The Project Gutenberg eBook ofDer Findling. Zweiter Band.This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der Findling. Zweiter Band.Author: Jules VerneRelease date: July 2, 2014 [eBook #46174]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FINDLING. ZWEITER BAND. ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Der Findling. Zweiter Band.Author: Jules VerneRelease date: July 2, 2014 [eBook #46174]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Title: Der Findling. Zweiter Band.
Author: Jules Verne
Author: Jules Verne
Release date: July 2, 2014 [eBook #46174]Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FINDLING. ZWEITER BAND. ***
Julius Verne's Reiseromane. Band 65.
VonJulius Verne.
Rechtmässige Ausgabe.
Zweiter Band.
LeipzigBibliographische AnstaltAdolph Schumann.
Alle Rechte vorbehalten.
Zweiter Theil.
Ohne sein gewohntes vornehmes Auftreten zu verleugnen, nahm Lord Piborne verschiedene, auf seinem Tische liegende Papiere auf, ordnete die da und dort verstreuten Zeitungsblätter, durchsuchte die Taschen seines goldgelben Plüschschlafrocks, durchwühlte auch die seines stahlgrauen Ueberziehers, der über der Lehne eines Armstuhles hing, und wendete sich dann zurück, während ein kaum bemerkbares Runzeln der Augenbrauen an seiner Stirn sichtbar wurde.
In dieser hocharistokratischen Weise und ohne sonstige Veränderung der Gesichtszüge pflegte Seine Herrlichkeit stets auch dem lebhafteren Unbehagen Ausdruck zu geben.
Eine leichte Neigung des Oberkörpers deutete darauf hin, daß er sich sogar einmal bücken wollte, um einen Blick unter den von einer großen, schwer befranzten Decke verhüllten Tisch zu werfen. Davon kam er jedoch zurück und »geruhte« auf den Knopf einer Klingel zur Seite des Kamins zu drücken.
Fast augenblicklich erschien John, der Kammerdiener, auf der Thürschwelle des Gemaches und blieb hier regungslos stehen.
»Sieh nach, ob mein Portefeuille hier unter den Tisch gefallen ist,« sagte Lord Piborne.
John bückte sich nieder, hob die faltenreiche Decke etwas in die Höhe und richtete sich mit leeren Händen wieder auf.
Das Portefeuille Seiner Herrlichkeit fand sich an dem bezeichneten Platze nicht.
Ein zweites leichtes Stirnrunzeln des Lord Piborne.
»Wo ist Lady Piborne? fragte er.
– In ihren Gemächern, antwortete der Kammerdiener.
– Und der Graf Ashton?
– Er lustwandelt im Parke.
– Melde Ihrer Herrlichkeit der Lady Piborne meine Empfehlung und sage ihr, ich wünsche die Ehre zu haben, sie baldmöglichst zu sprechen.«
John machte steif auf der Stelle Kehrt – ein stielgerechter Lakei hat sich im Dienste nicht zu verneigen – und verließ streng abgemessenen Schrittes das Cabinet, um die Befehle seines Herrn auszuführen.
Seine Herrlichkeit Lord Piborne zählt fünfzig Jahre – fünfzig Jahre, die seiner mehrere hundert Jahre alten und von keinem Verstoß gegen die Ehre des Adels, von keiner Mißheirat befleckten Familie hinzuzurechnen waren. Ein hervorragendes Mitglied des englischen Oberhauses, bedauert er in gutem Glauben das Aufhören vieler alten Privilegien der Feudalzeit, die schöne Zeit der Lehen, Renten, der Allodialgüter und Domänen, der Macht persönlichen Gerichtsstandes, deren sich seine Ahnen erfreuten, und der tiefen Ehrerbietung, die diesen jeder Lehensmann ohne Zögern entgegenbrachte.Alles, was nicht von einer, der seinigen ebenbürtigen Herkunft ist, was sich eines so alten Stammbaumes nicht rühmen kann, steht für ihn auf der Stufe des Bauers, des Bürgers, wenn nicht gar des Leibeignen oder Sclaven. Er ist Marquis, sein Sohn folglich Graf. Baronetts, Ritter und andre niedre Adelige haben seiner Auffassung nach kaum das Recht, in den Vorzimmern der wirklich vornehmen Welt zu erscheinen. Groß, hager, das Gesicht glatt rasiert, die Augen wie erloschen, so sehr sind sie gewöhnt, Mißachtung auszudrücken, im Sprechen karg und trocken, repräsentiert Lord Piborne den Typus jener hochmüthigen Edelleute, die sich in den Hüllen bestaubter Pergamente vergraben und die – glücklicher Weise – selbst in dem aristokratischen Königreiche Großbritannien und Irland jetzt auf den Aussterbeetat gesetzt scheinen.
Hierzu ist nachzutragen, daß der Marquis englischer Abstammung ist und daß er keine Mesalliance einging, als er die Marquise, die schottischer Herkunft ist, zum Altare führte. Ihre Herrlichkeiten waren ganz für einander geschaffen, beide fest entschlossen, niemals von ihrem hohen Sitze herabzusteigen, und wahrscheinlich auserlesen, eine noch höher steigende Nachkommenschaft zu hinterlassen. Sie bildeten sich ohne Zweifel ein, daß Gott dereinst erst Handschuhe anlegen würde, um sie in seinem Paradiese nach Gebühr zu empfangen.
Die Thür öffnete sich, und als hätte es sich um den Eintritt einer hohen Dame in einen Empfangssalon gehandelt, meldete der Kammerdiener:
»Ihre Herrlichkeit Lady Piborne.«
Die Marquise – eine reife Vierzigerin – groß, hager, eckig, die Haare von breitem Stirnband gehalten, die Lippen dünn, die Nase aristokratisch adlerartig,die Taille schlank und die Schultern abstehend – war gewiß niemals schön gewesen; was aber die Vornehmheit der Haltung und des Benehmens, die Uebereinstimmung in Traditionen und Privilegien anging, hätte Lord Piborne gewiß keine bessere Gemahlin finden können.
John rollte einen wappengeschmückten Lehnstuhl heran, worauf die Marquise sich niederließ, und zog sich lautlos zurück.
Der vornehme Gemahl richtete das Wort an die Dame.
»Sie werden verzeihen, Marquise, daß ich Sie ersuchen lassen mußte, Ihre Gemächer zu verlassen, um mir die Gunst einer Besprechung in meinem Cabinet zu gewähren.«
Es braucht nicht Wunder zu nehmen, daß ihre Herrlichkeiten, selbst in privater Unterhaltung, so schwulstige Phrasen drechselten. Das gehört hier einmal zum guten Ton. Und übrigens waren beide noch in der »Puder- und Perrückenschule« der früheren Gentry aufgewachsen. Nie hätten sie sich zu der Vertraulichkeit des landläufigen Geplauders herabgelassen, das Dickens im Scherze »Perrucobalivernage« genannt hat.
»Ich stehe zu Ihrem Befehl, Marquis, erwiderte Lady Piborne. Welche Frage hätten Sie an mich zu richten?
– Ich möchte, Marquise, Sie ersuchen, mir mit Ihrem Gedächtniß zu Hilfe zu kommen.
– Ich höre.
– Sind wir nicht gestern gegen drei Uhr nachmittags hier vom Schlosse weg nach Newmarket und zu unserm Attorney, Herrn Laird, gefahren?«
Der Attorney ist der bevollmächtigte Rechtsanwalt, der seinen Auftraggeber bei den Civilgerichten des Vereinigten Königreiches vertritt.
»Gewiß... gestern... Nachmittag, antwortete Lady Piborne.
– Erinnere ich mich recht, so hat Graf Ashton, unser Sohn, uns im Wagen begleitet?
– Ganz recht, Marquis, er nahm einen Platz auf dem Vordersitze ein.
– Die beiden Lakeien standen doch hinter uns auf dem Wagen?
– Ja wohl, wie das ihre Pflicht ist.
– Gut denn, antwortete Lord Piborne, der seine Uebereinstimmung durch eine leichte Kopfbewegung zu erkennen gab, dann, Marquise, erinnern Sie sich wohl auch, daß ich ein Portefeuille bei mir führte, das die Papiere betreffs des Rechtsstreites enthielt, der uns mit dem Kirchspiele bevorsteht?
– Jenes ungerechten Processes, den man die Kühnheit, die Unverschämtheit hat, uns aufzunöthigen! setzte Lady Piborne mit bezeichnender Geberde hinzu.
– Dieses Portefeuille, fuhr Lord Piborne fort, enthielt nicht allein sehr wichtige Documente, sondern auch eine Summe von hundert Pfund in Banknoten, die für unsern Sachwalter bestimmt war.
– Sie erinnern sich an alles ganz genau, Marquis.
