XV.Ein schlechtes Jahr.

Die Verletzung Findlings erwies sich nicht als gefährlich, ohwohl er dadurch viel Blut verloren hatte. Wären die drei andern aber nur eine Minute später gekommen, so hätten sie nur eine Leiche gefunden und würde Kitty ihr Kind nie wiedergesehen haben.

Natürlich wurde Findling in den wenigen Tagen bis zu seiner Wiederherstellung aufs sorgfältigste gepflegt. Mehr als je empfand es da der arme Knabe, daß er, eine Waise von unbekannter Herkunft, jetzt eine Familie hatte. Wie dankbar nahm er alle Liebe und Güte hin, zumal wenn er an die vielen glücklichen Tage dachte, die er in der Farm schon verlebt hatte. Um deren Zahl zu wissen, brauchte er ja nur die Kieselsteine zu zählen, wovon ihm Martin jeden Abend einen gegeben hatte, doch mit ganz besondrer Freude sah er den Stein in seiner Kruke verschwinden, den er am Abend nach dem Vorkommnisse mit dem Wolf empfing.

Mit dem Neujahr setzte der Winter nochmals in alter Strenge ein und es machten sich jetzt gewisse Vorsichtsmaßregeln nöthig. Aus der Umgebung der Farm wurde das Erscheinen starker Banden von Wölfen gemeldet, deren Zähnen die morschen Wändedes Hauses kaum widerstanden hätten. Martin und seine Söhne mußten wiederholt auf die hungernden Bestien Feuer geben. So war es in der ganzen Grafschaft, wo das Land in den langen Nächten von erschreckendem Geheul widerhallte.

Dieses Jahr brachte einen jener schlimmen Winter, die über das nördliche Europa die eisigschneidenden Winde des Polarbeckens zu entfesseln scheinen. Immer blieb eine nördliche Luftströmung vorherrschend und diese führt ja bekanntlich die schlimmste Kälte mit sich. Leider drohten diese Verhältnisse sich lange auszudehnen, wie die algide Periode bei von Fieber verzehrten Kranken. Und wenn die Kranke die Erde ist, die sich verzieht, wie die Lippen eines Sterbenden, die unter dem Einfluß der Kälte zu Stein verhärtet, dann möchte man glauben, daß ihre Fruchtbarkeit für immer erlöschen müsse, wie es für jene todten Weltkörper gilt, die schon so zahlreich durch den Himmelsraum irren.

Die Befürchtungen des Farmers und seiner Familie waren bei der ungewöhnlichen Härte des Winters also gewiß gerechtfertigt. Durch den Verkauf eines Theils seiner Schafe hatte Martin indeß das Geld für Abgaben und Pachtzins herbeischaffen können, und als sich der Middleman zu Weihnachten einstellte, erhielt er unverkürzt, was ihm zukam. Das verwunderte den Mann ein wenig, denn in den meisten Farmen blieb er unbefriedigt und hatte den gerichtlichen Weg zur Austreibung der Pächter einschlagen müssen. Martin Mac Carthy wußte freilich auch nicht, wie er im nächsten Jahre seinen Verpflichtungen werde nachkommen können, wenn es ihm an dem nöthigen Saatgetreide fehlte.

Hierzu kam auch noch weiteres Unglück. Infolge der bis auf dreißig Grad unter Null herabsinkendenKälte gingen in den Ställen vier Pferde und fünf Kühe ein, da es unmöglich gewesen war, die in verfallenem Zustande befindlichen Gebäude, welche dem Anpralle des Sturmes nicht mehr gewachsen waren, genügend dicht geschlossen zu halten. Auch der Hühnerhof erlitt trotz aller Bemühungen, die man auf ihn verwandte, empfindliche Verluste. Jeden Tag wuchs die Deficitseite in Findlings Notizbuche. Am bedrohlichsten aber erschien es, daß auch das Wohnhaus der Zerstörung durch die Witterung anheimfallen könnte. Martin, Murdock und Sim blieben deshalb auch unausgesetzt thätig, dasselbe auszubessern und widerstandsfähiger zu machen.

Manchmal kamen ganze Tage, an denen kein Mensch einen Fuß ins Freie setzen konnte. Die Wege, auf denen mannshoher Schnee lag, waren völlig ungangbar. Die am Geburtstage Jennys mitten im Hofe gepflanzte Tanne streckte nur noch den vom Rauchfrost weißen Kopf hervor. Um zu den Ställen zu gelangen, mußte ein Gang ausgeschaufelt und dieser täglich zweimal gereinigt werden. Ebenso gelang die Beförderung des Futters von einem Hofgebäude zum andern nur mit größter Mühe.

Ganz unfaßbar schien es, daß die Kälte trotz des fort und fort herabfallenden Schnees nicht nachließ. Freilich rieselte der Schnee nicht in leichten sternförmigen Flocken nieder, sondern stürmte wie ein Platzregen aus kleinen Eiskrystallen einher, die sich in den tollen Luftwirbeln jagten. Hierdurch werden alle Bäume und Sträucher mit perennierenden Blättern der letzteren vollständig beraubt.

Zwischen den Ufern des Cashen bildete sich allmählich ein Eisschutz von enormem Umfang. Fast glichdieser einem wirklichen Eisberge und legte die Befürchtung weiterer Unfälle bei eintretendem schnellen Thauwetter nahe. Wälzte dann der Fluß seine Wassermassen bis an die Farm heran, so hätten Martin und seine Söhne gewiß nicht mehr gewußt, wie sie die Baulichkeiten derselben schützen sollten.

Für jetzt lagen ihnen jedoch andre Sorgen, die für die Pflege und Ernährung des Viehbestandes, näher. Von der Geißel des Orkans wurden die Strohdächer der Stallungen zerrissen, und diese mußten zunächst ausgebessert werden. Was von den Schafen, den Kühen und Pferden noch übrig war, blieb mehrere Tage der außerordentlichen Kälte ausgesetzt, und mehrere von den Thieren kamen noch vor Frost um. So mußten denn die Dächer trotz des schneidenden Sturmwindes wohl oder übel wiederhergestellt werden, und es machte sich dazu nöthig, den vordern Theil der nach der Straße zu gelegenen Stallungen ganz abzudecken, um mit dem gewonnenen Langstroh andre Lücken zu verschließen.

Das Wohnhaus der Familie Mac Carthy blieb auch nicht verschont. Eines Nachts stürzte die Mansarde ein, und Sim, der sie bewohnte, mußte nach dem großen Zimmer im Erdgeschoß übersiedeln. Da nun aber auch von diesem die Decke bedroht war, weil sich der Schnee immer mehr darüber anhäufte, mußte diese mit rohen Pfählen gestützt werden.

Auch weiterhin verlor der Winter nichts an seiner Strenge. Der Februar blieb noch ebenso kalt, wie der Januar und die Mitteltemperatur hielt sich auf zwanzig Grad unter Null. Die Insassen der Farm glichen mehr Schiffbrüchigen im Polarmeere, die das Ende des Winters nicht abzusehen vermögen. Leider drohte hierdas endliche Thauwetter mit neuen Katastrophen, wenn der Cashen weit aus seinen Ufern trat.

Zum Glück war auf der Farm kein Nahrungsmangel zu fürchten; an Fleisch und Zuspeisen fehlte es nicht; dazu lieferten die nur durch den Frost umgekommenen und jetzt leicht zu conservierenden Thiere einen reichlichen weiteren Vorrath. Wurde der Hühnerstall decimiert, so ertrugen die Schweine die niedrige Temperatur ganz gut, und schon durch sie allein wäre die Ernährung der Pächterfamilie auf sehr lange Zeit gesichert gewesen. Was das Heizmaterial anging, brauchten sie nur die vom Sturme abgebrochenen Zweige aus dem Schnee aufzulesen, um an Torf zu sparen, der allmählich zur Neige ging.

