Findling athmete auf, wie vielleicht noch nie in seinem Leben... tief, erleichtert, als er den Grafen Ashton, den Piqueur und die Hunde verschwinden sah, und, fügen wir hinzu, Birk wohl auch, als Findling die Hände von seiner Schnauze losließ, indem er sagte:
»Belle jetzt nicht... belle nicht, Birk!«
Und Birk bellte nicht.
Ein Glück war es, daß Findling an diesem Morgen, einmal entschlossen fortzugehen, seine alten Sachen angezogen, sein Bündelchen geschnürt und die Börse eingesteckt hatte. Das ersparte ihm die Unannehmlichkeit, ins Schloß zurückzukehren, wo der Graf Ashton nun gewiß erfahren hatte, wem der Mörder des Wachtelhundesgehörte, und das hätte für den Groom natürlich eine schreckliche Scene heraufbeschworen. Mit seinem Fernbleiben verlor er freilich den Lohn für einen halben Monat, den er hatte beanspruchen wollen, doch ertrug er lieber diesen Verlust. Jetzt einmal aus dem Trelingar-castle heraus, fern von dem jungen Piborne und dem Verwalter Scarlett, dafür aber in Gesellschaft seines Hundes, dachte er nur daran, sich schnellstens aufzumachen.
Sein kleines Vermögen belief sich genau auf vier Pfund siebzehn Schillinge und sechs Pence – die größte Summe, die er je sein eigen genannt hatte. Er überschätzte diese jedoch keineswegs, denn er gehörte nicht zu den Kindern, die sich mit so wohlgefüllter Tasche schon für reich gehalten hätten; nein, er wußte, daß seine Ersparnisse schnell genug zu Ende gehen würden, wenn er sich nicht streng einschränkte, bis er Gelegenheit fände, sich irgendwo – natürlich mit Birk – ein Unterkommen zu sichern.
Die Verwundung des braven Thieres war zum Glück nicht schwer – eine einfache Hautverletzung, die voraussichtlich bald heilte. Als er auf Birk zielte, hatte sich der Piqueur als ebenso ungeschickt wie sein Herr bewiesen.
Die beiden Freunde wanderten nach Erreichung der Landstraße jenseits des Waldes schnellen Schrittes dahin, Birk vor Freude umherspringend, Findling etwas besorgt wegen der Zukunft.
Dieser ging jetzt aber keineswegs sozusagen ins Blaue hinein. Erst war ihm der Gedanke gekommen, sich nach Newmarket oder nach Kanturk zu begeben, welche beide Ortschaften er, die eine von seinem längeren Aufenthalte daselbst, die andere daher, daß er denjungen Piborne oft genug dahin begleitet hatte, genau kannte. Damit hätte er sich jedoch Begegnungen ausgesetzt, die besser vermieden wurden. So wußte er also recht gut, was er that, als er eine südliche Richtung einschlug. Einerseits entfernte er sich damit von Trelingar-castle nach einer Gegend zu, wo ihn keiner suchen würde, und andrerseits näherte er sich dem Hauptorte der Grafschaft Cork an der verkehrsreichen Bai gleichen Namens. Von da gingen die Schiffe aus... Handelsschiffe... große, wirkliche Seeschiffe... nach allen Punkten der Erde, und nicht nur Küstenfahrer und Fischerbarken, wie in Westport oder Galway. Sein unwiderstehliches Interesse für alles, was mit dem Handel zusammenhing, übte auch jetzt auf ihn den gewohnten Reiz.
Sein Hauptziel, Cork, zu erreichen, erforderte freilich einige Zeit. Findling hatte an besseres zu denken, als sein Geld für Wagen oder Eisenbahn wegzugeben, denn es war ja nicht ausgeschlossen, daß er unterwegs, wie früher zwischen Limerick und Newmarket, einige Schillinge verdienen konnte. Dreißig Meilen sind für ein Kind von elf Jahren schon eine tüchtige Strecke, wozu er, etwaigen Aufenthalt in Farmen eingerechnet, wohl acht Tage gebrauchen würde.
Das Wetter war schön, für die Jahreszeit etwas kalt, und kein Schmutz oder Staub auf den Straßen, also lauter günstige Verhältnisse für eine Fußreise. Mit dem Filzhute auf dem Kopfe, Weste, Jacke und Beinkleider aus warmem Tuche, mit guten Schuhen mit Lederriemen, sein Packet unter dem Arme, sein Messer – das Geschenk von der Großmutter – in der Tasche und in der Hand einen Stock, den er sich an einer Hecke abgeschnitten hatte, machte Findling nicht denEindruck eines Armen. Er mußte sich vielmehr vor unangenehmen Begegnungen hüten. Doch es genügte wahrscheinlich, daß Birk seine Zähne zeigte, um verdächtiges Gelichter von ihm fernzuhalten.
Am ersten Tage legte er, bei zweistündiger Rast, fünf Meilen zurück und hatte dabei einen halben Schilling ausgegeben. Für zwei, ein Kind und einen Hund, war das ja nicht viel und dafür gab es nur knappe Portionen von Speck und Kartoffeln. Deshalb dachte Findling aber keineswegs mit Bedauern an die Küche in Trelingar-castle zurück. Am Abend schlief er etwas jenseits des Fleckens Baunteer mit Erlaubniß des Farmers in einer Scheune und wanderte, nach einem frugalen Frühstück, das ihm wenige Pence kostete, am nächsten Tage rüstig weiter.
Das Wetter hielt sich noch ziemlich im gleichen, doch der Weg, der mehr aufwärts führte, wurde schon mühsamer. Dieser Theil der Grafschaft Cork hat eine sehr wechselnde Oberfläche. Die von Kanturk nach dem Hauptorte führende Straße durchschneidet das verwickelte Gelände der Boggeraghberge mit steilen Pfaden und vielfachen Windungen. Findling brauchte nur dem Wege nachzugehen, so konnte er sich nicht verirren. Uebrigens besaß er ein Orientierungsvermögen wie ein Chinese oder ein Fuchs, und außerdem begegnete er wiederholt von den Feldern und Wiesen kommenden Landleuten oder auch Wagen, die von dem einen Dorfe nach dem andern fuhren. Wenn nöthig, hätte er sich also stets nach der einzuschlagenden Richtung erkundigen können, er zog es aber vor, nicht erst die Aufmerksamkeit andrer zu erwecken.
Nach einem halben Dutzend schnellen Schrittes zurückgelegter Meilen kam er nach Derry-Gounva, einemkleinen Orte, wo die Landstraße die Bergmasse der Boggeraghs schneidet. Hier fragte ihn in einer Schänke ein Fremder, der eben zu Abend essen wollte, woher er käme, wohin er ginge und wann er wieder aufbrechen wolle. Offenbar befriedigt durch die Antworten des Knaben, bot er diesem an, seine Mahlzeit mit ihm zu theilen, und zwar mit solcher Herzlichkeit, daß Findling es ohne Zögern annahm. Er stärkte sich dabei ordentlich und Birk wurde von dem freundlichen Amphytrio auch nicht vergessen. Es war schade, daß der Fremde nicht in Cork zu thun hatte, denn er hätte dem Knaben gewiß einen Platz in seinem Wagen angeboten; er begab sich aber nach dem Norden der Grafschaft.
Nach ruhig verbrachter Nacht verließ Findling Derry-Gounva mit Tagesanbruch wieder und betrat nun die Engpässe der Boggeraghs.
Dieser Tag wurde anstrengend. Ein steifer Wind heulte durch die bewaldeten Bergeshänge. Zwar aus Südwest kommend, strich er durch die Windungen der Pässe doch je nach deren Richtung hin. Findling hatte ihn immer gerade im Gesicht, ohne, wie ein Schiff, in der Lage zu sein, dagegen aufzukreuzen. Zuweilen mußte er sich gar an Büschen neben dem Wege festhalten, um über eine scharfe Ecke wegzukommen – kurz, hier ging es unter großer Anstrengung langsam vorwärts. Jetzt hätte ihm ein Wagen, ein Jaunting-car, gute Dienste geleistet; leider traf er keinen solchen an. Diese Gegend der Boggeraghs hat wenig Verkehr. Nach den Dörfern im Lande kann man gelangen, ohne sich in diese Irrgänge zu wagen. Auch Fußgänger sah Findling kaum, und diese hielten dann die entgegengesetzte Richtung ein.
Der Knabe nebst seinem Hunde mußte sich wiederholt einmal niederlegen, um auszuruhen. Im Laufe des Nachmittags überschritt er, etwas schneller gehend, den höchsten Punkt des Bergrückens, hatte im ganzen aber doch nur vier bis fünf Meilen hinter sich gebracht. Das war ein anstrengender Wandertag. Jetzt, nach Ueberwindung des schlimmsten, hoffte er binnen zwei Stunden die Ostseite des Gebirgsrückens zu erreichen.
Es wäre vielleicht unklug gewesen, nach Sonnenuntergang weiter zu marschieren. Auf diesen hohen Abhängen wird es schnell Nacht und schon von sechs Uhr ab herrscht daselbst tiefe Dunkelheit. So war es wohl besser, auf der Stelle Halt zu machen, da sich keine Farm und kein Gasthaus zeigte. Es war hier sehr öde, eine Art Einschnitt der Landstraße, und Findling fühlte sich nicht besonders sicher. Zum Glück hatte er in Birk einen scharfen und treuen Wächter, auf den er sich wohl verlassen konnte.