– Sie wissen auch, Marquise, wie alles zugegangen ist. Wir sind in Newmarket angekommen, ohne die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat uns an der Schwelle seines Hauses empfangen. Ich zeigte ihm sofort die Schriftstücke und erbot mich, das Geld bei ihm zu deponieren. Er hat darauf geantwortet, daßer für jetzt weder des einen noch des andern bedürfe, unter dem Hinzufügen, daß er selbst nach dem Schlosse kommen werde, wenn es Zeit sei, gegen die Anmaßungen des Kirchspiels aufzutreten.
– Gegen die schmählichen Anmaßungen, die früher als Attentate auf die grundherrlichen Rechte betrachtet und bestraft worden wären...«
Hiermit sprach die Marquise nur eine Auffassung aus, der der Marquis in ihrem Beisein oft ganz gleichlautenden Ausdruck gegeben hatte.
»Daraus ergiebt sich, nahm Seine Herrlichkeit wieder das Wort, daß ich mein Portefeuille behalten habe, daß wir bald wieder in den Wagen gestiegen sind und das Schloß gegen sieben Uhr, als es bereits zu dunkeln anfing, erreicht haben.«
Der Abend war finster gewesen, denn der Vorgang fiel noch in die letzte Aprilwoche.
»Jenes Portefeuille nun, berichtete der Marquis weiter, das ich bestimmt in die rechte Brusttasche meines Pelzes gesteckt habe, kann ich nun nicht mehr finden.
– Vielleicht haben Sie es bei der Heimkehr auf den Tisch Ihres Cabinets gelegt?
– Das vermuthete ich auch, Marquise, habe aber vergeblich unter meinen Papieren danach gesucht.
– Seit gestern ist doch niemand hierher gekommen?
– Doch... John... mein Kammerdiener... dem kann ich aber vertrauen...
– Es ist immer klug, die Leute im Verdacht zu haben, erwiderte Lady Piborne.
– Uebrigens wär' es möglich, fuhr der Marquis fort, daß mein Portefeuille hinter ein Kissen in der Kalesche geglitten wäre.
– Das müßte einer der Lakeien entdeckt haben, und wenn er die hundert Pfund Sterling nicht für eine gute Prise ansah...
– Ach, die hundert Pfund, unterbrach sie Lord Piborne, von denen will ich nicht viel reden; doch die Familienpapiere, die unsre Rechte gegenüber dem Kirchspiel nachweisen...
– Gegenüber dem Kirchspiel, pah!« sagte Lady Piborne.
Man hörte es, daß das Herrenhaus aus ihrem Munde sprach und daß sie die Insassen des Kirchspiels als untergeordnete Vasallen ansah, deren Ansprüche ebenso bedauernswerth, wie respectwidrig waren.
»Wenn wir nun, aller Gerechtigkeit zum Hohne, fuhr sie fort, diesen Proceß verlieren sollten...
– Und wir verlieren ihn ganz sicher, erklärte Lord Piborne, wenn wir jene wichtigen Acten nicht vorzulegen im Stande sind...
– So würde das Kirchspiel in Besitz der hundert Acres Wald kommen, die an den Park grenzen und seit den Plantagenets zur Domäne der Piborne gehört haben?
– Ja, Marquise.
– Das wäre abscheulich!
– Abscheulich, wie alles, was den Feudalbesitz in Irland antastet, jene Ansprüche der Home-rulers, die Ueberlassung des Grund und Bodens als Eigenthum des Bauern, die ganze Erhebung gegen den Landlordismus!... O, wir leben in einer seltsamen Zeit! Wenn der Lordlieutenant nicht bald Ordnung schafft, indem er die Rädelsführer der Landliga aufknüpfen läßt, weiß ich nicht... oder weiß ich vielmehr nur zu gut, wie das enden wird... «
Da öffnete sich die Thür des Cabinets, auf deren Schwelle ein junger Mann erschien.
»Ah, Sie sind es, Graf Ashton?« unterbrach sich Lord Piborne.
Der Marquis und die Marquise hätten es niemals versäumt, ihrem Sohne diesen Titel zu geben, der alle von seiner Geburt ihm auferlegten Pflichten hätte zu vernachlässigen gefürchtet, wenn er darauf nicht antwortete:
»Ich wünsche Ihnen guten Tag, Mylord, mein Vater!«
Dann trat er auf Milady, seine Mutter, zu, der er würdevoll die Hand küßte.
Der junge Gentleman von vierzehn Jahren hatte ein regelmäßiges, doch recht ausdrucksloses Gesicht, dessen Züge gewiß auch später an Lebhaftigkeit und Intelligenz nicht gewannen. Er war ja der natürliche Abkomme eines Marquis und einer Marquise, die sich, gut zwei Jahrhunderte hinter ihrer Zeit zurückgeblieben, jedem Fortschritte des modernen Lebens abhold erwiesen – zwei Typen aus der Periode der Cromwell, waschechte, unbelehrbare Tories alten Schlages. Der Instinct der Rasse bewirkte schon, daß dieser Knabe sich etiquettengerecht verhielt, daß er Graf blieb vom Scheitel bis zu den Zehen, obwohl ihn die Marquise sehr verwöhnt hatte und die Dienerschaft des Schlosses »abgerichtet« war, sich allen seinen Launen zu fügen. So besaß er keine, der für dieses Alter charakteristischen Eigenschaften, weder die ungebundene Beweglichkeit des Körpers, noch die Wärme des Herzens oder den Enthusiasmus der Jugend.
Es war so ein junger Herr, der in allen, die ihm nahe kamen, nur tief unter ihm Stehende sah, dem dasMitgefühl für die Armuth abging, der zwar in allen Zweigen des Sports – dem Reiten, Jagen, Wettrennen, dem Croquett und Lawn-Tennis – schon recht bewandert, sonst aber erschreckend unwissend war, trotz des halben Dutzends von Hauslehrern, die sich vergeblich mit ihm abgemüht hatten.
Die Zahl solcher jungen Gentlemen von hoher Geburt, die trotz ihrer Distinguirtheit später als klägliche Schwachköpfe durchs Leben wandern, zeigt zwar entschieden Neigung zur Abnahme. Noch giebt es deren aber genug, und der Graf Ashton Piborne gehörte unzweifelhaft zu dieser Sorte.
Er hörte jetzt von dem Verluste des Portefeuilles und erinnerte sich, daß Mylord, sein Vater, dasselbe in der Hand gehabt hatte, als er aus dem Hause des Sachverwalters zurückkam, und daß er es bei der Abfahrt von Newmarket nicht in die Tasche gesteckt, sondern hinter sich auf den Wagensitz gelegt habe.
»Sind Sie Ihrer Sache sicher, Graf Ashton? fragte die Marquise.
– Ja, Milady, und ich glaube nicht, daß das Portefeuille habe aus dem Wagen fallen können.
– Dann hätte es sich also, meinte Lord Piborne, noch darin befinden müssen, als wir am Schlosse wieder eintrafen.
– Und man kommt zu dem Schlusse, daß es einer der Diener unterschlagen hat,« setzte Lady Piborne hinzu.
Dieser Ansicht war natürlich auch Graf Ashton. Er hatte gar kein Vertrauen zu solchen »Kerlen«, die immer spionieren, wenn sie nicht gar stehlen – und beides meist zusammen thun – die man das Recht haben sollte, wie einst die Leibeigenen Großbritanniens,nach Belieben auszupeitschen. Woher er etwas von »Leibeignen in Großbritannien« gehört hatte, das mochte der Himmel wissen. Er beklagte nur, daß der Marquis und die Marquise ihm keinen eignen Kammerdiener oder wenigstens einen Groom zugetheilt hatten, der würde schon die Hand des Herren zu fühlen bekommen haben u. s. w.
Das hieß rein herausgesprochen, und um eine solche Sprache zu führen, mußte man das blaue Blut der Piborne in den Adern haben.
Die Verhandlung lief also darauf hinaus, daß das Portefeuille gestohlen, und zwar von einem der Diener gestohlen sein werde, daß darüber eine Untersuchung angestellt und jeder, auf dem der geringste Verdacht haften bleibe, sofort der Polizei überwiesen werden müsse, da dem Lord Piborne das Recht der hohen und niedern Gerichtsbarkeit abging.
Der Graf Ashton drückte also auf den Knopf der Klingel, und wenige Augenblicke später erschien der Schloßverwalter vor ihren Herrlichkeiten.
Dieser Herr Scarlett, der Intendant des Lord Piborne, war der richtige Scheinheilige, eine schmeichlerische, katzenbuckelnde Persönlichkeit, der immer den grundehrlichen Mann spielte und von der Dienerschaft des Hauses bestens gehaßt wurde, da er seine Untergebenen zwar ohne Aufbrausen und Anmaßung, doch im Grunde schlecht behandelte.
Vor dem Marquis, der Marquise und dem Grafen Ashton erschien er die Unterwürfigkeit selbst, wie der niedrigste Kirchendiener vor dem ersten Geistlichen einer Parochie.