Kräftig und gesund, von langer Zeit her abgehärtet, erwiesen sich jedoch der Vater und dessen Söhne dem rauhen Klima völlig gewachsen und auch der Findling zeigte eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit. Bisher hatten sich auch die Frauen, Martine und Kitty, ohne sich der allgemeinen Arbeit zu entziehen, recht wohl befunden. Die kleine Jenny, immer im dicht verschlossenen Zimmer gehalten, wuchs wie eine Pflanze im Warmhause auf. Dagegen schien die Großmutter, trotz aller ihr gewidmeten Pflege, ernstlicher angegriffen zu sein. Ihre körperlichen Leiden wurden von der heimlichen Angst, die Zukunft der Ihrigen bedroht zu sehen, natürlich noch verschlimmert. Das war mehr als sie aushalten konnte und bereitete der ganzen Familie recht schmerzliche Unruhe.

Im April wurde die Temperatur wieder normaler und stieg endlich über den Gefrierpunkt. Der Erdboden brauchte aber noch die ganze Wärme des Mai, um seiner Eiskruste ledig zu werden, und zur Einsaat wares also schon spät, sehr spät. Die Futterkräuter konnten vielleicht noch gedeihen, die Getreidearten aber schwerlich reif werden. So dachte man schon daran, das Saatkorn nicht unnütz zu verwenden und sich lieber des Anbaues von Gemüse und Knollenfrüchten zu befleißigen, deren Ernte im October zu erwarten war, – vorzüglich der Kartoffeln, durch die das Land wenigstens vor den Schrecken einer Hungersnoth bewahrt blieb.

Nach der Schneeschmelze zeigte sich der Erdboden leider fünf bis sechs Fuß tief fest gefroren. Das war keine zerreibliche Erde mehr, sondern ein Humus von Granit, in dem keine Pflugschar eine Furche aufreißen konnte.

Der Anfang der Feldarbeiten mußte bis zu den letzten Tagen des Mai hinausgeschoben werden. Die Erde schien alle Wärme verloren zu haben, so langsam thaute die Schneedecke hinweg, und in den mehr bergigen Theilen der Grafschaft dauerte das gar bis in den Juni hinein.

Der Beschluß, sich auf den Anbau von Kartoffeln zu beschränken und auf Getreide ganz zu verzichten, wurde ganz allgemein gefaßt. Was auf der Farm von Kerwan geschah, wiederholte sich in allen andern Farmen des Gebietes von Rockingham. Dieselbe Maßnahme beschränkte sich nicht allein auf die Grafschaft Kerry, sondern erstreckte sich auch über die Westirlands in Munster, wie in Connaught und Ulster. Nur die Provinz Leinster war eher frei von Schnee und hier konnte die Feldbestellung noch mit einiger Aussicht auf Erfolg vorgenommen werden.

Die Folge war also, daß die schwergeprüften Pächter sich tüchtig anstrengen mußten, um die Felder für den Anbau von andern Früchten und Gemüsen inStand zu setzen. In der Farm von Kerwan unterzogen sich Martin und seine Söhne dieser Arbeit, die für sie um so beschwerlicher war, weil es ihnen an Zugthieren fehlte. Nur ein einziges Gespann, von einem Pferde und dem Esel gebildet, stand ihnen zur Verfügung.

Mit unausgesetztem Fleiße gelang es ihnen jedoch bei je zwölfstündiger Arbeit nach und nach einige dreißig Acres zu bepflanzen, freilich mit der Befürchtung, daß ein vorzeitiger Winter sie auch um die Frucht dieser Mühen bringen könnte.

Da ereignete sich noch ein allen Gegenden Irlands gemeinsames Unglück. Gegen Ende des Juni brannte die Sonne so heiß, daß der noch auf den Bergen lagernde Schnee sehr schnell niederschmolz. Am schlimmsten hatte, ihrer vielverzweigten Wasserläufe wegen, hiervon die Provinz Munster zu leiden. In der Grafschaft Kerry steigerte sich das bis zur wirklichen Katastrophe. Die vielen Flüsse schwollen mächtig an und verursachten ausgedehnte Ueberschwemmungen. Viele Häuser fielen der Fluth zum Opfer. Ueberrascht von der plötzlich eintretenden Wassersnoth warteten die Bewohner derselben vergeblich auf Hilfe. Fast alles Vieh kam um, und gleichzeitig wurde die so mühsam vorbereitete Ernte vollständig vernichtet.

In der Grafschaft Kerry verschwand ein Theil der Domäne Rockingham unter den Fluthen des Cashen.

Vierzehn Tage lang blieb die Umgebung der Farm auf einen Umkreis von zwei bis drei Meilen in einen See verwandelt – in einen See mit wilden Strömungen, die entwurzelte Bäume, Trümmer von Hütten, abgehobene Dächer und auch die Cadaver der Thiere, derendie Bauern sehr viele verloren, in brodelndem Strudel mit sich fortrissen.

Die Ueberschwemmung erstreckte sich bis zu den Scheuern und Stallungen der Farm, die davon fast gänzlich zerstört wurden. Trotz unmenschlicher Anstrengung gelang es, außer bezüglich einiger Schweine, nicht, die noch vorhandenen Thiere zu retten. Wurde das Wohnhaus auch von der Fluth nicht weggetragen, so reichte diese doch bis zum Niveau des Erdgeschosses heran, und auch dieses war in der schlimmsten Nacht recht schwer bedroht.

Den Todesstoß aber erhielt das Land weithin durch die Vernichtung der erhofften Kartoffelernte, denn die Fluthen hatten auch die Setzkartoffeln herausgespült.

Noch niemals hatte die Familie Mac Carthy auf ihrem Pachtgute eine solche Kette von Mißgeschick erlitten, niemals hatte sich dem irischen Farmer der Ausblick in die Zukunft so schwer verdüstert. Jetzt war seine Lage thatsächlich unhaltbar und die Existenz der unglücklichen Leute ernstlichst bedroht. Martin wußte wahrlich nicht, was er antworten sollte, wenn ihm die Staatsabgaben und die Pachtzinsen abgefordert würden.

Die Lasten eines solchen Pächters sind in der That gar so schwer. Wenn der Steuereinnehmer und der Pachtcassierer sich einstellen, wandert stets der allergrößte Theil seines Baarvermögens in deren Tasche. Haben die Latifundienbesitzer auch dreihunderttausend Pfund Sterling an Grundrente und sechshunderttausend Pfund Armenabgabe zu leisten, so sind die Bauern doch noch mehr bedrückt durch persönliche Lasten, d. h. durch die Abgaben für Straßen und Brücken, für Polizei und Justiz, für die Gefängnisse und öffentlichen Arbeiten... was zusammen die ungeheure Summe voneiner Million Pfund Sterling (20 Millionen Mark) ausmacht, und zwar allein für das arme Irland.

Ist die Ernte gut ausgefallen, hat das Jahr einige Ersparnisse ermöglicht, kurz, sind die Verhältnisse günstig gewesen, so wird es dem Pächter schon schwer genug, den Anforderungen des Staates und der Gemeinde zu entsprechen, während er ja überdies noch den Pachtschilling aufzubringen hat. Was beginnt er aber, wenn sein Land nur dürftigen Ertrag lieferte, wenn Winterfrost und Ueberschwemmungen die Felder verwüsteten und dann die Gespenster des Hungers und der drohenden Vertreibung aus seinem Gütchen am Horizonte aufsteigen? Alles das hindert ja den Einnehmer nicht, zur gewöhnlichen Zeit vorzusprechen, und nach seinem Besuche... sind die letzten Sparpfennige verschwunden. So stand es jetzt Martin Mac Carthy bevor.

Frohe festliche Stunden, wie sie Findling in der ersten Zeit seines Aufenthaltes hier kennen gelernt hatte, gab es jetzt nicht mehr. Aus Mangel an Arbeit rasteten alle, und so saß die ganze Familie in den langen Sommertagen verzweifelt bei der Großmutter, die zusehends schwächer und schwächer wurde.

