Findling hatte kaum hundert Schritte auf einem schmalen Pfade zurückgelegt, als er angesichts eines Mannes stehen blieb, der am Fuße eines Baumes lag.
War das ein Reisender, den hier die Kräfte verlassen hatten, oder nur ein Fußgänger, der vor der Fortsetzung seines Weges etwas ausruhte?
Findling betrachtete ihn, und da jener sich nicht bewegte, ging er vorwärts.
Die Arme gekreuzt und den Hut über die Augen gezogen, lag der Mann in tiefem Schlafe. Er schien jung zu sein, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt. An seinen beschmutzten Stiefeln und der staubigen Kleidung sah man, daß er, jedenfalls von Tralee her, eine weite Strecke gewandert sein mochte.
Am meisten erregte es aber die Aufmerksamkeit Findlings, daß der Fremde ein Seemann sein mußte,das verrieth seine Tracht und ein großer getheerter Kleidersack. Auf diesem stand eine Adresse, die der Knabe beim Näherkommen lesen konnte.
»Pat, rief er überrascht, das ist Pat!«
Wirklich war es Pat, den man schon an der Aehnlichkeit mit seinen Brüdern erkennen konnte, Pat, von dem so lange jede Nachricht fehlte und dessen Heimkehr so sehnsüchtig erwartet wurde.
Schon wollte Findling ihn durch einen Anruf erwecken... er hielt inne. Er sagte sich, wenn Pat an der Farm erschien, ohne daß jemand darauf vorbereitet war, so würden seine Mutter und seine Großmutter wenigstens dadurch so erregt werden, daß es ihnen schaden könnte. Nein, besser war es, Martin zu benachrichtigen; dieser würde die Frauen dann vorsichtig auf das Eintreffen ihres Sohnes und Enkels vorbereiten. Der Auftrag an den Gasthalter von Silton konnte auch morgen ausgerichtet werden. Und übrigens war Pat, als Kind der Familie, ja auch eine gegebene Hilfskraft, die gewiß jede andre aufwog. Der Wandrer war wirklich ermüdet, denn er hatte Tralee, bis wohin die Eisenbahn führte, schon mitten in der Nacht verlassen. Wenn er sich aber hier erhob, würde er die Farm ganz gewiß schnell erreichen. Vorzüglich kam es Findling also darauf an, vor jenem dort einzutreffen.
Das Bündel wollte er ihn aber doch nicht tragen lassen, das konnte Findling wohl den eignen Schultern aufbürden, und mit um so mehr Vergnügen, als es ja der Reisesack eines Matrosen war, ein Sack, der vom weiten Meere herkam.
So faßte er diesen am Knoten des Strickes, der ihn oben verschloß, warf ihn sich auf den Rücken und trabte in der Richtung nach der Farm ab.
Erst aus dem Walde, hatte er nur der Landstraße zu folgen, die sich von da eine halbe Meile in schnurgrader Linie hinzog.
Findling hatte aber kaum fünfhundert Schritte in dieser Richtung zurückgelegt, als er hinter sich lautes Rufen vernahm. Er wollte jedoch weder stehen bleiben, noch seinen Schritt verlangsamen, im Gegentheil suchte er einen Vorsprung zu gewinnen.
Der freilich, der hinter ihm rief, der lief auch.
Das war Pat.
Beim Erwachen hatte er seinen Sack nicht mehr gefunden. Erzürnt eilte er aus dem Walde und sah das Kind gerade noch bei einer Biegung des Weges.
»He! Dieb! Wirst Du still stehen?«...
Begreiflicher Weise hörte Findling hierauf nicht, sondern lief aus allen Kräften davon. Mit dem Sack auf dem Rücken konnte es freilich nicht fehlen, daß er von dem schnellfüßigen Seemanne eingeholt würde.
»Heda, Dieb Du!... Du entwischt mir nicht... Dir ist Deine Strafe gewiß!«
Da Findling bemerkte, daß Pat kaum noch zweihundert Schritt weit hinter ihm war, ließ er den Sack fallen und stürmte nun erst recht weiter.
Pat nahm seinen Sack auf und setzte die Verfolgung fort.
Kurz, gerade vor der Farm gelang es Pat noch, das Kind am Kragen zu packen.
Martin und seine Söhne waren auf dem Hofe mit dem Abladen von Futter beschäftigt. Da entfuhr ihnen ein Freudenschrei, den sie gar nicht zu unterdrücken suchten.
»Pat... mein Junge!
– Bruder... Bruder!«
Schon eilten auch Martine mit Kitty und kam selbst die Großmutter herzu, um Pat in die Arme zu schließen.
Mit freudestrahlenden Augen stand Findling dabei und wartete, ob ihm auch eine Begrüßung zutheil würde....
»Ah! Der Kleine, der mich bestohlen hatte!« rief dafür Pat.
Mit einigen Worten war alles erklärt, und auf Pat zustürmend, kletterte Findling diesem an den Hals, als ob er den Mastkorb eines Schiffes hätte erklimmen sollen.
Das war ein Jubel bei den Mac Carthy's! Pat heimgekehrt, der junge Mann in der Farm von Kerwan, die ganze Familie vereinigt, die drei Brüder an einem Tische, die Großmutter mit ihrem Enkel, Martin und Martine mit allen ihren Kindern!
Das Jahr ließ sich gut an. Futter gab es in Menge und die Ernte versprach auch sehr gut zu werden. Dazu die Kartoffeln, über deren Knollen fast die Furchen anschwollen. Das war fertiges Brod, das nur gekocht zu werden brauchte, und dazu reichte ein wenig Gluth auf dem ärmlichsten Herde.
Zuerst richtete Martine an Pat die Frage:
»Bist Du nun für ein ganzes Jahr zu uns heimgekehrt, mein Kind?
– Nein, Mutter, nur für sechs Wochen. Ich kann meinen schönen Beruf nicht aufgeben. Nach sechs Wochen muß ich in Liverpool eintreffen, wo ich wieder an Bord des »Guardian« gehe....
– Schon in sechs Wochen! murmelte die Großmutter.
– Ja; diesmal aber als Hochbootsmann, und der Hochbootsmann auf einem großen Schiffe hat schon etwas zu bedeuten....
– Schön, Pat, sehr schön! fiel Murdock ein, der warm die Hand des Bruders drückte.
– Bis zum Tage der Abreise, fuhr der junge Seemann fort, sollen Euch indeß, wenn Ihr ein Paar gesunde Arme braucht, die meinigen zur Verfügung stehen.
– Das läßt sich hören,« antwortete Martin.
Heute lernte Pat nun auch seine Schwägerin Kitty kennen, deren Hochzeit erst nach seiner letzten Einschiffung stattgefunden hatte. Er freute sich aufrichtig, in ihr eine so vortreffliche, zu seinem Bruder passende Frau zu finden, doch auch darauf, in der nächsten Zeit... Onkel zu werden, und er umarmte Kitty wie eine in seiner Abwesenheit ins Haus gekommene Schwester.
Findling war diesen Herzensergießungen gegenüber auch nicht unempfindlich geblieben, wenn er sich bisher auch etwas abseits hielt. Jetzt kam indeß an ihn die Reihe, denn er gehörte ja ebenfalls zur Familie. Pat hörte dabei des Knaben Lebens- und Leidensgeschichte, die ihn tief rührte. Von Stund' an wurden die beiden nun die besten Freunde.
»Und ich, wiederholte der junge Seemann lachend, ich konnte ihn für einen Dieb halten, als ich ihn mit meinem Kleidersack davongehen sah! Wahrlich, er liefGefahr, aus Versehen ein paar Ohrfeigen wegzubekommen....
– Die hätten mir auch nicht weh gethan, versicherte Findling, denn ich hatte Ihnen ja nichts gestohlen.«
Dabei betrachtete er den kräftigen, breitschultrigen jungen Mann mit so entschlossenem Wesen, ungezwungenem Auftreten und mit von Sonne und Wind gebräuntem Gesicht. Ein Seemann erschien ihm als ein ganz besondres Wesen.... Deshalb begriff er recht gut, daß Pat der Günstling der Großmutter war, die ihn an der Hand hielt, wie um ihn nicht zu zeitig wieder fortgehen zu lassen.
Zunächst erzählte Pat nun seine Geschichte und erklärte, warum er so lange in der weiten Welt gewesen sei, ohne von sich Nachricht zu geben. Ja beinahe wäre er überhaupt nicht zurückgekehrt. Der »Guardian« war an einer der Inseln des Indischen Meeres gestrandet. Die Schiffbrüchigen fanden im Laufe von dreizehn Monaten keine andre Zuflucht, als dieses kleine, außerhalb der Seeverkehrswege gelegene Stückchen Land, wo sie von der übrigen Welt völlig abgeschlossen waren. Mit großer Mühe gelang es ihnen da endlich, den »Guardian« wieder flott zu machen, und neben dem Schiffe auch dessen Ladung zu retten. Pat hatte sich dabei durch seinen Eifer und seine Gewandtheit so vortheilhaft ausgezeichnet, daß die Firma Marcuart ihn auf Vorschlag seines Kapitäns für eine demnächstige Reise nach dem Stillen Ocean als Hochbootsmann anstellte. Alles hatte sich also zum besten gewendet.
Am folgenden Tag gingen alle Insassen von Kerwan an die Arbeit, und da zeigte es sich, durch welch vorzügliche Kraft der erkrankte Lohnarbeiter ersetzt war.
Mit dem September kam schon die Erntezeit heran. Blieb der Ertrag an Weizen auch wie gewöhnlich recht mittelmäßig, so gab es doch desto mehr Roggen, Gerste und Hafer. Das Jahr 1878 gehörte entschieden zu den sehr fruchtbaren Jahren. Der Pachteinsammler hätte sich noch vor Weihnachten einstellen können, er wäre in blankem Golde bezahlt worden. Auch Mundvorräthe und Futter für den Winter gab es in Hülle und Fülle. Besondere Ersparnisse konnte Martin Mac Carthy freilich immer noch nicht zurücklegen. Er lebte von seiner Hände Arbeit, die ihm wohl die Gegenwart, nicht aber die Zukunft sicherte. Die Zukunft der irischen Pächter hängt ja immer von klimatischen Launen ab. Das lag Murdock immer im Sinne. Derartige sociale Verhältnisse, die nur mit der Abschaffung der Landlordwirthschaft und der Zurückgabe des Bodens an die Bebauer desselben gegen mäßige Abzahlung endigen konnten, steigerten seinen Haß nur weiter.
»Du mußt Vertrauen haben!« redete ihm Kitty zu.
Murdock sah sie an, ohne eine Antwort zu geben.
