aufgegessen worden, und seitdem hatte in der Hütte niemand, auch die Hard nicht, einen Bissen über die Lippen gebracht. Die Frau selbst hielt sich mit Gin aufrecht, hütete sich aber wohl, für Nahrungsmittel auch nur einen Penny ihres letzten Geldes auszugeben. So blieb ihr nichts andres übrig, als von einem Felde einige Kartoffeln für das Abendbrod zu holen....

Da machte sich von draußen ein tiefes Grunzen hörbar. Die Thür wurde aufgestoßen. Ein Schwein, das durch die kothige Dorfstraße trabte, drang in die Hütte ein.

Das hungrige Thier durchsuchte laut schnüffelnd alle Ecken und Winkel. Die Hard schloß die Thür wieder, bemühte sich aber gar nicht, den Eindringling wieder zu entfernen, sondern sah das Thier nur mit den unstäten Blicken eines Trunkenboldes an.

Sissy und Findling sprangen auf, um dem Borstenvieh aus dem Wege zu gehen. Während dieses mit dem Rüssel den Schmutz des Fußbodens durchwühlte, leitete es sein Instinct hinter den erloschenen Kamin, wo es eine dahin verlorene Kartoffel fand. Sofort packte es diese mit den Zähnen.

Findling bemerkte es. Diese Knollenfrucht konnte er selbst gebrauchen. So stürzte er sich auf das Thier auf die Gefahr hin, getreten und gebissen zu werden.Dann rief er Sissy, und beide verzehrten die Kartoffel mit gierigen Lippen.

Das Thier blieb einen Augenblick stehen, dann stürzte es auf das Kind zu.

Der Findling suchte, noch mit einem Stück Kartoffel in der Hand, zu entfliehen; ohne das Dazwischentreten der Hard wäre er aber, weil er hingefallen war, gewiß arg gebissen worden, obgleich ihm Sissy schon zu Hilfe gekommen war.

Die betrunkne Frau begriff endlich, was hier vorging. Mit einem Stocke schlug sie jetzt auf das Schwein los, das nicht sobald nachgeben zu wollen schien. Ihre schlecht gezielten Streiche hätten Findling beinahe den Kopf zerschmettert, und der Ausgang dieses Zwischenfalles wäre sehr unsicher geworden, als sich an der Thür ein leichtes Geräusch vernehmen ließ.

Die Hard erschrak fast. In ihre Höhle kam ja sonst kein Mensch. Und warum gar an die Thür klopfen? Man brauchte diese ja nur aufzuklinken.

Die Kinder waren in einen Winkel geflüchtet, wo sie schmunzelnd und mit aufgetriebenen Wangen ihre Kartoffel vollends aufaßen.

Da klopfte es von neuem und etwas stärker. Vielleicht stand ein Straßenbettler draußen, der hier, in der Hütte der Armuth, noch um ein Almosen ansprechen wollte.

Die Hard richtete sich auf, suchte einen festen Stand zu gewinnen und machte den Kindern ein drohendes Zeichen. Es konnte ja auch ein Inspector aus Donegal sein, und vor dem durften doch Findling und seine Genossin nicht vor Hunger jammern.

Die Thür ging auf und mit wildem Grunzen drängte sich das Borstenvieh hinaus.

Ein auf der Schwelle stehender Mann wäre beinahe umgerannt worden. Er richtete sich wieder zurecht, doch statt ungehalten zu sein, schien er sich vielmehr wegen der durch ihn verursachten Störung entschuldigen zu wollen. Sein Gruß galt fast ebenso viel dem unreinlichen Vierfüßler, wie der nicht minder unreinlichen Insassin der Hütte. Es konnte ihn ja nicht verwundern, aus dem Schmutz des Innern ein Schwein hervorbrechen zu sehen.

»Was wollen Sie?... Wer sind Sie? fragte die Hard barsch, während sie dem Fremdling den Weg versperrte.

– Ich bin ein Agent, liebe Frau,« antwortete der Mann.

Ein Agent?... dieses Wort machte sie zurücktaumeln; der Mann konnte ja zu der Waisenkinderpflege gehören, obgleich sich ein Inspector im Dorfe Rindok noch so gut wie nie hatte sehen lassen. Vielleicht kam dieser Mann wirklich, um über die aufs Land geschickten Kinder Bericht zu erstatten, und um nach dieser Seite ganz sicher zu gehen, bemühte sich die Hard sofort, ihn durch ihre Redseligkeit zu verblüffen.

»O, verzeihen Sie, mein Herr!... Sie kommen grade, wo ich im Begriff stehe, rein zu machen... diese lieben Kleinen; sehen Sie, wie die sichs wohl sein lassen? Sie haben eben eine tüchtige Schüssel Hafergrützsuppeverzehrt.... Das Mädchen da und der Knabe, versteht sich, denn die andre liegt leider krank... ja... an einem Fieber, dem keiner Einhalt zu thun vermag. Ich wollte schon nach Donegal, einen Doctor zu holen.... Die armen süßen Herzchen, ich hänge so sehr an den Kleinen!«

Mit ihren rohen Gesichtszügen und dem wilden Blicke ähnelte die Hard jetzt einer Tigerin, die das zahme Kätzchen spielen möchte.

»Herr Inspector, fuhr sie fort, wenn das Armenhaus mir einen Beitrag zu den Kosten der Arzneien bewilligen wollte. Man hat ja kaum so viel, daß es zum Essen und Trinken ausreicht.

– Ich bin kein Inspector, gute Frau, unterbrach sie der Mann mit süßlicher Stimme.

– Was sind Sie denn?... fragte die Hard schon aufbrausend.

– Der Vertreter einer Versicherungsgesellschaft.«

Der Fremde gehörte zu den Agenten, von denen es in Irland ebensoviele giebt, wie Disteln auf Unland. Sie durchstreifen alle Dörfer, um das Leben der Kinder zu versichern, was unter den obwaltenden Umständen so viel bedeutet, wie ihnen den Tod zu sichern. Gegen monatliche Zahlung weniger Pence haben – so entsetzlich das klingt – Eltern oder Pflegeeltern, lauter solch verabscheuungswürdige Geschöpfe wie die Hard, die »frohe Hoffnung«, beim Ableben der Kleinen eine »Tröstung« von drei bis vier Pfund Sterling (sechzig bis achtzig Mark) einzureichen. Das ist geradezu eine Verleitung zum Verbrechen und eine so mächtige Triebfeder, daß die ungeheure Kindersterblichkeit zu einer wirklichen nationalen Gefahr geworden ist. Mit Recht hat deshalb Day, der Vorsitzende des Schwurgerichtsin Wiltshire die Anstalten, die daran schuld sind, als Landplagen, als Schulen für Mord und Brandstiftung gekennzeichnet.