Die traurigen Unglücksfälle hatten die meisten Bezirke der Grafschaft gleichmäßig betroffen. Von Eintritt des Winters 1881 an hörte man schon überall von einem allgemeinen Boycott sprechen, einer Einstellung aller nothwendigen Feldarbeiten, um eine Weiterverpachtung und jeden sofortigen Anbau des Ackerlandes zu hintertreiben – eine Maßregel, die den Pächter ebenso wie den Grundeigenthümer ruiniert. Durch solche unüberlegte Mittel wird sich Irland niemals den Fesseln der Feudalherrschaft entziehen,nie eine allmähliche Ueberlassung des Bodens in das wirkliche Eigenthum der Kleinpächter erwirken und wird es nie die verderblichen Gepflogenheiten des Landlordismus beseitigen können.

Die Erregung verdoppelte sich indeß in den von so vielem Unglück betroffenen Kirchspielen. Vor allen zeichnete sich Kerry aus durch den Widerhall aus seinen Meetings und durch die Kühnheit der Verfechter der Autonomie, die es unter Entfaltung der Fahne der Landliga durchzogen. Im Vorjahre schon war Parnell in drei Wahlbezirken gewählt worden.

Zum Schrecken seiner Gattin und seiner Mutter stürzte sich Murdock ohne alle Rücksicht in den Strudel dieser Bewegung. Frost und Hunger trotzend, eilte er von Ort zu Ort, um Einigkeit in der Pachtzinsverweigerung zu erzielen und eine Weiterverpachtung der Felder nach etwaiger Vertreibung der jetzigen Pächter unmöglich zu machen. Martin und Sim hätten vergeblich versucht, ihn zurückzuhalten. Im Grunde stimmten sie ihm ja völlig bei, da sie sahen, daß alle ihre Mühe und Arbeit nun doch zu... nichts anderem geführt hatte, als daß man sie in der nächsten Zeit aus der so lange von ihrer Familie bewirthschafteten Farm von Kerwan verjagen würde.

Die Regierung aber hatte, in Voraussicht von Unruhen nach einem so verderblichen Jahre, bereits ihre Maßregeln getroffen. Schon schwärmten Abtheilungen der »mounted constabulary« (berittene Polizei) durch das Land, mit der Anweisung, die Gerichtsdiener und Häscher mit bewaffneter Hand zu unterstützen. Ebenso hatten sie, wenn nöthig, die Volksversammlungen mit Gewalt zu sprengen und die übrigens schon bekannten fanatischen Agitatoren zu verhaften. WennMurdock zu diesen augenblicklich vielleicht noch nicht gehörte, so mußte das gewiß sehr bald der Fall sein. Uebrigens vermögen die Irländer ja gegen ein System, das sich auf dreißigtausend alle Zeit fertige Gewehre stützt, doch nichts auszurichten.

Nun vergegenwärtige man sich die quälende Angst der Familie Mac Carthy! Sobald von der Straße Schritte ertönten, wurden Martine und Kitty todtenbleich. Die Großmutter richtete langsam den Kopf auf und ließ ihn kraftlos wieder niedersinken. Immer fürchteten die Frauen, es könnten Polizisten eindringen, um Murdock und vielleicht auch dessen Vater und Bruder in Haft zu nehmen.

Wiederholt hatte Martine ihren ältesten Sohn angefleht, sich den, den hervortretenden Mitgliedern der Landliga drohenden, Maßregeln nicht auszusetzen. Erst waren in den Städten Verhaftungen vorgenommen worden, und auf dem Lande mußten solche bald folgen. Murdock hätte sich dann kaum verbergen können. An die Aufsuchung einer Zufluchtsstätte in den Felsenhöhlen der Küste oder im Dickicht des Waldes war im Winter gar nicht zu denken. Murdock wollte sich von Frau und Kind auch nicht trennen, und wenn er auch in den weniger überwachten Grafschaften des Nordens hätte etwas mehr Sicherheit finden können, so fehlte es ihm doch an Mitteln, Kitty dahin mitzunehmen und für deren Unterhalt zu sorgen. Die Casse der Nationalisten war, trotz ihres Bestandes von zwei Millionen Pfund, nicht in der Lage, die Erhebung gegen den Landlordismus siegreich durchzuführen.

Murdock blieb also in der Farm, doch stets bereit zur Flucht, wenn die Constabler hier etwa zu einer Haussuchung einträfen. Findling und Birk blieben inder Umgebung auf der Wacht. Niemand hätte sich bis auf eine halbe Meile nähern können, ohne bemerkt und gemeldet zu werden.

Weit mehr beunruhigte Murdock übrigens das nächste Erscheinen des Pachtcassierers, der die zu Weihnachten fällige Bodenrente einzuholen käme.

Bisher war Martin Mac Carthy immer im Stande gewesen, seinen Verpflichtungen aus dem laufenden Ertrage der Farm und im Nothfall aus früheren Ueberschüssen nachzukommen. Nur ein- oder zweimal hatte er, wenn auch mit Mühe, eine kurze Gestundung erbeten und erlangt, um die volle Summe herbeizuschaffen. Heute wußte er leider nicht, woher das Geld kommen oder was er verkaufen sollte, da ja nichts mehr vorhanden war, weder von den Hausthieren, die er zum Theil verloren hatte, noch von seinen Ersparnissen, die schon von den Staatsabgaben aufgezehrt waren.

Der Eigenthümer der Domäne von Rockingham war – wie schon erwähnt – ein englischer Lord und noch niemals nach Irland gekommen. Beseelten ihn auch die besten Absichten bezüglich seiner Pächter, so kannte er diese doch nicht und konnte ebenso wenig für sie im Einzelfalle eintreten, wie diese sich an ihn selbst wenden. Der Middleman, der die Ausbeute der großen Besitzung auf eigne Rechnung übernommen hatte, wohnte in Dublin. Auch er kam mit den Pächtern nur selten in Berührung und überließ es einem Unterbeamten, die Grundrenten zur gewohnten Zeit einzuziehen.

Dieser Mann, der sich jährlich beim Pächter Mac Carthy einfand, hieß Harbert. Rauh und hart, zu sehr gewöhnt an den Anblick des Elends, um davon noch ergriffen zu werden, war er mehr eine Art Gerichtsbote, ein Häscher, den kein Bitten und Flehen zu erweichenvermochte. Bei seinen Besuchen in den Farmen der Grafschaft hatte er schon genügend bewiesen, wessen er fähig war – hatte ohne Gnade so manche unglückliche Familie in die Winterkälte hinausgetrieben, selbst ohne Gewährung einer Frist zur Beschaffung eines andern Unterkommens. Mit bestimmten Vorschriften hinausgeschickt, schien es, als ob der Mann sich ein Vergnügen daraus machte, diese in aller Härte auszuführen. Die Grüne Insel ist ja das Land, aus dem der traurige Ausspruch herstammt: »Man verletzt das Gesetz nicht, wenn man einen Irländer tödtet!«

In Kerwan herrschte jetzt die schlimmste Unruhe. Der Besuch Harbert's konnte nicht mehr lange ausbleiben. Die letzte Decemberwoche benützte er gewöhnlich, die Domäne von Rockingham zu bereisen.

Am Morgen des 29. December kam Findling, der jenen zuerst bemerkt hatte, athemlos nach dem Hause gelaufen, um die Familie in der großen Stube von dem Eintreffen des gefürchteten Mannes zu benachrichtigen.

Alle – der Vater, die Mutter, die Söhne, die Urgroßmutter und ihre Urenkelin, die Kitty auf den Knien hielt – waren hier beisammen.