In dieser Nacht diente ihm als Obdach nur eine enge Aushöhlung in der Felsenwand des Abhanges, die ein Vorhang von Mauerkraut fast abschloß. Da schlüpfte er hinein und streckte sich auf dem weichen, trocknen Erdboden aus. Birk legte sich zu seinen Füßen nieder, und beide schlummerten unter der Obhut Gottes ein.
Am folgenden Tag ging es frühzeitig wieder vorwärts. Das Wetter war unsicher, feucht und kalt geworden. Noch eine Strecke von fünfzehn Meilen, und Cork mußte am Horizonte auftauchen. Um acht Uhr waren die Engpässe der Boggeraghs überwunden und nun fiel der Weg merkbarer. Die beiden gingen schnell, sie hatten aber Hunger. Der Vorrathsbeutel wurde allmählich leer. Birk trottete herüber und hinüber auf derStraße und suchte mit der Nase an der Erde nach Nahrung. Dann kam er zu seinem Herrn zurück, den er ansah, als wollte er sagen:
»Nun, giebt's denn heute gar nichts?
– Bald, warte nur noch ein wenig,« antwortete Findling.
Gegen zehn Uhr machten beide in einem Weiler, Zehn-Meilen-Haus genannt, Halt.
Hier wurde der Geldbeutel des jungen Wandrers in dem bescheidenen Gasthofe um einen Schilling erleichtert, wofür er das gewöhnliche irische Essen erhielt, nämlich Kartoffeln, Speck und ein großes Stück von dem rothen »Cheddarkäse«. Birk bekam ein gutes Futter, sogar mit etwas Fleischbrühe dran. Nachher ruhten beide ein wenig aus und machten sich dann mit frischen Kräften auf den Weg. Die Gegend war noch immer hügelig, doch da und dort angebaut, und die Bauern fuhren die in diesem Klima sich verspätigende Gersten- und Roggenernte ein.
Findling befand sich also nicht allein auf der Straße; er bot den vorüberkommenden Landleuten einen Guten Morgen, und diese erwiderten treuherzig seinen Gruß. Kinder waren kaum zu sehen – wenigstens nicht solche, die um einen Copper bettelnd jedem Wagen nachliefen. Freilich kamen auch nur selten Touristen in diese Gegend, das Geschäft wäre also nicht lohnend gewesen, obwohl es Findling nicht übers Herz gebracht hätte, einem armen Kinde das erbetene Almosen zu verweigern.
Um drei Uhr nachmittag erreichten sie den Punkt, von wo aus die Landstraße sieben bis acht Meilen weit neben einem Flusse oder größeren Bache hin verläuft.Es war das die Dripsey, ein Zufluß der Lee, die sich in einer der südwestlichsten Baien verliert.
Wollte er die Nacht nicht wieder unter freiem Himmel zubringen, so mußte Findling noch bis zu dem, von Cork nur noch drei bis vier Meilen entfernten Flecken Woodside zu gelangen suchen. Das war von hier noch eine große Strecke, die er jedoch noch zurücklegen zu können glaubte.
»Also vorwärts, sagte er für sich, tüchtig ausschreitend. Da unten werd' ich ja Zeit haben, um ausruhen zu können.«
Zeit... ja, daran würde es ihm wohl nicht fehlen, wenn nur sein Geld ausreichte. Doch darum beunruhigte er sich nicht. Er besaß ja vier Pfund in gutem Gelde, ohne die Pence, die noch darüber waren. Mit einem solchen Schatze konnte er ja wochenlang wandern.
Der Himmel ist bedeckt; der Wind hat sich gelegt. Wenn es anfinge zu regnen, ohne daß man ein andres Obdach hat als vielleicht einen Heuhaufen, so ist das kein besondres Vergnügen, wenn man in einem der Gasthöfe von Woodside ein trocknes Fleckchen finden kann.
Findling und Birk beeilten sich nach Kräften und waren etwas vor sechs Uhr abends nur noch drei Meilen von ihrem heutigen Ziele entfernt, als Birk ganz auffällig zu knurren anfing.
Findling blieb stehen und sah nach der Straße hinaus, bemerkte aber nicht das geringste.
»Was hast Du denn, Birk?«
Birk bellte jetzt schwach und lief dann rechts nach dem Flusse zu, dessen Ufer nur gegen zwanzig Schritte entfernt war.
»Er hat wahrscheinlich Durst, dachte Findling, und ich möchte in der That auch einmal trinken.«
Damit wandte auch er sich der Dripsey zu, als der Hund, laut anschlagend, eben in das Wasser sprang.
Höchst erstaunt sprang der Knabe mit einigen Sätzen an das Ufer und wollte seinen Hund rufen....
Da gewahrte er den Körper eines Kindes, der von der Strömung hinweggeführt wurde. Der Hund hatte ihn an den Kleidern oder vielmehr an seinen Lumpen gepackt. Die Dripsey ist aber voller Wirbel und deshalb ein recht gefährliches Wasser. Birk bemühte sich, ans Ufer zurückzuschwimmen, was ihm nur schwer gelingen zu sollen schien, da das Kind sich krampfhaft an dem Thiere festhielt.
Findling konnte schwimmen; Grip hatte es ihm ja seiner Zeit gelehrt. Jetzt warf er ohne Zögern die Jacke ab, doch da erreichte Birk mit einer letzten Anstrengung das Ufer.
Findling brauchte sich nur zu bücken und das Kind an der Kleidung zu fassen, um es in Sicherheit zu bringen, während der Hund sich freudig bellend schüttelte.
Das Kind war ein Knabe von höchstens sechs bis sieben Jahren. Die Augen hatte er geschlossen, der Kopf hing schlaff herab und das Bewußtsein hatte er verloren....
Wie erstaunte Findling aber, als er dem Kleinen die herabhängenden nassen Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte....
Das war ja der hübsche Bursche, den der Graf Ashton vor kaum zwei Wochen so rücksichtslos mit der Peitsche geschlagen hatte, und wobei Findling für seine mitleidige Intervention von dem jungen Piborne so heftig ausgescholten wurde.
Seit vierzehn Tagen irrte das arme Kind plan- und ziellos auf der Landstraße umher. Im Laufe desNachmittags mochte er an die Dripsey gekommen sein... hatte wohl seinen Durst löschen wollen, war dabei ausgeglitten und vom Strome fortgerissen worden, und jetzt wäre er jedenfalls, wenn Birk ihn nicht in letzter Minute rettete, in einem Wasserwirbel versunken.
Nun galt es, den Knaben wieder zu sich zu bringen, was Findling so gut wie möglich versuchte.
Das arme, bedauernswerte Wesen! Sein schmales Gesicht, der hagere, fleischlose Körper, alles verrieth, was es gelitten haben mochte: Anstrengung, Kälte und Hunger! Der Leib des Kleinen war eingesunken, wie ein leerer Sack. Wie sollte er ihn nun wieder zum Bewußtsein bringen? Jedenfalls mußte er zuerst von dem verschluckten Wasser befreit werden, dann wollte Findling ihm Mund auf Mund Luft einblasen. – Wirklich that das Kind nach kurzer Zeit wieder einen ersten schwachen Athemzug, dann schlug es die Augen auf und über seine Lippen kamen die klagenden Worte:
»Ich habe Hunger... ach, ich habe solchen Hunger.«
I am hungry!Das ist der Ausruf des Irländers, den er während seines ganzen Lebens und noch, wenn ihm die Augen schon brechen, vernehmen läßt.
Findling besaß noch einigen Mundvorrath. Aus Brot und Speck machte er zwei bis drei Bissen und schob sie dem Knäblein in den Mund, der sie gierig verschlang. Er mußte ihn mäßigen, sonst wäre er erstickt. Die Speise glitt in ihn hinein, wie die Luft in eine vorher luftleere Flasche.
Mühsam richtete er sich auf. Sein Blick haftete auf Findling, er schien sich unklar, dann rief er ihn erkennend:
»Du?... Du? murmelte er.
– Ja... Du erinnerst Dich also....
– Ach ja... auf der Straße... ich weiß nicht wann....
– Ich... weiß es... mein Junge....
– O, verlasse mich nicht!
– Nein, nein; ich begleite Dich. Wohin wolltest Du gehen?
– Weiß nicht... der Straße nach....
– Wo wohnst Du denn?
– Wohnen?... Nirgends....
– Wie bist Du denn in den Fluß gefallen?... Hast wohl trinken wollen?
– Nein.
– So bist Du nur ausgeglitten?
– Nein. Ich bin... mit Willen hineingefallen!
– Absichtlich?
– Ja... ja... jetzt thu' ich's aber nicht wieder, wenn Du bei mir bleibst....
– Beruhige Dich; ich bleibe bei Dir!«
Findling traten die Thränen in die Augen. Mit sieben Jahren der entsetzliche Gedanke, sterben zu wollen!... Die Verzweiflung trieb dieses Kind in den Tod, die Verzweiflung, die aus der Entblößung von allem, aus dem Verlassensein, aus dem Hunger emporwuchert!
Das Kind hatte die Augen wieder geschlossen. Findling hielt es für angezeigt, jetzt mit weiteren Fragen zurückzuhalten. Dazu war später Zeit. Die Geschichte des Kleinen kannte er ja schon, es war doch die aller dieser armen Geschöpfe... war seine eigne.... Ihm freilich war, Dank seiner ungewöhnlichen Energie, nie der Gedanke gekommen, seinem Elend auf diese Weise ein Ende zu machen.