Seit jener Zeit hat das schon erwähnte Gesetz von 1889 allerdings eine wesentliche Besserung dieser Zustände erzwungen, und so ist es auch nicht zu verwundern, daß die »Gesellschaft zur Ausrottung der Grausamkeit gegen Kinder« heute schon recht gute Erfolge erzielt.

Wer erröthet aber nicht vor zorniger Ueberraschung, daß gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein solches Gesetz bei einer civilisierten Nation nothwendig war, ein Gesetz, das die Eltern verpflichtet, »die Wesen, die ihrer Obhut unterstehen, auch zu ernähren und, selbst wenn sie diese nur in Pflege genommen hatten, sie zwingt, für die Bedürfnisse der Unmündigen unter ihrem Dache zu sorgen« – und das unter Androhung schwerer Strafe, die bis zu zwei Jahren Zwangsarbeit gehen kann.

O, der Schande, das es eines Gesetzes bedurfte, wo das natürliche Gefühl hätte ausreichen müssen!

Zur Zeit des Anfangs dieser Erzählung gab es freilich noch keinen Schutz für die, den Armenanstalten anheimgefallenen Kinder.

Der Agent, der sich der Hard hier vorstellte, war ein Mann in den hohen Vierzigern, mit lauernder Miene und einschmeichelnder Rede und Haltung – der richtige Typus jener Unterhändler, denen es nur um ihre Provision zu thun ist und die kein Mittel scheuen, sich diese zu verdienen. Er hoffte auch hier »sein Geschäft zu machen«, indem er der Megäre schmeichelte, sich stellte, als ob er von dem traurigen Zustande ihrer Opfer nichts sehe, und indem er sie im Gegentheil beglückwünschtewegen der herzlichen Zuneigung, die sie für die Kleinen hegte.

»Liebe Frau, fuhr er fort, dürfte ich Sie wohl ersuchen, mit mir einen Augenblick hinauszutreten?

– Sie haben etwas mit mir zu sprechen? fragte die Hard, noch immer beunruhigt.

– Ja, beste Frau, über die kleinen Kinder hier... und ich würde mir Vorwürfe machen, die Angelegenheit in deren Beisein zu behandeln, da es ihnen vielleicht schmerzlich sein könnte...«

Beide traten hinaus, schlossen die Thür, und gingen einige Schritte fort.

»Nun, gute Frau, begann der Versicherungsagent, Sie haben also drei Kinder?

– Ja wohl.

– Ihre eignen?...

– Nein.

– Sind Sie mit denselben verwandt?

– Nein.

– Ah so, sie haben jene also wohl aus dem Donegaler Armenhause übernommen?

– Ganz recht.

– Dann, beste Frau, konnten sie ja gar nicht in bessere Hände kommen. Und doch kommt es trotz sorgsamster Pflege vor, daß solche kleine Wesen erkranken. Das Leben eines Kindes hängt oft nur an einem Faden, und ich glaube gesehen zu haben, daß die eine Ihrer zarten Pfleglinge...

– Ich thue, was ich kann, mein Herr, unterbrach ihn die Hard, die ihren Wolfsaugen mit Mühe eine Thräne entpreßte. Ich wache Tag und Nacht über diese Kinder... oft darbe ich selbst, damit es ihnen nicht am Nöthigen fehlt. Das Armenhaus zahlt für dieErziehung der Kleinen gar zu wenig, kaum drei Pfund, bester Herr, drei Pfund Sterling für das Jahr...

– Das reicht allerdings nicht aus, liebe Frau, und es bedarf einer großen Opferwilligkeit Ihrerseits, um die Bedürfnisse der hübschen Kinder zu decken... Sie haben zur Zeit also zwei kleine Mädchen und einen Knaben?...

– Ja.

– Ohne Zweifel Waisen?

– Jedenfalls.

– Meine vielfachen Berührungen mit Kindern erlauben mir, das Alter der Mädchen auf vier und sechs Jahre, das des kleinen Knaben auf zwei Jahre abzuschätzen...

– Wozu alle diese Fragen?

– Wozu? Das werden Sie gleich hören, gute Frau!«

Die Hard warf ihm einen forschenden Blick zu.

»Gewiß ist die Luft, fuhr er fort, in der Grafschaft Donegal sehr rein... die hygienischen Verhältnisse sind vortrefflich... Und doch, solche Babys sind so zarter Natur, daß es trotz Ihrer liebevollsten Pflege vorkommen kann – verzeihen Sie, wenn ich Ihnen das Herz zerreiße! –daß es vorkommen kann, eines oder das andre der Kleinen zu verlieren.... Sie sollten sie versichern....

– Sie versichern?...

– Jawohl, beste Frau; versichern... zu Ihrem Vortheil....

– Zu meinem Vortheil! rief die Hard, deren Blick sich durch die erwachende Habsucht belebte.

– Das werden Sie sofort verstehen. Durch monatliche Zahlung von wenigen Pencen an meineGesellschaft sichern Sie sich eine Summe von zwei bis drei Pfund Sterling, wenn eines der Kinder sterben sollte....

– Zwei bis drei Pfund!« wiederholte die Hard.

Der Agent konnte schon auf die Annahme seines Vorschlags rechnen.

»Das geschieht ganz allgemein, liebe Frau, fuhr er mit honigsüßer Stimme fort. Wir haben in den Pachthöfen von Donegal schon mehrere hundert Kinder versichert, und wenn auch nichts über den Tod eines zarten Wesens, das man herzinnig geliebt hat, eigentlich zu trösten vermag, so ist es doch mindestens... eine... eine Art Ersatz, ich gesteh' es zu, ein sehr minderwertiger, einige Guineen in gutem englischen Golde zu erheben, die meine Gesellschaft dann darzubieten so glücklich ist....«

Die Hard faßte die Hand des Agenten.

»Und die erhält man... ohne Schwierigkeiten? fragte sie mit heiserer Stimme und sich scheu rings umsehend.