Am 9. dieses Monats trat das ungeduldig erwartete Ereigniß in der Farm von Kerwan ein: Kitty, die dabei kaum zum Liegen kam, schenkte einem Mädchen das Leben. Das war aber eine Freude! Das Baby wurde begrüßt, wie ein Engel, der ins Haus geflogen wäre. Großmutter und Martine rissen sich darum. Murdock lächelte, wenn er sein Kind in den Arm nahm. Seine beiden Brüder standen voll Bewunderung vor ihrem Nichtchen. Es war ja die erste Frucht am weiblichen Zweige des Familienstammbaumes, des Kitty-Murdock'schen Zweiges, in Erwartung, daß die beiden andern darin in gleicher Weise nachfolgen würden. Allebeglückwünschten und liebkosten die junge Mutter, für die sie sich in zärtlichster Sorge überboten. Wie reichlich flossen dabei die Thränen der Rührung! Es schien fast, als wäre das Haus vor der Geburt des kleinen Wesens noch ganz leer gewesen.
Der Findling hatte sich noch nie so ergriffen gefühlt wie bei dem ersten Kusse, den man ihm der Neugebornen zu geben gestattete.
Daß dieses frohe Ereigniß Veranlassung zu einem besondern Feste geben müsse, sobald erst Kitty daran theilnehmen konnte, daran zweifelte keiner. Das Programm dazu war übrigens sehr einfach. Nach Vollziehung der Taufe in der Kirche von Silton sollten sich der dortige Priester und einige Freunde Martins – ein halbes Dutzend Pächter aus der Nachbarschaft, die einen Weg von zwei bis drei Meilen nicht scheuten – in der Farm einfinden. Hier würde sie ein reichliches, nahrhaftes Frühstück erwarten. Gewiß vereinigten sich die genannten alle gern einmal mit der achtungswerthen Pächterfamilie, deren größte Freude es war, daß auch Pat dem kleinen Feste noch beiwohnen konnte, da dessen Abreise erst in den letzten Tagen des Septembers bevorstand.
Nun tauchte zunächst die Frage auf, wie das Kind genannt werden sollte.
Die Großmutter schlug den Namen »Jenny« vor, und hiermit war diese Schwierigkeit ebenso gehoben, wie die wegen einer Taufzeugin; denn ohne Zweifel war es der alten Frau eine herzliche Freude, selbst als solche einzutreten. Wohl trennten Täufling und Pathin drei Generationen und ein kleines Mädchen hätte wohl eine jüngere Pathin gebrauchen können. Hier lag jedoch eine Gefühlssache vor, die alle andern Rücksichtenbeiseite setzen ließ; es war als wenn die bejahrte Frau sich selbst neuer Mutterschaft erfreute, und ihren Augen entquollen Thränen der Rührung, als ihr jener Antrag mit einiger Feierlichkeit gemacht wurde.
Aber der Pathe?... Das war schwieriger. Von einem Fremden konnte nicht die Rede sein, da ja noch zwei Brüder oder Onkels, Sim und Pat, im Hause waren, die dieses Ehrenamt beanspruchen konnten. Die Wahl des einen mußte dem andern aber als Zurücksetzung erscheinen, wenn auch Pat, der ältere, hierin etwas im Vorsprunge war. Dieser befand sich als Seemann aber die meiste Zeit auf dem Meere, so daß er seinen Verpflichtungen als Pathe kaum nachkommen konnte. Das mußte er zu seinem Leidwesen zugeben, und so blieb denn nur Sim übrig.
Da sprach die Großmutter einen Gedanken aus, der zuerst allerdings überraschte. Jedenfalls stand es ihr aber zu, den Gevattersmann zu bestimmen, und ihre Wahl fiel auf Findling.
Obgleich eine Waise und von unbekannter Familie, wußten ja alle, daß er intelligent, arbeitsam und ihnen treu ergeben war, und alle liebten und achteten ihn auf der Farm. Und doch?... Findling?... Er zählte ja kaum siebeneinhalb Jahre, etwas wenig für einen Taufzeugen.
»Thut nichts, erklärte die Großmutter, was er an Jahren zu wenig hat, habe ich wieder zu viel; das hebt sich auf.«
In der That war der Knabe noch nicht acht, die Großmutter aber sechsundsiebzig Jahre alt. Das ergab für beide zusammen vierundachtzig Jahre, zweiundvierzig für jeden, rechnete die Großmutter aus.
»Und kraft meines Alters,«... setzte sie hinzu.
Da sich alle bestrebten, gegen sie zuvorkommend zu sein, fand ihr Vorschlag ohne Widerspruch Annahme. Die junge Mutter, die für Findling eine Art mütterliche Zuneigung hegte, stimmte ebenfalls zu. Nur Martin und Martine waren nicht ohne weiteres schlüssig, da über die Familienverhältnisse des auf dem Friedhofe in Limerick gefundenen Knaben gar keine Auskunft zu erhalten gewesen war.
Da machte Murdock den letzten Zweifeln ein rasches Ende. Er wies darauf hin, daß der Knabe bei seinen vortrefflichen Anlagen und seinem lobenswerthen Verhalten genug Sicherheit biete, daß er auch später seine Pflichten erfüllen werde, und diese Darstellung führte die endliche Entscheidung herbei.
»Willst Du denn? fragte er den Knaben.
– Ja, Herr Murdock,« erklärte Findling.
Er antwortete mit so bestimmtem Tone, daß es jedem auffiel. Unzweifelhaft war er sich klar über die Verantwortlichkeit, die er für die Zukunft seines Pathenkindes auf sich nahm.
Am Morgen des 26. Septembers waren alle zu der heiligen Handlung bereit. Mit den Sonntagskleidern angethan, begaben sich die Frauen im Wagen, die Männer zu Fuß, und alle in gehobenster Stimmung nach der Pfarrkirche in Silton.
Kaum hatten sie diese aber betreten, als eine Schwierigkeit auftauchte, an die vorher niemand gedacht hatte, bis der Parochialgeistliche darauf hinwies.
Auf seine Frage, wer der Taufzeuge der Neugebornen sei, antwortete Murdock:
»Hier, Findling.
– Wie alt ist dieser?
– Siebenundeinhalb Jahr.
– Siebenundeinhalb?... Das ist zwar etwas jung, doch kein gesetzliches Hinderniß. Er hat doch wohl einen andern Namen als blos Findling?
– Wir kennen keinen andern, Herr Pfarrer, ließ die Großmutter sich vernehmen.
– Keinen andern?« versetzte der Geistliche.
Dann wendete er sich an den Knaben.
»Du mußt doch einen Taufnamen haben? fragte er.
– Ich habe aber keinen, Herr Pfarrer.
– O doch, mein Kind! Oder solltest zufällig überhaupt nicht getauft sein?«
Ob nun zufällig oder nicht, jedenfalls konnte Findling darüber keinerlei Aufschluß geben, da er sich an eine ihn betreffende Tauffeierlichkeit natürlich nicht erinnern konnte. Es erschien wirklich seltsam, daß die so religiöse und gewissenhafte Familie Mac Carthy nicht schon früher auf diese Frage gekommen war. In der That hatte aber niemand daran gedacht.
In der Meinung, nun unmöglich der Taufzeuge der kleinen Jenny werden zu können, stand Findling völlig verblüfft daneben.
»Nun, wenn es noch nicht geschehen ist, Herr Pfarrer, rief da Murdock, so kann er ja getauft werden.
– Doch, wenn er das schon wäre! bemerkte die Großmutter.
– O, so wird er einfach ein doppelter Christ, sagte Sim. Taufen Sie ihn nur vor der Kleinen.
– Nun ja, warum nicht? antwortete der Geistliche.
– Dann könnte er als Taufzeuge dienen?
– Gewiß.
– Und es hindert nichts die Vornahme dieser zwei Taufen gleich nach einander? erkundigte sich Kitty.
– Das ich nicht wüßte, erklärte der Geistliche, vorausgesetzt, daß sich für Findling ein Taufzeuge und eine Zeugin findet.
– Dazu erbiete ich mich, sagte Martin.
– Und ich mich ebenfalls,« setzte Martine hinzu.
Wie glücklich fühlte sich der Knabe, auf diese Weise mit seinen Pflegeeltern noch enger verbunden zu werden.
»O, ich danke... ich danke allen...!« rief er wiederholt, während er der Großmutter, Kitty und Martine lebhaft die Hände drückte.
Da er nun einen Taufnamen erhalten mußte, entschied man sich für »Edit«, den Kalenderheiligen des betreffenden Tages.
Edit!... Recht so! Höchst wahrscheinlich blieb ihm aber doch der Name Findling auch ferner; hatten sich doch alle daran schon so sehr gewöhnt.
Der junge Kirchenzeuge wurde also zuerst getauft; nach dieser Ceremonie hielten die Großmutter und er das Kind über das Taufbecken und die Kleine wurde, entsprechend dem Wunsche ihrer Pathin, »Jenny« getauft.
Sofort verkündeten die Glocken dem Kirchspiele die Vollziehung der feierlichen Handlung, krachten vor der Kirche Kanonenschläge und regnete es Coppers auf die Straßenjugend der Ortschaft. Was hatte sich aber alles vor der Thüre des Gotteshauses versammelt! Es schien, als ob alle Armen der Grafschaft sich hier ein Stelldichein gegeben hätten.
Die Heimkehr nach der Farm erfolgte in fröhlichster Stimmung. Mit dem Geistlichen an der Spitze zogen die Festgäste, ein gutes Dutzend Nachbarn und Nachbarinnen, dahin. Alle nahmen an der im großen Zimmer aufgestellten Tafel Platz, für die die Gerichtevon einer ausgezeichneten, eigens aus Tralee geholten Köchin bereitet waren.
Selbstverständlich waren die Speisen bei diesem denkwürdigen Festmahle alle den Vorräthen der Farm entnommen. Von außerhalb rührte gar nichts her, weder die Hammelkeulen mit schmackhaft gewürzter Sauce, noch die Hühnerbraten mit saftiger Beilage, weder die Schinken, noch die Kaninchenröstbraten, nicht einmal die Salme und Hechte, denn diese waren eigenhändig im Cashen gefangen worden.
Findling hatte selbstverständlich alle die schönen Sachen unter die Rubrik »Abgänge« eingetragen und so seine Buchführung auf dem Laufenden erhalten. Nun konnte er mit Gewissensruhe essen und trinken. Hier saßen auch Tischgäste, die mit gutem Beispiele vorangingen, Leute mit Magen, die weniger nach der Herkunft der Speisen, als nach deren Menge fragten. So blieb von dem Frühstück rein nichts übrig, weder von den drei warmen Gerichten, noch von der Nachspeise, obwohl der Plum-pudding aus Reis von gewaltiger Größe war und es für jede Person noch eine Johannisbrodtorte und eine Menge Sellerie gab.