Jetzt galt es eine Entscheidung. Das Kind war nicht imstande, noch mehrere Meilen bis Woodside zu gehen, und Findling hätte es nicht bis dahin tragen können. Außerdem brach die Nacht schon an, und da schien es das nöthigste, einen Schutz zu finden. In der Nähe war kein Gasthaus zu sehen, auf der Dripsey neben der Straße zeigte sich kein Boot. Zur linken stand dichter Wald. Hier mußten sie also wohl die Nacht am Fuße eines Baumes hinbringen, auf einer Streu von Blättern und, wenn nöthig, neben einem Feuer aus dürrem Holze. Mit Sonnenaufgang und wenn das Kind wieder mehr bei Kräften war, konnten sie Woodside oder Cork unschwer erreichen. Für heute Abend war genug zu essen da und es blieb auch noch ein wenig zum Frühstück für morgen übrig.
Findling nahm den vor Müdigkeit eingeschlafenen Knaben in die Arme. Birk hinter sich ging er quer über die Straße und zwanzig Schritte in den Wald hinein, wo es unter den hundertjährigen Buchen, deren es in Irland unzählige giebt, schon sehr dunkel war.
Wie freute er sich da, einen geneigt stehenden und vom Alter ausgehöhlten Stamm zu entdecken! Das war eine Art Wiege oder richtiger ein Nest, in das er seinen kleinen Vogel niederlegen konnte. Die Höhlung war unten mit gleich Sägespänen weichem Staub bedeckt, und wenn er noch einen Arm voll dürrer Blätter darüber breitete, war das schönste Bett fertig. Beide konnten darin Platz und ein warmes Lager finden, so daß das Kind sogar im Schlafe fühlen würde, daß es nicht mehr allein sei.
Bald darauf war der Knabe in dieser Aushöhlung untergebracht. Die Augen öffnete er vorläufig nichtwieder, doch athmete er sanft und fiel schnell in tiefen Schlaf.
Findling trocknete nun die Kleidungsstücke, die sein Schützling – der Schützling des Knaben von elf Jahren! – morgen wieder anziehen sollte. Nachdem er mit trocknem Holz ein Feuer angezündet hatte, rang er die Lumpen aus und hing sie dann in der Nähe der Gluth an einem niedrigen Buchenaste auf.
Jetzt war es Zeit, ans Essen zu denken. Der Hund bekam auch seinen Antheil an Brod und Kartoffeln – zwar nicht viel, doch er beklagte sich deshalb nicht. Sein junger Herr streckte sich nun in dem hohlen Buchenstamme aus und schlief, den Arm um den Knaben gelegt und vom treuen Birk bewacht, auch endlich ein.
Am nächsten Tage, dem 18. September, erwachte das Kind zuerst, höchst verwundert, in einem so guten Bette zu liegen. Birk kläffte es schweifwedelnd an... er hatte sich doch auch um die Rettung des Kleinen verdient gemacht.
Findling schlug sofort die Augen auf, und der Knabe warf sich ihm um den Hals.
»Wie heißest Du? fragte er.
– Findling. Und Du?...
– Bob.
– Nun so komm, Bob, zieh' Dich an.«
Bob ließ sich das nicht zweimal sagen. Er erinnerte sich kaum daran, gestern ins Wasser gegangen zu sein. Jetzt hatte er ja eine Familie, einen Vater, der ihn nicht verlassen würde, wenigstens einen großen Bruder, der ihn einmal auf der Straße nach Trelingar-castle mit einer Handvoll Coppers erfreut hatte. Er ließ sich mit der seinem Alter eignen Vertrauensseligkeit gehen, mit jener natürlichen Vertraulichkeit, die manbei irischen Kindern gewöhnlich trifft. Andrerseits erschien es Findling, daß das Zusammentreffen mit Bob ihm nun Pflichten, gleichsam Vaterpflichten, auferlegt habe.
Und wie glücklich war Bob, ein weißes Hemd unter seinen trocknen Sachen zu fühlen! Wie machte er die Augen – doch auch den Mund – weit auf vor einer Schnitte Brod, einem Stück Käse und einer warmen Kartoffel, die in der Asche des Feuers geröstet worden war! Dieses Frühstück zu zweien war vielleicht das beste, das er seit seiner Geburt genossen hatte.
Seit seiner Geburt?... Seinen Vater hatte er zwar nicht, wohl aber – glücklicher als Findling – seine Mutter gekannt, die vor zwei bis drei Jahren, genauer wußte Bob es nicht, aus Mangel und Entbehrung gestorben war. Nachher hatte man ihn in der Armenanstalt einer nicht zu großen Stadt, auf deren Namen er sich nicht besann, untergebracht. Später war jene Anstalt wegen fehlender Geldmittel geschlossen worden, und Bob sah sich, er wußte nicht warum, auf die Straße geworfen, ebenso wie die andern Kinder, die meist auch keine Eltern hatten. Von da an lebte er auf der Landstraße, schlief wo er ging und stand, und aß, wenn... er konnte, bis zu dem Tage, wo ihm nach achtundvierzigstündigem Fasten der Gedanke kam, in den Tod zu gehen.
Das war seine Geschichte, die er erzählte, während er die große Kartoffel verzehrte, und diese Geschichte klang ja nicht neu für einen früheren Pflegling der Hard, der darauf bei Thornpipe »zur Kurbel« erniedrigt worden und schließlich als »Zögling« in dieRagged-Schoolgesteckt worden war.
Mitten im Plaudern veränderten sich plötzlich die Gesichtszüge Bobs, seine sonst so lebhaften Augen erloschen und er wurde ganz bleich.
»Was fehlt Dir? fragte Findling theilnehmend.
– Du läßt mich nicht wieder allein, nicht wahr?« murmelte er.
Das war seine schlimmste Befürchtung.
»Nein... Bob.
– Und... wohin führst Du mich denn?
– Ja... dahin, wohin ich selbst gehe!«
Das Wohin verlangte Bob nicht weiter zu wissen, ihm war's ja genug, daß Findling ihn mitnahm.
»Doch Deine Mama... Dein Papa?...
– Ich habe keine....
– O, rief Bob, da werd' ich Dich desto mehr lieb haben dürfen.
– Ich Dich auch, mein Junge; wir wollen schon versuchen, zusammen durchzukommen.
– Ei, Du sollst einmal sehen, sagte Bob, wie ich den Wagen nachlaufe, und was ich da an Coppers bekomme, das geb' ich Dir.«
Der Knabe hatte bisher nichts andres zu thun gewußt.
»Nein, Bob; den Wagen muß man nicht nachlaufen.
– Warum denn nicht?
– Weil es nicht recht ist, zu betteln.
– Ach!... stieß Bob nachdenklich werdend hervor.
– Sag' mir, hast Du ein Paar gute Beine?
– Ja, aber groß sind sie nicht.
– Nun, wir haben heute einen tüchtigen Marsch vor uns, wenn wir die Nacht schon in Cork schlafen wollen.
– In Cork?...
– Ja freilich... das ist eine schöne Stadt da unten... mit Schiffen...
– Schiffen... ja ich weiß.
– Und am Meere gelegen. Hast Du das Meer schon gesehen?
– Nein, noch nicht.
– Das wirst Du auch zu sehen bekommen... o, das ist groß!... Nun vorwärts!«
Beide brachen auf und Birk trabte lustig vor ihnen her.
Zwei Meilen weiter hin verläßt die Straße das Ufer der Dripsey und begleitet dafür das der Lee, die in der Bai von Cork ausmündet. Hier erschienen einige Wagen mit Touristen, die sich nach den Berggegenden der Grafschaft begaben.
Aus alter Gewohnheit sprang Bob diesen nach und rief: »Copper... Copper!«
Findling holte ihn zurück.
»Ich habe Dir gesagt, Du sollst das unterlassen, sagte er.
– Warum denn?
– Weil es unrecht ist, um Almosen zu betteln.
– Auch wenn man's thut, um etwas zu essen zu haben?«
Findling antwortete nicht und Bob fühlte sich sehr beunruhigt wegen seines Frühstücks, bis er in einem Gasthause der Landstraße am Tische saß. Hier thaten sich für sechs Pence drei – der große Bruder, der kleine Bruder und der Hund – gütlich.
Bob konnte kaum seinen Augen trauen: Findling besaß ja einen Geldbeutel mit Schillingen darin, undvon diesen blieb noch übrig, als die Rechnung des Wirthes bezahlt war.
»Woher hast Du denn das schöne Geld?
– Das hab' ich verdient, Bob, durch ehrliche Arbeit....
– Durch Arbeit?... O, ich möchte wohl auch arbeiten, ich weiß aber nicht, wie ich's anfangen soll.
– Das werd' ich Dir lehren, Bob.
– Gleich jetzt?
– Nein; erst wenn wir da unten sind.«
Wollten sie am Abend in Cork eintreffen, so war keine Minute zu verlieren. Findling und Bob machten sich also wieder auf den Weg und gingen so schnell, daß sie zwischen vier und fünf Uhr in Woodside waren. Hier kehrten sie nicht wieder ein, da es gerathener schien, nun gleich bis zu der nur noch drei Meilen entfernten Hafenstadt zu wandern.
»Du bist doch nicht zu müde, mein Junge? fragte Findling.
– Ach nein... es geht... es geht an,« versicherte das Kind.
Nachdem sie sich noch einmal durch etwas Nahrung gestärkt hatten, setzten beide ihre Wanderung fort.
Um sechs Uhr erreichten sie eine der Vorstädte Corks. Hier fanden sie bei einem Gastwirth Nachtlager und schliefen einer im Arme des andern hoffnungsfreudig ein.