– Ganz ohne Schwierigkeiten, gute Frau. Sobald ein Arzt das Ableben eines Kindes beglaubigt hat, braucht man nur zu dem Vertreter der Gesellschaft in Donegal zu gehen.«

Dabei zog er ein Papier aus der Tasche.

»Hier habe ich bereits ausgefüllte Policen, sagte er, und wenn Sie sich entschließen, diese zu unterschreiben, so werden Sie der Zukunft weniger besorgt entgegensehen. Ich bemerke Ihnen noch, daß Sie, wenn eines der Kinder sterben sollte, was ja ach! gar zu häufig vorkommt, die Versicherungssumme ja zum besten der andern verwenden können. Das Armenhaus zahlt wirklich allzuwenig....

– Und das würde mir kosten?... erkundigte sich die Hard.

– Den Monat drei Pence für jedes Kind, also neun Pence....

– Sie würden auch das kleinere Mädchen versichern?...

– Natürlich, beste Frau, obgleich sie mir sehr krank erschien. Wenn Ihr Bemühen sie nicht rettet, so sind das zwei Pfund – verstehen Sie recht! – zwei Pfund Sterling für Sie. Bedenken Sie auch, daß das was unsre Gesellschaft thut, nur zum besten der lieben Babys geschieht... wir haben ein Interesse daran, daß sie leben bleiben, denn ihre Existenz geht uns ja an. Wir sind trostlos, wenn eines oder das andre mit Tode abgeht!«

Trostlos waren die braven Versicherer freilich nicht, so lange die Sterblichkeit eine berechnete Mittelgrenze nicht überschritt. Und wenn der Agent sich auch zur Aufnahme der kleinen Sterbenden bereit erklärte, wußte er, daß das ein vortheilhaftes Geschäft sei, wie aus der Erklärung eines erfahrenen Directors der Gesellschaft hervorging, der da sagte:

»Am Tage nach der Beerdigung eines versicherten Kindes schließen wir stets mehr Versicherungen ab als sonst!«

Das war in der That der Fall, ganz ebenso freilich, daß einzelne – sagen wir vereinzelte – Elende auch vor einem Verbrechen nicht zurückschreckten, um die Versicherungssumme zu erlangen.

Es beweist das, wie nothwendig diese Gesellschaften und ihre Kundschaft streng im Auge zu behalten sind. In einem Dorfe wie hier gab es freilich keine Controle. So brauchte auch der Agent gar nicht zu fürchten,mit der widerwärtigen Hard in Verbindung zu treten, obgleich er sich sagen mußte, wessen sie fähig wäre.

»Nun, gute Frau, nahm er eindringlicher werdend das Wort, verstehen Sie denn Ihr eignes Interesse nicht?«

Noch immer zögerte sie, die neun Pence auszugeben, selbst mit der Aussicht, die Versicherungssumme für die kleine Kranke sehr bald zu erheben.

»Wie viel kostet also die Geschichte? fragte sie, als hoffte sie auf eine Preisermäßigung.

– Drei Pence monatlich für jedes Kind, also neun zusammen.

– Neun Pence!«

Sie versuchte zu handeln.

»Das ist nutzlos, gute Frau, erwiderte der Agent. Bedenken Sie, daß jene Kleine trotz Ihrer Sorgfalt morgen... schon heute sterben kann, und daß die Gesellschaft Ihnen dann zwei Pfund Sterling auszuzahlen hat. Nun also, unterzeichnen Sie, glauben Sie mir; hier setzen Sie Ihren Namen darunter!«

Feder und Tinte führte er bei sich. Eine Unterzeichnung der Police, und alles war abgemacht.

Die Hard unterschrieb, und von den zehn Schillingen in ihrer Tasche händigte sie dem Agenten die verlangten neun Pence aus.

Dann verabschiedete sich dieser mit den heuchlerischen Worten:

»Jetzt, gute Frau, empfehle ich, wenn es auch unnöthig erscheint, diese Kinder im Namen der Gesellschaft, der Vorsehung der Kleinen, Ihrer besondern Obhut. Wir sind die Stellvertreter Gottes auf Erden, Gottes, der das den Unglücklichen gespendete Almosen hundertfältig wieder zurückgiebt. Leben Sie wohl, guteFrau, leben Sie wohl! Nächsten Monat komme ich, die kleine Prämie einzuziehen, und hoffe da, alle drei Pfleglinge frisch und munter zu finden, auch das kleine Mädchen, die bei Ihrer mütterlichen Sorgfalt schon wieder gesunden wird. Vergessen Sie nicht, daß das menschliche Leben in unserm alten England einen hohen Werth hat, und daß jeder Todesfall ein Verlust an socialem Capital ist. Adieu, gute Frau, adieu!«

Im Vereinigten Königreich berechnet man thatsächlich genau, wie viel Geldwerth ein englisches Leben darstellt, nämlich hundertundfünfzig Pfund oder dreitausendeinhundert Reichsmark; so hoch wird der Menschenschlag geschätzt, in dessen Adern sächsisches, normannisches, kymbrisches und pictisches Blut gemischt ist.

Still stehen bleibend, ließ die Hard den Agenten sich erst von der Hütte entfernen, die zu verlassen die Kinder nicht gewagt hatten. Bisher berechnete sie nur die wenigen Guineen, die deren Leben ihr jährlich einbrachte, und jetzt sollte deren Tod für sie ebenso viel werth sein! Es hing ja doch von ihr ab, die neun Pence nicht noch ein zweites Mal bezahlen zu müssen.

Beim Wiedereintritt heftete sie auf die Unglücklichen einen Blick des Sperbers, der den unter dem Laube verborgnen Vogel belauert. Findling und Sissy schienen das Weib zu verstehen. Instinctmäßig wichen sie vor ihr zurück, als ob die Hände des Ungeheuers sich schon anschickten, sie zu erwürgen.

Einige Klugheit mußte sie aber doch beobachten. Der plötzliche Tod dreier Kinder hätte wohl Verdacht erregen müssen. Von den acht oder neun übrig behaltenen Schillingen wollte sie einen kleinen Theil verwenden, um jene noch einige Zeit zu ernähren... noch vier Wochen... o, nicht länger. Stellte sich der Agentwieder ein, so bekam er noch einmal seine neun Pence, da die Versicherungssumme diese Auslage ja zehnfach deckte. Jetzt fiel es ihr gar nicht mehr ein, die Kinder ins Armenhaus zurückzuschicken.