Und dazu der Ingwerwein, der Stout, der Porter, das Sodawasser und der Usquebaugh (eine Art Whisky), der Brandy und der Gin, nebst dem Grok, hergestellt nach dem berühmten Recepte: »hot, strong and plenty« – »heiß, stark und reichlich« – genug, um die geübtesten Trinker der Provinz unter den Tisch zu bringen. Gegen Ende der drei Stunden währenden Mahlzeit glänzten denn auch die Augen wie Feuerbrände und glühten die Wangen wie Kohlen im Kamin. In der Familie Mac Carthy huldigte man der Nüchternheit. Kein Glied derselben besuchte die für die Katholikenbegehenden »Aether-Schänken«, noch viel weniger die »Alkohol-Schänken«, wo die Protestanten verkehrten. Doch bei einem Taufschmause konnte man sich wohl ein wenig gehen lassen, und dann war ja auch der Geistliche bei der Hand, um die Absolution zu ertheilen.
Martin beobachtete seine Gäste auch sorgsamst und fand dabei unerwartete Unterstützung durch seinen zweiten Sohn Pat, der sich sehr mäßig gehalten hatte, während Sim vielleicht »einen kleinen Spitz« davontrug.
Und als ein dicker Farmer aus der Nachbarschaft sich wunderte, daß ein Seemann ein so zaghafter Trinker sei, erwiderte der junge Mann:
»Das kommt daher, daß ich die Geschichte John Playne's kenne!
– Die Geschichte John Playne's?
– Die Geschichte oder die Ballade, wie Sie wollen.
– Wohlan denn, singen Sie uns die Ballade vor, Pat, sagte der Geistliche, der diese Ablenkung sehr gern sah.
– Ja, sie ist etwas trauriger Art und etwas sehr lang.
– Thut nichts, mein Sohn, wir haben Muße genug, sie bis zum Ende zu hören.«
Darauf hin begann Pat das Klagelied mit so machtvoller, ergreifender Stimme, daß Findling das ganze Meer aus seinem Munde tönend glaubte.
Das Klagelied von John Playne.
I.
John Playne, glaubt mir's ruhig,War grau am ganzen Haupt,Doch trinken mußt' er immerBis ihn der Tod geraubt.Zwei Stunden in der Schänke...Braucht' es denn wohl noch mehr?Da war sein Kopf gefüllt zwar,Der Beutel aber leer.Ha! Wenn es draußen fluthet,Winkt' ihm ja neuer Lohn,Und den dann zu vertrinken,Darauf freut' er sich schon.Das ist nun einmal SitteDer Fischer von Kromer,Sie haben schwere Arbeit...Nun flott, John Playne, auf's Meer!
John Playne, glaubt mir's ruhig,War grau am ganzen Haupt,Doch trinken mußt' er immerBis ihn der Tod geraubt.Zwei Stunden in der Schänke...Braucht' es denn wohl noch mehr?Da war sein Kopf gefüllt zwar,Der Beutel aber leer.Ha! Wenn es draußen fluthet,Winkt' ihm ja neuer Lohn,Und den dann zu vertrinken,Darauf freut' er sich schon.Das ist nun einmal SitteDer Fischer von Kromer,Sie haben schwere Arbeit...Nun flott, John Playne, auf's Meer!
John Playne, glaubt mir's ruhig,War grau am ganzen Haupt,Doch trinken mußt' er immerBis ihn der Tod geraubt.
John Playne, glaubt mir's ruhig,
War grau am ganzen Haupt,
Doch trinken mußt' er immer
Bis ihn der Tod geraubt.
Zwei Stunden in der Schänke...Braucht' es denn wohl noch mehr?Da war sein Kopf gefüllt zwar,Der Beutel aber leer.
Zwei Stunden in der Schänke...
Braucht' es denn wohl noch mehr?
Da war sein Kopf gefüllt zwar,
Der Beutel aber leer.
Ha! Wenn es draußen fluthet,Winkt' ihm ja neuer Lohn,Und den dann zu vertrinken,Darauf freut' er sich schon.
Ha! Wenn es draußen fluthet,
Winkt' ihm ja neuer Lohn,
Und den dann zu vertrinken,
Darauf freut' er sich schon.
Das ist nun einmal SitteDer Fischer von Kromer,Sie haben schwere Arbeit...Nun flott, John Playne, auf's Meer!
Das ist nun einmal Sitte
Der Fischer von Kromer,
Sie haben schwere Arbeit...
Nun flott, John Playne, auf's Meer!
»Nun, da ist er ja gleich aus der Schänke heraus, rief Sim.
– Das ist hart für einen erprobten Trinker! bemerkte der dicke Farmer.
– Er hat wohl schon genug getrunken, äußerte Martin.
– Schon zu viel!« meinte der Pfarrer.
Pat fuhr nun fort:
II.
John Playne's kleines Fahrzeug,Sehr spitz gebaut am Bug,Mit Klüverbaum und Fockmast,Den Namen »Cavan« trug.Doch John muß sich beeilen,Daß er gelangt an Bord,Schon sind die andern FischerWeit aus dem Hafen fort.Das Meer ist grausam pünktlich,Hält die Gezeiten ein:Zwei Stunden noch, die EbbeWird dann vorüber sein.Drum wenn sich John nicht sputet,Sofort hinaus zu gehn,Und gar das Wetter umschlägt,Ist's um sein Boot geschehn.
John Playne's kleines Fahrzeug,Sehr spitz gebaut am Bug,Mit Klüverbaum und Fockmast,Den Namen »Cavan« trug.Doch John muß sich beeilen,Daß er gelangt an Bord,Schon sind die andern FischerWeit aus dem Hafen fort.Das Meer ist grausam pünktlich,Hält die Gezeiten ein:Zwei Stunden noch, die EbbeWird dann vorüber sein.Drum wenn sich John nicht sputet,Sofort hinaus zu gehn,Und gar das Wetter umschlägt,Ist's um sein Boot geschehn.
John Playne's kleines Fahrzeug,Sehr spitz gebaut am Bug,Mit Klüverbaum und Fockmast,Den Namen »Cavan« trug.
John Playne's kleines Fahrzeug,
Sehr spitz gebaut am Bug,
Mit Klüverbaum und Fockmast,
Den Namen »Cavan« trug.
Doch John muß sich beeilen,Daß er gelangt an Bord,Schon sind die andern FischerWeit aus dem Hafen fort.
Doch John muß sich beeilen,
Daß er gelangt an Bord,
Schon sind die andern Fischer
Weit aus dem Hafen fort.
Das Meer ist grausam pünktlich,Hält die Gezeiten ein:Zwei Stunden noch, die EbbeWird dann vorüber sein.
Das Meer ist grausam pünktlich,
Hält die Gezeiten ein:
Zwei Stunden noch, die Ebbe
Wird dann vorüber sein.
Drum wenn sich John nicht sputet,Sofort hinaus zu gehn,Und gar das Wetter umschlägt,Ist's um sein Boot geschehn.
Drum wenn sich John nicht sputet,
Sofort hinaus zu gehn,
Und gar das Wetter umschlägt,
Ist's um sein Boot geschehn.
»Er wird schon durch eigne Schuld noch Unglück haben, ließ sich die Großmutter vernehmen.
– Desto schlimmer für ihn!« versetzte der Pfarrer.
Pat fuhr weiter fort:
III.
Tief dunkel... droh'nder Himmel!Schon schlägt der Wind zurück,Laut braust es in den Lüften,Und John mit KatzenblickSchaut auf und lauscht verwundert...Was drang da an sein Ohr?Was stößt ans Felsenufer?Er rafft sich schwer empor:Da sieht sein Boot er schwanken,Bedrängt vom Wogenring,Ein Glück, daß es nicht splitterndDabei zugrunde ging.John Playne flucht und wettert:»Das halt' der Teufel aus!Bei solchem SturmeswüthenSoll man aufs Meer hinaus!«Doch klettert er ins Fahrzeug,Ins rollende hinein,Und zündet seine PfeifeMit Schwamm und Feuerstein.Er stülpt sich den SüdwesterZum Schutze über, dannTheerrock und WasserstiefelnLegt er arg schwankend an.Mit Mühe richtet PlayneDen Mast im Boote aufUnd zieht das schwere SegelMit kräft'gem Ruck hinauf.Dann zerrt er an der Drisse,Das Klüversegel steigt,Ob auch das kleine Fahrzeug,Sich tief zur Seite neigt.Er läßt das Sorrtau schießen;Das Steuerruder faßtDie nerv'ge Hand und spannt nunDas Segel aus am Mast.Doch als am KruzifixeDes Strands vorbei er fliegt,Macht er des Kreuzes Zeichen,So toll sich's Boot auch wiegt.
Tief dunkel... droh'nder Himmel!Schon schlägt der Wind zurück,Laut braust es in den Lüften,Und John mit KatzenblickSchaut auf und lauscht verwundert...Was drang da an sein Ohr?Was stößt ans Felsenufer?Er rafft sich schwer empor:Da sieht sein Boot er schwanken,Bedrängt vom Wogenring,Ein Glück, daß es nicht splitterndDabei zugrunde ging.John Playne flucht und wettert:»Das halt' der Teufel aus!Bei solchem SturmeswüthenSoll man aufs Meer hinaus!«Doch klettert er ins Fahrzeug,Ins rollende hinein,Und zündet seine PfeifeMit Schwamm und Feuerstein.Er stülpt sich den SüdwesterZum Schutze über, dannTheerrock und WasserstiefelnLegt er arg schwankend an.Mit Mühe richtet PlayneDen Mast im Boote aufUnd zieht das schwere SegelMit kräft'gem Ruck hinauf.Dann zerrt er an der Drisse,Das Klüversegel steigt,Ob auch das kleine Fahrzeug,Sich tief zur Seite neigt.Er läßt das Sorrtau schießen;Das Steuerruder faßtDie nerv'ge Hand und spannt nunDas Segel aus am Mast.Doch als am KruzifixeDes Strands vorbei er fliegt,Macht er des Kreuzes Zeichen,So toll sich's Boot auch wiegt.
Tief dunkel... droh'nder Himmel!Schon schlägt der Wind zurück,Laut braust es in den Lüften,Und John mit Katzenblick
Tief dunkel... droh'nder Himmel!
Schon schlägt der Wind zurück,
Laut braust es in den Lüften,
Und John mit Katzenblick
Schaut auf und lauscht verwundert...Was drang da an sein Ohr?Was stößt ans Felsenufer?Er rafft sich schwer empor:
Schaut auf und lauscht verwundert...