Der Beamte stieß das Gitterthor auf, schritt sicher und fest – mit dem Tritte des Herrn – durch den Hof, öffnete die Thür des Zimmers und setzte sich, sogar ohne den Hut abzunehmen, ohne einen Guten Tag, wie einer, der sich hier weit mehr zu Hause fühlte als die Insassen der Wohnung, auf einen Stuhl vor dem Tische, zog einige Papiere aus einem Lederportefeuille und sagte ohne Vorrede.

»Für das verflossne Jahr hab ich hundert Pfund zu bekommen, Mac Carthy. Das stimmt doch wohl?...

– Gewiß, Herr Harbert, antwortete der Farmer mit leise zitternder Stimme. Es macht hundert Pfund. Ich werde Sie aber um einen kleinen Aufschub bitten müssen... den Sie mir ja schon früher einige Mal bewilligt hatten....

– Einen Aufschub... immer Aufschub? unterbrach ihn Harbert. Was soll das heißen? Diesen Refrain hör' ich nun schon in allen Farmen. Kann denn Herr Eldon seine Verpflichtungen gegen den Lord Rockingham mit lauter Aufschüben ausgleichen?

– Das Jahr ist für alle sehr schlecht gewesen, Herr Harbert, und Sie dürfen glauben, daß auch unsre Farm davon betroffen wurde....

– Das geht mich nichts an, Mac Carthy. Ich kann Ihnen keinen Aufschub bewilligen!«

In eine finstre Ecke gedrückt, mit gekreuzten Armen und weit geöffneten Augen war Findling Zeuge dieses Auftritts.

»Ich bitte Sie, Herr Harbert, haben Sie Mitleid mit den Armen!... Es handelt sich ja nur darum, uns etwas Zeit zu gönnen. Der halbe Winter ist schon vorbei, und er ist auch nicht zu streng gewesen. Im nächsten Erntejahre werden wir uns erholen...

– Wollen Sie jetzt bezahlen oder nicht, Mac Carthy?

– Wir möchten's ja gern, Herr Harbert... so hören Sie doch... ich versichere Ihnen auf mein Ehrenwort, daß es uns unmöglich ist...

– Unmöglich! rief der herzlose Beamte. So verschaffen Sie sich Geld durch den Verkauf....

– Das haben wir gethan, doch was uns davon verblieb, wurde durch die Ueberschwemmung im Frühjahrvernichtet. Für das Mobiliar im Hause bekämen wir ja keine hundert Schillinge!

– So? Und jetzt, wo sie nicht einmal imstande sind, die Feldarbeiten wieder aufzunehmen, rief der Beamte, jetzt denken Sie durch die nächste Ernte alles wieder einzubringen? Halten Sie mich denn für einen Narren, Mac Carthy?

– Nein gewiß nicht, Herr Harbert, da sei Gott vor! Doch aus Mitleid, rauben Sie uns nicht die allerletzte Hoffnung!«

Bewegungslos und stumm unterdrückten Murdock und sein Bruder nur mühsam die innere Empörung, als sie ihren Vater sich vor diesem Menschen so bücken und beugen sahen.

Eben hatte sich die Großmutter in ihrem Lehnstuhle halb aufgerichtet und begann mit ernster Stimme:

»Herr Harbert, ich bin siebenundsiebzig Jahre alt und lebe seit siebenundsiebzig Jahren auf diesem Pachthofe, den mein Vater vor meinem eignen Manne und vor meinem Sohne bewirthschaftete. Bis zum heutigen Tage haben wir unsern Pachtzins noch stets auf Heller und Pfennig gezahlt, und jetzt, wo wir Sie zum ersten Male um einen Aufschub bis zur nächsten Ernte ersuchen, kann ich nimmermehr glauben, daß der Lord Rockingham uns von hier zu vertreiben beabsichtige....

– Um den Lord Rockingham handelt es sich hier auch gar nicht! fiel Harbert barsch ein. Der Lord Rockingham kennt Sie ja nicht im geringsten. Der Herr John Eldon aber kennt Sie... er hat mir bestimmte Befehle ertheilt, und wenn sie mich nicht bezahlen, verlassen Sie einfach die Farm von Kerwan....

– Kerwan verlassen! schrie Martine, bleich wie eine Todte, auf.

– Binnen acht Tagen!

– Und wo werden wir ein Obdach finden?

– Wo es Ihnen paßt!«

Findling hatte schon manche traurige Dinge mit angesehen, hatte selbst schon viel des Schweren erduldet, und doch schien es ihm, als überträfe das, was hier vorging, alle seine schlimmsten Erfahrungen. Ohne von Thränen und Klagen begleitet zu sein, war der Auftritt doch um so ergreifender.

Inzwischen hatte sich Harbert erhoben und fragte, ehe er die Papiere wieder einsteckte:

»Zum letzten Male also: wollen Sie bezahlen?

– Und womit denn?«

Murdock war es, der diese Gegenfrage mit lauter Stimme aufwarf.

»Jawohl... womit denn?« wiederholte er, langsam an den Beamten herantretend.

Harbert kannte Murdock schon lange: er wußte auch, daß dieser einer der eifrigsten Vorkämpfer der Liga gegen den Landlordismus war, und ohne Zweifel kam ihm hierbei der Gedanke, daß sich jetzt eine gute Gelegenheit biete, das Land von ihm zu befreien. In der Meinung, es nicht nöthig zu haben, gegen ihn Schonung walten zu lassen, antwortete er ironisch und mit verächtlichem Achselzucken:

»Womit bezahlen, fragen Sie?... Nun freilich, nicht damit, daß man nach allen Meetings läuft, sich den Empörern anschließt, nicht damit, daß man die Bodeneigenthümer boycottirt... Nur durch Arbeit...

– Durch Arbeit! fiel Murdock ihm ins Wort, indem er dem Manne seine schwieligen Hände entgegenstreckte. Hier, diese Hände haben wohl nicht gearbeitet? Glauben Sie etwa, mein Vater, meine Mutter, meineBrüder hätten seit so vielen Jahren hier auf dem Hofe nur die Arme zusammengeschlagen?... Herr Harbert, sprechen Sie nicht solche Worte, denn ich bin nicht imstande, dergleichen anzuhören....«

Murdock begleitete seine Rede mit einer Bewegung, vor der der Beamte zurückwich. Jener aber machte jetzt dem ganzen Ingrimm Luft, den sociale Ungerechtigkeit in seinem Herzen aufgespeichert hatte, und er that dies mit der Eindringlichkeit des Ausdruckes, die der irischen Sprache so eigen ist, der Sprache, von der es heißt: »Wenn Du Dein Leben vertheidigst, so thu' es in irischer Zunge!« – Und sein Leben galt es ja, wie das Leben der Seinigen, als er sich zu so schrecklichen Drohungen hinreißen ließ.

Als er sich das Herz erleichtert hatte, setzte er sich an der Seite nieder.

Sim fühlte die Wuth in sich aufflammen, wie das Feuer unter dem Roste.

Martin Mac Carthy stand mit gesenktem Kopfe da und wagte nicht, das peinliche Schweigen zu brechen, das auf Murdocks zornige Worte gefolgt war.

Harbert dagegen sah alle wie vorher mit verächtlichem Hochmuth an.

Da erhob sich Martine und wandte sich an den Beamten.

»Herr Harbert, begann sie, lassen Sie auch mich die Bitte wagen, uns einen Aufschub zu verwilligen... das wird es ermöglichen, Sie zu bezahlen... nur wenige Monate... und bei fleißigster Arbeit... sollten wir auch selbst dabei zu Grunde gehen!... Ich flehe Sie an... ich bitte Sie auf den Knien... haben Sie Erbarmen!«

Die unglückliche Frau sank in die Knie vor dem herzlosen Manne, der sie schon durch seine freche Haltung verletzte.

»Genug, Mutter!... Zuviel... zuviel schon der Erniedrigung! rief Murdock, der Martine zum Aufstehen zwang. Mit Bitten und Flehen antwortet man solchem Elenden nicht!