Fünf Tage nach dem Besuche des Agenten verschied das kleine Mädchen, ohne daß vorher ein Arzt hinzugezogen worden wäre.

Es war am Morgen des 6. Octobers. Die Hard, die auswärts etwas trinken wollte, hatte die Kinder in der verschlossenen Hütte zurückgelassen.

Die Kranke röchelte. Außer etwas Wasser zur Befeuchtung der Lippen, konnte sie keine Erquickung erhalten. Arzneimittel hätten in Donegal geholt und bezahlt werden müssen.... Da wußte die Hard ihre Zeit und ihr Geld besser anzuwenden. Das kleine Opfer hatte nicht mehr die Kraft, sich zu bewegen. Mitten in der Fieberhitze zitterte sie vor Kälte. Noch einmal öffneten sich weit ihre Augen, wie um das Licht zum letzten Male zu sehen, und als ob sie sagen wollte:

»Ach, warum, warum wurd' ich geboren?«

Ueber sie gebeugt, netzte ihr Sissy sanft die Schläfe.

Findling starrte auf die beiden hin, etwa wie auf einen Käfig, der sich öffnen und einen Vogel herausflattern lassen sollte....

Als das Kind kläglicher seufzte und sich sein Mund dabei verzerrte, fragte er:

»Wird sie etwa gar sterben? – ein Verständniß dafür hatte er freilich nicht.

– Ja... antwortete Sissy, sie wird in den Himmel kommen.

– Ohne zu sterben kann man wohl gar nicht in den Himmel kommen?

– Nein, das kann man nicht.«

Wenige Augenblicke später erschütterte ein krampfhaftes Zucken das schwache Wesen, dessen Leben nur noch an einem Windhauch hing. Da verdrehten sich die Augen und die kindliche Seele floh unter einem letzten Seufzer aus der zarten Hülle.

Erschrocken sank Sissy in die Knie. Findling ahmte ihr nach und kniete ebenfalls neben der entseelten Gefährtin nieder.

Als die Hard nach einer Stunde heimkehrte, fing sie laut an zu schreien. Dann lief sie wieder hinaus und heulte:

»Todt!... Todt!... Gestorben!«... sie wollte das ganze Dorf zum Zeugen ihres Schmerzes haben.

Doch kaum einige Nachbarsleute ließen sich blicken. Was ging's ihnen, den Armen und Elenden denn an, daß eine Unglückliche weniger war? Gab es auf Erden nicht übrig genug andre?... Es wurden deren ja täglich mehr – dieses Samenkorn ging allemal auf.

Als sie diese Rolle spielte, dachte die Hard nur an ihr Interesse und bezweckte, sich den Bezug der erwarteten Summe zu sichern.

Jetzt wurde auch nothwendig, von Donegal den Vertrauensarzt der Gesellschaft zu holen. War er zur Behandlung des Kindes nicht gerufen worden, so sollte er wenigstens dessen Ableben bestätigen; das war eine nicht zu umgehende Formalität der Versicherung.

Die Hard machte sich also noch am nämlichen Tage auf und überließ die Todte der Obhut der beiden Kinder. Sie ging aus Rindok um zwei Uhr nachmittag fort, und da der Hin- und Rückweg zwölf (englische) Meilen betrug, konnte sie vor acht oder neun Uhr abends nicht zurück sein.

Sissy und Findling blieben in der verschlossenen Hütte. Der Knabe hielt sich regungslos neben dem Kamine auf, er wagte gar nicht, sich zu rühren. Sissy wendete dem kleinen Mädchen mehr Sorgfalt zu, als dieser vielleicht je im Leben zu Theil geworden war. Sie wusch ihr das Gesicht, ordnete das Haar und zog ihr das zerrissene Hemd ab, daß sie durch ein weißes Tüchlein ersetzte, welches zum Trocknen dahing. Die kleine Todte sollte kein andres Leichenhemd erhalten, und als Grab nur das Loch, in das man sie eilig versenkte....

Als sie fertig war, streichelte Sissy der kleinen Leiche die Wangen. Findling wollte dasselbe thun... er konnte es nicht vor Entsetzen.

»Komm... komm! rief er Sissy.

– Wohin denn?

– Hinaus!... Komm!... Bitte, komm!«

Sissy weigerte sich. Sie wollte den todten Körper in der Hütte nicht allein lassen. Uebrigens war ja die Thür verschlossen.

»Komm... komm! wiederholte das Kind.

– Nein, nein, wir müssen jetzt hier bleiben!

– Sie ist ja ganz kalt... und ich auch... ich friere, ach, ich friere!... Komm, Sissy, komm mit! Sie könnte uns am Ende mitnehmen, da hinunter, wo sie ist!«

Das Kind war vom Schrecken gepackt. Der Knabe hatte das Gefühl, daß er auch sterben würde, wenn er nicht entwiche. Allmählich wurde es dunkler.

Sissy zündete einen Kerzenstumpf an, den sie in den Spalt eines Stückes Holz klemmte und stellte dieses neben das Todtenlager.

Findling fühlte sich noch mehr entsetzt, als der Lichtglanz die Gegenstände um ihn leicht erzittern zu machen schien. Er liebte ja Sissy, liebte sie, wie eine ältere Schwester. Was er an Liebkosungen erfahren, war von ihr gekommen. Er konnte aber nicht hier bleiben... er konnt' es nicht!

Sich die Hände aufscheuernd und die Nägel verletzend, gelang es ihm, die Erde vor der Thür aufzuwühlen, die Steinschicht wegzuschaffen, die deren Pfosten trugen, und ein Loch auszuweiten, durch das er sich zwängen konnte.

»Komm... komm! rief er zum letzten Male.

– Nein, ich will nicht! erklärte Sissy. Sie würde verlassen sein; ich will nicht!«

Findling warf sich ihr an den Hals und herzte und küßte sie. Dann kroch er durch die Oeffnung, verschwand und ließ Sissy allein bei der Todten zurück.

Einige Tage nachher fiel das umherirrende Kind dem Puppenschausteller in die Hände, und der Leser weiß, was da aus ihm wurde.