Was drang da an sein Ohr?
Was stößt ans Felsenufer?
Er rafft sich schwer empor:
Da sieht sein Boot er schwanken,Bedrängt vom Wogenring,Ein Glück, daß es nicht splitterndDabei zugrunde ging.
Da sieht sein Boot er schwanken,
Bedrängt vom Wogenring,
Ein Glück, daß es nicht splitternd
Dabei zugrunde ging.
John Playne flucht und wettert:»Das halt' der Teufel aus!Bei solchem SturmeswüthenSoll man aufs Meer hinaus!«
John Playne flucht und wettert:
»Das halt' der Teufel aus!
Bei solchem Sturmeswüthen
Soll man aufs Meer hinaus!«
Doch klettert er ins Fahrzeug,Ins rollende hinein,Und zündet seine PfeifeMit Schwamm und Feuerstein.
Doch klettert er ins Fahrzeug,
Ins rollende hinein,
Und zündet seine Pfeife
Mit Schwamm und Feuerstein.
Er stülpt sich den SüdwesterZum Schutze über, dannTheerrock und WasserstiefelnLegt er arg schwankend an.
Er stülpt sich den Südwester
Zum Schutze über, dann
Theerrock und Wasserstiefeln
Legt er arg schwankend an.
Mit Mühe richtet PlayneDen Mast im Boote aufUnd zieht das schwere SegelMit kräft'gem Ruck hinauf.
Mit Mühe richtet Playne
Den Mast im Boote auf
Und zieht das schwere Segel
Mit kräft'gem Ruck hinauf.
Dann zerrt er an der Drisse,Das Klüversegel steigt,Ob auch das kleine Fahrzeug,Sich tief zur Seite neigt.
Dann zerrt er an der Drisse,
Das Klüversegel steigt,
Ob auch das kleine Fahrzeug,
Sich tief zur Seite neigt.
Er läßt das Sorrtau schießen;Das Steuerruder faßtDie nerv'ge Hand und spannt nunDas Segel aus am Mast.
Er läßt das Sorrtau schießen;
Das Steuerruder faßt
Die nerv'ge Hand und spannt nun
Das Segel aus am Mast.
Doch als am KruzifixeDes Strands vorbei er fliegt,Macht er des Kreuzes Zeichen,So toll sich's Boot auch wiegt.
Doch als am Kruzifixe
Des Strands vorbei er fliegt,
Macht er des Kreuzes Zeichen,
So toll sich's Boot auch wiegt.
»Ein Irländer darf es unter keinen Umständen vergessen, sich zu bekreuzigen, bemerkte Murdock ernst.
– Selbst wenn er etwas getrunken hat, setzte Martin hinzu.
– Der Herr sei ihm gnädig!« schloß der Geistliche die Zwischenrede.
Pat nahm das Klagelied wieder auf.
IV.
Die Bai mißt gut zwei MeilenBis hin zum Fischergrund;Hier führt der Weg im Zickzack,Dort fast im Bogen rund.Und selbst am hellen Tage,Hat, wer im Herzen zagt,Noch keiner ohne BangenDie Fahrt hindurch gewagt.John kennt des Wassers Tiefen,Weiß, wo der Grund sich senkt,Und sichern Aug's und ArmesEr ohne Zögern lenktDas Fahrzeug nach dem VorbergMit altem Hafenlicht,Wo nicht so toll sich's WasserWie näh'r am Lande bricht.John spannt das Segel weiter,Daß voll der Wind es schwelltUnd klatschend vorn am BugeDer Wogen Berg zerspellt.Doch schon ist er am EndeDer Durchfahrt nach NordostWo Fluthwell' oder EbbeNicht mehr so grimmig tost.Er kennt die schwanken ZeichenDes Wasserwegs, den SandZur linken, wo manch FahrzeugSich elend festgerannt.Er knüpft die Schote festerAm Eisenringe schwer...John ist ein sich'rer Lootse...Er schwimmt auf hohem Meer!
Die Bai mißt gut zwei MeilenBis hin zum Fischergrund;Hier führt der Weg im Zickzack,Dort fast im Bogen rund.Und selbst am hellen Tage,Hat, wer im Herzen zagt,Noch keiner ohne BangenDie Fahrt hindurch gewagt.John kennt des Wassers Tiefen,Weiß, wo der Grund sich senkt,Und sichern Aug's und ArmesEr ohne Zögern lenktDas Fahrzeug nach dem VorbergMit altem Hafenlicht,Wo nicht so toll sich's WasserWie näh'r am Lande bricht.John spannt das Segel weiter,Daß voll der Wind es schwelltUnd klatschend vorn am BugeDer Wogen Berg zerspellt.Doch schon ist er am EndeDer Durchfahrt nach NordostWo Fluthwell' oder EbbeNicht mehr so grimmig tost.Er kennt die schwanken ZeichenDes Wasserwegs, den SandZur linken, wo manch FahrzeugSich elend festgerannt.Er knüpft die Schote festerAm Eisenringe schwer...John ist ein sich'rer Lootse...Er schwimmt auf hohem Meer!
Die Bai mißt gut zwei MeilenBis hin zum Fischergrund;Hier führt der Weg im Zickzack,Dort fast im Bogen rund.
Die Bai mißt gut zwei Meilen
Bis hin zum Fischergrund;
Hier führt der Weg im Zickzack,
Dort fast im Bogen rund.
Und selbst am hellen Tage,Hat, wer im Herzen zagt,Noch keiner ohne BangenDie Fahrt hindurch gewagt.
Und selbst am hellen Tage,
Hat, wer im Herzen zagt,
Noch keiner ohne Bangen
Die Fahrt hindurch gewagt.
John kennt des Wassers Tiefen,Weiß, wo der Grund sich senkt,Und sichern Aug's und ArmesEr ohne Zögern lenkt
John kennt des Wassers Tiefen,
Weiß, wo der Grund sich senkt,
Und sichern Aug's und Armes
Er ohne Zögern lenkt
Das Fahrzeug nach dem VorbergMit altem Hafenlicht,Wo nicht so toll sich's WasserWie näh'r am Lande bricht.
Das Fahrzeug nach dem Vorberg
Mit altem Hafenlicht,
Wo nicht so toll sich's Wasser
Wie näh'r am Lande bricht.
John spannt das Segel weiter,Daß voll der Wind es schwelltUnd klatschend vorn am BugeDer Wogen Berg zerspellt.
John spannt das Segel weiter,
Daß voll der Wind es schwellt
Und klatschend vorn am Buge
Der Wogen Berg zerspellt.
Doch schon ist er am EndeDer Durchfahrt nach NordostWo Fluthwell' oder EbbeNicht mehr so grimmig tost.
Doch schon ist er am Ende
Der Durchfahrt nach Nordost
Wo Fluthwell' oder Ebbe
Nicht mehr so grimmig tost.
Er kennt die schwanken ZeichenDes Wasserwegs, den SandZur linken, wo manch FahrzeugSich elend festgerannt.
Er kennt die schwanken Zeichen
Des Wasserwegs, den Sand
Zur linken, wo manch Fahrzeug
Sich elend festgerannt.
Er knüpft die Schote festerAm Eisenringe schwer...John ist ein sich'rer Lootse...Er schwimmt auf hohem Meer!
Er knüpft die Schote fester
Am Eisenringe schwer...
John ist ein sich'rer Lootse...
Er schwimmt auf hohem Meer!
»Auf dem offnen Meere, dachte Findling. O, wie schön muß das sein!«
V.
Vor ihm die Wasserwüste,Die Wüste schwarz und wild,Wenn nicht ein fahles LeuchtenErhellt das düstre Bild.Am Himmel flieh'n die WolkenMit Sturmeseile hin,Bald wird das schwere WetterDie Küste überzieh'n.Da bricht's schon los, da pfeift es,Da heult es in der LuftUnd reißt sie auf die Wogen,Wie eine droh'nde Gruft.
Vor ihm die Wasserwüste,Die Wüste schwarz und wild,Wenn nicht ein fahles LeuchtenErhellt das düstre Bild.Am Himmel flieh'n die WolkenMit Sturmeseile hin,Bald wird das schwere WetterDie Küste überzieh'n.Da bricht's schon los, da pfeift es,Da heult es in der LuftUnd reißt sie auf die Wogen,Wie eine droh'nde Gruft.
Vor ihm die Wasserwüste,Die Wüste schwarz und wild,Wenn nicht ein fahles LeuchtenErhellt das düstre Bild.
Vor ihm die Wasserwüste,
Die Wüste schwarz und wild,
Wenn nicht ein fahles Leuchten
Erhellt das düstre Bild.
Am Himmel flieh'n die WolkenMit Sturmeseile hin,Bald wird das schwere WetterDie Küste überzieh'n.
Am Himmel flieh'n die Wolken
Mit Sturmeseile hin,
Bald wird das schwere Wetter
Die Küste überzieh'n.
Da bricht's schon los, da pfeift es,Da heult es in der LuftUnd reißt sie auf die Wogen,Wie eine droh'nde Gruft.
Da bricht's schon los, da pfeift es,
Da heult es in der Luft
Und reißt sie auf die Wogen,
Wie eine droh'nde Gruft.
Pat unterbrach seinen Gesang. Diesmal wurde keine Bemerkung laut. Jeder lauschte gespannten Ohres, als ob das Unwetter des Liedes sich über der Farm von Kerwan entladen müßte und diese zum Fahrzeuge John Playne's geworden wäre.
VI.
Doch John kann nichts erschrecken.Ihn macht kein Blitzstrahl blind,Er will, wie oft schon früher,Aufkreuzen in den Wind.Weit bauschen sich die Segel;Er stellt sie anders einUnd steuert ohne ZagenScharf in den Sturm hinein.Was kümmert's ihn, ob schäumendEntgegenbraust das Meer?Er will doch Trotz ihm bieten,Ist auch die Arbeit schwer.So wirft er aus die KetteMit langem Sacknetz dranUnd läßt es nach sich schleppen...Bald ist das Werk gethan.Mit Last am Heck erhält sichEin Boot schon in der FahrtUnd weicht nicht aus dem Curse,Arbeitet's noch so hart.Drum greift – mit schwerem Kopfe,Nach hier und dort den BlickGewandt – John nach der Flasche,em Trost im Mißgeschick.Er führt sie an die LippenUnd schlürft den scharfen Trank,Bis auf der Bank am RuderEr stumpf zusammensank.Da scheint das weite Meer ihmEin Teich zu sein voll Gin,Er träumt, er schwämme wohligAllein darüber hin.