Jetzt erzählte man ihm den Vorfall. Das Portefeuille war ohne Zweifel auf ein Sitzpolster imWagen gelegt worden, wo es sich doch hätte wiederfinden müssen.
Das war auch die Meinung Scarlett's, schon weil es die des Lord und der Lady Piborne war. Bei der Rückkehr des Wagens hatte er, der sich in respectvoller Entfernung von dessen Thür hielt, bei der Dunkelheit natürlich nicht sehen können, ob das Portefeuille an der vom Marquis bezeichneten Stelle lag.
Wenn Scarlett auch der Gedanken kam, die Brieftasche hätte auf die Landstraße hinaus gefallen sein können, so hütete er sich doch, das auszusprechen, da auf den Lord Piborne damit der Vorwurf der Unachtsamkeit gefallen wäre; er begnügte sich vielmehr mit der Bemerkung, daß das Portefeuille selbstverständlich hochwichtige Schriftstücke enthalten haben werde, und zwar schon deshalb, weil es die Ehre hatte, einer so vornehmen, wichtigen Persönlichkeit, wie dem Schloßherrn, zu gehören.
»Es liegt auf der Hand, versicherte dieser, daß hier eine Fundunterschlagung stattgefunden hat...
– Sagen wir gleich: ein Diebstahl, wenn Eure Herrlichkeit gestatten.
– Jawohl, ein Diebstahl, Herr Scarlett, und zwar einer, bei dem es sich nicht allein um eine nicht unbeträchtliche Geldsumme, sondern auch um Schriftstücke handelt, die alte Rechte unsrer Familie gegenüber dem Kirchspiele nachweisen.«
Wer die Physiognomie des Verwalters nicht gesehen hat, bei dem Gedanken, daß das Kirchspiel sich unterfange, überhaupt ein Recht gegen das vornehme Haus der Piborne geltend zu manchen – eine Unverschämtheit, die zur Zeit, wo Familienprivilegien noch geachtet wurden, ganz unmöglich gewesen wäre – nein,wer die Indignation des Herrn Scarlett nicht beobachtet hat, das Zittern seiner halb zum Himmel erhobnen Hände und seine auf die Erde gesenkten Blicke, der vermag sich gar keine Vorstellung zu machen, bis zu welchem Grade so ein Mucker seine heuchlerischen Grimassen zu vervollkommnen vermag.
»Doch wenn ein Diebstahl ausgeführt worden ist... sagte er endlich.
– Wie... nurwenner ausgeführt worden wäre? fiel die Marquise näselnden Tones ein.
– Verzeihen Ihre Herrlichkeit, beeilte sich der Verwalter hinzuzusetzen, ich wollte sagen, da ein solcher vorliegt, so kann er ja nur...
– Durch einen unsrer Leute begangen worden sein! fiel ihm Graf Ashton ins Wort und fuchtelte dazu, ganz nach Feudalherrenart, mit der in der Hand gehaltenen Reitgerte.
– Herr Scarlett, nahm Lord Piborne wieder das Wort, wird untersuchen, den oder die Schuldigen zu entdecken und mittelst Affidavits[1]die Intervention des Gerichtes herbeizuführen, da es einem nicht einmal mehr auf eignem Grund und Boden gestattet ist, selbst Gerechtigkeit zu üben.
– Und wenn meine Ermittelungen zu keinem Ziele führen, fragte der Verwalter, was gedenken Eure Herrlichkeit dann zu thun?
– Dann wird die gesammte Dienerschaft verabschiedet, Herr Scarlett; hören Sie? Alle Leute!«
Nach dieser Entscheidung zog sich der Verwalter zurück, worauf auch die Marquise wieder ihre Gemächeraufsuchte und der Graf Ashton sich zu seinen Hunden im Park zurückbegab.
Scarlett mußte sich sofort mit der ihm übertragnen Aufgabe befassen, obgleich er nicht zweifelte, daß das Portefeuille während der Fahrt von Newmarket nach dem Schlosse aus dem Wagen gefallen sein werde. Da seine Herrschaft aber einmal die Constatierung eines Diebstahls verlangte, so wollte er das thun... daß er einen Dieb entdeckte, so wollte er einen solchen ermitteln, und hätte er auch einen beliebigen Diener durch Auslosung bestimmen sollen.
Nun mußten Lakeien, Kammerdiener und Kammerfrauen, der Küchenchef, die Kutscher und die Stallburschen vor dem gestrengen Schloßverwalter erscheinen. Natürlich betheuerten alle ihre Unschuld, und obwohl Scarlett sich über die Angelegenheit schon seine Ansicht gebildet hatte, ersparte er den Leuten doch nicht die verletzendsten Vorwürfe und drohte, sie der Polizei auszuliefern, wenn das Portefeuille nicht wieder zum Vorschein käme. Es war ja nicht allein eine Summe von hundert Pfund Sterling entwendet worden, sondern der oder die Diebe hatten auch Documente unterschlagen, die die Rechte des Lord Piborne in einem schwebenden Processe nachwiesen. Wie leicht konnte es ja einem der Leute einfallen, seinen Herrn zu Gunsten des Kirchspiels benachtheiligen zu wollen! Vielleicht wurde dieser gar bezahlt. Nun, wenn es gelang, die Hand auf den Uebelthäter zu legen, so durfte dieser auf eine Spazierfahrt nach den Strafanstalten der Insel Norfolk rechnen, denn Lord Piborne war mächtig genug, und einen so großen Herrn zu bestehlen galt etwa ebenso viel, als sich am Besitzthum eines Mitglieds des Königshauses zu vergreifen.
Scarlett stellte das allen, die er wegen der Sache ausfragte, eindringlich vor. Leider wollte sich keiner zu dem Geständniß, der Urheber des Verbrechens zu sein, herbeilassen, und nach Beendigung der hochnothpeinlichen Befragung beeilte sich der Schloßverwalter, dem Lord von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen Kenntniß zu geben.
»Die Leute stecken untereinerDecke, erklärte der Marquis, und wer weiß, ob sie den Raub nicht unter sich getheilt haben.
– Ich glaube, daß Eure Herrlichkeit damit Recht haben, erwiderte Scarlett. Auf alle an die Dienerschaft gerichteten Fragen erhielt ich auch ganz gleichlautende Antworten, ein hinlänglicher Beweis, daß die Leute sich untereinander verstehen.
– Haben Sie auch ihre Stuben, ihre Schränke und Koffer durchsucht, Scarlett?
– Noch nicht. Eure Herrlichkeit werden einsehen, daß ich das mit Erfolg nur in Gegenwart eines Polizeibeamten vornehmen kann.
– Das ist richtig, bestätigte Lord Piborne. Schicken Sie jemand nach Kanturk... oder besser, verfügen Sie sich selbst dahin. Natürlich darf keiner vor Beendigung der Untersuchung das Schloß verlassen.
– Die Befehle Eurer Herrlichkeit werden ausgeführt werden.
– Der Polizeibeamte soll nicht versäumen, einige Leute mitzubringen, Scarlett...
– Ich werde ihm den Wunsch Eurer Herrlichkeit kund thun und er wird nicht verfehlen, diesem nachzukommen.
– Sie werden auch meinen Sachverwalter, Herrn Laird in Newmarket, benachrichtigen, daß ich mit ihmüber diesen Vorfall sprechen muß und ihn schleunigst hier zu sehen wüsche.
– Noch heute soll er die Mittheilung erhalten....
– Wann brechen Sie auf?
– Sofort, ich denke, noch vor dem Abend zurück zu sein.
– Gut.«
Das Erzählte spielte sich am Morgen des 29. April ab. Ohne jemand zu sagen, was er in Kanturk vorhabe, ließ sich Scarlett eines der besten Pferde aus dem Stalle satteln und wollte schon aufsitzen, als am Wirthschaftsthore, nahe dem Wächterhause, eine Glocke ertönte.
Ein Flügel des Thores öffnete sich, und davor stand ein Kind von etwa zehn Jahren.
Es war Findling.
In der Provinz Munster liegt die Grafschaft Cork, die mit denen von Limerick und Kerry zusammenstößt. Sie erfüllt deren südlichen Theil zwischen der Bai von Bantry und Youghal-Haven. Ihre Hauptstadt ist Cork, und der wichtigste Hafenplatz der von Queenstown, an der gleichnamigen Bucht und einem der belebtesten Häfen von ganz Irland.
Die Grafschaft durchschneiden verschiedene Eisenbahnlinien; die eine erstreckt sich über Mallow und Killarney bis nach Tralee. Oberhalb derselben, an dem Theile der Linie, die etwa längs des Blackwaterflussesverläuft, und sechs Kilometer südlich von Newmarket, liegt der Flecken Kanturk, zwei Meilen von diesem aber das Schloß Trelingar.