Zur Zeit fühlte sich Findling glücklich und hielt es für unmöglich, das je noch mehr sein zu können. Er ging völlig in der Gegenwart auf, ohne an die Zukunft zu denken. Die Zukunft ist ja schließlich auch weiter nichts als eine Gegenwart, die sich von einem Tage zum andern erneut.

Manchmal tauchten wohl die Bilder der Vergangenheit in ihm auf. Da gedachte er des kleinen Mädchens, die mit ihm bei der garstigen Frau gewohnt hatte. Sissy mußte jetzt etwa elf Jahre zählen. Doch was aus ihr geworden oder ob sie gar gestorben war, das wußte er nicht. Jedenfalls hoffte er, sie einst noch wiederzusehen. Er war ihr ja so viel Dank für ihre Liebe schuldig, und bei seinem Bedürfnisse, sich an die, die ihn geliebt hatten, anzuschließen, sah er im Geiste in ihr nur eine Schwester.

Doch auch den guten Grip umfaßte er mit derselben Dankbarkeit. Seit dem Brande derRagged-Schoolvon Galway waren jetzt sechs Monate verflossen, während der Findling so vielfach der Spielball des Zufalls gewesen war. Grip würde doch nicht etwa gestorben sein? O nein, so brave Herzen hören nicht auf zu schlagen. Leute wie Thornpipe und die Hard, diese könnten ohne Bedauern zu erregen von der Erde scheiden, leider aber verdirbt Unkraut so leicht nicht.

Natürlich hatte der Findling auf der Farm zuweilen von seinen ehemaligen Freunden gesprochen und hier in allen ein gewisses Interesse für jene geweckt.

Martin Mac Carthy veranlaßte Nachforschungen über jene, die leider keinen weiteren Aufschluß über Sissy lieferten, als daß auch diese aus dem Dorfe Rindok verschwunden war.

Bezüglich Grips hatte man von Galway eine Antwort erhalten. Der arme Bursche hatte, nachdem seine Wunden kaum geheilt waren, aus Mangel an Beschäftigung die Stadt verlassen und irrte jetzt wahrscheinlich Arbeit suchend im Lande umher. Findling empfand es recht schmerzlich, so glücklich zu sein, während es Grip jedenfalls nicht war. Martin selbst nahmregen Antheil an Grip und hätte diesen so gern im Pachthofe als nützlichen Helfer mit aufgenommen, wenn er nur wußte, wo jener zu finden wäre. Sein Schicksal blieb zunächst aber unenthüllt, und vorläufig mußten sich die beiden früheren Insassen der Lumpenschule mit der Hoffnung auf ein zufälliges, späteres Wiedersehen trösten.

In Kerwan führte die Familie Mac Carthy's ein regelmäßiges arbeitsvolles Leben. Die nächsten Pachtgüter lagen zwei bis drei Meilen von hier entfernt. Unter den Pächtern inmitten dieser bevölkerten Gebiete des unteren Irlands kann von einer Nachbarschaft kaum die Rede sein. Tralee, der Hauptort der Grafschaft, lag auch ein Dutzend Meilen weit entfernt, und Martin und Murdock begaben sich nur dahin, wenn ihre Geschäfte an Jahrmarktstagen sie dazu nöthigten.

Die Farm gehört zur Kirche von dem fünf Meilen entfernten Silton, einem Dorfe mit etwa vierzig Häusern und kaum hundert rund um die Kirche angesiedelten Bewohnern. Des Sonntags begaben sich die Frauen zu Wagen, die Männer von der Farm zu Fuß nach der Frühmesse. Ihres Alters wegen vom dortigen Geistlichen vom Kirchenbesuch dispensiert, blieb die Großmutter, außer an den hohen Festen, zu Weihnachten, zu Ostern und zu Mariä Himmelfahrt, meist im Hause zurück.

In der Kirche von Silton erschien der Findling jetzt in höchst anständiger Tracht. Das war nicht mehr das Kind in Lumpen, das durch die Thür der Hauptkirche von Galway schlüpfend sich hinter den Pfeilern versteckte. Jetzt fürchtete der Knabe nicht mehr hinausgejagt zu werden, er zitterte nicht mehr vor dem strengen langen Schwarzrock, den weißen Lätzchen und demlangen Stabe – deren Vereinigung den Kirchendiener der Parochie bildete. Jetzt hatte er seinen Platz auf der Bank neben Martine und Kitty, er lauschte dem frommen Gesange und wohnte voll Andacht dem ganzen Gottesdienste bei. Das war ein Knabe, den man mit einigem Stolz sehen lassen konnte, wenn er so in seinem saubern, sorgsam gehaltenen Tweed aus gutem Stoffe einherging.

Nach Schluß der Messe fuhren die Kirchenbesucher sogleich nach Kerwan zurück. In diesem Winter herrschte vielfach starkes Schneetreiben bei schneidendem Winde. Alle hatten davon geröthete Augenlider und aufgesprungene Gesichter. Am Barte Martins und seiner Söhne hingen lange Eiskrystalle, was ihnen fast das Aussehen von Gipsfiguren verlieh.

Im großen Kamin prasselte inzwischen ein von der Großmutter unterhaltenes tüchtiges Wurzelholz- und Torffeuer. Hier wärmte sich die kleine Gesellschaft wieder auf und setzte sich dann an den Tisch, worauf ein duftendes Stück Pökelfleisch mit Kohl dampfte, daneben eine Schüssel mit Kartoffeln in der Schale, und endlich eine Omelette – zu der die Eier natürlich nach der richtigen Nummernfolge gewählt waren.

Verbot die Witterung einen Spaziergang, so vertrieb man sich den Tag mit Lesen und Plaudern, und Findling bereicherte seine Kenntnisse aus allem, was er hörte.

Die Monate verstrichen. Der Februar war sehr kalt und der März sehr regnerisch. Schon nahte die Zeit zur Wiederaufnahme der Feldarbeiten. Der im ganzen nicht allzustrenge Winter schien nicht lange mehr anhalten zu sollen, so daß die Einsaat voraussichtlich unter günstigen Verhältnissen erfolgen konnte. Dannwaren die Pächter wohl auch in der Lage, für Weihnachten den dann abzuführenden Pachtschilling bereit zu halten und nicht von den in vielen Gegenden so häufigen Austreibungen bedroht zu sein, wenn die Ernte fehlschlägt, Austreibungen, durch die zuweilen ganze Kirchspiele entvölkert werden.[5]

Immerhin hing eine schwarze Wolke, wie man zu sagen pflegt, am Horizonte der Farm.