Sollte Findling nun in Cork, der Hauptstadt der Provinz Munster, sein Glücksstern aufgehen? Die dritte Stelle in Irland einnehmend, zeichnet sich diese Stadt durch ihren Handel, ihre Industrie, doch auch durch wissenschaftliches Streben aus. Doch was konnte alles das einem Knaben von elf Jahren im Beginn seiner selbstständigen Laufbahn nützen? Er war ja vielleicht nur hierher gekommen, um die Zahl der Elenden, von denen es in den Seestädten des Vereinigten Königreichs wimmelt, noch weiter zu vermehren.
Findling hatte nach Cork gewollt, er war jetzt da, freilich unter weniger günstigen Verhältnissen zur Durchführung seiner Zukunftspläne. Einst, als er noch auf dem Strande bei Galway umherschweifte, und später, als Pat Mac Carthy von seinen Reisen erzählte, da begeisterte er sich für das einträgliche Handelswesen. Waaren im Auslande zu kaufen und sie daheim theurer wieder abzusetzen... welch schöner Traum! Seit dem Weggange von Trelingar-castle hatte er aber tiefer nachdenken gelernt. Um aus dem Kinde vom Armenhaus in Donegal einen Befehlshaber eines schönen, tüchtigen Schiffes zu machen, das die Weltmeere durchkreuzte, mußte er von unten beginnen, als Schiffsjunge, als Leichtmatrose, als Vollmatrose und als Bootsmann dienen, dann erst konnte er hoffen, Offizier und Kapitän für lange Fahrt zu werden. Jetzt aber, wo er für Bob und Birk zu sorgen hatte, war an so etwas nicht zu denken. Was hätte auch aus beiden werden sollen,wenn er sie verließ? Da er – mit Hilfe Birks – Bob das Leben gerettet hatte, fühlte er sich verpflichtet, es ihm zu erhalten.
Am folgenden Tage einigte sich Findling mit dem Wirthe über den Miethzins für eine Dachkammer mit einfacher Strohmatratze, der übrigens nicht hoch war, nämlich zwei Pence, an jedem Morgen zu zahlen. Ihre Mahlzeiten wollten sie einnehmen, wo sich das gerade machen ließ. So gingen die beiden Knaben mit dem Hunde aus, als die Sonne eben die Morgennebel zerstreute.
»Und die Schiffe?... fragte Bob.
– Welche Schiffe?
– Die von denen Du mir gesprochen hast.
– Warte nur, bis wir an den Fluß kommen.«
Nun trollten sie durch eine ausgedehnte Vorstadt von etwas ärmlichem Aussehen dahin, um die Schiffe zu suchen. Bei einem Bäcker unterwegs wurde ein Stück Brod erkauft. Wegen Birks brauchten sie sich nicht zu beunruhigen – der fand schon sein Futter in den Abraumhaufen auf den Straßen.
Am Quai der Lee, die Cork mit zwei Armen umfaßt, lagen wohl einige Barken, doch keine Schiffe – wenigstens nicht solche, die den Canal Saint-Georges oder das irische Meer und gar den Atlantischen Ocean hätten überschreiten können.
Der eigentliche Hafen liegt auch weiter stromabwärts bei Queenstown, dem alten Cowes, und dahin kann man mittelst rascher Dampffähre bequem und billig gelangen.
Bob an der Hand führend, betrat Findling nun die eigentliche Stadt.
Auf der Hauptinsel des Flusses erbaut, verbinden sie mehrere Brücken mit dem Festlande. Andre, weiter oben oder unten gelegene Inseln sind in Spaziergänge und Gärten verwandelt, die das herrlichste Grün und erquickenden Schatten bieten. Da und dort erheben sich einzelne Denkmäler, daneben eine stillose Kathedrale mit sehr altem Thurme, die Kirche Sainte-Marie und Saint-Patrick. An Kirchen fehlt es in Irland überhaupt nicht, auch nicht an Armen- und Krankenanstalten und Workhouses. Im Lande Erins giebt es recht viele fromme Leute, doch auch ebenso viele Arme. Der Gedanke, etwa in eine solche Armenanstalt zurückkehren zu müssen, erfüllte Findling mit Abscheu und Schrecken. Ja, da hätte er das Queenscollege, ein prächtiges Gebäude, weit vorgezogen. Um da Aufnahme zu finden, wird freilich etwas mehr verlangt, als lesen, schreiben und rechnen zu können.
Die Straßen der Stadt waren ziemlich belebt... belebt von Leuten, die schon frühzeitig ihre Arbeit beginnen; jetzt öffneten sich die Läden oder die Thüren der Häuser, aus denen die Dienstmädchen, den Besen in der Hand oder einen Korb am Arme, heraustraten, jetzt knarrten viele Wagen und zeigten sich viele Hausierer mit ihren zur Schau gelegten Kleinwaaren, und es summte auf den Märkten, wo die Lebensmittel für eine Bevölkerung von hunderttausend Seelen – Queenstown eingerechnet – feilgeboten werden. Auf dem Wege durch das Handels- und Industrieviertel sah man Fabriken für Leder, Papier und Tuche, Brennereien und Brauereien u. s. w., vom wirklichen Hafen- und Seeleben aber noch nichts.
Nach einem angenehmen Spaziergange ließen sich Findling und Bob auf der Steinbank an der Eckeeines großen Gebäudes nieder. Hier »roch« es schon mehr nach Welthandel, denn hier lagerten Salzfleisch, scharfe Gewürze, Colonialwaaren aller Art, und auch Butter, wofür Cork ein Hauptmarkt nicht nur für das Vereinigte Königreich, sondern fast für ganz Europa ist. Findling sog den ihm fremden Duft mit größtem Wohlbehagen ein.
Das betreffende Gebäude erhob sich an der Vereinigung der beiden Arme der Lee, die von hier aus vereinigt nach der Bai hinabströmen. Jenes war das Zollamt mit seinem unaufhörlichen Menschenverkehr. Von diesem Zusammenflusse aus spannt sich keine Brücke mehr über den Strom, und so findet die Schiffahrt keinerlei Hindernisse zwischen Queenstown und Cork.
Ebenso wie er vorher nach den Schiffen gefragt hatte, rief Bob jetzt:
»Nun, aber das Meer?«...
Ja, das Meer, das ihm sein großer Bruder versprochen hatte...
»Das Meer ist weiter draußen, Bob; dahin werden wir schon auch noch kommen.«
Dazu brauchten sie nur eins der Fährboote zu besteigen, die den Verkehr in der Bai vermitteln; das ersparte ihnen Zeit und Mühe. Das Fahrgeld für zwei Personen betrug nur wenige Pence. Das konnten sie sich am ersten Tage wohl erlauben, zumal da Birk ganz frei mitfuhr.
Wie freute sich Findling, auf der Lee in dem schnellen Dampfboote hinabzugleiten. Er gedachte dabei der vornehmen Familie der Piborne's und deren Besuchs auf der Insel Valentia, hinter der das weite, weite Meer sich ausdehnte. Während der Fahrt kamen Schiffe von jeder Größe vorüber. An den Ufern lagen großeSpeicher, Badeanstalten und Schiffswerfte, die die auf dem Vorderdeck des Fährschiffes sitzenden Knaben mit Interesse betrachteten.
Schließlich gelangten sie nach Queenstown, einem schönen, acht bis neun Meilen langen, und von Ost nach West gegen sechs Meilen breiten Hafen.
»Ist das nun das Meer? fragte Bob.
– Nein, kaum ein Stückchen davon, erwiderte Findling.
– Da ist es also wohl noch größer?
– Gewiß. Man kann kein Ende desselben sehen.«
Da das Fährboot aber nur bis Queenstown ging, kam Bob das, wonach er sich so sehr sehnte, jetzt nicht vor Augen.
Schiffe jeder Größe gab es hier zu Hunderten, solche der langen Fahrt ebenso wie Küstenfahrzeuge. Das erklärte sich damit, daß Queenstown nicht nur ein Ankerplatz, sondern auch ein Provianthafen ist. Die großen transatlantischen Dampfer der englischen oder amerikanischen Linien, die von den Vereinigten Staaten kommen, liefern hier die Postbeutel für England ab, die dadurch einen halben Tag früher eintreffen. Dann steuern die Dampfer weiter nach London, Liverpool, Cardiff, Newcastle, Glasgow, Milford und nach andern Häfen des Vereinigten Königreichs, kurz, es herrscht hier ein Schiffsverkehr, der sich auf zwölfhunderttausend Tonnen beläuft.
Bob verlangte nach Schiffen.... Niemals jedoch hätte er geahnt, daß es deren so viele gebe – Findling übrigens auch nicht – die einen verankert oder von Tauen gehalten, die andern ein- oder ausfahrend, die einen von überseeischen Ländern herkommend, die andern nach weit entfernten Ländern aussegelnd, diehier in vollem Schmuck ihrer sich vor der Brise aufblähenden Segel, und die dort wieder, das Wasser der Bai von Cork mit ihren mächtigen Schrauben aufwirbelnd.
Und während Bob mit fast verdutzten Augen das rege Leben auf der Bai betrachtete, grübelte Findling über die Handelsthätigkeit, die sich vor seinen Blicken entrollte, über die reichen Ladungen im Raume jener Schiffe, die Baumwollen- und Wollenballen, die Weintonnen, die Gefäße mit Alkohol, über die Säcke mit Zucker, die Kisten mit Kaffee, und er sagte sich, daß alles das gekauft und verkauft werde... daß das ein richtiges Abbild der Handelsthätigkeit darstelle.