Dieser prächtige Großgrundbesitz gehört der alten Familie der Pibornes. Er umfaßt eine geschlossene Fläche von hunderttausend Acres (40.000 Hektaren) besten Bodens mit fünf- bis sechshundert Farmen, deren Ausbeutung dem Landlord die höchsten Einkünfte in der ganzen Umgegend sichert. Der Marquis von Piborne ist also schon hierdurch sehr reich, ohne von den andern Einnahmen zu reden, die ihm die Besitzthümer der Marquise in Schottland zuführen. Ueberhaupt wird sein Vermögen als eines der größten im ganzen Lande angesehen.
Wenn der Lord Rockingham sein Grundeigenthum in der Grafschaft Kerry niemals besucht hatte, so konnte man den Lord Piborne dagegen des verhaßten »Absentismus« nicht beschuldigen. Nach vier- bis fünfmonatigem Aufenthalt in Edinburg oder London, bewohnte er vom April bis zum November stets sein Trelingar-castle.
Ein Grundbesitz von so großer Ausdehnung bedingt selbstverständlich auch sehr viele Pächter. Die ackerbauende Bevölkerung, die auf den Ländereien des Marquis lebte, hätte ein recht ansehnliches Dorf bilden können. Waren die Bauern von Trelingar-castle auch nicht von einem John Eldon für Rechnung des Herzogs von Rockingham bedrückt, und wurden sie nicht von einem Harbert für Rechnung eines John Eldon ausgesaugt, so darf man daraus noch nicht schließen, daß sie sich einer besseren Behandlung erfreuten. Hier gab man sich nur den Anschein größerer Milde. Der Verwalter hielt streng auf die pünktliche Abführungder Pachtzinsen und vertrieb sie auch aus ihren Gehöften; er that das aber auf seine Art, er drückte ihnen sein Mitleid aus, beklagte sie, bekümmerte sich bei dem Gedanken, was ohne Obdach und Lebensunterhalt aus ihnen werden sollte, versicherte auch, daß solche Austreibungen seinem Herrn das Herz brächen... verjagt wurden die armen Leute aber doch, und höchst wahrscheinlich empfanden sie es als keinen besondern Trost, daß Seine Herrlichkeit darum trauerte.
Das zur Zeit der Stuarts erbaute Schloß war gegen dreihundert Jahre alt, es reichte also nicht bis zur Epoche der Plantagenet's zurück, worauf die Piborne's so stolz waren.
Der gegenwärtige Besitzer hatte das Aeußere des Bauwerks neu herstellen lassen, um ihm mehr das Aussehen eines Feudalsitzes zu verleihen. Da waren Zinnen angebracht, Spitzthürmchen und Wachthäuschen errichtet und über einen Graben eine Zugbrücke, die nie aufgezogen, und ein Fallgatter, das nie herabgelassen wurde.
Das Innere enthielt sehr geräumige Gemächer mit mehr Comfort, als ihn die Zeiten Eduards IV. oder Johanns ohne Land zu bieten pflegten. Diese verborgene Stilwidrigkeit entsprach freilich den Bedürfnissen der verwöhnten Schloßbewohner.
An den Seiten des Schlosses erhoben sich die Communs (Dienerwohnungen) und Nebengebäude, Ställe, Wagenschuppen und Wirthschaftsräume. Davor lag ein weiter Ehrenhof mit prächtigen Buchen, nach außen zu abgeschlossen von zwei Pavillons neben einem verzierten Gitterthore, von denen der eine dem Portier als Wohnung diente.
Am Thore dieses Pavillons hatte unser junger Held grade die Glocke gezogen, als es sich öffnete, um den Verwalter Scarlett hinausreiten zu lassen.
Ungefähr vier Monate waren seit dem unvergeßlichen Tage verstrichen, wo das Adoptivkind der Familie Mac Carthy die Farm von Kerwan verlassen hatte. Wenige Zeilen werden hinreichen, zu berichten, wie es ihm in diesem Zeitraum ergangen war.
Als Findling gegen fünf Uhr abends von dem zerstörten Hause wegging, wurde es schon langsam finster. Da er Martin und den Seinigen auf der Straße von Tralee nicht begegnet war, kam ihm zunächst der Gedanke, sich nach Limerick zu begeben, wohin die Gefangenen von den Polizisten ohne Zweifel abgeführt worden waren. Ihm erschien es als heilige Pflicht, die Familie Mac Carthy wieder aufzusuchen und auf jeden Fall deren Loos zu theilen. Ja, wenn er schon groß gewesen wäre, um mit seiner Hände Arbeit etwas zu verdienen! Gewiß würde er sich gerührt und keine Mühe gescheut haben... doch was konnte er, der erst Zehnjährige erhoffen? Später, wenn er einmal einen guten Gehalt bezog, sollte dieser für seine Adoptiveltern verwendet werden, und noch später, wenn er sein Glück gemacht hätte – und daran zweifelte er gar nicht – wollte er jenen alles bieten und das Wohlwollen mit Zinsen heimzahlen, das ihm in der Farm von Kerwan entgegengebracht worden war.
Jetzt, auf dieser verlassenen Straße freilich, inmitten einer vom schlimmsten Elend heimgesuchten Gegend, die von denen verlassen war, welche sie nicht zu ernähren vermochte, und verloren in der kalten Finsterniß fühlte sich Findling vereinsamter als je zuvor. In seinem Alter ist es ja selten, daß Kinder nicht durchirgend ein Band gehalten werden, das sie entweder mit einer Familie verknüpft oder an eine öffentliche Anstalt fesselt, die sie aufnimmt und erzieht. Der Knabe aber war ja nichts anders als ein abgerissenes und auf die Landstraße verwehtes Blatt, das vom Winde hin und her getrieben wird, bis es zu Staub zerfällt. Niemand, niemand gab es, der sich seiner mitleidig angenommen hätte. Wenn er die Mac Carthy's nicht wiederfand, wußte er vorläufig nicht, was aus ihm werden sollte, oder doch fehlte ihm auch jeder Anhalt, wo er jene suchen, ja nur nach ihrem Verbleib fragen könnte. Waren sie nicht verhaftet worden, so hatten sie sich wohl gar, wie so viele ihrer Landsleute, entschlossen, nach der Neuen Welt auszuwandern, und dann...
Der Knabe wollte also, quer durch das schneebedeckte Land, nach Limerick wandern. Die Lufttemperatur wäre jetzt kaum zu ertragen gewesen, wenn etwa ein scharfer Wind geweht hätte. Die Atmosphäre war aber still und jeder Laut von weither hörbar. So legte er, ohne einer lebenden Seele zu begegnen, zwei Meilen ganz aufs Geradewohl zurück, denn er hatte sich noch nie in diesen von den ersten Ausläufern der Berge berührten Theil der Grafschaft gewagt. Vor ihm verliehen die dichten Tannenwälder dem Horizont einen noch dunkleren Rahmen.
Von seiner Wanderung nach Tralee und zurück bereits stark angegriffen, fühlte Findling jetzt, daß ihn die Kräfte verließen. Die Beine zitterten ihm und die Füße knickten ihm in den Gelenken. Dennoch wollte er auf keinen Fall Halt machen, und so gelang es ihm mit Mühe, sich noch eine halbe Meile weit fortzuschleppen. Nach dieser letzten Anstrengung aber sank er an einem Abhange mit großen Bäumen zusammen,deren Zweige sich unter der Last des Rauhfrostes beugten.
Hier kreuzten sich zwei Landstraßen, so daß Findling, wenn er sich wieder zu erheben im Stande gewesen wäre, nicht gewußt hätte, welcher davon er folgen sollte. Auf dem Schnee ausgestreckt und mit erstarrten Gliedern, konnte er, als schon seine Augen sich schließen wollten und er das Bewußtsein für seine Lage halb verlor, nur noch einmal rufen:
»Zu Hilfe!... Zu Hilfe!«
Fast gleichzeitig erschallte ein entferntes Gebell in der trocknen kalten Nachtluft. Dann kam es näher und an der nächsten Straßenbiegung tauchte ein Hund auf, der mit gesenkter Nase, hängendem Schwanze und mit Augen, die wie solche von Katzen erglänzten, den Boden beschnüffelnd einhertrabte.
Mit wenigen Sprüngen stand das Thier neben dem Kinde... doch nicht um diesem ein Leid zuzufügen, sondern um es zu erwärmen, indem sich der Hund an dessen Seite ausstreckte.
Findling bekam sofort seine Besinnung wieder. Er schlug die Augen auf und fühlte, daß eine warme, liebkosende Zunge ihm die Hand leckte.
»Birk!« murmelte er.
Birk war es, sein einziger Freund, sein treuer Begleiter in der Farm von Kerwan.