Vor zwei Jahren war der zweite Sohn, Pat, mit einem dem Hause Marcuart in Liverpool gehörigen Handelsschiffe, dem »Guardian«, ausgesegelt. Zwei Briefe waren von ihm, nach Durchkreuzung der Südsee, eingetroffen, der letzte vor neun oder zehn Monaten, seitdem fehlte es aber ganz an Nachricht von ihm. Selbstverständlich hatte Martin darum nach Liverpool geschrieben. Die erhaltene Antwort lautete aber nicht besonders beruhigend. Man hatte weder durch Zeitungen, noch durch die auswärtigen Correspondenten etwas über das Schicksal des Schiffes gehört, und die Herren Marcuart machten über ihre Befürchtungen wegen des »Guardian« kein Hehl.

Von Pat war in Folge dessen auf der Farm vielfach die Rede, und Findling sah deutlich genug, welchen Kummer dieses Ausbleiben jeder Nachricht der ganzen Familie bereitete.

Da war wohl die Spannung kein Wunder, mit der man jeden Tag das Eintreffen der Briefpost erwartete. Der kleine Knabe lauerte sie auf der Straße ab, die diesen Theil der Grafschaft mit deren Hauptortein Verbindung setzt. Sobald er den an seiner blutrothen Farbe leicht erkennbaren Wagen von weitem erblickte, lief er, was er laufen konnte, nicht wie die Straßenbuben, die ein paar Kupfermünzen nachstürzen, sondern nur um zu hören, ob nicht ein Brief an Martin Mac Carthy angekommen wäre.

Der Postdienst ist auch in den entlegensten Grafschaften Irlands ganz vorzüglich eingerichtet. Der Wagen hält auf dem Lande an allen Thüren an, um Briefe zu vertheilen oder anzunehmen. An Mauern und Grenzsteinen befinden sich Kästen mit einer Rothgußplatte, selbst einfache Säcke, die an Baumzweigen hängen und die der Postconducteur im Vorüberkommen ausleert.

Leider traf kein Brief von der Hand Pats, auch keiner von der Firma Marcuart in der Farm ein. Seitdem der »Guardian« zuletzt in den Australischen Meeren gesehen wurde, war und blieb er vorläufig verschollen.

Die Großmutter war tiefbetrübt, denn gerade Pat hatte sie besonders ins Herz geschlossen. Auch jetzt sprach sie unausgesetzt von ihm, den sie bei ihrem hohen Alter nun kaum wiederzusehen fürchtete. Findling suchte sie immer zu beruhigen.

»Er wird schon wiederkommen, sagte er. Noch kenne ich ihn nicht, muß ihn aber doch kennen lernen, da er ja zur Familie gehört.

– Und er würde Dich ebenso lieb gewinnen, wie wir, antwortete sie.

– Es muß doch herrlich sein, Großmutter, Seemann zu sein! Wie schade nur, daß man da einander, und immer so lange, verlassen muß. Könnte denn nicht gleich eine ganze Familie zur See gehen?

– Nein, mein Kind, als Pat fortging, hat das mich tief geschmerzt! Wie glücklich sind die, die sich niemals zu trennen brauchen!... Unser Junge hätte auch auf der Farm bleiben können. An Arbeit würde es ihm nicht gefehlt haben, und wir verzehrten uns jetzt nicht vor Unruhe. Er hat es nicht gewollt... möge Gott ihn uns zurückführen!... Vergiß ja nicht, für ihn mitzubeten!

– Nein, Großmutter, das vergess' ich nicht, für ihn und für Sie alle!«

In den ersten Apriltagen begann die Arbeit außer dem Hause. Es war eine schwere Aufgabe, die noch frostharte Erde aufzupflügen, sie mit der Walze einzuebnen und oberflächlich mit der Egge wieder zu lockern. Hierzu mußten einige fremde Arbeiter gemiethet werden, da Martin und seine Söhne allein damit nicht hätten fertig werden können. Die Minuten sind kostbar, wenn es sich darum handelt, mit dem einsetzenden Frühling zum Säen bereit zu sein. Außerdem galt es noch Gemüse zu pflanzen und Kartoffeln zu stecken, wobei die Knollen mit den besten »Augen« ausgewählt wurden.

Nun mußten ferner die Thiere aus den Ställen. Die Schweine ließ man einfach im Hofe oder auf der Straße herumlaufen. Die Kühe, die mit Ketten an Pflöcken auf der Weide festgelegt wurden, bedurften keiner großen Ueberwachung, außer daß sie des Morgens aus- und des Abends eingetrieben wurden. Das Melken derselben war Sache der Frauen. Dagegen mußten die Schafe gehütet und, da sie sich den Winter über nur von Häcksel, Kraut und Rüben ernährt hatten, auf die Weide einmal hier-, einmal dorthin geführt werden. Der Findling erschien wie zum Schäfer dieser Heerde geschaffen.

Mac Carthy besaß, wie wir wissen, gegen hundert Schafe, und zwar von der schönen schottischen Rasse, mit langer, mehr grauer als weißer Wolle und schwarzen Mäulern und Füßen. Als Findling sie zum ersten Male nach der fast eine halbe Meile entfernten Weidestelle trieb, fühlte er sich ordentlich stolz über das neue Amt. Er empfand seine Verantwortlichkeit für die blökende Heerde, die unter seiner Leitung dahintrabte, während Birk, der Hund, etwaige Nachzügler oder Ausbrechende zusammentrieb, für die Widder, die die Spitze bildeten, und für die Lämmer, die sich um ihre Mütter drängten. Wenn sich nun ein Thier verirrt hätte!... Wenn gar Wölfe in der Nähe hausten! Doch nein, mit Birk und seinem Messer an der Seite fürchtete der junge Schäfer auch Wölfe nicht.

Früh am Morgen brach er auf, ein tüchtiges Stück Brod, ein hartes Ei und eine Schnitte Speck in seinem Sacke, um davon zu Mittag zu essen. Die Schafe zählte er beim Verlassen des Stalles ebenso wie bei der Rückkehr dahin. Dasselbe that er mit den Ziegen, auf die er ein Auge hatte und die die Hunde frei umherspringen lassen.