Doch John kann nichts erschrecken.Ihn macht kein Blitzstrahl blind,Er will, wie oft schon früher,Aufkreuzen in den Wind.Weit bauschen sich die Segel;Er stellt sie anders einUnd steuert ohne ZagenScharf in den Sturm hinein.Was kümmert's ihn, ob schäumendEntgegenbraust das Meer?Er will doch Trotz ihm bieten,Ist auch die Arbeit schwer.So wirft er aus die KetteMit langem Sacknetz dranUnd läßt es nach sich schleppen...Bald ist das Werk gethan.Mit Last am Heck erhält sichEin Boot schon in der FahrtUnd weicht nicht aus dem Curse,Arbeitet's noch so hart.Drum greift – mit schwerem Kopfe,Nach hier und dort den BlickGewandt – John nach der Flasche,em Trost im Mißgeschick.Er führt sie an die LippenUnd schlürft den scharfen Trank,Bis auf der Bank am RuderEr stumpf zusammensank.Da scheint das weite Meer ihmEin Teich zu sein voll Gin,Er träumt, er schwämme wohligAllein darüber hin.
Doch John kann nichts erschrecken.Ihn macht kein Blitzstrahl blind,Er will, wie oft schon früher,Aufkreuzen in den Wind.
Doch John kann nichts erschrecken.
Ihn macht kein Blitzstrahl blind,
Er will, wie oft schon früher,
Aufkreuzen in den Wind.
Weit bauschen sich die Segel;Er stellt sie anders einUnd steuert ohne ZagenScharf in den Sturm hinein.
Weit bauschen sich die Segel;
Er stellt sie anders ein
Und steuert ohne Zagen
Scharf in den Sturm hinein.
Was kümmert's ihn, ob schäumendEntgegenbraust das Meer?Er will doch Trotz ihm bieten,Ist auch die Arbeit schwer.
Was kümmert's ihn, ob schäumend
Entgegenbraust das Meer?
Er will doch Trotz ihm bieten,
Ist auch die Arbeit schwer.
So wirft er aus die KetteMit langem Sacknetz dranUnd läßt es nach sich schleppen...Bald ist das Werk gethan.
So wirft er aus die Kette
Mit langem Sacknetz dran
Und läßt es nach sich schleppen...
Bald ist das Werk gethan.
Mit Last am Heck erhält sichEin Boot schon in der FahrtUnd weicht nicht aus dem Curse,Arbeitet's noch so hart.
Mit Last am Heck erhält sich
Ein Boot schon in der Fahrt
Und weicht nicht aus dem Curse,
Arbeitet's noch so hart.
Drum greift – mit schwerem Kopfe,Nach hier und dort den BlickGewandt – John nach der Flasche,em Trost im Mißgeschick.
Drum greift – mit schwerem Kopfe,
Nach hier und dort den Blick
Gewandt – John nach der Flasche,
em Trost im Mißgeschick.
Er führt sie an die LippenUnd schlürft den scharfen Trank,Bis auf der Bank am RuderEr stumpf zusammensank.
Er führt sie an die Lippen
Und schlürft den scharfen Trank,
Bis auf der Bank am Ruder
Er stumpf zusammensank.
Da scheint das weite Meer ihmEin Teich zu sein voll Gin,Er träumt, er schwämme wohligAllein darüber hin.
Da scheint das weite Meer ihm
Ein Teich zu sein voll Gin,
Er träumt, er schwämme wohlig
Allein darüber hin.
»Der Unbesonnene! rief Martin.
– Man sagt ja, es gäbe einen Gott für die Trunknen! bemerkte Sim.
– Da muß dieser aber viel zu thun haben, warf Martin ein.
– Wir werden's ja sehen! erwiderte der Geistliche. Fahrt nur fort, Pat.«
VII.
Am nächsten Morgen leuchtetDie Sonn' in voller Pracht.Am Himmel leichte Wölkchen –Nachzügler von der Nacht.Wenn die Gefahr vorüber,Wer denkt dann noch daran?Schon tummeln sich die FischerAm Hafen Mann für Mann.Und jedes Boot beeilt sich;Jetzt zieh'n sie Bord an Bord,gleich fröhlicher Regatta,Zum neuen Fange fort.
Am nächsten Morgen leuchtetDie Sonn' in voller Pracht.Am Himmel leichte Wölkchen –Nachzügler von der Nacht.Wenn die Gefahr vorüber,Wer denkt dann noch daran?Schon tummeln sich die FischerAm Hafen Mann für Mann.Und jedes Boot beeilt sich;Jetzt zieh'n sie Bord an Bord,gleich fröhlicher Regatta,Zum neuen Fange fort.
Am nächsten Morgen leuchtetDie Sonn' in voller Pracht.Am Himmel leichte Wölkchen –Nachzügler von der Nacht.
Am nächsten Morgen leuchtet
Die Sonn' in voller Pracht.
Am Himmel leichte Wölkchen –
Nachzügler von der Nacht.
Wenn die Gefahr vorüber,Wer denkt dann noch daran?Schon tummeln sich die FischerAm Hafen Mann für Mann.
Wenn die Gefahr vorüber,
Wer denkt dann noch daran?
Schon tummeln sich die Fischer
Am Hafen Mann für Mann.
Und jedes Boot beeilt sich;Jetzt zieh'n sie Bord an Bord,gleich fröhlicher Regatta,Zum neuen Fange fort.
Und jedes Boot beeilt sich;
Jetzt zieh'n sie Bord an Bord,
gleich fröhlicher Regatta,
Zum neuen Fange fort.
»Und John Playne? fragte Findling, sehr besorgt um den Trunknen, der, das Sacknetz nachschleppend, eingeschlafen war.
– Nur Geduld! mahnte ihn Martin.
– Ich habe auch Angst um ihn!« setzte die Großmutter hinzu.
VIII.
Da... was ist dort geschehen?Das erste Fahrzeug weichtAus dem gewohnten Curse,Wo's bald das Ziel erreicht.Und seiner Fährte schließenDie andern all' sich an;Grundlos wich nicht der FührerAus der gewohnten Bahn.Ging wohl ein Boot verloren,Im tollen Sturm der Nacht?Hat einem FischersmanneEr's nasse Bett gemacht?Da seht!... Es treibt ein FahrzeugGekentert auf dem Meer,Den Kiel nach oben schwankt esUnd steuerlos umher.
Da... was ist dort geschehen?Das erste Fahrzeug weichtAus dem gewohnten Curse,Wo's bald das Ziel erreicht.Und seiner Fährte schließenDie andern all' sich an;Grundlos wich nicht der FührerAus der gewohnten Bahn.Ging wohl ein Boot verloren,Im tollen Sturm der Nacht?Hat einem FischersmanneEr's nasse Bett gemacht?Da seht!... Es treibt ein FahrzeugGekentert auf dem Meer,Den Kiel nach oben schwankt esUnd steuerlos umher.
Da... was ist dort geschehen?Das erste Fahrzeug weichtAus dem gewohnten Curse,Wo's bald das Ziel erreicht.
Da... was ist dort geschehen?
Das erste Fahrzeug weicht
Aus dem gewohnten Curse,
Wo's bald das Ziel erreicht.
Und seiner Fährte schließenDie andern all' sich an;Grundlos wich nicht der FührerAus der gewohnten Bahn.
Und seiner Fährte schließen
Die andern all' sich an;
Grundlos wich nicht der Führer
Aus der gewohnten Bahn.
Ging wohl ein Boot verloren,Im tollen Sturm der Nacht?Hat einem FischersmanneEr's nasse Bett gemacht?
Ging wohl ein Boot verloren,
Im tollen Sturm der Nacht?
Hat einem Fischersmanne
Er's nasse Bett gemacht?
Da seht!... Es treibt ein FahrzeugGekentert auf dem Meer,Den Kiel nach oben schwankt esUnd steuerlos umher.
Da seht!... Es treibt ein Fahrzeug
Gekentert auf dem Meer,
Den Kiel nach oben schwankt es
Und steuerlos umher.
»Gekentert! rief Findling entsetzt.
– Gekentert!« wiederholte die Großmutter.
IX.
Geschwind nun an die Arbeit!Erst zieht das Sacknetz einUnd legt es Masch' um MascheIns nächste Boot hinein.Schon sieht man nerv'ge HändeAm Tau des Netzes ziehnUnd in dem Boot es bergen...Ein Leichnam hing darin.Und diese düstre Seetrift,Entrissen jetzt dem Meer,Sie war bisher John PlayneDer Fischer aus Kromer.
Geschwind nun an die Arbeit!Erst zieht das Sacknetz einUnd legt es Masch' um MascheIns nächste Boot hinein.Schon sieht man nerv'ge HändeAm Tau des Netzes ziehnUnd in dem Boot es bergen...Ein Leichnam hing darin.Und diese düstre Seetrift,Entrissen jetzt dem Meer,Sie war bisher John PlayneDer Fischer aus Kromer.
Geschwind nun an die Arbeit!Erst zieht das Sacknetz einUnd legt es Masch' um MascheIns nächste Boot hinein.
Geschwind nun an die Arbeit!
Erst zieht das Sacknetz ein
Und legt es Masch' um Masche
Ins nächste Boot hinein.
Schon sieht man nerv'ge HändeAm Tau des Netzes ziehnUnd in dem Boot es bergen...Ein Leichnam hing darin.
Schon sieht man nerv'ge Hände
Am Tau des Netzes ziehn
Und in dem Boot es bergen...
Ein Leichnam hing darin.
Und diese düstre Seetrift,Entrissen jetzt dem Meer,Sie war bisher John PlayneDer Fischer aus Kromer.
Und diese düstre Seetrift,
Entrissen jetzt dem Meer,
Sie war bisher John Playne
Der Fischer aus Kromer.
X.
Nicht mehr von ihm gesteuert,Kam quer sein Boot zum WindDas große Segel drückt' esdann nieder wie ein Kind.Gott sei der Seele gnädigDes armen, trunknen Narrn!...Hier fing sich ja der FischerIn seinem eig'nen Garn.O, welch ein graus'ger Anblick.Als man herein ihn zog,Trotz viel verschluckten Wassers,Schien er betrunken noch!
Nicht mehr von ihm gesteuert,Kam quer sein Boot zum WindDas große Segel drückt' esdann nieder wie ein Kind.Gott sei der Seele gnädigDes armen, trunknen Narrn!...Hier fing sich ja der FischerIn seinem eig'nen Garn.O, welch ein graus'ger Anblick.Als man herein ihn zog,Trotz viel verschluckten Wassers,Schien er betrunken noch!
Nicht mehr von ihm gesteuert,Kam quer sein Boot zum WindDas große Segel drückt' esdann nieder wie ein Kind.