– Nein, versetzte Harbert, ich sehe auch nicht ein, wozu die vielen Worte nützen sollen. Geld... das Geld augenblicklich her, oder Ihr seid vor Ablauf von acht Tagen alle von Haus und Hof verjagt....

– Vor Ablauf von acht Tagen, mag sein! rief Murdock. Jetzt kommen Sie aber erst an die Reihe, jetzt werf' ich Sie zur Thür des Hauses hinaus, in dem wir noch Herr sind....«

Damit drang er auf den Beamten ein, faßte ihn, hob ihn auf und schleuderte ihn auf den Hof hinaus.

»Was hast Du gethan, mein Sohn, was hast Du angerichtet? sagte Martine, während alle übrigen die Köpfe hängen ließen.

– Nur das, was jeder Irländer thun sollte, antwortete Murdock, die Lords von Irland verjagen, wie ich diesen Agenten aus unsrer Farm verjagt habe!«

So gestaltete sich die Lage der Familie Mac Carthy zu Anfang des Jahres 1882. Findling hatte sein zehntes Lebensjahr vollendet. Ein kurzes Leben,wenn man nur die verflossene Zeit veranschlagt, ein langes, wenn man auch die Schicksale des Knaben berücksichtigt. Er zählte bis jetzt nur drei glückliche Jahre – die Jahre, die er seit seinem Eintreffen in der Farm von Kerwan verbracht hatte.

Jetzt stürmte das Unglück, wie er es einst getragen, auch über die herein, die er in der Welt am innigsten liebte, über diese Familie, die so ganz zur seinigen geworden war. Das Unheil sollte alle Bande, die Brüder, Mutter, Kinder verknüpften, mit roher Hand zerreißen. Alle würden gezwungen sein, von einander zu scheiden, sich zu zerstreuen, vielleicht Irland zu verlassen, da die Heimatinsel ihnen auch den bescheidensten Unterhalt nicht zu bieten vermochte. Im Laufe der letzten Jahre waren bereits dreiundeinehalbe Million Pächter von ihrem Hofe vertrieben worden, und was so viele getroffen hatte, sollte das dem Pachter von Kerwan erspart bleiben?

Gott erbarme sich des armen Landes! Der Hunger wüthet hier wie eine Volksseuche, wie ein grausamer Krieg. Dieselben Geißeln, dieselben Folgen.

Noch ist der Winter von 1740-1741 in frischer Erinnerung, wo so viele der Entbehrung zum Opfer fielen, und ebenso das noch schrecklichere Jahr 1847, »das schwarze Jahr«, das die Zahl der Landesbewohner um fast fünfmalhunderttausend verminderte.

Wenn die Ernten fehlschlagen, werden hier ganze Dörfer entvölkert. Man kann durch die offen gebliebene Thür der Farmen eintreten: keine Seele ist mehr darin. Die Pächter sind ohne Gnade vertrieben worden, der Landbau ist im Herzen getroffen. Wenn nur Weizen, Roggen, Hafer und Gerste mißriethen, so konnten die Leute zur Noth ein besseres Jahr abwarten. Hat aberein allzu strenger und andauernder Winter die Kartoffel getödtet, dann bleibt dem Bewohner des flachen Landes nichts andres übrig, als in die Stadt zu flüchten und hier das »work house« aufzusuchen, wenn er's nicht vorzieht, früheren Auswandrern zu folgen. In diesem Jahre mußten sich eine Menge Ackerbauer dazu entschließen. Viele waren mit sich schon einig. In Folge ähnlicher Calamitäten hat sich die Bevölkerung einzelner Grafschaften sehr beträchtlich vermindert. In früherer Zeit hat Irland wahrscheinlich gegen zwölf Millionen Seelen beherbergt, jetzt leben allein in den Vereinigten Staaten von Amerika sechs bis sieben Millionen Ansiedler irischer Abkunft.

Zur Auswandrung schien ja auch die Familie Mac Carthy verurtheilt zu sein. Weder die Wühlereien der Landliga, noch die Meetings, denen Murdock beiwohnte, konnten an diesem Sachverhalt etwas ändern. Die Hilfsquellen des »poor-board« (Armenamtes) erwiesen sich gegenüber so vielen Bedürftigen als unzureichend. Die von der Vereinigung der »home-rulers« genährte Casse mußte bald geleert sein. Einer Erhebung gegen die Großgrundbesitzer, den Plünderungen, die eine solche jedenfalls im Gefolge haben würde, war der Lordlieutenant entschlossen, mit Gewalt entgegenzutreten. Das erkannte man schon an dem Auftauchen zahlreicher Polizeiagenten in den verdächtigen – oder ebenso richtig: in den am schlimmsten betroffenen – Grafschaften des Landes.

Gewiß wäre für Murdock die größte Vorsicht angezeigt gewesen, er aber spottete der Gefahr. Glühend vor Wuth, bethört von Verzweiflung verlor er gänzlich die Herrschaft über sich, stieß die furchtbarsten Drohungen aus und hetzte die Bauern zum Aufstande.Durch sein Beispiel angesteckt, compromittierten sich sein Vater und sein Bruder kaum weniger. Nichts vermochte sie mehr zu zügeln. Findling, der immer das Erscheinen eines Polizeiaufgebotes fürchtete, hielt treulich Wache in der Umgebung der Farm.

Inzwischen lebte man hier von den letzten Hilfsmitteln. Um etwas Geld zu beschaffen, waren einige Möbelstücke verkauft worden. Und jetzt sollte der Winter noch mehrere Monate andauern! Doch woher die Nahrung genommen werden sollte für die Periode bis zum Wiedereintritt der bessern Jahreszeit, das wußte niemand.

Zu dieser Unruhe wegen der Gegenwart und der Zukunft kam nun noch der Kummer, den der Zustand der Großmutter verursachte. Die arme bejahrte Frau wurde von Tag zu Tag hinfälliger. Von den schweren Schicksalsschlägen getroffen, konnte ihr Leben nicht mehr lange währen. Findling blieb meist in ihrer Nähe. Er verließ das Zimmer gar nicht mehr und wich nicht von ihrem Lager. Sie liebte es, daß er bei ihr war und daß er die jetzt zweieinhalbjährige Jenny in den Armen hielt, die sie mit ihrem kindlichen Lächeln erfreute. Zuweilen nahm sie das Kind auch selbst und herzte die Kleine. Doch dabei kam ihr auch der schmerzliche Gedanke, was später aus diesem zarten Mägdlein werden solle, und dann fragte sie Findling wohl:

»Du hast sie doch recht lieb, nicht wahr?

– Ja, gewiß, Großmutter.

– Und wirst sie niemals verlassen?

– Niemals... niemals!

– Gott gebe, daß sie einst glücklicher werde, als wir es gewesen sind! Sie ist Dein Töchterchen, vergiß das nicht!... Du wirst schon ein großer junger Mann sein, wo sie noch immer nur ein kleines Mädchen ist.Ein Pathe ist dasselbe wie ein Vater. Wenn sie ihre Eltern einmal verlieren sollte...

– Ach nein, Großmutter, bitte, lassen Sie solche Gedanken! Das Unglück kann ja nicht ewig fortdauern... wenn nur erst einige Monate überstanden sind... dann werden Sie auch wieder gesund, wir sehen Sie, wie früher, im bequemen Lehnstuhle, und Jenny spielt zu ihren Füßen....«

Doch während Findling so sprach, fühlte er einen Stich im Herzen und warme Thränen in den Augen, denn er wußte, daß die Großmutter krank, sehr krank war. Dennoch fand er die Kraft, sich – wenigstens in ihrer Nähe – zu bemeistern. Wenn er weinte, so that er das draußen, wo ihn keiner sehen konnte. Und dann fürchtete er immer, den bösen Harbert mit den Gerichtsdienern ankommen zu sehen, die die Familie von ihrem einzigen Obdach verjagen sollten.