Wie gab der Knabe ihm seine Liebkosungen zurück, während er sich die Hände zwischen seinen Pfoten wärmte. Das flößte ihm neuen Muth ein. Er sagte sich, daß er auf der Erde doch nicht allein sei. Jetzt wollten beide die Aufsuchung der Familie Mac Carthy vornehmen. Ohne Zweifel hatte Birk diese nach der Austreibung begleitet und zurückgekehrt war er jedenfallsnur, weil ihn die Häscher und die Polizisten wohl mit Steinwürfen und Stockschlägen verjagt hatten. So war es in der That gewesen, und Birk, der herzlos verscheucht wurde, hatte nach der Farm zu zurücktrotten müssen. Jetzt würde er ja auch jede Spur der Polizisten wiederfinden und Findling konnte sich wohl auf den Instinct des Thieres verlassen, von diesem zur Familie Mac Carthy geleitet zu werden.
Er begann also mit Birk zu plaudern, wie er das in den langen Stunden auf der Weide bei Kerwan zu thun pflegte. Birk antwortete ihm in seiner Weise durch ein kurzes Bellen, das Findling leicht genug verstand.
»Nun vorwärts, mein getreuer Birk, vorwärts!«
Sofort lenkte das Thier nach der einen Straße ein, wo es seinem jungen Herrn vorauslief.
Nun traf es sich aber, daß Birk, eingedenk der erlittenen Mißhandlung, den Weg nach Limerick nicht einschlug. Er folgte vielmehr dem, der an der Grenze der Grafschaft Kerry hin und nach Newmarket in der Grafschaft Cork führt. Unbewußt entfernte sich Findling damit von der Familie Mac Carthy weiter, und als der Tag graute, machte er, erschöpft und von Hunger geplagt, Rast, um sich in einem Gasthause, ein Dutzend Meilen südöstlich von der Farm, zu stärken und zu erquicken.
Außer seinem Wäschepacket besaß Findling, wie sich der Leser erinnern wird, noch den Rest der bei dem Apotheker in Tralee gewechselten Guinee... die große Summe von ganzen fünfzehn Schillingen. Damit kommt man freilich nicht weit, wenn zwei zu ernähren sind, selbst wenn man sich auf das nothwendigste beschränkt und täglich nur einige Pence ausgiebt. Das beobachteteder Knabe auch, und nach vierundzwanzigstündigem Aufenthalt in dem Gasthofe, wo ihm ein Heuboden als Schlafraum und Kartoffeln als Speise dienten, machte er sich mit Birk wieder auf den Weg.
Auf seine Fragen nach den Mac Carthy's hatte der Gastwirth erklärt, daß ihm keine Familie dieses Namens bekannt sei. Austreibungen waren in diesem schlimmen Winter auch so häufig vorgekommen, daß sich die öffentliche Aufmerksamkeit diesen traurigen Ereignissen gar nicht mehr zuwandte.
Findling marschierte immer hinter Birk in der Richtung nach Newmarket weiter.
Wie er fünf lange Wochen, bis zum Eintreffen in diesem Flecken verbrachte, kann man sich wohl vorstellen. Niemals streckte er die Hand aus! Sein natürlicher Stolz und das Gefühl eigner Würde waren auch bei diesen neuen Prüfungen nicht erlahmt. Manche weichherzigen Leute, die das hilflose Kind dauerte, hatten ihm wohl ein größeres Stück Brod oder Speck u. dgl. gegeben, wenn er sich in den Gasthäusern versorgte und mit einem Penny bezahlte, was eigentlich das doppelte kostete – doch das ist immer noch nicht gebettelt. Dabei theilte er alles mit Birk, indem die beiden in Scheunen schliefen, sich ins Heu verkrochen und Hunger und Durst zusammen litten, um von der Guinee so wenig als möglich auszugeben....
Zuweilen blühte ihm auch das Glück, denn wiederholt erhielt Findling eine kleine Beschäftigung. Vierzehn Tage verweilte er z. B. in einer Farm in Vertretung des abwesenden Schäfers. Wohl erhielt er keinen Lohn, fand dabei aber doch für sich und Birk Obdach und Nahrung. Nach vollendeter Arbeit zog er weiter. Einige Aufträge, die er zwischen einem Dorfeund dem andern ausrichtete, brachten ihm auch ein paar Schillinge ein. Zum Unglück fand er nur keine dauernde Beschäftigung, denn es war die schlechte Jahreszeit, wo leider so viele rüstigere Arme feiern müssen, und grade in diesem Winter war das Elend schlimmer als sonst.
Findling hatte übrigens noch keineswegs darauf verzichtet, mit der Familie Mac Carthy wieder zusammenzutreffen, obwohl seine Erkundigungen nach ihr immer erfolglos blieben und er bei seinem Weiterwandern auf gut Glück nicht einmal wußte, ob er sich seinen Freunden näherte oder nicht. Nur die eine Hoffnung verließ ihn nicht, daß er in einer Stadt, in einer wirklichen Stadt, die gewünschte Auskunft erhalten werde.
Dabei drückte ihn die Sorge, daß er in seinem Alter so ganz allein auf der Landstraße gefunden, vielleicht als Vagabund verhaftet und noch einmal in dieRagged-Schooloder in ein Arbeitshaus eingeliefert werden könnte. Lieber wollte er alles Ungemach weiterer Irrfahrten ertragen, als in eines dieser verhaßten Asyle zurückkehren, wobei er sich ja auch von dem anhänglichen Birk hätte trennen müssen.
»Nicht wahr, Birk, sagte er, den mächtigen Kopf des Hundes auf seine Knie legend, wir könnten doch keiner ohne den andern leben?«
Gewiß antwortete der Hund in seiner Weise, daß das unmöglich sei.
Von Birk wendeten sich seine Gedanken dann seinem früheren Kameraden von Galway zu und er fragte sich, ob Grip jetzt wohl auch obdachlos sei wie er. Ja, wenn sie einander begegnet wären, hätten sie zu zweien sich sicherlich eher fortzuhelfen vermocht...sogar zu dreien; er gedachte damit der guten Sissy, von der er seit seiner Flucht aus der Hütte der Hard gar nichts gehört hatte. Jetzt mußte sie – mit vierzehn bis fünfzehn Jahren – doch schon ein großes Mädchen sein. In diesem Alter ist man hier schon in Stellung, im Dorf oder in der Stadt, und verdient sein Brod zwar sauer, verdient es aber doch. Wenn er erst so alt wäre, würde er nicht darum verlegen sein, eine Stelle zu finden. Jedenfalls würde ihn Sissy nicht vergessen haben. Alle Erinnerungen aus seiner ersten Kindheit tauchten mit überraschender Schärfe in ihm auf: die schlechte Behandlung durch das böse Weib, die Grausamkeiten Thornpipe's, des Puppenschaustellers.... Da fühlte er sich jetzt frei, wenn auch allein, doch weit glücklicher, als zu jenen traurigen Zeiten!
Immer weiter auf der Landstraße hinziehend, verflossen die Tage ohne besondre Veränderung seiner Lage. Zum Glück war der Februar dieses Jahres nicht so hart, und die Armen brauchten von keiner übermäßigen Kälte zu leiden. Der entschwindende Winter ließ die Hoffnung aufkommen, daß der Beginn der Arbeiten und der Frühlingseinsaat nicht verzögert werden würde. Fingen dann die Feldarbeiten zeitig an, so wurden auch Schafe und Kühe wieder auf die Weide getrieben und Findling durfte hoffen, in einer Farm Beschäftigung zu finden.
Fünf bis sechs Wochen lang mußte er freilich noch hinbringen, und von den gelegentlich erworbenen wenigen Schillingen, so wie von der Guinee – dem ganzen Vermögen des Knaben – waren gegen Mitte März nur noch ein halbes Dutzend Pence übrig. Dabei hatte er an der täglichen Nahrung – und er aß nicht einmal alle Tage – so viel wie möglich gespart,jedenfalls sich nie ordentlich satt gegessen. So war er abgemagert, sein Gesicht erbleicht und der Körper von der Anstrengung erschöpft.
Birk, dessen Fell sich über den hervortretenden Seiten faltete, schien auch nicht in besserer Verfassung zu sein. Auf die in Dörfern gewöhnlich kargen Abfälle hingewiesen, mußte Findling vielleicht bald auch diese mit dem Thiere theilen.
Dennoch schützte ihn sein Charakter davor, ganz zu verzweifeln. Er bewahrte sich stets die Energie, wenigstens nicht zu betteln. Was sollte er aber beginnen, wenn sein letzter Penny für das letzte Stück Brod dahingegangen war?
Kurz, Findling besaß nur noch sechs bis sieben Pence, als er mit Birk am 13. März in Newmarket anlangte.
Seit zweieinhalb Monaten hatten beide die Straßen der Grafschaft durchstreift, ohne irgendwo eine dauerndere Ruhe zu finden.
Newmarket, etwa zwanzig Meilen von Kerwan gelegen, ist weder groß noch volkreich. Es bildet einen jener Flecken, aus denen die irländische Gleichgiltigkeit niemals eine Stadt schaffen wird und die eher rückwärts als vorwärts gehen.