Nicht mehr von ihm gesteuert,
Kam quer sein Boot zum Wind
Das große Segel drückt' es
dann nieder wie ein Kind.
Gott sei der Seele gnädigDes armen, trunknen Narrn!...Hier fing sich ja der FischerIn seinem eig'nen Garn.
Gott sei der Seele gnädig
Des armen, trunknen Narrn!...
Hier fing sich ja der Fischer
In seinem eig'nen Garn.
O, welch ein graus'ger Anblick.Als man herein ihn zog,Trotz viel verschluckten Wassers,Schien er betrunken noch!
O, welch ein graus'ger Anblick.
Als man herein ihn zog,
Trotz viel verschluckten Wassers,
Schien er betrunken noch!
»Der Unglückliche! rief die mitleidige Martine.
– Wir werden für ihn beten!« erklärte die Großmutter.
XI.
Nun frisch aus Werk, ihr Leute,Wir schaffen ihn ans Land,Dort mag ein Grab er finden,Doch nicht zu nah am Strand.Legt ihn dahin, wo nicht mehrSo viel er trinken kann.Und stellt nur Glas und FlascheAns Grab als Warnung an....So endete John Playne,John Playne aus Kromer.Doch schon setzt ein die Ebbe,Ihr Fischer, rasch aufs Meer!
Nun frisch aus Werk, ihr Leute,Wir schaffen ihn ans Land,Dort mag ein Grab er finden,Doch nicht zu nah am Strand.Legt ihn dahin, wo nicht mehrSo viel er trinken kann.Und stellt nur Glas und FlascheAns Grab als Warnung an....So endete John Playne,John Playne aus Kromer.Doch schon setzt ein die Ebbe,Ihr Fischer, rasch aufs Meer!
Nun frisch aus Werk, ihr Leute,Wir schaffen ihn ans Land,Dort mag ein Grab er finden,Doch nicht zu nah am Strand.
Nun frisch aus Werk, ihr Leute,
Wir schaffen ihn ans Land,
Dort mag ein Grab er finden,
Doch nicht zu nah am Strand.
Legt ihn dahin, wo nicht mehrSo viel er trinken kann.Und stellt nur Glas und FlascheAns Grab als Warnung an....
Legt ihn dahin, wo nicht mehr
So viel er trinken kann.
Und stellt nur Glas und Flasche
Ans Grab als Warnung an....
So endete John Playne,John Playne aus Kromer.Doch schon setzt ein die Ebbe,Ihr Fischer, rasch aufs Meer!
So endete John Playne,
John Playne aus Kromer.
Doch schon setzt ein die Ebbe,
Ihr Fischer, rasch aufs Meer!
Die Stimme Pats klang wie eine Trompete, als er den letzten Vers des traurigen Liedes sang. Auf die Tischgäste hatte dieses einen so mächtigen Eindruck gemacht, daß sie sich – als Zugabe auf zehn tüchtige Gläser – begnügten, nur noch einen Schluck auf die Gesundheit eines jeden zu trinken. Dann trennte sich die Gesellschaft mit dem Vorsatze, es John Playne nie gleich zu thun... nicht einmal auf dem festen Lande.
Als der große Festtag vorüber war, ging man auf der Farm wieder an die gewohnte Feldarbeit. Pat merkte gewiß nichts davon, daß er einen Urlaub zurErholung angetreten hatte. Die Seeleute sind ja immer tüchtige Arbeiter, auch wenn sie nicht draußen schwimmen. Pat war gerade zur Erntezeit eingetroffen, und nach dem Getreide war jetzt noch das Gemüse einzufahren. Findling wich fast niemals von der Seite Pats, der jenem eine aufrichtige Freundschaft entgegenbrachte... die Freundschaft des Matrosen für den Schiffsjungen. Nach beendetem Tagewerke und wenn sich alle zum Abendbrode versammelt hatten, war es für Findling die größte Freude, den jungen Seemann erzählen zu hören, wenn dieser über seine Reisen, über allerlei Ereignisse, über die Stürme, die der »Guardian« bestanden, und über so manche schnelle und herrliche Fahrt berichtete. Am meisten interessierte er sich aber für die reiche, der Firma Marcuart zugeführte Fracht, für die Schätze, die der Dreimaster nach Europa heimgebracht hatte. Die Handelsangelegenheiten ließen in seinem praktischen Geiste eine darauf abgestimmte Saite erklingen. Seiner Ansicht nach stand der Rheder weit höher als der Capitän.
»Also das nennt man wohl Handelsgeschäfte treiben, Pat? fragte er.
– Ja; man holt die Erzeugnisse aus den Ländern, wo Natur oder Menschenhand sie hervorbringt, und verkauft sie da, wo das nicht der Fall ist.
– Und theurer, als man sie eingekauft hatte?...
– Natürlich... man muß doch etwas erübrigen. Dann führt man wieder die Erzeugnisse der andern Länder aus, um sie in der weiten Welt abzusetzen.
– Auch wieder theurer, Pat?
– Allemal etwas theurer, wenn das zu ermöglichen ist.«
Derartige Fragen des Knaben mußte Pat nun immer beantworten. Leider und zur großen Betrübniß aller nahte jetzt die Zeit heran, wo er in Liverpool wieder eintreffen mußte.
Am 30. September nahm er Abschied und als er sich von allen, die er liebte, trennte, wußte ja keiner, wie lange man ihn nicht wiedersehen würde. Er versprach jedoch, oft zu schreiben. Alle drückten ihn herzlich in die Arme. Der Großmutter standen die Augen voll Thränen, sie fürchtete ja bei ihrem hohen Alter, daß sie ihn vielleicht nicht mehr vor dem Spinnrade am Kamin und in der Mitte ihrer Kinder wiederfinden werde, wenn sie auch jetzt, ebenso wie die ganze Familie, gesund und wohlauf war. Für den Winter, dessen Vorboten sich bereits einstellten, war nach diesem sehr fruchtbaren Jahre auch nichts zu fürchten. Zu seinem älteren Bruder wendete sich Pat mit den Worten:
»Sei doch nicht immer so sorgenvoll und nachsinnend, Murdock! Mit Muth und gutem Willen ist alles zu überwinden....
– Gewiß, Pat, wenn man nur etwas Glück hat. Dem Glücke aber kann keiner befehlen. Sieh, Bruder, immerfort einen Boden zu bearbeiten, der nicht Dir eigen ist und es nie sein wird, und überdies sich gar so sehr vom Ausfall der Ernte abhängig zu wissen... daran werden Muth und guter Wille zuschanden!«
Pat hätte nicht gewußt, was er dagegen anführen sollte, doch als er dem älteren Bruder zum letzten Male die Hand reichte, flüsterte er ihm noch zu:
»Verliere nur das Vertrauen nicht!«
Der junge Seemann wurde bis nach Tralee zu Wagen befördert, wobei sein Vater, seine Brüder und Findling ihm das Geleit gaben und letzterer sich rechttraurig von jenem verabschiedete. Dann entführte ihn der Bahnzug nach Dublin, von wo aus er sich mit einem Dampfer nach Liverpool begeben wollte.
In den folgenden Wochen gab es auf der Farm noch tüchtig zu thun. Zunächst mußte die eingeheimste Ernte ausgedroschen werden und dann hatte Martin die Märkte der Nachbarschaft zu besuchen, um seine Vorräthe, unter Zurückbehaltung des Samengetreides, zu verkaufen.
Diese Verkäufe interessierten den Knaben ungemein und deshalb nahm ihn der Farmer auch dazu mit. Gierig nach Gewinn war Findling aber keineswegs, nur sein Instinct wies ihn immer und immer wieder auf den Handel hin. Im übrigen begnügte er sich mit dem Kieselstein, den ihm Martin nach Verabredung jeden Abend einhändigte, und er freute sich, seine Schätze wachsen zu sehen. Der irischen Rasse ist übrigens die Sucht nach Gewinn im allgemeinen angeboren. Die Bewohner des Grünen Erin verdienen einmal gerne Geld, wenn das in ehrlicher Weise möglich ist. Und wenn der Farmer etwa auf dem Markte in Tralee ein gutes Geschäft gemacht hatte, freute sich Findling ebenso herzlich darüber, als wenn das ihm selbst angegangen wäre.
October, November und December verliefen recht gut. Die Arbeiten waren längst beendigt, als sich der Einholer des Pachtzinses am Abende vor Weihnachten in der Farm von Kerwan einstellte. Das Geld für ihn lag bereit; doch als dieses erst gegen eine regelrechte Quittung ausgetauscht war, blieb auf der Farm fast keines mehr übrig. Um es nicht mit anzusehen, wie dieses mit saurem Schweiße gewonnene Geld aus dem Hause ging, hatte sich Murdock sofort zurückgezogen,als der Einholer nur sichtbar wurde. Immer hatte er die Unsicherheit der Zukunft vor den Augen. Zum Glück war für den Winter gesorgt und die Vorräthe gestatteten auch, die Arbeiten im Frühlinge ohne weitere Auslagen wieder aufzunehmen.
Mit dem neuen Jahr trat sehr strenge Kälte ein, die jeden ans Haus fesselte, wo es an Arbeit übrigens nicht fehlte. Mindestens war doch für die Pflege und die Ernährung der Thiere zu sorgen. Findling war vor allem der Hühnerhof anvertraut und auf ihn konnte man sich ja verlassen. Hühner und Küchlein wurden ebenso sorgsam gepflegt, wie über sie Buch geführt. Inzwischen vergaß der Knabe auch nicht, daß er ein Pathenkind hatte, und wie freute er sich allemal, Jenny in die Arme zu nehmen, sie lächeln zu machen, indem er die Kleine anlachte, und sie in der Wiege einzuschläfern, wenn ihre Mutter beschäftigt war. Ein Pathe ist fast so viel wie ein Vater, und er betrachtete das zarte Kind als seine Tochter. Für sie entwarf er hochfliegende Pläne. Sie sollte keinen andern Lehrer haben als ihn. Er wollte ihr erst reden, dann schreiben und endlich haushalten lehren.
Findling hatte von dem gelegentlichen Unterrichte Martins und seiner Söhne, vor allem Murdocks, viel profitiert. Jetzt war er weiter vorgeschritten als bis zu dem Punkte, wohin Grip ihn gebracht hatte... der arme Grip, der seine Gedanken unausgesetzt beschäftigte....
Der Frühling setzte nach recht hartem Winter nicht allzuspät ein. In Begleitung seines Freundes Birk gab sich der junge Schäfer wieder der gewohnten Beschäftigung hin. Unter seiner Leitung zogen Schafe und Ziegen wieder auf die Weideplätze in einmeiligem Umkreisvon der Farm. Immer schmerzte es ihn, sich an den andern Feldarbeiten, die freilich mehr Kräfte erforderten als er besaß, noch nicht betheiligen zu können. Zuweilen klagte er darüber gegen die Großmutter, und diese antwortete dann tröstend:
»Geduld... das wird auch noch kommen....