Auf dem Quai von Queenstown zu lange zu verweilen, hier, wo so vieles Elend neben so großen Reichthümern sichtbar ist, hätte ihnen auch nichts nützen können. Mit Schrecken sahen sie da und dort große Haufen von »Mudlarks«, kleinen, armen Kindern und alten elenden Frauen, die den von der Ebbe freigelegten Schlamm durchwateten, und an den Straßenecken andre Unglückliche, die sich mit den Hunden um einige Abfälle stritten.
So bestiegen beide wieder das Fährboot und kehrten nach Cork zurück. Die Spazierfahrt war unterhaltend und belehrend gewesen, hatte aber viel gekostet. Vom nächsten Tage ab galt es nur daran zu denken, etwas mehr zu verdienen als auszugeben, wenn die kostbaren Guineen nicht zusammenschmelzen sollten, wie ein Stück Eis in der warmen Hand.
Wir wollen nicht auf alle Einzelheiten des Leben Findlings und seines Freundes Bob während der sechs Monate nach seinem Eintreffen in Cork eingehen. Der lange und rauhe Winter wäre für anHunger und Kälte weniger gewöhnte Kinder gewiß verderblich gewesen. Jetzt machte die Noth aus diesem Knaben von elf Jahren schon einen Mann. Einstmals, bei der Hard, lebte er von nichts, und wenn er heute von wenig lebte, so lebte er doch, und Bob noch mit ihm. Mehr als einmal hatten sie freilich des Abends nur ein Ei zu theilen, das sie mit einem Stück Brod verzehrten, dennoch sprachen sie nie um ein Almosen an. Bob hatte eingesehen, daß das Betteln eine Schande war. Beide besorgten sie kleine Aufträge, holten Wagen von den Halteplätzen und trugen, manchmal ziemlich schweres, Reisegepäck, das die Fremden ihnen beim Verlassen des Bahnhofs übergaben.
Findling verstand von dem Reste seines Lohnes von Trelingar-castle möglichst viel zu erhalten. Nur in den ersten Tagen des Aufenthaltes in Cork hatte er einen Theil davon opfern müssen. Bob brauchte ja Kleider und Schuhe und freute sich unbändig, als er einen ganz neuen Anzug für dreizehn Schillinge auf dem Leibe hatte. Er konnte ja aber auch nicht in Lumpen und barfuß nebenher gehen, wenn sein großer Bruder anständig gekleidet erschien. Nach dieser einmaligen Ausgabe galt es aber, von dem zu leben, was tagsüber verdient wurde. Zuweilen, wenn ihnen der Magen ein wenig knurrte, beneideten sie wohl Birk, der sein Futter auf der Straße fand.
»Ich möchte fast auch ein Hund sein! meinte Bob.
– Nun, verwöhnt bist Du offenbar nicht!« antwortete Findling.
Mit dem Miethzins im Gasthaus blieben sie nie im Rückstand. Der Eigenthümer, der sich für die beiden Kinder interessierte, bedachte sie von Zeit zu Zeit einmalmit einer guten warmen Suppe, und die konnten sie ja wohl ohne Erröthen annehmen.
Wenn Findling darauf hielt, die beiden Pfund, die ihm nach den ersten Einkäufen noch verblieben, zu bewahren, so geschah das, weil er auf die Gelegenheit wartete, dieses Capital »ins Geschäft zu stecken«, wie er sagte. Bob riß die Augen weit auf, als er ihn so sprechen hörte, und Findling erklärte ihm dann, das bestehe darin, irgendwo Dinge einzukaufen und sie um höheren Preis wieder zu verkaufen.
»Dinge, die man essen kann? fragte Bob.
– Die man essen kann oder nicht, das hängt vom Zufall ab.
– Ich würde lieber Sachen kaufen, die eßbar sind.
– Warum denn, Bob?
– Nun, wenn man sie einmal nicht verkauft, kann man sie wenigstens selbst verzehren.
– Ei, Bob, Du hast ja schon rechtes Verständniß für den Handel! Es kommt indeß darauf an, gut auszuwählen, was man einkauft, dann wird man das wohl immer mit Nutzen wieder los.«
Hieran dachte unser Held unablässig, und er machte auch einige schüchterne Versuche, die nicht fehlschlugen. Wenn es mit Papier, Bleistiften und Streichhölzchen auch – wegen starker Concurrenz – nicht recht gehen wollte, so hatte er doch bessern Erfolg mit dem Verkauf von Zeitungen, mit denen er sich in der Nähe des Bahnhofs aufstellte. Bob und er sahen so interessant, und vorzüglich so grundehrlich aus, sie boten ihre Waare so geschickt und höflich an, daß nur selten Jemand sich enthalten konnte, ihnen die neuesten Journale, die Coursbücher der Eisenbahnen, oder Fahrpläne und kleine billige Reisebücher abzunehmen. Findling und Bobbesaßen jeder einen Kasten, in dem die Zeitungen und Bücher so lagen, daß man die Titel und auch etwaige Illustrationen gut sehen konnte, und auch an Kleingeld, um wiederzugeben, fehlte es niemals. Natürlich verließ Birk seinen Herrn auch hier nie; er mochte sich als Geschäftstheilhaber oder wenigstens als Gehilfe desselben betrachten. Zuweilen lief er mit einem Zeitungsblatt in den Zähnen auf Vorübergehende zu und bot es diesen mit bezeichnenden Sprüngen an. Bald sah man ihn gar mit einem Korbe auf dem Rücken, worin die Preßerzeugnisse schon geordnet lagen und den ein Wachstuchdach gegen gelegentlichen Regen schützte.
Das war ein Gedanke Findlings gewesen, und gewiß kein so übler. Die Käufer mußten ja angelockt werden, wenn sie Birk so ernsthaft, so durchdrungen von der Wichtigkeit seines Dienstes sahen. Da war's freilich mit tollen Sprüngen und mit Spielen mit Hunden aus der Nachbarschaft zu Ende. Wenn solche sich dem gescheuten Thiere näherten, da empfing er sie nur mit dumpfem Knurren, und der vierbeinige Colporteur zeigte den Vorwitzigen die Zähne. In der Umgebung des Bahnhofs sprach man schon überall von dem Hunde der kleinen Händler. Ja man handelte wohl unmittelbar mit ihm. Die Käufer entnahmen dem Korbe das gewünschte Zeitungsexemplar und steckten den Preis dafür in eine Sparbüchse, die an Birks Halse hing.
Ermuthigt durch diesen Erfolg, dachte Findling daran, »sein Geschäft« auszudehnen. Dem Handel mit Büchern und Journalen fügte er noch Streichhölzer, Tabak, billige Cigarren und ähnliches hinzu. In Folge davon trug Birk allmählich einen ganzen Kramladen auf den Schultern. An manchem Tage vereinnahmteer sogar mehr als seine Herrn, die deshalb nicht eifersüchtig wurden – im Gegentheil, Birk wurde vielmehr mit einem guten Futter und mit herzlicher Liebkosung belohnt. Die drei Genossen vertrugen sich vortrefflich, und es wäre ein Glück, wenn alle Familien so einig wären, wie hier der Hund und die beiden Kinder!
Findling hatte an Bob bald gute Anlagen und Wissensdrang bemerkt. Der siebenundeinhalbjährige Knabe, von vielleicht minder praktischem Geiste als sein größerer Bruder, war dafür lustiger und ließ seiner natürlichen Fröhlichkeit gern freien Lauf. Da er weder lesen, schreiben noch rechnen konnte, unterließ es Findling selbstverständlich nicht, ihn bald darin zu unterrichten. Er mußte doch wenigstens die Titel der Blätter angeben und lesen können, die man von ihm verlangte. Die Sache gefiel ihm und er machte schnell Fortschritte. Nach den großen Buchstaben der Titel erlernte er die kleinen im Texte der Blätter. Dann ging's ans Schreiben und Rechnen, was ihm etwas mehr Schwierigkeiten machte. Dennoch überwand er diese schnell. Schon sah er sich als Gehilfe einer Buchhandlung, der den Verkaufsladen Findlings besorgte, welcher in der schönsten Straße von Cork eine weit leuchtende Firma mit »Bookseller« darauf hatte. Er verstand jetzt schon einen guten Verdienst zu machen, und in seiner Tasche befanden sich mehrere wohlverdiente Pence, auch weigerte er sich nicht, ein kleines Almosen zu geben, wenn Kinder bettelnd die Hand ausstreckten. Er erinnerte sich ja zu gut der Zeit, wo er auf der Landstraße hinter den Wagen hergelaufen war.
Seiner angebornen Neigung entsprechend, hatte Findling natürlich jeden Tag Buch und Rechnung geführt, und so und so viel für die Wohnung, für Essenund Trinken, für Wäsche und für Heizung und Licht ausgeworfen. Jeden Morgen schrieb er in sein Notizbuch die zum Einkauf von Waaren bestimmte Summe ein und stellte eine Bilanz mit den Ausgaben und Einnahmen auf. Er verstand bereits recht vortheilhaft ebenso einzukaufen, wie zu verkaufen. In Folge dessen hatte er mit Ende des Jahres 1882 schon ein Dutzend Pfund in der Casse – wenn er eine Casse besessen hätte. Dafür hatte ein wohlwollender Händler, bei dem er gewöhnlich ziemlich viel entnahm, ihm seinen Geldschrank zur Verfügung gestellt, und in diesen wurde jede Woche der erzielte Ueberschuß eingelegt, für den er sogar schon einige Zinsen erhielt.