Vielleicht war es bedauerlich, daß der Zufall Findling nicht in der Richtung nach Tralee zurückgeführt hatte; das Meer übte ja von jeher auf den Knaben einen mächtigen Reiz aus – das Meer, die unerschöpfliche Nährmutter aller, die den Muth haben, darauf und davon zu leben. Wenn es an Arbeit in Stadt und Land gebricht, feiert man doch niemals auf dem Ocean, den Tausende von Schiffen unausgesetzt durchkreuzen. Der Seemann hat weit weniger die Verarmung zufürchten als der Landbauer und der Arbeiter. Das bewies ja schon ein Vergleich der Verhältnisse Pats, des zweiten Sohnes Martin Mac Carthy's, mit denen der aus der Farm von Kerwan vertriebenen Familie. Und wenn Findling sich auch noch mehr von der Handelsthätigkeit als von der Seefahrerei angezogen fühlte, sagte er sich doch, daß er schon das Alter habe, wo er als Schiffsjunge an Bord eines Seglers gehen könnte.
Deshalb sagte er sich auch, daß er über Newmarket hinaus wandern und sich in der Richtung nach Cork zu der Küste zuwenden wollte. In Cork, einem Platze mit sehr lebhaftem Seeverkehr, gedachte er Unterkommen auf einem Schiffe zu suchen. Inzwischen mußte er jedoch leben, mußte die zur Fortsetzung seiner Reise nöthigen wenigen Schillinge erwerben; doch fünf Wochen nach seinem Eintreffen in Newmarket befand er sich mit Birk noch immer dort.
Wie erwähnt, fürchtete er sich vor allem, als Landstreicher verhaftet und in irgend eine Wohlthätigkeitsanstalt gesteckt zu werden. Zum Glück war seine Kleidung noch in recht gutem Zustande, so daß er kaum wie ein kleiner Armer aussah. Sein geringer Vorrath an Wäsche genügte ihm; auch die Schuhe hatten die Strapazen des langen Weges ausgehalten. Wegen seiner äußern Erscheinung brauchte er also nicht zu erröthen, wenn er sich irgendwo zeigte, und der öffentlichen Armenpflege hoffte er auch nicht zur Last zu fallen.
So erwarb er sich seinen Lebensunterhalt in Newmarket durch allerlei Kindern zugängliche Beschäftigungen; er übernahm Botschaften für den oder jenen, beförderte leichtere Packete und verkaufte schachtelweise Streichhölzchen, die er für eine, eines Tags verdiente halbeKrone einkaufte und Dank seinem frühentwickelten Instinct für den Handel mit leidlichem Nutzen absetzte. Seine ernsten Züge machten ihn interessant, und gern kauften ihm Spaziergänger von seiner Waare ab, wenn er mit heller Stimme rief:
»Some light, sir... some light!«[2]
Alles in allem hatten Birk und er in diesem kleinen Orte weniger zu leiden, als vorher beim Wandern durch die Grafschaft. Es schien sogar, als sollte Findling, der sich durch Intelligenz einige Hilfsquellen eröffnet hatte, dauernd in Newmarket bleiben, als er in den letzten Tagen des April, am 29., plötzlich den Weg nach Cork einschlug.
Natürlich begleitete Birk den Knaben, der genau gezählt drei Schillinge und sechs Pence in der Tasche hatte.
Wer ihn seit dem Vortage beobachtet hätte, dem hätte eine gewisse Veränderung in seinem Gesicht nicht entgehen können. Von seltsamer Angst erfaßt, blickte er scheu um sich, als fürchte er, daß jemand ihm auflauere. Sein Schritt war schnell, und es fehlte nicht viel, so wäre er gelaufen, was ihn die Beine tragen konnten.
Es schlug die neunte Morgenstunde, als er an den letzten Häusern von Newmarket vorüberkam. Die Sonne glänzte hell am Himmel. Mit dem Ende des April fängt auf dem Grünen Erin der Frühling an. Schon regte es sich da und dort auf den Feldern. Der Knabe war jedoch so von seinen Gedanken eingenommen, daß weder der Pflug, der den Erdboden aufbrach, nochdie Säemänner, die die Körner in geschicktem Wurfe ausbreiteten, oder die auf den Weiden grasenden Thiere in ihm eine Erinnerung an Kerwan erweckten. Er ging immer gerade aus. Birk an seiner Seite warf ihm einen fragenden Blick zu, und diesmal war es nicht der Hund, der seinen Herrn führte.
Sechs bis sieben Meilen zwischen Newmarket und Kanturk wurden in zwei Stunden zurückgelegt. Findling durchwanderte mehrere Ortschaften, ohne sich Zeit zum Ausruhen zu gönnen, da er unterwegs ein Stück Brod verzehrte, von dem der treue Birk die Hälfte abbekam, und als er stehen blieb, da schlug die Uhr auf dem Wartthurm von Trelingar-castle gerade die Mittagsstunde.
Als das Thor neben dem Pavillon sich aufthat, wollte der Verwalter Scarlett eben den Ehrenhof verlassen, um sich entsprechend dem Befehle des Schloßherrn nach Kanturk zu begeben. Die Hunde des Grafen Ashton, die Birk, der ihnen offenbar nicht gefiel, wittern mochten, fingen wüthend an zu bellen.
Da Findling fürchtete, daß sich hier eine Katzbalgerei entwickeln könnte, bei der Birk doch eine zu große Uebermacht gegen sich gehabt hätte, gab er diesem ein Zeichen, sich zu entfernen, und das gehorsame Thier verschwand hinter einem Busche, wo es nicht bemerkt werden konnte.
Als Scarlett den auf das Thor zuschreitenden Knaben bemerkte, rief er ihn heran.
»Was willst Du hier?« fragte er mit barscher Stimme.
Wenn der Verwalter sich nämlich kriechend unterwürfig gegen alle Vornehmen zeigte, so verleugnete er doch gegen niedriger Stehende, und vorzüglich gegen Kinder, niemals seine brutale Natur.
Seine Aufgeblasenheit konnte unsern jungen Helden freilich nicht schrecken. Er hatte noch weit härtere Anreden bei der Hard, von Thornpipe und in der Lumpenschule hinnehmen müssen. Wie es sich schickte, entblößte er den Kopf, als er auf Scarlett zuging, den er übrigens gleich nicht für Seine Herrlichkeit den Lord Piborne, den Schloßherrn von Trelingar, ansah.
»Wirst Du wohl sagen, was Du hier willst? herrschte ihn Scarlett noch einmal an. Bettelst Du um eine Gabe, dann mach' daß Du fortkommst. Kleine Herumtreiber wie Du erhalten hier nichts, nicht einmal einen Copper!«
Das waren recht unnütze Worte, vor denen Findling zu gar keiner Antwort kommen konnte, zumal er sich immer vor dem etwas unruhigen Pferde des Verwalters in Acht nehmen mußte. Gleichzeitig tobten die Hunde knurrend und bellend im Hofe umher. Das machte einen Lärm, der jede Verständigung erschwerte.
Scarlett mußte auch noch lauter sprechen, als er hinzufügte:
»Wenn Du jetzt nicht Deiner Wege gehst und ich Dich noch einmal in der Nähe des Schlosses erwische, dann führ' ich Dich an den Ohren nach Kanturk, wo im Arbeitshause für einen solchen Burschen schon noch Platz ist!«
Findling ließ sich weder durch solche Drohungen, noch durch den Ton, in dem sie ausgestoßen wurden, einschüchtern. Als es aber einmal ruhiger war, antwortete er:
»Ich verlange kein Almosen und habe nie darum gebettelt!
– Und Du würdest auch keines annehmen, he? erwiderte Scarlett ironisch.
– Nein... von niemand.
– Was willst Du denn sonst hier?
– Ich wünsche den Lord Piborne zu sprechen.
– Seine Herrlichkeit selbst?
– Ja, Seine Herrlichkeit persönlich.
– Und Du bildest Dir ein, daß er Dich vorlassen wird?...
– Gewiß, denn es handelt sich um eine für den Lord Piborne sehr wichtige Sache.
– Eine sehr wichtige Sache?...
– Ja wohl, mein Herr.
– Und was beträfe denn diese?
– Das möchte ich dem Lord Piborne nur allein mittheilen.
– Dann hinaus!... Der Marquis ist nicht im Schlosse.
– O, so werde ich warten.
– Doch wenigstens nicht hier auf der Stelle.
– Gut, so komm' ich noch einmal wieder.«
Jeder andre als der häßliche Scarlett wäre von der auffallenden Zähigkeit, von den so bestimmten Antworten dieses Kindes betroffen gewesen. Jeder hätte sich gesagt, daß den Kleinen gewiß ein ganz besondrer Grund nach dem Schlosse getrieben habe, und hätteihn aufmerksam angehört. Der Verwalter kam dadurch jedoch nur noch mehr »in die Wolle« und knurrte:
»So ohne Umstände spricht man nicht mit Seiner Herrlichkeit Lord Piborne. Ich bin der Intendant des Schlosses. Wer hier etwas will, hat sich an mich zu wenden, und Du weigerst Dich sogar zu sagen, was Dich herführte....