An den ersten Tagen war die Sonne kaum aufgegangen, als Findling schon hinter seiner Heerde herzog. Im Westen flimmerten noch einzelne Sterne. Er sah sie nach und nach verlöschen, als ob der Morgenwind sie ausgeblasen hätte. Dann schossen die Sonnenstrahlen durch die Landschaft und glitzerten in jedem Thautröpfchen auf den Steinen. Meist lenkten Martin und Murdock auf einem benachbarten Felde den Pflug, der eine gerade und schwärzliche Furche hinter sich zurückließ. Auf einem andern verstreute Sim mit gemessenerArmbewegung den Samen, den die Egge dann mit dünner Erdschicht zudeckte.

Trotz seiner Jugend pflegte Findling immer mehr die praktische als die etwa wunderbare Seite aller Dinge zu beobachten. Er fragte sich nicht, wie ein einfaches Körnchen zu einem Halm mit Aehre auswachsen könnte, wohl aber, wie viel Körner die Korn-, Gersten- oder Haferähre bei der Ernte liefern würde. Das wollte er zählen, wie er die Eier im Hühnerhof zählte, und das Ergebniß niederschreiben. Das lag in seiner Natur. Er hätte auch die Sterne eher gezählt als bewundert.

So freute er sich beim Aufgang der Sonne weniger über deren Licht als über die Wärme, die sie der Welt spenden würde. Man sagt, daß die Elephanten Indiens das Tagesgestirn begrüßen, wenn es am Horizonte aufsteigt, und Findling ahmte ihnen nach, höchstens erstaunt, daß nicht auch die Schafe aus Dankbarkeit zu blöken begännen. Schmilzt denn jenes nicht den Schnee, der die Erde bedeckt? Nein, die Schafe zeigten sich entschieden undankbar!

Meistens befand sich Findling während des größten Theiles des Tages auf seiner Weide allein. Zuweilen machten Murdock und Sim jedoch ein Weilchen Halt, nicht um ihn als Schäfer zu beobachten, denn auf den Knaben konnte man sich verlassen, sondern um einige freundliche Worte mit ihm zu wechseln.

»Nun, riefen sie da, wie macht sich's denn mit der Heerde? Ist das Gras hübsch dicht?

– Sehr dicht und fett, Herr Murdock.

– Und sind auch die Schafe artig? fragt einer wohl lächelnd.

– Sehr artig, Sim. Fragen Sie nur Birk, der hat mit ihnen nicht viel zu thun.«

Der nicht grade schön zu nennende, aber sehr intelligente und muthige Birk war schon ein treuer Gefährte Findlings geworden. Beide unterhielten sich wirklich miteinander. Wenn der Knabe, den Blick auf ihn geheftet, mit dem Thiere sprach, so schien Birk, dessen braune Nasenspitze dabei zitterte, die Worte förmlich aufzusaugen und wedelte verständnißinnig mit dem Schwanze, den man fast hätte einen »tragbaren Zeigertelegraphen« nennen können. Es waren eben zwei ziemlich gleichaltrige gute Freunde, die einander vollkommen verstanden.

Mit dem Mai fing es nun stärker an zu grünen. Die Futterkräuter, wie Esparsette, Rothklee und Luzerne bildeten bereits einen dichten Teppich. Die Getreidefelder zeigten dagegen nur noch recht kurze Halme, so daß sich Findling fast verführt fand, daran zu ziehen, um sie größer zu machen. Als Martin ihn eines Tags aufgesucht hatte, theilte er diesem seine berühmte Idee mit.

»Glaubst Du denn, mein Junge, antwortete der Farmer lächelnd, Deine Haare wüchsen schneller, wenn man daran zupfte?... Nein; das würde Dir nur weh thun, weiter nichts.

– So darf man das also nicht?

– Nein; niemals soll man jemand, und wäre das auch nur eine Pflanze, wehe thun. Laß nur den Sommer kommen, die Natur ihr Werk verrichten, dann werden die grünen Sprossen zu schönen Halmen geworden sein, die wir abmähen, um das Stroh und die Körner zu gewinnen.

– Glauben Sie, Herr Martin, daß die Ernte dieses Jahr gut sein wird?

– Allen Anzeichen nach, ja. Der Winter ist nicht gar so streng gewesen, und seit dem Frühjahre habenwir mehr sonnige als regnerische Tage gehabt. Gott gebe, daß das noch drei Monate so fortgeht, dann liefert die Ernte reichlich die Abgaben und den Pachtzins.«

Immerhin gab es Feinde, die nicht zu vernachlässigen waren: die gefräßigen Vögel, die auf den Feldern Irlands umherschwärmen. Von den Schwalben, die während ihrer kurzen Anwesenheit hier blos Insecten verzehren, war ja nicht zu reden. Dagegen verursachten die frechen, nimmersatten Sperlinge und auch die Krähen dem Landmann hier sehr fühlbaren Schaden.

Die abscheulichen Vögel versetzten Findling förmlich in Wuth, und dabei schien es noch, als ob sie sich über ihn lustig machten. Wenn er seine Schafe nach der Weide trieb, flatterten sie in schwarzen Schaaren empor und flogen mit scharfem Geschrei, die Füße herabhängend, davon. Es waren Vögel von enormer Spannweite, deren große Flügel sie sehr schnell hinwegtrugen. Findling verfolgte sie hitzig und hetzte auch Birk auf sie, der dann bellte, bis ihm der Athem verging. Was war aber gegen die Räuber, denen man sich nicht nähern konnte, zu beginnen? Sie narren einen noch auf zehn Schritte Entfernung; dann tönt's »Krroa... krroa!« und die Wolke zerstäubt.

Am meisten ärgerte es Findling, daß die inmitten des Getreides aufgestellten Vogelscheuchen offenbar gar nichts nützten. Sim hatte ganz entsetzlich aussehende Männer mit ausgestreckten Armen fabriciert, deren zerrissene Bekleidung sich bei jedem Windhauch bewegte. Kinder hätten sich vielleicht davor gefürchtet... die Krähen?... Nicht im geringsten! Vielleicht konnte man eine noch mehr erschreckende und nicht so stumme Vorrichtung ersinnen; dieser Gedanke kam unserm kleinenHelden nach langer Ueberlegung. Wohl bewegt die Vogelscheuche bei genügendem Winde scheinbar die Arme, doch sie spricht, sie schreit nicht; hierin mußte sie vervollkommnet werden.