Angesichts dieser durch seine Sparsamkeit und Intelligenz erzielten Erfolge regte sich in dem Knaben bald der gewiß nicht unberechtigte Ehrgeiz, seine Geschäfte zu vergrößern. Das wäre ihm, auch wenn er dauernd in Cork blieb, mit der Zeit wohl gelungen. Er sagte sich jedoch, nicht ohne Grund, daß eine bedeutendere Stadt, z. B. Dublin, die Hauptstadt Irlands, dafür günstigere Aussicht bieten müsse. In Cork laufen ja die Schiffe nur vorübergehend an und der Waarenumsatz ist verhältnißmäßig beschränkt... während Dublin... Dublin lag nur gar so weit von hier!... Doch das war ja zu überwinden. Wenn auch die Möglichkeit vorlag, daß der Knabe dabei den Sperling aus der Hand für die Taube auf dem Dache hingab, wenn er seine Träume für verwirklicht ansah, so kann man es einem halben Kinde doch schwerlich verwehren, zu träumen.
Der Winter war nicht streng, weder in den letzten Monaten des Jahres 1882, noch in den ersten des nachfolgenden Jahres. Findling und Bob brauchten jetztja auch nicht mehr unter Leiden und Entbehrungen vom Morgen bis zum Abend auf den Straßen umherzulaufen. Immerhin ist es beschwerlich, mitten im scharfen Winde auf Plätzen und an Straßenecken längere Zeit auszuhalten. Sie waren das indeß von früher Jugend an gewöhnt, und wenn es ihnen auch zuweilen hart ankam, so wurden sie wenigstens nicht krank, obgleich sie sich in keiner Weise schonten. Bei jeder Witterung standen sie Tag für Tag mit dem Morgenrothe auf, kauften dann ihre Vorräthe ein, um diese schleunigst wieder abzusetzen, wozu sich auf dem Perron des Bahnhofs bei Ankunft und Abgang der Züge die beste Gelegenheit bot, und wanderten dann durch verschiedene Stadttheile, während Birk ihren Schaukasten ohne Murren auf dem Rücken trug. Nur des Sonntags, wenn im Vereinigten Königreich alle Städte, Flecken und Dörfer feiern, gönnten sie sich einige Ruhe, besserten die Kleidung aus, räumten zu Hause auf und stellten ihre Dachkammer so sauber wie möglich her, wonach der eine seine Buchführung in Ordnung brachte und der andre sich im Lesen, Schreiben und Rechnen übte. Am Nachmittage gingen sie dann in Begleitung Birks bis hinunter nach Queenstown – zwei wackre kleine Bürger, die nach einer Woche fleißiger Arbeit zur Erholung lustwandelten.
Eines Tages gestatteten sie sich, in einem Boote um die Bai zu fahren, und hier erblickte Bob zum ersten Male das grenzenlose Meer.
»Und weiter draußen, fragte er, wenn man auf dem Wasser immer, immer weiter fährt, was findet man denn da?
– Ein großes Land, Bob.
– Größer als unsres?...
– Tausendmal so groß, Bob, und die großen Schiffe, die Du siehst, brauchen zur Reise dahin wenigstens acht volle Tage!
– Giebt's denn in jenem Lande auch Zeitungen?
– Zeitungen, Bob?... O, zu hunderten... Zeitungen, die das Stück sogar mit sechs Pence verkauft werden.
– Das weißt Du bestimmt?
– Ganz bestimmt... ich weiß auch, daß man Monate brauchen würde, um sie alle durchzulesen!«
Bob betrachtete mit Bewunderung den erstaunlichen Findling, der im Stande war, so etwas zu versichern. Bezüglich der gewaltigen Schiffe, der mächtigen Dampfer, die gewöhnlich in Queenstown vor Anker gingen, fühlte er das lebhafteste Verlangen, einmal deren Deck zu betrachten und auf den Masten herumzuklettern, während Findling es sicherlich vorgezogen hätte, den Laderaum und die Fracht in Augenschein zu nehmen.
Bisher hatten aber beide nicht gewagt, an Bord eines solchen zu gehen ohne Erlaubniß des Kapitäns – einer Persönlichkeit, von der sie sich die übertriebensten Vorstellungen machten. Ihn zu fragen, dazu fehlte ihnen der Muth. Der Kapitän ist auf dem Schiffe ja »der Nächste nach Gott«, wie es Findling gehört und es Bob wieder gesagt hatte.
So blieb der Wunsch der beiden Knaben noch immer unbefriedigt. Hoffentlich sollte er noch einmal in Erfüllung gehen, gleich den andern Wünschen, die in ihnen erwachten.
So vollendete sich das Jahr 1882, das in den Activen und Passiven Findlings mit so vielen glücklichen und unglücklichen Conten, mit der Vertreibung und dem Verschwinden der Familie Mac Carthy, von der er nie wieder etwas gehört hatte, mit den drei auf Trelingar-castle zugebrachten Monaten, seinem Zusammentreffen mit Bob, der Niederlassung in Cork und mit dem Gedeihen seines kleinen Handels, verzeichnet stand.
Während der ersten Monate des neuen Jahres erlahmte der Verkehr zwar noch nicht, er schien aber seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Da Findling einsah, daß er unter solchen Umständen nicht weiter vorwärts kommen könne, trug er sich stets mit dem Gedanken, nun eine einträglichere Operation – nicht in Cork, sondern in einer bedeutenderen Stadt Irlands zu wagen. Immer lag ihm dafür Dublin im Sinn, und er hoffte, es werde sich schon eine Gelegenheit bieten, sein Vorhaben auszuführen.
Januar, Februar und März verstrichen. Die beiden Knaben sparten, wo sie konnten, jeden Penny. Ihr kleines Vermögen nahm einmal auch plötzlich mehr zu, als ihnen ein besonders »Geschäft« mit recht gutem Nutzen zufiel. Es handelte sich dabei um eine politische Flugschrift bezüglich der Wahl Parnell's, zu deren Vertrieb in den Straßen von Cork und von Queenstown Findling das ausschließliche Recht erhielt. Wer die Broschüre kaufen wollte, mußte sich also an ihn,allein an ihn wenden, und Birk trug einen hübschen Posten davon auf dem Rücken. Die Sache hatte überraschenden Erfolg, und beim Abschluß der Rechnung zu Anfang des April befanden sich in der Cassa dreißig Pfund, achtzehn Schillinge und sechs Pence. So reich waren die Knaben noch niemals gewesen.
Jetzt entstanden lange Verhandlungen über die Frage der Ermiethung eines kleinen Ladens in der Nähe des Bahnhofs. Es wäre ja so hübsch gewesen, ein eignes Heim zu haben. Gerade Bob, dem schon nichts mehr unerreichbar schien, drängte mehr und mehr dazu. Da wäre nun ein Zeitungs- und Bücherladen entstanden mit einem Chef von elf und einem Gehilfen von acht Jahren – Ladeninhabern, die nun schon hätten Steuern entrichten müssen. Voraussichtlich hätten die Kinder, die bereits das öffentliche Interesse erregt hatten, auch gute Geschäfte gemacht. Findling dachte jedoch auch noch an das und jenes andre und erwog es nach allen Richtungen. Vor allem beschäftigte ihn der Gedanke der Uebersiedlung nach Dublin, wohin es ihn wie eine Ahnung zog. Dennoch zögerte er und fügte sich Bobs Einwürfen, als sich etwas ereignete, was für seine Zukunft sofort entscheidend werden sollte.
Es war am Sonntag den 8. April. Findling und Bob hatten sich vorgenommen, den Tag in Queenstown zuzubringen. Vorzüglich bestimmte sie dazu das Verlangen, einmal in einer wirklichen Matrosenschänke zu frühstücken und zu speisen.
»Da giebts wohl Fische? fragte Bob.
– Ja, antwortete Findling, sogar Hummern, und wenn nicht diese, dann wenigstens Krabben, wenn Du diese magst....
– Ich?... Natürlich!«
Die Knaben legten die besten, sorgsam gereinigten Kleider an, zogen blank gewichste Stiefeln an die Füße und brachen frühzeitig mit dem glattgebürsteten Birk zu ihrem Ausfluge auf.
Heut' war prächtiges Wetter, glänzend strahlte die Frühlingssonne herab und über dem Wasser wehte eine leichte, laue Brise. Die Fahrt auf der Lee in einem Fährboot machte ihnen schon das größte Vergnügen. Hier befanden sich nämlich Musiker an Bord, Straßenvirtuosen, deren Vorträge Bob geradezu entzückten. Der Tag begann also in angenehmster Weise, und es war nur zu wünschen, daß er ebenso endigte.
Kaum auf dem Quai von Queenstown angelangt, entdeckte Findling eine Schänke mit der Firma zum »Old Seaman«, die ihm ganz passend erschien, um darin einzukehren.
Vor der Thür stand ein Kübel, in dem ein halb Dutzend Krustenthiere ihre Beine und Scheeren durcheinander bewegten, bis sie in den Kochtopf wanderten, wenn ein Gast den dafür verlangten Preis anlegen wollte. Von einem Tische neben dem Fenster aus konnte man die an den Pfählen im Wasser befestigten Schiffe übersehen.
Findling und Bob wollten eben in die vielversprechende Schänke eintreten, als ihre Aufmerksamkeit durch ein großes Dampfschiff abgelenkt wurde, das am Abend vorher in Queenstown angelaufen war und noch seine Sonntagstoilette machte.