– Das kann ich niemand als dem Lord Piborne sagen, und ich bitte Sie, mich ihm zu melden!
– Dich Galgenstrick? versetzte Scarlett, die Reitgerte schwingend, jetzt packe Dich zum Teufel oder die Hunde sollen Dir in die Beine fahren!... Nimm Dich in Acht!«
Die polternde Stimme des Verwalters reizte die Hunde zu neuem Gekläff.
Findling fürchtete immer nur, daß Birk aus dem Gebüsch vorbrechen und ihm zu Hilfe kommen könnte, was der Sachlage eine noch üblere Wendung gegeben hätte.
Auf das immer tollere Bellen der Hunde hin erschien jetzt Graf Ashton auf dem Hofe und kam auf das Gitterthor zu.
»Was giebt's denn hier? fragte er.
– O, einen Jungen, der betteln will....
– Ich bin kein Bettler! wiederholte Findling.
– Aber ein frecher kleiner Landstreicher...
– Pack' Dich fort, Schlingel, oder ich stehe nicht mehr für meine Hunde ein!« rief der Graf Ashton.
Die Thiere, die der junge Piborne jetzt noch zu bändigen versuchte, wurden in der That immer wüthender und bedrohlicher.
Da zeigte sich auf der Freitreppe vor dem Mittelportale des Schlosses der Lord Piborne selbst in allseiner Majestät, und als er sah, daß Scarlett noch immer nicht nach Kanturk weggeritten war, stieg er gemessenen Schrittes die Stufen hinab, ging steif über den Ehrenhof und erkundigte sich nach der Ursache der Verzögerung und des jetzigen Lärmens.
»Wollen Eure Herrlichkeit entschuldigen, stammelte der Verwalter, es ist der Bursche hier, ein Bettelbube....
– Ich erkläre Ihnen nun zum dritten Male, daß ich kein Bettler bin, fiel ihm Findling ins Wort.
– Was will dieser Knabe also? fragte der Marquis.
– Er will nur mit Euer Herrlichkeit sprechen.«
Lord Piborne trat einen Schritt zurück, nahm eine möglichst vornehme Haltung an und richtete sich dabei in seiner ganzen Länge auf.
»Was haben Sie mir zu sagen?« fragte er.
Er duzte ihn nicht, obwohl er noch ein Kind vor sich hatte. Als Ausfluß höchster Vornehmthuerei redete der Marquis überhaupt niemand mit »Du« an, weder die Marquise, noch den Grafen Ashton – wahrscheinlich vor fünfzig Jahren nicht einmal seine eigene Amme.
»Sprechen Sie! setzte er hinzu.
– Der Herr Marquis hatte sich gestern nach Newmarket begeben, nicht wahr?...
– Ja.
-Gestern Nachmittag?...
– Ja wohl.«
Scarlett wußte nicht, wie ihm geschah. Hier fragte der Gassenjunge, und Seine Herrlichkeit geruhte zu antworten!
»Herr Marquis, fuhr das Kind fort, haben Sie da nicht ein Portefeuille verloren?
– Ganz recht; und dieses Portefeuille...
– Hab' ich auf der Landstraße nach Newmarket gefunden und komme, es Ihnen abzuliefern.«
Damit hielt er dem Lord Piborne das Portefeuille hin, dessen Verschwinden so viele Unruhe verursacht, so vielfachen Verdacht erweckt und in Trelingar-castle so viele Unschuldige compromittiert hatte. Die Schuld daran lag also, mochte sich seine Eigenliebe dadurch auch schwer verletzt fühlen, an Seiner Herrlichkeit selbst, jede Anklage gegen die Dienerschaft wurde zwecklos und es erschien jetzt – zu seinem lebhaften Bedauern – unnöthig, daß der Verwalter von Kanturk polizeiliche Hilfe herholte.
Lord Piborne ergriff das Portefeuille, das im Innern seinen Namen und seine Adresse trug, und überzeugte sich, daß es die Schriftstücke und die Banknoten noch enthielt.
»Sie also haben dieses Portefeuille gefunden? fragte er Findling.
– Gewiß, Herr Marquis.
– Und haben es natürlich geöffnet?
– Das mußt ich wohl, um zu erfahren, wem es gehörte.
– Sie haben darin eine Banknote gefunden... deren Werth war Ihnen aber wohl unbekannt?
– Das nicht; es war eine Banknote von hundert Pfund, erklärte Findling ohne Zögern.
– Hundert Pfund... das ist so viel wie?...
– Zweitausend Schillinge.
– Ah, das wissen Sie also, und trotzdem fiel es Ihnen nicht ein, sich das Geld anzueignen?
– Ich bin kein Dieb, Herr Marquis, erwiderte Findling stolz, so wenig wie ein Bettler!«
Lord Piborne hatte das Portefeuille wieder geschlossen, die Banknoten daraus aber in seine Tasche gesteckt. Der Knabe verneigte sich grüßend und that schon einige Schritte rückwärts, als Seine Herrlichkeit ihn – doch ohne ein Zeichen, daß die ehrliche Handlungsweise seine Anerkennung fand – noch einmal ansprach.
»Welche Belohnung verlangen Sie für die Wiederbeschaffung dieses Portefeuilles?
– Ah, was da... ein paar Schillinge... meinte Graf Ashton.
– Oder einige Pence, das ist für den Jungen übrig genug!« beeilte sich Scarlett hinzuzufügen.
Findling empörte es, daß man hier mit ihm handelte, wo er doch gar nichts verlangt hatte, und er erklärte deshalb:
»Mir kommen dafür weder Pence noch Schillinge zu.«
Dabei wandte er sich nach der Landstraße.
»Warten Sie, rief Lord Piborne. Wie alt sind Sie?
– Bald zehnundeinhalb Jahre.
– Und Ihr Vater... Ihre Mutter?...
– Ich habe keinen Vater und keine Mutter.
– Ihre sonstigen Angehörigen?
– Ich habe auch keine solchen.
– Woher kommen Sie überhaupt?
– Von der Farm von Kerwan, wo ich vier Jahre gewesen bin und die ich vor vier Monaten verlassen mußte.
– Weshalb denn?
– Weil der Farmer, der mich aufgenommen hatte, von den Gerichten vertrieben wurde.
– Kerwan... Kerwan... murmelte Lord Piborne. Ich glaube, das gehört ja zu dem Grundbesitze von Rockingham?
– Eure Herrlichkeit täuschen sich nicht, sagte der Verwalter.
– Und was denken Sie nun zu beginnen? wendete sich der Marquis wieder an Findling.
– Nun, ich kehre nach Newmarket zurück, wo ich mir bis jetzt mein Brod verdiente.
– Wollen Sie hier im Schlosse bleiben, so können Sie wohl in einer oder der andern Weise Beschäftigung finden.«
Das war gewiß ein verlockendes Angebot. Vom Herzen war es dem hochmüthigen, gefühllosen Lord Piborne aber keineswegs eingegeben, und von einem Lächeln oder einer Freundlichkeit war es auch nicht begleitet.
Findling empfand das ganz gut, und statt schnell zu antworten, begann er erst zu überlegen. Was er bisher vom Schlosse Trelingar gesehen hatte, gab ihm zu denken.
Er fühlte sich nicht angezogen von Seiner Herrlichkeit und von dessen Sohne Ashton, der recht spöttische, widerwärtige Züge besaß, und noch viel weniger von dem Verwalter Scarlett, dessen brutaler Empfang ihn empört hatte. Dabei gedachte er auch noch Birks. Wenn man ihm Aufnahme bot, so würde man Birk diese doch verweigern, und zu einer Trennung von seinem Genossen in guten und bösen Tagen könnte er sich doch niemals entschließen.
Immerhin mußte der Knabe, dessen Lebensunterhalt bis heute doch keineswegs gesichert war, dieses Anerbieten als einen Wink der Vorsehung betrachten.Die Vernunft rieth ihm, darauf einzugehen, da er es vielleicht zu bereuen gehabt hätte, wenn er nach Newmarket zurückkehrte. Nur der Hund bildete ein Hinderniß, doch davon zu reden, würde es ja eine Gelegenheit geben. Vielleicht nahm man ihn, und wäre es nur als Wachthund, schließlich dennoch mit auf. Von einer Stellung im Schlosse mußte er ja Vortheil haben, und bei der nöthigen Sparsamkeit...
»Na... bist Du mit Dir im Reinen? brummte der Verwalter, der ihn lieber hätte zum Teufel gehen sehen.
– Was werd ich verdienen? fragte Findling, den sein praktischer Sinn nie verließ, ohne alle Schüchternheit.
– Zwei Pfund Sterling monatlich,« erklärte Lord Piborne.
Zwei Pfund im Monat!... Das erschien ihm ungeheuer viel, und in der That konnte ein Kind seines Alters so viel ja kaum erwarten.