In der ersten Januarwoche verschlimmerte sich der Zustand der alten Frau beträchtlich. Wiederholt bekam sie Ohnmachtsanfälle, von denen einer so lange anhielt, daß man glauben konnte, ihr Ende sei gekommen.

Am 6. war ein Arzt aus Tralee erschienen, einer der barmherzigen Samariter, die ihre Unterstützung auch den Armen nicht versagen, obwohl sie davon keinen klingenden Nutzen haben. Der Betreffende machte gerade, wie früher üblich, einen Ritt durch die verödeten Landstriche, und Findling, der ihn von einer Begegnung im Hauptorte der Grafschaft her kannte, hatte ihn um einen Besuch in der Farm gebeten. Hier constatierte der menschenfreundliche Arzt, daß die Entbehrungen, im Verein mit dem Alter und dem Herzeleid, das an der Kranken nagte, mit einer nicht mehr fernen Katastrophe drohten.

Diese Sachlage konnte er vor der Familie unmöglich verschleiern. Nicht Monate mehr, nicht einmal noch Wochen hatte die Großmutter zu leben; ihr Hingang stand voraussichtlich schon in einigen Tagen bevor. Noch bewahrte sie alle geistigen Fähigkeiten und würde sie auch bis ans Ende behalten. In dieser einfachen Bäuerin wohnte eine so energische Lebenskraft, eine solche Widerstandsfähigkeit gegen die endliche Auflösung, daß ihr leider ein recht harter Todeskampf drohte. Endlich würde die Schwäche sie übermannen, die Athmung aussetzen und das Herz aufhören zu schlagen....

Vor dem Verlassen der Farm verordnete der Arzt noch eine Tinctur, die der Großmutter wenigstens die letzten Augenblicke erleichtern sollte. Dann ging er fort und ließ die Verzweiflung zurück in dem Hause, wohin das Mitleid ihn geführt hatte.

Nach Tralee zu gehen, den Trank bereiten zu lassen und nach der Farm zu bringen, das hätte wohl binnen vierundzwanzig Stunden erledigt sein können; wie aber sollte man die Arznei bezahlen?... Nachdem alles Geld mit Abführung der staatlichen Abgaben erschöpft war, lebte die Familie nur von Feldfrüchten der Farm, ohne etwas dazu zu kaufen. Im Kasten befand sich kein Schilling mehr. Von Möbeln oder Kleidungsstücken ließ sich auch nichts mehr zu Geld machen. Es war das Elend im schlimmsten Maße.

Da kam Findling eine Erinnerung. Noch besaß er die Guinee, die ihm Miß Anna Walston im Limericker Theater gegeben hatte. Ein reiner Scherz der Künstlerin, hatte er doch seine Rolle als Sib sehr ernst genommen, und ihm däuchte dies Geld in Ehren verdient. So hatte er die betreffende Guinee sorglich in seiner Casse, das heißt, in der Kruke, die seine Kieselsteineenthielt, aufgehoben. Leider konnte er zur Zeit nicht mehr darauf rechnen, daß diese sich jemals in Pence oder Schillinge verwandeln würden.

Niemand in der Farm wußte, daß Findling dieses Geldstück besaß, und da kam ihm der Gedanke, es zur Beschaffung des der Großmutter verordneten Trankes zu verwenden. Das versprach ihm Linderung ihrer Leiden, vielleicht eine Verlängerung des Lebens und – wer weiß? – ihr Zustand konnte sich wohl gar dauernd bessern. Findling wollte noch immer hoffen, wenn er im Herzen auch verzweifelte.

Entschieden, sein Vorhaben auszuführen, beschloß er, nichts davon verlauten zu lassen. Das Geld gehörte ja ihm, er konnte darüber nach Belieben verfügen. Jedenfalls war keine Zeit zu verlieren. Um ungesehen zu bleiben, wollte er in der Nacht aufbrechen. Ein Dutzend Meilen bis Tralee hin und ebenso viele zurück, das ist für ein Kind zwar ein weiter Tagesmarsch, doch er dachte daran nicht im mindesten.

Es war ungewiß, ob seine Abwesenheit während eines Tages so besonders auffiel, da er sich die ganze Zeit, wo er nicht bei der Großmutter saß, draußen aufhielt, die Umgebungen und die Landstraße auf zwei bis drei Meilen hin überwachte und immer gespannt wartete, ob nicht der Beamte des Middleman mit den Gerichtsdienern auftauchte, um die Familie auf die Straße zu werfen, oder ein Constabler mit Gehilfen käme, um Murdock zu verhaften.

Am nächsten Tage, den 7. Januar, verließ Findling sein Zimmer um zwei Uhr früh, nachdem er noch die Großmutter, die sein Kuß nicht erweckte, umarmt hatte. Dann schlüpfte er aus dem großen Zimmer, drückte die Thür hinter sich geräuschlos zu und streichelteBirk, der ihn ansprang, als wollte er sagen: »Was? Mich nimmst Du nicht mit?« Nein, er wollte den Hund auf der Farm lassen. Während seiner Abwesenheit konnte das treue Thier jede verdächtige Annäherung vereiteln. Nach Ueberschreitung des Hofes und Oeffnung des Thores sah er sich allein auf dem Wege nach Tralee.

Noch war es pechfinster. In den ersten Tagen des Januar, noch nicht drei Wochen nach der Wintersonnenwende, geht die Sonne in diesen Breiten zwischen dem 52. und 53. Grade erst sehr spät am südöstlichen Horizonte auf. Um sieben Uhr des Morgens färben sich die Bergspitzen kaum mit den schwachen Tinten des jungen Tages. Findling hatte also die Hälfte des Weges im Dunkeln zurückzulegen, doch das erschreckte ihn nicht.

Die Witterung war sehr klar, die Kälte lebhaft, obwohl ein Thermometer nur etwa zwölf Grad unter Null gezeigt hätte. Am Firmament glänzten Tausende von Sternen. Die ganz weiße Landstraße zog sich über Sehweite hinaus wie vom Schneereflex erleuchtet hin und die Tritte gaben einen trocknen Widerhall.

Um zwei Uhr des Morgens aufgebrochen, hoffte Findling vor Einbruch der Nacht zurück zu sein. Seiner Berechnung nach mußte er früh um acht Uhr in Tralee eintreffen. Zwölf Meilen in sechs Stunden zu überwinden, das war keine besondre Aufgabe für einen Knaben, der, jede Anstrengung gewöhnt, ein Paar gesunde kräftige Beine besaß. In Tralee gedachte er zwei Stunden auszuruhen, inzwischen in einem Wirthshause etwas Brod mit Käse und eine Pinte Bier zu verzehren, was ihm zwei bis drei Pence kosten konnte. Dann wollte er sich, wenn er die Arznei erhaltenhatte, auf den Rückweg machen, um im Laufe des Nachmittags die Farm wieder zu erreichen.

Dieses wohldurchdachte Programm sollte streng eingehalten werden, wenn nichts Unerwartetes dazwischen trat. Der Weg war gut und das Wetter einer schnellen Gangart günstig. Er war froh, daß die Kälte wenigstens eine Beruhigung der Atmosphäre herbeigeführt hatte.

Bei dem vorher so heftigen Westwinde und gegen das ihm dann entgegenpeitschende Schneegestöber hätte Findling kaum vorwärts kommen können. Heute aber begünstigten ihn die Verhältnisse, wofür er der Vorsehung aufrichtig dankte.

Immerhin war der Weg, vorzüglich wegen einer Begegnung mit Wölfen, nicht ganz ohne Gefahr. Trotz des nicht besonders strengen Winters hörte man das heulende Gebell dieser Thiere in allen Wäldern der Grafschaft. Findling hatte gar wohl daran gedacht, und heftiger schlug ihm das Herz, als er sich so allein sah im weiten Lande und auf diesem scheinbar endlosen Wege, neben dem die überreiften Skelette der Bäume emporstarrten.