Ein vortrefflicher Gedanke, wie jeder zugeben wird, und um ihn auszuführen, hatte Sim am Kopfe der Gestalt nur eine Schnarre anzubringen, die vom Winde mit Geräusch gedreht wurde.

Wenn die Krähen darüber an den beiden ersten Tagen zwar nicht zu erschrecken, doch aber erstaunt zu sein schienen, so achteten sie am dritten Tage schon gar nicht mehr darauf, und Findling sah sie sich ruhig auf den Zappelmann setzen, dessen Schnarre mit ihrem Gekrächz nicht wetteifern konnte.

»Entschieden ist nicht alles vollkommen hienieden!« dachte der Knabe.

Im übrigen ging auf der Farm alles den gewohnten Gang. Findling war so glücklich wie möglich. An den langen Winterabenden hatte er im Schreiben und Rechnen gute Fortschritte gemacht. Wenn er jetzt gegen Abend heimkehrte, brachte er zuerst seine Buchführung in Ordnung. Diese umfaßte neben den Eiern der Hühner auch die Küchlein im Stalle, die am Tage, wo sie ausgekrochen waren, aufgeschrieben und numeriert wurden. Dasselbe galt von den geworfenen Ferkeln und Kaninchen, die in Irland wie anderswo gliederreiche Familien bilden. Dem jungen Buchhalter machte das manche Arbeit. Man wußte ihm aber auch Dank dafür. Er bewies so viel Ordnungssinn, daß man ihn darin eher noch bestärkte, und jeden Abend übergab ihm Martin seinen Kieselstein, der in der Kruke aufbewahrt wurde. Diese Kiesel hatten für den Knaben ebenso viel Werth wie Schillinge. Geld ist ja überhauptnur eine Sache des Uebereinkommens. Der Steintopf enthielt außerdem auch die goldne Guinee, die er für sein erstes Auftreten in Limerick erhalten und deren er, ohne selbst einen Grund zu wissen, auf der Farm noch gar nicht Erwähnung gethan hatte. Da er dafür hier, wo es ihm an nichts fehlte, keine Verwendung sah, schätzte er sie fast geringer als die kleinen Steine, die seinen Eifer und seine gute Aufführung bezeugten.

Da die Witterung immer günstig geblieben war, begann man schon in der letzten Juliwoche mit der Heuernte, die sehr reichlich ausfiel. Alle Insassen des Pachthofes hatten dabei zu thun. Murdock, Sim und den beiden Lohnarbeitern fiel es zu, gegen fünfzig Acres Gras abzumähen. Die Frauen halfen dann das Gras auszubreiten, um es zu trocknen, ehe es in »Moffles« (etwa »Feimen«) aufgestapelt wurde, von denen aus man es endlich nach den Scheuern schafft. In einem so regenreichen Lande ist natürlich jeder Tag kostbar und man beeilt sich, von jedem guten Wetter Nutzen zu ziehen. Um Martine und Kitty unterstützen zu können, vernachlässigte Findling eine Woche lang sogar seine Heerde ein wenig.

So verfloß das Jahr, eines der glücklichsten, das Martin auf der Farm erlebt hatte. Höchstens beklemmte es ihn, von Pat keine Nachricht erhalten zu haben. Es sah fast aus, als bringe die Anwesenheit Findlings dem Hause Glück und Segen. Als der Abgabeneinsammler und der Pachtzinserheber sich einstellten, wurden sie bei Heller und Pfennig bezahlt. Auf den nächsten milden und feuchten Winter folgte ein zeitiger Frühling, der bei den Landleuten die gehegten Erwartungen erfüllte.

Nun ging die Thätigkeit auf dem Felde wieder an. Findling verbrachte draußen mit Birk und seinen Schafen die gewohnten langen Tage. Er sah die Feldfrucht grünen, er lauschte dem ganz feinen Geräusch, das bei der Entwicklung der Halme vom Roggen und vom Hafer ausgeht; ihn belustigte der Wind, der die langbärtige Gerste zerzauste. Und weiter sprach man zu Hause auch von einer andern, ungeduldig erwarteten Ernte, worüber die Großmutter heimlich lächelte. Wirklich vergingen keine drei Monate, als die Familie Mac Carthy's durch ein ihr von Kitty geschenktes Mitglied vermehrt wurde.

Während der Heuernte im August und mitten in der dringlichsten Arbeit bekam einer der Arbeiter das Fieber und konnte seine Arbeit nicht fortsetzen. An seiner Stelle galt es nun einen andern, noch feiernden Mäher zu schaffen, wenn sich ein solcher fand. Das mißlichste dabei war, daß Martin einen halben Tag opfern mußte, um nach Silton zu gehen. Deshalb nahm er es gern an, als Findling sich hierzu anbot.

Man konnte sich schon auf ihn verlassen, daß er einen erhaltenen Auftrag gewissenhaft ausführte. Fünf Meilen auf einer ihm von den sonntäglichen Kirchgängen her bekannten Straße zurückzulegen, war ihm ja ein kleines. Von der Farm frühzeitig aufbrechend, versprach er, noch vor Mittag zurück zu sein.

Findling schlug einen schnellen Schritt ein und trug in seiner Tasche einen Brief des Farmers an den Gasthalter in Silton, in einem kleinen Rucksack aber einige Mundvorräthe für den Weg.

Das Wetter war schön; von Osten her wehte ein erfrischender Wind, und so waren die ersten drei Meilen bald überwunden.

Auf dem Wege und im Innern der vereinzelten Häusern befand sich kein Mensch. Alle waren auf den Feldern beschäftigt. Auf Sehweite hinaus zeigte sich das Land mit Tausenden von Moffles bedeckt, die bald eingefahren werden sollten.

An einer Stelle trifft die Landstraße hier an ein dichtes Gehölz, um das sie etwa eine Meile weit herumführt. Um Zeit zu ersparen, hielt es Findling für angezeigt, den Wald gleich zu durchkreuzen. Er schritt hinein, nicht ganz frei von der angebornen Furcht der Kinder vor dem Walde, in dem sich oft Diebe aufhalten, dem Walde, in dem Wölfe hausen und in dem alle Schauergeschichten spielen, die man in der Dämmerung aufzutischen pflegt. Was den Wolf angeht, so betet Paddy gern zu allen Heiligen, diesen bei guter Gesundheit zu erhalten, und er nennt das Raubthier gar »seinen Gevatter«.


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