– Doch könnt' ich inzwischen nicht wenigstens ein Feld besäen?
– Würdest Du das so gern versuchen?
– O gewiß, Großmutter! Wenn ich Murdock oder Sim den Arm wiegend und regelmäßig fortschreitend die Samenkörner auf die Erde streuen sah, da trieb mich's immer, es ihnen nachzuthun. Es ist eine so schöne Arbeit und so interessant zu denken, daß aus diesen Körnern Halme, lange, lange Halme hervorgehen. Wie kann das nur zustandekommen?...
– Ich weiß es nicht, mein Kind; doch Gott weiß es ja, das muß uns genügen.«
Infolge dieses Gespräches sah man Findling wenige Tage darauf ein wohlvorgerichtetes Feld recht geschickt mit Hafer besäen, was ihm manchen Lobspruch Martin Mac Carthy's einbrachte.
Als dann die zarten Keime hervorsproßten, war er vom frühesten Morgen an zur Stelle, seine zukünftige Ernte gegen die diebischen Krähen zu vertheidigen, indem er diese mit Steinwürfen verjagte. Es sei auch nicht unerwähnt gelassen, daß er am Tage der Geburt Jennys mitten im Gutshofe eine kleine Tanne gepflanzt hatte, in der Hoffnung, beide, Bäumchen und Säugling, fröhlich aufwachsen zu sehen. Auch diese noch zarte Pflanze mußte er sorgsam gegen die Vögel schützen. Jedenfalls sollten Findling und die schädlichen Thiere nie gute Freunde werden.
Im Sommer 1880 gab es auf den Fluren Westirlands überall recht harte Arbeit. Die Witterungsverhältnisse erwiesen sich für den Ertrag des Bodens höchst ungünstig. In den meisten Grafschaften blieb die Ernte hinter der des Vorjahrs weit zurück. Eine Hungersnoth war aber vollkommen ausgeschlossen, denn wenigstens versprachen die Kartoffelfelder einen reichen, wenn auch etwas verspäteten Ertrag, und damit mußten sich die Leute wohl zufrieden geben, denn Korn, Weizen, Gerste und Hafer erntete man kaum zur Deckung des Bedarfs im eignen Lande. Das schnellte zwar die Getreidepreise in die Höhe, die Pächter zogen davon aber keinen Vortheil, da sie nichts zu verkaufen hatten und kaum den Samen für das nächste Jahr übrig behielten. Selbst die, die früher einen Sparpfennig zurücklegen konnten, sahen diesen für die Staatsabgaben allein hinschwinden, und dann blieb wieder nichts übrig, um den schwerlastenden Pachtzins zu decken.
Die nationale Bewegung erhielt hierdurch fast überall einen neuen Anstoß, wie das stets der Fall war und ist, wenn sich eine Wolke des Unglücks über das irische Land senkte. An vielen Orten erhob man schwere Klage und lebten die Hetzereien der agrarischen Liga wieder auf. Gegen die Besitzer des Bodens wurden maßlose Drohungen laut, ob diese nun Fremde waren oder nicht, denn bekanntlich werden in Irland die englischen und schottischen Landlords als Fremdlinge betrachtet.
Im Juni dieses Jahres riefen die schon Hungernden in Westpoint: »Laßt Euch nicht von Euern Farmen vertreiben!« und die durch das Land gehende Parole lautete: »Den Grund und Boden für die Bauern!«
In den Gebieten von Donegal, Sligo und Galway kam es zu wirklichen Unruhen. Auch Kerry blieb davon nicht frei. Voller Angst sahen die Großmutter, Martine und Kitty Murdock mit Einbruch der Nacht gar zu oft die Farm verlassen, wo er dann erst, abgespannt von den Strapazen des Wegs, am frühen Morgen wieder erschien. Düstrer und verbitterter als vorher kam er von den in den Hauptorten veranstalteten Meetings zurück, wo man den hellen Aufruhr predigte, eine Erhebung gegen die Landlords und den allgemeinen Boycott empfahl, der die Besitzer zwingen würde, ihr Land brach liegen zu lassen.
Am meisten steigerte die Furcht der Familie wegen Murdocks der Umstand, daß der zu den strengsten Maßregeln entschlossene Lordlieutenant der Insel die Nationalisten durch seine Polizeiorgane aufs schärfste überwachen ließ.
Stimmten Martin und Sim auch mit den Anschauungen Murdocks überein, so äußerten sie doch kein Wort, wenn dieser nach längerem Ausbleiben heimkehrte. Die Frauen dagegen flehten ihn an, vorsichtig zu sein und sich in Thaten und Worten in Acht zu nehmen. Sie versuchten ihm das Versprechen abzunöthigen, daß er sich einem Aufstand fürHome rule, der doch nur Unheil bringen könne, nie anschließen werde.
Das reizte Murdock, der seinem Ingrimm nun laut Luft machte. Er sprach und gesticulierte, als ob er sich in einer Volksversammlung befände.
»Nichts als Elend, nach einem Leben voller Arbeit nichts als Elend!« wiederholte er.
Und während Martine und Kitty davor zitterten, daß er gehört werden könnte, wenn draußen geradeein Polizist umherschlich, senkten die danebensitzenden Martin und Sim nur schweigend den Kopf auf die Brust.
Findling war tief ergriffen Zeuge dieser peinlichen Auftritte. Erschien es ihm dabei zuweilen doch, als sei er nach so vielen früheren Prüfungen auch in der Farm von Kerwan noch nicht ans Ende seiner Leiden gekommen und als sollte ihm die Zukunft noch schlimmere bringen.
Er zählte jetzt achteinhalb Jahre. Für sein Alter recht kräftig und den gewöhnlichen Kinderkrankheiten glücklich entgangen, hatten weder Trübsal und Leiden, noch schlechte Behandlung und mangelnde Pflege seinen Organismus zu erschüttern vermocht. Findling war »bis zum Maximum der Widerstandsfähigkeit geprüft worden« und zeigte eine erstaunliche physische und moralische Festigkeit. Das erkannte man an den gut entwickelten Schultern, der schon recht breiten Brust und seinen zwar schlanken, doch nervigen und muskulösen Gliedern. Sein Haar färbte sich dunkler und er trug es schlicht, statt der Locken, die ihm Miß Anna Walston hatte brennen lassen. Seine tiefblauen, glänzenden Augen verriethen eine außerordentliche Lebhaftigkeit, der leichtgeschlossene Mund und das etwas kräftige Kinn die Energie und Entschiedenheit seines Charakters. Alles das hatte die Aufmerksamkeit der Farmerfamilie wachgerufen. Diese ernsten und nachdenklichen Landleute Irlands sind meist recht gute Beobachter. Auch den Bewohnern der Farm von Kerwan hatte es nicht entgehen können, wie dieser Knabe sich durch seinen Sinn für Ordnung und durch regen Fleiß auszeichnete und daß er sich bestimmt emporarbeiten würde, wenn er nur Gelegenheit fand, seine natürlichen Anlagen zu bethätigen.
Die Zeit der Heu- und Getreideernte war durch die Witterung weit weniger begünstigt, als im vorigen Jahre. Der Minderertrag an Körnerfrüchten erwies sich so bedeutend, wie man gefürchtet hatte, so daß heuer keine fremden Arbeitskräfte hinzugezogen zu werden brauchten. Dagegen war die Kartoffelernte gut und damit die Ernährung während der schlechten Jahreszeit gesichert. Woher freilich das Geld kommen sollte, um Pacht und Abgaben zu bezahlen, das wußte niemand.
Der Winter trat frühzeitig ein, schon im September gab es den ersten Frost, dem bald ergiebiger Schneefall folgte. Die Thiere mußten eher als sonst in den Ställen untergebracht werden, denn die weiße Decke war so tief und fest, daß weder Schafe noch Ziegen ein Hälmchen darunter hätten erlangen können. Das ließ einen Futtermangel für den Winter befürchten. Die Klugen, oder mindestens die, denen es an Mitteln nicht ganz fehlte – und zu diesen gehörte Martin Mac Carthy – ergänzten ihre Vorräthe durch Zukauf. Bei der Seltenheit der Waare mußten sie freilich höhere Preise anlegen und es wäre vielleicht besser gewesen, den Bestand an Vieh zu vermindern, das bei einer langen Ueberwinterung nur schwierig zu erhalten war.
Der Frost, der den Boden bis auf einige Fuß Tiefe zum gefrieren bringt, ist ja überall sehr beschwerlich, vorzüglich aber bei leichter, kieselreicher Decke, wie in Irland, die auch die wenige Düngung, die man darauf bringt, sehr mangelhaft zurückhält. Dauert ein strenger Winter dann aber gar noch lange an, so dringt der Frost ungemein tief in die Erde und die Pflugschar ist nicht im Stande, den steinharten Humus zu lockern. Kann dann die Saat nicht zeitig genug bestellt werden,so droht das schlimmste Ungemach! Leider vermag der Mensch die klimatischen Verhältnisse nicht zu beeinflussen. Er kann nur mit gekreuzten Armen zusehen, wie seine Vorräthe sich immer weiter erschöpfen.
Gegen Ende des Novembers verschlimmerte sich die Sache noch. Auf Schneestürme folgte sehr strenge Kälte. Häufig sank die Temperatur auf neunzehn Centigrade unter Null herab.
Die von erhärtetem Schneepanzer bedeckte Farm glich mehr den im Polargebiete verstreuten grönländischen Hütten. Die dicke Schneelage hielt wenigstens die Kaminwärme im Innern etwas zurück; wenn man sich aber hinausbegab in die zum Glück jetzt stille Atmosphäre, deren Molecüle zu Eiskörnchen geworden zu sein schienen, da mußte man einigermaßen vorsichtig sein. Zu dieser Zeit mußten Martin Mac Carthy und Murdock, um den in wenigen Wochen fälligen Pachtzins zu beschaffen, nun doch einen Theil ihres Viehbestandes, darunter eine Anzahl Schafe, veräußern. Sie durften auch gar nicht zögern, um das Geld noch von den Händlern in Tralee zu erhalten.
Es war jetzt der 15. December. Da der Wagen nur sehr beschwerlich hätte fortkommen können, beschlossen der Pächter und sein Sohn den Weg nach der Stadt zu Fuß zurückzulegen. Vierundzwanzig englische Meilen (à 1609 Meter) bei zwanzig Grad Kälte zu überwinden, das war natürlich keine so leichte Aufgabe. Voraussichtlich würden sie zwei oder drei Tage abwesend sein.