Schnellen Schrittes und ohne jemals auszuruhen hatte der Knabe die ersten sechs Meilen seines Weges binnen zwei Stunden zurückgelegt.

Es war jetzt um vier Uhr morgens. Im Westen noch tiefdunkel, schimmerte im Osten doch schon ein schwacher, fahler Lichtschein herauf, vor dem die Sterne etwas verblichen. Freilich dauerte es immer noch über vier Stunden, ehe die Sonne selbst am Horizonte aufstieg.

Findling mußte jetzt einmal zehn Minuten Halt machen. Er setzte sich auf eine knorrige Baumwurzel und verzehrte eine mitgenommene geröstete Kartoffelmit dem frischen Appetit der Jugend. Mit dieser zweifelhaften Stärkung wollte er bis Tralee aushalten. Um viereinviertel Uhr brach er wieder auf.

Den Weg von Kerwan nach dem Hauptorte der Grafschaft konnte er ja nicht verfehlen, da er diesen oft genug im Wagen zurückgelegt hatte, wenn ihn Martin Mac Carthy an Markttagen mitnahm. Das war damals freilich die gute Zeit, die Zeit beglückender Zufriedenheit, die jetzt schon so fern zu liegen schien.

Die Landstraße war und blieb völlig öde. Kein Wanderer – um den sich Findling auch nicht besonders gekümmert hätte – zeigte sich, und kein Wagen rollte auf Tralee zu. Auf einem solchen hätte man ihm einen Platz gewiß nicht verweigert, und damit wäre ihm ja viele Anstrengung erspart geblieben. So konnte er nur auf seine kleinen, doch wenigstens kräftigen Beine rechnen.

Endlich hatte er noch vier Meilen, wenn auch nicht so schnell, wie die sechs ersten hinter sich gebracht, und nun trennten ihn nur noch zwei von seinem Ziele.

Es war jetzt halb acht Uhr geworden. Die letzten Sterne erloschen am westlichen Horizonte. Das trübe Morgengrauen jener hohen Breiten erhellte schwach den weiten Himmelsraum, so lange die Sonne den Gürtel von Dünsten in den niedrigeren Schichten nicht durchbrach. Immerhin bot sich jetzt schon eine weitumfassende Aussicht.

Da erschien an einer höheren Stelle der Straße eine Gruppe von Männern, die von Tralee herkamen.

Der erste Gedanke Findlings war es da, sich zu verstecken, obwohl ihm, einem Kinde, doch wohl niemand etwas zu Leide gethan hätte. Doch ohne sich das zu überlegen, sprang er schnell hinter einen überschneitenBusch, von wo aus er sehen konnte, wer die entgegenkommenden Männer wären.

Bald erkannte auch der Knabe in jenen etwa ein Dutzend Polizeiagenten in Begleitung eines Constablers. Seitdem das Land hier strenger überwacht wurde, war es gar nicht selten, solchen Abtheilungen zu begegnen, die, auf Befehl des Lordlieutenants organisiert, bald hier, bald dort auftauchten.

Der Anblick dieser Hüter der Ordnung konnte Findling also nicht besonders auffallen, fast wäre ihm aber ein Aufschrei entfahren, als er darunter den Pachtcassierer Harbert erkannte, der von zwei bis drei Executivbeamten begleitet war, die überall die Vertreibung der Pächter ausführten.

Wie krampfte sich ihm da das Herz zusammen bei der Vorstellung, daß sich Harbert mit diesen Leuten nach der Farm begeben könnte, und daß die Polizisten ihn begleiteten, um vielleicht Murdock zu verhaften!

Findling konnte diesen Gedanken nicht ertragen. Gleich nach dem Verschwinden der Gruppe sprang er wieder auf die Landstraße hinaus und lief, was er nur laufen konnte, so daß er gegen achteinhalb Uhr die ersten Häuser von Tralee erreichte.

Hier begab er sich zuerst nach einer Apotheke und wartete gleich auf die Anfertigung der verordneten Arznei. Zur Bezahlung derselben gab er das Goldstück – sein ganzes Vermögen – hin. Der Apotheker wechselte die Guinee, und da der verschriebene Trank sehr theuer war, erhielt der Knabe nur etwa fünfzehn Schillinge zurück.

Abhandeln ließ sich von dem Preise doch wohl nichts und Findling dachte auch gar nicht daran, da es sich hier um das Wohl und Wehe der Großmutterhandelte, dagegen wollte er an der Ausgabe für sein Frühstück zu sparen suchen. Statt des Käses und des Biers begnügte er sich mit einem tüchtigen Stück Brod, das er gierig aufzehrte, und mit einem Stück Eis, das er im Munde zergehen ließ. Kurz nach zehn Uhr verließ er Tralee wieder und machte sich auf den Heimweg nach Kerwan.

Unter andern Verhältnissen hätte sich zu dieser Tageszeit ringsum weit mehr Leben gezeigt. Auf den Straßen polterten dann gewöhnlich Karren oder Jaunting-cars dahin, die Personen oder Waaren aller Art nach den verschiedenen Ortschaften des Bezirks beförderten, und überall hätte sich rege Thätigkeit entfaltet. Die Unglücksfälle des vergangnen Jahres hatten jedoch, mit ihrem Gefolge von Hunger und Elend, die Provinz fast entvölkert. Gar viele Bauern hatten sich schweren Herzens entschlossen, das Land zu verlassen, das sie nicht zu ernähren vermochte. Schon zu gewöhnlichen Zeiten schätzt man die Zahl der Irländer, die alljährlich nach der Neuen Welt, nach Australien oder Südafrika auswandern, auf etwa hunderttausend, um sich ein Fleckchen Erde zu suchen, das sie wenigstens vor dem Hungertode bewahrt. Diese starke Auswanderung wird noch durch Gesellschaften begünstigt, welche die Emigranten für zwei Pfund Sterling (vierzig Mark) bis zu den Gestaden Südamerikas befördern.

Im laufenden Jahre hatten nun aber noch weit mehr Landleute die Bezirke des westlichen Irlands verlassen und es schien, als ob die sonst so verkehrsreichen Landstraßen jetzt nur in eine Wüste oder, was noch schlimmer ist, in ein verlassenes Land ausliefen.

Findling wanderte immer raschen Schrittes dahin. Er wollte keine Ermüdung fühlen und entwickelte eineganz außergewöhnliche Energie. Natürlich war es ihm unmöglich gewesen, die Polizistenabtheilung einzuholen, da diese gegen ihn einen Vorsprung von zwei bis drei Stunden hatte. Die im Schnee sichtbaren Fußspuren der Männer wiesen jedoch darauf hin, daß der Constabler mit seinen Leuten und Harbert mit seinen Gehilfen den nach der Farm führenden Weg einhielten, ein Grund mehr für den Knaben, sich zu beeilen, obwohl ihn die Füße von dem anstrengenden Marsche schmerzten. Er versagte sich selbst eine Rast von wenigen Minuten, wie er sich diese auf dem Hinweg gegönnt hatte. Um zwei Uhr nachmittags befand er sich nur noch zwei Meilen von Kerwan. Eine halbe Stunde später zeigte sich der Pachthof inmitten der weiten Ebene, wo alles in ununterbrochenem Weiß zusammenfloß.

Findling erstaunte einigermaßen, keine Rauchsäule aufsteigen zu sehen, da es dem Kamin im großen Zimmer an Brennmaterial doch nicht fehlen konnte.

Ueberdies schien sich von der Farm der Eindruck von merkwürdiger Oede und Verlassenheit zu verbreiten.

Findling beschleunigte seine Schritte. Er nahm alle seine Kräfte zusammen und fing an zu laufen. Wiederholt hinfallend und schnell aufspringend kam er vor dem den Pachthof abschließenden Thore an....