»Ich danke Eurer Herrlichkeit, sagte er. Ich nehme das Anerbieten an und werde mich bemühen, Sie nach Kräften zufriedenzustellen.«
Mit Zustimmung der Marquise noch desselben Tages unter die Schloßbediensteten aufgenommen, sah sich Findling eine Woche später schon zu der verantwortungsreichen Stellung eines Grooms des Erben der Piborne's erhoben.
Den armen Birk hatte sein Herr während der sieben Tage noch nicht am Hofe – natürlich des Schlosses – vorgestellt, denn er fürchtete für ihn einen ungnädigen Empfang.
Der Graf Ashton besaß nämlich drei Hunde, die er fast so sehr wie sich selbst liebte. In ihrer Gesellschaftzu leben, entsprach seinem Geschmacke und genügte seiner Intelligenz. Es waren Racethiere, deren Stammbaum – wenigstens – bis zur normännischen Eroberung zurückreichte, drei schöne, aber sehr bissige schottische Pointer (Wachtelhunde). Kam ein andrer Hund am Gitterthore vorbei, so mußte er sich schnell davon machen, um nicht von den wüthenden Thieren zerfleischt zu werden, die der Piqueur (Rüdenmeister) zu solchen Großthaten aufzuhetzen liebte. Birk begnügte sich auch, in der Nähe der Wirthschaftsgebäude umherzustreifen und wartete ruhig, bis der neue Groom des Abends kam und ihm etwas Futter zusteckte, das der Findling sich an der eignen Nahrung absparte. Die Folge davon war, daß beide magrer wurden. Ei was, es würden ja auch wieder bessere Tage kommen, wo sie sich auf Vorrath mästen konnten.
Jetzt begann für den Findling, dessen traurige Geschichte wir erzählen, ein Leben, das sich von dem bisher geführten wesentlich unterschied. Ohne von den bei der Hard und in derRagged-Schoolverbrachten Jahren zu sprechen, zeigte seine Lage, nur im Vergleich zu der in der Farm von Kerwan, doch eine große Veränderung.
Bei der Familie Mac Carthy zählte er zum Hause, unbelastet von dem Joch der Knechtschaft. Hier im Schlosse galt er für nichts. Der Marquis betrachtete ihn als Almosenbecken, in das er monatlich zwei Pfund Sterling legte, die Marquise als ein kleines Vorzimmerhündchen, und der Graf sah ihn für ein Spielzeug an, das man ihm, sogar ohne die Ermahnung, es nicht zu zerbrechen, geschenkt hatte. Scarlett endlich hatte sich gelobt, ihm durch fortwährende Chicanen seine Abneigung fühlen zu lassen, und dazu fehlte es nicht anGelegenheit. Selbst die Diener betrachteten das heimatlose Kind, das Lord Piborne in das Schloß Trelingar aufgenommen hatte, für tief unter ihnen stehend. Leute von gutem Herkommen haben einmal ihre Einbildung, ihren Stolz einer lange eingenommenen Stellung, und es paßt ihnen nicht, mit solchen Gestalten von der Landstraße her in einen Topf geworfen zu werden. Bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten ließen sie das Findling auch fühlen, wo es nur anging. Dieser ließ darum keine Klage laut werden; er antwortete nicht und that gewissenhaft seine Pflicht, wenn er auch nach Ausführung der letzten Befehle seines Herren mit großer Erleichterung nach seinem besondern Kämmerchen hinaufging.
Inmitten so vielen Uebelwollens fand er doch eine Frau, die sich seiner annahm. Es war das nur eine Wäscherin, namens Kat, die, jetzt im Alter von fünfzig Jahren, von jeher auf der Piborne'schen Domäne gelebt hatte und hier voraussichtlich ihr Leben beschloß, wenn sie der Verwalter Scarlett nicht fortjagte – was er übrigens schon versucht hatte, da sie ihm etwas verhaßt war. Ein Vetter des Marquis, Sir Edward Kinney, offenbar ein sehr geistreicher Herr, behauptete, daß die Kat schon zur Zeit Wilhelms des Eroberers am Waschzuber gestanden habe. Die Frau ließ sich jedoch durch nichts beirren. Sie besaß ein vortreffliches Herz, und Findling schätzte sich glücklich, bei ihr Trost für manches Ungemach zu finden.
Oft plauderten beide, wenn der Graf Ashton einmal allein vom Hause weg war. Und wenn der Groom von dem Verwalter oder einem andern Diener angelassen worden war, dann ermahnte die Kat den Knaben:
»Nur Geduld, mein Sohn! Kümmere Dich nicht um ihre Redereien. Der beste unter ihnen ist nicht gar viel werth, ich wüßte wenigstens keinen, der das Portefeuille zurückgegeben hätte!«
Vielleicht hatte die Wäscherin damit Recht, denn die gewissenlosen Leute erklärten Findling wegen seiner Ehrlichkeit nur für einen Einfaltspinsel.
Der Groom war dem Grafen Ashton also gewissermaßen als Spielzeug geschenkt worden, und wie ein launenhaftes, eigenwilliges Kind amüsierte sich der junge Graf auch mit ihm. Meist ertheilte er ihm ganz sinnlose Befehle und widerrief diese dann ohne Grund. Zehnmal in der Stunde klingelte er ihn herbei, um das oder jenes in Ordnung oder in Unordnung zu bringen. Er hieß ihn die große oder die kleine Livrée anlegen, mit hunderten von Knöpfen, wie die Knospen an einem Rosenstock im Frühsommer. Ihn so zwanzig Schritte hinter sich her marschieren zu lassen, wobei die Hände auf der Naht der Beinkleider liegen mußten, und nicht nur in den Straßen der Ortschaft, sondern auch in den Alleen des Parks, das war für den eitlen Grafen das allergrößte Vergnügen. Findling unterwarf sich allen Launen, er gehorchte wie eine Maschine ihrem Führer. Man hätte ihn nur sehen sollen, wie er mit fest gekreuzten Armen vor dem Pferde seines Herrn wartete, bis dieser in den Sattel stieg, oder wie er hinter dem in tollem Galopp hinsausenden Cabriolet sich an das zusammengeschlagene Wagenverdeck klammerte, wenn sein Herr damit über Stock und Stein jagte, oder gelegentlich einen Menschen umriß, wofür das Gefährt des Grafen Ashton in Kanturk schon bekannt war.
Abgesehen davon, daß er sich allen Thor- und Tollheiten seines Herrn zu fügen hatte, war Findling nicht eigentlich unglücklich. Das ging voraussichtlich so lange, wie jenem das neue Spielzeug gefiel. Bei dem unberechenbaren jungen Gentleman war freilich jede Ueberraschung möglich. Kinder bekommen ihr Spielzeug schließlich zum Ueberdruß und werfen es weg, wenn sie's nicht gar zerbrechen. Findling war freilich fest entschlossen, dergleichen von sich abzuwenden.
Seine Stellung im Trelingar-castle betrachtete er nur als Nothnagel und lebte der Hoffnung, daß sich ihm schon noch eine bessere bieten werde. Sein kindlicher Ehrgeiz strebte höher hinauf, als nach den Obliegenheiten eines Grooms. Die Verneinung seines eignen Ich gegenüber diesem Erben der Piborne's, dem er sich überlegen fühlte, erniedrigte ihn. Ja... überlegen, obwohl der Graf Ashton noch immer Unterricht in Latein, Geschichte u. s. w. genoß und seine Lehrer sich redlich bemühten, ihm wenigstens einige Kenntnisse einzutrichtern. Sein Latein blieb aber doch »Hundelatein« (die englische Bezeichnung für unser »Küchenlatein«) und seine Geschichtskunde beschränkte sich auf das, was er im »goldenen Buche« der Pferdegeschlechter gelesen hatte.
Kannte Findling nun auch diese schönen Dinge nicht, so verstand er es doch mit zehn Jahren, zu denken, zu überlegen. Er schätzte jenen Sohn der Familie nach seinem richtigen Werthe und erröthete manchmal über die Dienste, die er ihm leisten mußte. Wie bedauernd erinnerte er sich dann der stärkenden, heilsamen Beschäftigung auf der Farm, seines Lebens inmitten der Mac Carthy's, von denen er noch immer keine Kunde erhalten hatte. Die Wäscherin im Schlosse war undblieb das einzige Wesen, dem er sich anschließen konnte.
Uebrigens bot sich bald Gelegenheit, die Freundschaft der guten Frau zu erproben.
Hier sei noch angeführt, daß der Proceß mit dem Kirchspiele von Kanturk zu Gunsten der Familie Piborne ausgefallen war, doch nur, weil diese die von Findling abgelieferten Documente dabei in die Wagschale zu werfen vermochte. Was der Knabe gethan, war jetzt freilich vergessen, warum also hätte ihm dafür ein besondrer Dank gebührt?