Nicht ohne Unruhe sah man sie mit dem Frührothe die Farm verlassen. Obwohl die Luft noch trocken war, drohten doch schwere, im Westen lagernde Dünste mit einem baldigen Witterungsumschlag.
Martin und Murdock waren am 15. aufgebrochen, vor dem 17. konnte man sie nicht zurückerwarten.
Bis zum Abend änderte sich das Wetter nicht merkbar, höchstens sank das Thermometer noch um weitere zwei Grad. Des Nachmittags erhob sich etwas Wind, und das gab einen neuen Grund zu Befürchtungen, denn im Thale des Cashen wüthen die Stürme gar heftig, wenn sie sich vom Meere aus darin fangen.
In der Nacht vom 16. zum 17. brach wirklich ein schwerer Sturm mit heftigem Schneegestöber aus. Zehn Schritte von der Farm hätte man diese in ihrem weißen Mantel gar nicht mehr erkannt. Furchtbar krachten die Eisschollen, die sich auf dem Flusse stießen. Jedenfalls waren Martin und Murdock zu dieser Stunde aus Tralee schon wieder aufgebrochen, sicherlich aber waren sie auch am 18. von da noch nicht heimgekehrt.
In der Nacht heulte und tobte es draußen ohne Unterlaß, zur großen Beunruhigung aller Zurückgebliebenen. Sie konnten ja fürchten, daß die Wanderer sich im tollen Schneetreiben verirrt hätten. Vielleicht waren sie gar nur wenige Meilen von der Farm erschöpft zusammengebrochen und liefen Gefahr, vor Hunger und Kälte umzukommen....
Am nächsten Tage klärte sich der Himmel ein wenig auf und der Sturm flaute ab. Infolge einer Drehung des Windes nach Norden verhärtete sich der Schnee fast augenblicklich. Sim erklärte sich bereit, dem Vater und dem Bruder in Begleitung Birks entgegenzugehen, und die übrigen stimmten ihm zu unter der Bedingung, daß auch Martine und Kitty sich ihm anschließen dürften.
Zu seinem Leidwesen mußte also Findling bei der Großmutter und dem Baby zu Hause bleiben.
Die andern sollten den Erwarteten auch nur bis auf zwei, höchstens drei Meilen entgegengehen, dann aber nach Hause zurückkehren, selbst wenn es Sim für angezeigt hielt, noch eine Strecke weiter vorzudringen.
Eine Viertelstunde später waren die Großmutter und Findling schon allein. Jenny schlief in einem Zimmer neben der großen Stube, dem Murdocks und Kittys. Ein Korb, der nach irischer Art an zwei an der Decke befestigten Stricken hing, diente dem Kind als Wiege.
Der Lehnstuhl der Großmutter stand vor dem Kamine, in dem Findling mit Torf und Holz ein tüchtiges Feuer unterhielt. Von Zeit zu Zeit sah er nach, ob sein »Töchterchen« nicht erwacht wäre, da ihn jede Bewegung der Kleinen beunruhigte, immer bereit, ihr etwas Milch zu reichen oder sie auch wieder in Schlaf zu wiegen.
Voller Unruhe lauschte die Großmutter auf jedes Geräusch von draußen, auf das Knistern des Schnees, der sich verhärtend auf dem Strohdach zusammenzog, und auf die seufzerähnlichen Laute aus den Brettern, die da und dort durch die Kälte sprangen.
»Du hörst nichts, Findling? fragte sie.
– Nein, Großmutter!«
Und nachdem er die Scheiben stellenweise von den glitzernden Eisblumen befreit hatte, suchte der Knabe einen Blick nach dem weiß überdeckten Hofe zu werfen.
Gegen halb ein Uhr stieß das kleine Mädchen einen leichten Schrei aus. Findling eilte zu ihr hin. Da sie aber die Augen nicht geöffnet hatte, begnügte er sich damit, sie aufs neue einzuwiegen.
Schon wollte er die bejahrte Frau, die er nicht gern allein ließ, wieder aufsuchen, als draußen einmerkwürdiges Geräusch entstand. Es klang wie ein Scharren und Kratzen, das von dem an das Zimmer Murdocks grenzenden Stalle herzukommen schien. Da die Zwischenwand aber aus Mauerwerk bestand, schenkte er diesem Geräusch keine weitere Aufmerksamkeit. Jedenfalls rührte es von einigen Ratten her, die draußen unter den Strohschütten umherliefen. Da auch das Fenster des Raumes geschlossen war, schien ja nichts zu fürchten sein.
Findling ließ die Thür zwischen beiden Räumen offen stehen und ging zur Großmutter zurück.
»Nun, wie steht's mit Jenny? fragte diese.
– Sie ist wieder eingeschlummert.
– So bleib' also bei mir, mein Kind.
– Ja, Großmutter!«
Vor dem wärmenden Kamin sitzend, sprachen nun beide von Martin und Murdock und von den andern, die diesen entgegengegangen waren.
Wenn diese nur nicht Unglück gehabt hatten, was ja bei so heftigem Schneegestöber nicht gar so selten vorkommt. Doch... die kräftigen, entschlossenen Männer würden sich schon zu helfen wissen, und wenn sie heimkamen, erwartete sie ein prasselndes Feuer und ein dampfender Grok, die Glieder wieder zu erwärmen.
Schon seit zwei Stunden waren Martine und die andern fortgegangen, doch bis jetzt deutete nichts auf ihre baldige Zurückkunft.
»Meinen Sie nicht, Großmutter, begann da Findling, daß ich einmal hinaus und bis zur Landstraße hin gehen sollte, um zu sehen, ob sie kommen?
– Nein, nein, das Haus darf nicht allein bleiben, und das ist es, wenn nur ich noch darin bin.«
Beide setzten also ihr Gespräch fort, bald aber nickte – was zuweilen vorkam – die bejahrte Frau vor zunehmender Abspannung ein.
Nach seiner Gewohnheit schob ihr Findling sanft ein Kissen unter den Kopf und schlich lautlos zum Fenster, um durch eine etwas vom Eis befreite Scheibe hinauszublicken.
Alles draußen war blendend weiß, alles still wie auf einem Friedhofe.
Da die Großmutter schlummerte und Jenny im Nebenzimmer gut gebettet lag, glaubte der Knabe jetzt einmal bis zur Landstraße laufen zu können, um nach den Ausbleibenden zu sehen.
So schlüpfte er denn geräuschlos hinaus und schloß die Thür hinter sich vorsichtig wieder. Bald bis über die Knie in den Schnee versinkend, erreichte er das Thor der Farm.
Auf der gleichmäßig weißen Landstraße war niemand mehr zu erblicken und kein Laut von Westen her zu vernehmen. Wären Martine, Kitty und Sim in der Nähe gewesen, so hätte sich gelegentlich gewiß ein Gebell Birks hören lassen.
Findling ging bis zur Mitte der Landstraße hin.
Da erweckte ein erneutes Scharren seine Aufmerksamkeit, das aber nicht von der Straße, sondern vom Pachthofe her tönte und von einem halberstickten Geheul begleitet schien.
Findling lauschte, ohne sich zu rühren, doch mit stark klopfendem Herzen. Entschlossen wendete er sich dann nach den Ställen zu und schlich aus Vorsicht möglichst geräuschlos um deren Ecke.
Noch immer hörte er das Scharren von innen, hinter dem Winkel, in dem Murdocks und Kittys Zimmer mit dem einen Stalle zusammenstieß.
In der Vorahnung eines Unglücks drückte sich Findling längs der Mauer hin.
Kaum gelangte er um die Ecke, als ihm ein Aufschrei entfuhr.
Hier bemerkte er in der Wand, deren Mörtel durch die Länge der Zeit mürbe geworden sein mochte, ein ziemlich großes Loch, das nach dem Zimmer führte, worin Jenny schlief.
Wer konnte hier durchgebrochen haben?... Ein Mensch?... Ein Thier?...
Ohne Zögern stürmte Findling auf die Mauerlücke zu und versuchte hier einzudringen.
In demselben Augenblicke aber entwich ein großes Thier daraus und warf entfliehend den Knaben zur Erde.
Es war das ein Wolf... einer der starken Wölfe mit spitziger Schnauze, die in langen Wintern haufenweise in Irland umherschweifen.
Nachdem dieser die Wand durchbrochen hatte und in das Zimmer gelangt war, hatte er Jennys Wiege gepackt, deren Aufhängestricke dabei rissen, und entfloh jetzt, indem er diese auf dem Schnee mit fortschleppte.
Das kleine Mädchen weinte jämmerlich.
Sein Messer fassend, stürmte Findling, während er laut um Hilfe rief, dem gefährlichen Räuber nach. Daran, daß der Wolf sich auf ihn stürzen, daß er dabei das Leben aufs Spiel setzen konnte, dachte er mit keiner Silbe. Er sah nur das Kind, wie es von dem mächtigen Thiere entführt wurde.
Der Wolf entfloh mit großen Sprüngen, da ihn die leichte Wiege mit dem Kinde das Fortkommen nicht besonders erschwerte. Findling mußte wohl hundert Schritte weit laufen, ehe er ihn einholte.
Der Wolf hielt an, ließ die Wiege los und wendete sich gegen seinen Verfolger.
Dieser erwartete ihn festen Fußes und ausgestreckten Armes, und als das Thier ihm an den Hals springen wollte, bohrte er ihm das Messer tief in die Seite. Trotzdem biß ihn der Wolf noch so heftig in den Arm, daß er halb bewußtlos vor Schmerz im Schnee zusammenbrach.
Zum Glück ließ sich, ehe ihm die Sinne völlig schwanden, ein lautes Bellen vernehmen.
Das kam von Birk, der sich jetzt auf den Wolf stürzte und diesen zur Flucht nöthigte.
Gleich darauf erschienen Martin Mac Carthy und Murdock, die in der Entfernung von über zwei Meilen mit Sim, Martine und Kitty zusammengetroffen waren.
Die kleine Jenny war gerettet und ihre Mutter trug sie in den Armen zurück nach dem Hause.
Findling, dessen Wunde Murdock vorläufig etwas geschlossen hatte, wurde nach der Farm zurückgeführt und im Zimmer der Großmutter in sein Bett gebracht.
Sobald er wieder ganz bei Sinnen war, fragte er ängstlich:
»Was ist mit Jenny geworden?
– Sie ist hier, antwortete Kitty, hier... und lebend... das danken wir Dir, Du braves Kind!
– Ach, ich möchte sie so gern umarmen....«
Und als er die Kleine unter seinem Kusse hatte lächeln sehen, da fielen ihm vor Mattigkeit die Augen zu.