Welch ein Anblick! Das Thor war zertrümmert. Im Hofe zeigten sich sehr viele Fußspuren in allen Richtungen. Von den Baulichkeiten, den Ställen und Scheunen ragten nur noch die vier Wände, aber ohne Dach, empor. Die Strohbedeckung war heruntergerissen. Eine Thür, einen Fensterrahmen gab es nicht mehr. Offenbar hatte man alles unbewohnbar gemacht, um die Familie zu hindern, sich hier noch ein Obdachzu suchen. Das war eine traurige Ruine von Menschenhand!

Findling blieb wie vom Donner gerührt stehen. Scheu und Schrecken durchbebten ihn. Er wagte nicht, durch das Thor zu schreiten, sich dem Hause zu nähern....

Und doch entschloß er sich endlich dazu. Wenn der Farmer oder eines der Seinigen noch hier war, so mußte er's doch wissen....

Findling wankte bis an den Hauseingang. Er rief laut....

Keine Stimme antwortete ihm.

Da sank er auf der Schwelle nieder und fing an zu weinen. –

In seiner Abwesenheit hatte sich folgendes zugetragen.

Die traurigen Austreibungen, infolge deren nicht nur einzelne Farmen, sondern oft auch ganze Dörfer von ihren Bewohnern verlassen werden, sind in den Grafschaften Irlands gar nichts seltenes. Die armen Leute, von der Stätte verjagt, wo sie geboren wurden und auch noch zu sterben erwarteten, könnten aber zurückkehren, die Thüren der Häuser sprengen und in diesen wieder ein Obdach suchen, das sie anderswo nicht fanden.

Nun, das Mittel, sie daran zu hindern, ist höchst einfach. Die Häuser werden eben ganz unbewohnbar gemacht. Man richtet dazu einen »battering-ram« (eine Art Mauerbrecher) auf, dieser besteht aus einem Balken, der an einer Kette pendelt, welche an drei langen aufrechten und oben verbundenen Pfählen hängt. Dieser »Widder« zertrümmert alles. Das betreffende Haus wird seines Daches beraubt, der Schornstein umgestoßenund der Herd zerstört. Man zerschmettert damit die Thüren und drückt die Fensterrahmen ein. Nichts als die nackten Wände bleiben übrig.... Steht dann die Ruine dem Sturmwind offen, ergießt sich der Regen hinein und sackt sich der Schnee darin, dann können der Landlord und seine Untergebenen sicher sein, daß sich niemand mehr hier aufhalten kann.

Ist es bei den so häufigen Executionen dieser Art, die an den rohesten Vandalismus streifen, wohl ein Wunder, daß sich ein so glühender Haß im Herzen der irländischen Bauern angesammelt hat?

Hier in Kerwan war die Austreibung gar von noch traurigeren Nebenumständen begleitet gewesen.

An dem unmenschlichen Werke hatten auch Haß und Rache ein gutes Theil gehabt. Harbert, der Murdock seine Beleidigungen heimzahlen wollte, hatte sich nicht begnügt, mit den Helfershelfern im Namen des Middleman vorzugehen, sondern ihn auch, da er den jungen Farmer schon schwarz angeschrieben wußte, noch denunciert, und die Polizisten hatten Befehl erhalten, sich der Person desselben zu versichern.

Zuerst wurden Martin, seine Frau und seine Kinder aus dem Hause getrieben, während die Schergen das Innere der Wohnung demolierten. Nicht einmal die alte Großmutter wurde verschont. Aus ihrem Bett gerissen und auf den Hof geschleppt, hatte sie sich noch einmal zu erheben vermocht, um in ihren Mördern die Mörder Irlands zu verfluchen... dann war sie todt zusammengebrochen.

In diesem Augenblicke hatte sich Murdock, der noch hätte entfliehen können, auf die Elenden gestürzt. Sinnlos vor Zorn schwang er eine Axt. Sein Vater und sein Bruder hatten wie er ihre Familievertheidigen wollen.... Vergeblich! Die Beamten und Constabler waren in der Uebermacht und der Sieg blieb dem Gesetze, wenn man dieses Wort noch für ein Attentat auf alles, was gerecht und menschlich ist, gebrauchen darf.

Eine gewaltthätige Auflehnung gegen die Organe der Polizei lag hiermit so auf der Hand, daß außer Murdock auch Martin und Sim in Haft genommen wurden. Und obgleich seit 1870 keine Austreibung ohne einen Schadenersatz an die bisherigen Pächter stattfinden darf, hatten sie durch ihren Widerstand diese Wohlthat obendrein verwirkt.

Auf der Farm konnte der bejahrten Großmutter doch kein christliches Begräbniß zu Theil werden. Man mußte sie nach einem Kirchhof überführen. So betteten ihre beiden Enkel sie also auf eine Tragbahre und trugen sie fort, während Martin, Martine und Kitty mit ihrem Kinde auf dem Arme ihnen inmitten der Constabler folgten.

Der Leichenzug schlug den Weg nach Limerick ein, und ein ergreifenderes Bild, als dieser Trauerzug einer ganzen verhafteten Familie, die die Leiche einer armen, hochbejahrten Frau begleitete, konnte es wohl nicht geben.

Findling, der sein Entsetzen endlich überwunden hatte, lief durch die verwüsteten Räume des Hauses, wo die Trümmer der Möbel umherlagen; immer rief er laut... keiner, keiner antwortete ihm!...

Jetzt dachte er auch an seinen Schatz, an die Kieselsteine, die ihm die Zahl der seit seinem Verweilen in Kerwan verflossenen Tage angeben mußten. Er suchte die Kruke, worin er sie verwahrt hatte, und fand diese unzerbrochen in einem Winkel.

Ach, diese Kiesel! Auf der Schwelle sitzend, begann Findling sie zu zählen: es waren deren fünfzehnhundertvierzig.

Das entsprach vier Jahren und achtzig Tagen – vom 20. October 1877 bis zum 7. Januar 1882 – die er auf der Farm verlebt hatte.

Jetzt mußte er die Stätte verlassen und wollte versuchen, die Familie, die ja zur seinigen geworden war, wieder aufzufinden.

Vor dem Aufbruche machte Findling noch ein Packet aus seiner Wäsche, die er in einer halbzerbrochenen Schublade gefunden hatte. In der Mitte des Hofes aber brach er ein Loch neben der am Tage der Geburt des kleinen Mädchens gepflanzten Tanne aus dem harten Boden und verscharrte darin das Gefäß, das seine Kieselsteine barg.

Dann warf er noch einen letzten wehmüthigen Blick auf das zerstörte Haus und wanderte nach der Landstraße zurück, die schon das Dunkel der Dämmerung beschattete.

Ende des ersten Theiles.

[1]Abkürzung des Namens Cecilie.

[2]Das ist die allgemeine Anschauung bei den Irländern, die indeß mit Parnell eine Ausnahme machten, als dieser »nicht gekrönte König Irlands« – wie man ihn nannte – einige Jahre später (1879) die zum Zwecke der agrarischen Reform gegründete »National Land League« leitete.

[3]Eine solche Hungersnoth herrschte 1740 bis 1741 und tödtete 400.000 Irländer; weiter 1847, wo eine halbe Million Bewohner aus Entbehrung umkam und eine gleiche Zahl aus Verzweiflung den schmerzlichen Entschluß faßte, nach der Neuen Welt überzusiedeln.

[4]Die Torfgruben Irlands mit rothem oder schwarzem »Bog« umfassen über zwölftausend Quadratkilometer oder den siebenten Theil der Insel und enthalten bei einer durchschnittlichen Mächtigkeit von acht Metern gegen sechsundneunzigtausend Millionen Cubikmeter Brennmaterial.

[5]Seit 1870 können die Pächter übrigens nicht mehr von Haus und Hof verjagt werden, ohne eine entsprechende Entschädigung für vorgenommene Bodenmeliorationen zu erhalten.


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