Es war der »Vulcan«, ein Dampfer, von acht- bis neunhundert Tonnen, der von Amerika kam und am nächsten Tage nach Dublin weiter gehen sollte. Das hatte wenigstens ein Matrose in gelber Wachstuchjacke Findling auf dessen Fragen mitgetheilt.
Beide betrachteten noch das eine halbe Kabellänge vom Quai vertäute Fahrzeug, als sich ein großer Bursch mit geschwärztem Gesicht und noch schwärzeren Händen Findling näherte, ihn ansah und den Mund weit aufsperrend rief:
»Du... Du!... Bist Du es wirklich?«
Findling wurde ganz bestürzt, und Bob war es nicht minder. Der junge, fremde Mann duzte ihn? Und noch dazu ein Neger?... Kein Zweifel, hier mußte ein Irrthum vorliegen.
Der vermeintliche Neger ließ sich durch die Zurückhaltung des Knaben jedoch nicht abschrecken.
»Ich bin's ja!... Kennst Du mich denn nicht?... Ich bin's... DieRagged-School... Grip!...
– Grip!« wiederholte Findling ganz außer sich.
In der That war das Grip, und nun fielen sich beide in die Arme und küßten sich mit solcher Innigkeit, daß Findling selbst dabei so schwarz wie ein Kohlenträger wurde.
Das war eine Freude des Wiedersehns! Der alte Aufseher der Lumpenschule war jetzt ein großer, kräftiger junger Mann von zwanzig Jahren, der durch nichts mehr an die Leidenszeit in Galway erinnerte, oder höchstens nur dadurch, daß sein Gesicht noch den gleichen gutmüthigen Ausdruck zeigte.
»Grip... Grip... Du bist es... Du! rief Findling immer und immer wieder.
– Ja, ich bin's... und ich hatte Dich auch niemals vergessen, mein Junge!
– Und Du bist jetzt Matrose?...
– Nein, Heizer an Bord des »Vulcan«!«
Die Eigenschaft als Heizer machte auf Bob, der dabei ans Kochen dachte, einen sehr tiefen Eindruck.
»Was machen Sie denn da am Feuer? fragte er. Wohl Suppe?...
– Nein, Kleiner, erwiderte Grip lachend, ich koche gar nichts, ich heize nur den Dampfkessel, der unsre Maschine in Bewegung setzt und die dann das Schiff vorwärts treibt.«
Findling stellte seinem alten Beschützer aus derRagged-Schoolnun seinen Bob vor.
»Eine Art Bruder, sagte er, den ich auf der Landstraße gefunden habe... und der Dich gut genug kennt, denn ich habe ihm unsre Geschichte oft erzählt. Ach, mein guter Grip, wie viel mußt Du mir erst zu erzählen haben, wo wir nun seit sechs langen Jahren getrennt gewesen sind!
– Und Du doch wohl auch? entgegnete der Heizer.
– Nun, komm, komm, frühstücke mit uns... dort in jener Schänke, in die wir eben gehen wollten....
– O nein, erwiderte Grip, im Gegentheil, Ihr werdet mit mir frühstücken. Zunächst kommt jedoch einmal mit an Bord....
– An Bord des »Vulcan«?...
– Natürlich.«
Wie, beide sollten auf das Schiff gehen? – Findling und Bob wagten kaum, Grip zu glauben. Das war ja für sie dasselbe, als hätte man ihnen vorgeschlagen, ins Paradies einzutreten.
»Ja, aber unser Hund?...
– Welcher Hund?...
– Birk.
– Das Thier, das hier um mich herumstolziert?...Ist das Euer Hund?
– Unser Freund, Grip... ein Freund, fast in der Art wie Du!«
Wer weiß, ob Grip sich durch diesen Vergleich besonders geschmeichelt fühlte, jedenfalls streichelte er das Thier, das so warm gelobt worden war.
»Doch der Kapitän?... warf Bob noch ein, dem dieser Gedanke eine starke Zurückhaltung auferlegte.
– Der Kapitän ist am Lande, und der Oberbootsmann wird Euch wie große Herren empfangen!«
Daran zweifelte Bob, wenn er in Gesellschaft Grips kam, weit weniger. Ein erster Heizer... das hat doch etwas zu bedeuten!
»Uebrigens, fuhr Grip fort, muß ich noch ein bischen Toilette machen und mich vom Kopf bis zu den Füßen waschen, da mein Dienst zu Ende ist.
– Du hast also den ganzen Tag frei, Grip?
– Den ganzen Tag.
– Das war doch ein herrlicher Gedanke, Bob, heute nach Queenstown zu fahren!
– Ja, ich glaub's Dir, sagte Bob.
– Und Du, nahm Grip lachend wieder das Wort, Du mußt Dich auch etwas abseifen, ich habe Dich ja ganz schwarz gemacht, Findling. Du heißt doch noch immer so?
– Jawohl, Grip.
– Das ist mir lieb.
– Grip... ich möchte Dich noch einmal umarmen!
– Geniere Dich nicht, mein Junge, wir stecken nachher doch die Nase in den Kübel!
– Nun, und ich? ließ sich Bob vernehmen.
– Du auch!«
Der junge Mann küßte auch den Kleinen, der davon ebenso negerähnlich wie Grip selbst wurde.
Was schadete das? Sie konnten sich ja an Bord des »Vulcan« und in der kleinen Cabine, worin der Heizer schlief, Gesicht und Hände wieder reinigen. – An Bord und in einer Cabine!... Bob konnte noch gar nicht daran glauben!
Einen Augenblick danach bestiegen alle drei – Birk nicht zu vergessen – das kleine Boot des Dampfers, das Grip mittelst Riemens vorwärts trieb – zur größten Freude Bobs, sich so herrlich geschaukelt zu sehen – und binnen zwei Minuten legten sie am »Vulcan« an.
Der Hochbootsmann machte Grip ein einladendes Zeichen mit der Hand und der Heizer ließ seine Gäste durch die Luke des Feuerraums hinabsteigen, während Birk auf dem Verdeck umhertrottete.
Hier wurde ein Faß neben dem Lager Grips mit warmem Wasser gefüllt, so daß sie ihre natürliche Farbe wieder erlangen konnten. Während er sich dann umkleidete, erzählte Grip seine Geschichte.
Beim Brande derRagged-Schoolziemlich ernstlich verwundet, hatte er gegen sechs Wochen im Krankenhause gelegen, das er zum Glück wieder völlig hergestellt verließ, nur daß es ihm an allen Mitteln zum Unterhalt gebrach. Die Stadt ging eben daran, die Lumpenschule wieder herzustellen, denn man konnte deren Insassen doch nicht auf der Straße liegen lassen. In Erinnerung an die in jenem abscheulichen Obdach zugebrachten Jahre, empfand Grip aber nicht das geringste Verlangen, dahin zurückzukehren. Auch ferner mit O'Bodkins und der alten Kriß zu leben, so boshafte Schlingel wie Carker und dessen Kameraden zuüberwachen, das erschien ihm keineswegs verlockend. Nun war ja auch Findling nicht mehr dort. Grip wußte zwar, daß diesen eine schöne Dame mitgenommen habe, doch wohin... das konnte er nicht erfahren; und als er das Krankenhaus verlassen hatte, da blieben seine Erkundigungen danach leider ohne jeden Erfolg.
Grip verließ also Galway und durchstreifte auf gut Glück das Land. Zur Erntezeit fand er zuweilen auf einer Farm Beschäftigung, doch keine feste Anstellung, was ihn natürlich beunruhigte. So wanderte er von Ort zu Ort, manchmal bittre Noth leidend, im ganzen aber doch glücklicher als früher in der Lumpenschule.
Ein Jahr später war Grip nach Dublin gekommen, er wollte auf die See gehen. Der Beruf als Seemann schien ihm sichrer als irgend ein andrer. Mit achtzehn Jahren ist es aber zu spät, Schiffsjunge, ja sogar Leichtmatrose zu werden. Da er sich also nicht als Matrose einschiffen konnte, schon weil ihm die dazu nöthigen Kenntnisse fehlten, so begnügte er sich, als Kohlenschaufler einzutreten, und als solcher war er an Bord des »Vulcan« aufgenommen worden. Da unten in der Tiefe in einer von schwarzem Rauch geschwängerten Luft zu verweilen und noch dazu bei erstickender Hitze, das erscheint zwar nicht als das Ideal des Wohllebens hienieden. Grip war jedoch entschlossen und arbeitsam. Sauber und eifrig von Natur, gewöhnte er sich schnell an die Disciplin an Bord. Niemals zog er sich einen Vorwurf zu. So erwarb er sich die Achtung des Kapitäns und der Officiere, die sich für den armen Teufel ohne Familie interessierten.
Der »Vulcan« fuhr zwischen Dublin und New-York oder andern Häfen der Ostküste von Amerika.In zwei Jahren war Grip vielmals über den Ocean gekommen, immer damit betraut, die Bunker richtig zu füllen und das Heizmaterial vor die Feueröffnung zu schaffen. Da erwachte in ihm der Ehrgeiz. Er hielt darum an, unter dem Befehl des Maschinisten als Heizer verwendet zu werden. Man stellte ihn probeweise als solchen an und er befriedigte bald seine Vorgesetzten. So wurde er nach einiger Zeit erster Heizer, und als solchen fand Findling seinen alten Genossen von der Lumpenschule auf dem Quai von Queenstown wieder.
Der brave junge Mann, der keine Ausschreitungen liebte und dem unsinniges Zechen zuwider war, während das bei Matrosen der Handelsmarine, wenn die Leute ans Land kommen, so oft zu finden ist, hatte seinen Lohn stets zum größten Theil zurückgelegt. Er besaß also ein kleines Vermögen, das er mit Vergnügen wachsen sah – einige sechzig Pfund, an deren Verwendung er noch niemals gedacht hatte. Von seinem Gelde Interessen zu beziehen, das konnte ihm ja gar nicht in den Sinn kommen; war es ja schon wunderbar genug, daß Grip überhaupt vorräthige Geldmittel sein eigen nannte.
Das war die Geschichte, die Grip lustig erzählte und nach der auch Findling die seinige zum Besten gab. Diese war freilich bewegter, und Grip wollte kaum seinen Ohren trauen, als er von dem künstlerischen Erfolge der Miß Anna Walston hörte, von der glücklichen, schönen Zeit in der Farm von Kerwan, von dem Unglück, das die ehrenwerthe Familie betroffen hatte. Es schmerzte ihn mit, daß Findling von seinen Pflegeeltern gar nichts weiter hatte in Erfahrung bringen können, er staunte aufrichtig über den Reichthum unddie Pracht von Trelingar-castle und empörte sich über die Hochmüthigkeit des Grafen Ashton, die Findling veranlaßt hatte, seiner Existenz daselbst ein Ende zu machen.
Auch Bob mußte einiges aus seiner Lebensgeschichte erzählen. Sie war freilich mehr als einfach, denn in der That hatte er gar keine. Sein Leben begann ja eigentlich erst mit dem Tage, wo ihn Findling auf der Straße gefunden oder vielmehr aus der Dripsey wieder aufgefischt hatte, als er sich den Tod geben wollte.
Birks Geschichte fiel natürlich mit der seines Herrn zusammen und brauchte nicht weiter geschildert zu werden.
»Na, nun ist es an der Zeit, frühstücken zu gehen, sagte der erste Heizer des »Vulcan«.
– Doch nicht, bevor wir uns das Schiff angesehen haben? erwiderte Findling lebhaft.
– Und bevor wir einmal auf die Masten geklettert sind? setzte Bob hinzu.
– Wie es Euch beliebt, meine Boys!« erwiderte Grip.
Nun ging's durch die Luken im Verdeck hinunter in den Schiffsraum, was für unsern Handelsmann das allergrößte Vergnügen war. Hier lagen Baumwollenballen, Zuckerfässer, Säcke mit Kaffee, und Kisten, die allerlei überseeische Naturerzeugnisse enthielten, deren Duft Findling begierig einsog. Diese Schätze waren nun also aus weiter Ferne für Rechnung der Rheder des »Vulcan« eingekauft, um auf den Märkten des Vereinigten Königreichs wieder veräußert zu werden. O, wenn Findling jemals in die Lage kam....
Grip unterbrach den schönen Traum mit der Einladung, wieder nach dem Deck hinaufzugehen, um dieim Hintertheil des Schiffes gelegenen Cabinen des Kapitäns und der Officiere zu besuchen, während Bob außen auf den Wanten umherkletterte und wirklich bis auf die Stenge des Fockmastes gelangte. Im ganzen Leben war er noch nicht so entzückt, aber auch so gewandt im Klettern gewesen. Vielleicht steckte das Zeug zu einem Schiffsjungen in dem Knaben.
Gegen elf Uhr saßen Grip, Findling und Bob vor einem Tische in der Schänke zum »Old Seaman«, Birk natürlich dahinter, der mit der Schnauze bis zur Höhe des Tischtuchs reichte, und es ist wohl kein Wunder, daß jetzt alle tüchtigen Appetit verspürten.
Dafür gab es auch eine vortreffliche Mahlzeit, deren Kosten Grip auf sich nahm. Nämlich Eier mit brauner Butter, kalten Schinken mit gelblichem zitternden Gelée darüber, ferner Chesterkäse und zu dem allen vorzüglich schäumendes Ale! Außerdem wurde Hummer aufgetischt, nicht die gewöhnlichen Krabben des Armen, nein, wirklicher Hummer mit weißrothem Fleisch in der hochrothen Schale, der Hummer der reichen Leute, ein Leckerbissen, den Bob als das weitaus beste bezeichnete, womit man sich den »Magen füllen« könnte.
Natürlich wurde auch während des Essens geplaudert. Wenn es in feinem Kreise nicht vorkommt, mit vollem Munde zu sprechen, so hatte unsre kleine Gesellschaft doch die Entschuldigung, daß sie keine Zeit verlieren durfte.
Dabei tauschten nun Grip und Findling alte Erinnerungen aus von der Zeit her, wo sie in der erbärmlichenRagged-Schoolgelebt hatten... sie erwähnten den Vorfall mit der armen Möve, die als Geschenk erhaltene wollene Jacke... die schlechten Streiche Carker's u. s. w.
»Was ist denn aus dem Thunichtgut geworden? fragte Grip.
– Ich weiß es nicht und habe mich nicht darum gekümmert, antwortete Findling. Das schlimmste für mich wär's jedenfalls gewesen, wenn ich wieder mit ihm zusammengetroffen wäre.
– Beruhige Dich, Du wirst ihm nicht wieder begegnen, versicherte Grip; da Du aber Zeitungen verkaufst, mein Boy, so rathe ich Dir, sie auch zuweilen zu lesen.
– Das thu ich wohl auch.
– Dann wirst Du sehr bald erfahren, daß jener Bösewicht Carker kürzlich an einem Hanffieber gestorben ist.
– Gehenkt?... Ach, Grip...
– Jawohl, gehenkt! Es war ja nicht anders zu erwarten!«
Hierauf kamen die Einzelheiten von der Feuersbrunst zur Sprache. Grip war es ja, der den Knaben mit eigner Lebensgefahr gerettet hatte, und jetzt hatte dieser zum ersten Male Gelegenheit, ihm zu danken.
»Ich habe, seit wir getrennt waren, immer und immer an Dich gedacht! sagte er.
– Das freut mich herzlich, mein Boy!
– Nur ich, ich habe nicht an Grip gedacht, rief Bob mit dem Ausdrucke lebhaften Bedauerns.
– Weil Du mich nur dem Namen nach gekannt hast, Bob, antwortete Grip. Jetzt kennst Du mich...
– Und ich werde auch immer von Dir sprechen, wenn wir beide mit einander plaudern, wir beide, Birk!«
Birk antwortete zustimmend mit Bellen, was ihm ein mit Speck belegtes Stück Brod einbrachte, das er auf einmal verschlang. Trotz der Versicherung Bobsschien er dem Hummer dagegen keinen Geschmack abgewinnen zu können.
Grip wurde nun über seine Reisen nach Amerika gefragt. Er erzählte von den großen Städten Amerikas, von ihrer Industrie, ihrem Handel, und Findling hörte so aufmerksam zu, daß er darüber sogar das Essen ganz vergaß.
»Uebrigens, bemerkte Grip, giebt es auch sehr große Städte in England, und wenn Du jemals nach London, Liverpool oder Glasgow kommst...
– Ja, Grip, das weiß ich. Ich hab' es in den Journalen gelesen, große Handelsstädte, sie liegen nur gar so weit von hier....
– O nein, nicht so weit....
– Für Seeleute, die dahin fahren, ja, doch für alle andern...
– Nun, aber zum Beispiel Dublin? rief Grip. Das ist nur dreihundert Meilen von hier entfernt. Ein Bahnzug erreicht es in einem Tage, ohne daß man über See zu gehen braucht....
– Ach ja, Dublin!« murmelte Findling.
Das entsprach so genau seinem lebhaften Wunsche, daß er nachdenklich wurde.
»Sieh, fuhr Grip fort, das ist eine sehr schöne Stadt mit sehr lebhaftem Geschäftsverkehr. Dort legen die Schiffe nicht nur vorübergehend an, wie hier in Cork. Dort nehmen sie Fracht ein und kehren mit solcher dahin zurück....«
Findling lauschte voller Spannung... seine Gedanken trugen ihn mit sich fort.
»Du solltest Dich in Dublin versuchen, sagte Grip. Ich bin überzeugt, da würden sich die Verhältnisse fürDich besser gestalten als hier; und wenn Du etwa Geld brauchst...
– Wir haben etwas erübrigt, Bob und ich, unterbrach ihn Findling.
– Das will ich meinen, fiel Bob ein, der einen Schilling sechs Pence aus der Tasche zog.
– Ich auch, erklärte Grip, und ich weiß nicht, was ich damit beginnen soll.
– Warum legst Du das Geld nicht an... irgendwo... in einer Bank?
– Dazu hab' ich kein Vertrauen....
– Ja, dann verlierst Du aber die Zinsen, die es Dir einbringen würde, Grip....
– Das ist besser, als alles zu verlieren, was man besitzt. Wenn ich keins zu andern Leuten habe, zu Dir würde ich es haben, mein Boy, und wenn Du nach Dublin kämst, nach dem Heimathafen des »Vulcan«, da würden wir uns auch oft sehen können. Ich wiederhole Dir, wenn Du, um einen Handel anzufangen, etwas Geld brauchst, so wär' ich gern erbötig, es Dir zu geben....«
Der wackre Bursche war schon daran, das zu thun. Er fühlte sich ja überglücklich, seinen Findling wieder getroffen zu haben, und ihm schien es, als wären sie durch Bande verknüpft, die kein Zufall lösen könnte.